Wenn man es am wenigsten erwartet, treffen Menschen zusammen, die einander von der ersten Sekunde an verfallen. Verlangen, Leidenschaft und Lust beherrschen ihre Gedanken und ihre Körper. Begleiten Sie in Atemlose Begegnungen … … Lisa auf eine Kreuzfahrt, auf der nicht Wind und Wellen für Turbulenzen sorgen, sondern die Begegnung mit einem außergewöhnlichen Passagier, der Lisas Herz und Körper auf erregende Weise zum Schmelzen bringt. … Elena nach Sardinien, wo ihre Haut nicht nur von der Sonne brennt, sondern vor allem von den sinnlichen Berührungen des attraktiven Alessandro. … Tatjana in die geheimnisvolle Welt des venezianischen Karnevals, bei dem sie Luca begegnet, der sie nicht nur mit seinen wundervollen Masken in seinen Bann zieht, sondern Tatjana auch Hals über Kopf in ein erotisches Abenteuer stürzen lässt. Die Print-Ausgabe ist unter dem Titel "Lustvolle Begegnungen" erhältlich.

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ePub: 978-9963-53-319-0
Kindle: 978-9963-53-320-6

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Sita Torasi

Sita Torasi ist das Pseudonym einer Autorin, die sich unter realem Namen mit wundervollen Liebesromanen und Kurzgeschichten in die Herzen ihrer Leser geschrieben hat. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Norddeutschland.

Autorenseite

Leseprobe

Kapitel 1

»Hey Lisa.«
   Eine männliche Stimme riss Lisa aus ihren Gedanken, als sie auf Deck drei aus
   dem Fahrstuhl trat und in ihrer Tasche nach dem Kabinenschlüssel suchte. Sie schaute auf und sah sich Benny gegenüber, dem gut aussehenden blonden Charmeur, der in jeder freien Minute mit einem der weiblichen Besatzungsmitglieder flirtete.
   »Alles okay? Du siehst etwas erhitzt aus.« Er grinste frech. »Oder hattest du grad ein außergewöhnliches Erlebnis?«
   Lisa warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Das geht dich gar nichts an. Manchmal wäre es besser, wenn du einfach deine Klappe halten würdest.« Sie drückte sich an ihm vorbei und eilte den Gang entlang. Hoffentlich folgte er ihr nicht. Sie hatte erstens keinen Bock, sich weiter mit ihm zu unterhalten, beziehungsweise sich seine süffisanten Bemerkungen anzuhören, zweitens musste sie sich sputen, um rechtzeitig im Wellnessbereich aufzutauchen.
   »Nun sei nicht so kratzbürstig. Was hab ich dir denn getan?«
   »Du nervst und hältst mich außerdem auf. Ich hab keine Zeit. Mein Dienst fängt gleich an. Also tschüss.«
   »Siehst übrigens süß aus in deinem Dienstoutfit. Könntest mich auch mal massieren. Allerdings würde ich dann die weniger bekleidete Variante vorziehen.« Benny lachte.
   Lisa biss sich auf die Unterlippe. Sie würde ihm gern noch ein paar Takte sagen für diese Frechheit, aber ihr blieb echt keine Zeit mehr. Daher entschloss sie sich, gar nicht zu reagieren. Gut, dass sie ihren Schlüssel bereits in der Hand hielt. Sie schloss ihre Kabinentür auf.
   Da stand Benny plötzlich dicht hinter ihr. Sein heißer Atem streifte ihren Nacken. »Komm schon, ein Viertelstündchen hast du doch bestimmt noch für mich übrig.«
   »Lass mich in Ruhe. Ich bin nicht an dir interessiert«, zischte Lisa.
   Sie spürte seine Hand, die über ihren Rücken strich. Reflexartig schoss ihr angewinkelter Arm nach hinten. Sie traf diesen Mistkerl mit ihrem Ellenbogen. Wohin, war ihr ganz egal.
   Er schnaufte, fluchte. »Bist du bescheuert?«
   Glücklicherweise konnte sie in ihre Kabine flüchten, bevor er reagierte. Sie schlug die Tür hinter sich zu und lehnte sich aufatmend dagegen. Ein paar Mal atmete sie tief in ihren Bauch, um ihren Puls und ihren Herzschlag zu beruhigen. Das konnte ja noch heiter werden mit dem Kerl. Als Steffi sie miteinander bekannt gemacht hatte, hatte Lisa ihn eigentlich ganz nett gefunden. Steffis Hinweis auf Bennys Hobby, jeden Rock anzubaggern, hatte sie nicht wirklich ernst genommen. Nun hatte sie es am eigenen Leib erlebt. Sie würde sich vor ihm in Acht nehmen müssen. Ausgerechnet jetzt, wo sie für mindestens eine Woche allein in der Kabine war. Dumm, dass Steffi ins Krankenhaus gekommen war. Wie es ihr wohl ging? Ob sie operiert worden war?
   Ein Ruck ging durch Lisas Körper. Ihr blieb keine Zeit, sie musste sich in aller Eile frisch machen und umziehen. Sie riss sich in Windeseile ihre Kleidung vom Leib und ließ sie auf den Boden fallen. Wegräumen würde sie sie später. Es war ja niemand hier, den das stören könnte. In der winzigen Nasszelle wusch und schminkte sie sich mit wenigen Handgriffen. Sie schlüpfte in ihre mintfarbene Arbeitskleidung, die aus einer langen Hose und einem kurzärmeligen Wickeloberteil bestand, das seitlich gebunden wurde. Den rosafarbenen Lipgloss, den sie überall mit hinnahm, schob sie in die Tasche des Oberteils. Fertig. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Nur noch fünf Minuten, das war knapp. Immerhin befand sich die Wellnessabteilung auf dem dreizehnten Deck. Vorsichtig öffnete sie die Tür einen Spalt weit. Kein Benny zu sehen. Sie schaute rechts und links den Gang entlang. Gähnende Leere. Zum Glück. Sie huschte hinaus, schloss ihre Kabine ab und schob den Schlüssel in die Tasche. Hoffentlich musste sie nicht so lange auf den Lift warten wie vorhin. Und hoffentlich fuhr er ohne Unterbrechung durch nach oben. Auf die Sekunde pünktlich öffnete sich die Aufzugtür auf Deck dreizehn. Die Eingangstür des Wellnesscenters lag aus strategischen Gründen dem Fahrstuhl genau gegenüber. Das kam ihr nun sehr gelegen.
   »Da bist du ja endlich«, begrüßte ihre Kollegin Dana sie. »Die Chefin hat schon nach dir gefragt.«
   »Bin ja da. Wo ist die Chefin?« Schon hörte Lisa Schritte hinter sich. Sie wirbelte herum. Ihre Chefin kam direkt auf sie zu.
   »Ah, auch schon anwesend? Frau Ebert, das war aber äußerst knapp.« Ramona Kuhn zog ihre perfekt nachgezogene Augenbraue hoch.
   »Ich musste unterwegs noch rasch einer alten Dame helfen«, flunkerte Lisa. »Das hat mich einige Minuten gekostet.«
   »Na gut. Passagieren zu helfen ist natürlich oberstes Gebot. Und genau deswegen habe ich einen Spezialauftrag für Sie.« Sie strich sich eine Strähne ihrer hellblonden Haare zurück, die sich aus ihrem straff gebundenen Knoten gelöst hatte.
   Lisa mochte ihre Chefin nicht besonders. Sie sah zwar sehr gut aus und wirkte auf den ersten Blick wie ein Modell, das für eine Kosmetikfirma Werbung machte, aber ihre Art war das krasse Gegenteil zu ihrem Aussehen. Lisa fand sie ruppig und oft unfreundlich. »Für mich?«
   »Ja, für Sie. Haben Sie ein Problem damit?«
   Lisa schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht. Ich hatte nur nicht damit gerechnet, weil ich erst seit einer Woche hier bin.«
   »Das spielt ja wohl keine Rolle. Da Sie fundierte Kenntnisse in Physiotherapie haben, sind Sie genau die Richtige. Wir haben einen Gast an Bord, der ein besonderes Problem hat.« Ramona Kuhn räusperte sich. »Er hat eine Abneigung gegen Wellnesszentren und gehofft, unten beim Doc gäbe es eine Physioabteilung. Außerdem scheint er kein Unbekannter zu sein.«
   »Ich versteh nicht ganz.«
   »Der Doc hat ihm jedenfalls angeraten, dringend ein paar krankengymnastische Übungen zu machen, weil er akute Probleme mit einer seiner Schultern hat. Und nun kommen Sie ins Spiel. Sie werden den guten Herrn in seiner Kabine behandeln.«
   »Ich denke, wir behandeln nicht in Kabinen.«
   »Schätzchen, Ausnahmen bestätigen die Regeln. Wenn es sich um einen Gast handelt, der eine der teuersten Suiten bewohnt, dann drücken wir schon mal ein Auge zu. Also sputen Sie sich. Ich habe Sie für halb sechs angekündigt.«
   »Hat der Doktor Ihnen etwas Genaueres zu den Beschwerden mitgeteilt?«
   »Er wollte seine Diagnose aufschreiben und dem Patienten mitgeben.«
   Lisa nickte. Außer der Massagelotion und einem Handtuch konnte sie momentan nichts mitnehmen. Sie musste sich erst einmal Gewissheit über die Beschwerden verschaffen. »Welche Kabine?«
   »Suite acht, Deck zwölf.«
   Na hoffentlich war das nicht so ein überheblicher Geldsack, der meinte, er könnte sich alles kaufen und jeden Untergebenen mies behandeln. Was für ein Vorurteil, schalt sie sich auf dem Weg zu ihrem neuen Patienten. Es gab sicher auch nette Geldsäcke.
   Lisa atmete tief durch und legte noch ein wenig Lipgloss auf, schließlich wollte sie auf den ersten Blick einen guten Eindruck hinterlassen. Sie klopfte zaghaft an die Tür mit der messingfarbenen Acht. Unten auf den Besatzungsdecks klebten, im krassen Gegensatz zur Luxusklasse, nur einfache Kunststoffschildchen an den Kabinentüren. Sie wartete einen Moment, klopfte noch einmal. Nichts. Sie horchte. Von drinnen war kein Laut zu hören. War sie etwa vor der falschen Kabine? Die Chefin hatte doch eindeutig Suite acht gesagt. Also noch einmal. Kurz, bevor ihre Fingerknöchel das Türblatt berührten, schwang die Tür auf. Ihr Klopfen ging ins Leere, haarscharf am Brustkorb des atemberaubendsten Mannes vorbei, der ihr je begegnet war. Sie schluckte, spürte, wie ihr Hitze ins Gesicht schoss. »Guten Tag. Herzlich willkommen an Bord der Blue Majestic. Ich bin Lisa, die Physiotherapeutin auf diesem wunderschönen Schiff und damit beauftragt, Ihren Beschwerden auf den Grund zu gehen«, sprach sie ihn auf Englisch an. Sie hatte keine Ahnung, welcher Nationalität er angehörte.
   Sein Blick aus hellbraunen, nein, eher bernsteinfarbenen Augen, schien sie regelrecht durchbohren zu wollen. Sie hielt unwillkürlich den Atem an. Hatte ihr die Chefin eigentlich seinen Namen genannt? Sie konnte sich nicht erinnern, ihr Kopf war wie leer gefegt. Einen Augenblick starrten sie sich nur an. Dann trat der Mann einen Schritt beiseite.
   »Kommen Sie herein.« Er sprach Deutsch.
   Lisa war erleichtert. So entstanden wenigstens keine Verständigungsschwierigkeiten während der Behandlung.
   Zum ersten Mal sah sie eine der Suiten von innen. Wow, die Größe der Kabine beeindruckte sie. Die Inneneinrichtung war in Braun- und Beigetönen gehalten. Unaufdringlich und doch sehr elegant. Die Außenwand der Kabine bestand aus Glas, sodass man einen wundervollen und ungehinderten Blick aufs Meer hatte. Sogar einen kleinen Balkon gab es, das Geländer ebenfalls gläsern, um den Ausblick nicht unnötig einzuschränken. Was für ein Gegensatz zu ihrem winzigen Kabuff, das sie zu zweit bewohnen mussten. Ob er hier allein wohnte? Oder mit einer Frau? Sie sah sich unauffällig um, konnte auf die Schnelle aber keine Indizien entdecken, die darauf hinwiesen, dass dieser Typ seine Kabine mit einer weiblichen Person teilte. In Lisa keimte der Wunsch auf, dass sie sich nicht irrte. Auf einem kleinen Schreibtisch stand ein Laptop, daneben ein Stapel Bücher, eines davon aufgeschlagen.
   »Können wir anfangen, oder wollen Sie noch mein Schlafzimmer in Augenschein nehmen?«, hörte sie seine Stimme hinter sich, die ziemlich amüsiert klang.
   Lisa spürte, wie ihr Hitze ins Gesicht kroch. »Entschuldigung«, stammelte sie und drehte sich zu ihm um. »Natürlich können wir sofort anfangen. Bitte beschreiben Sie mir Ihre Beschwerden möglichst detailliert. Wenn ich richtig informiert bin, hat der Doktor Ihnen die Diagnose aufgeschrieben und mitgegeben.«
   »Oh. Ja, Moment.«
   Lisa sah ihm nach, als er zu dem niedrigen Glastisch ging, der vor einer Sitzgarnitur stand. Ihr Patient war ein ganzes Stück größer als sie. Schlank, leicht gebräunt, als wäre er schon eine Weile im Urlaub. Mit einem Zettel in der Hand kam er wieder auf sie zu. Sie konnte den Blick nicht von ihm wenden. Irgendwie kam er ihr bekannt vor, als wäre sie ihm schon mal begegnet oder hätte ihn zumindest schon mal von Weitem gesehen. Sie schätzte ihn auf Mitte dreißig. Sein Haar war dunkelbraun, kurz geschnitten, sein Gesicht schmal. Seine Nase gerade, vielleicht einen Tick zu lang. Auf seinem markanten Kinn entdeckte sie ein Grübchen. Wie gern würde sie mit dem Finger den Schwung seiner Lippen nachzeichnen. Was für Gedanken. War sie denn total verrückt geworden?
   Er blieb dicht vor ihr stehen, zog eine Augenbraue empor und schaute sie amüsiert an. »Habe ich Ihre Begutachtung bestanden?«
   O nein. War das so offensichtlich gewesen? »Ich …«, sie leckte sich über die Lippen, »… ich habe mir einen ersten Eindruck verschafft, ob Ihre Bewegungen durch die Beschwerden irgendwie beeinträchtigt werden.« Puh, da hatte sie gerade noch mal die Kurve gekriegt.
   »Aha.« Er reichte ihr das Schreiben des Arztes, das sie gewissenhaft durchlas. Eigentlich schien alles halb so schlimm zu sein, jedenfalls nichts Dramatisches, was sich nicht mit einigen Übungen und ein paar Massagen lindern ließ.
   »Schildern Sie mir bitte, wo genau es schmerzt, was für ein Schmerz das ist und wann er am stärksten auftritt.« Sie riss sich von seinem Anblick los, um sich auf die Aufgabe zu konzentrieren, die sie zu erfüllen hatte. Sie hörte ihm genau zu, während er ihr seine Beschwerden schilderte. »Okay, dann zeige ich Ihnen als Erstes ein paar Übungen, die Sie bitte täglich und regelmäßig machen. Am besten nicht nur, solange die Schmerzen auftreten, sondern auch in Zukunft, um neue Beschwerden zu vermeiden.«
   »Ich habe weder Zeit noch Lust auf so ein Rumgehampel«, wehrte er ab. »Geht es denn nicht anders?«
   »Bewegung ist das Beste, was Sie tun können. Ein paar Massagen würden die Schultern für den Moment entspannen, aber nicht wirklich helfen. Sie müssen schon ein bisschen mitarbeiten, wenn ich Ihnen helfen soll.«
   Sein Seufzer klang genervt. Er musterte sie. »Und Sie haben wirklich Ahnung von dem, was Sie mir raten?«
   Lisa schnappte nach Luft. Das war doch nicht zu fassen. »Ich bin ausgebildete Physiotherapeutin. Diplomphysiotherapeutin mit einigen Sonderausbildungen, um genau zu sein. Aber Sie müssen sich mir nicht anvertrauen, wenn Ihnen das zuwider ist. Allerdings muss ich Sie darauf hinweisen, dass es niemand anderen an Bord gibt, der Sie behandeln kann. Ein paar Pillen lindern übrigens nur den Schmerz, ohne die Ursache zu beseitigen.«
   »Nun seien Sie nicht gleich beleidigt.« Augenscheinlich versuchte er eine Kehrtwende. »Lassen Sie uns endlich anfangen. Muss ich stehen bleiben, mich setzen oder vielleicht …« er zwinkerte ihr zu, »… sogar hinlegen?«
   Was sollte das nun schon wieder? Seine Ansichten schien er im Sekundentakt zu ändern. Sie räusperte sich. »Zuerst einmal im Sitzen. Gibt es hier einen Stuhl?«
   »Nur den vorm Schreibtisch.«
   »Okay, der ist zwar nicht ideal, aber was soll ich machen? Es wäre am besten, wenn Sie das nächste Mal zur Behandlung in unsere Wellnessräume kommen würden. Das würde alles erleichtern.«
   »Nein!« Seine Antwort kam schneidend.
   Lisa zuckte zusammen. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, wieso er sich so anstellte. »Also gut. Machen wir das Beste daraus.« Sie stellte den Stuhl so hin, dass zu allen Seiten genügend Bewegungsfreiheit blieb. »Setzen Sie sich.« Es wurde höchste Zeit, anzufangen. Die übliche Behandlungszeit war schon fast vorbei, ohne dass sie überhaupt etwas gemacht hatten. Die Kuhn würde sauer sein, das ahnte sie jetzt schon. Dabei war sie selbst schuld, warum hatte sie zugelassen, dass der Typ auf seiner Kabine behandelt werden wollte?
   Lisa betastete Zentimeter für Zentimeter die lädierte Schulter. »Sagen Sie mir, wo es wehtut.« Trotz des Hemdes, das er trug, spürte sie die Wärme, die sein Körper ausstrahlte. Sie wünschte sich plötzlich, dieser Stoff würde nicht seinen Körper bedecken. Noch nie war ihr Derartiges während der Behandlung eines Patienten durch den Kopf gegangen. Wieso ausgerechnet bei ihm?
   »Genau da«, unterbrach er ihre Gedanken.
   »Okay, dann wollen wir mal.« Sie zeigte ihrem Patienten ein paar relativ einfache, aber durchaus effektive Übungen, die er nach und nach mit amüsiertem Blick ausführte. Sie war versucht, ihn zu fragen, was ihn eigentlich erheiterte, hielt sich aber zurück. Ab und an korrigierte sie seine Haltung.
   »Und so ein Kinderkram soll mir helfen?«
   »Dieser Kinderkram, wie Sie es nennen, ist nur ein Anfang. Ich habe durchaus noch andere Behandlungsmethoden für Sie parat. Allerdings muss ich mir erst ein Bild über Ihre Beweglichkeit beziehungsweise Ihre Einschränkungen machen.« Zu ihrem Erstaunen machte er alles, was sie ihm auftrug, brav mit. »Ich könnte Ihnen noch eine Massage anbieten, wenn Sie wollen. Dazu müssten Sie den Oberkörper frei machen.«
   Er nickte. »Ist mir recht. Soll ich mich hinlegen?«
   »Ich schätze, Sie haben hier nicht zufällig eine Massageliege parat. Wobei wieder mein Hinweis darauf kommt, dass Sie besser …«
   »Ich sagte Ihnen bereits, dass ich hier behandelt werden möchte. Wir könnten auch auf dem Bett …«
   »Ähm … ein Bett ist nicht die richtige Unterlage für eine professionelle Massage.«
   »Meinen Sie? Also ich fände durchaus, dass Sie da professionell tätig werden könnten.«
   Sie schnappte nach Luft. Das hörte sich beinahe so an, als sei sie eine … »Was glauben Sie eigentlich …?«, sagte sie mit gepresster Stimme. »Außerdem ist das viel zu niedrig.«
   »Oh, entschuldigen Sie. Das hörte sich jetzt anders an, als ich es gemeint habe.« Er wandte ihr den Kopf zu und schien wirklich zerknirscht, wie sie zu ihrem Erstaunen feststellte.
   Na, wenigstens ist ihm bewusst geworden, was er da Blödes von sich gegeben hatte. »Bleiben Sie einfach sitzen, falls ich Sie massieren soll. Allerdings wäre es von Vorteil, wenn Sie sich das Hemd ausziehen.«
   Wortlos knöpfte er sein Hemd auf, zog es aus und warf es auf die Couch. Dann straffte er seinen Rücken und setzte sich sehr aufrecht hin.
   Lisa nahm die Flasche mit der Massagelotion, die sie während der Übungen auf dem Tisch abgestellt hatte, und ließ einen ordentlichen Schuss in ihre Handfläche laufen. Dann trat sie hinter den Stuhl. Großzügig verteilte sie die Lotion auf seinen Schultern. »Seien Sie nicht so verspannt«, sagte sie leise. »Das tut Ihnen nicht gut.«
   Er atmete hörbar durch, aber er wurde lockerer. Schon Hunderte Male hatte sie Patienten massiert, aber noch nie hatte sie so eine eigentümliche Spannung gespürt. Oder lag es an der Umgebung, daran, dass sie diesen außergewöhnlich attraktiven Mann in seiner Suite behandelte? Er stöhnte unterdrückt auf, als sie ausgiebig die Stelle behandelte, die ihn am meisten schmerzte. »Das machen Sie ganz hervorragend«, sagte er nach einer Weile leise.
   »Danke.« Ihr Herz hüpfte aufgeregt, weil er sie lobte. Sie legte besonders viel Gefühl in ihre Massage. Seinen Körper zu berühren, ohne dass er ahnte, wie sehr sie es genoss, ihre kundigen Finger über seine heiße Haut gleiten zu lassen, ohne dass er ahnte, wie sehr sie das anmachte, ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie beugte sich ein klein wenig zur Seite, um sein Profil betrachten zu können, irgendeine Reaktion in seinem Gesicht ablesen zu können. Seine Augen waren geschlossen, sein Gesicht entspannt. Er schien die Massage zu genießen. Nur, wenn sie seine Problemstelle bearbeitete, zuckten seine Lider.
   Viel zu schnell war die Zeit herum. Mit ein paar letzten fließenden Bewegungen strich sie über seine Schultern, seine Oberarme. Sie trat einen Schritt zurück. »Fertig.« Sie wischte sich die restliche Lotion am Handtuch, das sie mitgebracht hatte, ab.
   »Das war der eindeutig angenehmste Teil Ihrer Behandlung.« Er stand auf und griff nach dem Hemd. »Wann werden Sie wiederkommen?«
   »Übermorgen. In der Zwischenzeit machen Sie bitte ein paar Mal täglich die Übungen, die ich Ihnen gezeigt habe.«
   Er zog sich das Hemd über und legte den Kopf schief, während er es langsam zuknöpfte. »Wie wäre es mit morgen?«
   »Wir sollten es nicht übertreiben, sonst geht der Schuss nach hinten los. Ihre Muskeln benötigen zwischendurch eine Ruhephase.«
   »Schade.«
   Lisa musste sich ein Schmunzeln verkneifen. Gerade wirkte er wie ein kleiner Junge, der seine Süßigkeit nicht bekam. Wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie ihn liebend gern schon morgen wieder massieren würde. »Wenn Sie mir bitte noch Ihren Namen verraten, für die Kartei und das Behandlungsprotokoll, das ich noch ausfüllen muss.«
   »Ist das nötig?«
   Sie blickte ihn fragend an. »Selbstverständlich. Haben Sie ein Problem damit?« Er hatte doch hoffentlich nichts zu verbergen.
   »Christoph Münch.«
   »Gut, Herr Münch. Ich schau nach, wann ich übermorgen einen Termin frei habe und lasse Ihnen eine Nachricht zukommen. Sollten Sie zu der Zeit gerade einen Ausflug machen wollen oder anderweitig verpflichtet sein, bitte ich um eine kurze Rückmeldung.«
   »Morgen würde es mir lieber passen.«
   Lisa sah ihn nachsichtig an. »Den morgigen Tag, Herr Münch, werden Sie zur Erholung benötigen.«
   Er zog die Stirn kraus. »Sie sind aber auch unnachgiebig.«
   »Und Sie uneinsichtig«, konterte sie. Sie nahm die Lotionflasche und das Handtuch. »Also dann … Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Aufenthalt an Bord.« Sie eilte zur Tür, sie war viel zu spät dran und wäre doch am liebsten noch eine Weile geblieben. Was hatte er an sich, das sie derart zu ihm hinzog, wo er doch anfangs nicht einmal besonders freundlich zu ihr gewesen war?
   In Nullkommanichts stand Christoph Münch neben ihr. Er legte eine Hand auf den Türgriff, öffnete die Tür jedoch nicht. Sein Blick ruhte auf ihr, was sie ganz nervös machte. »Also dann«, sagte sie, »bis zum nächsten Mal.«
   Er beugte sich vor, sein Gesicht war ihrem so nahe, dass sie seinen Atem spürte, den Duft der Lotion einatmete. »Bis bald«, murmelte er. »Warten Sie nicht zu lange.«
   Lisa nickte aufgeregt. In ihrem Bauch kribbelte es.
   »Auf Wiedersehen.« Sie drehte sich um und streckte ihre Hand nach dem Türgriff aus, um aus seinem Bannkreis zu flüchten. Sie hatte nicht bedacht, dass dort immer noch seine Hand lag. Als sie sie berührte, spürte sie eine merkwürdige Energie, die von seiner Hand in ihre floss. Sie konnte nicht verhindern, dass sie ihn erstaunt ansah. Ob er es auch gespürt hatte?
   Er lächelte, zwinkerte ihr zu und nahm ihre Hand in seine. »Wir sehen uns. Bald.«
   Dieser Blick … Es kostete Lisa fast überirdische Kräfte, sich von ihm zu lösen. Aber sie musste es tun. Bevor es zu spät war.

