Seit Jahren unterdrückt Mica ihre sexuell-dominante Veranlagung. Sie wagt nicht, den Mann ihrer Träume selbstbewusst und lustvoll zu beherrschen. Bei ihrem nächsten Freund will sie stattdessen sanft und anschmiegsam werden wie eine normale Frau. Doch ihre wilde Seite lässt sich nicht unterdrücken. Als Mica den attraktiven Timo kennenlernt, verirrt sie sich in einem Labyrinth aus scheinbarer Normalität und der erotischen Suche nach sich selbst.

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ISBN: 978-9963-52-421-1

Seiten: 289

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Jana Feuerbach

Jana Feuerbach
Jana Feuerbach erzählt ihre Geschichten am liebsten am Lagerfeuer, wenn der Nebel zwischen den Wäldern aufsteigt und die Sterne flimmern. Sie schreibt seit vielen Jahren SM-Geschichten, weil sie darin neben den Schlafzimmerszenen ausreichend Raum für fesselnde und vielschichtige Charaktere findet. Ihre Leidenschaft gilt subtiler und außergewöhnlicher Erotik.

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Leseprobe

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Teil Eins
Zuhause

1.
Stille Momente

Es hatte keinen Zweck. Ich zog die linke Hand aus meinem Slip und hörte auf, mit dem kleinen Finger der anderen meine Brust zu berühren. Es würde nicht funktionieren, ich hätte es bereits vor dem Kauf wissen müssen. Klar, der Mann auf dem Cover war muskulös und sah gut aus, aber offensichtlich war das farblose und schwache Frauenzimmer in seinen Armen die eigentliche Hauptperson. Wie ein Musikinstrument gespielt werden, also wirklich.
   Das konnte nur schiefgehen.
   Unzufrieden warf ich den Heftroman an die gegenüberliegende Wand, wo er auf die Kommode rutschte und beim Runterfallen um ein Haar zwei meiner Gesetzeskommentare mitgenommen hätte. Irgendwie musste ich es hinbekommen, nicht mehr die ganze Zeit an diesen Idioten zu denken. Ich war über die Trennung hinweg und glücklich damit, Single zu sein. Freiheit und so. In den kommenden Wochen und Monaten würde ich mich austoben und mir jede Menge neuer Kerben im Bettpfosten sichern. Oder wenigstens eine oder zwei.
   Ich belog mich selbst. Wem wollte ich etwas vormachen?
   Resigniert stand ich auf, schüttelte das Plumeau hin und her und stopfte es zurück hinter die chinesischen Zierknoten. Das Laken warf Falten und das Rot der Bettwäsche verhöhnte mich. Leuchtend wie Tulpen im Frühling, von wegen. Verheißungsvoll leuchtend wie betäubend giftiger Mohn, so sah es aus. Rot wie der sterbende, trügerische Rest von Glut unter der Asche in Omas Kamin. Warum hatte ich gestern ausgerechnet diesen Bettbezug gewählt? Wollte ich mich für meine Einsamkeit bestrafen?
   Unter dieser Bettwäsche hatte Jason mich im Arm gehalten. Das war nicht lang her. Zwei Monate? Drei? Unter dieser Bettwäsche hatten wir im vergangenen Sommer gegeneinander gekämpft, schweißgebadet und wie im Traum, hatten uns gierig geküsst und die Welt um uns herum vergessen, bis wir erschöpft, in den Knoten des Überbettes verheddert, eingeschlafen waren.
   Damals hatte mich die Unordnung im Bett nicht gestört. Mit geschlossenen Augen legte ich den Kopf an Jasons Schulter, ließ die Finger über seine flachen, harten Bauchmuskeln gleiten und krallte mich in seine sehnigen Oberarme. In diesem Sommer trug ich die Fingernägel lang. Mitten in der Nacht erwachte ich davon, dass meine Hände zwischen seinen Beinen spielten und ich voller Verlangen in seinen Hals biss, bis wir wach genug waren, um nach einem Kondom zu angeln. Mit geschlossenen Augen sog ich seinen Geruch in mich herein, herb und männlich, der an feuchte Erde und Wind über dem Fluss erinnerte. Das Laken bewahrte die Erinnerung an den Duft seiner Haut auch in den wenigen Nächten, in denen ich allein schlief. Nie zuvor hatte ich einen solchen Sommer erlebt.
   »Ich will nicht an ihn denken«, sagte ich zu meinem Spiegelbild. Die Frau in dem meterhohen Oval im oberen Drittel meines Holzschranks war immer noch zu dick. Mit schief gelegtem Kopf erkannte man ihre Kleidergröße, vierunddreißig bis sechsunddreißig, aber von innen hatte sie Übergewicht. Kein Wunder, dass niemand sie liebte. Ihre schwarz gefärbten Haare fielen glatt und langweilig über die Brüste, die Spitzen fransten bereits aus. Der Scheitel lag ungewollt zackig.
   Die andere erwiderte meinen Blick aus großen, dunklen Augen. Bläuliche Schatten verfärbten den Übergang von Wangen zum Unterlid und ließen sie verletzlich wirken. Klar. Zu wenig Schlaf. Zu wenig Entspannung, gleich welcher Art, dabei war sie dringend erforderlich. Ohne Not hätte ich mir kein Büchlein zum Masturbieren gekauft, das meine Gedanken von den dunklen Augen meines Geliebten ablenkte, in die ich nie wieder sehen würde. Ich sollte Sport machen, dann würde ich abnehmen. Vielleicht könnte ich mit Jennifer tanzen gehen. Das Problem war nur, dass ich Jason dabei über den Weg laufen würde.
   »Du bist halt doch keine Siegerin«, sagte ich leise zu meinem Spiegelbild. »Das nimmt kein gutes Ende.«

