Aidan hat leichtes Spiel bei den Frauen. Schließlich sieht er verteufelt gut aus, ist erfolgreich in seinem Job und eine heiße Nummer im Bett. Seinen Eroberungen gönnt er niemals mehr als eine Nacht mit ihm. Als zwischen ihm und seinem Urlaubsgast Liv Sullivan sexuelle Spannungen knistern, ist er entschlossen, auch sie nach einer ekstatischen Nacht abzuservieren. Allerdings hat er die Rechnung ohne Liv gemacht, denn er bekommt ihren süßen Hintern nicht mehr aus dem Kopf. Auf einmal ist viel mehr im Spiel als nur Sex. Aidan weiß aber auch, dass er Liv niemals das geben kann, wonach sie sich sehnt. Erotisch-prickelnder Hüttenzauber in den verschneiten Bergen Vermonts Verführerisch, heiß und sinnlich

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ISBN: 978-9963-53-306-0

Seiten: 169

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Kate Lynn Mason

Kate Lynn Mason
Kate Lynn Mason liebt romantische Sonnenuntergänge, Schmusetiger und sexy Kerle mit Tattoos. Wenn sie nicht gerade ihren Tagträumen nachhängt, bringt sie ihre erotischen Fantasien in Form von prickelnden, sexy Liebesromanen zu Papier.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Es war wirklich nicht zu fassen. Hatte sich Fortuna gegen sie verschworen? Olivia blinzelte gegen die Tränen an, die ihr der scharfe Nordwind zusammen mit ein paar vereinzelten Schneeflocken in die Augen trieb. Vermutlich hatte sie in ihrem früheren Leben einfach zu viel mieses Karma gesammelt.
   Nachdem sie heute früh in Boston den Morgenzug gerade noch auf den allerletzten Drücker erwischt hatte, war sie vorhin beim Aussteigen äußerst unelegant auf den Bahnsteig gesegelt, weil sie die letzte Treppenstufe verfehlt hatte. Was für eine eindrucksvolle Landung, Miss Sullivan, dachte sie in einem Anflug von Sarkasmus, nachdem sie Bekanntschaft mit dem frostigen Boden schloss. Zwei pickelgesichtige Jugendliche hatten ihr großzügig unter die Schultern gegriffen und aufgeholfen. Eine frische rote Schramme an ihrer rechten Hand und ein schmerzendes Knie erinnerten an den wenig rühmlichen Auftritt. Nicht gerade der beste Start für ihr freies Wochenende.
   Nun stand sie hier, einsam und verlassen auf dem Bahnsteig von Pepper Valley, Vermont, und wartete auf jemanden, der sie anscheinend vergessen hatte. Ihre Füße mutierten langsam, aber sicher zu einem verdammten Eisblock. Wo zum Teufel blieb der Mann, den sie hier treffen sollte? Mit Claire, ihrer Freundin und Partnerin von Weddingbells & Dreams, hatte sie vereinbart, dass Claires Bruder Aidan sie abholen würde, um sie zur Berghütte nach Cradle Mountain zu bringen. Weil die Bergstraßen vereisten, würde im Winter oftmals der Busverkehr eingestellt, hatte Claire gewarnt. Aidan, der in Pepper Valley das familieneigene Hotel, das Rockwood Inn, leitete, könne Liv jedoch mit seinem Land Rover hinaufbringen. Liv nahm Claires nettes Angebot dankend an, und Claire versprach, alles zu regeln. Jetzt fragte sie sich, ob sie nicht einen Fehler gemacht hatte. Vielleicht hätte sie die blöde Hütte erst gar nicht buchen und sich vor allen Dingen nicht auf jemanden verlassen sollen, den sie lediglich aus Erzählungen kannte. Auch wenn es sich um Claires Bruder handelte.
   Zum gefühlten hundertsten Mal ließ sie ihren Blick über den einsamen Bahnsteig und das dazugehörige Backsteingebäude schweifen. Langsam spürte sie einen Hauch von leichter Panik aufsteigen. Versetzte Aidan sie? Und was, wenn ja? Wo sollte sie hin, was sollte sie tun? Weit und breit war niemand zu sehen, der auch nur ansatzweise dem Mann entsprach, den Claire ihr in lebhaften Farben geschildert hatte. Die Gute musste sowieso maßlos übertrieben haben, denn so ein Mann existierte nur in Frauenfantasien, dachte Liv kopfschüttelnd. Zu dumm, dass sie auch Claire bisher nicht erreichen konnte. Immer ging nur die Mailbox dran, wenn sie anrief.
   Sie stieß einen frustrierten Seufzer aus. Kälte kroch in ihren Ärmel, als sie ihn ein Stückchen hochschob, um einen Blick auf ihre Armbanduhr zu werfen. Seit einer geschlagenen Dreiviertelstunde schlug sie hier Wurzeln. Sie bezweifelte, dass Claires geschätzter Bruder überhaupt noch auftauchen würde. Jetzt war guter Rat teuer. Als sich etwas Feuchtes in ihren Wimpern verfing, blickte sie in den bleigrauen Himmel. Na toll, es fing so richtig an, zu schneien. Das sich rapide verschlechternde Wetter entsprach ganz ihrer Laune. Auch wenn Pepper Valley, ein typisches Bergstädtchen mit seinen schmucken bunten Holzhäusern, im Sonnenschein bestimmt ein malerischer Ort sein musste, verfluchte Liv es in diesem Moment. Wäre sie doch nur in ihrem schnuckligen Apartment in der Bostoner Innenstadt geblieben. Dort würde sie sich wenigstens nicht den Allerwertesten abfrieren, sondern mit einer heißen Schokolade auf die Couch gekuschelt ihre Lieblingsserie im Fernsehen schauen. Aber sie hatte ja unbedingt ihr gemütliches Nest verlassen müssen, um das Wochenende auf irgendeiner bescheuerten Berghütte mitten in der Wildnis zu verbringen. Nach allem, was passiert war, sehnte sie sich danach, mal rauszukommen, alles hinter sich zu lassen und durchzuatmen. Claire hatte ihr eine Suite im Rockwood Inn vorgeschlagen, die Liv zum Sonderpreis bekommen könnte. Liv aber sehnte sich nach Einsamkeit und Abgeschiedenheit, nicht nach dem luxuriösen Komfort eines Fünfsterneresorts. Als Claire daraufhin die ebenfalls familieneigene Berghütte auf Cradle Mountain erwähnte, war Liv sofort Feuer und Flamme. Ehe sie sich versah, organisierte ihre Freundin alles Nötige. Liv hatte sich so auf die Hütte gefreut. Sie hatte sich schon in ein kuschliges Plaid gehüllt und mit einem Teebecher in der Hand vor einem knisternden Kaminfeuer gesehen. Jenseits des Fensters würden dicke weiße Flocken fallen und die Landschaft in ein frostig glitzerndes Kleid hüllen. Bilderbuchromantik pur. So ein Mist! Was sollte sie tun? Die knapp vier Stunden Bahnfahrt hatten an ihren Nerven gezerrt. Im Zug hatte sie zuerst einen dreisten Rucksacktouristen von ihrem reservierten Platz verscheuchen müssen, was sich angesichts der überfordert wirkenden Mutter mit dem schreienden Kleinkind auf dem Schoß gegenüber als geringeres Übel dargestellt hatte. Noch Stunden später klang die quengelnde Kinderstimme in ihren Ohren nach. Sie sehnte sich nach einem ruhigen, warmen Plätzchen, wo sie die Füße hochlegen und einen schönen heißen Tee trinken konnte. Zwar hatte Claire ihr einen Schlüssel für die Hütte in die Hand gedrückt, doch wie in aller Welt sollte sie nach Cradle Mountain gelangen? Leider hatte sie nicht daran gedacht, sich Aidans Handynummer geben zu lassen. Zu blöd. Vielleicht könnte sie sich ein Taxi bestellen? Nochmals seufzte sie tief, als ihr Blick auf das blinkende Neonschild eines Pubs fiel: Ye Olde Elk – Der alte Elch. Dort würde sie bestimmt einen Tee bekommen. Entschlossen griff sie nach ihrem Trolley. Unter den fellbesetzten UGGs, die sie sich zum Weihnachtsfest geschenkt hatte, knirschte der Schnee, als sie mit ihrem Gepäck im Schlepptau die Straße überquerte. Die kleinen Rollen des Trolleys schlitterten über die teilweise vereiste Fahrbahn. Anscheinend hielt man in Pepper Valley nicht allzu viel davon, die Straßen ordentlich zu räumen. Was für ein Kaff! Mit einem Ächzen hievte sie den Trolley über die Gehwegkante.
   Kurz darauf stieß sie die schwere Pubtür auf. Warme Kneipenluft wehte ihr entgegen, ebenso wie die Klänge von Kris Kristoffersons Loving her was easier, vermischt mit Gesprächsfetzen und Gläserklirren. Etwas zögerlich näherte sie sich der rustikalen Holztheke.
   »Na Liebchen, was darf’s denn sein?«
   Ihr Blick traf ein aufmerksames Augenpaar, das sie aus einem zerfurchten Männergesicht freundlich betrachtete. Sie grüßte den Alten. »Ich hätte gern ein Glas Zitronentee. Und sagen Sie bitte, gibt es von hier aus irgendeine Möglichkeit, hoch nach Cradle Mountain zu gelangen?«
   »Nach Cradle Mountain?« Der Wirt schüttelte bedauernd den grauen Kopf, während er aus dem Regal hinter sich einen bunten Keramikbecher organisierte. »Einen Zitronentee mache ich Ihnen gern, junge Lady, aber der Bus nach Cradle Mountain ist vor Jahren schon eingestellt worden. Seit es das schreckliche Unglück gab, fährt da kein Bus mehr, tut mir leid. Und einen Taxifahrer werden Sie auch kaum dazu bewegen können. Ist tückisch, die Straße da hoch.«
   Liv ließ den Griff ihres Trolleys los und sank auf einen der Barhocker. Fast hätte sie ein verzweifeltes Lachen ausgestoßen. Das hier fühlte sich verdammt nach Murphys Gesetz an, oder? Fragend sah sie den freundlichen Alten an, doch der zuckte bedauernd mit den Achseln.
