Peitschen und Daumenschellen? O Gott! Dem ganzen Hype um Doms und Subs kann Lexy nichts abgewinnen. Ihre Freundin Natascha jedoch fliegt auf die Geschichte rund um den begehrten Mr. Grey, weswegen sich Lexy überhaupt zu dieser irrwitzigen Idee überreden lässt. Sie übernimmt Nats Identität und ihren Job, während sich diese eine luxuriöse Chartertour durchs Mittelmeer gönnt, um ihre neu erwachten Leidenschaften zu ergründen. Lexy hingegen lernt den eleganten, aber kühlen Steven Lewis kennen, der sie nach getaner Arbeit als Dank für ihre hervorragende Leistung auf seine Jacht einlädt. Zu dumm nur, dass dies ausgerechnet die Jacht ist, auf der Nat in die Geheimnisse des BDSM eingeführt wird. Wie sollen sie aus dieser Nummer bloß wieder herauskommen? Und wie soll sie den attraktiven Skipper Jaylen einsortieren, der ihr Herz wie verrückt klopfen lässt?

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ISBN: 978-9963-53-038-0

Seiten: 200

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Evanne Frost

Evanne Frost
Evanne Frost wurde 1964 in Nordrhein-Westfalen geboren. Nach der Fachoberschulreife jobbte sie zunächst für zwei Jahre als Redaktionsassistentin bei einer Wochenzeitung. Später absolvierte sie eine Ausbildung als Datenverarbeitungskauffrau und arbeitete viele Jahre als Programmiererin, Werbekauffrau und Web-Designerin. Bevor sie mit dem Schreiben anfing, war sie zuletzt in leitender Stellung als Ausbilderin für Fachinformatiker tätig. Ende 2006 wanderte sie mit ihrer Familie in die Republik Zypern aus. Sie lebt und arbeitet mit ihrem Mann, zwei Katzen und einem Hund in einem kleinen Bergdorf.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1
Flughafen Frankfurt, 31. Mai 2015

»O Gott …« Lexy biss sich vor Schreck auf die Unterlippe. Hatte sie etwa laut gesprochen?
   Der Mann am Check-in-Schalter hob den Blick und beugte sich vor. »Bitte?«
   »Ich …« Sie klammerte beide Hände um die Kante des Tresens in Brusthöhe. »Entschuldigung. Mir ist schlecht.« Sie stöhnte. »Die Luft hier drinnen …«
   Der Mann musterte sie (Lexy schluckte, musste beinahe würgen), sah hinab auf den Personalausweis in seinen Händen (O Gott! Mist! Mist! Mist!), betrachtete sie erneut (Jetzt war garantiert alles zu spät. Er würde Polizisten rufen, man würde sie verhaften und …). Mit einer Hand legte er den Ausweis, Bordkarte und ihre Gepäckabschnitte auf den Tresen, die andere senkte er auf einen Telefonhörer. »Soll ich Ihnen einen Sanitäter rufen?«
   Lexys Knie zitterten. Nicht umkippen, nur nicht umkippen! Mit bebenden Händen wischte sie das Ausweisdokument vom Tresen in ihre geöffnete Handtasche. »Danke, es geht schon. Die Aufregung …«
   Der Fluglinienangestellte nickte ihr zu, als verstände er alles, dabei verstand er überhaupt nichts, und das war nur zu ihrem Besten. »Gute Besserung und einen schönen Urlaub.«
   Lexy holte tief Luft, trat vorsichtig einen Schritt beiseite und wunderte sich, dass sie nicht schwankte. Sie senkte den Kopf und ging seitlich an den Schaltern vorbei. Mitreisende hasteten vorüber und nahmen zielstrebig ihren Weg zur Handgepäckkontrolle auf, als durchliefen sie das Prozedere jeden Tag. Schon immer hatte sich Lexy gefragt, wieso alle anderen Passagiere in Flughäfen immer wirkten, als hätten sie all das schon Tausende Male erlebt, während sie sich vollkommen unsicher fühlte und immer wieder nach Hinweisschildern Ausschau halten musste. Sie würde es wohl nie verstehen.
   Lexy folgte dem Strom, noch immer mit Beinen, die sich wie Wackelpudding anfühlten. Sie warf einen Blick zurück, doch der Betrieb an den Schaltern ging unverändert weiter. Kein Angestellter stürmte heraus, lief ihr hinterher – oder tuschelte mit Sicherheitspersonal, das angestrengt in ihre Richtung starrte. Sie war auf dem Weg ins Flugzeug. Sie war durch! Mit einem falschen Ausweis!
   Nicht gefälscht. Nur mit Nataschas Ausweis anstelle ihrem eigenen.
   Als Lexy endlich im Flugzeug saß und den Gurt um ihre Hüften schloss, wusste sie kaum noch, wie sie die letzten zwei Stunden überstanden hatte. Ihr Nacken war schweißnass, ihre Wangen glühten. Sie ließ den Kopf gegen die Bordwand sinken und starrte blicklos aus dem Fenster. Das, was sie hier gerade tat, war kriminell. Würde sie eine Gefängnisstrafe bekommen, wenn alles aufflog? Wie nannte man das Vergehen? Sich als eine andere Person auszugeben und mit deren Personalausweis das Land zu verlassen, war sicher kein Kavaliersdelikt mehr. O Gott, Alexa Winterfeld, auf was hast du dich eingelassen?
   Sie fischte ihr Handy aus der Handtasche und tippte in Google »Mit fremdem Ausweis ausweisen« ein. Prompt wurde sie bei Wikipedia fündig.
   Missbrauch von Ausweispapieren … Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe.
   Ihr Magen verdrehte sich zu einem Knoten. Sie hätte vor alldem ihr Gehirn einschalten sollen, anstatt sich auch noch auf dieses Abenteuer zu freuen. Lexy schaltete das Handy auf Flugmodus und ihre Gedanken glitten zurück zu vorgestern Abend, als Natascha ihr den dämlichsten Vorschlag ihres ganzen Lebens gemacht hatte.
   Sie hatten gemeinsam auf dem breiten Sofa im Wohnzimmer ihrer Zweier-WG gelegen. Nat mit dem Kopf in Richtung Tür, einen E-Book-Reader in den Händen, Lexy mit dem Kopf in Richtung Fenster, die Stöpsel ihres IPods und Love me like you do von Ellie Goulding im Ohr.
   Das Lied fand sie klasse, den Film, aus dem es stammte, nicht. Ganz im Gegensatz zu Nat, die sich nach dem gemeinsamen Kinobesuch flugs alle E-Books zu Shades of Grey gekauft hatte und diese verschlang wie eine Python eine Maus nach wochenlangem Fasten. Lexy schüttelte sich innerlich. Diesem Hype um Doms und Subs, überhaupt Sado-Maso-Kram, konnte sie nicht folgen. Sie verstand nicht, was andere Frauen an solchen Typen fanden. Von der Lovestory an sich hätte sie sich gefangen nehmen lassen können, denn klar war es reizvoll, einen charmanten, gut aussehenden, weltgewandten und noch dazu megareichen Mann zu erobern – oder sich von ihm erobern zu lassen – aber musste es einer sein, der ihrer Ansicht nach einen Knall hatte? Unterwerfung der Frau, völliger Gehorsam, Bestrafung, Sklavenvertrag … in ihren Ohren klang das einfach nur lächerlich. Und sie würde sich niemals davon überzeugen lassen, dass diese Männer (und natürlich auch die Frauen) nicht zumindest in sexueller Hinsicht einfach einen an der Klatsche hatten. Nee, nix für sie! Definitiv nicht! Dann lieber in der Art von Pretty Woman. Die Story war zwar ein Vierteljahrhundert alt, aber sie symbolisierte den Traum »Aschenputtel trifft Millionär« ohne dieses affige Gehabe eines Doms.
   Ja, affig. Ein anderes Wort wollte Lexy nicht dafür einfallen.
   »Oh«, rief Nat, zog das Wort nicht enden wollend in die Länge und übertönte die ausklingenden Takte von Ellie Goulding. »Hör nur mal!«
   Lexy pflückte die Stöpsel aus ihren Ohren. Es brachte nichts, Nat zu ignorieren oder so zu tun, als hätte sie ihre Freundin nicht gehört.
   Schon rüttelte Nat an Lexys Füßen. »Pass auf!« Sie begann, vorzulesen. »‚Wir haben nicht viel Zeit. Es wird nur ein kurzes Vergnügen werden, und eines, das nur für mich allein gedacht ist, nicht für dich. Verstanden? Du wirst nicht kommen, sonst werde ich dich versohlen‘, stößt er hervor. [Aus Shades of Grey – Geheimes Verlangen, Band 1; E. L. James]« Sie verzog das Gesicht vor Verzückung. »Ist das nicht geil? O Gott, wenn ich mir so einen Mann in meinem Bett vorstelle …«
   »Dann?«, fragte Lexy und drehte sich gelangweilt eine Haarsträhne um den Finger. »Was findest du daran so toll?«
   Nat maß sie mit einem Blick, der kaum mehr Verwunderung hätte ausdrücken können. »Ja, verstehst du das denn nicht?«
   Lexy schüttelte den Kopf. »Nein, weder, was du oder die Protagonistin als Frau daran so toll findest, noch was im vermatschten Gehirn dieses Spinners vorgeht. Sex ist Geben und Nehmen. Diesen Typen interessiert nur sein eigenes Vergnügen.«
   »Das siehst du falsch. Christian weiß genau, wohin er Ana damit treibt. Er bereitet sie vor auf eine unglaubliche Erfahrung, auf einen Akt, der ihr mehr Befriedigung verschaffen wird, als sie es jemals zuvor erlebt hat.«
   »Gib dir keine Mühe. Für mich ist und bleibt das krank. Als wenn mir nicht Dutzende anderer Möglichkeiten einfallen würden, wie ich meinen Partner stimulieren kann … oder er mich.«
   »Du verpasst eine unglaublich intensive Erfahrung.«
   »Ich verpasse gar nichts.« Lexy schnaubte. »Oder doch: Ich verpasse es, so einem verdrehten Typen zu begegnen. Du kannst mir nicht erzählen, dass du es prickelnd findest, deine Vagina mit Brennnesseln auspeitschen zu lassen?«
   »Das war ein ganz anderes Buch, da ging es um hartes BDSM. Bondage und Sado Maso in einer ganz anderen Form als das, was ich reizvoll finde.«
   »Und was soll das sein?«
   Nat setzte sich auf dem Sofa auf und suchte Lexys Blick. »Ich finde die Vorstellung von Dominanz und Unterwerfung erregend. Mir sind Vanillatypen zu langweilig. Ich würde unheimlich gern einmal praktische Erfahrungen mit einem geübten Dom machen.«
   »Du spinnst doch.«
   Nats Miene spiegelte Beleidigung. »Du bist ziemlich kleinkariert, weißt du das?«
   »Entschuldige. Ich hab’s nicht so gemeint. Es soll jeder so leben, wie er möchte. Nur für mich ist das einfach nichts. Ich möchte mich weder davon begeistern lassen noch mehr darüber wissen und es auch nicht ausprobieren.«