Im vergangenen Sommer voller Süße und Verdorbenheit war Jason häufig zu Besuch gekommen. Er lag geduldig auf meinem Bett und las, während ich mich frisierte und schminkte. Jennifer drängte zum Aufbruch und wir trafen uns mit der Clique im Park. Während die Dunkelheit herabsank, saßen wir unter der alten Eiche und gingen später die zehn Minuten ins Black Mirror zu Fuß. Die Frauen mit Absätzen fluchten, während der Rest von uns den ultramarinen Schimmer des Himmels kurz vor dem endgültigen Anbruch der Nacht genoss. Die Luft roch nach Staub, Asphalt und Abgasen und legte sich warm und klebrig auf unsere Haut.
   In der Nacht zum siebzehnten August entführte Jason mich. Ich stand bei Sandra am Tresen und schwatzte, während sie mir einen Absinth servierte. Noch war nicht viel los. Die grün-blau beleuchtete Tanzfläche war leer bis auf einige Nebelschwaden. Mit Sandras Feuerzeug brachte ich die alkoholgetränkten Zuckerstückchen auf dem silbernen Flambierlöffel zum Brennen und sah im Tresenlicht zu, wie die Zuckertropfen Schlieren in der grünlichen Flüssigkeit hinterließen. Mit dem bereitstehenden Glas Wasser trübte ich das Getränk ein und trank den ersten bittersüßen Schluck.
   Plötzlich stand Jason neben mir und lächelte verführerisch. Seine Augen schimmerten schwarz und spiegelten Lichtreflexe in der Dunkelheit. »Komm mit. Mach keine Dummheiten, wenn dir an deinem Leben liegt.« Sein Zeigefinger bohrte sich in meine Seite.
   Ich unterdrückte den Begrüßungskuss, der mir auf den Lippen lag, und täuschte Erschrecken vor. Was für eine geniale Idee von ihm! Ich war keine Spielverderberin, auch wenn ich gern meine eigenen Regeln erschuf. Widerstandslos folgte ich ihm und ließ mich nach draußen führen. Das kaum angetrunkene Glas blieb auf dem Tresen zurück. Sein Arm lag fest um meine Schultern und sein Zeigefinger bohrte sich weiterhin in meine Rippen. Natürlich würde ich Widerstand leisten, im passenden Moment, aber vorerst sollte er glauben, dass er mich überwältigt hatte. Er roch nach Lust und Abenteuer. Ich sog die Sommerluft ein und glaubte für eine Sekunde, die glücklichste Frau auf der Welt zu sein.
   Drei Meter vor dem Eingang spannten sich schwere, gusseiserne Ketten zwischen kleinen Pfeilern. In seinem harten Griff gefangen kletterte ich darüber, statt den Umweg zur Hauptstraße zu nehmen, und wurde zwischen den Büschen hindurch zur Flusspromenade geführt. Jasons Griff lockerte sich. Es hätte ein romantischer Nachtspaziergang sein können. Der Wind strich über das Wasser und lockte. Dort, wo eine Laterne ausgefallen war, vertieften sich die Schatten. Sanft drückte Jason mich in die Dunkelheit zwischen zwei Büschen hindurch auf ein Stück Wiese, auf dem Sonnenanbeter mittags ein wenig Frieden suchten.
   Ich dagegen suchte den Kampf. Sobald wir uns außerhalb der Sichtweite der Promenade befanden, wand ich mich aus Jasons Griff und versetzte ihm einen Faustschlag in den Solarplexus. Er war Kampfsportler, er musste das aushalten.
   Tatsächlich beschwerte er sich nicht, sondern schnappte nach Luft. Damit hatte er bestimmt nicht gerechnet.
   »Glaubst du wirklich, du kannst mich entführen und mir Gewalt antun?«, flüsterte ich und biss ihn ins Ohrläppchen. Mit dem Eckzahn, damit es mehr wehtat.
   »Klar.« Er presste mich weg, doch ich rang ihn zu Boden auf das piksende Sommergras, das sich in meine Knie bohrte, drückte ihn nach unten, bis er sich nicht mehr zur Wehr setzte. Mein starker und wunderschöner Karatekämpfer gab sich besiegt durch meine Studentinnenfäuste. Dafür liebte ich ihn. Ich drückte seine Hände über dem Kopf ins Gras und küsste ihn, bis ich keine Luft mehr bekam. Er gehörte mir. Der Fluss übertönte das Rascheln von Stoff, als ich von meinem Recht als Siegerin Gebrauch machte und seine Handgelenke mit seinem ungeduldig ausgezogenem Hemd zusammenknotete. Natürlich wehrte er sich, aber er hielt still, wenn ich mich verhedderte und wartete, bis ich weiterknoten konnte. Bis jetzt hatte ich noch nie jemanden gefesselt. Es gefiel mir.
   Heute wollte ich kein Vorspiel. Zum Glück trug ich einen Rock und keine Strumpfhosen, zum Glück hatte er Kondome dabei. Jason zu sehen, den herben Duft seiner Haut zu riechen, ihm süße Siegerküsse abzupressen, war besser als jeder Cunnilingus. Wobei … war das eine Frage von Entweder-oder? Ich hatte ihn besiegt, er gehörte mir. Vorsichtig kroch ich nach oben, setzte meine Knie links und rechts von ihm ab und senkte mein Becken auf sein Gesicht hinab. »Zeig, was du kannst, mein schöner Gefangener.«
   Er tat es. Langsam fuhr er mit der Zunge über meine Venuslippen, fand die Perle und liebkoste sie mit der Zunge. Wie sollte man dabei das Gleichgewicht halten? Ich rekelte mich. Warm und feucht bewegte er sich zwischen meinen Beinen. Seine Hände lagen über dem Kopf, umfassten meine Hüften nicht oder halfen mir dabei, nicht einfach zusammenzusacken. Wieder und wieder spielte seine Zunge zwischen meinen Beinen und erforschte geschickt meine geheimen Regionen. Oh, das war gut. Ich hätte das längst ausprobieren sollen. Das war viel besser, als auf dem Rücken zu liegen. Ich konnte ihn dorthin dirigieren, wo ich ihn haben wollte, seine Kunst genießen und gleichzeitig zusehen, wie der Mond und die Laternen auf der anderen Flussseite sich im dunklen Wasser spiegelten. Jason war geschickt genug, nicht die ganze Zeit mit der Zunge über eine Stelle zu fahren, bis sie taub wurde. Er kreiste, lockte, neckte, stieß zu und pustete, sodass ich bald kaum noch wusste, wie mir geschah. Mein Gefangener.
   Kurz, bevor ich kam, wich ich zurück. Sein Kopf ging nach oben, wollte nicht von mir lassen. Es wärmte mich von innen.
   »Schön stillhalten, Gefangener«, sagte ich. Knöpfte seine Hose auf und versetzte ihm einen Klaps auf den Oberkörper, als er sich zu befreien versuchte. Das hatte ich noch nie getan. Scheiße. Schon das zweite Mal, dass ich ihn heute schlug. Unsicher sah ich zu seinem Gesicht.
   Es schien ihn nicht zu stören, denn er beschwerte sich nicht. Wehrte sich nicht, sondern seufzte auf, als ob ich ihm einen Wunsch erfüllt hätte. Er hob den Hintern, damit ich die Jeans und Boxershorts nach unten ziehen konnte. Hoffentlich pikte das Gras ihn nicht. Egal. Er gehörte mir.
   Unten herum gefiel er mir ausgepackt noch besser als angezogen mit dem knackigen Hintern in der Jeans, selbst bei Nacht im sparsamen Schein des Mondes und der Sterne. Sein Bauch war hart und ich ertastete die leicht ausgeprägten Muskeln eines Kampfsportlers, der es nicht nötig hatte, Anabolika zu schlucken. Ich drückte einen Kuss darauf und wanderte nach unten. Unterdrücktes Stöhnen von ihm. Er glaubte doch nicht, dass ich ihm jetzt einen blasen würde? Diese Nacht gehörte mir. Er hatte mich entführt und ich hatte ihn besiegt, da durfte er keine Ansprüche stellen. Ich strich mit der Zunge über seinen Schaft, wanderte nach unten und wieder nach oben, kraulte mit der Hand seine Hoden und stoppte die Zunge kurz vor der Eichel. Der Penis ruckte und Jason hob den Hintern.
   Genau das hatte ich gewollt. Liebevoll nahm ich ihn in den Mund, ließ die Eichel in meiner Mundhöhle verschwinden und seufzte behaglich. Ertastete mit der Zunge den unteren Rand und brachte die Zähne in Position.
   Biss zu.
   Er stöhnte. Der Laut vibrierte zwischen meinen Beinen, breitete sich aus, erfüllte mein Blut und meine Brüste. Ich hatte lang genug gewartet. Ohne hinzusehen, liebkoste ich ihn weiter mit dem Mund und packte das Kondom aus. Richtete mich auf, streifte ihm das Gummi über und schob ihn in mich. Nicht langsam und sanft, nein, gierig und tief. Wir hatten viele Male gevögelt und ich wusste, wie vollkommen er mich ausfüllte. Nicht zu groß und nicht zu klein. Ich brauchte nicht vorsichtig zu sein, sondern konnte ihn tief in mich hereingleiten lassen. Nach oben und hinaus. Wieder herein. O ja.
   Nachdem ich die erste Gier gestillt hatte, bewegte ich mich langsamer, ließ ihn nicht so tief herein und entzog mich. Wenn er versuchte, tiefer in mich zu stoßen, hielt ich ihn mit den Händen fest und freute mich an seinem Hunger nach mir. Die Selbstbeherrschung fiel mir zunehmend schwer und ich steigerte mein Tempo. Die Lust und Hitze in meinem Bauch wuchsen und wuchsen. Als sie implodierten, kam es unerwartet, wie ein Zufall, der sich angeschlichen hatte und mich von hinten überfiel. Ich sank in mich zusammen, Jasons Härte noch immer in mir, und schmiegte mich an seine Brust. Wie stark er war. An seiner Seite fühlte ich mich sicher, beschützt vor allem Bösen auf der Welt. Er war so sexy.
   Seine Hände glitten über meinen Rücken, meine Schultern, spielten in meinen Haaren und kraulten meinen Nacken. Hatte ich sie nicht mit seinem Hemd über dem Kopf zusammengebunden? Konnte er sich so leicht befreien?
   Spielte das eine Rolle? In mir breiteten sich Wärme und wohlige Mattigkeit aus. Ich ruhte aus, lauschte seinem Herzschlag und genoss den erregenden Duft seiner Haut. Süß und herb zugleich, unerträglich gut. Nie würde ich genug von ihm bekommen, niemals. Langsam bewegte er sich in mir. Die Mattigkeit ließ nach, machte Platz für neuen Hunger und neue Erregung. Ich erhob mich aus der liegenden Position. Vielleicht ahnte er, wie matt ich mich fühlte, jedenfalls übernahm mein Liebster das Tempo und bewegte sich in mir auf und ab. Ich brauchte nicht mehr viel zu tun. Bestimmt hatten meine Augen sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, jedenfalls konnte ich das Spiel der Muskeln auf seinem Bauch erkennen und erahnte sein Lächeln, das mir galt. Mir ganz allein. Der blassen und langhaarigen Beutegreiferin, die ihn in dieser Nacht zu Boden gezwungen hatte.
   »Das müssen wir häufiger machen«, sagte er abgehackt und ich schnurrte zustimmend. Ein Hemd reichte zum Fesseln nicht aus. Da musste es Besseres geben.
   »Du gehörst mir«, flüsterte ich erneut und spürte, wie die Härte in mir sich aufbäumte, härter wurde, tiefer stieß und vibrierte. Wir kamen zusammen. Anschließend blieben wir am Fluss und genossen die Stille, bis die Kälte uns zurückscheuchte.
   Im Black Mirror wies Jennifer mich darauf hin, dass meine Knie schmutzig waren und immer noch die eingedrückten Spuren des Grases zeigten. Ich hatte gelächelt.

Zum zweiten Mal an diesem Tag zog ich die Hand aus der Hose. Das Gefühl des Drucks der Holzkante meiner Schranktür blieb auf meiner Stirn, obwohl ich mich wieder aufrichtete. Hatte ich mich wirklich an den Schrank gelehnt wie an einen alten Baum, bei dem man Schutz suchte?
   Albernheiten. Ich wollte nicht mehr daran denken. Jason war vorbei, der Fluss war weitergeflossen. Es missfiel mir, wenn sich meine Haut klebrig anfühlte. Das war unhygienisch und entsprach nicht meinem Stil. Nicht mehr. War nie geschehen, fort mit den Gedanken, schließlich kontrollierte ich mein Verlangen und nicht umgekehrt. Er war mein Ex, Schluss, aus, vorbei. Ich liebte ihn nicht und wollte ihn nicht mehr.
   Ich ging ins Badezimmer, um mir den Geruch sexueller Frustration vom Leib zu waschen, bevor ich zum Go-Abend ging. Da ich nur kurz im Bett gelegen hatte, blieb genug Zeit für eine Dusche. Mit einem Holzstäbchen steckte ich meine Haare hoch, suchte nach einem Handtuch und zog mich aus. Die Luft war zu kalt. Blöder Februar.