»Wo kommen Sie denn jetzt erst her? Waren Sie noch eine Runde sonnen?«
   Oje, die Chefin war ja vielleicht drauf. Aber diese Anschuldigung konnte und wollte Lisa nicht auf sich sitzen lassen. »Wenn Sie es genau wissen wollen, ich habe die ganze Zeit gearbeitet. Der Patient wollte zusätzlich noch eine Massage. Wenn Sie nicht zugestimmt hätten, dass er in seiner Kabine behandelt wird, hätten Sie das mitbekommen können.« Sie stellte die Flasche mit der Lotion an ihren Platz und ging zum Anmeldetresen. »Wartet noch jemand auf mich?«
   »Momentan ist es ruhig«, sagte die Chefin.
   Lisa fragte sich, weshalb ihre Chefin so einen Aufstand gemacht hatte, wenn nicht mal ein Patient da war.
   »Wer ist er denn?«, fragte Dana und kam neugierig näher, als sich Lisa Notizen von ihrem vergangenen Termin machte.
   Lisa zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Er heißt Christoph Münch. Mir ist zwar, als hätte ich ihn schon mal irgendwo gesehen, aber sein Name ist mir total unbekannt.«
   »Hm, sagt mir auch nichts. Aber das will ja nichts heißen, oder? Vielleicht kriegst du noch ein bisschen mehr raus. Es könnte ja sein, dass er inkognito reist.«
   »Du meinst, er benutzt einen falschen Namen?«
   Dana zuckte mit den Schultern. »Wer weiß? Vielleicht ist er ein Filmstar oder stammt aus einer bekannten Adelsfamilie. Vielleicht ist er auch ein Geheimagent.«
   Lisa lachte auf. »Dana, jetzt geht die Fantasie mit dir durch.«
   »Auf jeden Fall solltest du bei deinem nächsten Termin versuchen, ein paar Einzelheiten aus deinem Patienten herauszukitzeln. Sieht er wenigstens gut aus?«
   Sofort tauchte Christoph Münchs attraktives Gesicht vor ihrem inneren Auge auf. Seine nackte Haut, die sie genussvoll massiert hatte. Beinahe wäre ihr ein sehnsuchtsvoller Seufzer entschlüpft, sie konnte sich gerade noch zurückhalten. »Er sieht ganz passabel aus.« Mehr wollte sie Dana nicht verraten. Es ging Dana nichts an, wie sie sich gefühlt hatte, als sie diesen verwirrenden Mann berühren durfte. Als er so dicht vor ihr gestanden und sein Atem sie gestreichelt hatte.

Als das Schiffshorn ertönte und signalisierte, dass sie ablegten, wäre sie gern an Deck gewesen. Sie liebte diese Augenblicke ebenso wie die, wenn ein Schiff in einen Hafen einfuhr. Leider hatte sie erst in einer halben Stunde Dienstschluss. Sie schaute auf ihren Dienstplan, um nachzusehen, wann sie wieder in den Genuss kommen würde, bei An- oder Ablegemanövern dienstfrei zu haben. Gleich übermorgen, wenn sie Madeira erreichten und in den Hafen von Funchal einfahren würden, hatte sie frei. Morgen hatte sie ab Mittag Dienst und es standen eine Menge Termine an. So war es immer an den Seetagen. Viele Gäste nutzten diese Tage für Wellnessanwendungen, Sport und Shopping. An den anderen Tagen drängte sich alles auf die Spätnachmittag- und Abendtermine. Vor den Ausflügen war meistens wenig zu tun. Kaum jemand wollte während seines Urlaubs früh aufstehen.
   »Kommst du noch mit auf einen Drink?«, fragte Dana, als sie zusammen im Lift hinunter zu den Besatzungsdecks fuhren.
   »Nee, lass mal. Für heute habe ich genug.« Außerdem konnte es sein, dass an der Bar, die es separat für Besatzungsmitglieder gab, dieser Benny rumlungerte. Und dem wollte sie heute garantiert nicht mehr begegnen. »Ich werde nur kurz duschen und mich dann in die Koje hauen.«
   »Schade. Ich dachte, wir könnten noch ein bisschen klönen. Während der Arbeit haben wir ja selten Zeit dazu.«
   »Ein anderes Mal.« Lisa grinste. »So viele Möglichkeiten, uns in der Freizeit nicht über den Weg zu laufen, gibt es ja auch nicht.«
   »Stimmt.« Dana lachte und hakte sich auf dem Weg vom Lift zu den Kabinen bei Lisa unter. »Verschieben wir unseren Drink auf morgen oder übermorgen. Bis dahin hast du vielleicht ein bisschen mehr über deinen ominösen Fremden herausgefunden.«
   »Dana, du machst Scherze. Hier sind andauernd Hunderte Fremde an Bord.«
   »Aber keiner von denen will deine Spezialbehandlung in seiner Kabine.«
   »Erstens hat der Doc ihm die Behandlungen verordnet und zweitens wird ihm total egal sein, wer ihm seine Schmerzen lindert. Hauptsache, es tut einer.« Sie hatten Danas Kabine erreicht. »Viel Spaß noch in der Bar. Machs gut.«
   »Tschüss, Lisa. Schlaf gut.«
   Lisa eilte den Gang entlang und atmete auf, als sie ohne Probleme ihre Kabine erreichte.