   Nat schwieg, sah Lexy nur weiterhin an.
   »Nun sei nicht eingeschnappt.«
   »Bin ich nicht. Ich wünschte nur, ich hätte gerade deine vier Wochen Urlaub.«
   »Was? Wie kommst du denn jetzt darauf? Das hat doch nichts miteinander zu tun.«
   »Nicht unbedingt, aber irgendwie auch doch.« Natascha schwang die Füße auf den Boden und zog ihr Notebook auf dem Couchtisch heran. »Schau mal.« Sie klickte und eine Luxusjacht erschien auf dem Bildschirm.
   »Sieht klasse aus. Und?«
   »Das stammt aus einem DS-Forum. Ein Angebot speziell für Frauen und Männer, die auf der Suche sind nach …«
   »Jaja, schon klar. Und?«
   »Mensch, Lexy! Guck es dir doch einfach mal näher an und lies die Beschreibung.«
   »Mir reicht schon die Überschrift.«
   »Dominance & Submission. Das ist ein Bereich, der zwar grundsätzlich zu BDSM gezählt wird, aber das Ganze umfasst sehr vielschichtige Arten von sexuellen Vorlieben bis hin zu komplexen Lebenseinstellungen. Dabei sind längst nicht alle Formen des BDSM abartig oder sogar gefährlich. DS ist für mich einfach eine intensiv reizvolle Vorstellung, die ich gern über die reine Fantasie hinaus erleben würde. Und das eben mit einem erfahrenen und verantwortungsvollen Partner. Genau darum geht es hier.«
   Lexy fiel keine Antwort darauf ein, die ihre Freundin nicht kränken würde. »Und was hat das nun mit meinem Urlaub zu tun?«
   »Das hier ist ein Reiseangebot. Drei Wochen auf einer gecharterten Luxusjacht mit drei Paaren, die vorher in einer einwöchigen Kennenlernphase zusammenfinden. Es ist kurzfristig ein Platz für eine Frau frei geworden – und die Kennenlernphase startet übermorgen.«
   »Und du möchtest dabei sein.«
   »Nichts lieber als das.« Nat seufzte. »Aber übermorgen geht mein Flug nach Mallorca, um ein Penthouse einzurichten. Ich kann das nicht absagen oder verschieben.«
   »Es gibt doch bestimmt noch mehr solcher Angebote zu einem anderen Zeitpunkt.«
   »Vielleicht. Dieses Angebot hier findet in Europa zum ersten Mal statt und es gibt noch keine weiteren Termine. Außerdem«, Nat klickte auf einen Link und eine Reihe von Fotos erschien auf dem Bildschirm, von denen sie das eines blonden Typen anklickte, »ist dann wohl dieser Mann hier nicht dabei. O Gott, schon sein Foto verursacht mir Herzklopfen.«
   »Aber du weißt doch gar nicht, ob er und du …«
   »Ich kenne ihn aus Chats, und wie es bisher aussieht, passt alles. Er würde es gern mit mir versuchen und einen Vertrag mit mir abschließen.«
   »Und was ist mit Liebe?«
   Nat bedachte Lexy mit einem schrägen Blick. »Das wird sich zeigen. Tobias … also ich meine, er wäre schon jemand, in den ich mich verlieben könnte …« Über ihre blauen Augen zog sich ein verträumter Schleier. »Aber …, ach, nichts.«
   »Was denn?«
   Natascha senkte den Kopf. »Ich habe irgendwie das Gefühl, die Chance meines Lebens zu verpassen.«
   »Und du kannst auf keinen Fall kurzfristig Urlaub bekommen?« Lexy fragte sich, warum das gerade in der Firma von Nataschas Eltern nicht möglich sein sollte. Nat war Innenarchitektin, die Eltern führten ein Maklerbüro und verkauften Luxusimmobilien auf Mallorca. Seit Natascha vor vier Jahren ihren Bachelor gemacht hatte, arbeitete sie für ihre Eltern. Mit gutem Erfolg, die Kunden waren stets sehr angetan von Nats Einrichtungskünsten.
   »Nein. Die Immobilie soll am achtundzwanzigsten Juni an den neuen Eigentümer übergeben werden, und der besteht darauf, dass ich das Penthouse einrichte. Er wird persönlich vor Ort sein, um seine Wünsche mit mir abzustimmen.«
   »Dann triff dich doch einfach so mit diesem Tobias.«
   »Ja, das könnte ich tun. Aber er wird definitiv an dieser Reise teilnehmen … und wenn er da nun …«
   »Eine andere Partnerin findet, meinst du?«
   »Genau. Wenn er mit einer anderen einen Vertrag abschließt – außerdem … vielleicht verliebt er sich und …«
   »Hm. Da ist guter Rat wirklich teuer.«
   »Wenn’s etwas gäbe, das ich kaufen kann, würde ich den Betrag locker loseisen.« Endlich grinste Natascha wieder. »Hey, was wäre, wenn wir beide einfach die Rollen tauschen? Du wolltest doch schon immer mal meinen Job machen.« Sie stupste Lexy in die Seite. »Deine Gelegenheit!«
   »Spinnerin! Ich verstehe überhaupt nichts von Möbeln und Materialien und …«
   Natascha war aufgesprungen und tigerte im Wohnraum auf und ab. »Das wäre überhaupt die Idee!«, sagte sie. »Die Idee!«
   »Jetzt hör schon auf. Ich kann das nicht. Ich habe Germanistik studiert, schon vergessen?« Und gerade den Master abgeschlossen, um in sechs Wochen eine Stelle im Lektorat eines der größten Publikumsverlage anzutreten. Vier davon hatte sie für ihren Urlaub eingeplant, zwei, um den Umzug nach München über die Bühne zu bringen.
   Nat blieb vor ihr stehen. »Lexy! Ich könnte dich entsprechend briefen. Du bekommst all meine Unterlagen, da kann überhaupt nichts schiefgehen. Du schlüpfst in meine Rolle, richtest das Penthouse ein und hast einen Monat lang kostenlosen Luxusurlaub auf Mallorca.« Sie begann, all die Vorteile aufzuzählen. Unterbringung in einem der nobelsten Fünfsterneresorts, maximal drei Stunden tägliche Arbeitszeit, von denen einige nur aus Blättern in Katalogen und in Gesprächen mit dem Kunden bestanden. Es hörte sich so einfach an – und irgendwie auch verlockend. Durch die Kosten des Studiums war für Lexy schon ewig kein Urlaub mehr möglich gewesen, und sie war auch nicht wie Nat von Haus aus auf Rosen gebettet. Außerdem fühlte sie sich Nat durch ihre uneigennützige Unterstützung in all den Jahren des Studiums so sehr verbunden, dass sie ihr gern etwas zurückgeben würde. Auch wenn die Idee verrückt klang, so hatte sie doch auch etwas Reizvolles. Und dieser Reiz – verbunden mit dem Wunsch, ihrer übersprudelnden Freundin irgendwie zu helfen, gewann schließlich Oberhand.
   »Du bedienst dich einfach aus meinem Kleiderschrank, damit du genug elegante Garderobe hast. Wenn du dein Haar so trägst wie ich«, Nat fuhr Lexy mit den Fingern durch die Frisur und teilte das Haar zu einem Seitenscheitel, »siehst du mir so ähnlich, dass es einem Betrachter beim Anblick eines Fotos überhaupt nicht auffällt.«
   Das stimmte. Schon seit Kindertagen waren sie oft verwechselt worden. Sie sahen sich viel ähnlicher als manche Schwestern.
   »Du nimmst meinen Personalausweis, mein Flugticket … checkst im Hotel unter meinem Namen ein. Und niemandem wird etwas auffallen«, beendete sie ihren ellenlangen Monolog, um in ihrer Euphorie durch den Raum zu tanzen. »Du besitzt genug Geschmack, um die Einrichtungswünsche dieses Kunden vollendet umzusetzen. Um Materialien und Qualität und so weiter brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Alles, was du in den Katalogen und in den wenigen Einrichtungshäusern, die du besuchen musst, findest, ist von erlesener Auswahl. Du kannst gar nichts falsch machen!«
   Lexy konnte sich nicht erinnern, welcher Teufel sie geritten hatte, sich tatsächlich darauf einzulassen. Freundschaft und Verpflichtungsgefühle hin oder her.
   Wenige Minuten später hatten sie im Badezimmer gesessen und sich gegenseitig ihre Frisuren angepasst. Lexy war in einem von Nataschas Kostümen und mit High Heels vor den bodentiefen Spiegel getreten, in einer Hand Nats Personalausweis, in der anderen ein Ganzkörperfoto, das Nat mit ihren Eltern vor dem Eingang eines Hotels zeigte. So sehr sie sich anstrengte, Auffälligkeiten zu finden – es gab nichts, was ins Auge stach. Natascha und sie hätten Zwillinge sein können. Sie hatten die gleichen meerblauen Augen, schmale Nasen, ein etwas zu spitzes Kinn. Lexy war zwei Zentimeter größer als Nat, doch das fiel nicht auf. Das lange blonde Haar trugen sie zwar unterschiedlich, aber mit Nats Frisur sah Lexy ihr noch ähnlicher, als es ohnehin der Fall war.
   »Und was ist, wenn wir auffliegen?«, fragte Lexy, aber Nat hatte schon alles bis ins Detail ausgeklügelt.
   »Wir buchen online einen Flug für dich in meiner ursprünglichen Maschine nach Son San Juan und einen für mich nach Frankreich. Es gibt nach Mallorca keine Passkontrolle, meinen Ausweis brauchst du nur beim Check-in vorzulegen, wenn du das Gepäck aufgibst. Sollte – was ich auf keinen Fall glaube – es auffliegen, hast du eine Buchung auf deinen Namen vorzuweisen und legst deinen eigenen Ausweis vor. Du behauptest einfach, dass du meinen aus Versehen eingesteckt hast und es dir nicht aufgefallen ist, den falschen vorgelegt zu haben.«
   »Und weiter?«
   »Für meinen Flug nach Frankreich benutze ich meinen Reisepass.«
   »Und was ist mit deinem nicht angetretenen Flug?«
   »So was kommt laufend vor. Passagiere müssen kurzfristig umplanen oder verpassen den Flieger. Warum ich zuerst nach Mallorca wollte und dann doch nach Frankreich, geht niemanden etwas an. Das würde auch keiner fragen.«
   »Und es fällt nicht auf, wenn die gleiche Person zweimal am Tag den Flughafen verlässt?«
   »Die Daten werden nicht zum direkten Abgleich gespeichert. Da müssten schon Ermittlungsbehörden die Passagierlisten der unterschiedlichen Fluggesellschaften miteinander vergleichen.«
   »Do you like a drink?”
   Lexy schreckte auf und blickte zu der Stewardess. Ihr zweiter Blick ging aus dem Fenster, durch das sie lediglich eine weißgraue Wolkendecke wahrnahm. Unglaublich, sie hatte den Start verpasst. »Ein Mineralwasser, bitte.« Sie bezweifelte, dass sie auch nur einen Schluck ihre trockene Kehle würde hinabwürgen können.

