Manchmal träume ich davon, dass ein gefährlicher Fremder mich an einen Ort verschleppt, von dem ich nicht entkommen kann. Er fesselt mich an ein seidenbezogenes Bett und tut schlimme Dinge mit mir. Obwohl ich mich fürchte und mein Herz wie verrückt klopft, kriege ich einfach nicht genug von ihm. Doch als zwei maskierte Männer mit Maschinenpistolen vor mir standen und in die Bäume schossen, war es ganz anders. Ich habe mich gefürchtet und bin um mein Leben gerannt. Sie haben mich trotzdem erwischt.

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Jana Feuerbach

Jana Feuerbach
Jana Feuerbach erzählt ihre Geschichten am liebsten am Lagerfeuer, wenn der Nebel zwischen den Wäldern aufsteigt und die Sterne flimmern. Sie schreibt seit vielen Jahren SM-Geschichten, weil sie darin neben den Schlafzimmerszenen ausreichend Raum für fesselnde und vielschichtige Charaktere findet. Ihre Leidenschaft gilt subtiler und außergewöhnlicher Erotik.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Lisa biss die Zähne zusammen und versuchte, zu lächeln, obwohl niemand sie sah. Diese Mail war typisch für Yves. Einerseits klang sie total lieb, ständig schrieb er, dass er sie bewundere und ihr ihren Freiraum lassen wolle – und dann schrieb er davon, dass sie zurück nach Deutschland reisen solle und er sie in seiner Fantasie festhalte und für immer bei sich behalten wolle. Das war so typisch. Yves wusste einfach nicht, was er wollte. Und etwas Spannenderes als Sex in einem Saunabad konnte er sich auch nicht ausdenken.
   Draußen knackte etwas.
   Lisa zuckte zusammen. »Hallo? Ist da jemand?« Sie tastete nach etwas, womit sie sich verteidigen konnte. Doch neben dem unordentlichen, wackligen Schreibtisch stand kein handlicher Baseballschläger, nur ein aufgeweichter Pappkarton mit H-Milch-Tüten.
   Ihr Bauch fühlte sich an, als knäulte er sich zusammen. Sie hätte nicht gedacht, dass es ihr so ein mulmiges Gefühl einflößen würde, die paar Tage allein zu sein. Die vielen Kilometer Regenwald außerhalb ihrer schützenden Hütte wirkten nicht länger friedlich, sondern erstreckten sich viel zu weit und erdrückten sie. Was, wenn ein Leopard herumschlich? Oder wenn die Idioten von der Holzfirma ihnen tatsächlich einen Schläger auf den Hals geschickt hatten?
   Wenn Felipe doch bloß hier wäre … Er war zwar schon älter, aber er war ein Mann und würde sie verteidigen.
   Unsinn. Sie war ein dummes Huhn. Sie brauchte keinen Mann, der sie beschützte. Wenn es darauf ankam, war sie vermutlich sogar stärker als Felipe, warum also sehnte sie sich nach seinem Schutz?
   »Ist da jemand?« Zum dritten Mal an diesem Morgen überprüfte sie jeden Fleck in der Hütte, an dem sich ein Mensch verstecken konnte. In dem wackligen Arbeitsregal voller Aktenordner, vertrockneter Schmetterlingskästen und Einmachgläser mit Bodenproben konnte sich niemand verstecken. Der Küchenschrank war genauso voll mit Vorräten wie bei der letzten Überprüfung und unter dem weiß lackierten Bettgestell in ihrem Schlafzimmer verbargen sich so wenige Einbrecher wie in ihrem Kleiderschrank. Auch Almas und Felipes Zimmer war sauber.
   Also war es wirklich nur die Einsamkeit, die sie von Stunde zu Stunde nervöser werden ließ.
   Lisa öffnete die Hüttentür. Der Geruch von feuchter Erde und harzigen, wachsenden Bäumen schlug ihr entgegen. Normalerweise liebte sie diesen Ort. Nur heute fühlte er sich irgendwie falsch an. An Weihnachten sollte die Luft nicht schwül und warm sein. In Deutschland war sie erfrischend kalt und biss in die Wangen.
   Wenn sie zu Hause wäre, könnte sie heute Abend Mamá in den Arm nehmen. Und die anderen. Sie fehlten ihr. Normalerweise lenkte sie sich mit ihrer Arbeit davon ab, aber heute wollte das nicht gelingen. Ständig musste sie an zu Hause denken.
   Vor allem an Yves. Sein Lächeln. Seine blauen Augen. Das erotische Funkeln in seinen Augen, wenn er sie ansah. Die Geborgenheit in seinen Armen, wenn sie sich an seine Schulter schmiegte und das Pochen seines Herzens sie langsam in den Schlaf lullte – bis er sie mitten in der Nacht wachküsste und ihren schlaftrunkenen Körper liebkoste. Er fehlte ihr am meisten. Und doch …
   Vielleicht war sie in Wahrheit seinetwegen in Peru geblieben. Yves klammerte und versuchte, sie in eine brave deutsche Hausfrau zu verwandeln, auch wenn er das nie zugeben würde. Er verstand einfach nicht, dass ihre Arbeit wichtig war. Und ihre Freiheit auch. Was, wenn er nicht bereit gewesen wäre, sie zurück nach Peru gehen zu lassen? Er hasste es, dass sie so weit weg von ihm arbeitete. Bestimmt hätte er sie verwöhnt, bis sie vor lauter Liebe vergaß, wie wichtig die Knochenarbeit in der peruanischen Selva war.
   Als Alma und Felipe sie gefragt hatten, ob sie Weihnachten die Station hüten würde, um sicherzugehen, dass niemand von den Holzfirmen die wertvollen Daten für den erfolgreichen Antrag stehlen würde, hatte sie zugestimmt und die Verantwortung übernommen. Sie wusste, wie sehr sich Alma und Felipe danach sehnten, die Feiertage mit ihren Kindern zu verbringen.
   Jetzt saß sie allein vor der spartanisch eingerichteten Hütte. Die Vögel kreischten und das gleichmäßige, sanfte Tröpfeln des Regens erinnerte sie daran, wie viele Flugstunden sie von ihrer Heimat trennten. Das schmutzig graue Insektennetz hinter der Tür hatte mehr Löcher als intakte Stellen. Sie hätte Felipe und Alma bitten sollen, bei ihrer Rückkehr ein neues Netz mitzubringen. Vielleicht dachten die beiden ja von allein daran.