2.
Japanisches Brettspiel

»Wollt ihr im Sommer mit nach Prag?«, fragte Sylvia. Sie stand neben unserem Tisch und betrachtete die laufende Partie auf dem
   Tisch. Meine Gegnerin Alex kämpfte hart um den Sieg und strich sich ihre dunkelblonden Löckchen aus dem Gesicht.
   Verwundert blickte ich hoch. »Warum nach Prag?« Im Sommer wollte ich daheimbleiben. Als Studentin litt ich an chronischem Geldmangel und plante für diesen Sommer keinen Urlaub. Mein spärliches BAföG investierte ich in Getränke und den Eintritt für die Disco.
   »In Prag findet die europäische Go-Meisterschaft statt. Wir können jeden Tag einen Workshop bei den Profis belegen.«
   »Hm.« Ich setzte einen weißen Stein auf das Brett. Er setzte eine Gruppe meiner Gegnerin unter Druck und stärkte meine Position.
   Die zweiundzwanzigjährige Alex spielte erst seit dreieinhalb Monaten. Trotz ihrer stillen und freundlichen Art hatte ich schnell bemerkt, dass sie knallhart kalkulierte. Hinter der zerbrechlichen Silhouette verbarg sich der Geist einer Kämpferin. Die Fehler, die Alex machte, lagen in ihrer fehlenden Erfahrung und nicht am fehlenden Gespür für das Go-Spiel. Ihr Kampfgeist gefiel mir, daher hatte ich sie unter meine Fittiche genommen und brachte ihr die Feinheiten des Spieles von der Pike auf bei.
   »Mir gefällt die Idee«, sagte sie. Das Leuchten ihrer Augen verwandelte ihr blasses Gesicht.
   »Ich kann mir vorstellen, dass du bei der Go-Meisterschaft Wissen aufsaugen wirst wie ein trockener Schwamm«, sagte ich. »Wahrscheinlich spielst du am Ende besser als ich.« Bei diesen Gedanken durchfuhr mich ein kleiner Stich.
   »Du wirst genauso viel lernen wie wir, Mica«, lockte Sylvia. »Die Workshops sind nach Spielstärken gestaffelt.«
   Vielleicht hatte sie recht und ich sollte im Sommer mitfahren. In letzter Zeit war ich viel zu niedergeschlagen. Ständig dachte ich an Jason und daran, wie einsam ich mich ohne ihn fühlte. Für einen Sommerurlaub mit Strand und Saufen war ich nicht die richtige Frau … Aber zwei Wochen lang Go spielen?
   Das Go-Spiel war die einzige Leidenschaft, die ich mir neben der Universität erlaubte. Ich mochte das kühle Gefühl der linsenförmigen Steine zwischen meinen Fingern. Go war das älteste und vollkommenste Spiel der Welt. Alle Steine hatten die gleiche Form. Fünf Minuten reichten aus, um die Regeln zu erlernen und Spaß am Spiel zu empfinden, gleichzeitig konnte ein Meister sein ganzes Leben lang nach Perfektion streben. Die Grundregeln waren sehr einfach. Schwarz spielte gegen Weiß. Jeder Spieler versuchte, mehr Gebiet zu sichern als der Gegner. Als anzustrebendes Ideal galt ein Spiel, in dem sich beide Spieler ebenbürtig waren, damit am Ende wenige Punkte, manchmal nur halbe, den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachten.
   Weil die Dunkelheit vor dem Licht existierte, durfte der schwarze Spieler den ersten Stein setzen. Damit unterschied Go sich vom europäischen Schach. Die Dunkelheit war dem Licht nicht unterlegen, wie es die westliche Denkweise suggerierte, sondern leistete sich den Luxus der Geduld und vertraute darauf, dass sie am Ende siegen würde. Das gefiel mir. Ich mochte die Nacht und das, was in ihr passierte. In der Nacht war Zeit, um zu schweigen, zu lauschen und die Augen zu schließen.
   Bei Nacht sah niemand, dass ich nicht fröhlich in den Tag hineinlebte wie andere. Mein Gesicht blieb meistens zu ernst, meine Augen blickten zu kühl. Ich vermochte nicht, auf die richtige Weise zu lächeln und den Kopf schief zu legen, und blieb deswegen oft allein. Bei Nacht störte das niemanden. All die Masken, die das grelle Tageslicht nötig machte, wurden überflüssig, sobald die Sonne unterging. Die Dunkelheit verbarg, wer ich tatsächlich war. Die Farbe der Nacht war auch im richtigen Leben meine bevorzugte Farbe. Meine Haare, mein Lidstrich und meine Kleidung zeigten einheitliches Schwarz. Damit fühlte ich mich wohl. Auf diese Weise brauchte ich am Kleiderschrank nicht lang zu überlegen. Die schwarze Kleidung schuf einen Sicherheitsabstand, der mich schützte.
   War die Aussicht auf zwei Wochen Go bei den Profis wertvoll genug, um diesen Sicherheitsabstand aufzugeben?
   »Workshops kann ich auch besuchen, wenn ich in Deutschland bin«, wehrte ich ab. Alex sollte endlich den nächsten Zug setzen. Ich hatte die möglichen Abfolgen für die nächsten zehn Steine so oft berechnet, dass ich wahrscheinlich eine halbe Sekunde nach ihr ziehen würde.
   »Bei Workshops in Deutschland weißt du nicht, wie stark du im Vergleich zu den ausländischen drei Kyus bist«, sagte Sylvia. Eine heiße Welle durchfuhr mich bei ihrer Erwähnung meiner neuen Spielstärke. Es war erst einen Monat her, dass ich den Aufstieg vom vierten zum dritten Kyu geschafft hatte, und ich hatte mich noch nicht daran gewöhnt. Vor den anderen tat ich, als wäre mir mein Aufstieg gleichgültig. In Wahrheit hatte ich hart dafür gekämpft. Die Spielstärken im Go wurden ähnlich wie in den asiatischen Kampfsportarten in Kyu- und in Dan-Graden angegeben. Ein Anfänger begann beim dreißigsten Kyu, arbeitete sich schnell bis zum zehnten und deutlich langsamer zum ersten hoch. Danach bekam er den ersten Dan-Grad, an den sich der zweite und der dritte anschlossen.
   Weiter kamen Amateure in den meisten Fällen nicht. Mit meinem Rang von drei Kyu war ich keine Anfängerin mehr, von einer wirklich guten Spielerin aber noch ein gutes Stück entfernt. Je mehr ich über das Spiel lernte, desto mehr wuchs meine Überzeugung, dass ich gerade die Oberfläche angekratzt hatte. Trotzdem. Drei Kyu musste man erst mal schaffen. Der Meisterrang rückte damit langsam in greifbare Nähe, und das erfüllte mich mit Stolz.
   Sylvias Argument mit dem internationalen Vergleich zählte trotzdem nicht. Warum sollte mich interessieren, wie gut ein französischer dritter Kyu im Vergleich zu mir spielte? Ich war mit Abstand die stärkste Frau auf unserem Spielabend. Dieser Franzose sollte mir an und für sich gleichgültig sein. Leider funktionierte das nicht. Mit einem Mal sah ich ihn vor meinem inneren Auge feixen. Du traust dich nicht. Du bist feige. Das ist typisch für eine Deutsche, hörte ich ihn mit seinem singenden Akzent sagen. Natürlich sollte mir das egal sein, doch ich stand nicht gern an zweiter Stelle.
   »An wen hattest du für die Fahrt gedacht?«, fragte ich vorsichtig.
   Sylvia zog sich einen Stuhl vom Nachbartisch heran. »Ich stelle mir vor, dass wir mit einem reinen Frauenteam nach Prag fahren. Wir mieten uns im Studentenwohnheim ein Viererapartment mit Zweibettzimmern, Küche und Dusche. Das kostet nicht die Welt. Wir müssen also nicht mit Fremden zusammenwohnen. Vor allem können wir als Frauengruppe Spaß haben, ohne dass die Männer uns dazwischenfunken.«
   Daher wehte der Wind. Sylvias Freund Uwe hatte sich kürzlich von ihr getrennt. Beide bezeichneten die Trennung als einvernehmlich und im gegenseitigen Respekt, dennoch musste man blind sein, um nicht zu erkennen, dass Sylvia ihn regelmäßig mit tödlichen Blicken beschoss. Vor Kurzem hatte er die Stillosigkeit begangen, seine neue Flamme mit auf den Spielabend zu bringen.
   Möglicherweise war es nur ein kurzes Aufwallen von Frauensolidarität, aber Sylvias Idee gefiel mir von Minute zu Minute mehr. Trotzdem schwieg ich und sah auf das Brett. »Wen würdest du als vierte Frau mitnehmen?«, fragte ich schließlich.
   Sylvia merkte wohl, dass sie die erste Hürde genommen hatte. »Ich habe an Nadine gedacht.«
   »Nadine?«, warf Alex ein. »Die ist noch ein Kind. Darf die überhaupt mitfahren?«
   Sylvia lächelte. »Sie macht gerade Abitur und wird zwei Wochen vor der Meisterschaft achtzehn. Wenn ihr mitkommt, überreden wir sie zu dritt. Sie will bestimmt.«
   Ich pustete Luft durch die Nase. »Halt, Moment. Stopp. Das geht mir zu schnell. Ich gebe zu, die Idee ist gut. Trotzdem möchte ich ein paar Nächte darüber schlafen.«
   »Klar. Denk in Ruhe darüber nach. Mein Burger kommt. Ich ess einfach und sehe euch zu, vielleicht lern’ ich noch was.«
   Ein altehrwürdiges Spiel wie Go in einer normalen Kneipe zu spielen, hatte mir am Anfang sehr widerstrebt. Hier standen Biergläser und in kleinen Gläsern angezündete Teelichter auf einem Tisch mit den Spielbrettern. Was, wenn ein Fettspritzer von Sylvias Mahlzeit auf dem Brett oder den Steinen landete? Ich mochte es nicht, wenn Essteller direkt neben den Holzbrettern und den eleganten Glassteinen standen. Man fasste mit fettigen Fingern keine Go-Steine an und stellte keine Gläser neben den Go-Brettern ab. Dort könnten sie umkippen und klebrige Maracujaschorle würde über die mit Herzblut ausgetragene Partie laufen.
   Leider konnte ich mich nicht allein gegen die etablierten Traditionen des Spielabends stellen, daher packte ich immer Reinigungstücher mit Zitrusduft aus und säuberte meine Finger, bevor ich eine Partie begann. Trotzdem hatte ich das Game, die Kneipenmusik im Hintergrund, das Gelächter der Billardspieler und die vielen anderen Gäste inzwischen lieb gewonnen.
   »Liest du Lehrbücher über das Go-Spiel?«, fragte ich Alex, als sie den nächsten Zug machte. Sie war talentiert. Talent ohne Arbeit bewirkte jedoch nicht viel. Ich hoffte, dass Alex Sitzfleisch besaß und im Lauf der kommenden Monate nach oben durchstarten würde. Wir hatten zu wenige starke Frauen auf dem Spielabend. Alex erinnerte mich an meine eigenen Anfängerzeiten. Damals hatte ich jeden Abend mit Go-Brett und dem kleinen gelben Buch in meinem Schlafzimmer Profizüge nachgelegt und an meinem Aufstieg gearbeitet.
   Wenn Alex stärker wurde, sollte ich damit wieder anfangen. Go-Strategien waren mit Sicherheit eine bessere Abendbeschäftigung als sehnsüchtige Gedanken an Jason, wegen denen ich mich teilweise kaum noch auf die Uni konzentrieren konnte. Außerdem trainierte die Beschäftigung mit Strategie und Taktik den Geist und verbesserte meine mentale Fitness für die künftige Karriere.
   »Bisher hab ich das Anfängerbuch auf Deutsch gelesen. Meinst du, ich bin inzwischen stark genug für die anspruchsvollen Bücher?«
   »Wenn du willst, leihe ich dir mein gelbes Buch von Kageyama. Das ist wirklich gut. Damit bin ich damals vom achtzehnten zum zehnten Kyu aufgestiegen.«
   Alex lächelte ihr warmes Lächeln. »Das würde mich freuen. Bringst du es nächste Woche mit?«
   »Klar.«
   Das Handy in meiner Tasche klingelte. Ich wendete mich ab, um den Anrufer zu erkennen. Es war meine Mitbewohnerin. Oje. In letzter Zeit war es ihr nicht gut gegangen.
   »Was gibt es?«, fragte ich, ohne mich mit einer Begrüßung aufzuhalten.
   »Ich wollte dich fragen, wie lang du heute Abend noch weg bist.« Jennifers Stimme klang seltsam monoton.
   »Hast du deinen Schlüssel vergessen?«
   »Nein … Ich wollte einfach nachfragen. Vergiss es am besten. Bei mir ist alles gut. Bei dir auch?«
   »Ich bin beim Go-Abend.«
   »Dann wünsche ich dir viel Spaß.« Sie legte auf, ohne mir Zeit für eine Verabschiedung zu lassen.
   Ich massierte meine Stirn. Hatte in meinem Kopf gerade eine Alarmglocke geschrillt? Ging es Jennifer schlechter?
   Alex hatte während des Telefonates einen Stein gesetzt. Dieser Stein war in meinen Augen nutzlos und bewirkte nichts. Ein Glück. Wenn sie keine Fehler mehr machte, wären sechs Vorgabesteine zu viel gewesen. Als schwächerer Spielerin standen ihr die Handicap-Steine zu, um den Stärkenunterschied zwischen uns auszugleichen und die Partie für beide gleich spannend zu gestalten. Alex würde trotz ihres Talents noch eine Weile brauchen, bis sie mich einholte.
   Die Partie plätscherte weiter. Ich trank mein Wasser mit größeren Schlucken, als mein Durst verlangt hätte. Meine Ruhe hatte sich aufgelöst und Platz für nervöse Unsicherheit gemacht.
   Am Ende der Partie riss ich mich zusammen. Alex konnte nichts dafür, dass ich mir Sorgen um Jennifer machte. Sie hatte ihr Bestes gegeben, daher verdiente sie ihre Partieanalyse. Das gehörte zu den ungeschriebenen Regeln des Go-Abends. Die stärkeren Spieler halfen den schwächeren. Es war wie in einer großen Familie. Irgendwann wurde man stark genug, dass man sein Wissen an andere weitergeben konnte, die ebenfalls wachsen konnten. Ein ewiger Kreislauf.
   Nachdem ich Alex zwei Tipps für ihr künftiges Spiel gegeben und sie für ihre Eröffnung gelobt hatte, verabschiedete ich mich und beglich meine Rechnung am Tresen. Jennifers Stimme hatte viel zu monoton geklungen. Vielleicht hätte ich sofort aufbrechen sollen. Hoffentlich war mit ihr alles in Ordnung.