Kapitel 2

Lisa wischte ihre verschwitzten Hände an den Seiten ihrer Dienstkleidung ab. Rasch legte sie noch etwas Lipgloss auf und klopfte schließlich an die Tür mit der messingfarbenen Acht.
   Sekunden später, als hätte er sie erwartet, was natürlich Quatsch war, öffnete sich die Tür.
   »Ha…« Die Begrüßung blieb ihr im Halse stecken. Dafür spürte sie, wie flammende Röte ihre Wangen bedeckte.
   Christoph Münch wirkte ebenfalls überrascht, allerdings schien ihm seine Aufmachung im Gegensatz zu ihr nichts auszumachen. Er war nackt – also fast. Lediglich ein Duschhandtuch, das er um seine Hüften geschlungen hatte, verhüllte seine intimsten Körperteile. Wassertropfen perlten von seiner gebräunten Haut. Sein Haar war nass und stand wild in alle Himmelsrichtungen. »Lisa …«
   Sie wusste nicht, wo sie hinsehen sollte. Alles an ihm verwirrte sie. Seine bernsteinfarbenen Augen, in denen sie schon wieder versinken könnte. Seine Haare, die sie noch weiter verwuscheln würde. Seine vom Duschen feuchte Haut, die sie so gern berühren würde. Sie schob ihre Hände in die Taschen ihres Oberteils, um sie nicht tatsächlich auszustrecken und über seinen Brustkorb zu streichen. Nervös spielte sie mit ihrem Lipgloss. »Sorry, ich wusste nicht … also, ich komme lieber zu einem günstigeren … äh, Zeitpunkt …«
   Ihre Unsicherheit schien ihn zu amüsieren. Er streckte eine Hand aus und schob mit der anderen die Kabinentür weiter auf. »Kommen Sie doch herein. Ich dachte zwar, Sie wollten erst morgen …«
   »Ich bin hier, weil ich die Notizen vom Doc vergessen habe«, unterbrach sie ihn. »Die fehlen mir für die Akte.«
   »Der Zettel liegt auf dem Tisch. Nun kommen Sie schon, oder wollen Sie hier Wurzeln schlagen?«
   Wie hypnotisiert betrat Lisa die Kabine. »Ich bin auch gleich wieder weg.« Tatsächlich lag ein beschriebenes Blatt Papier auf dem niedrigen Glastisch, direkt neben einem Buch. Ein Thriller von Chris Winter. Sie selbst las ebenfalls gern Thriller, da hatten sie schon mal eine Gemeinsamkeit. Diesen hier kannte sie zwar noch nicht, aber sie hatte bereits zwei andere von dem Autor gelesen. Er schrieb ausgesprochen spannend.
   »Wollen Sie mit mir frühstücken?«, riss Christoph Münch sie aus ihren Gedanken. Er stand dicht hinter ihr, das spürte sie mit jeder Faser ihres Körpers.
   Lisa nahm die Notiz vom Tisch und drehte sich zu ihm um. »Das geht nicht.« Sie starrte auf seinen Brustkorb, weil sie spürte, dass sein Blick auf ihr ruhte. Da war eine kleine Narbe neben seiner rechten Brustwarze.
   »Warum nicht?«
   »Weil … weil ich arbeiten muss.« Und weil sie schleunigst aus seinem Bannkreis entfliehen musste.
   »Ein Patient?«
   »Nein, der nächste Termin ist erst in einer Stunde.«
   »Na also.« Er räusperte sich. »Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mit mir frühstücken würden.«
   »Ich … also …« Sie spürte einen Finger, der sich unter ihr Kinn legte und es sanft anhob, bis ihr Blick seinem begegnete.
   »Sie könnten sagen, ich bräuchte eine dringende Behandlung.« Sein Daumen strich über ihre Lippen, was sie noch mehr durcheinanderbrachte.
   Mit einem Mal bekam das Wort Behandlung eine neue Bedeutung. Ob es an seinem intensiven Blick lag? Oder daran, weil sie sich gerade fragte, wie seine Lippen schmecken würden? Wie es sich anfühlen würde, wenn er zur Abwechslung sie massierte?
   »Das geht wirklich nicht. Ich bekomme riesigen Ärger, wenn ich mich auf so etwas einlasse.«
   »Es wird niemand erfahren«, sagte er leise.
   In Lisas Kopf herrschte totales Chaos. Sie wusste, sie durfte seiner Bitte auf keinen Fall nachgeben, und doch hielt sie irgendetwas davon ab, sofort seine Kabine zu verlassen.
   Es klopfte an der Kabinentür.
   »Das wird mein Frühstück sein«, sagte Christoph. »Da hatte ich eben schon mit gerechnet, als ich Sie vor meiner Kabinentür fand.« Er wandte sich der Tür zu.
   Oje, man durfte sie hier nicht sehen. Sie war total durch den Wind, jeder, der ihr ins Gesicht blickte, würde merken, dass es um mehr als eine Therapie ging. Vor allen Dingen, wo er beinahe nackt hier herumlief. »Wo kann ich mich verstecken?«, flüsterte sie mit drängender Stimme.
   Er grinste, als amüsierte ihn ihre Panik. »Die nächste Tür führt ins Bad.«
   Lisa schlüpfte hinein. Immer noch hingen Dunstschwaden in dem winzigen Raum. Der Spiegel war beschlagen. Ein paar Toilettenartikel standen auf dem schmalen Regal darunter. Sie zwang sich, nicht allzu neugierig zu sein und blieb hinter der Tür stehen und horchte auf etwaige Geräusche. Sie hörte Christophs Stimme, konnte allerdings nicht verstehen, was er sagte. Hoffentlich konnte sie hier schnell wieder raus. Von dem kurzen Augenblick, den sie sich hier versteckte, klebte ihr die Kleidung bereits am Körper. Plötzlich schwang die Tür auf.
   Er lächelte und zwinkerte ihr zu. »Die Luft ist rein.«
   »Zum Glück.« Lisa drückte sich an ihm vorbei, bemüht, seinen Körper nicht zu berühren, doch sie konnte nicht verhindern, dass ihr Arm seinen Bauch streifte. Sein warmer Atem streifte ihr Gesicht, ihren Hals. Sie ging schnell weiter, bückte sich nach dem Zettel, der der Grund ihres Besuches war.
   »Bleib.« Christoph stand dicht hinter ihr, legte seine Hände auf ihre Oberarme. »Bitte.«
   »Es geht nicht«, sagte sie gepresst. Warum streichelte er an ihren Armen rauf und runter? »Ich muss los.« Sie trat einen Schritt zurück, damit seine Hände sie nicht noch mehr durcheinanderbringen konnten.
   »Ich habe eben im Wellnesscenter angerufen und gesagt, dass ich mir dringend noch einmal die verordneten Übungen zeigen lassen muss, damit ich durch falsche Bewegungen meine Schmerzen nicht verschlimmere.« Er grinste, als wäre er stolz über seinen Einfall.
   »Warum soll ich unbedingt bleiben?«
   »Ich habe dich zum Frühstück eingeladen. Immer allein frühstücken ist langweilig.«
   Lisa schaute sich irritiert um. »Wo ist denn das Frühstück?«
   Christoph wies in Richtung der Glasfront. »Ich sitze gern draußen und genieße die unendlichen Weiten des Meeres.«
   Ja richtig, dort stand ein Teewagen mit allerlei Köstlichkeiten. Sie lächelte. Es war wahrhaftig ein wunderbarer Platz für ein Frühstück. Sie wandte sich ihm wieder zu. »Okay, ich bleibe noch einen Augenblick. Aber unter einer Bedingung.« Ihr Blick glitt über seinen nackten Oberkörper, der inzwischen getrocknet war.
   »Die wäre?« Er forschte in ihrem Gesicht, das merkte sie ganz deutlich, obwohl sie immer noch auf seinen Brustkorb starrte.
   »Es irritiert mich, dass Sie nichts anhaben. Könnten Sie sich bitte etwas überziehen?«
   Er lachte lauthals, als hätte sie einen Witz erzählt. »Okay, kleine Lady, dein Wunsch ist mir Befehl.« Er verbeugte sich förmlich. »Du kannst gern schon draußen Platz nehmen.« Er verschwand in der Tür neben dem Bad, wo sich vermutlich sein Schlafgemach befand.
   Warum in drei Teufels Namen war sie noch hier? Wenn herauskam, dass sie sich zum Privatvergnügen in einer der Passagierkabinen aufhielt, könnte das enormen Ärger bedeuten. Irgendetwas an diesem Mann zog sie an wie ein Magnet. Sie war doch sonst nicht so leicht zu ködern, was war es also? Jedenfalls nicht, weil er in einer Suite wohnte, was darauf hindeutete, dass er über ein gut gefülltes Bankkonto zu verfügen schien. Warum war er ausgerechnet an ihr interessiert? Und wieso versteckte er sich hier in der Kabine, ging weder in den Wellnessbereich noch in eines der Restaurants zum Frühstücken? Merkwürdig. Ob er doch berühmt war? Oder suchte er nur eine willige Frau für sexuelle Vergnügungen? Ihr Herz schlug schneller bei diesem Gedanken, der ihr bewusst werden ließ, dass es durchaus sein könnte, dass sie sehr willig reagierte, wenn er Annäherungsversuche wagen würde. Sie würde dahinschmelzen, wenn er sie in die Arme schließen und küssen … Ja, sie wünschte sich, er würde es tun. War sie deshalb immer noch hier?
   Hinter ihr klapperte eine Tür. Christoph kam in einer hellen Jeans und einem weißen kurzärmeligen Hemd auf sie zu. »Lisa, schön, dass du nicht geflüchtet bist.«
   Hatte er vermutet, dass sie genau das tun würde? Und jetzt, was hinterließ sie für einen Eindruck, weil sie immer noch hier war? Sie lächelte ihn scheu an. »Ich bekam eine Einladung. Schon vergessen?«
   Er fasste nach ihrer Hand, zog sie mit sich nach draußen. »Lass uns frühstücken. Ich habe einen Bärenhunger.« Er schob ihr einen Stuhl zurecht, bevor er sich setzte, und schenkte ihr eine Tasse Kaffee ein.
   Lisa staunte, wie sehr sie Christophs Gesellschaft genoss, wie zwanglos sie miteinander plaudern konnten. Es störte sie merkwürdigerweise nicht, dass er sie duzte, im Gegenteil. Sie scheute sich allerdings, es ebenfalls zu tun. Die Spannung, die vorhin zwischen ihnen geherrscht hatte, war hier draußen gewichen, als hätte der Seewind sie fortgepustet. Vielleicht auch, weil er jetzt nicht mehr nackt war.
   »Warum ziehen Sie es vor, allein zu frühstücken?«
   Er schaute einen Moment aufs Meer hinaus, bevor er antwortete. Dann nahm er seine Kaffeetasse in die Hand und trank einen Schluck. Als er die Tasse wieder abstellte, sah er sie an. »Gibt es einen schöneren Platz als diesen hier?« Er lächelte sie an und doch entdeckte sie einen winzigen Funken Traurigkeit in seinem Blick. Sie hätte gern mehr erfahren, traute sich aber nicht, weiter in ihn zu dringen.
   »Außerdem arbeite ich oft nebenher. Das wäre nicht möglich, wenn ich im Restaurant sitzen würde.«
   »Sie arbeiten während dieser wundervollen Reise?«
   »Ja, die Kreuzfahrt ist für mich alles andere als eine Vergnügungsreise.« Mehr verriet er nicht.
   Vielleicht würde sie im Laufe ihrer Behandlungstermine ein bisschen mehr über ihn und seinen Beruf herausfinden. Sie nahm sich vor, ihre Fragen behutsam und nicht allzu neugierig klingend zu stellen.
   »Magst du ein Croissant oder ein Brötchen?«, fragte Christoph. »Ich kann all die leckeren Sachen unmöglich allein essen.«
   »Nein danke. Aber ich nehme gern ein bisschen Obst.« Sie legte sich ein paar Trauben und ein Stück Melone auf einen Teller. »Was macht die Schulter? Haben Sie die Übungen schon gemacht?«
   »Nein, Frau Doktor, heute noch nicht.« Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und streckte die Beine aus. »Aber ich verspreche, dass ich sie noch machen werde. Ansonsten schmerzt die Schulter noch genauso wie gestern. Vermutlich, weil der kleine Schreibtisch drinnen nicht die richtige Höhe für mich hat.« Er zuckte mit den Schultern. »Aber es ist der einzige Platz, an dem ich einigermaßen vernünftig arbeiten kann. Ich habe es schon hier draußen versucht, aber da ist es auch nicht besser.«
   »Vermutlich wäre es von Vorteil, nicht zu lange am Stück am Laptop zu arbeiten.« Sie sah ihn aufmerksam an. »Warum muss man während einer solchen Reise unbedingt arbeiten? Machen Sie keinen der Ausflüge mit?«
   »Es muss sein. Es gibt Termine, die lassen sich nicht aufschieben. Außerdem arbeite ich gern. Und ob ich Zeit für einen Ausflug haben werde, weiß ich noch nicht. Wirst du dir eine der Inseln ansehen?«
   »Leider ist der Wellnessbereich auch während der Ausflüge geöffnet – für die Passagiere, die an Bord bleiben wollen. Ich hoffe, dass ich mir wenigstens Lanzarote ansehen kann. Die Insel ist faszinierend. Ich war im Teenageralter mit meinen Eltern da. Und nach meinem jetzigen Dienstplan habe ich sogar frei.« Sie stellte den Teller auf den Tisch. »So, jetzt muss ich los. Es war sehr nett, und ich bedanke mich für die Einladung, aber ich kann mir keinen Ärger erlauben. Ich bin nämlich erst seit gut einer Woche auf dem Schiff.«
   »Was hat dich dazu bewogen, auf einem Schiff zu arbeiten?«, fragte Christoph.
   Lisa seufzte. »Ein Zeitvertrag, der nicht verlängert wurde. Der Ex, der mir laufend mit seiner Neuen über den Weg lief. Ich wollte nur noch weg. Da traf ich eine Schulfreundin, die mir von ihrem Job an Bord eines Kreuzfahrtschiffes erzählte, und wo sie überall schon gewesen ist. Das erschien mir die perfekte Lösung. Obwohl ich nicht damit gerechnet hatte, dass es klappen würde, wollte ich diesen Schritt zumindest versuchen.«
   »Es wird sicher eine spannende Episode in deinem Leben.«
   »Ja, das denke ich auch. Ich bin froh, dieses Wagnis eingegangen zu sein.« Denn sonst hätte ich dich nicht getroffen. Lisa stand auf. »Ich muss jetzt … Nochmals vielen Dank.«
   »Warte, ich bring dich zur Tür.« Christoph folgte ihr. »Hast du noch ein paar Tipps für meine Schulter? Wann haben wir den nächsten Termin?«
   »Morgen um elf Uhr, wenn das in Ordnung ist. Und eine effektive Übung habe ich tatsächlich noch. Die kann man wunderbar an der Tür oder einer Wand machen und ist ganz einfach.« Lisa stellte sich in leichter Grätsche vor die Kabinentür und legte die Handflächen gegen die Tür. »Einfach die Arme so weit wie möglich nach oben strecken und einige Sekunden verharren. Wenn Sie das mehrmals am Tag machen, werden Sie sehen, wie gut das tut.«
   Plötzlich stand Christoph dicht hinter ihr, reckte seine Arme und legte die Hände auf ihre. »So?«, fragte er leise an ihrem Ohr. Er war ihr so nahe.
   »Den Körper weit nach oben strecken«, sagte sie atemlos.
   »Ich finde es so aber gerade richtig gut.« Sein Atem streifte ihren Nacken. Seine Lippen ebenfalls.
   Ein heißes Kribbeln lief durch ihren Körper. Wenn er sie nicht sofort freiließ, war sie verloren.
   »Bleib.« Seine Lippen machten sie ganz verrückt. »Ich möchte dich nicht gehen lassen«, raunte er. Seine Hände wanderten an ihren Armen hinab, die sie immer noch weit nach oben gestreckt hatte.
   »Christoph, bitte …« Mit aller Macht zog sie ihre Arme nach unten und drehte sich um. Sie hatte nicht bedacht, wie nah sein Mund ihrem sein würde. Lisa drückte sich mit dem Rücken an die Tür, schloss die Augen, um diesem intensiven Blick zu entfliehen, der sie jedes Mal aufwühlte.
   Seine Hände legten sich an ihre Wangen, sein Mund auf ihren. »Das wollte ich gestern schon tun«, murmelte er zwischen zarten Küssen.
   O ja, das wollte sie auch schon seit gestern. Wie von selbst legten sich ihre Arme um seinen Nacken. Wie von selbst öffneten sich ihre Lippen seiner lockenden Zungenspitze. Ihr Herz klopfte wild, als ihr Kuss intensiver wurde, ihre Lippen miteinander zu verschmelzen schienen.
   Das Klingeln eines Telefons riss sie brutal in die Gegenwart zurück.
   Christoph fluchte unterdrückt, gab sie frei und eilte zum Bordtelefon. Er warf Lisa einen bedauernden Blick zu, bevor er den Hörer abnahm. »Ja bitte?« Er horchte einen Moment. »Nein, sie ist vor wenigen Augenblicken gegangen. Vielen Dank, dass es so unproblematisch funktioniert hat. Die erneute Behandlung hat mir sehr gutgetan. Eine sehr fähige Mitarbeiterin …«
   Lisa nutzte den Moment und winkte Christoph zum Abschied zu. Ehe er reagieren konnte, verließ sie seine Kabine.
   Ihr Gesicht brannte immer noch, als sie die Eingangstür des Wellnessbereichs erreichte. Wo sollte das noch hinführen? Einerseits war sie froh, dass sie gegangen war, während er telefonierte, andererseits … Diesen Gedanken wollte sie jetzt lieber nicht verfolgen.
   »Scheint ja ein ziemlich schwieriger Patient zu sein, den Sie da behandeln müssen«, meinte ihre Chefin. »Hätte ich bloß nicht zugestimmt, dass Sie ihn in seiner Kabine behandeln dürfen. Was ist das denn für ein komischer Kauz?«
   »Komisch würde ich nicht sagen«, wandte Lisa ein. »Aber er scheint aus irgendeinem Grund eine Aversion gegen Wellnesszentren zu haben. Ich hatte ihm dringend geraten, hierherzukommen, aber er hat das strikt abgelehnt.« Sie zuckte mit den Schultern. »Also werde ich wohl weiterhin seine Kabine aufsuchen müssen.« Während sie das sagte, flatterte es aufgeregt in ihrem Bauch. Sie sehnte sich jetzt schon entgegen aller Vernunft danach, zu ihm gehen zu können.
   Wann immer sie einen Augenblick Zeit hatte, dachte sie an Christoph. An den Kuss, den sie getauscht hatten. Daran, dass sie sich gestern gefragt hatte, wie sich ein Kuss von ihm anfühlen würde. Er fühlte sich gut an, das wusste sie inzwischen. Megagut sogar.
   »Was grinst du denn so?«, fragte Dana.
   »Ach nichts, mir fiel nur gerade etwas Witziges ein. Etwas von zu Hause.« Zum Glück fragte Dana nicht weiter.
   »Was machst du heute Abend? Lust auf den Drink, den du gestern verschmäht hast?«
   »Weiß ich noch nicht. Vielleicht lese ich ein bisschen.«
   »Wieso willst du dich schon wieder in deiner Kabine verkriechen? So lernst du die anderen nie näher kennen.«
   Lisa seufzte. »Stimmt zwar, aber ich habe keinen Bock, diesem Benny zu begegnen. Der war gestern ganz schön aufdringlich. Auf solche Typen steh ich ja nun gar nicht.«
   »Ach, der Benny.« Dana lachte. »Der ist eigentlich ganz harmlos. Allerdings versucht er bei jeder Frau sein Glück. Der Arme schnallt es nur nicht, wenn er eine Abfuhr erteilt bekommt.«
   »In welchem Bereich arbeitet er denn?« Nicht, dass sie das wirklich interessierte, sie fragte nur, damit sie wusste, wo die Gefahr bestand, ihm zu begegnen.
   »Er bedient in einem der Restaurants und oft spät abends in einer der Bars. Sicher versucht er bei allen weiblichen Passagieren, seinen Charme spielen zu lassen.«
   Die Eingangstür schwang auf, bevor Dana und Lisa das Gespräch fortsetzen konnten.
   Eine ältere Dame kam hereingerauscht. Sie wandte sich an Lisa. »Ich habe um neunzehn Uhr eine Hot-Stone-Behandlung. Die muss ich leider verlegen. Geht es auch früher? Am besten gleich.«
   Lisa lächelte die Dame an. »Ich sehe mal im Plan nach, ob sich etwas machen lässt.«
   »Wissen Sie, ich habe eben erfahren, dass heute Abend ein bekannter Autor eine Lesung aus seinem neuen Bestseller halten wird. Da muss ich hin. Ich kenne nämlich fast alle seine Bücher, nur das Neueste noch nicht.« Sie japste nach Luft. »Ach, ich bin ja schon so aufgeregt.«
   »Das kann ich mir vorstellen. Ich lese auch gern Thriller. Um welchen Autor handelt es sich denn?«
   »Um Chris Winter. Kennen Sie den?«
   Lisa lächelte die aufgeregte Kundin an. »Ihn nicht, aber zwei seiner Bücher habe ich auch gelesen.« Lisa wandte sich Dana zu. »Dana, was meinst du, könntest du die Dame gleich drannehmen?«
   Dana schaute auf ihre Uhr, überlegte einen Moment und nickte. »Das müssten wir hinkriegen. Frau Freising, wenn ich mich recht erinnere.« Sie nickte der Kundin zu. »Wenn Sie möchten, können wir sofort zur Tat schreiten.«
   »Wunderbar, Sie sind ein Schatz.« Frau Freising beugte sich zu Lisa. »Vielleicht sehen wir uns nachher. Die Lesung sollten Sie sich keinesfalls entgehen lassen.«
   »Als Besatzungsmitglied bin ich eigentlich nicht …«
   »Papperlapapp. Ich lade Sie einfach ein. Dann kann doch niemand etwas dagegen haben, oder?« Frau Freising zwinkerte Lisa zu. »Das wird bestimmt aufregend, meinen Sie nicht? Sie können uns natürlich auch sehr gern begleiten«, wandte sie sich an Dana.
   Dana schüttelte den Kopf. »Herzlichen Dank, Frau Freising, aber Bücher sind nichts für mich. Außerdem habe ich bereits eine Verabredung. Kommen Sie, damit ich Sie für Ihren Thrillerabend fit machen kann.«
   »Meine Liebe«, sagte Frau Freising zu Lisa gewandt. »Ich besorge Ihnen nachher eine Karte. Holen Sie mich doch um halb sieben ab. Kabine zehn null sieben auf Deck zehn. Ich freu mich schon.«
   Lisa starrte der resoluten Kundin nach. Sollte sie die Einladung wirklich annehmen? Einerseits fühlte sie sich unwohl, andererseits … wann würde sie jemals wieder die Gelegenheit bekommen, Chris Winter live zu erleben? Ihr Herz hüpfte plötzlich aufgeregt. Sie hatte bei Christoph ja auch ein Buch dieses Autors entdeckt. Das bedeutete vielleicht, dass Christoph ebenfalls zur Lesung gehen würde. Vorausgesetzt, er würde sich dazu aufraffen, seine Kabine zu verlassen. Mit einem Mal freute sie sich auf den Abend.