Flughafen Son San Joan & Palms Resort, 31. Mai 2015

Die gleißende Sonne am wolkenlosen Himmel, der Geruch nach Diesel von den Dutzenden Reisebussen auf dem Flughafenparkplatz und das allgegenwärtige bunte Stimmengewirr um sie herum machten Lexy deutlich, dass sie nicht träumte, sondern leibhaftig in einem fremden Land stand und sämtliche Kontrollen ohne Probleme hinter sich gebracht hatte. Obwohl sie sich noch immer nicht wohl in ihrer Haut fühlte, stellte sich dennoch unaufhaltsam ein Gefühl von prickelnder Spannung und abenteuerlicher Erwartung ein. Noch trug sie ihr gewohntes Outfit, doch sie freute sich darauf, nachher im Hotel nach einer ausgiebigen Dusche in eines der schicken Sommerkleider zu schlüpfen und sich an diesem ersten, noch arbeitsfreien Tag, so richtig verwöhnen zu lassen.
   Mittlerweile war ihr klar, dass Nat und sie sich den Aufwand hätten sparen können, Nats Ausweis und Flugticket zu benutzen. Sie hatten sowieso einen zweiten Flug gebucht und erst im Hotel würde Lexy tatsächlich in Nataschas Rolle schlüpfen. Das war ihr aber erst bewusst geworden, nachdem sie diese Tortur hinter sich gebracht und noch im Flugzeug Blut und Wasser geschwitzt hatte. Sie verstand nun überhaupt nicht mehr, warum weder die alles so gut überlegende Nat noch sie vorher darauf gekommen waren. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie jede auf ihre Art erfüllt gewesen waren von einem erwartungsvollen Prickeln, von maßloser Aufregung und Spannung, die Lexy noch immer ein regelrechtes Summen im Kopf bereitete und sie dadurch Schwierigkeiten hatte, ihre Gedanken klar zu ordnen.
   Sie ging auf ein wartendes Taxi zu, doch als der Fahrer ausstieg, stürmte ein Mann mit einer eleganten schwarzen Lederreisetasche an ihr vorbei und drückte dem verdutzten Mallorquiner sein Gepäck in die Hand.
   »Palms Resort«, sagte der dreiste Kerl in befehlsgewohntem Ton und bedachte sie nicht eines Blickes, obwohl nur allzu offensichtlich sein musste, dass sie im Begriff gewesen war, dieses Taxi zu nehmen.
   Und hatte sie richtig gehört? Dieser aufgeblasene Typ hatte dasselbe Ziel wie sie. Na, wenn das nicht ein Omen war – ob gut oder schlecht, wollte sie lieber noch nicht beurteilen. Stattdessen hoffte sie, dass es in dem Luxusresort nicht von Typen dieser Art wimmelte. Lexy wandte sich nach einem anderen Taxi um.
   Auf der gut zwanzig Kilometer langen Strecke nach Punta Negra holte ihr Fahrer auf und sie fuhren direkt hinter dem ersten Taxi her. Während in ihrem alle vier Fenster geöffnet waren und der laue Fahrtwind über ihre Haut streichelte, der Duft von Sommerblüten und hin und wieder eine Prise Meereshauch in den Wagen wehte, fuhr der Vordermann mit verschlossenen Fenstern und die Insassen ließen sich wahrscheinlich von der Klimaanlage berieseln. Lexy machte die Wärme nichts aus. Nach den langen, kalten Monaten in Deutschland, in denen es selbst jetzt im Juni noch kein Sommer werden wollte, genoss sie die Sonne, die Hitze, den blauen Himmel und fühlte sich pudelwohl. Ihr Haar würde ein wenig zerrupft aussehen, wenn sie am Hotel ankam, aber sie würde es sich während der Fahrt noch genüsslich um den Kopf wehen lassen und es erst kurz vor der Ankunft zu einem festen Knoten im Nacken binden. So würde sich sie einigermaßen passabel in das feine Ambiente wagen können.
   In ihren Jeans und der ärmellosen Leinenbluse fühlte sie sich nach dem Aussteigen dennoch, als hätte der Fahrer besser vor dem Personaleingang haltgemacht. Pagen öffneten die Türen der vorfahrenden Wagen, von denen neben den Taxen kaum ein kleinerer als Rolls-Royce den Weg in die Parkgaragen fand. Lexy nahm all ihr Selbstbewusstsein zusammen und folgte dem Pagen zur Rezeption.
   Der elegante Typ in seinem knitterfreien Anzug aus dem ersten Taxi stand neben ihr und sie hörte seinen Namen.
   »Welcome, Mr. Lewis«, sprach ihn die Rezeptionistin an.
   O Gott! Wenn jetzt kein Wunder mehr passierte, dann war das ihr Kunde. Ähm, Nataschas Kunde.
   »Kann ich Ihnen behilflich sein?«
   Woher zur Hölle wusste der Rezeptionist, der sie mit einem freundlichen Lächeln ansah, dass sie Deutsche war?
   »Danke. Ich habe reserviert«, antwortete Lexy so hoheitsvoll sie konnte, aber es klang dennoch eher wie das Fiepen eines verängstigten Welpen. Sie öffnete ihre Handtasche und nahm die Reservierungsbestätigung heraus.
   Ihr Gegenüber schob ihr ein Formular und einen teuer aussehenden Kugelschreiber über die Theke. »Wenn Sie das bitte unterzeichnen und falls nötig ergänzen würden? Wir haben bereits alle Daten aus den Buchungsunterlagen eingetragen. Sollten Sie besondere Wünsche haben, können sie diese hier vermerken.« Er wies auf eine Stelle auf dem Blatt. »Herzlich willkommen und einen angenehmen Aufenthalt, Frau Wegmann.«
   Lexy schielte nach rechts. Hoffentlich hatte dieser Mr. Lewis den Namen nicht gehört. Wenn das wirklich der Kunde war, brauchte sie Zeit, um sich auf die erste Begegnung vorzubereiten. Nicht nur äußerlich, sondern vor allem mental.
   Der Typ kümmerte sich um nichts, was links oder rechts neben ihm stattfand, als hätte er Scheuklappen auf, die ihn gegen seine Umwelt abschirmten. Vermutlich war er von Geburt an so ungehobelt oder eingebildet, hochnäsig, arrogant, dass ihn nichts als sein Ego interessierte. Es war ihm mit der Muttermilch eingetrichtert worden, dem Herrn Multimillionär.
   Das Gefühl, eher zum Personal zu gehören als zu den Reichen und Schönen, von denen es hier wimmelte, verankerte sich in Lexys Magen. Sie überhörte beinahe die Stimme des Pagen, der darum bat, sie in ihre Suite führen zu dürfen.
   »Einen Moment noch«, sagte Lexy und setzte schwungvoll Nataschas Unterschrift auf das Blatt, die zum Glück niemand kannte. Dennoch hatte sie geübt, um sie dem Schriftzug auf dem Personalausweis möglichst nahe zu bringen. »Vielen Dank«, sagte sie zu dem Rezeptionisten und wandte sich mit einem Lächeln dem Pagen zu. »Wir können.«
   Beim ersten Schritt, den Lexy machte, drehte sich dieser Lewis um und sie prallten aneinander. Himmel, der Kerl hatte einen Brustkorb wie ein Stahlkessel. Lexy schnappte nach Luft.
   »Entschuldigung«, sagte Lewis mit einer samtweichen Stimme, die viel zu nett klang für den Eindruck, den sich Lexy bisher gemacht hatte. Er griff nach ihrem Ellbogen. »Alles okay?«
   Sie brachte nur ein stummes Nicken hervor.
   »Dann nichts für ungut, Lady. Angenehmen Aufenthalt«, sagte er und eilte mit seinem Pagen davon.
   Lächerlich, das Bild. Dieser Hüne von mindestens einsneunzig und davor der Hotelangestellte mit höchstens einsfünfundsechzig und nur halb so breit wie Lewis. Während Mr. Milliardär einen Schritt machte, tat der Page zwei. Nur mit Mühe konnte sich Lexy ein Kichern verkneifen. Pat und Patachon traf es nicht ganz, da war der Kleine eher mit einem Mops zu vergleichen gewesen.
   Sie folgte ihrem Begleiter in einen Aufzug und sie fuhren in das dritte Obergeschoss.
   Der Page öffnete die Tür zur Suite und trat einen Schritt zurück. »Bitte sehr«, sagte er und vollführte eine einladende Bewegung mit dem Arm.
   Lexy trat mit erhobenem Kopf ein. Auf keinen Fall würde sie sich anmerken lassen, wie unsicher sie sich fühlte, sodass sogar ihre Handflächen schweißnass waren, was ihr noch nie passiert war. Dann jedoch schoss das Unbehagen mit Macht auf sie ein. Wie viel Trinkgeld war in so einem Resort angebracht? Fünf Euro? Zehn? Sie entschied sich für einen Zehner, und der Page nahm das Geld in Empfang, ohne mit der Wimper zu zucken. Mist, jetzt wusste sie noch immer nicht, ob sie zu hoch oder zu niedrig gegriffen hatte. Natascha würde sie bestimmt verfluchen, wenn Lexy ihr den Kassensturz präsentierte.
   Nach einer angedeuteten Verneigung zog der Page die Zimmertür hinter sich zu.
   Lexy drehte sich einmal um sich selbst und widerstand der Versuchung, sich eine Hand unter das Kinn zu legen, um ihren imaginär offen stehenden Mund zu schließen. Sie ging zwei, drei Schritte voran in das lichtdurchflutete Zimmer. Zwar hatte sie gewusst, dass sie in einem Nobelhotel landen würde, aber das hier überstieg ihre Vorstellungen um ein Vielfaches. Sie fand sich umgeben von dezenten, warmen Pastelltönen in einem Wohnraum, der nichts mit einem normalen Hotelzimmer gemein hatte. Sie ging ehrfürchtig umher und strich vorsichtig mit den Fingerspitzen über das weiche Leder der Sofalehne. Nat hatte erzählt, dass ein berühmter Designer die Hotelzimmer mit handgearbeiteten Möbeln ausgestattet habe – den Namen hatte Lexy längst vergessen. Es gab eine hochmoderne Kochnische mit einem eleganten Barbereich, einen Esstisch für vier Personen, eine imposante Sitzlandschaft und einen riesigen Flachbildfernseher. An den Wänden hingen eindrucksvolle Gemälde, den Couchtisch zierte eine Vase in mediterranem Stil, die nach einer echten Antiquität und unbezahlbar aussah. Die mit einer Fernbedienung zu steuernden Vorhänge der doppelflügeligen Balkontür waren zur Seite gefahren und bewegten sich sachte in einem Luftzug. Lexy trat hinaus auf einen großflächigen Balkon, auf dem zwei Sonnenliegen standen und mehrere Meter entfernt auf der anderen Seite ein Tisch mit vier Stühlen. Der Ausblick auf das Meer raubte ihr den Atem. Für einen nicht enden wollenden Moment sog sie die Luft ein und fühlte sich wie eine Märchenprinzessin. Sie lief über den Balkon zu den ebenfalls geöffneten Türen des Schlafraums und trat ein. Vom Bett aus würde sie direkt auf das Wasser blicken und bei dem leise herüberklingenden Rauschen der Wellen die Seele baumeln lassen können. Das Leben konnte schön sein, wenn man genug Geld hatte. War es vielleicht das, was die Leserinnen an diesen Grey-Romanen so liebten? Die Vorstellung von unbegrenztem Luxus und Reichtum, von einem erfolgreichen Mann an ihrer Seite, der alle Träume zur Realität erwachen ließ? Wären die Shades-Leserinnen auch so begeistert, wenn der Mann zwar ein toller Kerl, aber bettelarm wäre? Sie glaubte nicht daran. Wahrscheinlich war es die Mischung. Die eine Sorte Leserinnen würde sich aufgrund der märchenhaften Story Millionär und arme Kirchenmaus mitreißen lassen, die andere Sorte wegen der erotischen Reize des Unbekannten, des Außergewöhnlichen. Lexy jedenfalls kannte niemanden außer Nat, der auf irgendeine Form von BDSM stand. Oder niemand sprach darüber, und wenn, dann hätte Lexy es nicht wissen wollen.
   In dem geräumigen Schlafraum stand ein zweiter großer Fernseher, darüber hinaus ein Schreibtisch, von dessen Größe Lexy während ihres gesamten Studiums nur geträumt hatte. Telefon, Faxgerät, Internetanschluss – es fehlte an nichts. Das Badezimmer verschlug ihr gänzlich die Sprache. Eine separate Toilette mit Bidet, ein Marmorwaschtisch, eine spiegelnde Ganzglasdusche, eine in Marmor eingefasste Eckbadewanne mit Hydrojetfunktionen, wie sie der Bedienungsanleitung entnahm, die auf einer Ablage neben anderen Hotelprospekten gelegen hatte. Natürlich fehlte es nicht an einem dritten Fernsehgerät.
   Das Hotel geizte nicht mit Pflege- und Kosmetikartikeln, die verführerisch in ihren Flakons schimmerten und himmlisch dufteten. Lexy entschied, ihre beiden Koffer auszupacken und dann ein ausgiebiges Bad zu nehmen. Anschließend würde sie das restliche Hotel in Augenschein nehmen und einen Spaziergang durch die Außenanlagen machen.