3.
Meine WG

Mein Mantel war zu dünn für diese Jahreszeit. Vormittags hatte die Sonne hell geschienen und ich den schicken Stoffmantel angezogen. In einem sinnlosen Anfall von Eitelkeit hatte ich ihn für den Weg zum Game erneut gewählt. Beim Verlassen der Spielerkneipe war der Mantel trotz Schal zu dünn und ich fror.
   Jason fehlte mir. Er fehlte ganz entschieden. Es nützte nichts, wenn ich mir im Sonnenlicht etwas anderes einredete. Nachts sah ich der Realität ins Gesicht. Beim Gehen durch den Schneematsch, wenn die halbgefrorene, schmutzige Salzbrühe sich zu hohen Hügeln türmte, war ich keine freie und zu allem entschlossene Singlefrau. Bei Nacht besehen war ich einsam.
   Auf dem Weg von der Haltestelle nach Hause musste ich über Schneehügel klettern, deren Oberfläche glatt gefroren war. Trotzig stellte ich mir vor, Jason würde beim Klettern meine Hand halten. Langsam kroch der Schneematsch an den Seiten meiner schwarzen Jeans nach oben. Die Nässe presste sich über den Stiefelrändern an meine Beine. Hinter dem sechseckigen Blumenkübel voll Eis kam mein Zuhause in Sichtweite.
   Ich sollte mich zusammenreißen. Es war normal, dass man nach einer Trennung die Zeit davor idealisierte. Meine Beziehung war nicht das Paradies gewesen, das ich mir gerade einredete. Wenn ich mich schon in Gedanken verlor, sollte ich mich richtig erinnern. Ich hatte auch gefroren, wenn Jason in der Nähe war. Als Single hatte ich wenigstens die Chance auf einen besseren Mann.
   Ich zog einen Handschuh aus und kramte nach dem Haustürschlüssel. Die Kälte biss sofort in meine Finger. Ich schob den Schlüssel mühsam in die Öffnung. Blöde Kälte. Ich benötigte eine heiße Schokolade, doch die Vorstellung der vielen Kalorien verursachte mir Würgereiz. Tee war sicher die bessere Variante. Hauptsache, warm.
   Unser Treppenhaus war nie besonders sauber. Der Altbau wurde hauptsächlich von Studenten bewohnt. Die meisten von ihnen legten mehr Wert auf Feiern als auf Sauberkeit. Wenn ich darauf bestanden hätte, dass der Putzdienst im Winter jeden Tag für zehn Minuten mit einem Wischeimer für Sauberkeit sorgte, hätte ich mir Feinde gemacht. Häufiger geputzt hätten die anderen trotzdem nicht. Daher würde ich weiterhin auf den schmutzigen, glitschigen und in vielen Jahrzehnten ausgetretenen Holzstufen ausrutschen.
   Als hauptberufliche Hausfrau hätte ich möglicherweise die Zeit gehabt, jeden Tag selbst zu putzen. Eine solche Karriere hatte mich allerdings nie gereizt, dafür war ich zu ehrgeizig. Also schlug ich meine Stiefel, meine geliebten und ausgetretenen Docs, seitlich gegen die untere Treppenstufe, damit der Eismatsch herunterfiel. Beim Hochsteigen hielt ich mich am Geländer fest und setzte jeden Schritt sorgfältig auf die durchgebogenen Holzstufen. Den Schmutz ignorierte ich. Das lernte man hier.
   Vor der Wohnungstür zog ich die Docs aus und trug sie in die Wohnung. Da meine nasse Hose an meinen Socken klebte, stellte ich die Schuhe vorerst auf dem Boden ab. Zuerst brauchte ich eine trockene Jogginghose. Danach würde ich über dem Waschbecken Salz und Schmutz von den Schuhen entfernen, damit das Leder nicht litt. Auf Zehenspitzen balancierte ich ins Schlafzimmer, schälte meine Beine aus der salzig-feuchten, angefrorenen Jeans und zog eine innen aufgeraute Jogginghose an. Anstelle der nassen Socken holte ich meine flauschigen Rutschnoppensocken aus der Schublade. Die nasse Hose hängte ich über den Stuhl, die Socken legte ich zum Trocknen über den Rand meines Sisalkorbs, dann ging ich in die Küche. Nach diesem Heimweg brauchte ich eine heiße Wärmflasche.
   Jennifer saß schweigend am Küchentisch. Vor ihr stand ein fast leeres Glas mit Orangensaft, in das sie voller Konzentration starrte.
   Verdammt. Sie hatte einen von ihren Momenten. Ich hätte meine nassen Stiefel anbehalten und direkt in die Küche kommen sollen, wenigstens für ein kurzes Hallo. Wenn es Jennifer schlecht ging, sollte es keine Rolle spielen, dass ich Schmutz aus dem Treppenhaus durch die Räume trug. Den Boden wollte ich morgen ohnehin wischen. Darauf wäre es nicht mehr angekommen.
   »Was ist los mit dir?«, fragte ich und beherrschte mich, um nicht zu ihr zu laufen und sie zu schütteln. Den Gedanken an das Salz verdrängte ich, das mit dem Schneewasser langsam und beharrlich in das Leder meiner Docs einzog und es hart werden ließ. Sie war in der Vergangenheit mehr als einmal nicht ansprechbar gewesen, wenn ich nach Hause kam. War es heute wieder so weit?
   »Ach nichts«, Jennifer schüttelte den Kopf, »ich hatte einen Scheißtag, mehr nicht.«
   Erleichtert atmete ich aus. Wenn es Jennifer wirklich schlecht ging, antwortete sie nicht mehr. Dann starrte sie trübsinnig vor sich hin, kämpfte gegen Gegner in ihrem Kopf, die sie nicht beim Namen nennen konnte, und sank unter einer Last zu Boden, die zu alt und vertraut für Worte war. Das war als Freundin und Mitbewohnerin schwer zu ertragen.
   »War etwas in der Uni?«, fragte ich und füllte den Wasserkocher mit Wasser. Ich wusste nicht, ob ich es für Tee oder eine Wärmflasche verwenden würde. Schaden konnte es nicht.
   »Ich war nicht da.«
   »Oh.« Das konnte ich nie verstehen. Warum war ihr die Zukunft so gleichgültig? Wenn ich in mich hineinblickte, war da das brennende Verlangen, ganz nach oben zu kommen. Daher warf ich Paracetamol ein, wenn ich erkältet war, hüllte mich in dicke Schals und quälte mich in die Vorlesung. Wenn ich in der Uni saß, gelang es den Professoren üblicherweise innerhalb von zehn Minuten, mich die Ohrenschmerzen vergessen zu lassen. Außerdem mochte ich den Anblick meiner sauber mitgeschriebenen Notizen, meiner ordentlich abgehefteten Kopien aus den empfohlenen Ordnern in der Bibliothek und ganz allgemein das Gefühl, dass der Schatz des Wissens in meinem Kopf mit jedem Tag anwuchs. Wenn Aufzeichnungen fehlten, machte mich das nervös.
   Jennifer war anders. Was sie einzigartig machte, war schwer zu beschreiben. Es war eine besondere Art von femininer Fragilität. Ihre Bewegungen waren zart und anmutig. Ihre grauen Augen sahen jedem Menschen bis hinein in die Seele und akzeptierten das, was er war. Sie besaß die Gabe, andere zu verzaubern und in ihnen eine seltsame Sehnsucht zu erwecken, die man nie mit Händen greifen konnte. Wo sie erschien, blickten alle auf sie und suchten ihre Freundschaft. Ich hatte nie begriffen, warum eine blassblonde Schönheit wie sie ausgerechnet eine langweilige und prosaische Frau wie mich zur besten Freundin und Mitbewohnerin erwählt hatte. Trotzdem war ich dankbar. Wenn ich als Frau in jeder Hinsicht versagte und nur für die Karriere taugte, konnte ich wenigstens hoffen, dass etwas von Jennifers Glanz auf mich abfärbte.
   »Möchtest du lieber Tee oder einen Drink?«, fragte ich, als ob ein Tag Schwänzen das Normalste auf der Welt wäre. Für Jennifer war es das vermutlich auch.
   »Wenn du Tee machst, trinke ich gern mit«, sagte sie und spielte an ihrem leeren Orangensaftglas herum.
   »Das Wasser kann ich auch für eine Wärmflasche für dich verwenden. Hast du Lust auf einen Cocktail?«
   »Warum bist du heute so lieb zu mir?«
   »Sonst habe ich niemanden, für den es sich lohnt.« Das klang bitterer, als es gemeint war. Schnell griff ich in den Schiebeschrank unter der mit Ahornimitat-Folie beklebten Arbeitsfläche und holte die Cocktailgläser und das Zubehör heraus.