   Lisa hatte nicht damit gerechnet, dass es so hart sein würde, ausgerechnet an Weihnachten ohne ihre Familie zu sein. Papa würde wie jedes Jahr eine Ente zubereiten und furchtbar wichtig tun, während Mamá in ihrem Arbeitszimmer sitzen und letzte Aufzeichnungen durchgehen würde, bevor sie sich für die Feiertage hübsch machte, um Simon und Juana mit ihren aktuellen Lebenspartnern zu empfangen. Weil Papa auf ein Heiligabendessen nach deutscher Sitte bestand, während Mamá nach spanischer Tradition den ersten Weihnachtsfeiertag feiern wollte, gab es bei ihnen zwei Festessen. Die ganze Familie würde beisammen sein. Nur sie fehlte.
   Sie schüttelte den Kopf. Nicht daran denken. Es war, wie es war. Nachher würde sie mit Mamá telefonieren. Bis dahin konnte sie von den blaugrauen Augen ihres Liebsten träumen. Im kommenden Jahr würden sie sich wiedersehen, auch wenn sie noch keinen Termin vereinbart hatten.
   Yves’ Mail war typisch für ihn. Liebevoll, um sie besorgt und voll Bereitschaft, sie glücklich zu machen. Sie wünschte, sie könnte seine Liebe auf die richtige Weise erwidern. Sie würde immer eine Vagabundin bleiben und er jemand, der sich nach einem Zuhause mit ordentlichem Vorgarten und einer Kuchen backenden Hausfrau sehnte. Yves war kein Abenteurer. Vielleicht würde das mit ihm und ihr auf Dauer nicht funktionieren, auch wenn das furchtbar wäre. Aber sie konnte sich aus Liebe nicht so sehr verbiegen, dass sie ihr Leben und ihren Traum für ihn aufgab.
   Manchmal, wenn sie im von der ständigen Feuchtigkeit muffig riechenden Bett lag und die Geräusche des nächtlichen Regenwaldes ihr fremdartiger als eine Kolonie auf dem Mars erschienen, träumte sie von einer Rückkehr nach Deutschland, wenn das der Preis für ein Leben mit Yves wäre. Doch am nächsten Morgen verdrängte sie die Gedanken und konzentrierte sich auf ihre Arbeit.
   Sie hatte casa algienos bei einem Auslandsjahr kennengelernt und sich bereits am ersten Tag in die geheimnisvollen Nebelwälder verliebt, wie man die Regenwälder in der Nähe der Berge wegen des vom Boden aufsteigenden Dampfes nannte. Unter der Anleitung von Felipe und der liebevollen Obhut von Alma hatte sie Proben gesammelt, die einen unvorstellbaren Artenreichtum auf jedem Quadratmeter bewiesen. Ein Paradies, das so kostbar war, dass sie alles tun würde, um es zu schützen.
   Nach ihrem Abschluss hatte sie nicht lockergelassen, bis sie eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei rainforest Peru erhalten hatte, um die Artenvielfalt zu erforschen und zu versuchen, dieses Paradies in ein Naturschutzgebiet zu verwandeln und es dem Zugriff der Holzfirmen zu entziehen. Sie waren kurz davor, das Ziel zu erreichen, aber vor Kurzem hatten Holzscouts wertvolle Edelhölzer in ihrem Gebiet lokalisiert. Wenn die Bulldozer kämen, um Schneisen anzulegen, würde alles, wofür sie gekämpft hatte, verloren gehen. Die Zeit brannte. Sie konnte es sich nicht leisten, für drei oder vier Wochen nach Deutschland zu fliegen, und einen kürzeren Besuch hätten weder Mamá noch Yves zugelassen.
   Yves würde sie nie unter Druck setzen und ihr alle Zeit lassen, die sie brauchte, aber er ging davon aus, dass sie eines Tages zurück nach Deutschland kommen würde. Und das würde sie niemals tun. Nicht, solange die Vögel, Schnecken, Mangroven, Äffchen und Teakholzbäume sie brauchten.
   Lisa wischte sich über den Augenwinkel und ging hinein, um Yves’ Mail erneut zu lesen.

*

Yves blickte in das brackige Wasser des Río Marañón. Ein fauliger Geruch umgab ihn. Offenbar wühlte die Bootsschraube das Wasser nicht bloß auf, sondern löste die darin befindlichen Faulgase und ließ sie in blubbernden Blasen hinter dem Heck aufsteigen. Die blaue Farbe des Bootsrandes bröckelte bereits ab. »Wie kann man hier bloß leben?«, rief er José zu.
   Sein Kollege lachte und hielt das Wasser im Blick. Er lenkte das Boot seit über zwei Stunden mit sicherer Hand und war dabei entspannt genug, um immer wieder den Kopf zu heben und das Spiel der Wolken über ihnen zu betrachten. »Wie kann man bloß so verrückt sein, an Weihnachten den Fluss hinunterzufahren, um seine Freundin zu sehen?«, entgegnete er. »Du solltest bei deiner Familie sein. Genau wie sie.«
   »Find ich auch.« Yves nahm einen Schluck Cola und holte für José eine weitere Dose aus der Kühltasche. »Für deine Hilfe bei dieser verrückten Aktion hast du was gut bei mir.«
   José zuckte mit den Schultern und nickte. »Kein Problem, mein Freund. Das ist meine gute Tat für dieses Jahr. Meine Familie feiert Pascuas erst ab Mitternacht. Da tut es nicht weh, vorher meinem Freund dabei zu helfen, seiner Freundin eine Überraschung zu bereiten, eh?« Er blickte konzentriert nach vorn.
   Obwohl José seinen Anteil an der Weihnachtsüberraschung leichtfertig abtat, wusste Yves, was für eine Überwindung es für ihn in Wahrheit bedeutete. Die Landstraßen Perus befanden sich in einem Zustand, der ein staatlich verordnetes Tempolimit oft überflüssig machte. José riskierte, seine Familie ausgerechnet an Weihnachten wegen eines Achsbruches in der gottverlassenen Sierra nicht sehen zu können. Ganz zu schweigen von der immer vorhandenen Möglichkeit, dass ihr Boot unterwegs hängen blieb und sie nicht mehr weiterkamen. Auch dann könnte er seine Eltern und seine beiden kleinen Töchter an Weihnachten wohl nicht sehen. Der Gedanke verursachte Yves ein schlechtes Gewissen, aber jetzt war es zu spät, umzukehren. »Ich weiß echt nicht, wie ich das je wieder gutmachen soll.«
   »Kein Problem.« José lächelte. »Du hast mir damals auf dieser Baustelle in Arabien das Leben gerettet. Das hier ist nichts im Gegenzug dafür. Ein Südamerikaner vergisst nie, wenn er einem anderen Mann einen Gefallen schuldet.«
   »Trotzdem. Ich danke dir.«
   Ohne José hätte er seinen Plan nicht umsetzen können. Obwohl er Lisa bereits zweimal in casa algienos besucht hatte, hatte er noch nie eines der alten Dschungelboote mit Außenbordmotor gesteuert. José hatte die ersten beiden Angebote des Bootshändlers abgeschlagen, auf einem Modell mit Antenne in der Bootsspitze bestanden und das Funkgerät vor der Abfahrt getestet. Auf Handys konnte man sich im Regenwald nicht verlassen, auch wenn Lisa dank einer Satellitenschüssel in ihrer Waldhütte sogar Videotelefonate führen konnte.