Palms Resort, 1. Juni 2015

Am zweiten Abend war es so weit. Lexy war mit Mr. Steven Lewis zum Dinner verabredet. In exakt sechs Minuten würde sie ihn in der Lobby treffen, und sie zweifelte nicht daran, dass er auf die Sekunde pünktlich sein würde und genau das auch von ihr erwartete. In einem Anflug von Panik drehte sie sich zum gefühlt hundertsten Mal vor dem Spiegel. Das altrosa Kleid in einer Mischung aus romantisch verspieltem Look und einer mondänen Note saß perfekt, das hatte zumindest Natascha behauptet. Lexy kam es plötzlich zu eng vor. Ihre Brüste waren zu deutlich abgezeichnet, die Taillenbetonung mit dem applizierten Rosendekor kam ihr kitschig vor. Auch der hauchzarte, leicht gewellte Saum des seidigen Rockes, der hinten bis zum Boden reichte und vorn ihre Beine bis knapp zu den Knien freigab, wollte ihr nicht mehr gefallen. Wirkte ihr Outfit nicht irgendwie aufdringlich? Als träfe sie sich mit dem Mann zu einem Date, nicht zu einem Geschäftsessen. Leider war es zu spät, sich umzuziehen. Noch vier Minuten.
   Lexy presste die Lippen zusammen, damit sie Farbe annahmen. Auf Lippenstift hatte sie verzichtet und nur wenig Make-up aufgelegt. Ihr Haar hatte sie zu einer Hochsteckfrisur gezaubert, zwei gelockte Strähnen umrahmten ihre Wangen. Mit den ebenfalls roséfarbenen Heels und der passenden Handtasche erkannte sie sich kaum als diejenige, die sie war. Andererseits war es ihr nach dem Rundgang gestern und den beiden Mahlzeiten, die sie bereits im Hotel zu sich genommen hatte, erstaunlich schnell gelungen, sich in der ungewohnten Atmosphäre wohlzufühlen. Sie kam sich nicht mehr ganz wie ein Fremdkörper unter den Hotelgästen vor. Nur fast.
   Drei Minuten. Sie sollte jetzt gehen.
   Lexy schnupperte an ihrer Haut. Hatte sie auch nicht zu viel Parfüm aufgetragen? Würde sie eine aufdringliche Duftwolke um sich herum verbreiten oder hatte sie das richtige Maß gefunden? Gott, sie würde noch verrückt werden mit all diesen blöden Fragen, die sie sich noch nie im Leben gestellt hatte.
   Im Fahrstuhl verdichtete sich der Kloß in ihrem Hals. Zum Glück fuhr sie allein nach unten, und probeweise räusperte sie sich und sprach ein paar Worte. »Guten Abend, Herr Lewis.« Ihre Stimme klang normal. Oder? War sie heiser? Winselte sie wieder wie ein Welpe? Sollte sie besser Mr. Lewis sagen? Sie wusste von Nat, dass der Kunde sehr gut Deutsch sprach.
   Die Fahrstuhltüren öffneten sich. Die große Uhr in der Lobby sprang von zwei Minuten auf eine Minute vor sechs. Und da stand Lewis, das Augenmerk auf die Aufzugtüren gerichtet. Noch wusste er nicht, wen er erwartete, aber als Lexy zielstrebig auf ihn zuging, zuckte der Anflug eines Lächelns um seine Mundwinkel. Er sah überaus attraktiv aus, wie er da stand in seinem eleganten Jackett zu einer schwarzen Jeanshose und mit einem legeren T-Shirt darunter. Sein blondes Haar fiel durch einen warmen Honigton auf, keineswegs das übliche Straßenköterblond. Seine grau geränderten Iriden gaben seinen Augen fast etwas Gefährliches, Verwegenes, das jedoch sein freundlicher Gesichtsausdruck wettmachte.
   »Guten Abend, Mr. Lewis. Ich bin Natascha Wegmann. Es freut mich, Sie kennenzulernen.« Die Worte kamen ihr so glatt über die Lippen, dass sie gedanklich einen weiteren Vermerk in ihr Sündenregister eintrug: notorische Lügnerin.
   Er deutete eine Verbeugung an und führte ihre Hand zum Handkuss kurz vor seine Lippen. »Ganz meinerseits, Natascha. Bitte nennen Sie mich Steven«, sagte er in perfektem Deutsch.
   »Gern.« Lexy ließ es geschehen, dass er sie am Ellbogen fasste und sanft in Richtung des Restaurants lenkte.
   »Bevorzugen Sie einen Aperitif an der Bar vor dem Essen?«
   »Nein, danke. Oder …« Sie wusste nicht, was er von ihr erwartete. Gehörte etwas Small Talk vor dem Essen zu einem festgelegten Ablauf? Sprach man beim Essen bereits über das Geschäft oder erst später, wenn sie gemeinsam die Kataloge wälzen würden? Gott, Nat hätte ihr noch so viel mehr erzählen müssen, stattdessen hatten sie sich nur auf Einrichtungsfragen beschränkt. Platzieren Sie das Gemälde über dem Sofa und hängen Sie es niedrig, damit man es von den Sesseln aus auch im Sitzen betrachten kann. Wählen Sie diese oder jene Wandfarbe, um die Wirkung zu beeinflussen. Nein, das Gemälde ist zu groß – es sollte von den Proportionen her zu den Möbeln in der Nähe passen. Ein Lichtpanel an dieser Stelle wird die Bildergalerie dezent betonen.
   Sie hätte sich Knigge vornehmen sollen. Oder das Ganze von vornherein ablehnen und dieses Spiel erst gar nicht eingehen sollen. Hoffentlich verbrannte sie sich nicht die Finger.
   »Oder?« Wieder zuckte dieses amüsierte Lächeln um seine Lippen.
   Er machte sich über sie lustig. Ganz bestimmt tat er das.
   »Oder ist es Ihnen nicht recht?«
   »Doch, ganz wie Sie wünschen.« Steven betrat vor ihr das Restaurant, hielt die Tür für sie geöffnet, und ließ ihr den Vortritt auf dem Weg zum Tisch. Er winkte den Ober beiseite, der ihr den Stuhl zurechtrücken wollte, und übernahm die Aufgabe mit einer Eleganz, als wäre er als Oberkellner zur Welt gekommen.
   »Danke.«
   »Trinken Sie Wein?«
   »Sehr gern.«
   »Dann darf ich die Auswahl zum Menü bestimmen?«
   Lexy nickte und spürte Hitze in ihr Gesicht steigen. »Sehr gern«, schob sie schnell hinterher. Wie peinlich, dass sie mit Körpersprache kommunizierte.
   Nach dem zweiten Glas und dem Hauptgericht entspannte sich Lexy. Tatsächlich entpuppte sich Steven als ein sehr angenehmer Gesprächspartner. Er benahm sich höflich und zuvorkommend, freundlich und charmant, und die Befürchtung, er könnte versuchen, mit ihr zu flirten, trat nicht ein. Sie sprachen nicht über den Auftrag, gleich zu Beginn hatte er klargestellt, dass er das Geschäftliche nach dem Essen anzugehen gedenke. Stattdessen fragte er nach ihrem Leben, wie sie ihre Freizeit gestalte, welche Pläne sie für die Zukunft habe. Zum Glück wusste Lexy genug über Natascha, um bei keiner Frage ins Stolpern zu geraten. Es fiel ihr nicht schwer, sich im wahrsten Sinne des Wortes mit Haut und Haar in Nat hineinzuversetzen. Selbst zum Befinden von Nats Eltern wusste sie treffend Auskunft zu geben. Immerhin waren Nat und sie seit Kindertagen befreundet, hatten zusammen das Gymnasium besucht und vor dem Studium eine Wohngemeinschaft nur für sie beide gegründet. Lexy hatte länger für ihr Studium gebraucht, zum einen, weil sie häufiger pausieren musste, um Geld für die nächsten Monate zu verdienen, zum anderen, weil Nat bereits nach dem Bachelor angefangen hatte, für ihre Eltern zu arbeiten und den Master nebenher gemacht hatte. So war Natascha schon vier Jahre vor ihr in das Berufsleben gestartet. Mit ihrem Verdienst hätte sie sich längst eine schönere und größere Wohnung leisten können, doch das kam für sie überhaupt nicht infrage. »Erst, wenn du ebenfalls fertig bist und Geld verdienst.« Gegen diesen Entschluss kam Lexy nicht an – genauso, wie sie es selten fertigbrachte, ihrer Freundin einen Wunsch abzuschlagen. Das Einzige, wobei sie sich nicht Grün waren, war neuerdings Nataschas Vorliebe für Dominanz und Unterwerfung, die sie wie ein resistentes Virus vor einigen Wochen befallen hatte.
   »Und darf ich fragen, was Sie beruflich machen?« Bislang hatte Lexy von Steven nur erfahren, dass er nicht verheiratet war, noch nie gewesen, keine Kinder. Er war einunddreißig Jahre alt und damit vier Jahre älter als Nat und Lexy. Und er stammte aus Boston, seine Eltern wohnten dort. Steven wollte seine Geschäfte auf Europa ausweiten und hatte daher das Penthouse gekauft. Weitere Käufe in anderen Küstenregionen oder auf Mittelmeerinseln sollten folgen.
   »Ich bin in der Reisebranche tätig«, antwortete er. »Luxus fängt nicht erst bei der Hotelauswahl an. Sind Sie zufrieden mit meinem Arrangement?«
   »Danke, sehr. Ich hoffe, ich kann sie mit meiner Arbeit ebenso begeistern.« Die hochtrabenden Worte, beflügelt durch ein weiteres Glas Wein, perlten über Lexys Lippen. Sie hatte jede Scheu verloren, fühlte sich plötzlich leicht und frei, energiegeladen, dem Auftrag und diesem Mann in all seinen Facetten gewachsen. Als Steven ihr erneut Wein einschenken wollte, lehnte sie ab. Nicht, dass ihr noch Flügel wuchsen … sie wollte ihr Glück auf keinen Fall überstrapazieren.
   »Dann würde ich mich freuen, wenn wir nun zum Geschäftlichen kommen.« Steven lehnte sich zurück und bedachte sie mit einem Lächeln. »Übrigens tut es mir leid, dass zu Ihrer Anreise kein Limousinenservice gehörte und ich Ihnen das Taxi vor der Nase weggeschnappt habe.«
   »Oh.« Er hatte sie am Flughafen doch bemerkt?
   »Für meine Kunden gehört dieser Service selbstverständlich dazu, aber da ich selbst Wert darauf lege, nicht bereits bei der Anreise für große Augen und Aufmerksamkeit bei Mitreisenden zu sorgen, handle ich stets so, dass das für meine Geschäftspartner ebenso gilt. Im Resort selbst soll es Ihnen jedoch an nichts fehlen. Trotzdem ist das keine Entschuldigung für meine Unhöflichkeit. Es tut mir leid.«
   »Schon vergessen.« Für einen Augenblick war es ihr unangenehm, ihn jetzt bitten zu müssen, sie in ihre Suite zu begleiten, aber Nat hatte gemeint, das wäre vollkommen in Ordnung, weil die Hundertfünfzig-Quadratmeter-Suite absolut geeignet sei, auch um geschäftliche Treffen abzuwickeln. Mit dem Butler-Service, der für die Besprechungszeiten bestellt sei, verliere das auch den letzten Makel von Zweideutigkeit, der einem Treffen in solch privater Atmosphäre möglicherweise anhaften könne.
   Lexy warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war beinahe zwanzig Uhr, der Butler würde bereits warten. Sie setzte sich auf dem Stuhl zurück. »Dann begleiten Sie mich doch jetzt bitte in meine Suite.« Zumindest den Ablauf der Vorbesprechungen hatte Nats Briefing beinhaltet. Heute Morgen waren ein Dutzend Möbelkataloge angeliefert worden, eine Reihe von Stoff- und Ledermustern, Farbkarten und diverse Grundrisszeichnungen sowie Fotografien des Penthouses, das neben einem fast einhundert Quadratmeter großen Wohnraum über eine riesige Küche, ein Esszimmer, ein Büro und zwei Bäder im Untergeschoss sowie vier Schlafräume jeweils mit Bad en Suite in der darüber liegenden Etage verfügte. Lexy hatte fast den gesamten Tag damit verbracht, nochmals Nataschas Unterlagen durchzugehen und sich darin einzuarbeiten.
   Steven stand auf, knöpfte sein Jackett zu und half ihr beim Aufstehen. Er führte sie zu den Aufzügen. »Ihre Eltern haben Geschmack. Das Penthouse war wirklich ein Volltreffer. Ich habe gehört, dass Ihre Inneneinrichtungen das i-Tüpfelchen sind und eine Bereicherung für jede Immobilie.«
   Lexy setzte ein verlegenes Lächeln auf. »Danke«, sagte sie nur und senkte den Kopf.
   Offensichtlich hielt Steven die Geste für Bescheidenheit, denn unter ihren Wimpern hindurch sah sie das schon bekannte Zucken um seine Mundwinkel, von dem sie angenommen hatte, dass er sich heimlich lustig machte. Während des Essens aber hatte sie herausgefunden, dass es ein Zeichen von Zufriedenheit war. Ihm schmeckte, was er aß, ihm gefiel, was er sah, ihm behagte, worüber sie sprachen. Und Lexy fühlte sich in ihrer Rolle aufgehen. Es war weitaus weniger schlimm als befürchtet, in Nataschas Rolle zu schlüpfen. Dennoch sandte sie ein stilles Stoßgebet gen Himmel, dass sie die Beratung nicht verpatzen würde.
   Der Butler öffnete genau in dem Moment, als ihre unhörbaren Schritte auf dem dicken Teppichboden vor der Tür stoppten, als hätte er Geisteraugen, die irgendwo unsichtbar an der Flurdecke hingen.
   »Bitte, nach Ihnen.« Steven trat einen Schritt beiseite.
   Lexy dankte dem Butler und ging zielstrebig zu dem Esstisch, den sie kurzerhand zum Besprechungstisch umfunktioniert hatte. Die Kataloge lagen bereit, die Grundrisszeichnung hatte sie bereits ausgebreitet. »Möchten Sie etwas trinken?«
   »Ein Mineralwasser.«
   Lexy nickte dem Butler zu. Sie rief sich die Fragen in Erinnerung, die Nat ihr mit auf den Weg gegeben hatte. »Werden Sie das Penthouse überwiegend allein oder in Gesellschaft nutzen?« Die weitergehenden Fragen unterschieden sich danach, ob der Kunde das Objekt privat oder geschäftlich nutzen wolle, zum Entspannen für sich allein oder als Familiendomizil. Oder als Luxusseparee. Lächelnd hatte Nat ihr zugezwinkert. Du weißt schon, eine Liebeshöhle für gestresste Manager, die in absolut privater Atmosphäre eine ganz besondere Art von Entspannung zelebrieren. Aber erwähne so etwas bloß nicht.
   »Allein.« Steven ging einmal um den Besprechungstisch herum, während er mit dem Finger hüpfend die Konturen der Kataloge und der Muster nachfuhr. »Zunächst«, ergänzte er, »bis ich mein passendes Gegenstück gefunden habe. Also bringen Sie ruhig eine weibliche Note mit ein. Wenn es meiner zukünftigen Partnerin nicht gefällt, werde ich …« Er ließ den Satz unvollendet, aber für einen Moment hatte ein seltsamer Unterton in seiner Stimme gelegen, den Lexy nicht einordnen konnte. Sie stellte ihre imaginären Fühler auf. Flirtalarm? Nat hatte sie gewarnt, in einem solchen Fall sofort auf die Froststufe umzuschalten. Nicht unhöflich, aber deutlich.