   »Arme Mica!« Jennifer stand auf und fuhr mit ihren Fingerspitzen kurz über meinen Rücken, bevor sie sich wieder setzte. Das war ungewöhnlich. Normalerweise mochte Jennifer überflüssigen Körperkontakt genauso wenig wie ich.
   »Was soll’s, ich bin froh, dass ich wieder Single bin. Das mit Jason war auf Dauer nur noch Müll.«
   Jennifers Blick zuckte kurz zu dem Katzenkalender über unserem Küchentisch. Sie stand auf, nahm die Wärmflasche vom Haken neben den Kochutensilien und befüllte sie mit heißem Wasser.
   »Hey, die wollte ich für dich machen«, wandte ich ein.
   »Jetzt wirst du stattdessen von mir verwöhnt. Du kannst nicht immer stark sein. Das ist nicht gut für dich.«
   »Das glaubst auch nur du.«
   Trotzdem freute ich mich darüber. Cocktails für Jennifer und mich zu mixen, war eine Herausforderung. Früher, als ich noch nicht auf meine Ernährung geachtet hatte, hatte ich bedenkenlos Sahne, Zuckersirup und drei Arten süßer Alkoholika in einem Glas zusammengemischt. Inzwischen konnte ich mir das nicht mehr erlauben. Ich hatte im Internet Recherchen zur Kalorienmenge der unterschiedlichen Mixgetränke angestellt und war schließlich bei einer Abwandlung von Caipirinha gelandet, die geschmacklich Jennifers Ansprüchen genügte. Dafür schüttete ich einen Teelöffel groben braunen Rohrzucker in mein Glas und einen Esslöffel in das andere, gab auf jedes eine in Sechzehntel geschnittene halbe Limette und zerstampfte beides ruhig und bedächtig. Dabei blickte ich immer wieder zu Jennifer, deren Körperhaltung sich langsam entspannte. Als Nächstes holte ich Eiswürfel aus dem Tiefkühlfach, wickelte sie in ein frisches Geschirrtuch und holte den Hammer aus der Besteckschublade. Zum Glück beschwerten unsere Nachbarn sich nie über den Lärm. Sie waren selbst oft laut genug. Nach dem crushed Ice fehlten noch ein Schuss Pitú, Orangensaft, ein Strohhalm und ein wenig Blue Curaçao. Fertig.
   »Magst du erzählen, warum du heute nicht in der Uni warst?«, sagte ich, als wir am Tisch saßen und den ersten Schluck durch den Strohhalm schlürften.
   Jennifer hielt ihr Glas mit beiden Händen fest und nahm einen tiefen Zug. Der Geschmack war viel zu sommerlich, aber vielleicht war es das, was sie jetzt brauchte. Mir war klar, dass ich höchstens die Hälfte dieser Kalorienbombe trinken würde. Schließlich holte sie tief Luft. »Ich habe meine Hausarbeit vergeigt, hat der Prof gesagt. Ich bin zu unstrukturiert und soll daran arbeiten, die Zielvorstellung beim Arbeiten im Auge zu behalten. Als ob ich das nicht selbst wüsste. Ich habe es versucht, Mica. Ich habe es wirklich versucht!«
   Ich machte ein zustimmendes Geräusch. »Ich weiß, wie viel Mühe du dir gegeben hast. Wir sind mindestens viermal am Samstag zu Hause geblieben, damit du die Hausarbeit fertigstellen konntest.«
   Es war nicht Jennifers Schuld, dass ihre Mühen immer scheiterten. Sie war für planvolles Arbeiten nicht geschaffen. Es war ein Fehler in ihrer Gehirnmatrix. Sie war nicht hart genug, nicht konsequent genug, um den vielen verzauberten Dingen auszuweichen, die das Leben für sie bereithielt. ADS nannten die Mediziner das heutzutage, wenn ich es richtig verstanden hatte. Sie sprach vier Sprachen fließend und konnte zwei weitere zur Entspannung lesen, sie tanzte wie eine Göttin, aber sie war unfähig, eine Arbeit sinnvoll zu strukturieren. Ganz zu schweigen davon, sich an diese Struktur zu halten.
   »Wie geht es dir mit der Trennung?«, wechselte sie das Thema und signalisierte mir, dass sie über ihre gefährdete Unikarriere nicht mehr reden wollte.
   Umgekehrt wollte ich nicht über Jason sprechen. Natürlich fehlte er mir. Natürlich fragte ich mich jeden Tag aufs Neue, ob ich uns noch eine Chance geben sollte. Möglicherweise war die Trennung ein Fehler gewesen. Wenn mir jemand derartig fehlte, wie hatte es passieren können, dass ich mich unwohl fühlte, sobald er den Raum betrat? Wie hatte es passieren können, dass unser Sexualleben komplett eingeschlafen war und mich bereits die bloße Vorstellung von Sex mit ihm mit Widerwillen erfüllte?
   Letztlich war es daran gescheitert. Ich hatte die Vorstellung nicht mehr ertragen, mit ihm ins Bett zu gehen, beim Einschlafen neben ihm zu liegen, seine Hand zu halten und ihn voller Zärtlichkeit zu küssen. Der bloße Gedanke daran hatte mich mit Ekel erfüllt. Einen Grund dafür gab es nicht. Aber das würde ich Jennifer gegenüber nicht zugeben.
   »Jetzt, wo ich Single bin, kann ich wenigstens One-Night-Stands haben. Mit Jason … das war nur noch eine Bruder-Schwester-Beziehung. Wir hatten keinen Sex mehr. Ich habe ihn nicht mehr und er mich nicht mehr begehrt. Es war eingeschlafen. Was hätte ich tun sollen?«, schwächte ich die Erinnerung an Anfälle von Übelkeit, Migräne und Selbstekel beim bloßen Gedanken an Zärtlichkeiten mit Jason ab.
   Ich hatte immer noch gern mit ihm telefoniert und war gern mit ihm unterwegs gewesen. Aber sobald wir zu zweit in einem Raum waren, sobald ich versuchte, ihn zu küssen und meine Hände über seinen Körper wandern ließ, war etwas Seltsames geschehen. Anfälle von Ekel und Übelkeit überrollten mich unvorbereitet. Ich hatte es nicht unterdrücken oder kontrollieren können. Der ständige Spagat zwischen zärtlichen Empfindungen und plötzlichem Abscheu hatte mich fertiggemacht. Auf Dauer hatte ich es nicht mehr ertragen und Schluss gemacht.
   Jennifer betrachtete mich prüfend. »Du weichst meinem Blick aus. Ich bin mir nicht sicher, ob du es selbst glaubst. Mich überzeugst du nicht.«
   »Ach nein?«
   »Nein. Ich erinnere mich daran, wie du ihn angesehen hast und wie er dich immer noch ansieht. Aber vorerst respektiere ich, dass du es so wahrnehmen willst.« Manchmal war sie anstrengend. Ein klein wenig zu intelligent und aufmerksam. Dennoch hätte ich sie nicht anders haben wollen.
   »Danke, dass du es respektierst«, sagte ich. Wir hoben unsere Gläser und stießen an.
   »Was hältst du davon, wenn wir uns Tee kochen?«, fragte Jennifer und bot damit einen weiteren Themenwechsel an.
   »Um diese Zeit?« Ich wollte langsam ins Bett.
   »Wir können uns einen Schwarz-Weiß-Film ansehen. Etwas, was dir gefällt. Dann müssen wir beide noch nicht ins kalte Bett und uns einsam fühlen.«
   Ich warf einen Blick auf den Funkwecker auf der Fensterbank. Dreiundzwanzig Uhr zwölf und dreiundvierzig Sekunden. Vierundvierzig Sekunden. Es wurde immer später. Jennifer hatte morgen erst um elf Uni, aber ich musste um neun da sein.
   »Wollen wir den Film morgen ansehen?«
   »Morgen ist Cocktailnacht im Black Mirror.«
   »Du weißt, dass ich da wegen Jason nicht mehr hingehe.«
   Sie lächelte und legte den Kopf schief. »Ich habe einen Film von Daniel, der dir gefallen könnte. Daughter of the Dragon mit Anna May Wong. Alles sehr asiatisch. Vielleicht spielen sie sogar Go?«
   Ich zögerte. Es war tatsächlich sehr spät. Andererseits wäre es besser, wenn ich im Bett noch stundenlang wach läge und an Jason dachte?
   Dreiundzwanzig Uhr vierzehn und neun Sekunden. Je länger ich zögerte, desto später wurde es. Außerdem lächelte Jennifer, und dieses Lächeln war gerade in diesem Moment sehr kostbar. Wer wusste schon, wie lang sie noch Single bleiben und die Abende mit mir verbringen würde?
   »Na los, such den Schwarz-Weiß-Film aus deinem Chaos heraus«, gab ich nach und trank den letzten Schluck aus meinem Glas. »Wenn du alles vorbereitest, koche ich Tee für uns.«