   »Ich bin übrigens Dan. Wenn ich dir behilflich sein soll, bei der Beschaffung einer Unterkunft hier in Pepper Valley, Liebchen, sag nur Bescheid. Einer alten Freundin von mir gehört das Mountain View Inn, is ’ne nette kleine Pension.«
   »Danke, Dan. Ich überleg’s mir.«
   Während Dan mit dem Becher in die Küche schlurfte, schälte sich Liv aus ihrer Daunenjacke und fischte das Smartphone aus der Handtasche. Diesmal hatte sie Glück. Claire meldete sich sofort. »Claire«, unterbrach Liv die enthusiastische Begrüßung ihrer Freundin. »Wo zum Teufel bleibt dein Bruder? Warum ist Aidan nicht wie versprochen aufgetaucht?«
   »Was meinst du damit, er ist nicht aufgetaucht?«
   Noch bevor Liv eine Erklärung abgeben konnte, veranlasste sie ein Schwall kalter Luft, der auf einmal durch den Raum wehte, sich umzudrehen. Ihre Hand mit dem Smartphone sank in ihren Schoß, und mit einem Mal waren sämtliche Schmerzen vergessen. In der offenen Tür stand vermutlich der attraktivste Mann, der ihr je unter die Augen gekommen war. Sie hatte immer Gavin für ein überdurchschnittlich gut aussehendes Exemplar seiner Gattung gehalten, doch dieser Mann hier stellte alle männlichen Wesen in den Schatten. Er war groß und wirkte athletisch in seinem dunklen Jack Wolfskin-Parka, der die breiten Schultern betonte. Seine langen, jeansbekleideten Beine endeten in schmucken Designerboots. Mit blitzend blauen Augen, die einen reizvollen Kontrast zu seinem tiefbraunen Haar darstellten, scannte er den Raum. Sein Haar könnte einen Schnitt vertragen. Es lockte sich im Nacken und eine widerspenstige Strähne fiel ihm in die Stirn. Liv bemerkte die Ähnlichkeit zu Claire. Ihre Freundin hatte nicht übertrieben. Aidan Devonport war tatsächlich ein Hingucker. Ein Traum von einem Mann. Die guten Gene mussten in der Familie liegen. Liv starrte wie gebannt auf seine hohe Gestalt.
   »Gibt es hier eine Olivia Sullivan?«
   Die dunkle, sexy Stimme schwebte durch den Raum und sandte eine Gänsehaut über ihren Rücken. Ohne den Blick von Aidan zu wenden, presste sie ihr Smartphone an die Lippen. »Hör zu, Claire, ich – dein Bruder hat mich gefunden, schätze ich.« Sie hörte nicht mehr, was Claire erwiderte. »Ich bin Liv Sullivan«, sprach sie den Mann an. »Aidan Devonport?«
   »Höchstpersönlich und in Farbe.« In seinen Augen spielte ein amüsiertes Funkeln, während er auf sie zusteuerte.
   Wow. Dieser Mann besaß umwerfend schöne Augen, umrandet von tiefschwarzen Wimpern. Dafür brauchte er eigentlich einen Waffenschein. Sie versank in einem tiefen Blau, das nicht von dieser Welt zu sein schien. Wie paralysiert starrte sie ihn an, konnte ihren Blick nicht von diesen Augen lösen.
   »Miss Sullivan? Ich gehe davon aus, dass Sie sehnsüchtig auf mich gewartet haben?«
   Seine locker daher gesagten Worte holten sie auf den Boden der Tatsachen zurück. Hatte der Kerl ihr etwa eben zugezwinkert? Was bildete er sich ein? Der hatte Nerven! »Wo zum Teufel waren Sie? Ich hab mir in der Eiseskälte die Beine in den Bauch gestanden! Ich dachte schon, Sie würden überhaupt nicht mehr auftauchen«, fauchte sie.
   Seine Lippen verzogen sich zu einem reumütigen Grinsen, das ein Grübchen in seiner linken Wange hervorbrachte und ihm einen jungenhaften Charme verlieh. »Es tut mir leid, sehr leid.«
   Liv fiel es nicht leicht, sich vom Anblick des Grübchens loszureißen. Trotzdem war sie sauer auf den Kerl.
   »Verzeihen Sie mir, Olivia?« Aidan bedachte sie mit einem zerknirschten Blick aus blauen Augen, den sie kühl erwiderte. Sie streckte ihren Rücken durch. So leicht kam ihr der Mann nicht davon. Ihre Füße in den UGGs glichen noch immer Eisklötzen.
   »Vielleicht sind Sie bereit, mir schneller zu verzeihen, wenn ich Ihnen erzähle, dass mir ein Waschbär vors Auto gelaufen ist.« Aidan fuhr sich mit den Fingern durch den dunklen Haarschopf.
   Irgendetwas in ihr regte sich, zerschmolz, und sie fühlte, wie sich ihre Wut in Luft aufzulösen drohte. Was zur Hölle war mit ihr los? Hatte die Kälte da draußen einen Teil ihres Hirns – den Teil, der für Rationalität und vernünftiges Denken sorgte – eingefroren? Schon wieder wanderte ihr Blick zu dem sexy Grübchen auf seiner Wange.
   »Er war zum Glück nur leicht verletzt«, fuhr Aidan fort. »Aber ich hab den kleinen Kerl sicherheitshalber zu Doc Robbins gebracht.«
   Oh! Ein Mann, der ein Herz für Tiere besaß. Ihr Groll wich leiser Bewunderung. Hey, nörgelte eine Stimme in ihrem Kopf, immerhin hat er den Waschbären angefahren, da ist es ja wohl das Mindeste, dass er sich um das verletzte Tier kümmert. Liv räusperte sich. »Nun, zumindest haben Sie kein Tier auf dem Gewissen.« Erneutes Räuspern. Die Art, wie Aidan sie ansah, machte sie verlegen. Ihr Herz stolperte, als sie sich alle Mühe gab, seinem intensiven Blick möglichst gelassen zu begegnen.
   Sein linker Mundwinkel hob sich. »Ich gehe davon aus, dass ich Sie also nach Cradle Mountain bringen darf, Olivia?«
   »Liv.« Sie kniff die Brauen zusammen. »Und ja, dürfen Sie.«
   In diesem Moment brachte Dan den Zitronentee. »Hier Liebchen.« Mit einem Zwinkern reichte er Liv den dampfenden Becher. »Das sollte dich erwärmen.« Ein überraschtes Strahlen huschte über sein wettergegerbtes Gesicht, als er Aidan entdeckte. »Aidan.« Flink wischte er seine Hand an der fleckigen Schürze ab, um sie Claires Bruder entgegenzustrecken. »Welch ein Glanz in meiner bescheidenen Hütte.«
   Aidan schüttelte dem Alten herzlich die Hand. »Dan, alter Kumpel, wie geht’s, was machen die Geschäfte?«
   Er lachte. Ein warmes tiefes Lachen, das erneut einen kribbelnden Schauder über Livs Rücken sandte. Irgendetwas hatte Claires Bruder an sich, das sie zutiefst verwirrte. Während sie an ihrem Tee nippte, musterte sie Aidan verstohlen. Er hatte sich ein Mineralwasser bestellt und plauderte unbekümmert mit Dan. Sie studierte sein klar gemeißeltes Profil mit der hohen Stirn. Die gerade Nase. Sie passte zu dem kantigen, energischen Kinn, das seinem Gesicht möglicherweise einen harten Ausdruck verliehen hätte. Doch das Grübchen und die vollen, sinnlichen Lippen milderten jegliche Härte. Sie konnte nicht aufhören, Claires Bruder anzustarren. Wie es sich wohl anfühlte, ihre Finger durch das dunkle seidig glänzende Haar gleiten zu lassen? In just diesem Augenblick fing Aidan ihren Blick auf. Heiße Röte schoss ihr ins Gesicht. Wie kam sie dazu, merkwürdige Überlegungen über einen fremden Mann anzustellen, dem sie gerade eben erst begegnet war? O Gott, sie war ganz schön durch den Wind. Die Pleite mit Gavin. Die schreckliche Bahnfahrt. Das lange Warten in der Kälte. All das hatte an ihren Nerven gezerrt. Sie senkte die Lider, um ihren Tee zu studieren.
   Sie hörte Aidan neben sich leise lachen. »Sie haben mich abgecheckt, stimmt’s? Wäre das nicht eher mein Part gewesen?«
   Liv schoss ihm einen empörten Blick zu. »Unsinn. Mag sein, dass ich neugierig auf den Bruder meiner Freundin war. Sonst nichts. Bilden Sie sich mal nicht zu viel ein.«
   »Würde mir nie im Leben einfallen«, gab er zurück und grinste. Ihr entging die feine Ironie in seiner Stimme nicht. Er trank sein Mineralwasser aus, zückte die Geldbörse und winkte Dan. »Sie sind eingeladen, Olivia. Sozusagen als Wiedergutmachung.«
   Lackaffe. Claire mochte ein Schatz sein, ihr Bruder war es definitiv nicht. »Lassen Sie gut sein, ich kann für mich selbst zahlen«, funkelte sie ihn an und fummelte am Reißverschluss ihrer Handtasche.
   »Schon erledigt.« Zwinkernd drückte Aidan Dan einen Schein sowie etwas Kleingeld in die wettergegerbte Hand.
   »Lassen Sie das!«
   »Was? Wollen Sie etwa die Zeche prellen und unseren guten alten Dan um sein hart verdientes Geld bringen?« Wieder dieser spöttische Unterton.
   »Ich meine das Zwinkern.« Idiot. Sie warf einen Seitenblick auf Dan, der vorgab, konzentriert die Münzen in die Kasse einzusortieren. Sie konnte es dem belustigten Zucken seiner Mundwinkel ablesen, dass er gelauscht hatte. Und sich amüsierte. Natürlich. Männer hielten zusammen. »Danke«, murmelte sie und sprang auf. »Können wir los?« Sie hatten genug Zeit vertrödelt. Es würde bald dunkel werden.