Kapitel 3

Pünktlich zur verabredeten Zeit klopfte Lisa an Frau Freisings Kabine. In der Hand hielt sie Gnadenlos verfolgt, das Buch, das sie zufälligerweise mitgenommen hatte, als sie zu ihrer neuen Arbeitsstätte aufgebrochen war. Das wollte sie sich nach der Lesung von Chris Winter signieren lassen.
   Die Tür schwang auf und Frau Freising tauchte freudestrahlend vor ihr auf. »Ach, Sie haben auch ein Buch dabei?« Die alte Dame klopfte auf ihre überdimensionale Handtasche. »Hier habe ich drei Bücher, da muss er mir überall was reinschreiben.« Sie trat auf den Gang und schloss ihre Tür gewissenhaft ab. »So, meine Liebe«, sagte sie und schob ihren Arm unter Lisas. »Lassen Sie uns mal nachsehen, was das für ein Mann ist, der solch spannende Geschichten zu Papier bringt.«

Als sie das kleine Theater betraten, in dem die Lesung stattfinden sollte, ließ Lisa ihren Blick über die Sitzreihen schweifen. Von Christoph war nichts zu sehen.
   »Schätzchen, kommen Sie. Wir setzen uns natürlich ganz nach vorn, damit wir ja nichts verpassen. Ich bin so aufgeregt.« Frau Freising dirigierte Lisa in die erste Reihe. Von ihrem Platz aus konnte sie zwar die Bühne und nachher auch den Autor gut sehen, allerdings war es unmöglich, den Eingangsbereich im Blick zu behalten, um zu beobachten, wer alles das Theater betrat. Das war richtig blöd, aber was sollte sie dagegen tun? Schließlich war sie auf Einladung dieser netten Dame neben ihr hier. Lisa drehte sich einige Male verstohlen um, aber auf die Schnelle war Christoph nicht zu entdecken. Es könnte natürlich auch sein, dass er kein Interesse an der Lesung hatte oder nicht wusste, dass der Autor, dessen Buch er besaß, hier auf dem Schiff war. Sie hätte ihm Bescheid sagen sollen. Warum war sie nicht eher auf diese Idee gekommen? Sie schaute auf ihre Armbanduhr. Fünf Minuten noch. Das war eindeutig zu wenig Zeit. Sie seufzte leise.
   »Ist was nicht in Ordnung, Schätzchen?«, fragte Frau Freising sofort und tätschelte Lisas Arm.
   »Doch, doch. Es ist nur … ich kann es kaum noch abwarten«, flunkerte Lisa.
   »Ich auch nicht. Oh, schauen Sie, da kommt eine Frau auf die Bühne. Chris Winter ist doch nicht etwa eine Frau? Also, damit hatte ich nicht gerechnet. Aber man macht sich ja oft falsche Vorstellungen, wenn in den Büchern die Autoren nicht abgebildet sind.«
   »Stimmt. Das ist mir auch neu«, flüsterte Lisa.
   Wie sich herausstellte, war die Dame lediglich die Moderatorin des Abends, die erzählte, dass es nicht einfach gewesen sei, einen Bestsellerautor vom Format des Chris Winter an Bord zu holen und wie froh sie sei, dass er sich nun doch zu dieser Reise entschlossen hätte und dazu, hier aus seinem neuen Buch zu lesen. An der Rückseite der Bühne erschien das Cover des neuen Buchs, das vermutlich von einem Beamer an die Wand projiziert wurde.
   »Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Thrillerfans«, fuhr die Moderatorin fort, »begrüßen Sie mit mir nun Chris Winter und freuen Sie sich auf einen spannenden Abend.« Seitlich der Bühne bewegte sich ein schwerer Vorhang zur Seite und – nein, das konnte unmöglich sein. Christoph betrat die Bühne. Lisa starrte ihn irritiert an.
   »Sieht er nicht fantastisch aus?«, flüsterte Frau Freising aufgeregt und applaudierte begeistert.
   »Das ist nicht …« Christoph verbeugte sich und lächelte unbestimmt ins Publikum. Seine Augen glitten suchend umher und blieben schließlich an ihr hängen. Einen winzigen Moment verharrte er, bevor er sich zur Moderatorin drehte, die die ganze Zeit aus Chris Winters Autorenleben erzählte. Lisa registrierte nicht, was sie sagte, zu heftig war der Schock, den ihr Christoph gerade beschert hatte. Der Mann, der ihr Herz und ihren Körper seit ihrem ersten Aufeinandertreffen in Aufruhr versetzte, entpuppte sich als der Autor, der ihr mit seinen Büchern manch schlaflose Nacht beschert hatte, weil sie so spannend waren, dass sie sie nicht weglegen konnte. Nicht zu fassen. Es musste das Schicksal gewesen sein, das ihr heute Mittag Frau Freising in die Hände gespielt hatte. Hätte die nette Dame nicht den Termin tauschen wollen, um diese Lesung nicht zu verpassen, hätte Lisa womöglich nie erfahren, dass Christoph Münch und Chris Winter ein und dieselbe Person waren. Womöglich hätte sie nie erfahren, dass Chris Winter an Bord der Blue Majestic war.
   Christoph setzte sich an einen kleinen Tisch mit Leselampe, der mitten auf der Bühne stand. Er klappte das Buch auf und ließ seinen Blick durch die Zuschauerreihen schweifen. Er trank einen Schluck Wasser und suchte Lisas Blick, während er das Glas wieder abstellte. Es sah aus, als läge etwas Entschuldigendes in seinem Blick, aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein. Der Moment, in dem er ihr mehr von sich und seinem zweiten Ich erzählen musste, würde morgen kommen, wenn sie den nächsten Behandlungstermin bei ihm hatte.
   Das Licht im Raum wurde schwächer, nur der Bereich, in dem Christoph saß, wurde angestrahlt. Er erzählte, wie ihm die Idee zu diesem Buch gekommen sei, auf welche Weise er an den jeweiligen Stoff heranging, wie er die Figuren kreierte und wie lange er brauchte, bis er ein Buch fertig geschrieben hatte. Seit dem ersten Satz hing Lisa an Christophs Lippen. Gierig saugte sie jedes Wort auf und konnte immer noch nicht fassen, dass er es war, der so spannende Geschichten erfand. Vor etwa drei Jahren hatte sie zum ersten Mal ein Buch von Chris Winter gelesen und sich später einen weiteren Thriller gekauft. Es bestand also auf diese Weise eine Verbindung zu ihm. Und hier an Bord hatte das Schicksal ihn ihr als Patient in die Hände gespielt.
   An einer besonders spannenden Stelle stoppte Christoph. Das konnte er doch nicht machen. Nicht gerade jetzt. Das Licht flammte auf. Applaus brandete auf. Christoph stand auf und verbeugte sich. Die Moderatorin tauchte wieder auf, wies auf den Büchertisch in der Nähe des Ausgangs und fügte hinzu, Chris Winter würde dort sehr gern seine Bücher signieren.
   »War das nicht fantastisch? Er schreibt nicht nur spannend, er schafft es auch mit gesprochenen Worten, jeden in seinen Bann zu ziehen.« Frau Freising kramte in ihrer Tasche und förderte ihre Bücher zutage. »Er wird sich wundern, wie viel ich von ihm signiert haben will. Kommen Sie mit, Schätzchen?«
   »Ich bleibe noch einen Moment sitzen und lasse den Abend ein bisschen sacken. Es reicht mir, wenn ich als Letztes drankomme. Jedenfalls danke ich Ihnen, dass ich Sie begleiten durfte. Ohne Sie hätte ich vermutlich nie erfahren, dass Chris Winter an Bord ist. Soll ich Sie nachher zurück in die Kabine begleiten?«
   »Das ist absolut nicht nötig. Ich werde mich noch ein bisschen in den Gesellschaftsräumen aufhalten. Vielleicht habe ich ja die Gelegenheit, ein bisschen mit meinen Schätzen anzugeben.« Frau Freising erhob sich und tätschelte Lisas Schulter. »War mir ein Vergnügen, mit Ihnen diesen aufregenden Abend zu teilen.« Sie streckte sich, hängte sich ihre Tasche über den Arm und drückte ihre Buchschätze an ihren Busen. »Warten Sie nicht zu lange, sonst bekommen Sie kein Buch mehr ab. Da vorn ist schon ein mächtiges Gedränge.« Dann eilte sie von dannen.
   Lisa strich behutsam über den Einband des Buches, das Christoph ihr signieren sollte. Sie konnte noch immer nicht begreifen, dass der Mann, der sie heute früh geküsst hatte und der ihr seit der ersten Begegnung nicht mehr aus dem Kopf ging, ein solch fantastischer Autor war. Sie hatte in ihm eher einen erfolgreichen Geschäftsmann vermutet. Er schien eine Menge Geld mit seinen Büchern zu verdienen, wenn er sich eine Suite leisten konnte. Jetzt fiel ihr auch wieder ein, warum er ihr bekannt vorgekommen war. Irgendwann hatte sie mal ein Interview gelesen, bei dem er abgebildet gewesen war.
   Vor dem Büchertisch herrschte noch immer Gedränge. Ansonsten war sie die Einzige, die noch auf ihrem Platz saß, aber das machte ihr nichts aus. Ein paar Minuten wollte sie hier noch warten.
   »Ist alles in Ordnung mit Ihnen?«, sprach sie eine weibliche Stimme an.
   Lisa sah auf und in das Gesicht der Dame, die vorhin die Ansage gemacht hatte. »Ja, danke. Natürlich. Ich hatte nur keine Lust, im Gedränge zu stehen. Es macht mir nichts aus, bis zum Schluss zu warten.«
   »Dann ist es ja gut. Inzwischen wird es leerer. Sie müssen also nicht mehr lange ausharren.« Die Dame nickte Lisa noch einmal zu und eilte zurück zum Büchertisch.
   Lisa stand auf und ging ihr langsam nach. Mit einem Mal hielt sie nichts mehr auf ihrem Stuhl. Sie wollte nur noch eines, Christoph nahe sein. Nach ein paar Minuten stand nur noch sie vor dem Signiertisch. Christoph sah auf, lächelte sie an. »Hallo Lisa«, sagte er leise.
   »Hallo.« Warum krächzte ihre Stimme? Lisa schob ihr Buch über den Tisch. »Schreibst du mir was rein?«
   »Du kennst eines meiner Bücher?«, fragte Christoph erstaunt.
   »Eines?« Lisa schmunzelte. »Du bist gleich doppelt in meinem Bücherregal vertreten.«
   »Wirklich?« Er klappte das Buch auf und schrieb etwas mit einem schwarzen Edding hinein. Dann gab er es ihr zurück.
   »Dein Neues hol ich mir eben. Das musst du natürlich auch noch signieren.«
   »Warte, Lisa. Das musst du dir nicht kaufen. Es wäre mir eine Ehre, wenn ich es dir schenken darf.« Christoph stand auf und ging zu dem Tisch, wo nur noch wenige Bücher lagen.
   Lisa schaute in das Buch, das er ihr eben signiert hatte. Sie war so gespannt.
   Für eine junge bildschöne Frau, die das Schicksal in meine Kabine gespült hat, und unter deren kundigen Händen ich zu Wachs werde. Christoph
   Ein Schauder rieselte über Lisas Haut und sie biss sich auf die Lippen, um die Tränen zurückzuhalten, die ihr in die Augen drängten. So etwas Schönes hatte sie nicht erwartet. Sie hob den Kopf, sah direkt in Christophs bernsteinfarbene Augen, die sie etwas unsicher ansahen. »Danke«, flüsterte sie und konnte nicht verhindern, dass nun doch eine Träne den Weg über ihre Wange fand und knapp am Buch vorbei auf ihre Hand tropfte.
   Christoph kam um den Tisch herum und wischte ihr mit dem Daumen die Tränenspur fort. »So schlimm?«
   »Nein. So schön.«
   »Für dein neues Buch muss ich mir noch etwas überlegen. Reicht es dir, wenn ich es dir später gebe? Ich hoffe, du hast noch einen Moment Zeit. Ich will nur zusammenpacken und mich verabschieden.«
   Lisa nickte und wartete, bis er bei ihr war.
   »Komm, lass uns gehen. Sie wollen hier schließen.« Christoph legte einen Arm um ihre Schultern, unter dem anderen klemmte ein Karton mit den wenigen Büchern, die nicht verkauft worden waren. Er führte sie aus dem Veranstaltungsraum.
   Lisa war wie in Trance, als sie mit Christoph zu den Aufzügen ging. Sie sah, wie er auf die Zwölf drückte, als sie den Aufzug betraten. Er hatte sie nicht gefragt, ob sie ihn in seine Suite begleiten würde. Aber das brauchte er auch nicht. Für sie gab es gerade nur diesen einen Weg, und er fühlte sich goldrichtig an.

Kapitel 4

Lisas Herz klopfte zum Zerspringen, als Christoph die Kabinentür öffnete und sie eintreten ließ. Nach ein paar Schritten blieb sie stehen. Hinter ihr fiel die Tür ins Schloss. Sie hörte, wie Christoph den Karton auf dem Boden abstellte. Schon spürte sie seine Hände, die sich auf ihre Oberarme legten, seinen Mund, der ihren Nacken küsste.
   »O Lisa …«, flüsterte er mit heiserer Stimme und drehte sie zu sich um. Er nahm ihr das Buch aus der Hand, das sie an ihre Brust gedrückt hielt, und legte es auf dem Tisch ab. Dann schlang er seine Arme um ihren Körper und zog sie an sich. »Es war eine wunderbare Überraschung, dich in der ersten Reihe zu entdecken. Woher wusstest du …«