Jennifers Zimmer befand sich permanent in einem Zustand zwischen Unordnung und Auflösung. Überall lag Wäsche herum. Alles wirkte vollgestopfter und unzusammenhängender als bei mir. Seltsamerweise wurde es gerade dadurch sehr gemütlich.
   Sie besaß ein elegantes Möbelstück, um das ich sie beneidete und das sie sorgfältiger pflegte als den gesamten Rest ihres Zimmers. Es handelte sich um einen Frisiertisch aus weiß gebeiztem Holz mit fein gedrechselten Schubladen und winzigen Messinggriffen. Links und rechts von dem Tisch erhoben sich zwei schmale Regale, nicht breiter als ein CD-Regal, in denen Jennifer kleine Dinge wie Schmuck und Nagellack aufbewahrte. Dazwischen hing ein ovaler Spiegel mit einem Rahmen, der zum Holz des Frisiertisches passte. An den Borden waren Lämpchen befestigt, die ihr Gesicht beim Schminken in ein weiches und schmeichelndes Licht tauchten. Es war das perfekte Wohnaccessoire für eine stets sorgsam gestylte Schönheit wie sie.
   Wir machten es uns gemütlich. Das kleine Sofa unter dem Hochbett stand auf Jennifers Fernsehtisch ausgerichtet. Der alte Schwarz-Weiß-Film begann auf Englisch und ohne Untertitel. Zunächst fiel es mir schwer, mich in die Sprache hineinzuhören, Jennifer gelang das mit ihrem Sprachtalent immer schneller als mir. Das ungewohnte Rauschen und die schlechte Bildqualität des farblosen Filmes erleichterten den Einstieg nicht, doch die Handlung war fesselnd, gerade weil sie mit ihrer Klischeehaftigkeit rührte. Die chinesische Prinzessin Ling Moy lebte in einem Märchenschloss und trug traumhafte Gewänder. Anscheinend verliebte sie sich in einen amerikanischen Agenten. Außerdem gab es eine Verschwörung, die ich nicht auf Anhieb entschlüsseln konnte.
   In der Regel teilte ich Jennifers Leidenschaft für alte Schwarz-Weiß-Filme nur eingeschränkt. Die Einzigen, die etwas taugten, gehörten meiner Meinung nach in das Genre des Film Noir oder zeigten Margaret Rutherford als Powerfrau Miss Marple. In dieser Nacht jedoch gewann Anna May Wong in ihrer komplizierten Garderobe in den Minuten vor Mitternacht mein Herz. Ich benötigte nicht mal eine Tasse Jasmintee, bis es Klick machte und der Film mich in seinen Bann zog.
   »Die Prinzessin erscheint am Anfang wie die klassische China Doll, nicht wahr? Passiv, anschmiegsam, feminin und voll Versprechen auf selbstlose Hingabe.«
   Ich nickte. Jennifer beschrieb mit diesen Worten sich selbst, was ich ihr nicht sagen würde. Sie war genauso zart und zerbrechlich. Weiblich auf eine Weise, wie ich es nie sein würde.
   »Wenn man genauer hinsieht …«, fuhr sie fort, »siehst du diesen Blick? Die heimliche Kraft in der Art, wie sie ihren Kopf aufrichtet? Man ahnt bereits, dass die sanfte Fassade eine Illusion ist. Hinter dem Lächeln ist sie stark, gefährlich und tödlich. Ling Moy ist eine echte Dragon Lady, auch wenn sie es zu diesem Zeitpunkt nicht weiß.«
   Ich nickte unwillig und blendete ihre Worte aus. Manchmal war es anstrengend, dass Jennifer Filme beim Betrachten jedes Mal analysierte und Vergleiche zu anderen Werken aus der gleichen Zeitphase anstellte. Meistens jonglierte sie dabei mit Begriffen, von denen ich nie gehört hatte. Es war schwer genug, der Handlung auf Englisch zu folgen.
   »Ling Moy erinnert mich an dich, Mica.«
   Bei diesem Satz horchte ich auf und schüttelte den Kopf. »An mich? Trink noch eine Tasse Jasmintee, Jennifer. Der Pitú ist dir in den Kopf gestiegen.«
   Die Schauspielerin war schlank und strahlte Sanftheit und Macht aus. Jennifer musste sich irren. So konnte ich niemals werden.