   Steven jedoch betrachtete sie unbefangen. Es lag zwar ein Funkeln in seinem Blick, dieser hatte jedoch nichts Anzügliches. Eher kam es Lexy vor, als würde er sich in diesem Moment tatsächlich über sie amüsieren.
   »Welchen Einrichtungsstil bevorzugen Sie? Da das Penthouse sehr modern gestaltet ist, gehe ich davon aus, dass Sie eher nicht die typisch mallorquinische Architektur«, sie breitete die Arme aus und wies unbestimmt auf die Einrichtung der Suite, »und keinen mediterranen Stil bevorzugen.«
   »Zielsicher getroffen. Ich wünsche mir eine moderne Einrichtung in grau, weiß, Glas und Edelstahl. Hier und da kombiniert mit einer stilvollen Antiquität.«
   Das traf ihren Geschmack. Es würde ihr nicht schwerfallen, eine Auswahl zu treffen und Vorschläge zu unterbreiten. Auch wenn sie mehr mit Wörtern jonglieren konnte als mit kreativer Wohnraumgestaltung – sie besaß immerhin ein gutes Gespür, das hatte Nat schon vor Jahren gesagt, als sie ihre WG eingerichtet hatten. »Du bist ein Naturtalent. Willst du dir deinen Studiengang nicht noch einmal überlegen und mit mir Innenarchitektur studieren?«
   Lexy griff nach zwei Katalogen und legte sie auf das Sofa. »Die beiden Einrichtungshäuser können wir somit ausschließen. Mit welchem Raum möchten Sie gern beginnen? Wollen wir mit der Küche anfangen?«
   »Sehr gern. Ich liebe es, zu kochen. Reicht der Raum, um eine große Kochinsel zu platzieren?«
   Mit diesen Informationen hatte Nat sie versorgt. »Ja. Wünschen Sie eher eine zentral angelegte Insel, an der Sie alle Arbeiten verrichten können, oder soll sie gleichzeitig ein Ort zum Sitzen für Gäste sein?«
   »Dafür stelle ich mir eher eine Abtrennung zwischen Wohn- und Kochbereich vor. Sehen Sie hier.« Er trat an die Zeichnung heran und tippte auf die Trennlinie des L-förmigen Wohn- und Essbereichs. »Mit einer Theke abgetrennt ist die Küche zwar immer noch offen, aber dennoch mit einer klaren Abgrenzung zum restlichen Raum versehen. Hier wünsche ich mir einen Esstisch für mindestens zwölf Personen und hier«, er tippte auf den Bereich gegenüber der zehn Meter langen Glasfront, die auf eine Dachterrasse führte, »soll noch ein Kamin eingebaut werden und davor stelle ich mir eine Wohnlandschaft vor.«
   Lexy jubilierte innerlich. Das lief wie geschmiert. Ihre Fantasie machte Luftsprünge, sie spürte Ideen sprudeln wie das Prickeln von Sekt auf der Zunge.
   Nach drei Stunden hatte sie es geschafft. Stevens Vorstellungen lagen klar und deutlich vor ihr wie Buchstaben in einem aufgeschlagenen Buch. Sie hatte mehrmals zielsicher Auswahlen für ihre Vorschläge getroffen, die voll im Schwarzen gelandet waren.
   Stevens Mundwinkel zuckten hin und wieder, aber er gab seiner Zufriedenheit auch mehrfach durch lobende Kommentare Ausdruck. »Was denken Sie, wie lange die Ausführung benötigt?«
   »Sofern die Möbel lieferbar sind, sollten wir das in der vorgesehenen Zeitspanne schaffen«, antwortete Lexy diplomatisch. Ab morgen würde es stressig werden, all die Handwerker zu beauftragen, Lieferungen zu koordinieren, Zeitpläne aufzustellen und auf keinen Fall den Überblick zu verlieren.
   »Es wäre schön, wenn Sie uns eine Woche herausschinden und bis zum einundzwanzigsten Juni Ihre Arbeit abschließen könnten.«
   Sie warf ihm einen verständnislosen Blick zu. Uns? Verunsichert suchte sie nach einer Antwort.
   »Ich bin schon jetzt mehr als zufrieden mit Ihrer Arbeit. Sie haben eine vorzügliche Auswahl getroffen und ich bin mir sicher, Sie werden für einen reibungslosen Ablauf sorgen. Ich muss am einundzwanzigsten für eine Woche eine Geschäftsreise antreten, die ein halber Urlaub ist.« Er hob sein Glas und prostete ihr zu. »Jedenfalls für Sie, wenn Sie meiner Einladung folgen und mich begleiten.«
   Lexy hatte noch immer keine Worte gefunden, doch Steven sprach schon weiter, bevor sie auch nur Gelegenheit hatte, den Mund zu öffnen.
   »Bitte verstehen Sie das nicht falsch, Natascha. Ich verfolge keinerlei Hintergedanken, die Einladung ist rein freundschaftlich, denn ich habe schon jetzt das Gefühl, dass es ein gebührender Dank für Ihre Arbeit sein wird. Bitte fühlen Sie sich nicht überfallen.« Er setzte ein zerknirschtes Gesicht auf, das ihm etwas sehr Jungenhaftes gab und ihn noch sympathischer machte.
   Lexy räusperte sich leise. »Lassen Sie mich bitte sehen, wie weit ich bis dahin komme und mich dann erst entscheiden. Wäre das okay?« Sie fühlte sich wohl, eine diplomatische Antwort gefunden zu haben.
   »Sehr gern. Nehmen Sie sich Zeit, ich laufe so schnell nicht davon.« Mit einem Zwinkern erhob er sich von dem Sofa und trat auf sie zu. »Haben Sie Dank für den netten Abend, die gute Unterhaltung und das professionelle Gespräch. Wir sehen uns sicher morgen im Penthouse?«
   »Voraussichtlich bin ich ab zehn Uhr dort«, sagte Lexy. »Bis morgen, Steven.« Sie begleitete ihn zur Tür. Kurz darauf verließ auch der Butler die Suite.
   Lexy warf sich auf das breite Bett. O Gott! Sie hatte es geschafft! Yeah! Sie musste sofort mit Nat telefonieren.
   Ihre Freundin nahm gleich nach dem ersten Klingeln ab. »Lexy! Wie ist es gelaufen?« Nataschas Stimme klang angespannt.
   »Echt super«, sagte Lexy. »Ich denke, Mr. Steven Lewis ist sehr zufrieden.« Sie hörte Nat laut ausatmen.
   »Oh, zum Glück. Ich hatte schon Panik.« Tatsächlich klang Nats Stimme, als wären ihr Felsbrocken vom Herzen gefallen. »Echt, du glaubst nicht, was ich auf einmal für einen Schiss hatte, etwas absolut Blödes getan zu haben. Ich bin so froh, dass du anrufst.« Das passte kaum zu der Natascha, die in schillernden Farben diesen Plan ausgeheckt und ihn mit glühenden Worten an Lexy verkauft hatte.
   Außerdem – drang da nicht noch etwas anderes in Nats Stimme durch? »Du klingst, als wenn es bei dir grad nicht so gut läuft.«
   »Ach, Lexy.« Nat seufzte tief. »Ich weiß nicht, ob das alles so richtig war.«
   »Sollen wir abbrechen und die Rollen wieder tauschen? Bestimmt finden wir eine Gelegen…«
   »Nein. Das wäre nicht gut, nachdem Lewis dich nun schon kennt. Ich kann nicht riskieren, dass der Auftrag vielleicht noch platzt.«
   »Hm. Hätten wir das nicht vorher überlegen sollen?«
   Nataschas Ja klang ziemlich kleinlaut.
   »Du warst doch so überzeugt …«
   »Bin ich auch noch. Oder wieder. Es ist gut, mit dir zu sprechen. Deine Stimme reicht mir schon. Du wirst das Kind schon schaukeln.«
   Ach, jetzt doch? Was stimmte nicht mit Nat? »Du hast was auf dem Herzen, gib’s zu. Und es ist nicht deine Angst, dass der Auftrag platzt.«
   »Ja. Du hast recht«, sagte Nat nur, und dann schwieg sie.
   »Und?«
   »Ach, du immer mit deinem Und. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.«
   »Das kann ich dir auch nicht verraten.« Lexy wusste, sie packte Nat am besten auf die trockene Tour. Ein Streicheln nach dem Motto Nun komm schon Süße, alles wird gut, wenn du nur darüber redest war nicht Nats Kragenweite.
   »Tobias ist …« Sie rang hörbar um Worte. »… er ist nicht so, wie ich ihn mir vorgestellt habe.«
   »Und wie ist er?«
   »Dominant!«
   Sie prusteten gleichzeitig los, und das Lachen hatte etwas Befreiendes. Lexy hörte förmlich, wie der Ring um Nats Brust platzte.
   »Ich habe einfach plötzlich so ein merkwürdiges Gefühl, nachdem er mir gleich nach dem ersten Treffen binnen zehn Minuten den Vertrag vorgelegt hat. Es ist so komisch, obwohl ich mir doch genau das gewünscht habe. Irgendwie … habe ich Angst, verstehst du?«
   Nein. Sie verstand gar nichts, aber das ging schon seit Wochen so. »Was wäre die Alternative?«
   »Ich fliege zurück nach Hause.«
   »Und ich bringe wie geplant den Auftrag zu Ende?«
   »Genau.«
   »Steven hat mich eingeladen, ihn in der letzten Woche auf eine Geschäftsreise zu begleiten, die ein Urlaub für mich und eine Belohnung für meine Arbeit sein soll. Er sagt, er ist schon jetzt absolut zufrieden und war begeistert von meinen Vorschlägen.«
   »Sag ich doch. Naturtalent.«
   »Ha, ha.«
   »Bahnt sich da etwas an, vor dem ich dich gewarnt habe?«
   »Quatsch. Absolut nicht. Er hat nicht den geringsten Flirtversuch unternommen und die Idee zu der Einladung ist ihm offenbar spontan gekommen, weil er wirklich total zufrieden war. Ich hab auch erst überlegt, ob was anderes dahintersteckt, aber ich glaube, nicht.«
   »Das wäre auch ziemlich blöd.« Nat kicherte. »Wie würdest du ihm vor dem Traualtar erklären wollen, dass da plötzlich ein anderer Name auf dem Trauschein steht?«
   Lexy fiel in das Lachen ihrer Freundin ein. »Nee. Echt jetzt. So ist das nicht. Der Typ ist irgendwie anders, kann ich dir nicht erklären. Vielleicht ist er schwul.«
   »Lass dich auf nichts ein.«
   »Klaro. Und jetzt erzähl mir noch ein bisschen darüber, wie es bei dir läuft. Wie sind denn die anderen so?«
   »Die Unterbringung ist perfekt, an unserem Hotel gibt es nichts zu meckern. Außer mir sind noch drei Frauen hier und vier Männer. Eines der Paare gehört zum Veranstalterteam und ist für die Reiseleitung verantwortlich. Sie stehen uns als Berater zur Seite, reden ganz offen über ihren Fetisch und sind schon seit zehn Jahren ein Paar, das gemeinsam ihren Hang zu DS auslebt.«
   »Aha.«
   »Du willst in Wahrheit gar nichts darüber wissen.«
   »Aber es ist schön, deine Stimme zu hören.« Lexy lachte. »Erzähl mir ruhig mehr. Auch wenn ich das Thema für mich persönlich ausschließe, darfst du mir als Freundin dennoch sagen, was dir auf dem Herzen liegt. Und wenn ich mir dafür deine versauten Erfahrungen anhören muss, stehe ich das auch schon durch. Irgendwie«, schob Lexy nach einem Seufzer hinterher.
   »Die Leute hier sind schon alle nett. Man sieht es ihnen nicht an der Nasenspitze an, welche Vorlieben sie haben. Sie stammen alle aus der gehobenen Mittelschicht. Mindestens. Die Reise war ja auch nicht gerade billig.«
   »Also keine kahlgeschorenen Köpfe und Piercings an allen möglichen und unmöglichen Körperstellen?«
   »Zu den unmöglichen bin zumindest ich noch nicht vorgestoßen.« Natascha schnaubte. »Was denkst du denn bloß?«
   »Na ja, nach dem, was ich so gelesen oder von dir gehört habe …«
   »… glaubst du, es mit einem Stall voller perverser Lüstlinge zu tun zu haben.«
   »Nicht ganz so schlimm. Vielleicht. Aber du musst doch zugeben, dass …«
   »Den meisten Menschen siehst du ihre Fetische nicht an. Sie leben ihre Neigungen im Geheimen aus, unter Gleichgesinnten. Natürlich, manche nehmen den Fetisch mit in das Alltagsleben und kleiden oder stylen sich entsprechend. Aber das sind nur Wenige im Vergleich dazu, wie viele Menschen es betrifft.«
   »Lack und Leder.«
   »Zum Beispiel. Es gibt unendlich viele Fetischformen.«
   »Füße. Stiefel im Bett. Seidenstrümpfe.« Lexy rollte sich auf den Rücken.
   »Du bist verdammt gut informiert für eine Vanilla.«
   »FKK, Voyeurismus, Exhibitionismus, Telefonsex, Rollenspiele.«
   »Jetzt mach dich nicht über etwas lustig, womit du dich ohnehin nicht beschäftigen willst. Vielleicht sollten wir doch lieber das Thema wechseln.« Natascha klang beinahe schon wieder eingeschnappt.
   »Nein, tut mir leid. Du weißt, dass meine Zunge immer recht locker sitzt. So habe ich das nicht gemeint.«
   »Und nicht jeder Fetisch hat etwas mit BDSM zu tun. Ich kenne ja selbst nur einen Bruchteil aus der Szene, wobei von der Allgemeinheit stets eine Menge in einen Topf geworfen wird. Ehrlich gesagt interessiert mich das meiste nicht. Ich finde nur speziell DS so antörnend. Echt jetzt. Das ist etwas, das mir einfach keine Ruhe lässt. Da ist so ein Kribbeln in mir, etwas, das mit Macht aus mir herausdringen will, aber ich weiß nicht genau, was und wie …«
   »Vielleicht helfen dir Gespräche mit anderen, die ähnlich empfinden. Du sprachst doch von solchen Foren …«
   »Das habe ich alles schon hinter mir. Das Sprechen mit dir hilft mir auch. Gerade, weil du so abgeneigt gegenüber diesem Thema bist. Ich muss mich zwischendurch einfach mal wieder normal fühlen, verstehst du?«
   »Nicht ganz.«
   »Na ja, wenn ich in Foren lese oder schreibe, geht es natürlich immer nur um dieses Thema.«
   »Aber in unseren Gesprächen tut es das doch auch.«
   »Schon. Nur dass du nicht mit Feuereifer dazu rätst, mein Coming-out herbeizuführen.«
   »Du meinst so wie Schwule, die sich nach Jahren ihrer sexuellen Unterdrückung zu ihrer Ausrichtung bekennen?«
   »Genau.«
   »Ja, aber warum musst du das bekennen? Du kannst doch deine Neigung, wie du es nennst, auch im Stillen ausleben.«
   »Das ist auch schon ein Coming-out. Ein inneres.«
   »Und das hast du noch vor dir oder schon hinter dir?«
   »Wenn ich das wüsste, ginge es mir besser.«
   »Ach, Süße …«