   »Ich wusste es nicht. Ich hatte Ausschau nach dir im Publikum gehalten, weil ich dein Buch auf dem Tisch gesehen und gehofft hatte, du würdest dir die Lesung nicht entgehen lassen wollen. Mich hatte eine Kundin aus dem Wellnesscenter eingeladen, sie zu begleiten. Hätte sie das nicht getan, wüsste ich nicht, dass du Chris Winter bist.«
   »Lass uns später weiterreden.« Seine Hände gingen auf ihrem Rücken auf Reisen, lösten ein wohliges Kribbeln aus. »Es wird höchste Zeit, da weiterzumachen, wo wir heute Morgen unterbrochen wurden.«
   Lisa sah zu ihm auf, erschauderte, weil sein Blick so viel Leidenschaft versprach. Sie reckte sich ihm entgegen, als er sich zu ihr herabbeugte. Sie schloss die Augen und seufzte leise. Seine Lippen fingen ihre ein und nahmen begierig von ihnen Besitz. Seine Zunge drang in ihren Mund, suchte ihre. Lockte, reizte, begann einen heißen Tanz, bei dem Lisa zu zerschmelzen glaubte. Seine Hände wanderten tiefer, legten sich auf ihren Po, drückten ihren Körper noch dichter an seinen. Sie spürte seine Erregung, die sich heiß und fordernd an sie drückte und ihr sagte, wie sehr er sie begehrte. Ja, sie wollte ihn auch, ganz dringend. Seine Hände schlüpften unter ihr Oberteil, schoben es so hoch, dass sie ihren Kuss unterbrechen mussten, damit er ihr den störenden Stoff über den Kopf ziehen konnte. Sie atmete heftiger, als er langsam mit dem Zeigefinger den Rand ihres Spitzen-BHs nachzeichnete. Ihre Brustwarzen zogen sich zusammen, drückten sich durch den dünnen Stoff, als bettelten sie um Beachtung. Mit beiden Daumen strich Christoph über ihre Knospen, lockte sie, wodurch sie noch härter wurden. Lisa schwankte, krallte sich an seinem Hemd fest. Da umfing Christoph sie und fummelte den Verschluss ihres BHs auf. Er bugsierte sie gegen die nächste Wand, die ihr ein bisschen Halt gab, und streifte ihr das Wäschestück ab, das er einfach auf den Boden fallen ließ. Seine Hände umfassten ihre Brüste, massierten sie auf sehr erregende Weise. Wieder ließ er seine Daumen über ihre Brustwarzen gleiten. Jetzt fühlte es sich sanfter an, weicher als vorher durch den Spitzenstoff.
   Lisa schloss die Augen, lehnte ihren Kopf an die Wand hinter sich und drückte ihm ihren Oberkörper entgegen. Mit den Händen tastete sie über seinen Brustkorb, suchte die Hemdknöpfe, um einen nach dem anderen zu öffnen.
   Christoph schob ihre Hände beiseite, umfasste ihre Unterarme und drückte sie nach oben, bis sie über ihrem Kopf die Wand berührten. »Bleib so.« Er beugte seinen Kopf und strich mit der Zungenspitze erst über eine, dann über die andere Brustwarze. Dann nahm er eine zwischen seine Lippen, während er die andere mit seinem Daumen stimulierte.
   Das süße Ziehen, das von ihren Brüsten bis hinunter in ihren Schoß wanderte, überwältigte Lisa.
   »Ich will dich«, murmelte Christoph, ohne seine Lippen von ihr zu nehmen. »So sehr, dass ich es kaum noch aushalten kann.« Langsam glitten seine Lippen tiefer, zogen eine Spur über ihren Bauch, während er vor ihr in die Hocke ging. Er schob ihr den engen Rock bis zur Taille hoch. Eine Hand schob er zwischen ihre Schenkel, drückte sie auseinander, während die andere an ihrem Bein auf und ab glitt. Lisa sehnte den Moment herbei, an dem er sie berühren würde. Ihr den String ausziehen oder wenigstens beiseiteschieben würde, um freien Zugang zu ihrer pochenden Scham zu bekommen.
   »Lass mal sehen, was sich hier unten Schönes verbirgt«, lockte er und strich mit dem Finger über den Stoff.
   Oh ja, mach weiter. Zieh mir das Ding endlich aus. Ihre Knie zitterten, als er mit dem Finger zwischen ihre Schamlippen glitt.
   »Es gefällt dir also«, interpretierte er ihre Nässe richtig. »Du riechst so verlockend, wie die pure Sünde.«
   Lisa quiekte, als er einen Finger in sie schob, ihn wieder herauszog, um ihn gleich darauf wieder in sie zu tauchen.
   »Ich will dich auch«, flüsterte sie.
   Er ließ von ihr ab und stand auf, umfasste ihren Po mit beiden Händen und hob sie hoch. Instinktiv schlang sie ihre Arme um seinen Nacken, ihre Beine um seine Hüften und verschränkte ihre Füße hinter seinem Rücken. Ihre Lippen suchten seine. Sie tauchten ein in einen heißen, leidenschaftlichen Kuss. Es war ein Gefühl wie zu schweben, als Christoph mit ihr quer durch die Kabine ging, bis sie sein Schlafzimmer betraten. Aneinandergeklammert sanken sie auf sein Bett. Christoph löste sich aus ihrem Kuss, zog eine erregende Spur mit seinen Lippen an ihrem Hals entlang, über ihre Brüste, den Bauch hinab, bis er den zusammengeknüllten Rock erreichte. Er richtete sich auf, zerrte an dem Stoff, bis er ihn ihr ausgezogen hatte. Der String folgte. Vollkommen nackt lag sie vor ihm und spürte den bewundernden Blick, der ihre erhitzte Haut liebkoste. Hastig zerrte er an den Hemdknöpfen, die sich viel zu langsam öffnen ließen. Er stand auf und zog mit dem lästigen Beinkleid auch seine Unterhose aus.
   Gebannt starrte Lisa auf seine Erektion, die befreit aus dem Stoff nach oben schnellte. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen, weil sie den Moment nicht erwarten konnte, an dem sie endlich eins werden würden.
   Doch Christoph schien anderes im Sinn zu haben. Er kniete sich auf den Rand des Bettes, schob ihre Beine auseinander und versank zwischen ihren Schenkeln. Er küsste die Innenseite ihrer Schenkel, ihren Venushügel, zog eine Spur an ihren Lenden entlang. Ihre Haut prickelte, wo er sie küsste und streichelte. Nur da, wo sie es unbedingt wollte, berührte er sie nicht. Nach quälenden Minuten glitt sein Mund endlich tiefer.
   Unwillkürlich spreizte sie ihre Beine noch ein Stück, um ihm zu zeigen, was sie wollte. Sie hörte ihn leise lachen, er hatte sie durchschaut. Federleicht ließ er seine Zungenspitze über ihre nassen Lippen tanzen.
   Mehr! Bitte mehr!
   Seine Zunge tauchte in sie, leckte und lockte, um weiterzuwandern, bis er ihren Lustpunkt erreichte. Mit zwei Fingern schob er die Haut, die ihren Kitzler schützte, beiseite. Sie legte ihre Hände um seinen Kopf, zog ihn näher zu sich heran, weil sie noch mehr wollte, als er ihr ohnehin schon gab. Da schob er einen, nein zwei Finger tief in sie, zog sie raus, schob sie wieder hinein. Langsam erst, dann schneller. Wie Blitze schossen heiße, intensive Gefühle bis tief in ihren Bauch. Er reizte, besänftigte, reizte wieder, bis sie sich stöhnend auf seinem Bett hin und her wälzte. Und dann, als wüsste er, dass sie genau das brauchte, begann er, an ihrer Perle zu saugen.
   »Ja, ja …« Sie bäumte sich auf, zitterte, stöhnte laut, als Christoph sie unerbittlich zum Höhepunkt führte.
   Seine Zärtlichkeiten wurden langsamer, beruhigender, aber er hörte nicht auf, sie zu verwöhnen.
   »Komm …«, flüsterte Lisa, weil sie ihn endlich ganz wollte.
   Christoph hangelte mit einer Hand zur Schublade seines Nachtschranks und zog sie auf. Er nahm ein Kondom heraus, riss die Folie auf und rollte sich den Schutz gekonnt über. »Es wird höchste Zeit«, flüsterte er und beugte sich über Lisa.
   Sie schmeckte ihre eigene Feuchtigkeit, als er sie küsste und gleichzeitig seine Erektion in sie schob.
   Langsam bewegte er sich in ihr, drang aber dennoch tief in sie ein. Sie schlang ihre Beine um seine Hüften, damit er noch ein Stück tiefer kommen konnte. Allmählich erhöhte er das Tempo, brachte Lisa erneut an den Rand eines Orgasmus. Er schien zu spüren, dass sie gleich kommen würde, denn er bewegte sich noch schneller. In wildem Stakkato trieb er sie an, bis sie sich wimmernd an ihn klammerte und ein neuer Höhepunkt sie überrollte. Da kam auch er mit einem tiefen Aufstöhnen und sackte über ihr zusammen.
   Irgendwann, Lisa hatte jegliches Zeitgefühl verloren, lösten sie sich voneinander. Christoph küsste sie zärtlich, dann stand er auf und ging ins Bad. Lisa döste weiter, spürte diesem erregenden Erlebnis nach. Noch nie hatte sie sich so schnell einem Mann hingegeben, noch dazu einem Fremden. Und doch verspürte sie keine Reue. Es fühlte sich immer noch richtig an, obwohl es nicht mehr sein würde als eine kurze Affäre, die nicht länger dauern konnte als diese Kreuzfahrt. Das machte sie traurig und rasch verdrängte sie diese Gedanken. Sie wollte jetzt nicht traurig sein, dieses Gefühl würde sie sowieso viel zu früh ereilen. Sie wollte die Momente, die sie beide hatten, genießen, wenn er es auch wollte. Sie hoffte es.
   Als Christoph zurückkam, lächelte er. Das war doch schon mal ein gutes Zeichen. Er legte sich wieder neben sie, zog sie in die Arme. »Bleibst du heute Nacht bei mir?«
   »Ähm, ja … also, ich weiß nicht.«
   Als Christoph sie mit hochgezogener Augenbraue ansah, strich sie beruhigend über seine Wange. »Nichts würde ich lieber tun. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist. Was, wenn das jemand entdeckt? Ich würde mächtig Ärger bekommen. Affären zwischen Besatzungsmitgliedern und Passagieren werden nicht toleriert. Das steht sogar in meinem Vertrag.«
   »Wer sollte das herausbekommen?« Christoph zeichnete undefinierbare Zeichen auf ihren Bauch, auf ihren Busen.
   Wieso kribbelte das schon wieder so wunderbar? »Ich kann es mir einfach nicht leisten, diesen Job zu verlieren.« Lisa rückte noch näher an Christoph heran. »Aber einen Augenblick kann ich noch bleiben. Außerdem komme ich in ein paar Stunden zurück, um deine Schulter zu therapieren.«
   »Für offizielle zwanzig Minuten. Wir könnten in der Zeit natürlich auch …« Der Rest blieb ungesagt, weil sich Christoph über Lisa beugte und an ihrer Unterlippe zu knabbern begann.
   »Es ist so verrückt, was wir hier tun«, flüsterte Lisa und ließ sich erneut zu einer sinnlichen Knutscherei verführen.
   »Du schmeckst so süß«, murmelte Christoph an ihren Lippen. »Wenn ich daran denke, dass ich diese Reise beinahe nicht angetreten hätte … Wir wären uns nie begegnet. Und das wäre verdammt schade.«
   »Warum wolltest du sie nicht antreten?«
   »Weil irgendetwas bei der Buchung, die mein Verlag in die Hand genommen hatte, schiefgelaufen war und die Kabine, die ich eigentlich gebucht hatte, doppelt belegt wurde. Deshalb bekam ich kurzfristig diese Suite.«
   »Eigentlich kannst du froh sein, dass es so gekommen ist, denn die ursprüngliche Kabine wäre sicher weit mehr als die Hälfte kleiner und weniger komfortabel.«
   »Darauf kommt es mir nicht an. Obwohl es sicher Vorteile hat, wenn man als Luxuspassagier eingestuft wird.«
   Lisa schmunzelte. »Hat es. Sonst hättest du zur Behandlung in unser Wellnesscenter kommen müssen. Keine Ahnung, warum meine Chefin diesem besonderen Service, den du genießen darfst, zugestimmt hat. Normalerweise machen wir das nicht.«
   »Und dann noch diese Sonderbehandlungen spät in der Nacht.« Christoph zupfte an einem ihrer Nippel. »Da hab ich wohl richtig Glück gehabt.«
   Lisa sog scharf die Luft ein. Nicht, weil es wehtat, sondern weil es so überraschend kam. »Hast du. So was mach ich sonst nicht. Niemals würde ich die Kabine eines fremden Mannes betreten und mich von ihm verführen lassen.«
   »Nicht?« Christophs Hand glitt zwischen ihre Schenkel und entlockte ihr ein sehnsuchtsvolles Stöhnen. »Dann ist es ein absolutes Glück, dass wir uns schon einen Tag vorher getroffen haben. Nicht auszudenken, was wir alles verpassen würden …«
   »Da hast du vollkommen recht.« Lisa umfasste Christophs Penis, der sich hart und fordernd an sie drückte, und rieb ihn. »Ich würde mich glatt dazu hinreißen lassen und noch ein Weilchen hierbleiben, wenn du mich ganz lieb bittest.«
   »Nichts lieber als das.« Christoph beugte sich über sie und zog eine Spur erregender Küsse über ihren Körper. Er schaffte es im Nu, sie erneut in seinen Bann zu ziehen. Lisa ließ sich fallen und genoss seine Leidenschaft.
   Sehr viel später schlich sie aus seiner Kabine und schaffte es, unentdeckt bis in ihre enge, einsame Kabine zu gelangen.