4.
Es wird Frühling

Am nächsten Morgen schnitt ich meinem hohläugigen Spiegelbild Grimassen, damit es nicht so dick aussah. Es war egal, wie viel oder wie wenig ich schlief, ich hatte immer tiefe Schatten unter den Augen. Das frühe Aufstehen lag mir nicht. Leider richtete sich die Uni nicht nach meiner Freizeitgestaltung und begann trotzdem um neun Uhr.
   Meine Stiefel waren über Nacht nahezu getrocknet. Das Leder war hart von Salz und dem Wasser, mit dem ich sie spät in der letzten Nacht abgespült hatte. Eigentlich müsste ich sie trocknen lassen, das Pflegezeug eine Nacht lang einziehen lassen und sie sorgfältig polieren, doch dafür war keine Zeit. Ein hastiges Besprühen mit Imprägnierflüssigkeit im Treppenhaus musste ausreichen. Dort ließ ich sie zum Trocknen und tappte in die Küche. Jennifer hatte Wasser aufgesetzt und löffelte Jasminblütentee in mein Teesieb.
   »Du bist lieb!« Ich nahm ein Küchenhandtuch vom Boden, hängte es über die Türklinke und öffnete den Kühlschrank. Der Fertigsalat aus dem Supermarkt wartete auf mich. Meiner Meinung nach ging nichts über Vitamine und Ballaststoffe zum Frühstück. Das galt besonders für die kalte Jahreszeit, die andere liebend gern als Vorwand zum Dickwerden benutzten.
   »Falls du gerade dein Frühstück suchst, das steht auf dem Küchentisch, du blinde Eule«, sagte Jennifer. »Hol bitte meinen Frischkäse und die Kirschmarmelade.« Sie hatte meinen Salat auf einem tiefen Teller angerichtet. Bei ihr musste ich nicht nachfragen, ob sie den Teelöffel Olivenöl für das Dressing exakt abgemessen und den guten Balsamico verwendet hatte. Der Anblick freute mich. Wen kümmerte es, dass sie mir in puncto Attraktivität und weiblichem Zauber überlegen war, wenn sie extra für mein Balsamico-Dressing zwei Stunden früher aufgestanden war? Sie hätte im Bett bleiben können. Ihre Uni begann erst zwei Stunden später als meine.
   Wir frühstückten schweigend. Über Jennifers Scheitel hing unser Katzenkalender. Dieser Kalender besaß eine verborgene Besonderheit: An einem Abend im vergangenen Januar wollten wir herausfinden, wer die talentiertere Herzensbrecherin war. Zu diesem Zweck hatten wir eine Liste erstellt. Ein Auge bedeutete einen intensiven Flirt, ein Kussmund eine heftigere Knutscherei und ein Herz mindestens eine ernsthafte Schwärmerei. Zwei ineinander verschränkte Ringe hinter einem Namen gaben an, dass wir länger als ein halbes Jahr mit dem Betreffenden zusammen gewesen waren. Eine gezeichnete Erektion wies auf körperlich in die Tiefe gehende Intimitäten hin. Obwohl keine von uns sich im Mauerblümchenwinkel verstecken musste, blieb auf der Liste viel Platz für künftige Eroberungen.
   Natürlich hatten wir im Lauf jenes Januarabends annähernd zwei Flaschen trockenen Sekt geleert. Jeder Mann auf dieser Liste verdiente schließlich, dass wir mehr oder minder spöttisch auf seine Erinnerung anstießen.
   Am nächsten Tag erinnerten wir uns nicht mehr an alle Symbole. Wies eine Schere auf ein zu abruptes Ende des Liebesspieles durch Ejaculatio praecox, auf heimliche Kastrationsfantasien oder ein nicht den Ansprüchen genügendes Rasierverhalten hin? Bedeutete ein Haken, dass jemand gern in Sportkleidung eines bestimmten Markenherstellers vögelte, wies er auf einen gekrümmten Penis hin oder war er ein Hinweis darauf, dass jemand gewusst hatte, was er tat?
   Ausgenüchtert hatten wir es nicht übers Herz gebracht, die Liste zu entsorgen. Daher hatten wir die Aufstellung im Januar hinter unserem Kalender mit den Katzenbabymotiven befestigt. Die Ironie der Vorstellung, dass jeder Besucher nur die unschuldige Oberfläche erblickte und über deren Spießigkeit lächelte, gefiel mir immer noch.

Es gelang mir, trotz der Schneeverwehungen, pünktlich in der Uni zu erscheinen. Mein Mittwoch startete mit einer Vorlesung in Arbeitsrecht. Mit den Leuten an der Uni war ich nicht so eng befreundet wie mit Jennifer oder den Mädels vom Go-Abend, aber sie waren in Ordnung.
   Normalerweise mochte ich mein Studium. Es gefiel mir, mich in die trockenen juristischen Texte hineinzudenken. Wissen war gleichbedeutend mit Macht. Ich mochte es, Sachverhalte in einzelne Vergehen aufzuteilen und das angemessene Strafmaß zu berechnen. Eines Tages würde ich als Richterin die Bösen bestrafen und die Guten mit Bewährungsstrafen davonkommen lassen. Für den Fall, dass ich es nicht als Staatsanwältin an den Europäischen Gerichtshof schaffte, wäre das eine echte Alternative.
   In den Wochen bis zum Ende der Vorlesungszeit forderte die Uni viel Kraft, deswegen konnte ich an den Wochenenden nicht mit Jennifer feiern gehen. Jedenfalls begründete ich mein Fernbleiben mit diesem Argument und ignorierte die Bauchschmerzen, die mich beim Gedanken an Jason überfielen. Jennifer respektierte meine Lernmarathons und war intelligent genug, Jason in meiner Gegenwart nicht zu erwähnen. Ich fragte nie nach ihm, auch wenn ich wusste, dass das Black Mirror nach wie vor seine Stammdisco war. Anfang März begann eine harte Klausurenphase, für die ich während der Vorlesungszeit zwei Stunden am Tag lernte, sodass die Ausrede zur Wahrheit wurde. Beinahe jedenfalls.
   Als die Luft nach Frühling roch und die ersten Krokusse aus dem Großstadtmatsch wuchsen, ließen die Erinnerungen langsam nach. Wenn ich keine Lust auf Disco hatte, lag das bestimmt daran, dass ich erwachsen wurde. Mit einundzwanzig musste man nicht mehr jedes Wochenende um die Häuser ziehen. Andere in meinem Alter hatten bereits eine Familie und Kinder oder standen kurz davor. Das galt nicht nur für die, die es zu keinem vernünftigen Abschluss gebracht hatten. Eine Kommilitonin im gleichen Semester trug bereits voller Stolz einen dicken Bauch vor sich her. Niemand konnte behaupten, dass eine Akademikerin erst Ende zwanzig oder Anfang dreißig erwachsen und sesshaft werden durfte. Bestimmt war ich einfach inzwischen so weit. Ich wurde seriös und langweilig und konzentrierte mich auf meine Karriere, nicht auf alberne Outfits oder neue Songs von Lieblingsbands.
   Dennoch, wenn Jennifer am Samstagabend die Wohnung verließ, von Kopf bis Fuß geschminkt, toupiert, geschnürt und geschmückt, beneidete ich sie. Im Gegensatz zu meinem Spiegelbild sah sie glücklich aus. In diesen Momenten zweifelte ich an meinem Entschluss, am Wochenende nur noch zu lernen. Aber die schwarze Szene stand für eine bestimmte Zeit meines Lebens, die Platz für etwas Neues machen sollte. Sie hatte mich nicht nur mit Jennifer verbunden, sondern auch mit Jason.
   Ich verriet ihr nie, dass ich nach ihrem Aufbruch regelmäßig die Bücher beiseitelegte. Den Samstagabend verbrachte ich mit dem Spielfilm im Programm, der mich am wenigsten langweilte.
   Jason fehlte mir und er fehlte mir nicht. Sexuell war und blieb ich unbefriedigt. Oft kaute ich an den Nägeln und quälte mich damit, dass ich Lust auf Sex empfinden sollte. Dann zogen sich meine Brüste zusammen und ich krümmte mich nach vorn. Die bloße Vorstellung sorgte für einen Anfall von heftiger Übelkeit und die anschließende Erleichterung war gemischt mit einem seltsamen Bedauern. In Zukunft brauchte ich mich nicht mehr unter Druck setzen, um feucht zu werden. Eigentlich sollte ich zufrieden sein, doch eine Stimme in meinem Hinterkopf sagte, dass ich es mit mehr gutem Willen hätte schaffen können. Wenn ich es versucht hätte, wäre das mit uns am Ende gut ausgegangen. Es hatte eine Zeit gegeben, in der ich ihn begehrte.
   Es nützte nichts, wenn ich mir die Gedanken verbot. Sie kamen trotzdem, obwohl ich sie beschimpfte und aus dem Fenster werfen wollte. Wir hatten versucht, darüber zu reden und es hatte nichts geändert. Ich hatte mich nicht ohne Grund für die Trennung entschieden. Das verkrampfte Schweigen zwischen uns hätte sich Monat für Monat vertieft. Die Zukunft wäre nicht besser geworden.
   Egal, was ich mir einzureden versuchte – Jason hinterließ eine Leere, die schmerzte.