   Nachdem sie sich von Dan verabschiedet hatten, der Liv gebeten hatte, doch mal wieder ins Ye Olde Elk reinzuschauen, hielt Aidan ihr in perfekter Gentlemen-Manier die Pubtür auf. Im Vorbeigehen erhaschte sie einen Duft seines Aftershaves. Eine Mischung aus herben und zugleich sinnlichen Aromen. Er roch himmlisch. Sie widerstand dem Impuls, sich an seine Brust zu lehnen und seinen verführerischen, männlichen Duft zu schnuppern.
   Liv schauderte, als sie die heimelige Wärme des Pubs verließen. Draußen schlug ihnen die Kälte wie eine eisige Wand entgegen. Fröstelnd schlug Liv den Kragen ihres Parkas höher. Die blauen Vermont-Flaggen vor der Polizeistation flatterten inzwischen lebhaft im Wind, und der Schnee wirbelte in dicken Flocken um sie herum. Sie strich sich eine Locke hinters Ohr. »Es schneit«, kommentierte sie das Offensichtliche und weil sie das unangenehme Schweigen zwischen ihnen beenden wollte.
   »Yep. Sieht so aus, als ob ein Sturm aufzieht.« Aidan warf einen kritischen Blick in den düsteren Himmel. »Wir sollten uns beeilen. Geben Sie mir Ihren Trolley.«
   Liv stolperte hinter ihm her, während er zielstrebig mit ihrem Gepäck auf einen mitternachtsblauen Wagen zusteuerte. Natürlich besaß er einen schicken Range Rover, was sonst. Eins der teuersten Autos. Seltsam, sie hatte sich nie Gedanken gemacht, wenn Claire ihren wertvollen Schmuck ausführte oder sich kostspielige Klamotten gönnte, von denen Liv nur träumen konnte. Claire hatte damals den Löwenanteil des Startkapitals für das Weddingbells & Dreams übernommen. Sie war eben eine Devonport. Den Devonports gehörte halb Pepper Valley, soweit sie wusste.
   »Wollen Sie nicht einsteigen, Olivia?«
   Sie versank in dem blauen Meer seiner Augen. Ihr Herz klopfte ein wenig schneller. Dieser Typ machte sie nervös wie ein Schulmädchen. Sie räusperte sich. Schon wieder. »Liv. Ich heiße Liv«, murmelte sie, sich unter seinem Arm duckend, während er ihr die Beifahrertür aufhielt.
   Aidan schnippte sich ein paar Schneeflocken von den Schultern, bevor er sich hinter das Steuer schob. Er fummelte am Autoradio. »Etwas dagegen?«
   Sie schüttelte den Kopf, war sich seiner Präsenz in dem engen Raum nur allzu gut bewusst. Sie konnte die Wärme seines Körpers spüren. Den Duft seines Aftershaves riechen.
   »Wow … das nenne ich Musik. Ich liebe Johnny Cash.« Aidan ließ seine perfekten weißen Zähne blitzen.
   Sein Musikgeschmack war nicht übel, das musste sie zugeben. »Wie lange wird es dauern, bis wir auf Cradle Mountain sind?«
   »Etwa eine halbe Stunde, schätze ich.« Aidan warf einen Blick nach hinten über die Schulter. »Wenn sich das Wetter nicht verschlechtert.« Gekonnt manövrierte er den Range Rover aus der Parklücke.
   Eine halbe Stunde. Die würde sie auch noch überstehen. Erschöpft ließ Liv den Kopf gegen die Kopfstütze sinken. Sie sehnte sich danach, endlich allein zu sein. Alles, was sie wollte, war, die Tür hinter sich zu schließen, ein hübsches Kaminfeuer anzuzünden und sich gemütlich in eine warme Decke zu kuscheln. Vielleicht ein gutes Buch lesen oder einfach mal überhaupt nichts tun. Sie hatte in der vergangenen Zeit genug gegrübelt. Claire hatte ihr versichert, dass alles Nötige auf der Hütte vorhanden, der Kühlschrank gut gefüllt und ausreichend Feuerholz im Schuppen gestapelt sei. Es würde sicher ein gemütliches, ruhiges Wochenende werden. Genau das, was Liv brauchte. Unwillkürlich glitten ihre Gedanken zu ihrem Exfreund und dem letzten Wortwechsel mit ihm. Es war wie ein Schlag in die Magengrube gewesen, als Gavin ihre Bemerkung, dass sie nicht länger mit ihm zusammenleben könne, lediglich mit einem lapidaren Schulterzucken quittierte hatte. Seinen braunen Augen hatte das warme Funkeln gefehlt, in das sie sich vor vier Jahren verliebt hatte.
   »Tu, was du nicht lassen kannst«, hatte er leichtfertig geantwortet. »Es ist passiert, und ich kann es nicht ungeschehen machen. Aber ich bin auch nur ein Mann. Und wenn eine sexy Blondine …«
   »Dann musst du dich deiner Libido natürlich unterwerfen«, unterbrach sie ihn kalt. »Ungeachtet der Tatsache, dass wir seit vier Jahren liiert sind.«
   »Livvy …«
   Sie hatte seine Hand, mit der er über ihre Wange streichen wollte, weggeschlagen. »Geh einfach, Gavin. Geh. Es gibt nichts mehr zu sagen.« Das klang so endgültig, so hoffnungslos. Aber genau so hatte sie empfunden.
   »Du liebst mich also nicht mehr.«
   »Und du?«
   Als die Haustür eine Weile später geräuschvoll ins Schloss fiel, hatte sie die Arme um sich geschlungen. Ihr war kalt, so eiskalt wie der Ring, der ihr Herz umschloss. Ihre Liebe, die einst stürmisch auf dem Campus der Boston University begonnen hatte, war vorbei. Für Liv, aufgewachsen bei einer nüchternen Tante, weil sie ihre Eltern im Alter von acht Jahren bei einem Verkehrsunfall verloren hatte, war Gavin Dreh- und Angelpunkt der vergangenen Jahre gewesen. Mit ihm hatte sie gehofft, einmal die Familie zu haben, die sie immer vermisst hatte. Vielleicht hatte ihn ihre Anhänglichkeit in die Arme einer anderen getrieben? Trotzdem, sie wollte und konnte ihm seinen Seitensprung nicht verzeihen. Sie würde ihm nie wieder vertrauen können. Er hatte ihre Liebe zerstört. Einfach so. Dabei hatte sie sich ihre gemeinsame Zukunft so schön ausgemalt. Im Herzen eine hoffnungslose Romantikerin, hatte sie sich nach dem Studium zusammen mit ihrer Collegefreundin Claire den Traum einer eigenen Hochzeitsagentur erfüllt. Natürlich hatte sie davon geträumt, dass eines Tages sie eine der strahlenden Bräute sein würde, die mit ihrem Liebsten vor dem Altar stehen würde. Jetzt war sie vierundzwanzig, und ihr Traum von einem funkelnden Ring am Finger und einem weißen spitzenbesetzten Kleid war wie eine Seifenblase zerplatzt. Puff. Willkommen zurück im Singleleben, Olivia Sullivan.
   Ein sanftes Stupsen an ihrer rechten Schulter riss sie aus ihren düsteren Überlegungen. »Was zum Kuckuck -?« Sie schnellte herum und starrte in ein Paar schokoladenbrauner Augen. Diese und die rosa Zunge, die im Begriff war, sich ihrer Wange zu nähern, gehörten einem hübschen goldbraunen Golden Retriever, der hinter ihr auf der Rückbank saß. »Oh«, sagte Liv. »Ein Hund.« Etwas unbeholfen tätschelte sie den samtigen Kopf.
   Aidan lachte. »Das ist Max. Max, darf ich vorstellen: Olivia Sullivan, eine Freundin meiner hochgeschätzten Schwester Claire.«
   »Liv«, verbesserte sie ihn Augen rollend. Lernte er es nie? Abermals wich sie der rosafarbenen Zunge aus. »Sie haben mir überhaupt nicht gesagt, dass Sie einen Hund dabei haben.«
   »Sollte ich das?« Um seine Lippen zuckte ein Grinsen.
   »Immerhin hätte ich beinahe einen Herzinfarkt bekommen.«
   »So zartbesaitet wirken Sie gar nicht.« Eine Sekunde lang musterte er sie intensiv, bevor er sich erneut der verschneiten Straße zuwandte.
   Liv fühlte ihre Wangen heiß werden. Wie konnte es sein, dass ein Blick aus meerblauen Augen sie derart in Verwirrung brachte? Sie sollte doch vor Liebeskummer zerfließen, nach dem, was Gavin ihr angetan hatte. Schließlich hatte der Schweinehund die Frechheit besessen, sich bei der Hochzeitsfeier, die sie für die Meyer-Finnegans organisiert hatte, an die erste Brautjungfer heranzumachen. Irgendwann hatte Liv es sich zur Gewohnheit gemacht, Gavin als Begleitung zu den Feierlichkeiten mitzunehmen, weil es sich besser machte, wenn sie mit Partner auftauchte. Gavin Taylor flirtete gern, nun, das war kein Verbrechen. Aber kürzlich hatte er den Bogen mehr als überspannt. Das Erforschen fremder Brüste, der Austausch von heißen Küssen und Körperflüssigkeiten im Schatten eines Gartenpavillons fielen definitiv nicht unter den Begriff Flirten. Natürlich hatte er sich auch noch mit einem Typ Frau vergnügt, der das genaue Gegenteil von ihr darstellte: gertenschlank und blond, mit endlos langen Beinen und perfekten, kleinen Brüsten wie zwei junge Pfirsiche. Liv hatte Gavin zum Teufel gejagt. Sein Seitensprung war nur das i-Tüpfelchen auf einer Reihe von Dingen gewesen, die sie an ihrer Beziehung störten. Bedingt durch ihren Job hatte sie ständig mit Menschen zu tun, die eine gemeinsame Zukunft planten – ein Thema, dem Gavin immer wieder allzu gern auszuweichen pflegte. Wozu planen, Baby?, säuselte er, wenn Liv, die sich nach einer Familie sehnte, ihn sanft, aber beharrlich in diese Richtung stupste. Wir sind jung. Lassen wir es auf uns zukommen. Sie war sich sicher, dass sie niemals wieder Lust verspüren würde, irgendetwas mit Gavin an ihrer Seite auf sich zukommen zu lassen.