   Die Bäume glitten an ihnen vorbei. Es sah aus, als würden sich die Büsche und die langen Wurzeln, die sich bis ins Wasser zogen, hinter ihnen bewegen und sie würden mitsamt der Motorspur stillstehen. Ein beängstigender Eindruck. Mitunter wirkten die Laubbäume wie aus deutschen Wäldern in das tropische Klima versetzt, auch wenn sich Yves einredete, dass deutsche Flüsse besser rochen. Dann wieder stieg ein Baum weiter empor als jedes deutsche Gehölz, öffnete seine Krone schirmförmig und erinnerte Yves daran, dass ihn der Atlantik und unendliche Landmassen von seinen Eltern und dem bestückten Tannenbaum trennten, dessen Kerzen sie heute Abend anzünden würden.
   »Wie lange brauchen wir noch?« Er griff nach der sorgfältig verschlossenen Reisetasche, um die Gedanken zu verdrängen. Zum Glück hatte der Bootsverleiher nicht gesehen, was sich darin befand. Er wäre vor Scham errötet oder hätte die Polizei informiert.
   José rekelte sich. Für einen Südamerikaner war er ungewöhnlich groß. Sein breites Kreuz und die Muskelstränge an den Armen verrieten, wie stark und geschickt er war. Er geriet nie in Kneipenschlägereien, da Idioten auf der Suche nach bequemen Opfern lieber jemand anderen als diesen Bär von einem Mann auswählten.
   Da José laut eigener Aussage Quechua sprach, war es möglich, dass er indigene Wurzeln besaß. Yves hatte nie nachgefragt. José war als Bauingenieur unübertroffen. Sein Wissen, sein Gespür für den Boden und seine Fähigkeiten im Umgang mit Handwerkern und Arbeitern hatte ein Übriges getan, um Yves den Rest von Stolz auf seine ach so besondere deutsche Ausbildung vergessen zu lassen.
   »Wenn alles glattläuft und die Koordinaten stimmen, die du mir gegeben hast, sollten wir in knapp eineinhalb Stunden an der Anlegestelle sein. Von da an bist du unser Führer, o unerschrockener weißer Mann.« Josés trockener Humor war ein weiterer Grund dafür, dass Yves ihn schätzte.
   »So bald schon?«
   »Bist du nervös?«
   Yves trank den Rest Cola, warf die Dose auf den Boden des Bootes und trat sie im Sitzen platt. Das Boot schaukelte und er hörte auf, verstaute die Dose in der mitgenommenen Mülltüte, auch wenn sie in dem Brackwasser garantiert niemand sehen würde. »Lisa hat keinen Schimmer, dass ich komme. Was, wenn sie die Aktion nicht so prickelnd findet, wie ich hoffe? Am Ende ist sie hinterher sauer auf mich. Ich könnte damit sogar unsere Beziehung aufs Spiel setzen.«
   José zuckte mit den Schultern. »Du hast es dir vorher gut überlegt, also zieh es jetzt durch wie ein Mann. Natürlich ist die Aktion verrückt, aber wenn Lisa nach deiner Aussage auch ein bisschen verrückt ist, fährt sie vielleicht voll darauf ab. Wer versteht die Frauen?« Seine Augen blitzten, als ob er sie verstünde und sich bloß aus Rücksicht auf den deutschen Freund dumm stellte.
   Yves berührte das kleine Kästchen mit der Perlmuttoberfläche im Inneren seiner Weste. »Ob wir die Aktion abblasen sollen?«
   José zuckte mit den Schultern. »Du kennst sie besser als ich. Welche Frau freut sich nicht, wenn ihr Mann als Überraschung halb um die Welt fliegt, um ihr eine Freude zu bereiten?« Er drehte sich zu Yves und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Die richtige Frau ist alles wert. Nichts ist zu viel, wenn es darum geht, ihr Herz zu erobern und sie glücklich zu machen. Sie zahlt es dir tausendfach zurück. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede.« In seinen Augen schimmerte ein warmer Funke.
   Yves straffte sich. »Jetzt ist es ohnehin zu spät. Ich habe ihr eine zeitverzögerte Mail geschickt, damit sie glaubt, ich wäre nach wie vor in Deutschland. Es gibt kein Zurück mehr.«
   »Also ziehen wir die Sache durch?«
   Yves nickte. »Wir ziehen die Sache durch.«

Kapitel 2

Ich weiß, diese Geschichte ist nicht so schön wie deine von dem Sturm, der uns in den Anden überrascht, wo wir Zuflucht in einer Höhle
   suchen müssen und du dich mit einer Inkaprinzessin um mich streitest, aber vielleicht gefällt sie dir trotzdem ein bisschen?
   Heute Abend rufe ich dich an. Dann können wir ein langes Videotelefonat führen und es wird fast so sein, als wäre ich bei dir, hm?
   Meine Mutter lässt dich grüßen, auch von meinem Vater. Ich soll dir ausrichten, dass sie darauf besteht, dass du nächstes Jahr Weihnachten bei uns bist. Du kennst sie ja.

Liebe Grüße …


Lisa scrollte nach oben. Es war zwei Monate her, dass Yves ihr zum letzten Mal eine Mail mit einer Geschichte geschickt hatte. Beim ersten Mal hatte sie sich nur geärgert, weil er zwischen den Zeilen wieder gefordert hatte, dass sie zurück nach Deutschland kommen sollte, aber beim genaueren Lesen … Er liebte sie. Er vermisste sie. Sollte sie sich darüber nicht freuen?

… Stell dir vor, du bist wieder in Deutschland. Um deine Rückkehr zu feiern, führe ich dich in ein luxuriöses Saunabad aus. Das Licht ist gedämpft und schafft eine sinnliche und träge Atmosphäre. Künstliche Felsen und Palmen trennen die einzelnen Bereiche, sodass es überall Nischen gibt, in denen wir Privatsphäre finden. Trotzdem wäre es jederzeit möglich, dass uns jemand erwischt. Aber das stört uns nicht. Im Gegenteil, irgendwie wird es dadurch noch aufregender.
   Draußen gibt es ein Solebad, in das ich dich nach der Dusche als Erstes entführe. Habe ich schon erwähnt, dass in diesem Saunabad FKK gilt? Man trägt einen Bademantel, aber darunter nichts. Das bedeutet, ich kann deine langen, trainierten Beine bei jedem Schritt sehen, wenn sich dein Bademantel öffnet. Das, was zwischen ihnen verborgen liegt, kann ich erahnen. Und ich habe das Gefühl, dass dich das Wissen um meine verstohlenen Blicke erregt.