Kapitel 5

»Endlich!« Christoph zog Lisa am Ärmel in seine Kabine, gab der Tür einen Schubs mit dem Ellenbogen und zog sie an sich. »Du
   hast mich warten lassen«, beklagte er sich. »Glatte sieben Minuten.«
   Lisa lachte und knuffte gegen seine Brust. »Du Ärmster. Eine alte Dame hielt mich auf. Sie kam vom Frühstücken und war auf dem falschen Deck ausgestiegen. Die gute Frau fand sich nicht mehr zurecht. Ich habe sie …« Christophs stürmischer Kuss unterbrach ihren Redefluss. »… zurück in ihre Kabine begleitet.«
   »Du wirst die Zeit hoffentlich hinten dranhängen, oder?«
   »Aber natürlich.« Lisa löste sich aus seiner Umarmung. »Lass uns anfangen, damit wir nicht noch mehr Zeit vertrödeln.«
   »Gute Idee«, murmelte Christoph und riss Lisa erneut an sich. Seine Hände wanderten auf sehr erregende Weise über ihren Körper.
   »Ich bin … ich bin dienstlich hier«, erinnerte Lisa. »Also setz dich brav. Allerdings darfst du dein T-Shirt ausziehen.«
   Mit einem enttäuscht klingenden Seufzer ging Christoph zu dem Stuhl, den sie bereits bei der ersten Sitzung benutzt hatten. Er zog sein Oberteil aus und setzte sich.
   »Okay, dann wollen wir mal. Hast du die Übungen gemacht, die ich dir gezeigt habe?«
   »Ein- oder zweimal.«
   »Wenn du so nachlässig bist, dann bessert sich nichts, das muss dir klar sein.« Lisa bemühte sich um einen professionellen Ton, was ihr nicht leichtfiel. Seinen nackten Oberkörper zu betrachten, beschwor die vergangene Nacht hervor und den Wunsch, ihn zu liebkosen. Wie gern würde sie zärtlich seine Muskelstränge nachzeichnen, Küsse auf seinen Körper hauchen. Sie atmete tief durch und versuchte, sich zu konzentrieren. »Okay, zuerst wiederholen wir die Übungen, die ich dir gezeigt habe und wenn du alles mitmachst, werde ich dich noch massieren.«
   Der Blick, den ihr Christoph zuwarf, zeigte ihr deutlich, dass er bei dem Ausdruck Massage keineswegs an sein Schulterproblem dachte. Sie entschied sich, ihn etwas härter ranzunehmen, um ihm erstens zu zeigen, dass er unbedingt mitarbeiten musste, wenn er darauf hoffte, dass sie ihm half. Und zweitens, um ihn aus seinen erotischen Fantasien herauszukatapultieren. Schließlich hatte sie keine Zeit für seine Träume, auch wenn sie ihren eigenen vermutlich sehr nahe kamen. Aber denen konnte sie sich während ihrer Arbeitszeit nicht hingeben.
   »Schreibst du eigentlich an einem neuen Buch?«, fragte sie, als sie die therapeutischen Übungen hinter sich hatten und sie Massagelotion auf seiner Schulter verteilte.
   »Es gibt kaum eine Zeit, in der ich nicht schreibe«, erzählte Christoph. »Sobald ich ein Manuskript abgeliefert habe, fange ich das nächste an.«
   »Selbst, wenn du Urlaub machst?«
   »Ich mache keinen Urlaub. Jedenfalls nicht richtig. Weil ich einfach nicht abschalten kann.«
   »Bist du deshalb ständig in deiner Kabine und gehst nicht mal zum Essen ins Restaurant?«
   »Ja, so ist es. Diese Reise könnte ich mir nicht als Urlaub leisten. Nur, weil ich gerade einen Thriller schreibe, der auf einem Schiff spielt, habe ich mich auf ein paar Tage an Bord dieses Schiffes begeben. Und dann kam meinem Verlag die Idee, diese Recherchereise gleich mit einer Lesung zu verbinden. Zuerst war ich mir nicht sicher, ob das funktioniert.« Christoph wandte sich zu Lisa um. »Der gestrige Abend hat mich eines Besseren gelehrt.«
   »Also, ich fand es fantastisch.« Lisa knetete Christophs Schulter und kicherte. »Und dann noch die Überraschung, dass du Chris Winter bist. Nicht zu fassen.« In ihrem Bauch flatterte es plötzlich wie verrückt. »Und später …«
   »Ja?« Christophs Stimme wurde um einige Nuancen dunkler.
   Lisa beugte sich zu ihm, bis ihr Mund fast sein Ohr berührte. »Stell dir vor«, flüsterte sie, »er hat mich in seiner Kabine verführt.«
   »Nicht zu fassen«, empörte sich Christoph. Seiner Stimmlage entnahm Lisa, dass er sich das Lachen verkniff. »So ein Lüstling.«
   »Das sag ich dir. Ich konnte mich absolut nicht wehren.«
   »Ich hoffe, er ist wenigstens deinen Ansprüchen gerecht geworden.«
   »O ja, absolut. Und nun lenk mich nicht weiter ab. Ich habe nämlich zu arbeiten.« Vielleicht sollte sie den nächsten Termin ans Ende ihrer Schicht legen. Dann könnten sie die Massageeinheit gleich ein bisschen erweitern und in Körperregionen verlegen, an die sie momentan lieber nicht denken wollte. »Warum machst du eigentlich keinen Landgang? Madeira soll toll sein. Ich hab ja leider das Pech, die Passagiere, die an Bord bleiben werden, verwöhnen zu müssen.«
   »Oh, du sollst sie verwöhnen? Da melde ich mich gleich mal an.«
   »Dein Termin ist leider in dieser Minute abgelaufen«, erinnerte Lisa und gab ihm einen zärtlichen Klaps auf den Oberarm. »Wir sollten gleich den nächsten Termin ausmachen. Ist es morgen Abend okay?«
   »Wie wäre es mit heute Abend?«, fragte Christoph hoffnungsvoll. »Ich verspreche auch, bis dahin brav zu sein und die verordneten Verrenkungen zu machen, sofern mich mein Manuskript lässt.«
   »Ich verbitte mir solch eine flapsige Ausdrucksweise und hoffe, du bist dir im Klaren, wie wichtig diese Verrenkungen sind. Wenn du keine Lust dazu hast, warum bist du dann zum Doc gegangen?«
   »Sei nicht sauer, ich wollte dich doch nur ein bisschen aufziehen. Natürlich bin ich froh, dass du mir hilfst. Es ist auch schon besser. Ehrlich.«
   Lisa wischte sich die Lotion von den Händen. »Ich denke, es wird besser sein, wenn ich nach Feierabend noch mal kontrolliere, ob alles in Ordnung ist. Einverstanden?«
   Ehe sie reagieren konnte, war Christoph aufgesprungen und riss sie in die Arme. »Sehr einverstanden. Und wenn ich einen Abschiedskuss bekomme, dann werde ich es vielleicht sogar so lange aushalten können.«
   Der Kuss, in den Christoph sie zog, nahm Lisa den Atem, und versprach ihr weitere sinnliche Stunden mit diesem Mann, der es von der ersten Sekunde ihrer Begegnung geschafft hatte, sie in seinen Bann zu ziehen. Widerstrebend löste sie sich von ihm. »Christoph, ich muss jetzt wirklich los. Sonst bekomme ich Ärger.«
   Er strich ihr zart über die Wange und begleitete sie zur Tür. »Bis nachher. Lass mich nicht zu lange warten.«
   »Du wirst gar nicht merken, wie die Zeit verrinnt, wenn du erst wieder in deinem neuen Thriller steckst.«
   »Das hoffe ich.«

Lisa verließ gerade das Wellnesscenter, als das durchdringende Tuten des Schiffshorns das Ablegemanöver bekannt gab. Schon am Morgen hatte sie das Anlegen im Hafen von Funchal verpasst, weil sie zu lange geschlafen und im entscheidenden Augenblick unter der Dusche gestanden hatte. Glücklicherweise befand sich auf Deck dreizehn nicht nur der Wellness- und Fitnessbereich, sondern auch eines der Außendecks. Also konnte sie wenigstens das Ablegen beobachten. Sie beeilte sich, nach draußen zu kommen. Mit ihr beobachteten nur etwa ein Dutzend Gäste das Manöver, viel weniger, als sie erwartet hatte. Die meisten hielten sich sicher unten auf dem eigentlichen Sonnendeck auf, wo es auch einen Pool gab. Es war wirklich schade, dass sie Madeira schon wieder nicht hatte erkunden können. Aber wenigstens hatte sie ihren freien Tag, wenn das Schiff in Arrecife eintreffen würde. Lanzarote stand ganz oben auf ihrer Wunschliste von allen Kanaren und die Gelegenheit, die Insel zu erkunden, wollte sie sich keinesfalls entgehen lassen. Vielleicht konnte sie Christoph überreden, ebenfalls am Ausflug teilzunehmen. Es würde ihr ganz besonders gut gefallen, mit ihm die Insel zu besuchen. Nachher wollte sie ihn fragen. Sie beeilte sich, hinunter ins Restaurant für Besatzungsmitglieder zu kommen, denn ihr knurrte der Magen. Im Anschluss wollte sie rasch duschen und sich sorgfältig für ihre Verabredung mit Christoph zurechtmachen.