   »Einen Penny für Ihre Gedanken.« Aidans Worte wurden durch ein zustimmendes Jaulen von Max auf dem Rücksitz quittiert.
   »Hm?« Liv drehte den Kopf, um Aidan anzusehen.
   »Ich meine, was geht hinter Ihrer hübschen Stirn vor?«
   Verflixt und zugenäht! Flirtete dieser Kerl mit ihr? Sie erinnerte sich an Claires warnende Worte. Mein Bruder ist ein Goldschatz, Livvy, aber hüte dich vor seinem Süßholzgeraspel. Er versteht es, Frauen um den kleinen Finger zu wickeln. Liv hatte müde abgewunken. Ihr stand gewiss nicht der Sinn nach einem Flirt. Schon gar nicht mit einem extrem attraktiven Womanizer. Von Männern hatte sie erst einmal die Nase voll. Oh, sie konnte sich lebhaft vorstellen, dass sich die Ladys um Aidan Devonport rissen. Zugegeben, er sah hinreißend aus. Und wenn er dann auch noch in Begleitung eines hübschen Hundes auftauchte – welches weibliche Wesen würde nicht dahinschmelzen? Aidan war definitiv ein Mann, der reihenweise Frauenherzen brechen konnte. Was für ein Glück, dass sie gegen seinen Charme immun war. »Privatangelegenheit«, erwiderte sie knapp, wobei sie seinem forschenden Blick sicherheitshalber lieber auswich.
   Aidan zuckte mit einer Schulter. »Ihr gutes Recht.«
   Sie hatten den Ort hinter sich gelassen und überquerten ratternd die Bohlen einer für New England so typischen, überdachten roten Holzbrücke, die sich über ein schmales Flüsschen spannte.
   »Das ist der Snake River«, erklärte Aidan. »Kommt von oben aus den Bergen. Im Sommer kann man hier prima Forellen fischen.«
   Durch das Seitenfenster sah Liv Eisstücke auf dem smaragdgrünen Wasser treiben, bevor sich der Fluss in einem weißen Nebel aus Schneeflocken verlor. Die bewaldete weiß gezuckerte Hügellandschaft war bald nur noch schemenhaft zu erkennen. Konzentriert manövrierte Aidan den Range Rover die gewundene Straße … oder besser, das schmale verschneite Band, das einmal eine Straße gewesen sein musste, entlang. Hoffentlich kam ihnen niemand entgegen. Es gab keine Ausweichmöglichkeit und erst recht nicht die Chance, zu wenden. Liv knetete ihre Hände im Schoß, als das Smartphone in ihrer Handtasche klingelte.
   Es war Claire, die sich erkundigen wollte, ob alles in Ordnung sei.
   »Wir sind gerade auf dem Weg«, informierte Liv ihre Freundin mit einem Seitenblick auf Aidan.
   »Hast du meinen Bruder ordentlich zurechtgestutzt?«
   Liv richtete ihre Aufmerksamkeit zurück auf die Fahrbahn, wobei sie sich unwillkürlich mit der freien Hand an den Türgriff klammerte. »Es – also anscheinend gab es einen triftigen Grund für die Verspätung«, erwiderte sie.
   »Sollte es besser«, grummelte Claire. »Ansonsten ziehe ich meinem Herrn Bruder die Löffel lang. Es tut mir leid, Livvy.«
   Ihre Bemerkung entlockte Liv ein kleines Lächeln. »Ist schon gut. Jetzt sind wir ja auf dem Weg. Bei dir alles in Ordnung? Hast du mit Paige Carrington einen neuen Termin ausmachen können? Sie wollte das Musikarrangement ändern, und nochmals mit uns über das Buffet sprechen.«
   »Entspann dich, Liv. Ich hab hier alles im Griff. Sieh zu, dass du deine Zeit oben auf der Hütte genießt, okay? Wir sehen uns am Montag wieder. Wenn etwas ist, wende dich an meinen Bruder, er soll dir seine Handynummer geben.«
   »Alles klar.« Entspannen? Beinahe wäre Liv ein hysterisches Lachen entfahren. Sie schielte aus dem Seitenfenster, wo auf ihrer Seite der Straße der Hang steil hinabfiel. Instinktiv hielt sie die Luft an. Ihre Freundin ahnte ja nicht, welche Todesängste sie in diesem Moment ausstand. Hilfe suchend blickte sie zu Aidan, der mit ausdrucksloser Miene das Steuer hielt. Sie verstand nicht, wie er in einer gefährlichen Situation so cool bleiben konnte.
   »Lass es dir gut gehen, Süße, ja?«
   Liv wusste nicht, ob es der mitfühlende Klang in Claires Stimme, die Erinnerung an Gavins Verrat oder die hohe Wahrscheinlichkeit, dass dies hier vermutlich die letzte Fahrt ihres Lebens sein würde, waren, die ihr Tränen in die Augen trieben. »Ich versuch’s«, entgegnete sie leise und beendete das Gespräch.
   »Alles in Ordnung?« Aidan sah sie prüfend an, und Livs Herz setzte für eine Schrecksekunde aus.
   »Würde es Ihnen etwas ausmachen, auf die Straße zu achten?«, funkelte sie ihn an. »Ich würde es vorziehen, lebend die Hütte zu erreichen.«
   »Da geht es Ihnen wie mir.« Da war es wieder, dieses schiefe, leicht spöttische Grinsen. Brachte diesen Mann denn nichts aus der Ruhe?
   Sie presste die Lippen aufeinander. Vielleicht sollte sie nicht so unfreundlich zu ihm sein. Er hatte den Sturm ja nicht bestellt und tat offensichtlich sein Bestes, sie sicher nach Cradle Mountain zu bringen. Sie sollte ihn bei dieser Mission besser nicht stören, deshalb verkniff sie sich einen weiteren Kommentar und schloss die Lider, ließ sich einlullen vom mechanischen Wischgeräusch der Scheibenwischer, vom Brummen des Motors und der ruhigen Jazzmusik, die das Radio spielte.
   Irgendwann erwachte sie, weil eine weiche Zunge liebevoll über ihren Nacken leckte. Max. Hinter vorgehaltener Hand gähnend wandte sie sich um, um die Hundeschnauze zu streicheln, als ihr Blick an der Frontscheibe hängen blieb. Die Scheibenwischer arbeiteten hektisch auf Hochtouren, aber von der Welt da draußen war so gut wie nichts mehr zu erkennen. Das Licht der Scheinwerfer schnitt durch schummriges Halbdunkel und ließ fette weiße Flocken aufblitzen. Wie in aller Welt konnte Aidan den Wagen sicher durch dieses Chaos steuern? »O mein Gott, Aidan!«
   »Keine Sorge, wir müssten gleich da sein.« Ohne ihr einen Blick zu schenken, konzentrierte er sich auf den Weg, der sich am Rand einer steilen Felsformation über unebenes Terrain in die Höhe schlängelte.
   Liv stieß einen Schreckensschrei aus, als der Range Rover unvermittelt schlingerte und in Richtung Abgrund auszubrechen drohte. Zum Glück gelang es Aidan, den Wagen abzufangen und auf griffigeren Untergrund zu lotsen. »Alles okay«, knurrte er, »wir sind wieder auf sicherem Grund. War nur ein Stückchen Eis.«
   Es klang lässig dahergesagt, doch sie erkannte seine Anspannung am zuckenden Nerv in seiner Schläfe. Liv atmete hörbar aus. Sie hatte sich bereits in einer Blutlache unten am Grund des Abhangs im überschlagenen Wagen liegen sehen … Beruhig dich, Liv, die Fantasie geht mit dir durch. Erneut krallte sie ihre schweißnassen Finger um den Türgriff. Ihr Herz pochte wild. Gefühlte Stunden und etliche bange Momente später, brachte Aidan den Wagen unter einer schneelastigen Kiefer zum Stehen.
   »Wir haben’s geschafft.« Mit einem breiten Grinsen stellte er den Motor ab. »Willkommen auf Cradle Mountain.« Seine Augen funkelten triumphierend, als er Liv ansah. »Der Weg zur Hütte ist nicht freigeschaufelt, da müssen wir jetzt leider durch.«
   O. Mein. Gott. Liv hatte das Gefühl, auf puddingweichen Knien zu stehen, nachdem Aidan die Beifahrertür geöffnet und ihr aus dem Wagen geholfen hatte. Sie spähte in die Richtung, in die er zuvor gedeutet hatte. In etwa fünfzig Metern Entfernung konnte sie schemenhaft eine teilweise von hohen Bäumen umgebene Blockhütte ausmachen. Völlig fertig mit den Nerven folgte sie ihm durch den kniehohen Schnee. Aidan hatte sich ihren Trolley unter den Arm geklemmt und stapfte mit Max an seiner Seite voraus. Dem Hund schien der Horrortrip nichts ausgemacht zu haben, ebenso wenig wie ihn die Kälte zu stören schien. Munter sprang er von Aidan zu Liv und wieder zurück, tollte durch den Schnee und schnappte übermütig nach den dicken weißen Flocken, die um seine Schnauze tanzten. Kein Wunder. Max besaß immerhin einen kuschligen Pelz, der ihn vor dieser Eiseskälte schützte.