   Wir gehen nach draußen. Die Luft ist kühl, deswegen sind wir die Einzigen, die sich ins Freie gewagt haben, aber meine Abenteurerin erträgt es nicht, zu lange feste Wände um sich zu haben. Das Solebad ist von künstlichen Felsen umgeben und wirkt so, wie sich Großstädter eine heiße Quelle in den Bergen vorstellen. Die Felsen bilden eine natürliche Rückenlehne, an der wir uns gleich entspannen werden. Dampfschwaden steigen nach oben und versprechen, wie wohltuend warm das Wasser sein wird. Du spürst den Kuss der Winterkälte auf deiner Haut und meine warme Hand um deine. Weil dein Blut von der Sauna noch erhitzt ist, frierst du nicht, sondern fühlst dich erfrischt und belebt. Wir bleiben stehen und ich nehme dich in den Arm. Du schmiegst deinen Kopf an meine Schulter und wir schweigen, weil es nichts zu sagen gibt. Solange wir beisammen sind, ist die Welt vollkommen.
   Ich ziehe dich enger an mich. Die Nähe zu deinem vollkommenen Körper erregt mich und es stört mich, dass zwei Lagen Frotteestoff zwischen uns sind, doch ich gedulde mich und ertrage das Pulsieren des Blutes, das mein Gehirn verlässt und an einen anderen Ort strömt. Dieser Tag ist für dich. Ich streichle deinen Rücken, fahre durch deine herrlichen dunklen Locken und küsse dich. Meine Lippen fahren über deine Wangen, deine Schläfe, berühren deine Augenlider zart wie Schmetterlinge, streichen federleicht über deine Nasenspitze und finden schließlich deinen stolzen Mund. Verliebt fahre ich mit der Zungenspitze über deine Lippen. Als du zögernd den Mund öffnest und mich einlässt, spürst du an deinen Hüften etwas Hartes, was dir verrät, wie sehr ich mich nach dir gesehnt habe. Wie ich dich kenne, empfindest du das als schmeichelhaft und presst dich enger an mich, du unwiderstehliche Frau.
   Wir schauen uns um. Außer uns ist niemand zu sehen an diesem kühlen Wintertag in Deutschland. Die sind wohl alle drinnen, in der Sauna, oder gleich daheimgeblieben bei ihren Familien.
   Niemand wird uns stören, ist das nicht herrlich?
   Langsam lässt du den Bademantel von deinen Schultern gleiten und lächelst verheißungsvoll. Ich ertrinke in deinen Augen und kann den Blick doch nicht von deinem verführerischen Körper lassen. Deine runden, festen Brüste schimmern braun gebrannt im fahlen Winterlicht. Ich weiß, dass sie in Wahrheit blass sein werden, weil du in Peru arbeitest und nicht in der Sonne liegst, aber in meiner Fantasie bist du am ganzen Körper nahtlos gebräunt. Deine herrlichen, langen Haare umspielen deine Schultern und ich küsse dich auf dein Schlüsselbein, dessen sanfte Erhebung die Kurven deiner Figur noch anmutiger erscheinen lässt.
   Du bekommst eine Gänsehaut in der Dezemberluft. Ich öffne meinen Bademantel, damit du dich an meine Haut schmiegen kannst. Die kalte Luft beißt in unsere Haut, dort, wo wir uns nicht berühren. In meinem Mantel entsteht ein Idyll voller Wärme. Eine Insel, die nur uns gehört und wo du dich mit geschlossenen Augen an meine Schulter schmiegen kannst, wohl wissend, dass du in Sicherheit bist, solange meine Arme dich umschließen. Wir stehen in der Kälte und die Zeit hält an. Außer dir und mir existiert nichts mehr auf der Welt.
   Schließlich löst du dich von mir. »Wollen wir ins Wasser?«, fragst du.
   Ich habe den Eindruck, dass deine Zähne klappern, doch du lässt dir nichts anmerken. Selbstbewusst und unverwundbar stehst du nackt in der Winterluft, während hinter dir der Dampf des heißen Salzwassers aufsteigt und dich einzuhüllen scheint wie der Nebel deiner geliebten Bergwälder in Peru.
   Anders als dort riecht es hier nicht nach Orchideen, Wachstum, verrottenden Blättern und Raubtieren, vor deren Rufen du dich längst nicht mehr fürchtest, sondern nach Salz und einer Ahnung von Fichtennadeln, die aus einer unsichtbaren Sauna herüberzieht.
   Du starke, anbetungswürdige Frau! Ich hülle mich in meinen Bademantel und fürchte mich vor der Kälte, während du stolz wie eine alte Göttin ohne jede Scham nackt zu den Stufen gehst. Ich bewundere deinen festen Hintern und deine langen, straffen Beine, die nie ein Fitnessstudio von innen gesehen haben, sondern ihre Kraft den Wanderungen durch deine peruanischen Wälder verdanken. Die leichte Einkerbung deiner Taille lässt deine weiblichen Rundungen noch verlockender wirken, querida mía.
   Du steigst die Treppenstufen hinab und entspannst dich, als das heiße Wasser dich einhüllt und die Erinnerung an die Kälte vertreibt. Ich sollte dir folgen. Das Wasser umfängt deine Knie, deine Oberschenkel und du hältst inne. Ist das Gänsehaut, die ich zwischen deinen Schulterblättern sehe? Ich höre, wie du tief atmest und dich entspannst. Du hast es dir verdient, meine Liebste. Nur wenige Menschen kämpfen so hart wie du um den Erhalt unseres Planeten und seine Artenvielfalt. Heute darfst du dich ausruhen und ich schenke dir Geborgenheit. Lass dich in das heiße Wasser sinken und schließe die Augen, wunderschöne Lisa. Ohne die Sonnenfalten in deinen Augenwinkeln und den entschlossenen Zug um deinen Mundwinkel wärst du nicht die Frau, die ich liebe. Jetzt darfst du dich ausruhen.
   Ich lege den Bademantel ab und komme zu dir. Das heiße Wasser hüllt uns ein und löst die Verspannungen, an die wir uns dank unserer alltäglichen Arbeit bereits so gewöhnt haben, dass wir sie nicht mehr wahrnehmen. Du spürst, wie tiefe Zufriedenheit dich durchströmt. Einige Minuten ruhen wir uns aus.
   Langsam gewöhnen wir uns an die Hitze des Wassers und rücken enger aneinander. Ich nehme deine Hand und bedecke deine Fingerspitzen mit Küssen. Du lachst auf. Der Klang ist süßer als das Singen der Vögel, die das kalte Deutschland für ein weiteres halbes Jahr verlassen haben. Mit welchen Worten soll ich das Glück beschreiben, das deine Nähe in mir auslöst? Besser, ich schweige.