Kapitel 2
Jachthafen in Cannes, 7. Juni 2015

Jaylen lehnte sich an die Reling und blickte hinüber zum Büro des Hafenmeisters. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Die Reisegruppe und die Crew hätten schon hier sein und die Übergabe des Bootes bereits vor mehr als einer Stunde über die Bühne gehen müssen. Es schmeckte ihm nicht, dass er hier wartete. Nicht, weil er sich der Zeit zu schade war, davon hatte er im Moment mehr als genug, sondern weil das ungute Gefühl in seinem Magen immer stärker wurde. Ob er zum Hafenmeister hinüberlaufen sollte? Aber was könnte der ihm schon an Informationen geben. Die Gruppe kam per Bus, nicht mit einem Boot. Und wenn etwas passiert wäre, hätte Liza ihn sicherlich schon angerufen. Er kannte die Reiseleiterin, weil sie einmal mit seinem besten Freund Steven zusammen gewesen war. Irgendetwas hatte in der Beziehung nicht gepasst, sie trennten sich bereits nach wenigen Wochen, waren aber seitdem gute Freunde. Außerdem lag das jahrelang zurück, sie waren damals gerade Anfang zwanzig gewesen.
   Er tastete nach dem Smartphone in seiner Hosentasche. Liza hatte sich auch nach drei Versuchen noch nicht gemeldet. Wenn sie seine Anrufe gesehen hätte, hätte sie sich auf alle Fälle zurückgemeldet. Es musste etwas passiert sein. Jaylen beschloss, es bei Steven zu probieren.
   »Hi Stevie. Jaylen hier.«
   »Hi. Ich weiß, weshalb du anrufst.«
   »Ist Liza oder der Gruppe etwas passiert?«
   »Nein, ich habe gerade mit ihr telefoniert. Sie steckten wegen eines Unfalls im Stau und in einem Funkloch, deshalb konnte sie sich jetzt erst melden. Sie werden in wenigen Minuten eintreffen.«
   »Ich hatte die ganze Zeit so ein schlechtes Gefühl.« Jaylen spannte die Rückenmuskeln an. »Aber jetzt bin ich beruhigt. Dann kann ich ja gleich abdüsen.«
   »Ähm, nicht ganz.«
   »Warum?«
   »Es gibt da ein Problem. Der Unfall. Es war der Skipper, den ich angeheuert habe. Er ist schwer verletzt.«
   »Shit. Wird er durchkommen?«
   »Es besteht keine Lebensgefahr. Zum Glück. Aber ich brauche dennoch einen anderen Skipper.«
   »Ich habe schon verstanden. Danke, dass du fragst.« Jaylen war sicher, dass Steven sein breites Grinsen hören konnte.
   »Wusste ich doch, dass du dir die Gelegenheit nicht entgehen lässt. Drei Wochen, übliche Bezahlung.«
   Jaylen unterdrückte einen amüsierten Hustenanfall. »Aye, aye, Sir.« Er würde sich jetzt nicht auf eines ihrer Gekabbel einlassen, ob sein Beruf Sohn lautete oder Der-mit-dem-goldenen-Löffel-im-Mund-Geborene oder ob es ihn tatsächlich Schweiß und Mühe kostete, sich seine Brötchen zu verdienen, auch wenn er davon bergeweise täglich essen könnte, ohne auch nur den kleinen Finger zu rühren. Nichtsdestotrotz würde er irgendwann eine Entscheidung treffen müssen, doch das war nicht eilig, denn er nahm sich eine Auszeit. Drei Wochen Côte d’Azur würden ihn von nichts abhalten, was er dringend zu tun hätte. Und die Aussicht auf drei heiße Paare, die nicht mit ihren Reizen geizten, war doch spannend. »Wer kommt als Stewardess mit?«
   »Eine Italienerin. Rosa Rodari, neunundzwanzig, Single. Viel Spaß, Kumpel.«
   Rosa Rodari. Jaylen ließ sich den Namen auf der Zunge zergehen. Klang das nun nach Erotik pur oder nach sizilianischem Hausdrachen?
   Zwei Stunden später steuerte Jaylen die gut einundzwanzig Meter lange Jacht La Corazón aus dem Hafen hinaus und nahm Kurs in Richtung Korsika. Er warf einen Blick auf die Gästeliste.
   Natascha Wegmann und Tobias Mertens. Sie war vermutlich etwa Mitte zwanzig, er vielleicht drei, vier Jahre älter. Liza hatte ihnen Kajüte eins zugeteilt. Robina Haase und Raphael Heitmann. R. H. & R. H., Mitte dreißig, checkten in der Zwei ein und Jenny Tannreuther und Luc Behringer, Ende zwanzig, Anfang dreißig, belegten die dritte Kajüte im Bug. Die beiden Kajüten im Heck bezogen Liza und Camron sowie Steven, sobald sie in Puerto Portals anlegten. Rosa und er schliefen in zwei winzigen Crewkajüten in der Spitze des Bugs. Außerdem gab es noch die Hundekoje, die nur aus zwei schmalen Notbetten übereinander bestand, aber nur belegt werden müsste, sollte es Unstimmigkeiten zwischen den Paaren geben.
   Die Gäste stammten alle aus Deutschland. Jaylen würde die Gelegenheit bekommen, die Sprache seiner Mutter aufzupolieren. Er war zweisprachig in Boston aufgewachsen und nannte Englisch seine Muttersprache, obwohl Mom eine Deutsche war. Sie lebte allerdings seit über dreißig Jahren mit Dad, einem waschechten Texaner, in den Staaten. Nach Boston waren sie kurz vor seiner Geburt gezogen, als Dad die Leitung des Ölkonzerns von seinem Vater übernommen und eine Verwaltungsgesellschaft gegründet hatte, die ihren Sitz in seiner Traumstadt hatte. Warum eigentlich Boston? Um Dad diese Frage zu stellen, kam Jaylen zwei Monate zu spät. Ein Herzinfarkt – und vorbei. Mom hatte die ersten vier Wochen nach der Beerdigung wie in Trance verbracht, und Jaylen war froh, dass sie sich entschlossen hatte, für einige Monate zu Grandma und Grandpa nach Deutschland zu reisen. Er hatte sich bis zum Jahresende beurlauben lassen, und damit blieb ihm genug Zeit, um sich zu entscheiden, ob er in Dads Fußstapfen treten würde oder weiterhin seinem Hobby frönen wollte, wie Dad seinen Beruf als Chemiker genannt hatte. Dabei trug Jaylen wesentlich zur Entwicklung neuer Medikamente bei – nur gegen den Infarkt war noch kein Kraut gewachsen. Sollte er sich entschließen, die Konzernführung zu übernehmen, würde er seinen Beruf an den Nagel hängen müssen. Irgendwie hatte Dad recht – es war, als müsste er das Skippern aufgeben, ein liebes Hobby. Aber war das wirklich zu vergleichen? Er leistete einen Beitrag zum Wohl der Menschen – und wenn er die Konzernleitung übernahm, scheffelte er nur Geld, das auch ohne sein Zutun fließen würde. Ein Netz von Beratern würde überflüssig werden, weil er einen Manager einstellen könnte, der mehr Ahnung von der Materie hatte. Gesunder Menschenverstand reicht, mein Junge, hatte Dad immer gesagt. Die Experten werden die korrekten Entscheidungen für die Betriebe treffen, aber der gesunde Menschenverstand ist notwendig, um über das Wohl und Wehe der fünfzehntausend Mitarbeiter zu bestimmen. Gib das nicht in fremde Hände, Junge.
   »Ciao«, sagte eine Reibeisenstimme neben ihm und Jaylen warf der nur knapp über einsfünfzig großen Italienerin einen kurzen Blick zu.
   »Hi.« Er schenkte ihr ein Lächeln. Sie war definitiv nicht sein Fall und nun wusste er, warum Steven ihm so großzügig Viel Spaß gewünscht hatte. Mistkerl!
   »Hilfst du mir, den Grill anzuzünden?«
   Rosa servierte nicht nur auf der Corazón, sie richtete auch die Kajüten und bereitete die Mahlzeiten vor.
   »Na klar.« Jaylen überprüfte die Instrumente, dann folgte er Rosa auf das Deck.
   »Hallo Jay«, begrüßte ihn die rothaarige Jenny und fing sich prompt einen vernichtenden Blick von ihrem Begleiter ein.
   »Jenny«, sagte er, »habe ich dir nicht verboten, andere Männer anzusprechen?« Luc Behringer schlug ihr mit der flachen Hand auf den nackten Oberarm.
   Sie zuckte zusammen und sah ihn herausfordernd an.
   »Benimm dich, sonst muss ich dich kräftiger versohlen.«
   Jaylen fiel es nicht schwer, sein Grinsen zu verbergen. Und gleichzeitig seinen Abscheu. Er hatte schon öfter Bekanntschaft mit Paaren dieser Art gemacht, wenn er Steven auf Chartertouren begleitete. Sein Freund hatte sich mit der Ausführung von Luxusreisen für Fetischisten eine goldene Nase verdient. Jachtausflüge waren seine Spezialität, aber dies war der erste in Europa. Jaylen hatte Mom nach Deutschland begleitet und auf dem Rückweg war er nach Nizza geflogen, um für Steven die Jacht und den Anbieter zu prüfen, während sich sein Freund um sein neues Domizil auf Mallorca kümmerte.
   Steven kannte sich in der Szene gut aus, und von ihm hatte auch Jaylen einiges erfahren. Das reichte, um zwischen einem echten und einem Möchtegern-DOM unterscheiden zu können. An Luc wirkte alles aufgesetzt, ein blödes Gehabe, und schon an den ausgebeulten Shorts konnte jeder seine Erregung ablesen. Hoffentlich brachte Liza ihm einiges bei, sonst würde sich Jenny noch umgucken.
   »Luc, ich möchte dich nach dem Essen unter vier Augen sprechen«, meldete sich Liza da auch schon zu Wort.
   Jaylen ging hinüber zu Rosa, die bereits den Gasgrill angezündet hatte.
   »Scampi, Calamari oder Schwertfisch in Olivenbutter, was dürfen wir auflegen?«, fragte Jaylen und nahm die Bestellungen entgegen. »Und was darf es an Fleisch sein?«
   Rosa richtete die Salate an und schnitt frisches Baguette in Scheiben.