   Sie wickelte ihren Schal enger und zog fröstelnd die Schultern zusammen, aber der kräftige Wind schien durch jede noch so kleine Öffnung ihrer Kleidung zu dringen. Eine Windböe, die sich wie ein kalter Schlag anfühlte, peitschte ihr die Locken gegen die brennenden Wangen. Erleichtert seufzte sie auf, als sie das hektische Klimpern eines Windspiels vernahm. Es musste vom überdachten Hütteneingang kommen. Sie hatten ihr Ziel so gut wie erreicht. Gleich würde sie es sich drinnen so richtig gemütlich machen. Sie beneidete Aidan nicht, der sich mit Max auf den Rückweg machen musste. Fast tat er ihr ein bisschen leid, aber seine Misere war nicht ihr Problem. Sie beschleunigte ihren Schritt, rutschte aus und mit einem leisen Aufschrei stürzte sie in den Schnee.

Kapitel 2

Aidan wirbelte herum. An Ort und Stelle ließ er den Trolley fallen. Max schoss an ihm vorbei und umkreiste Liv aufgeregt bellend. »Ruhig Max, alles in Ordnung«, beruhigte Aidan seinen Freund. Er ging in die Knie, schlang seine Arme um Liv und zog sie hoch. »Alles okay?«
   »Mein Fuß …« Sie probierte, ihn zu belasten, zuckte zusammen. »Ich bin auf so einem verdammten Stück Eis ausgerutscht. Erst mein Knie und jetzt mein Fuß, es ist zum …« Der Rest des Satzes wurde von einem Schluchzer verschluckt.
   Kurzerhand hob er sie in seine Arme, während sie den Kopf an seine Schulter lehnte.
   »Mein Koffer«, protestierte sie schwach.
   »Holen wir gleich«, murmelte er. Ihr üppiges Haar kitzelte seine Wange. Es duftete nach Sommerblumen, mit einer frischen Orangennote. Sie besaß sehr hübsches Haar. Mahagonifarben. Er beschleunigte seine Schritte. Jetzt war weder die Zeit noch der Ort, um sich Gedanken über die Beschaffenheit von Haaren fremder Frauen zu machen. Es war verdammt ungemütlich hier draußen. Er würde mit Max die Nacht in der Hütte verbringen müssen. Unmöglich, dass er den gefährlichen Weg durch diese weiße Hölle heute Abend zurücklegte. Diese Neuigkeit musste er Olivia noch beibringen. Irgendetwas sagte ihm, dass es ihr vermutlich nicht besonders gefallen würde, die Hütte mit ihm teilen zu müssen. Tja, Pech. Es gab eben Dinge, die waren stärker als jeder Vorsatz. Vor der Tür angekommen ließ er sie behutsam runter. »Geht’s?«
   Sie hielt sich mit einer Hand am Türrahmen fest. »Ich denk schon.«
   So gut es ging, klopfte sich Aidan den Schnee von Jacke und Hose, bevor er sich bückte, um den Schlüssel unter der dicken Kokosfußmatte hervorzuholen. Die schwere Holztür knarzte in ihren Angeln, als er sie aufstieß. Er tastete nach dem Lichtschalter, fand ihn und knipste das Licht an. Max stürmte in den Windfang und forderte sie schwanzwedelnd auf, ihm zu folgen. »Max scheint sich schon heimisch zu fühlen.«
   Aidans Kommentar konnte Liv kein Lächeln entlocken. »Würden Sie bitte meinen Koffer holen, Aidan?«
   »Ist alles in Ordnung mit Ihnen?«, wollte er sanft wissen, weil er auf einmal fand, dass sie ziemlich blass und erschöpft im künstlichen Licht wirkte.
   »Klar. Es ist nur …« Sie brach ab und zuckte mit den Schultern. »Haben Sie schon mal von Murphys Gesetz gehört?«
   »Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen?«
   »Genau.« Sie verzog grimmig den Mund.
   Sekundenlang kramte er in seinem Hirn nach einer passenden Antwort. »Irgendwann geht es wieder aufwärts«, sagte er dann. Selbst er musste zugeben, dass sich seine Worte ziemlich lahm anhörten. Außerdem wusste er es besser. Manchmal wurde nichts mehr gut. »Gehen Sie doch schon mal mit Max rein«, schlug er vor. Es war besser, gewisse Dinge ruhen zu lassen. »Ich kümmere mich um Ihren Trolley. Bin gleich zurück.«
   Als er durch den Schnee zurückstapfte, fragte er sich, wovon Liv wohl gesprochen hatte. Sie hatte so verloren ausgesehen.
   Aidan schob den Trolley in den Flur und schloss die Tür mit Nachdruck, um den eisigen Wind auszuschließen. Zu seiner Überraschung fand er Liv und Max noch immer im Windfang vor. Sie hatte sich keinen Zentimeter gerührt, seitdem er sie vor wenigen Augenblicken verlassen hatte, und Max, die treue Seele, war ihr nicht von der Seite gewichen.
   »Danke. Ich denke, ich komme zurecht.« Sie schenkte Aidan ein abwesendes Lächeln, während sie gedankenverloren Max über den Kopf streichelte.
   »Mir scheint, Sie haben einen neuen Freund gewonnen.« Aidan machte eine Kinnbewegung zu Max, derweil er seine Boots auf der Bodenmatte ausklopfte, um die Schneereste abzuschütteln. »Soll ich mir Ihren Fuß vielleicht mal ansehen?«
   »Nein.« Das kam wie aus der Pistole geschossen. »Ich meine, nein, das ist nett, aber es geht schon. Wie gesagt, ich komme jetzt allein zurecht. Danke, dass Sie mich hochgefahren haben.« Sie machte eine hilflose Geste. »Ich würde Sie ja auf eine Tasse Tee hereinbitten, aber ich bin ziemlich müde und würde es vorziehen, allein zu sein.«
   Jetzt begann der komplizierte Teil. Aidan öffnete den Reißverschluss seiner Jacke. »Ich muss Sie enttäuschen, Olivia, aber so rasch werden Sie mich und Max nicht los.«
   Liv hielt mit dem Streicheln inne. »Was soll das heißen?«
   »Es soll heißen, dass ich bleibe.« Gelassenheit vortäuschend schlüpfte er aus seiner Jacke und hängte sie an einen der schmiedeeisernen Haken an der holzvertäfelten Wand.
   »Wie bitte?« Unwillkürlich wanderte Livs rechte Hand an ihre Brust. »Das kann ja wohl nicht wahr sein. So war das nicht vereinbart. Wenn Sie also nicht augenblicklich gehen, rufe ich …«
   »Beruhigen Sie sich.«
   Er machte einen Schritt auf sie zu, was sie dummerweise veranlasste, einen Satz nach hinten zu machen. Max, dem sie dabei auf eine Pfote trat, sprang jaulend auf. Liv strauchelte. Zum Glück gelang es Aidan, sie am Arm festzuhalten, damit sie nicht fiel. Verdammt, das hatte er ungeschickt angestellt. Er hielt Liv, während sie mit ihren Fäusten gegen seine Brust trommelte.
   »Lassen Sie mich los, Sie ungehobelter, unverschämter … Mensch!«
   Seine Mundwinkel zuckten belustigt. »Ein schlimmeres Schimpfwort fällt Ihnen nicht ein?«
   »Nur weil Ihrer Familie diese Hütte, genau wie der halbe verdammte Ort, gehört, heißt das noch lange nicht, dass Sie hier willkommen sind! Ich habe die Blockhütte für das Wochenende gemietet. Für mich. Allein. Also gehen Sie.«
   Kampfeslustig ballte sie die Fäuste. Oha, die Kleine war eine regelrechte Wildkatze. Ihre Augen blitzten ihn zornig an. Sie funkelten in einem warmen Bernsteinton. Was für eine ungewöhnliche Farbe. Sie passte zu ihrem wilden, mahagonifarbenen Haar. »Nichts täte ich lieber, Lady«, entgegnete er und grinste. Er mochte streitlustige Frauen. Seine Mom war auch so ein Exemplar. Sein Dad konnte ein Lied davon singen, was ihrer gemeinsamen Liebe allerdings keinen Abbruch tat. Er wischte die Gedanken beiseite. »Angesichts des Sturms da draußen bleibt mir und Max nichts anderes übrig, als die Nacht hier mit Ihnen zu verbringen.«
   »Mit mir?«
   Angesichts ihrer offen zur Schau getragenen Verblüffung hätte er beinahe schallend gelacht. Er wollte es sich jedoch mit Olivia Sullivan nicht völlig verderben. Immerhin würden sie die nächsten Stunden miteinander auskommen müssen. »Hören Sie, es tut mir leid. Es war nicht geplant, dass ich bleibe.«
   »Das wäre ja auch noch schöner«, schoss sie zurück.
   »Kein vernünftiger Mensch würde jetzt den Rückweg über die Steilstraße nach Pepper Valley antreten. Es tut mir leid. Sie müssen mit meiner – unserer – Gesellschaft vorliebnehmen.« Er nickte Max zu, der daraufhin fröhlich mit dem Schwanz wedelte.
   »Was ist mit Ihrem Hund? Ich meine, Sie haben doch bestimmt nichts für ihn dabei?«
   Er sah leise Hoffnung in ihren Augen aufblitzen. Hoffnung, er würde sich doch noch verkrümeln. »Für Max ist gesorgt. Barney füllt regelmäßig die Vorräte auf, und er vergisst niemals meinen vierbeinigen Freund. Ich fahre hin und wieder mal hier hoch, um die Einsamkeit der Berge zu genießen«, setzte er zur Erklärung nach.
   »Barney?« Jetzt schien sie vollends verwirrt.
   »Unser guter Geist, ein Nachbar, der hier nach dem Rechten sieht.«
   »Verstehe.«
   Sie tat ihm fast ein bisschen leid. »Hören Sie, ich bedauere, dass das Wetter Ihre Pläne durchkreuzt und es scheinbar gerade nicht so läuft, wie Sie sich erhofft hatten. Ich verspreche Ihnen, sobald es sich da draußen beruhigt hat, sehen Sie mich von hinten und können die Einsamkeit der Berghütte in aller Abgeschiedenheit und Ruhe genießen.« Liv biss sich auf die Unterlippe und senkte die Lider, doch er hatte das Schimmern in ihren Augen gesehen. »Sind Sie wirklich okay?«
   Sie nickte. Eine Träne stahl sich ihren Weg unter den Wimpern hervor und kullerte über ihre Wange.