   Du spürst, wie ich über deinen festen Bauch streichle und ihn sanft liebkose. Ich pikse in deinen Nabel und lache, als du dich mir entziehst. Nein, ich habe nicht vergessen, dass dich das jedes Mal fuchsig macht, aber es ist zu vergnüglich, dich auf diese Weise zu ärgern.
   Um es wiedergutzumachen, beuge ich mich zu dir und küsse mich vom Hals nach oben zu deinem Ohrläppchen, um es mit meinen Lippen zu liebkosen und sanft hineinzubeißen. Vorsichtig ziehe ich es mit den Zähnen nach hinten und erfreue mich daran, dass du aufstöhnst. Keine Sorge, meine Liebste, ich habe nicht vergessen, was dir gefällt. Keine Entfernung der Welt kann mich auf Dauer von dir trennen. Ich fahre mit der Zunge über dein Ohrläppchen und erhöhe den Druck meiner Zähne, bevor ich dich freilasse. Deine Augen sind geschlossen. Auf deinen Lippen liegt ein verträumtes Lächeln. Bist du glücklich? Es sieht ganz danach aus. Der Anblick wärmt mich bis tief in den Bauch hinein.
   Ich streichle über deine Oberarme bis zu deinem Schlüsselbein und kraule dich dort. Langsam wandere ich mit der Hand zu deiner Brust, umspiele sie und mache mit den Fingerspitzen kreisende Bewegungen, ohne das Zentrum zu erreichen. Wir haben Zeit. Heute sollst du nichts weiter tun als das zu genießen, was ich dir geben möchte. Auch deine andere Brust massiere ich liebevoll, beginne am Schlüsselbein und arbeite mich langsam nach unten. Kommt die Gänsehaut auf deiner Haut von der Kälte oder bewirkt meine Nähe das in dir?
   Um dich nicht länger zu quälen, lege ich meine Hände auf deine Brüste. Spürst du die Wärme? Fühlt es sich gut an? Ich liebe dich so sehr.
   Ich setze die Massage fort und küsse dein Gesicht. Wahrscheinlich habe ich das bereits gesagt, aber du bist die schönste Frau der Welt für mich. Ich werde nie genug davon bekommen, dem Schatten mit meinem Blick zu folgen, den deine langen, dunklen Wimpern werfen, wenn du den Kopf bewegst. Dein schmales und stolzes Gesicht. Deine langen, fast schwarzen Haare, deren Locken sich in der feuchten Luft noch mehr kringeln als sonst. Deine edel geschwungenen Lippen, die auch ohne Lippenstift in einem lebendigen, sinnlichen Rot leuchten. Du Verführerischste von allen!
   Ich kann nicht widerstehen und küsse dich. Wenn du mich anfassen würdest, würdest du dich sicher freuen, dass ich wieder trainiere und mein Bauch muskulös und hart ist, genau wie ein anderer Körperteil von mir ungeduldig auf seinen Einsatz wartet. Heute sollst du nicht selbst aktiv werden, sondern dich nur an dem erfreuen, was ich dir geben möchte. Nichts weiter. Spüre, wie ich dich liebe, verwöhne und glücklich machen will, belleza mía. Lass dich fallen in die Wärme und Behaglichkeit unseres geheimen Paradieses. Niemand wird uns stören.
   Ups, was macht meine Hand denn da unten? Da konnte ich mich nicht beherrschen. Ich kraule durch den Strich, den du beim Rasieren stehen gelassen hast. Oh, wie du den Kopf nach hinten wirfst und dich mir entgegenschiebst! Gefällt es dir, ja? Du hinreißende Genießerin!
   Ermutigt durch deine Reaktionen streichle ich dich weiter, massiere mit der anderen Hand deine Brust und bedecke dein Gesicht und deine Schultern mit neuen Küssen. Keine Sorge, ich berühre deine Perle nicht direkt, ich weiß, dass dir das nicht gefällt. Stattdessen massiere ich dich oberhalb davon gleichmäßig vor und zurück. Du darfst entspannen und genießen. Fühle, wie sich die Erregung in deinem Bauch ausbreitet und ihn zum Glühen bringt. Ich zwirbele deine Nippel sanft und ziehe erneut mit den Zähnen an deinem Ohrläppchen, um das Gefühl zu vertiefen. Schließlich wandere ich mit der anderen Hand nach unten, umspiele deine Venuslippen und deinen geheimen Eingang, der für jeden außer mir verschlossen bleiben wird. Das salzige Wasser trägt deine Erregung davon und ich kann sie nicht schmecken und mit der Zunge liebkosen, wie ich es sonst gern tue. Stattdessen dringe ich mit dem Finger in dich ein.
   Du stöhnst auf. Der Laut geht mir durch und durch und bringt meine Lenden dazu, sich zusammenzuziehen. Lange werde ich es nicht mehr aushalten, zu groß wird mein Verlangen und meine Sehnsucht nach dir. Ich liebkose dich mit meinen Händen, stoße dahin vor, wo ich dich gleich noch tiefer erforschen will, küsse deinen Hals und deinen roten, hungrigen Mund, dringe mit der Zunge in dich ein und spüre, wie du mich gierig willkommen heißt und deine Fingernägel in meinen Rücken krallst. Lisa! Du Einzige unter den Frauen! Wie sehr ich dich liebe!
   Länger halte ich es nicht mehr aus. Dein Lächeln verrät, dass du ähnlich empfindest. Ich gleite in das heiße Wasser, von dem weiterhin die feuchten, salzigen Schwaden aufsteigen. Ziehe ich deine Beine auseinander oder öffnest du sie für mich? Ich kann es nicht sagen. Das Verlangen nach deiner Nähe wird quälend. Ich knie vor dir und dränge mich dichter an dich. Spürst du, wie ich deinen Eingang mit meiner Spitze berühre? Bist du bereit für mich?
   Auf dein kaum merkliches Nicken hin dringe ich langsam in dich ein. Nicht zu schnell und nicht zu hastig. Du sollst es genießen können. Spürst du, wie hart und fest ich in dir bin? Deine enge, feuchte Wärme umfängt mich, tausendmal erregender als das heiße Wasser um uns. Langsam gleite ich vor und zurück, mache kreisende Bewegungen, um jeden Zentimeter in dir zu liebkosen. Deine schneller werdenden Atemzüge erregen mich. Mit geschlossenen Augen spürst du meine Hände, die deinen Bauch streicheln und über deine Hüften, deine Brüste und Arme fahren.