   Als sich die ersten Gäste an den fertigen Speisen bedienten, nutzte Jaylen die Gelegenheit, die Frauen näher zu betrachten. Jenny hatte ein Gesicht voller Sommersprossen, deshalb vermutete er eine echte Rothaarige, die ihrer Haarfarbe jedoch mit einer Tönung zu ihrem Strahlen verholfen hatte. Sie wirkte auf eine selbstbewusste Art keck, und wenn sie einmal zu Wort kam, entlockte ihr Witz ihm ein Lächeln. Leider verstummte sie unter Lucs Einfluss immer öfter und senkte den Blick aus ihren grünen Augen auf die Planken. Luc Behringer hatte wirklich noch viel zu lernen. Warum Frauen – erst recht Rasseexemplare wie Jenny – einem solchen Typen überhaupt Aufmerksamkeit schenkten, verstand Jaylen nicht. Es konnte nur der Fetisch sein, der sie in diese Arme trieb.
   Die beiden R. H.s sonderten sich schon kurz nach dem Essen von der Gruppe ab und standen abseits an der Reling. Sie schienen sich gut zu unterhalten, und ihrer Körpersprache nach zu urteilen, standen sie sich bereits sehr nahe. Dieses Pärchen lebte DS nicht außerhalb der Zweisamkeit. Sie lachten und schäkerten, dass Jaylen fast neidisch wurde auf ihre Verliebtheit.
   Von der attraktiven Natascha und ihrem Partner Tobias konnte er sich noch kein Bild machen. Sie war kühl und blond wie ein gutes Bier und verhielt sich die meiste Zeit sehr ruhig und zurückhaltend. Hätte er sich eines der Mädchen aussuchen können, um sie kennenzulernen, hätte er Natascha gewählt. Mit ihrem langen blonden Haar, den blauen Augen und ihrem mädchenhaft zierlichen Körper kam sie seinem Beuteschema am Nächsten. Durch ihre Ausstrahlung machte sie alles wett, was ihr zur Fraulichkeit an Rundungen fehlte. Ein Vollblutweib, wie es im Buche stand, dafür hätte er seinen rechten Hoden verwettet. Aber die Gäste waren tabu. Es waren nicht nur Gäste, sondern Stevens zahlende Kunden – und der Kunde war bekanntlich König und kein Objekt der Begierde für das nächste Bett.
   »Hey, Jaylen.«
   Jaylen drehte sich zu Liza um.
   »Alles klar?«
   »Sicher. Und bei dir?« Er nickte in Richtung Camron, ihrem Freund, der sich mit Jenny und Luc unterhielt. »Gibt er ihm schon einen Einlauf?«
   Liza schüttelte den Kopf. »Nein, den bekommt er nachher von mir. Camron spielt den guten Cop, ich den bösen. Aber er versucht schon mal durch die Blume, dem Herrn die Grundregeln zu erklären.«
   »Luc ist ein Neuling, der wahrscheinlich zu oft die falschen Webseiten besucht hat. Jenny tut mir leid.«
   »Ja, mir auch. Aber sie hat immerhin die Option, das Spiel zu beenden, wann immer ihr danach ist. Sie kann wahlweise am nächsten Hafen aussteigen oder für die restlichen Tage in meine Kajüte einziehen und Camron geht zu Luc. Oder in die Hundekoje«, fügte sie mit leicht gehässigem Unterton hinzu.
   »Und was ist, wenn zwei Paare getrennt schlafen wollen?«
   »So etwas ist bisher nie vorgekommen. Ich bin sicher, wir finden auch dafür eine Lösung, aber darüber mache ich mir jetzt noch keine Gedanken.«
   Die Hundekoje wäre keine Lösung für teuer zahlende Gäste. »Ich rutsche für die Blonde in meiner Koje ein Stück zur Seite«, sagte Jaylen und grinste.
   Liza pikste ihm einen ihrer langen Fingernägel durch das T-Shirt in den Bauch. »Untersteh dich, oder ich schnappe mir das Mädchen und bilde sie zur Domina aus.«
   Jaylen hob beide Hände in die Luft. »Und führe mich nicht in Versuchung, sondern bewahre mich vor dem Bösen!«
   »Das heißt Erlöse uns von dem Bösen, aber du wirst es auf alle Fälle erst kennenlernen, ehe dich jemand erlöst. Vielleicht.« Sie kicherte. »Schön die Finger am Steuer behalten, ich verschwinde jetzt mit Luc in die Kajüte. Und dass mir keine Klagen kommen.« Liza half Rosa, einen Stapel Teller in die Bordküche zu bringen und kehrte zurück, um Luc zu rufen.
   Camron war nicht mehr zu sehen, dafür schlenderte Jenny auf Jaylen zu. »Hallo.«
   »Hi«, erwiderte Jaylen. »Gefällt es dir hier an Bord?«
   Sie nickte. »Die Jacht ist traumhaft. Und das Wetter …«
   Ringsum glitzerte das Wasser von der untergehenden Sonne, und ein strahlend heller Streifen lief seitlich an der Jacht entlang und tänzelte in den sanften Wellen. Die Hitze ließ spürbar nach, die Kühle des Wassers legte sich als angenehmer Film auf die Haut.
   »In zwanzig Minuten wird es komplett dunkel sein und du wirst einen Sternenhimmel erblicken, der dein Herz höher schlagen lässt.«
   Jenny nickte. »Ist es okay, wenn ich noch einige Zeit an Deck bleibe? Oder ist das nachts gefährlich?«
   »Wenn du nicht gerade Reckturnen an der Reling probierst, nicht.«
   Ihrer Kehle entschlüpfte ein goldiges Lachen. »Nein. Ich möchte nur ein wenig träumen.«
   Wenige Minuten später näherten sich Schritte dem Cockpit und Jaylen schaltete das Licht ein.
   »Jenny.« Liza ging auf die junge Frau zu und streckte ihr eine Hand entgegen. »Komm, ich möchte mit dir reden.«
   »Das ging aber schnell.«
   Die beiden gingen zum Bug. »Setz dich doch neben mich.«
   Jenny ließ sich im Schneidersitz auf einer der beiden Sonnenmatten vor der Scheibe zum Cockpit nieder.
   Liza sah sie ernst an. »Luc wird bei nächster Gelegenheit die Jacht verlassen«, erklärte sie ohne Umschweife. »Er sagte mir, er hätte sich in dir getäuscht. Du würdest seine Erwartungen nicht erfüllen.«
   Die junge Frau schnappte nach Luft. »Dieser …«
   »Schscht. Ich weiß, was du sagen willst. Glaub mir, sei froh, keine weiteren Erfahrungen mit ihm zu machen.«
   Jenny senkte den Kopf. Verbarg sie Freude oder Enttäuschung?
   »In all den Chats und in der vergangenen Woche war er so zuvorkommend. Einfach nett. Und seit wir auf dem Boot sind …«
   »… denkt er, das Spiel hat begonnen und er kann seine Maske fallen lassen. Oder sie aufsetzen, je nachdem, was sein wahres Ich ist. Nur dieses Möchtegern-Dom-Spiel, das er treibt, das sehen wir nicht gern. Ich habe dir nur seine Worte wiedergegeben, damit du weißt, was du von ihm halten sollst. Er verhält sich absolut resistent gegen jeden Vorschlag, gegen die Regeln, die wir ihm auferlegt haben – zumindest, was jegliche Handlung hier an Bord betrifft. Er ist ein unsympathischer und ungehobelter Klotz, kein echter Dom. Und das wird er auch niemals werden. Ihm geht es einzig darum, eine Frau zu erniedrigen. Das ist nicht unser Ziel.«
   Jenny nickte bedächtig. »So hatte ich mir das auch nicht vorgestellt.«
   »Die Reise hat gerade erst begonnen. Du könntest nächste Woche, wenn Luc von Bord ist, einen Ersatzpartner bekommen. Steven hat immer Bewerber in einer Warteliste. Vielleicht hast du beim nächsten Mal mehr Glück.«
   »Nein. Das ist nett, aber nein, danke. Ich werde ebenfalls in Korsika aussteigen. Dort legen wir doch als Nächstes an, oder?«
   »Ja. Du weißt aber, dass du keine Erstattung bekommst, wenn du die Reise abbrichst?«
   »Schon klar, darum geht es nicht. Ich … muss mich einfach sammeln und dann irgendwann entscheiden, ob ich einen neuen Versuch starten möchte oder nicht.«
   Liza legte einen Arm um Jennys Schultern. »Kleines, du bist herzlich eingeladen, uns einmal auf einem Clubtreffen zu besuchen. Hast du schon von BDSMay-care gehört? Wir sind ein ehrenamtlicher Verein, in dem Leute wie du immer willkommen sind. Du wirst dort Gleichgesinnte treffen, die mit dir auf einer Wellenlänge schwimmen. Es tut mir sehr leid, dass sich Luc als Reinfall erweist. Leider kann so etwas auch bei der besten Planung und Organisation passieren. Und es gibt eben auch viele, viele Leute, die BDSM mit unkontrollierter Gewalt verwechseln und einfach nur ihre Brutalität ausleben wollen.«
   »Ich weiß«, sagte Jenny und seufzte. »Ich mache niemandem einen Vorwurf. Sie stand auf und kam zielstrebig in das Cockpit zurück. »Jaylen, kann ich deine Koje haben?«
   Jaylen musste lachen. »Mit oder ohne Inhalt?«
   »Frecher Kerl!« Sie drehte sich in gespielter Entrüstung zu Liza um. »Darf er das? Oder kannst du ihn einfach so dazu verdonnern, für einige Tage in Lucs Kajüte umzusiedeln?«
   »Streichle ihm einfach einmal lieb über das Köpfchen.« Liza verzog das Gesicht zu einer spöttischen Grimasse. »Da steht er drauf.« Sie verschwand mit einem eleganten Hüftschwung in der Dunkelheit des Decks.
   »Soso, das Köpfchen streicheln«, sagte Jenny, und ihre Stimme hatte einen zweideutigen Unterton angenommen. »Gehörst du ebenfalls dem Club an?«
   Jaylen lachte. »Nein.«
   »Kein Interesse, oder was?«
   »Jenny.« Jaylen sah ihr in die Augen. »Ich bin der Skipper. Sonst nichts, okay?« Sanft schob er ihre Hand von seiner Brust, die dort gelandet war, ohne dass er es gemerkt hatte. Verdammt, er musste wirklich aufpassen, sonst würde er noch in Teufels Küche kommen. Er nahm sich fest vor, in Zukunft sein loses Mundwerk zu zügeln und sich während solcher Touren wie ein Eunuch zu verhalten.
   »Okay. War ein Versuch«, sagte sie und strich ihm über das Haar. »Heute Nacht, schöner Mann?«
   Er lachte leise und gab ihr den Schlüssel zur Skipperkajüte. »Stell meine Reisetasche vor die Tür.«
   »Aye, aye, Käpt’n.«