   »Hey, so schlimm wird es doch nicht sein«, bemerkte er hilflos, während er eine Hand ausstreckte, um mit dem Daumen über ihre Wange zu wischen. Ohne, dass er es wollte, wanderte sein Blick zu ihren Lippen. Sie waren voll und hübsch geschwungen. Sinnlich. Ein Kussmund, schoss es ihm durch den Kopf. Ebenso wie die warnenden Worte seiner Schwester, die Finger von Liv zu lassen. Komm mir nicht auf die Idee, Liv verführen zu wollen. Liv ist meine Geschäftspartnerin und eine gute Freundin, und außerdem macht sie gerade eine schwere Zeit durch. Nun, erstens waren die Freundinnen seiner Schwester von jeher tabu gewesen und zweitens hatte er gewiss nicht vor, sich mit einer Frau einzulassen, die an irgendeiner komplizierten Beziehungssache zu knabbern hatte. Das war nicht sein Ding. Als Inhaber des Rockwood Inn mangelte es ihm gewiss nicht an Gelegenheiten, und er genoss seine sorglosen und unkomplizierten Abenteuer mit ungebundenen Ladys. Er räusperte sich. »Lassen Sie uns erst mal reingehen. Auf geht’s, Kumpel«, forderte er Max auf.
   Am Ende des Windfangs gelangten sie durch einen Rundbogen in einen großzügigen Raum. Wie immer, wenn er nach Cradle Mountain kam, überkam Aidan ein Gefühl der tiefen Ruhe und Zufriedenheit, sobald er das Wohnzimmer betrat. Der Raum bestach durch seine rustikale und dennoch elegante Schlichtheit. Verblasste Orientteppiche, ein hohes, prall gefülltes Bücherregal und einige wenige Holzmöbel vermittelten dem Zimmer mit seinen Holzbohlenwänden, die bis hinauf ins Spitzgiebeldach reichten, Wärme und Gemütlichkeit. Um den steinernen, offenen Kamin gruppierte sich eine bequeme lederne Sitzgruppe, und hinter einer Theke mit Barhockern schloss eine kompakte Miniküche im Landhausstil an. Die Hütte war ein kleines Paradies in den Bergen, ein perfekter Rückzugsort.
   »Setzen Sie sich«, schlug Aidan Liv vor und dirigierte sie zur Couch. »Bis wir es hier warm bekommen haben, nehmen Sie lieber das da.« Er schnappte sich das wollene Plaid, das über der Sofakante hing, und schickte sich an, Liv darin einzuwickeln. Sie hielt sein Handgelenk fest. Ihre Blicke trafen sich.
   »Danke. Das schaffe ich noch selbst.«
   Er grinste. Diese spröde, kleine Wildkatze. Ihm war klar, dass sie ihn argwöhnisch aus den Augenwinkeln beobachtete, als er hinüber zum Kamin ging. Max, der aus Erfahrung wusste, dass sein Herrchen gleich ein wärmendes Feuer anzünden würde, vor dem es sich herrlich dösen ließ, begleitete ihn, hielt jedoch gebührlichen Abstand. Schließlich hatte der arme Max schon einmal eine schmerzhafte Erfahrung mit dem Feuer machen müssen, bei der er sich seine Schnauze angesengt hatte. Unter Max’ erwartungsvollem Blick schnappte sich Aidan von dem Holzstapel neben dem Kamin ein paar Scheite und schichtete sie fachmännisch übereinander. Wie gut, dass der alte Barney regelmäßig heraufkam, um die Vorräte aufzufüllen und Feuerholz zu schlagen. Mit einem Streichholz, das er in einem Schächtelchen oben auf dem Kaminsims gefunden hatte, entfachte Aidan das Feuer. Sofort flackerte ein Flämmchen auf und nahm Besitz von dem trockenen Holz. Funken sprühten, stoben glitzernd durch die Luft. Aidan nahm den Schürhaken von der Wand, um die Scheite in der Glut zu bewegen, bis das Feuer zischend und knisternd loderte. Es duftete herrlich würzig nach Pinien, Wacholder und Hickory. Zufrieden rieb Aidan seine Hände aneinander. »Na komm, Max«, munterte er seinen vierbeinigen Gefährten auf. »Mach es dir gemütlich.«
   Das ließ sich der Hund nicht zweimal sagen. Mit einem zufriedenen Knurren trottete er vor den Kamin, um sich einzurollen.
   »Guter Junge.« Aidan tätschelte den weichen Hundekopf und schielte nebenbei in Livs Richtung. Amüsiert registrierte er, dass sie sich seinen Rat zu Herzen genommen, sich ihre Jacke ausgezogen und in die Decke gekuschelt hatte. »Ich brauche jetzt einen Drink«, meinte er beiläufig. »Was ist mit Ihnen, Olivia?«
   Ohne ihre Antwort abzuwarten, stapfte er hinüber in die Küche und machte sich dort leise pfeifend an einem Schrank zu schaffen. Schließlich musste er Claires Freundin davon überzeugen, dass sie vor ihm nichts zu befürchten hatte.
   »Kann vermutlich nicht schaden«, murmelte sie in seinem Rücken.
   Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Irgendwie gefiel ihm der Gedanke, die Nacht hier oben auf dem Cradle Mountain zu verbringen. In seinem Kopf blitzte abermals Claires Warnung auf. Unnötig. Natürlich hatte er nicht vor, die Freundin seiner Schwester zu verführen, versicherte er sich innerlich kopfschüttelnd, als er Eiswürfel aus dem Crusher neben dem Kühlschrank in die Tumbler füllte. Sie war ohnehin nicht sein Typ. Ein bisschen Flirten sollte jedoch erlaubt sein, oder nicht? Aidan Devonport liebte es, mit dem Feuer zu spielen. Er war ein Spieler, ein Genießer. Quetschte das Leben aus wie eine Zitrone, kostete jeden einzelnen Augenblick. Jeden verdammten Moment. Weil er wusste, wie beschissen kurz das Leben sein konnte. Wie unerwartet und hinterhältig. Er hatte geliebt. Tief und leidenschaftlich, doch diese Liebe war ihm auf grausame Weise genommen worden. Seitdem war er bemüht, sich von Gefühlen jeglicher Art abzuschotten. Was ihm gut gelang. Er war jemand, der sich treiben ließ. Immer bereit für aufregende sexuelle Abenteuer, die keine Konsequenzen nach sich zogen, doch niemals bereit, sich zu binden. Niemals mehr. Er lebte sein Leben auf der Überholspur, und das war gut so.
   Das Eis knisterte leise, als der Bourbon darüberfloss. Nachdem er Liv ein Glas gereicht und seins auf dem niederen Tischchen vor der Couch platziert hatte, fischte er aus der hinteren Hosentasche sein Blackberry. Er sollte besser Carrie, der Empfangsdame des Rockwood Inn, eine kurze Nachricht zukommen zu lassen. Schließlich musste er das Hotel informieren, dass er vermutlich nicht vor morgen Mittag zurückkehren würde.
   »Ist das schön«, hörte er Liv leise in seinem Rücken sagen, während er tippte. »Ich liebe Kaminfeuer.«
   Aidan stopfte das Telefon zurück in die Hosentasche und drehte sich um. Liv betrachtete gedankenversunken die Flammen. Ihre Amberaugen funkelten im Widerschein des Lichts. Sie hob das Glas an den Mund und nippte von ihrem Whiskey. Erneut wurde sein Blick von ihren vollen Lippen gefesselt. Wie es sich wohl anfühlte, sie zu küssen?, schoss es ihm durch den Kopf. Ohne, dass er etwas dagegen tun konnte, folgte sein Blick dem sanften Schwung ihrer Kehle, hinab zum Ausschnitt ihres Sweaters, wo sich der Ansatz ihrer vollen Brüste zeigte. Zwischen der Vertiefung baumelte ein Anhänger, ein kleines goldenes Herz, das im Feuerschein aufblitzte, als sich Liv bewegte. Sein Herz pochte ein wenig schneller. Der Anblick war verdammt aufreizend. Aidan spürte, wie sich sein kleiner Freund in der unteren Region regte. Oh, oh. Er war in Schwierigkeiten. Obwohl definitiv nicht sein Typ, besaß diese brünette Lady da drüben auf der Couch etwas, das sein Blut in Wallung brachte. Damit hatte er nicht gerechnet.
   Zielstrebig steuerte er auf seinen Whiskey zu. Er hatte das Gefühl, jetzt einen ordentlichen Schluck vertragen zu können. »So«, brummte er, nachdem er sich in einem der Sessel niedergelassen hatte. »Da wären wir also.« Er schlug die Beine übereinander, um seiner wachsenden Erektion Herr zu werden. Er musste sich ablenken. Sofort. Dringend. Vielleicht half noch ein Schluck von dem goldenen Gesöff, das herrlich in der Kehle brannte. Oder noch einer.
   »Wenn Sie so weitermachen, sind Sie bald dicht.«
   »Hm?«
   »Ich meine, wenn Sie in dem Tempo weitertrinken, werden Sie heute nicht alt.«
   »Ach so.« Sein Lachen klang künstlich. Was daran lag, dass sein Schwanz in der engen Jeans rebellierte. »Keine Sorge, ich vertrag ’ne Menge.« Er leerte sein Glas. Doch er konnte sich unmöglich Nachschub besorgen, ohne dass Liv sein Dilemma bemerken würde. Er beugte sich vor und stützte seine Unterarme auf den Oberschenkeln ab. »Erzählen Sie ein bisschen von sich, Liv.«
   Sie starrte düster in ihren Drink. »Da gibt es nicht viel zu erzählen. Sie wissen, was Ihre Schwester und ich in der Agentur so treiben …«
   »Aber Sie haben doch sicher ein Liebesleben?« Himmel, welcher Teufel hatte ihn denn da geritten? Offensichtlich das falsche Thema, erkannte er, allerdings zu spät. In dem Moment, in dem die Worte aus seinem Mund purzelten, wusste er, dass er einen Fehler begangen hatte. »Es tut mir leid, das geht mich wirklich nichts an«, ruderte er zurück.