   Als du deine Hände um meine Hüften legst, um mein Tempo zu bestimmen, mich zu bremsen und gleichzeitig tiefer in dich zu ziehen, hörst du, dass auch mein Atem schneller wird. Ich fasse unter deinen Hintern und ziehe dich nach oben. Weil du das Gleichgewicht verlierst, lässt du mich los und hältst dich an den Felsen hinter deinem Kopf fest. Jetzt bist du mir ausgeliefert und ich bestimme das Tempo meiner Stöße. Ich bewege dich hin und her, grabe meine Hände tiefer in deinen Hintern und dirigiere dich so, dass du dich mir nicht länger entziehen kannst. Nicht, dass du das willst, im Gegenteil. Du bist so hungrig nach mir wie ich nach dir. Gierig schiebst du dein Becken nach oben und kommst mir entgegen, bis ich mich kaum noch beherrschen kann. Doch ich bleibe bei meinem langsamen Tempo und dringe abwechselnd leicht und tief in dich ein. Das hier ist für dich, nicht für mich. Dein Vergnügen hat Vorrang und ich beherrsche mich.
   Erst, als du mich dazu aufforderst, erhöhe ich die Intensität. Es ist dir nicht schnell genug. Du schüttelst den Kopf und bewegst deine Hüften ruckartig zu mir, um das Tempo zu erhöhen. Ich lächele und streichle die Region um deine Perle, doch mein Tempo erhöhe ich nicht. Noch nicht.
   Erst, als ich an deinem geröteten Gesicht sehe, dass sich dein Höhepunkt ankündigt, fahre ich meine Selbstbeherrschung zurück und erlaube mir, tiefer und leidenschaftlicher in dich einzudringen. Jeder langsame Stoß geht so tief, wie ich komme. Du atmest schneller, gibst kleine, glückliche Laute von dir, die mich weiter anspornen. Lisa! Ich rufe deinen Namen und kümmere mich nicht darum, ob uns jemand hört. Du ahnst nicht, wie sehr ich dich liebe. Ich würde alles für dich tun. Gib dich mir hin! Werde mein an diesem Abend, mein für immer, spüre, wie du und ich eins werden und sich alle Grenzen zwischen uns auflösen! Bleibe für immer bei mir!
   Du stöhnst auf und spannst dich an. Es können nur noch Sekunden sein, bis es bei dir so weit ist. Ich lasse meine Selbstbeherrschung fallen und umfasse dich, stoße tiefer und schneller in dich und kann nicht fassen, wie eng und erregend du mich umschließt. Lisa! Querida mía! Du bist die Eine und die Einzige. Für jetzt und für immer!
   Die letzten Sekunden scheinen hundert Jahre zu dauern. Jeder Stoß brennt in mir und erhöht das glühende Verlangen nach dir. Undeutlich nehme ich wahr, wie du lauter wirst, wie du die Luft anhältst und die Hand auf den Mund presst, damit niemand hört, wie du explodierst und in meinen Armen zerfließt wie Schnee im Dschungel von Peru. Dieser Anblick treibt mich über den Rand und ich verströme mich in dir, löse mich auf und finde erst zu mir, als deine warmen Augen mich anlächeln und ich den Kopf von deiner Brust hebe, an die er gesunken ist.
   »Das war schön«, sagst du leise.
   Ich nicke und lächele, weil schön so ein belangloses Wort ist und mir kein besseres einfällt. Es war wirklich schön. Mit dir ist alles schön, Lisa. Ich richte mich auf und setze mich wieder auf die Sitzfläche. »Komm her«, sage ich und öffne meinen Arm, damit du dich an meine Schulter schmiegen kannst.
   Wir sitzen und schweigen. Die Luft ist eiskalt, doch wir haben es warm und behaglich. Langsam wird der graue deutsche Winterhimmel bläulich und färbt sich für die Nacht dunkel. Wir müssten reingehen. Gleich. Noch ist es nicht so weit. Dieser Augenblick gehört dir und mir allein …


Das Signal für einen eingehenden Videoanruf ertönte und Lisa klickte die Mail hastig weg, als ob ihre Mutter sie sonst bei etwas Unanständigem ertappen könnte. »¡Hola, Mamá!« Lisa lächelte in die Webcam. Mamá rief früher an als erwartet.
   »Lisa, cariña!« Mamá strahlte sie an. »Es tut so gut, dich zu sehen. Feliz Navidad, mein Schatz.«
   »Feliz Pascuas, Mamá. Hier in Peru nennt man das so.«
   Mamá lachte und winkte mit der Hand ab. »Dummes Zeug! Heute ist Weihnachten und nicht Ostern. Sag mir nicht, wie ich meiner Tochter zum Fest der Liebe gratulieren soll.«
   Es tat gut, Mamás vertrautes Spanisch zu hören. Die Peruaner sprachen mit einem seltsamen Akzent, der Lisa an manchen Tagen immer noch Kopfschmerzen bereitete. Außerdem machte ihr die Einsamkeit zu schaffen. Das Wissen, dass die nächste menschliche Ansiedlung über drei Stunden Bootsfahrt entfernt war, ließ jedes Knistern und Knacken in den Wänden seltsam bedrohlich erscheinen, ganz zu schweigen von den Tiergeräuschen im Wald bei Nacht und dem leisen Rauschen der Bäume. Wenn etwas passierte, wäre niemand da, um sie zu beschützen oder zu retten. »Wie geht es Papa? Sind Simon und Juana schon da?«
   »Natürlich sind sie da.« Mamás Stimme klang tadelnd. »Wir gehen gleich in die Kirche. Wenn sich dein Vater entschieden hat, welche Krawatte er anziehen will und Juana ihr Einverständnis gibt.«
   Lisa schmunzelte. Papa war stets mehr auf sein Äußeres bedacht als ihre liebe, ehrgeizige, wissenschaftlich denkende Mamá, deren Kopf meist zu hoch in den Wolken schwebte, um an etwas so Unwichtiges wie einen ungebügelten Blusenkragen zu denken. Wenn sie überhaupt eine Bluse trug und keinen bequemen Pullover oder eine Strickjacke. Sie hatte oft gedacht, dass Juanas Modepüppchentick der Versuch war, sich von Mamá abzugrenzen.
   »Hast du in eurer Hütte auch einen Weihnachtsbaum?« Mamá lächelte und die Grübchen in ihren Mundwinkeln vertieften sich. »Bei euch gibt es ja keine Fichtenbäume. Hast du also eine südamerikanische Krippe, wie es sich für eine echte Halbspanierin gehört?«
   »Leider nicht, Mamá.« Lisa spürte eine Welle aus Liebe in sich aufsteigen, die sich mit dem leeren Gefühl in ihrem Magen mischte, weil sie nicht bei den anderen sein konnte. »Wir kommen so selten in die Stadt. Nur für eine Krippe einen Tagesausflug mit dem Boot … Dafür hatte keiner von uns die Zeit. Außerdem feiern Felipe und Alma heute Abend mit ihren Familien, da haben sie mehr Deko, als sie brauchen können.«
   »Und du mit deiner deutschen Seele verzichtest auf alles, was Spaß machen könnte.« Mamá nickte weise. »Ist das nicht schade, mein Liebling?«
   »Vielleicht.« Sie liebte Mamá, ihr warmes Lächeln, die feinen Fältchen in Mamás Mundwinkeln und die Erinnerung an den warmen Duft ihrer Haut, der Geborgenheit bedeutete. Das Einzige, was ihr manchmal nicht gefiel, war Mamás Vorstellung von Humor. »Ihr alle fehlt mir schrecklich. Ich wäre gern bei euch.« Es stimmte mehr, als sie zugeben würde. Die schwüle Luft und das Kreischen der Vögel im Hochsommer passten nicht zu Weihnachten.