Kapitel 3
Punta Negra, 20. Juni 2015

Die drei Wochen waren Lexy wie feiner Sand durch die Finger gerieselt. Das Penthouse war fertig eingerichtet, nur der Anschluss der Küchengeräte fehlte, doch dazu musste sie nicht mehr unbedingt vor Ort bleiben. Steven hatte bereits angeboten, dass er die Abnahme des Penthouses vorzeitig unterzeichnen würde. Lexy konnte nun die Entscheidung nicht länger vor sich herschieben. Sollte sie Stevens Angebot annehmen oder höflich ablehnen?
   Er hatte sich wirklich wie ein Gentleman verhalten, Anzeichen eines Flirts fehlten gänzlich. Sie vertraute ihm, dass er nicht vorhatte, sie in eine Situation zu bringen, die sie sich nicht herbeiwünschte. Dennoch fragte sie sich, welchen Grund er hatte. Nur aus Dankbarkeit für ihre Arbeit? Das konnte sie sich nicht vorstellen. Andererseits – warum sollte sie sein Anliegen weiter und weiter hinterfragen? Einen Luxusurlaub wie diesen würde sie wahrscheinlich nie mehr in ihrem Leben machen. Warum sollte sie nicht nehmen, was sie kriegen konnte? Die Aussicht auf sieben Tage tatsächliche Entspannung klang nur zu verlockend, denn im Gegensatz zu dem, was Nat ihr vorausgesagt hatte, war der Auftrag kein bloßes Zuckerschlecken gewesen. Vielleicht hätte Nat das alles mit drei Stunden täglicher Arbeit über die Bühne bringen können, bei Lexy waren es nicht wenige Male auch acht oder zehn.
   Wie an jedem der vergangenen Abende erwartete Steven sie in der Lobby, um sie zum Dinner in eines der Hotelrestaurants zu führen.
   »Sie sehen heute wieder bezaubernd aus«, sagte er, als Lexy ihm in einem weißen Spitzenkleid gegenübertrat.
   Sommerlich leicht umschmeichelte der Stoff ihre Figur, hob ihre femininen Züge hervor und betonte mit raffinierten Akzenten die Konturen zu ihrer sanft gebräunten Haut. Nie zuvor war sich Lexy so schön vorgekommen, dass es ihr sogar ein ungläubiges Staunen vor dem Spiegel entlockt hatte. Sie hatte nicht gewusst, dass ihre Person allein durch Kleidung eine solche Wandlung erfahren konnte. Was sie in den vergangenen Wochen gesehen hatte, war ungewohnt, aber sie hatte sich nur allzu gern an ihren Anblick gewöhnt und fühlte sich wohler als vermutet. Sie konnte sich gut vorstellen, auch in Zukunft etwas an sich zu verändern und häufiger auf ihren gewohnten Schlabberlook zu verzichten. Es war schön, sich fraulich zu fühlen und anerkennende Blicke zu ernten.
   Lexy lächelte. »Danke, Steven.« Sie musterte seinen cremefarbenen Designeranzug, der maßgeschneidert seinen Körper umspielte und sowohl seine schmalen Hüften als auch seinen wohlgeformten Oberkörper betonte. »Das Kompliment kann ich nur zurückgeben.« Beinahe fand sie es schade, dass zwischen Steven und ihr kein Funke hatte zünden wollen. Ihre anfängliche Vermutung, er könnte schwul sein, hatte sie sehr schnell begraben, denn wenn Steven von der Zukunft sprach, erwähnte er eine Partnerin.
   Blonde Männer entsprachen allerdings nicht ihrem Beuteschema, sie stand mehr auf die Keanu Reeves dieser Zeit als auf Brad Pitt-Doubles. Andererseits kam es natürlich auf die inneren Werte an – und an Steven gab es nichts auszusetzen. Er war charmant, witzig, höflich, intelligent. Gut aussehend, wenn auch nicht ihr Traumtyp. Er war Single. Und reich. Auf der Suche nach einer Partnerin. Was wollte eine Frau mehr? Fast jede andere würde sich wahrscheinlich die Finger danach lecken und Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um diesen Mann zu erobern. Lexy hatte ebenfalls mit diesem Gedanken gespielt, mehr als einmal, wenn sie ehrlich war. Sie war sogar in Versuchung geraten, es ganz einfach zu tun. Doch dann hatte sie es nicht über sich gebracht. Es fehlte einfach das Wichtigste. Liebe! Und der Funke dazu wollte bei keinem ihrer Zusammentreffen zünden. Daneben gab es allerdings noch einen weiteren nicht unerheblichen Grund, keinen Flirt zu beginnen und der hieß: notorische Lügnerin.
   Wie immer traf Steven die Weinauswahl, und nachdem er gekostet und der Ober ihr Glas gefüllt hatte, prostete Steven ihr zu. »Ich bedanke mich für die hervorragende Arbeit und die perfekte Zusammenarbeit, Natascha. Ich werde Ihr Können sehr gern weiterempfehlen.«
   Sie lächelte. Schon längst senkte sie nicht mehr bei jedem Kompliment verlegen den Kopf. »Es freut mich, dass Sie zufrieden sind, Steven.«
   »Auf Ihr Wohl.«
   »Auf Ihres«, erwiderte Lexy und führte das Glas an die Lippen.
   Steven maß sie mit einem erwartungsvollen Blick. »Darf ich nun darauf hoffen, dass Sie mir für die restlichen sieben Tage Ihre Begleitung schenken?«
   Jäh begann ihr Herz einen schnelleren Rhythmus zu schlagen, der ihr bis in die Schläfen pochte. Wandte sich jetzt das Blatt? Hatte Steven einfach nur das Geschäftliche vom Privaten abgetrennt und sollte nun die Flirtphase beginnen? Seinem Gesichtsausdruck entnahm sie keine Veränderung, nichts, was sie nicht schon in den vergangenen Wochen wahrgenommen hatte. Lexy wusste, sie musste nun Farbe bekennen. Sie gab sich innerlich einen Ruck. »Danke für die Einladung, Steven. Ich nehme Ihr Angebot sehr gern an. Wohin wird uns die Reise denn führen?«
   Ein schelmischer Ausdruck legte sich auf seine markant männlichen, kantigen Gesichtszüge. »Darf ich das als Überraschung für mich behalten?«
   Sie wollte ihm die kindliche Vorfreude, die sich in seinen Augen spiegelte, nicht verderben. »Okay«, sagte sie dennoch zögerlich.
   »Es wird Ihnen Vergnügen bereiten, das verspreche ich.«
   Warum verstärkte sich nur ihr mulmiges Gefühl, obwohl sie an Stevens Auftreten nichts auszusetzen fand?

Punta Negra, 21. Juni 2015

Am nächsten Morgen, einem Sonntag, erwartete sie ein Taxi vor dem Hotelportal und der Fahrer kannte offensichtlich bereits das Ziel, denn Lexy hatte nicht mitbekommen, dass Steven ihm eine Anweisung gegeben hatte.
   Immerhin hatte sie vor dem Frühstück beschlossen, die Zeit locker auf sich zukommen zu lassen – nach einer Nacht, in der sie die halbe Zeit wach gelegen und sich gefragt hatte, was ihr solches Unbehagen bereitete. Sie war ihre Zusammentreffen mit Steven durchgegangen, beinahe jedes einzelne. Sie hatte all seine Regungen überdacht, seine Gesten, seine Worte, doch ihr war nichts aufgefallen, was sie hätte aufhorchen lassen. Zum Schluss glaubte sie, sich etwas einzubilden.
   Schluss mit der Grübelei! Lass alles einfach auf dich zukommen.
   Doch das so energisch klingende Stimmchen schaffte es nicht, die Zweifel völlig zu vertreiben.
   Sie waren gerade erst in das Taxi eingestiegen, da steuerte der Fahrer die Zufahrt zum Jachthafen an. Puerto Portals, las Lexy auf einem Schild.
   Der Wagen stoppte, und Steven stieg aus, kam auf ihre Seite und öffnete die Tür. Er strahlte sie an. »Kommen Sie, es ist nicht weit. Der Fahrer kümmert sich um das Gepäck.« Wie gewohnt schloss er seine Hand um ihren Ellbogen und führte sie mit sanftem Nachdruck auf einen der zahlreichen Stege zu.
   Lexy traute ihren Augen nicht. Eine Luxusjacht lag dicht an dicht neben der nächsten. Und waren die Männer dort hinten mit den Kameras und den riesigen Objektiven etwa Paparazzi? O mein Gott, war die Frau … konnte das wirklich der Schauspielerin Rob… Lexys Knie wurden weich, doch Steven hielt sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Er musste doch bemerkt haben, wie schwer sie plötzlich an seinem Arm wurde.
   Er ging zielstrebig auf eine der Jachten zu und stieß einen kurzen Pfiff auf zwei Fingern aus.
   Aus dem Steuerhaus trat ein dunkelhaariger Mann, dessen Anblick Lexy beinahe Schnappatmung bereitete. Braun gebrannte Haut unter einem kurzärmligen schneeweißen Hemd, das locker über ebenso weißen Shorts hing. Ein breites Grinsen entblößte fast ebenso weiße ebenmäßige Zähne. Das dunkle kurze Haar wirkte leicht zerzaust, aber ebenso gewollt wie der Bartschatten, der die kantigen Gesichtszüge betonte. Blitzblaue Augen musterten Lexy und eine Hand streckte sich ihr entgegen, um ihr über die Gangway auf die Jacht zu helfen.
   Lexy wusste nicht, wie ihr geschah. Hinter ihr betrat Steven das Boot und schlüpfte aus seinen Schuhen. Er nickte ihr zu, woraufhin Lexy wie ferngesteuert ihre Sandalen auszog.
   »Willkommen an Bord der La Corazón. Darf ich Ihnen meinen Skipper vorstellen? Jaylen Wyatt Harper. Jaylen – Natascha Wegmann.«
   »Hallo.« Schlagartig stieg das Gefühl in Lexy auf, das sie an der Rezeption des Palms Resort beim Einchecken verspürt hatte. Der Kloß saß wie festgemauert in ihrem Hals.
   »Wo sind die Gäste?«, fragte Steven locker und wandte sich Lexy zu. »Wir werden eine meiner Reisegruppen für die restlichen sieben Tage ihrer Chartertour begleiten. Willkommen an Bord. Dies ist mein erster Charter in Europa, aber ich beabsichtige, in den kommenden Monaten eine eigene Flotte aufzubauen und einige meiner Jachten aus Amerika zu überführen. Zwei, drei neue werden auch hinzukommen.« Steven blickte sich suchend um. »Wo ist Rosa? Ich denke, Natascha wird durstig sein, nicht wahr?« Schalk blitzte offen in seinen Augen, und Lexy fühlte sich, als würde sich jeden Moment der Boden unter ihr auftun und sie in ein tiefes schwarzes Nichts reißen. Er umfasste wieder ihren Ellbogen.
   »Unsere Gäste sind auf einem Landgang. Natascha Wegmann?« Der Skipper legte die Finger unter sein Kinn. »Das ist aber ein Zufall.« Er ging im Kreis um Lexy und Steven herum und blieb dann wieder vor ihr stehen. »Und diese Ähnlichkeit.« Er lachte Steven an. »Du wirst es nicht glauben – jetzt haben wir ein doppeltes Lottchen an Bord. Eine unserer Passagierinnen trägt denselben Namen und die äußere Ähnlichkeit ist mindestens ebenso verblüffend. Auch von mir ein herzliches Willkommen an Bord, Frau Wegmann.«
   »Na, so was«, meinte Steven.
   »Bitte … sagen Sie Natascha.« Sie wusste kaum, wie sie die Worte herausgebracht hatte. »Steven, Sie haben recht.« Lexy befeuchtete mit der Zunge ihre Lippen. »Ich verdurste.« Noch dringender als einen Schluck Wasser brauchte sie einen Platz zum Sitzen, ehe ihre Beine endgültig den Dienst versagten und sie auf Deck zusammenbrechen ließen.

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