   Sie schluckte. Als sie ihren Blick auf ihn richtete, schimmerten ihre Augen verräterisch. Sie schüttelte leise den Kopf. »Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Normalerweise bin ich nicht so nah am Wasser gebaut.« Sie holte tief Luft und wandte den Kopf, um erneut ins Feuer zu starren. »Irgendwie läuft seit einiger Zeit einfach alles schief. Scheiß Karma, oder so.« Sie schniefte.
   Heilige Scheiße. Das Letzte, was er gebrauchen konnte, war eine weinende Frau. Innerlich aufseufzend stand er auf und setzte sich neben sie. Ohne groß nachzudenken, schlang er seine Arme um ihren Oberkörper. Er konnte nicht anders. Er konnte es nicht ertragen, weinende Frauen zu sehen. Möglicherweise ein Umstand, der der Tatsache geschuldet war, dass er als einziger Junge mit drei Mädchen aufgewachsen war. »Ist ja gut«, murmelte er, überrascht, dass sie sich sofort an ihn klammerte. Während er sie hielt, und ihren betörend süßen, weiblichen Duft atmete, strich er mit seinen Lippen über ihr seidiges Haar. Verdammt, was machte er da? Aber es war zu spät. Überrollt von jähem wildem Verlangen, schloss er die Augen. Ganz ruhig, Devonport. Das führt zu nichts. Er schluckte hart, als sich Liv aufschluchzend an ihn presste. Ihre Brüste schmiegten sich an seine Brust, und sein Körper reagierte schmerzhaft mit pochendem Verlangen.
   Abrupt löste sie sich von ihm und wischte mit den Handrücken über ihre glänzenden Wangen. »Es tut mir leid«, flüsterte sie. »Ich hätte mich nicht so gehen lassen dürfen.«
   Sein Herz wummerte wild in seiner Brust. Er starrte auf ihre seidig schimmernden Lippen. Shit, diese Frau mit ihren Bernsteinaugen und den üppigen Locken schlug ihn in ihren Bann. Sie war extrem bezaubernd und selbst in den unförmigen Winterklamotten so wahnsinnig sexy, dass er ihr am liebsten an Ort und Stelle die Kleider vom Leib gerissen hätte. Besitz von ihren wundervollen roten Lippen genommen und sie bis zur Besinnungslosigkeit geküsst hätte. Sein Blick wanderte aufwärts, und einen Wimpernschlag lang stand die Zeit still, als er in ihren Augen versank. Sein Puls raste. Er erschauderte vor Begehren. Seine steinharte Erektion drückte wie verrückt gegen den Reißverschluss seiner Jeans und bettelte um Aufmerksamkeit. Holy Moses, er musste das hier beenden, bevor er es nicht mehr unter Kontrolle hatte, dachte er noch, bevor er seinen Kopf senkte und seine Lippen hart auf ihren verführerischen Mund presste.

*

Überrascht und überwältigt von dem sinnlichen Gefühl, das der Kontakt mit Aidans weichen Lippen auslöste, schloss sie die Lider. Unvermutet durchflutete sie heißes, prickelndes Begehren, als er sanft in ihre Unterlippe biss. Sie wehrte sich nicht dagegen, als seine Zunge ihre Lippen teilte und in ihre Mundhöhle glitt. Ohne nachzudenken, auf was sie sich da einließ, genoss sie das zärtlich forschende, neckende Spiel seiner Zunge mit ihrer. Es fühlte sich gut an, zu gut. Warm und tröstlich. Sexy. Und aufregend zugleich. Sie konnte nicht Nein sagen. Sie schmeckte den Bourbon, den er getrunken hatte. Ein lustvoller Schauder erfasste ihren Körper und ließ zuckendes Begehren zwischen ihren Schenkeln auflodern. Mein Gott, der Mann konnte küssen. Einen Augenblick dachte sie daran, ihn abzuwehren, doch das Gefühl, das sein leidenschaftlicher Kuss in ihr auslöste, war so unheimlich schön, so atemberaubend, dass sie nicht aufhören konnte.
   In irgendeinem entfernten Winkel ihres Bewusstseins registrierte sie, wie sich Aidans Finger unter den Bund ihres Sweaters arbeiteten. Sie ließ ihn gewähren und erschauderte wohlig, als er zärtlich ihre linke Brust umfing. Mit dem Daumen strich er über den zarten Satinstoff ihres BHs und berührte die empfindliche Knospe, die sich sofort aufrichtete. Er streichelte sie sacht, und ein süßes Ziehen schoss durch Livs Unterleib. Sie stöhnte auf, als heftiges Verlangen über sie rollte wie eine alles verschlingende Welle. O. Mein. Gott. Was machte dieser Mann mit ihr? Ihr Puls raste, hilflos bog sie sich Aidan entgegen und wünschte sich, er würde sie nehmen. Auf der Stelle. Hier und jetzt. Du bist verrückt geworden, völlig gaga. Was machst du hier eigentlich? Das bist nicht du. Liebe Güte, sie reagierte wie ein überreifer Pfirsich, der danach schrie, gepflückt zu werden. So kannte sie sich nicht. Sicher, es war schon eine Weile her, dass sie und Gavin Sex gehabt hatten. Dennoch, so ausgehungert und verzweifelt war sie nun auch nicht, dass sie sich gleich mit dem Erstbesten einließ. Sie war eine Frau, die sich durchaus beherrschen konnte. Machte nichts Wildes, Unüberlegtes oder Spontanes. Sie war ein vernünftig denkender Mensch, der gern alles bis ins letzte Detail plante. Was also bitte schön, war nur in sie gefahren? Wenn es sich nur nicht so verteufelt gut anfühlen würde, was Aidan da mit ihr anstellte.
   Mit Mühe befreite sie sich aus diesem Strudel von Verlangen, Lust und wilder Leidenschaft, kämpfte sich zurück an die Oberfläche in die Wirklichkeit. Sie löste sich von Aidan, stemmte ihre Handflächen gegen seine Brust und schob ihn kraftvoll von sich. Keuchend starrte sie auf seine vom Kuss geröteten Lippen.
   »Liv …«
   Nach einer kurzen Schockstarre entwickelte ihre Hand ein Eigenleben. Ihre Finger landeten auf seiner Wange und hinterließen dort ein rotes Mal. »Was in aller Welt haben Sie sich dabei gedacht?«
   »Wie bitte?« Ein Ausdruck der Verwirrung trat in Aidans Gesicht.
   »Mich zu küssen!« Ihr Herz klopfte wie verrückt. Liv konnte die unregelmäßigen Schläge in der kleinen Kuhle unten an ihrer Kehle spüren. Sie war entsetzt. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätte alles um sich herum vergessen und sich willig und vollkommen entfesselt Aidan Devonport hingegeben. Einem Fremden, den sie gerade erst kennengelernt hatte. Einem Mann, über den sie so gut wie nichts wusste. Diese Erkenntnis erschütterte sie in ihren Grundfesten. So ein Verhalten entsprach nicht ihrem Wesen. In der Regel dauerte es eine Weile, bevor sie sich und ihren Körper einem Mann anvertraute. Es brauchte Vertrauen. Vertrautheit. Liebe. Dieser Devonport war ein Teufel. Ein Teufel der Verführung, der sie mit seinen saphirblauen Augen und den sinnlichen Lippen, die so gut küssen konnten, in Versuchung geführt hatte. »Sie … haben mich überrumpelt!«
   »Ach ja?« Aidan rieb sich mit dem Handballen über die getroffene Wange.
   Fast tat es ihr leid, dass sie ihn geschlagen hatte.
   »Ich hatte den Eindruck, dass es Ihnen ebenso gefallen hat wie mir.« In seinen Augen blitzte etwas Dunkles, Gefährliches auf.
   Unwillkürlich rückte sie von ihm ab. »Wagen Sie nicht, mich noch einmal anzufassen.« Sie sah, wie sein Blick zu ihrem Busen wanderte, und prompt zogen sich erneut ihre Schoßmuskeln zusammen. Verdammt, dieser Mann übte eine fast animalische Anziehungskraft auf sie aus, eine dunkle Macht, die sie unbeirrt wie ein Magnet zu ihm zog, auch wenn sie sich noch so sehr dagegen wehrte. Sie kämpfte gegen das Verlangen an, sich an seine Brust zu werfen und ihn zu bitten, sie erneut zu küssen. Ihre Wangen brannten vor Scham. Hör auf, mich so anzustarren, Aidan Devonport. Lass mich in Ruhe.
   »Weißt du, dass du ganz bezaubernd bist, Olivia Sullivan?« Das dunkle Timbre in seiner samtigen Stimme sandte einen Schauder über ihre Wirbelsäule.
   »Liv«, zischte sie und schluckte hart. »Und ich wüsste nicht, dass ich Ihnen das Du angeboten hätte.«
   Er lachte leise auf. »Das ist doch albern. Du bist Claires Partnerin und Freundin. Und wir haben uns vor wenigen Sekunden leidenschaftlich geküsst.«
   »Du hast mich geküsst«, entfuhr es ihr, bevor sie sich stoppen konnte. Mit zitternden Fingerspitzen berührte sie ihre Lippen, die noch immer von seinem Kuss brannten.
   Sein Blick folgte ihrer Bewegung. »Möchtest du noch mal?« Seine Augen funkelten herausfordernd.