   Egal, wie weit sie um die Welt reiste, ein Teil von ihr würde immer das kleine Mädchen bleiben, das sich in der deutschen Küche herumdrückte, während Mamá den Tisch deckte und Papa im Wohnzimmer mit dem Christkind die Lichter am Baum anzündete. Dieses Mädchen erwartete Schnee und den Duft von Fichtennadeln. Das Wissen, dass in Deutschland der Schnee oft genug ausblieb und die Straßen grau mit grauen Häuserwänden standen, verdrängte man so schnell, wenn man in Südamerika lebte. Manchmal fiel es Lisa schwer, sich daran zu erinnern, wie eine richtige Straße aussah. Flach und glatt genug, dass man darauf mit Absätzen laufen konnte, ohne zu stolpern oder einzusinken? Wie sollte das funktionieren?
   »Pflegst du kranke Tiere oder warum kannst du nicht mal an Weihnachten in den Flieger steigen, um deine Eltern zu besuchen?«, fragte Mamá weiter. Es klang wie ein Scherz, aber dafür blickten ihre Augen zu ernst. »Deine Kollegen können die Station offensichtlich ein paar Tage sich selbst überlassen. Warum kannst du das nicht?«
   Lisa seufzte. Hatte sie das in den vergangenen Wochen nicht bereits oft genug erklärt? »Casa algienos ist noch kein Naturschutzgebiet, Mamá, aber wir wollen, dass es eins wird. In den vergangenen Jahren haben wir umfangreiche Forschungen angestellt, die zeigen, was gerade hier für ein Artenreichtum herrscht. Es ist unglaublich. Wir sind uns sicher, dass der Antrag durchkommt, wenn wir ihn im kommenden Jahr stellen. Fast sicher jedenfalls.«
   »Und deswegen kannst du nicht nach Deutschland reisen? Über die Feiertage und zwischen den Jahren wird ein solcher Antrag ohnehin nicht bearbeitet. Und wenn du ihn erst noch schreiben musst – hättest du das nicht auch in unserem Wohnzimmer tun können? Ich könnte dir bei den spanischen Formulierungen helfen.«
   Lisa erwähnte nicht, dass sie sich trotz ihres deutschen Erbes mit peruanischen Behörden und den entsprechenden Floskeln inzwischen wahrscheinlich besser auskannte als Mamá. »Vor einiger Zeit hatten wir Holzscouts in der Selva um uns herum. Wir vermuten, dass sie es auf die Teakbäume abgesehen haben. Wenn es eine Holzfirma auf das Land abgesehen hat, müssen wir schnell sein. Außerdem …« Sie knibbelte einen Fleck von der Holztischkante, der vermutlich aus altem Ketchup bestand. »Wenn die uns den Wind aus den Segeln nehmen wollen, reicht ein Einbruch in die Hütte, um unsere Rechner, Fotos und Akten zu stehlen. Oder sie verbrennen die Hütte, dann haben sie alles mit einem Abwasch erledigt. Wenn sie das kurz vor dem nächsten Regen tun, sind die Bäume ziemlich sicher und unsere Pläne lösen sich trotzdem in Rauch auf. Ich traue diesen Firmen nicht so weit, wie ich spucken kann, Mamá. Die sind kriminell.«
   Mamá nickte nachdenklich. »Ist es denn sicher für dich, wenn du allein in der Hütte bist?«
   »Was?«
   »Wenn die kriminell sind … Ich weiß, Peru ist nicht Kolumbien, aber was, wenn sie dir einen oder zwei Schläger in deine Hütte schicken, um den Weg für den Konzern freizumachen?«
   Lisa schüttelte den Kopf. »Das glaubst du doch selbst nicht, Mamá. Doch nicht an Weihnachten.«
   Mamá wiegte zweifelnd den Kopf. »Entweder, du bist geblieben, um die Sachen zu bewachen, oder es besteht keine Gefahr. Wenn es wirklich sicher wäre, wärst du nach Deutschland geflogen, so gut kenne ich dich. Hast du eine Waffe bei dir?«
   Lisa schüttelte den Kopf. Mamá übertrieb. Andererseits …
   »Besucht Yves dich wenigstens nach den Feiertagen?«
   »Er ist bei seinen Eltern.« Lisa kniff die Lippen zusammen. Musste immer alles in Diskussionen ausarten? Konnte Mamá nicht einfach akzeptieren, dass Lisa ihren Weg ging und damit glücklich war? »Sie haben in seiner Firma dieses Jahr unerwartet das Weihnachtsgeld gekürzt. Deswegen musste er den Flug absagen.«
   Mamás Mund wurde schmal. »Cariña, ich will dir nicht in dein Leben reinreden. Ich bin sehr stolz auf das, was du alles erreicht hast. Meine Freundinnen beneiden mich alle um eine so starke und engagierte Tochter. Ich weiß, dass du dich nicht so für den Regenwald einsetzen würdest, wenn du nicht so ein gutes Herz hättest. Aber …«
   »Aber was?« Dieses Gespräch führten sie nicht zum ersten Mal. Lisa versuchte, lieb und verständnisvoll zu sein. Heute war Weihnachten. Mamá meinte es gut. Sie fühlte nur manchmal ihre biologische Großmutteruhr ticken.
   »Du kannst es wahrscheinlich nicht mehr hören.« Mamá lächelte und die Fältchen in ihren Augenwinkeln vertieften sich. »Deswegen versuche ich es heute andersherum. Du bist frei und du kannst machen, was immer du möchtest. Du hast dich dafür entschieden, den Regenwald zu retten.«
   »Und die Vögel. Wir haben vielleicht eine neue Papageienart entdeckt, das müssen wir weiter beobachten.« Sie ahnte, worauf es hinauslaufen würde.
   »Du ahnst nicht, wie stolz ich darauf bin.« Mamás Lächeln wirkte ehrlich. »Du weißt, dass ich in meinem Leben einige akademische Ehren errungen habe. Ich bilde mir nichts darauf ein, aber ich bin Professorin in vergleichender Kulturwissenschaft und das ist mehr, als die meisten Frauen meiner Generation geschafft haben.«
   »Ich weiß, ich weiß, du hattest es schwer und hast dich gegen Sexismus und das Establishment durchge…«
   »Kannst du vielleicht mal den Mund halten, wenn deine Erzeugerin mit dir redet?« Mamás dunkle Augen blitzten.