»Hallo Lisa. Lange nicht gesehen. Wo treibst du dich denn immer rum?«
   Lisa drehte sich zu der Stimme um, die ihr unangenehm bekannt vorkam. Tatsächlich, ausgerechnet Benny, wie sie es vermutet hatte. »Das geht dich gar nichts an. Es wäre sehr nett von dir, wenn du mich einfach in Ruhe lassen würdest.«
   »Warum so zickig?«
   »Huhu, Benny, hier sitz ich«, ertönte in dem Moment eine helle Stimme aus dem Hintergrund.
   Sollte ihr das Glück hold sein, und jemand Benny von ihr ablenken? »Weil du nervst. Deshalb.«
   Benny zuckte mit den Schultern. »Konnte ja nicht wissen, dass du so prüde bist. Hab eh inzwischen meine Fühler woandershin ausgestreckt. Auch andere Mütter haben schöne Töchter.«
   Puh, gerade noch mal gut gegangen. Lisa zwang sich zu einem Lächeln, obwohl ihr der Typ trotz seiner Behauptung nicht geheuer war. Sie würde ihm gegenüber auch in Zukunft vorsichtig sein, denn sie traute ihm nicht über den Weg. »Dann wünsche ich dir viel Glück mit deiner neuen Eroberung.« Sie wandte sich wieder ihrem Essen zu und beachtete ihren Kollegen nicht mehr.

Eine Stunde später betrat sie Christophs Kabine. Er sah ein bisschen zerzaust und müde aus, wie sie erstaunt feststellte. Sein Laptop war an, Aufzeichnungen lagen rechts und links neben dem Gerät. »Du arbeitest? Sag einfach, wenn ich wieder gehen soll. Ich könnte später …«
   Er wischte sich mit dem Unterarm über das Gesicht. »Nein, nein. Bleib.« Er kam näher und zeichnete mit dem Zeigefinger den Ausschnitt ihres Sommerkleides nach. »Es wird höchste Zeit für eine Ablenkung. Gib mir nur ein paar Minuten.«
   »Sicher?«
   »Ganz sicher.« Er beugte sich herab und küsste ihre Nasenspitze. »Der Gedanke, mit meinem Tagespensum fertig zu werden, bis du wiederkommst, hat mich zu Höchstleistungen angespornt.«
   »Du setzt dir ein Tagespensum? Wie kann man das einhalten, wenn man kreativ sein muss?«
   »Ich neige leider dazu, mich in Tagträumen zu verlieren, wenn ich mir nicht bestimmte Ziele setze, die ich täglich umsetzen muss. Und das Ziel, dich wieder in mein Bett ziehen zu können, hat mich unglaublich angespornt. Ich bin sogar schon ein Stück über mein Tagespensum hinaus.«
   Lisa lachte. »Ich glaube, ich fühl mich geehrt.« Sie legte ihre Hände auf seinen Brustkorb, fühlte seine Muskeln, seinen Herzschlag. »Bis du fertig bist, geh ich nach draußen und genieße die Meeresbrise.«
   »Mein bescheidener Balkon genügt dir hoffentlich.«
   »Er ist absolut perfekt.« Lisa reckte sich und gab Christoph einen Kuss. »Und nun tu, was du tun musst.«
   Er schlang seine Arme um ihren Körper und betrachtete sie mit funkelndem Blick. »Das hättest du besser nicht sagen sollen.«
   Bevor sie reagieren konnte, verschloss er ihren Mund mit einem heißen Kuss. Seine Zunge drang zwischen ihre Lippen und liebkoste ihre. Den ganzen Tag lang hatte sie sich nach seinen Zärtlichkeiten gesehnt und hatte Mühe gehabt, nicht ständig an seine Küsse, an seine Leidenschaft zu denken. Jetzt schwappten verdrängte Gefühle mit Macht über sie hinweg. Ihr wurde ganz warm im Bauch. Hoffentlich hatte Christoph nicht noch zu lange zu tun.
   Abrupt ließ er von ihr ab. Seine Hände legten sich an ihre Hüften und zogen den dünnen Stoff ihres Kleides empor. »Du wirst mir jetzt dein Höschen als Pfand geben«, forderte er.
   Was für eine Forderung. Ein Schauder der Erregung floss durch Lisas Körper. »Du bist verrückt«, flüsterte sie mit heiserer Stimme.
   Seine Lippen streiften ihre. »Mag sein. Aber es wird dich und mich auf das vorbereiten, was wir beide noch tun werden.«
   Was schwebte ihm vor? Sie kannte ihn kaum, konnte daher nicht einschätzen, wie sie seine Worte interpretieren sollte. Und trotzdem fieberte sie dem Moment entgegen, wo er sein Versprechen wahr machen würde.
   Seine Finger drängten sich unter ihren String und schoben ihn hinab. Er berührte sie nicht, obwohl sie das gerade so dringend brauchte. Im Nu hing ihr String um ihre Knöchel und sie hob erst den einen, dann den anderen Fuß, damit Christoph ihn ihr abstreifen konnte. »Das ist mein Pfand«, verkündete er triumphierend und hielt ihr das winzige Wäschestück entgegen. Als sie danach greifen wollte, zog er seine Hand zurück. »Den bekommst du nicht – vielleicht niemals.« Er drehte sich um und wandte sich seinen Aufzeichnungen zu. Den String legte er auf die Tastatur seines Laptops. Nicht zu fassen.
   Unschlüssig blieb sie einen Moment stehen und starrte auf seinen Rücken, während er in seinen Unterlagen kramte. Schließlich wandte sie sich um, um auf dem Balkon auf ihn zu warten.
    Sie schob die Balkontür auf, trat nach draußen und lehnte sich an die Brüstung. Der Blick über das unendliche Meer erfüllte sie immer wieder mit Ehrfurcht und sie war dankbar, auf diesem Schiff arbeiten zu können. Besonders jetzt, wo das Schicksal sie in Christophs Arme gespült hatte. Der Seewind frischte auf und sie fröstelte. Schauder liefen über ihren Körper und sie bekam eine Gänsehaut. Die Abendsonne schien zwar noch, doch die Seite des Schiffes, auf der sie sich befand, lag im Schatten. Ihre Brustwarzen zogen sich zusammen, nicht nur, weil es kühl war, sondern weil die Episode von eben ihr Verlangen anheizte. Der Wind bauschte den Saum ihres Kleides auf und strich über ihre nackte Haut. Unwillkürlich öffnete sie ihre Beine etwas weiter, damit der Wind die Stelle streichelte, die, seit sie diese Kabine betreten hatte, so heftig pochte und sehnsüchtig auf eine Berührung wartete. Hoffentlich beeilte sich Christoph. Lisa warf einen Blick in die Kabine. Von ihm keine Spur. Sie war sich sicher, dass er höchstens im Bad oder im Schlafraum sein konnte. Vermutlich würde er in Kürze auftauchen. Sie wandte sich wieder dem atemberaubenden Ausblick zu.
   Plötzlich spürte sie mit jeder Faser ihres Körpers seine Nähe. Alles in ihr sehnte sich danach, von ihm gehalten, von ihm verführt zu werden. Sie zeigte ihm nicht, dass sie sich seiner Gegenwart bewusst war. Sie wartete ab. Ein Windhauch streifte ihre Schultern, ihren Nacken. War es wirklich der Wind, oder war es sein Atem, den sie spürte?
   Er küsste ihren Nacken, die Linie ihres Halses, ihrer Schultern. Seine Fingerspitzen strichen an ihren Armen entlang, hinauf, hinab und wieder hinauf und sorgten dafür, dass immer neue Schauder über ihre Haut rieselten.
   »Ich will dich hier und jetzt«, flüsterte Christoph in ihr Ohr. »Bleib einfach so stehen und genieße die Aussicht.« Er schob die Träger ihres Kleides hinab, das gleich bis auf ihre Hüften hinabrutschte. Seine Hände tasteten sich nach vorn, umfingen ihre Brüste, massierten sie. Wie sollte sie die Aussicht genießen, wenn er so etwas mit ihr tat? Lisa lehnte sich an Christophs Oberkörper. Da spürte sie seine nackte Haut an ihrer. Diese Überraschung gefiel ihr.
   »Deine Nippel sind so hart«, murmelte er und nahm jeden zwischen Daumen und Zeigefinger. »Sie verdienen eine ganz besondere Behandlung, meinst du nicht auch?«
   Lisa keuchte auf, als er sie zusammendrückte, an ihnen zog und sie gleichzeitig hin und her drehte. Heiße Blitze schossen durch ihren Körper bis in ihren Schoß. Er ließ nicht nach, sie auf diese Weise zu stimulieren und Lisa konnte kleine Lustschreie nicht unterdrücken.
   »Pst, es könnte dich jemand hören«, mahnte Christoph. »Was sollen sie von dir denken? Oder von mir? Schließlich wohne ich momentan hier.«
   Das war ihr im Moment so was von egal. Hauptsache, er hörte nicht so schnell auf.
   Als Christoph ihre Brüste im gleichen Moment losließ, war sie enttäuscht. Dafür machten seine Zähne sie verrückt, die an ihrer Halsbeuge nagten. Seine Zunge, die gleich darauf beruhigend über diese Stelle strich.
   Er zerrte ihr das Kleid von den Hüften. Nun stand sie splitternackt an dem gläsernen Balkongeländer, wo sie jeder, der auf einem anderen Schiff vorbeifahren würde, entdecken konnte. Doch es fuhr kein Schiff vorbei. Die Bewohner der Kabinen drum herum konnten keinen Blick auf ihre Nacktheit werfen. Die konnten sie höchstens hören, sollte Christoph sie noch einmal auf solch intensive Weise verwöhnen wie eben. Ihr wurde bewusst, dass sie die Situation unter freiem Himmel, mitten auf dem Meer, besonders anheizte. Ebenso die Tatsache, dass ihnen jemand zuhören könnte. Was war nur mit ihr los?
   Christophs Hände glitten über ihren Körper, liebkosten ihre Brüste, wanderten über ihren Bauch tiefer, legten sich seitlich an ihre Taille. »Komm, stütz dich auf dem Geländer ab und zeig mir deinen süßen Po. Streck ihn mir entgegen«, drängte er.
   Lisa legte ihre Hände auf den alufarbenen Handlauf, der die Glasfläche abgrenzte. Christoph zog ihren Unterleib so weit zu sich heran, bis sich ihre Körper berührten. Haut berührte Haut. Ganz deutlich spürte Lisa, dass er untenherum ebenfalls nackt war. Seine Erektion drückte sich ohne Stoffbarriere an sie. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie hatte vermutet, dass er noch seine Hose oder wenigstens ein Handtuch trug. In ihrem Bauch kribbelte es. Er würde sie hier unter freiem Himmel, mitten auf dem Meer, lieben. Allein die Vorstellung machte sie an. Sie leckte sich über die Lippen und wackelte ein bisschen mit ihrem Hinterteil.
   »Sei nicht so ungeduldig.« Christoph küsste ihren Rücken, zog mit der Zunge eine Spur an ihrer Wirbelsäule entlang. Er schob seine Hand von hinten zwischen ihre Schenkel, strich über ihre pulsierenden Lippen und schob plötzlich einen Finger in sie. Gekonnt massierte er sie, nahm die andere Hand zu Hilfe, um gleichzeitig ihren Lustpunkt zu reizen.
   Lisa biss sich auf die Lippen, um ein Aufstöhnen zu unterdrücken. »O Christoph …«, stammelte sie, weil sie ein Ventil brauchte, um die Gefühle herauszulassen.
   »Pst.« Seine Aufforderung, ruhig zu sein, hinderte ihn jedoch nicht, sie fester zu stimulieren.
   Dieser Teufel. Wie sollte sie es aushalten, keinen Laut von sich zu geben, obwohl er so etwas tat? Sie atmete schneller, abgehackter. Ihr Körper zuckte im gleichen Rhythmus, in dem sie ihren Atem ausstieß. Sie wollte Christoph küssen, wollte, dass er das Stöhnen, das sie mühsam unterdrücken musste, von ihren Lippen nahm. »Küss mich«, flüsterte sie und drehte ihren Kopf in seine Richtung. Ihre Blicke begegneten sich.
   Seine Augen funkelten wie Bernstein, der von der Sonne angestrahlt wird. »Lisa …«, stammelte er. »Was machst du nur mit mir?«
   Sie mit ihm? Beinahe hätte Lisa gelacht. Sie stand doch nur hier an der Reling, während er mit und an ihr spielte, sie bis aufs Äußerste reizte.
   »Ich will nicht länger warten. Ich will dich jetzt.« Er zog seine Hände zurück, griff hinter sich und nahm ein Kondompäckchen vom Tisch. »Die ganze Zeit schon kann ich an nichts anderes denken als daran, tief in dir zu sein«, raunte er und drang von hinten in sie ein. Langsam bewegte er seinen Unterleib vor und zurück. Seine Hände umfassten ihre Brüste, kneteten sie.
   Lisa reckte sich und verrenkte sich fast den Hals, bis ihr Mund seinen erreichte. Aber das war ihr egal. Hauptsache, sie konnte in einem leidenschaftlichen Kuss versinken, während sie beide einem Höhepunkt entgegentrieben. Tief in ihrem Inneren spürte sie, wie sich allmählich ein Orgasmus aufbaute, der mit jedem seiner Stöße zunahm. Lisa keuchte auf, als er ihre prallen Nippel, die noch von vorhin glühten, auf die gleiche erregende Weise bearbeitete. Christoph erstickte ihren Laut, indem er seinen Mund noch fester auf ihren drückte, seine Zunge noch ungezähmter mit ihrer kämpfte. Sie wand sich in seinen Armen, fieberte dem Moment entgegen, an dem er sie über den Grat, auf dem sie wandelte, hinauskatapultieren würde. Und dann … endlich. Flammen schossen durch ihren Schoß, ihren Körper, raubten ihr beinahe die Sinne. Sie wollte nur noch gehalten werden, sich fallen lassen, doch Christoph ließ nicht nach. Und dann, nach ein paar Stößen, zuckte er, stöhnte in ihren Mund. Er schlang seine Arme so fest um sie, dass sie beinahe keine Luft mehr bekam. Und doch hatte sie sich nie geborgener gefühlt. Ihre Lippen lösten sich voneinander, sonst regten sie sich nicht. Christoph atmete ebenso hastig wie sie. Sein Gesicht war verschwitzt. Er hatte sich total verausgabt, das sah sie ihm an. Sie lächelte ihm liebevoll zu und wollte nur noch eines, eng umschlungen mit diesem Mann einschlafen, der ihr unglaubliche Höhenflüge bescherte.
   »Meine Beine zittern«, flüsterte Christoph. »Komm, wir setzen uns einen Augenblick.« Er zog Lisa mit sich und sank mit ihr zu Boden.
   Sie setzten sich einfach auf die Holzplanken, dicht aneinandergeschmiegt und versuchten, in die Realität zurückzukehren.