   »Unsinn. So toll war es auch wieder nicht.« Die nachklingende Reaktion ihres Körpers strafte sie Lügen. Die Erinnerung an den Kuss weckte ein süßes Prickeln in ihrem Bauch. Rasch senkte sie die Lider und schnappte sich ihren Bourbon, um sich daran festzuhalten. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie Aidan aufsprang und mit dem Tumbler in der Hand in die Küche stapfte. Er holte sich Nachschub. Den könnte sie auch gebrauchen, überlegte sie düster, während sie sein Hinterteil in den engen Jeans begutachtete. Knackig und verdammt sexy. Wie Aidan wohl im Bett war? Sie musste dringend aus seinem Dunstkreis. Der Mann machte sie ganz kirre. In seiner Gegenwart wurde sie zum Sexmonster! Fast wäre ihr ein hysterisches Lachen entfahren, dass sie mit einem großzügigen Schluck Alkohol erstickte. Ihr graute vor der langen Nacht, die sie mit ihm in der Hütte eingeschlossen sein würde. Ob es wenigstens zwei Schlafzimmer gab? Sie richtete ihren Blick nach draußen. Im Lichtschein, der durchs Fenster drang, wirbelte Schneegestöber in einem wilden Tanz im Wind. Noch immer tobte der Sturm. Sie zuckte zusammen, als unvermittelt eine Böe Baumzweige gegen das Fensterglas peitschte und einen der Klappläden in seinen Angeln gegen die Bohlenwand krachen ließ. Im selben Moment legte sich eine Hand auf ihre Schulter – zu viel für ihre angespannten Nerven. Mit dem Getränk in der Hand schoss sie hoch. Unglücklicherweise belastete sie dabei ihren angeschlagenen Fuß, und auch ihr Knie meldete sich wieder. Sie gab einen kleinen Schmerzensschrei von sich.
   Aidan nahm ihr das Glas aus der Hand. »Ganz ruhig, alles gut«, sagte er sanft, ganz so, als wollte er Max beruhigen. Ohne viel Federlesens drückte er sie zurück auf das weiche Polster. »So, und jetzt sehe ich mir deinen Fuß mal an. Nein«, er schüttelte energisch den Kopf, als sie zu einem schwachen Protest ansetzte, »der muss versorgt werden. Lass mich mal machen.«
   Sie gab nach. Es konnte nicht schaden, wenn Aidan einen Blick auf ihren Fuß warf. Immerhin würde ihn die Betrachtung ihres Fußes zumindest nicht wieder in Versuchung bringen, sie küssen zu wollen. Irritiert fegte sie den Anflug leisen Bedauerns beiseite. Reiß dich zusammen, Olivia Sullivan. Ich denke, du hast bereits ein wenig zu freudig am Bourbon genippt.
   Behutsam streifte er ihr den UGG-Stiefel vom Fuß. Dann rollte er den Stricksocken über ihre Fessel, über die Ferse und die Zehen. Um seine Mundwinkel zuckte ein Grinsen, als er den Strumpf zwischen seinem Zeigefinger und Daumen herunterbaumeln ließ.
   »Was?«, fuhr sie ihn an, gröber als beabsichtigt.
   »Rudolph?« Er unterdrückte ein Grunzen.
   Ihr Blick schweifte zu der Socke, die jetzt am Boden lag. »Na und? Mir gefällt das Motiv.« Sie hatte die Strickstrümpfe mit dem etwas eigenwilligen Motiv des rotnasigen Rentiers einst von ihrer besten Freundin auf dem College zu Weihnachten geschenkt bekommen. Amber war inzwischen mit einem Holländer verheiratet und lebte in Europa. Liv vermisste Amber schrecklich und hielt deren Strümpfe deshalb in Ehren. Sie reckte das Kinn. »Hast du ein Problem damit?«
   Sein Grinsen vertiefte sich. »Sie sind süß. Passen zu dir.« Aidan entledigte sich seiner eigenen Stiefel und kniete sich hin, um ihren Fuß in seine Hände zu nehmen.
   Ihr Atem stockte, als er zart, fast andächtig über ihren Fußrücken strich, anschließend die Sohle und jeden einzelnen Zeh sanft berührte und streichelte. O mein Gott. Seine zarten Berührungen verursachten schon wieder ein seltsames Kribbeln in ihrer Mitte, eine süße Sehnsucht nach mehr. Was zum Henker war dieser Mann? Ein Sexgott? Warum hatte Claire sie nicht eindringlicher vor ihm gewarnt? Sie musste dringend mal ein Hühnchen mit ihr rupfen. Wie hatte Claire sie nur ihrem Bruder anvertrauen können? Sie verlagerte ihr Gewicht.
   »Was … machst du?«, krächzte sie. Das Schlimme war, dass das, was auch immer Aidan da mit ihrem Fuß anstellte, sich so gut anfühlte, dass sie sich am liebsten gegen die Polster hätte zurücksinken lassen, um sich ganz seinen sinnlichen Berührungen hinzugeben. Sie hatte so etwas noch nie erlebt. Du liebe Güte, sie wurde tatsächlich … scharf? Nein, das konnte nicht sein. Liv bemühte sich, flach zu atmen, aber die flirrende Hitze zwischen ihren Schenkeln ließ sich nicht länger leugnen.
   »Sh … halt still.« Er suchte ihren Blick und hielt ihn gefangen, während seine Finger erneut zu ihrer Fußsohle glitten und sie behutsam streichelten und massierten.
   Liv biss auf ihre Unterlippe. Ob Aidan ahnte, was er da in ihr auslöste? Ihre Lider flatterten und sie ließ den Kopf nach hinten fallen, weil sie nicht wollte, dass er ihre Gefühlsregungen von ihrem Gesicht ablesen konnte. Sie hatte nicht gewusst, dass Füße so empfindlich sein konnten. Nicht geahnt, dass ihre Füße mit anderen Teilen ihres Körpers verbunden waren, die jetzt stumm, aber eindringlich, um Berührung bettelten, Aidan anflehten, sie zu streicheln, Liebe mit ihnen zu machen … O. Mein. Gott. Das musste aufhören! Sie war eindeutig dabei, ihren Verstand zu verlieren.
   Mit aller Macht lenkte sie ihre Gedanken zu Gavin. Er hatte sich ihren Füßen nie gewidmet. Überhaupt war er kein Freund der übermäßigen Zärtlichkeiten gewesen. Gavin hatte raschen, unkomplizierten Sex bevorzugt, und weil sie es nicht anders kannte, und weil sie diesen Scheißkerl geliebt hatte, hatte sie sich nie beklagt. Aber dieser Mann hier – sie schluckte schwer – weckte Empfindungen in ihr, die sie nie für möglich gehalten hätte. Ihre Atmung beschleunigte sich, und sie schämte sich, als sie realisierte, dass sich das begehrliche Prickeln zwischen ihren Beinen intensivierte. Dieser Aidan war ein Teufel. Sie durfte ihn nicht wissen lassen, dass er mit seinen Berührungen ein Feuer in ihr entfachte, Sehnsüchte weckte, die gestillt werden wollten. So sehr sie es auch genoss, sie musste dem hier ein Ende bereiten. Gerade, als sie ihm zu sagen gedachte, dass er aufhören solle, schoss ein scharfer Schmerz bis hoch in ihren Oberschenkel. »Au!«
   »Entschuldige. Vermutlich hast du dir etwas gezerrt. Genau hier.« Aidan deutete auf einen Punkt außen an ihrem Fersenbein. »Ich hole etwas Eis zum Kühlen.«
   O ja, bring Eis. Viel Eis, formulierte sie eine stumme Bitte, während sie sich bemühte, ihren rasenden Puls wieder auf Normalfrequenz zu bekommen. Irgendetwas in ihrem Inneren zerschmolz, als sie Aidan nachblickte. Sie sah zu, wie er in der Küche den Kühlschrank öffnete und anschließend in einer Schublade rumorte. Trotz allem schien Claires Bruder ein netter Mann zu sein. Wenn seine Gegenwart und seine Berührungen nur nicht solche seltsamen, verwirrenden Empfindungen in ihr auslösen würden. Ihre heftige Reaktion auf ihn war ihr ein Rätsel. Es beunruhigte sie zutiefst, dass ein fremder Mann in der Lage sein sollte, sie zu erregen. Dass sie zugelassen hatte, dass er sie küsste! Ob es daran lag, dass sie momentan besonders zartbesaitet war? Weil sie sich nach dem Desaster mit Gavin nach Trost und Liebe sehnte? Bevor sie diesen Gedanken vertiefen konnte, war Aidan zurückgekehrt, und unwillkürlich schlug ihr Herz einen Takt schneller. Wie gut, dass er keine Gedanken lesen konnte.
   »So, das sollte helfen.«
   Mit geschickten Händen, die sie wenige Augenblicke zuvor noch in Aufruhr versetzt hatten, wickelte er ein mit zerkleinertem Eis gefülltes Küchenhandtuch um ihren Fuß. Die Kälte tat gut, stellte sie überrascht fest.
   »Leg dich hin«, befahl Aidan. Er schien jemand zu sein, der gern die Führung übernahm. Ein Macho. Doch sie ließ es geschehen. Sie fühlte sich erschöpft, emotional ausgelaugt. Es tat gut, dass sich jemand um sie kümmerte. Auch wenn es ein Fremder war. Ein Fremder mit unheimlichem Sex-Appeal und umwerfend blauen Augen. Sie verfolgte, wie er sich das wollene Plaid schnappte und ihr über die Beine drapierte. »Während du dich dem süßen Nichtstun widmest, werde ich uns in der Küche etwas zaubern, vielleicht Rührei mit Speck oder so. Ich bin sicher, Barney hat den Kühlschrank gut gefüllt.«
   In seinen Augen tanzte ein Funkeln, als er ihr ein Lächeln schenkte. Bestimmt bricht Aidan sämtliche Frauenherzen, dachte sie, bevor sie ihre Lider schloss und versuchte, ihn aus ihrem Kopf zu verbannen. Sie hörte ihn in der Küche hantieren, während er leise vor sich hin pfiff. Das heimelige Knistern und Knacken des Kaminfeuers und das Heulen des Nordwinds, der mit den Fensterläden klapperte, vermochten sie zu beruhigen. Ehe sie sich versah, war sie eingeschlafen.

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