   »Entschuldige. Ich hab dich lieb, Mamá.«
   »Ich dich auch.« Sie wurde ernst. »Das ist es, worauf ich hinauswill. Ich habe in meinem Leben einiges erreicht. Es gibt viele Dinge, auf die ich stolz bin und andere, die vielleicht weniger gelungen waren. Aber eine Sache weiß ich genau. Das mit dir, Simon und Juana … Das übertrifft alles. Ihr seid das Beste, was mir je passiert ist. Jeder von euch ist ein einzigartiges Wunderwerk, genialer als alles, was ich mir hätte ausdenken können.«
   In Lisas Bauch breitete sich ein warmes Gefühl aus. Das hatte sie nicht erwartet. Normalerweise war Mamá mit Zuneigungsbekundungen sehr zurückhaltend. Vielleicht lag es an den jahrzehntelangen Kämpfen in der akademischen Welt. »Mamá, das hast du voll schön ge…«
   »Ja, ja, ich weiß. Und heute, wo ich auf mein Leben zurückblicke … Da merke ich, was wirklich zählt. Dass ich deinen Vater gefunden habe und bei ihm geblieben bin, auch wenn es manchmal schwer war. Und dass ihr drei euren Weg geht …« Sie pustete abfällig. »Ich rede zu viel. Was ich meine, ist, dass ich rückblickend froh bin, dass es euch gibt. Es hat meine Karriere sicher manchmal verlangsamt, aber ich würde es beim nächsten Mal genauso machen.«
   Lisa nickte und rückte die Tastatur hin und her.
   »Von daher, überleg dir bitte, ob du das mit Yves so leichtfertig aufgeben willst. Ist er wirklich bereit, mit dir für die kommenden Jahre eine Beziehung zu führen, in der ihr euch vielleicht einmal im Jahr sehen könnt? Welcher Mann macht das auf Dauer mit?«
   Lisa nickte erneut und rollte mit den Augen. Es war nicht so, als ob sie nie daran gedacht hätte. Im Gegenteil. Bei jeder Mail von Yves wartete sie auf die Nachricht, dass er es nicht länger aushielt und sich eine andere Frau suchen wollte, mit der er sich ein Zuhause aufbauen und vielleicht eine Familie gründen würde. Beim jüngsten Videotelefonat hatten seine Augen gestrahlt, als er vom Baby seines Bruders erzählt hatte. Mit Sicherheit würde er eines Tages ein guter Vater sein.
   Wie lange würde er sich noch gedulden? Wann war der richtige Moment, um ihm zu sagen, dass sie wahrscheinlich nie zurück nach Deutschland gehen würde? Angedeutet hatte sie das schon früher, aber …
   Vielleicht wäre es besser, wenn das mit ihm auseinanderging. Er war ein Deutscher, und manchmal erschreckte es sie, wie langweilig ihr die Dinge erschienen, von denen er schrieb oder am Telefon erzählte. Papiere, Pläne, Rechnungen. Was hatte das mit dem wirklichen Leben zu tun? Er konnte nie wirklich verstehen, wie sie sich fühlte. Das hatte sie bei Papa und Mamá beobachtet.
   »Wenn du wirklich glaubst, dass du für die kommenden Jahrzehnte glücklich damit sein wirst, als alleinstehende Frau in deiner Hütte im Regenwald Vögel zu zählen und als Vermächtnis eine neu entdeckte Papageienart vor der Ausrottung zu bewahren, macht dich das zu einer ehrenwerten Frau. Alles, was ich möchte, ist, dass du über diese Frage nachdenkst. Sind diese Vögel wirklich wichtiger als dein Glück und deine Beziehung mit Yves?«
   Lisa schluckte. Konnte Mamá ihr nicht einfach ein paar liebe Dinge erzählen und dafür sorgen, dass sie sich weniger einsam fühlte? Pustekuchen. Immer musste es um die Zukunft gehen. Enkelkinder. Das war eine von den typischen Mutterfragen, über die sie nicht nachdenken wollte. Erst recht nicht an Weihnachten, wenn sie allein in der Hütte saß und der allgegenwärtige Schmutz hinter der Tastatur ihr ins Auge sprang.
   Wann hatte sie zum letzten Mal hinter den Boxen gewischt?
   »Du musst nicht antworten«, sagte Mamá. »Ich habe dich lieb, egal, wie du dich entscheidest. Eine große Vogelforscherin als Tochter zu haben, ist genauso gut wie Großmutter zu werden.«
   »Dafür hast du schließlich noch Simon und Juana.« Lisa nickte und war froh, dass das Kreuzverhör dieses Jahr so glimpflich abgelaufen war.
   »Juana heiratet im Mai. Sie haben es uns vorhin erzählt. Ich hoffe, dass du es schaffst, dann nach Deutschland zu kommen.«
   »Juana und Nico heiraten?« Es war unglaublich. Juana war die Jüngere und in Lisas Vorstellung sah sie immer noch Animes und nähte aufreizende Kleider für Cosplay-Wettbewerbe.
   »Das heißt, wenn du dein Leben allein verbringen willst, kriege ich trotzdem Enkel. Vielleicht kann ich deswegen entspannter damit umgehen, dass du dein Leben mit deiner Arbeit verbringen willst statt mit Yves.« Mamá lächelte wieder. Es wirkte sanfter. »Ganz ehrlich, ich weiß auch nicht, was ich an deiner Stelle tun würde. Ich hatte damals Glück, dass ich beides unter einen Hut bringen konnte. Wenn es bei euch nicht geht …«
   »Wenn ich zurück nach Deutschland komme, kann ich nicht länger forschen und muss an die Uni, um zu lehren. Das schaffe ich nicht, und ich will keine Hausfrau sein. Aber ich kann nicht mehr versuchen, einen Lehrauftrag heranzuziehen, wie du das immer machst, Mamá. Menschenmengen machen mich kribbelig. Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich mich damals entscheiden müssen. Heute gehöre ich in den Regenwald.«
   Mamá nickte. »Wenn es das ist, was du willst, dann hast du meinen Segen, Niña. Nächstes Jahr komme ich dich besuchen, eh? Dann zeigst du mir deine Forschungen und deine alte Mutter tut so, als ob sie verstehen würde, wovon du redest.«
   Sie lachten gemeinsam.

Nach dem Telefonat ging Lisa vor die Tür, setzte sich auf die regenfeuchten Stufen und blickte auf die Bäume. Ein Papagei kreischte in der Ferne. Für den Augenblick war ihr egal, um welche Unterart es sich handelte. Natürlich liebte sie ihre Arbeit, daran bestand kein Zweifel und würde nie bestehen.
   Yves fehlte ihr mehr, als sie sagen konnte.

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