»Hast du Lust, morgen mit mir Lanzarote zu erkunden? Ich habe ausnahmsweise frei und will mir unbedingt die Insel ansehen.« Lisa lag neben Christoph in seinem Bett und stützte sich seitlich auf ihrem Arm auf. Sie versuchte, in der Dämmerung, die mittlerweile hereingebrochen war, sein Profil zu erkennen. Nachdem ihnen draußen kalt geworden war, hatten sie sich ins Bett verkrochen und eine Runde geschlafen. Nun war Lisa hellwach. Neue Energie durchströmte sie.
   »Für so was hab ich keine Zeit«, brummte Christoph verschlafen.
   »O bitte. Es wäre so toll, wenn du mich begleiten würdest. Dann macht so ein Ausflug gleich doppelt so viel Spaß.« Lisa krabbelte über Christoph hinweg und streckte ihren Arm aus, bis sie den Schalter der Lampe auf dem Nachtisch erreichte. Sie zwinkerte, als das Licht aufflammte.
   Christoph stöhnte auf und kniff die Augenlider zusammen. »Muss das sein?«
   Lisa schmunzelte. »Ja, muss es.« Sie küsste ihn auf die Lider, auf die Nasenspitze und fuhr mit ihrer Zungenspitze über seine Lippen. »Du kannst doch nicht ernsthaft eine Kreuzfahrt unternehmen und nicht wenigstens einmal von Bord gehen.«
   »Natürlich kann ich das. Ich bin schließlich nicht zum Vergnügen hier.«
   Es würde nicht leicht werden, Christoph von ihrem Plan zu überzeugen, das wurde ihr in diesem Augenblick klar. Fieberhaft überlegte sie, mit welchem Argument sie ihn überzeugen könnte. »Ich fände es sehr schön, wenn wir uns auch mal außerhalb deiner zugegebenermaßen recht komfortablen Suite zusammen vergnügen würden.«
   Christoph öffnete nun endlich die Augen und sah sie amüsiert an. »An was hast du konkret gedacht? Liebe am Strand, unter Palmen, in den Feuerbergen?«
   Immerhin hatte er schon mal von den Feuerbergen gehört. Geflissentlich ignorierte sie seine Anspielung auf ein erneutes Sexerlebnis. So toll der Sex mit ihm auch sein mochte, sie wünschte sich insgeheim mehr. Sie wollte mit ihm Arm in Arm über die Insel schlendern, sich die eine oder andere Sehenswürdigkeit anschauen, in irgendeiner Taverne essen gehen. Ab und an Küsse austauschen wie ein ganz normales Liebespaar.
   Waren sie überhaupt ein Liebespaar? Sie kannten sich kaum, obwohl sie, wenn sie aufeinandertrafen, ihre Hände kaum voneinander lassen konnten. Das, was sie miteinander verband, war höchstens eine Affäre. Zugegeben, eine heiße Affäre.
   Sie rutschte von ihm hinunter und legte sich wieder neben ihn.
   »Malst du dir gerade aus, wo du mich gern verführen würdest, wenn du mich vom Schiff locken könntest?« Christoph drehte sich zu ihr. Zärtlich schob er ihr eine Haarsträhne hinters Ohr.
   Lisa funkelte ihn an. Es ärgerte sie, dass er nur an das Eine denken konnte. »Stell dir vor, ich denke nicht ständig nur an Sex.«
   »Sondern?«
   »Ich fände es toll, wenn wir einen unbeschwerten Tag miteinander verbringen könnten.«
   »Das finde ich ja ganz süß von dir und es ehrt mich auch, dass du deinen freien Tag mit mir verbringen möchtest. Aber wie gesagt, ich bin zum Arbeiten hier. In wenigen Wochen ist Abgabetermin. Der kommt unerbittlich näher. Wie du weißt, bin ich nur hier, um an Bord zu recherchieren.«
   »Aber wie kannst du recherchieren, wenn du die ganze Zeit in deiner Kabine hockst?«
   »Ich hocke nicht nur in meiner Kabine. Meine Rundgänge habe ich bereits hinter mir. Stell dir vor, der Kapitän hat mich sogar auf die Brücke gelassen.«
   »Du warst beim Käpt’n?«
   Christoph grinste. »Da staunst du, was? Und den Maschinenraum durfte ich ebenfalls inspizieren. Schließlich muss ich jeden Winkel auf einem Schiff kennen, wenn ich das im Buch richtig rüberbringen will. Das habe ich alles schon erledigt, als die Blue Majestic noch in Las Palmas ankerte. Nun muss ich das Material verarbeiten und eventuell noch einmal über die Decks schleichen, falls mir etwas unklar ist.«
   »Das hört sich spannend an. Willst du mir nicht mehr darüber erzählen? Wovon handelt dein Thriller, außer, dass er auf einem Kreuzfahrtschiff spielt?«
   »Nein, das will ich nicht. Jedenfalls nicht jetzt.« Christoph zog Lisa an sich und vergrub seine Nase in ihrem Haar. »Viel lieber möchte ich gemütlich mit dir hier liegen. Ein bisschen schmusen, ein bisschen …« Seine Hand glitt über ihre Brüste.
   »O nein, mein Lieber. Nicht schon wieder.« Lisa gab Christoph einen Klaps auf seine vorwitzige Hand. »Du hast mich dermaßen geschafft. Ich brauche eine Pause.«
   »Schade.« Christoph verzog sein Gesicht, aber Lisa erkannte, dass er sich das Lachen verkniff. Vermutlich hatte er seinen Wunsch nicht wirklich ernst gemeint.
   »Ich könnte mich vielleicht überreden lassen, morgen …«
   »Abgemacht.« Christoph grinste sie siegessicher an.
   »Aber nur, wenn du mich auf meinem Inselausflug begleitest. Sonst läuft nichts.«
   »Das ist Erpressung«, beklagte sich Christoph.
   »Macht nichts. Außerdem ist die Erfahrung eines Landgangs sicher ganz nützlich für deinen Roman. Du darfst den Ausflug sicher als Recherche verbuchen.«
   »Nicht zu fassen. Du spielst mit allen Mitteln.«
   Lisa knuffte Christoph gegen den Brustkorb. »Was ist nun? Kommst du mit?« Als er nicht antwortete, sah sie sich genötigt, ein bisschen Überzeugungsarbeit zu leisten. Sie küsste ihn, neckte ihn mit ihrer Zungenspitze. Dann rutschte sie tiefer und hauchte ein paar Küsse auf seinen Brustkorb. Er brummte genüsslich und legte sich bequemer hin.
   Da hatte er sich aber in den Finger geschnitten. Lisa hob den Kopf und lächelte ihn mit hoheitsvoller Miene an. »So, das reicht für heute. Sonst wirst du noch übermütig.«
   »Wer von uns wohl übermütig ist?«
   »Du, wer sonst?« Lisa schlug die Bettdecke zurück und stand auf. »Ich geh mal eben ins Bad.«
   »Süßer Hintern«, rief Christoph ihr nach.
   Als sie zurückkam, bemerkte sie Christophs bewundernden Blick, der über ihren Körper glitt und auf sie wirkte, als würde er sie streicheln. Gerührt schlüpfte sie zu ihm unter die Decke und kuschelte sich an ihn.
   »Bleibst du heute Nacht hier?«
   »Christoph, das Thema hatten wir doch schon.« Aber schön wäre es schon, wenn sie Arm in Arm einschlafen und genauso morgens wieder aufwachen würden. Das wäre beinahe so, als wären sie ein richtiges Liebespaar.
   »Du hast doch frei, du könntest bei mir genauso gut ausschlafen. Niemand würde es erfahren, wenn du hierbleibst.« Er zog sie in seine Arme, küsste sie aufs Haar. »Bitte bleib.«
   »Warum?« Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als sie diese Frage stellte und sie hoffte, er würde ihr die richtige Antwort geben.
   »Weil ich mir gerade nichts Schöneres vorstellen kann, als mit dir einzuschlafen und morgen früh mit dir aufzuwachen.«
   »Das hast du schön gesagt. Machst du das Licht aus?«
   Er löste sich von ihr, griff hinter sich und löschte das Licht. Dann zog er sie wieder in seine Arme. »Träum was Schönes, mein Engel«, flüsterte er und küsste sie auf ihr Ohrläppchen.
   Lisa biss sich auf die Lippen und kniff ihre Augen zusammen, um die Tränen, die ihr vor Rührung in die Augen zu steigen drohten, zu unterdrücken. Sie war froh, dass Christoph das nicht bemerkte. Wenig später lauschte sie seinen ruhigen Atemzügen.
   Lisa konnte nicht einschlafen. Nicht, weil sie sich unwohl neben Christoph fühlte – im Gegenteil. Und genau das war der Knackpunkt, der ihr zu schaffen machte. Sie war nämlich drauf und dran, sich Hals über Kopf in diesen Mann zu verlieben. Doch was hätte das für einen Sinn? Er würde in wenigen Tagen dieses Schiff verlassen, während sie noch beinahe ein halbes Jahr über die Meere schippern würde. Verdammt! Er würde heimreisen, sich in seinem Roman verkriechen und nicht mehr an sie denken, während sie den Stunden, die sie zusammen verbracht hatten, hinterherheulen würde. Sie starrte in die Dunkelheit und fragte sich, was er in ihr sah. Nur ein spontanes Sexabenteuer? Eine kleine Abwechslung von seinen Thrillerabenteuern? Okay, sein Wunsch, sie über Nacht in den Armen halten zu können, versprach mehr als reine sexuelle Anziehungskraft. Oder täuschte sie sich? Machte sie sich etwas vor? Sollte sie ihn darauf ansprechen, bevor er das Schiff verlassen würde? Vielleicht würde er sie auslachen. Das würde sie nicht aushalten können, das wusste sie jetzt schon. Vielleicht sollte sie sich lieber treiben lassen, die Zeit genießen, die sie zusammen sein konnten.
   Christoph bewegte sich neben ihr, schob seine Hand, die seit geraumer Zeit auf ihrem Bauch lag, höher. Genau über ihrem Herz blieb sie liegen. War er wach? Sie lauschte seinen ruhigen Atemzügen. Nein, er schlief tief und fest. Ob er trotzdem ihren wilden Herzschlag spüren konnte? Lisa schloss die Augen und atmete ein paar Mal tief in ihren Bauch, in der Hoffnung, zur Ruhe zu kommen, nicht mehr nachdenken zu müssen.
   Christoph rückte mit dem Kopf dicht an ihren und gab ein zufriedenes Brummen von sich. Sie wagte nicht, sich zu bewegen, weil sie ihn nicht wecken mochte. Würden sie noch einmal eine gemeinsame Nacht verbringen? Das wünschte sie sich in diesem Moment sehnlich und ebenso sehr, wie sie sich wünschte, nicht arbeiten zu müssen, sondern wie Hunderte andere Personen an Bord diese Reise als Urlaub genießen zu können. Was für dumme Gedanken. Nicht nur sie musste arbeiten, sondern Christoph auch. Jedenfalls beteuerte er das immer wieder. Sie seufzte leise. Warum musste das Leben so kompliziert sein?
   Feuchte Lippen streiften mit einem Mal ihre Wange.
   »Bist du wach?«, fragte Christoph leise.
   Lisa nickte. Sprechen konnte sie nicht, weil es ihr gerade den Hals abschnürte.
   »Ich habe mich lange schon nicht mehr so wohl gefühlt«, flüsterte Christoph in die Dunkelheit. »Was machst du nur mit mir?«
   Diese Frage hatte er ihr schon einmal gestellt, allerdings in einer wesentlich delikateren Situation.
   »Ich weiß nicht …«, hauchte Lisa mit erstickter Stimme.
   Christoph musste es bemerkt haben, denn er hob den Kopf. »Was ist los?«
   »Ich … ähm … ich bin bloß eine dumme Gans.«
   »Aber eine ganz süße.« Christoph lachte leise, aber er schien zu spüren, dass ihr etwas zu schaffen machte, denn er rutschte mit dem Oberkörper über sie. Sein Gesicht war ihrem ganz nahe, das spürte sie, weil sein Atem sie streichelte.
   »Also los. Sag schon, warum du nicht schläfst.«
   »Ich … also ich musste daran denken, dass du bald von Bord gehen wirst und dass ich vermutlich ständig an den Mann denken werde, der in dieser Kabine gewohnt hat. Der mit mir unglaubliche Dinge getan hat und alles nur, weil ich die einzige Physiotherapeutin an Bord bin.«
   »Ich weiß zwar gerade nicht, was das mit deinem Beruf zu tun hat …«
   »Weil ich die Einzige war, die deinen Schulterschmerzen auf den Leib rücken kann. Zufälligerweise. Sonst wären wir uns nie begegnet.«
   »Meinst du?«
   »Wie hätte das passieren sollen? Du verschanzt dich in deiner Kabine, ich arbeite im Wellnesscenter, das du, wenn ich mich recht erinnere, nicht betreten wolltest. Außerdem hätte ich mich niemals auf dieses Deck verirrt.«
   »Du warst bei meiner Lesung.«
   »Stimmt. Ich hätte im Geheimen von dir geschwärmt wie ein Teenager, der seinen Lieblingsstar anhimmelt. Du hättest mich vermutlich gar nicht wahrgenommen.«
   »Und wenn ich dir sage, dass du dich irrst?«
   »Vielleicht hättest du einen flüchtigen Blick auf mich geworfen, aber mehr auch nicht.«
   »Es ist unsinnig, darüber nachzudenken, was gewesen wäre, wenn ich nicht diese Probleme bekommen hätte. Also hör auf, dir so viele Gedanken zu machen. Lass uns die Zeit, die wir zusammen haben, genießen.«
   Lisa schlang ihre Arme um Christophs Nacken, kraulte seinen Haaransatz. »Okay, du hast recht. Wie ich schon sagte, ich bin eine dumme Gans.«
   Christoph verschloss ihren Mund mit seinem. Vermutlich, damit sie aufhörte, weiter so ein dummes Zeug zu reden. Sie schob ihre Gedanken von sich und erwiderte seinen Kuss. Ein wohliges Gefühl durchströmte sie und sie nahm sich vor, jede Sekunde, die ihnen noch blieb, zu inhalieren.
   »Schlaf jetzt«, flüsterte Christoph, als sich ihre Lippen voneinander lösten. Er rutschte von ihr hinunter, blieb aber dicht neben ihr liegen und legte wieder seine Hand auf ihre Brust.
   »Sorry, dass ich dich vom Schlafen abhalte.«
   »Hör auf, so einen Quatsch zu denken. Wenn es mich nicht interessiert hätte, dann hätte ich dich auch nicht gefragt, was mit dir los ist.«
   »Okay, Punkt für dich.« Lisa kuschelte sich an ihn. »Kommst du morgen mit?«, fragte sie nach einer Weile des Schweigens. »Ich mein ja nur, weil du gesagt hast, wir sollten jeden Moment genießen.«
   »Du gibst wohl nie Ruhe?«, brummte Christoph, aber es hörte sich nicht verärgert an.
   »Nicht, wenn ich etwas unbedingt will.«
   »Ich erzähl dir erst morgen früh, dass ich von Anfang an vorhatte, dich zu begleiten.«
   Mit einem triumphierenden Lächeln auf den Lippen schloss Lisa ihre Augen und nahm sich vor, endlich zu schlafen.

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