5.
Eine neue Bekanntschaft

»Wird der Stuhl frei?«, fragte ein fremder Mann. Meine Go-Schülerin Alex mit den feinen Haaren und ich mit einer neu ge-
   kauften Blume im Haar spielten unsere wöchentliche Teaching-Partie im Game. Sylvia hatte soeben eine Herausforderung von einem anderen Tisch angenommen.
   »Klar, setz dich«, sagte sie und rückte ihm den Stuhl zurecht.
   Die Männerstimme war mir unbekannt. Daher blickte ich hoch, um den neuen Kiebitz zu betrachten. Er trug einen blassgrauen Anzug mit Krawatte. Seine blonden lockigen Haare waren kurz, aber nicht zu kurz. Der ausgeprägte Wirbel über seiner Stirn ließ sich durch den Haarschnitt nicht verbergen.
   Unwillkürlich lächelte ich ihn an. Er lächelte zurück. »Lasst euch von mir nicht ablenken«, er rückte ein Stück nach hinten, »ich sehe nur zu.«
   Mit einem Schulterzucken wendete ich mich Alex zu. Ihr Gesicht war freundlich und sanft wie immer, doch ihr nächster Stein teilte eine schwache Gruppe von mir in zwei noch schwächere Gruppen. Das war ein mutiger und selbstbewusster Zug für eine Fast-Anfängerin. Sie hatte in den letzten Wochen viel dazugelernt. Am Ende gelang es Alex, mit einigen unerwarteten Zügen unsere Partie zu gewinnen. Ihr knapper Sieg machte mich stolzer als jeder grandiose und offensichtliche Erfolg von mir. Es war das erste Mal, dass es ihr gelungen war, mit nur sechs Vorgabesteinen eine Partie für sich zu entscheiden – ohne spielbegleitende Tipps von mir. Mit ihrem Talent würde sie eines Tages sicherlich zu den Besten gehören.
   Wir räumten die Steine zurück in die Dosen und begannen mit der Partieanalyse.
   »Habt ihr eine Vorgabepartie gespielt?«, fragte unser Kiebitz.
   »Hast du das nicht gesehen?« Ich krauste die Stirn. Wenn er das nicht erkennen konnte, musste er ein blutiger Anfänger sein.
   »Ja, aber ich wollte ein Gespräch mit dir anfangen«. Er grinste mich an. Mein Gesicht wurde warm. Was dachte er von mir? Ich war nicht zum Flirten hier, sondern wegen des Spiels. Er trug nicht mal Schwarz. Was sollte ich mit so einem?
   Es war vielleicht oberflächlich von mir, aber ich hatte mich männermäßig über viele Jahre ausschließlich in der schwarzen Szene orientiert. Bei denen, die gothic fühlten und die gleiche Musik wie ich hörten. Im Gegensatz dazu trugen Go-Spieler normalerweise ausgeleierte Jeans und T-Shirts über nicht sonderlich definierten Körpern, wodurch sie in meiner Welt asexuell wurden. Mehrere Jahre lang waren Männer nur in mein Blickfeld gerückt, wenn sie den Dresscode Schwarz wenigstens annähernd erfüllten.
   »Das hast du hiermit getan«, ließ ich den Fremden abblitzen und konzentrierte mich auf Alex’ Analyse. Was kümmerte es mich, dass sein Lächeln mir bei genauerer Betrachtung gefiel?
   Alex erhielt ein Lob für ihre Eröffnung. Sie hatte eine schwere Zugfolge fehlerlos gespielt. Ich hatte mich an die Variante gehalten, die ich ihr letztes Mal beigebracht hatte. Sie hatte sich an alle Antwortzüge erinnert. Erst im Mittelspiel passierten ihr Fehler. Nachdem ich sie daher für die Eröffnung gelobt hatte, legte ich ein paar Züge des Mittelspieles und forderte sie auf, nach dem optimalen nächsten Zug zu suchen.
   »Darf ich?«, fragte der Kiebitz und wartete unser Nicken nicht ab. Er legte eine komplizierte Spielvariante auf das Brett und verriet mir damit deutlich, dass er kein Anfänger mehr war. Möglicherweise war er stärker als ich. Die Vorstellung missfiel mir. »Seht ihr, mit diesen Zügen hätte man weiterspielen können.«
   »Meinst du nicht, dass das noch zu kompliziert für sie ist? Sie ist erst sechzehnter Kyu«, sagte ich und ließ seine Steine vom Brett verschwinden. Alex lernte besser, wenn sie selbst nach Lösungen suchte und ich ihr bei konkreten Nachfragen half. Es nützte nichts, wenn ich auf dem Brett mit meinem Wissen angab.
   »Die Abfolge war für dich gedacht. Wie stark bist du? Achter Kyu oder zehnter?«
   Seine falsche Einschätzung missfiel mir und ich presste die Lippen zusammen. »Ich habe den dritten Kyu. Vielen Dank für deine Belehrung. Ich lerne gern aufs Neue Züge, die ich längst beherrsche. Außerdem war dein vierter weißer Stein Schwachsinn. Niemand würde so dumm spielen. Weiß muss angreifen und nicht decken.« Jetzt legte ich die Steine doch wieder aufs Brett.
   Er betrachtete die Situation. »Stimmt, das geht, weil Weiß in der Ecke stark ist. Wenn man da stattdessen ein paar schwarze Steine hinlegt, würde meine Sequenz funktionieren, sieh …«
   Ich gab ihm einen Klaps auf die Hand und lachte gegen meinen Willen, als er grinste.
   »Ist gut, ich lass die Finger von eurer Partie. Ich merke schon, dass du Bescheid weißt. Hast du Lust auf eine Partie?«
   »Wie stark bist du?«
   »Ungefähr erster Kyu. Ich habe lang auf keinem Turnier mehr gespielt, deswegen ist die Einschätzung ungenau.«
   »Von mir aus, aber jetzt ist Alex dran. Bestell dir erst mal etwas zu trinken.«
   Alex grinste, auch wenn ihre Augen ernst und fast traurig blickten. »Tu dir keinen Zwang an. Ich finde jemand anderen.«

Der Neue hieß Bernd. Er war von Beruf Manager in einem mittelständischen Arzneimittelversand, der vor Kurzem eine Außenstelle in der Nähe eröffnet hatte.
   »Wie alt bist du?«
   »Erst einunddreißig.« Er machte einen neuen Zug. Zehn Jahre älter als ich, du meine Güte. Warum flirtete so jemand mich an? Lag es an der ungewohnten Stoffblüte in meinen Haaren? Funktionierte Weiblichkeit so einfach?
   Seine Züge setzten mich unter Druck. Anscheinend hatte ich zu oft mit Alex gespielt. Unbewusst rechnete ich bei meinem Gegner mit Fehlern und erwartete kein überlegenes Spiel.
   »Du arbeitest bestimmt als Floristin.«
   Ich starrte auf das Brett, rechnete Zugvarianten durch und fand keinen sinnvollen Zug, der mir die Kontrolle über den Spielverlauf zurückgab. Trotzdem setzte ich einen Stein. »Wie kommst du darauf?«
   »Du trägst eine Blume im Haar.«
   »Oh!« Tatsächlich. Es lag an der Blume. Offensichtlich verwandelte die mich von einer geschlechtslosen Karrierefrau in ein weibliches Wesen, das von Männern als solches wahrgenommen wurde. Auf diese Idee hätte ich früher kommen sollen. »Ich bin Studentin.« Vermutlich hätte ich eine originellere Antwort finden sollen. Etwas Lustiges über Blumen, um den Flirt am Laufen zu halten. Ich war nicht besonders kreativ.
   »Was studierst du?«
   Während der Kampf auf dem Brett sich langsam ausdehnte, erzählte ich von meinem Studium. Bernd fand es spannend, dass ich davon träumte, ein Praktikum am Europäischen Gerichtshof in Den Haag zu absolvieren. Für seinen Beruf war er bereits mehrfach ins Ausland gereist, worum ich ihn beneidete und was mich faszinierte.
   Am Ende verlor ich die Partie. Er spielte erfahrener und geschickter als ich. Auf einige seiner Züge kannte ich noch keine Antwort. Das verunsicherte mich und gefiel mir zugleich. Ich lernte gern dazu. Die Chance auf neues Wissen wog es fast auf, dass er für meinen Geschmack zu helle Kleidung trug. Als er mich fragte, ob er mich am Samstagabend ins Tadsch Mahal ausführen dürfte, lehnte ich trotzdem ab. Den Samstag hatte ich Jennifer versprochen. Sie wollte in dieser Nacht ihren Geburtstag nachfeiern. Dieses Mal konnte ich mich nicht vor dem Black Mirror drücken, auch wenn mir der Gedanke Bauchschmerzen bereitete.
   »Lass uns stattdessen den Freitag nehmen«, sagte er. »Ich hab am frühen Abend einen anderen Termin, den kann ich verschieben.«
   »Na gut, du darfst mich ausführen.« Mein Herz klopfte und warnte mich. War das eine Verabredung zu einem Date? Warum ging das so schnell? Wir kannten uns gar nicht. »Ich glaube, ich muss los«, sagte ich, nachdem ich seine Nummer eingetippt hatte.
   »Fährst du mit der Straßenbahn?«
   »Natürlich. Ich bin Studentin, kein Krösus.«
   »Ich kann dich mitnehmen, ich will auch nach Hause. Dann kannst du mir zeigen, wo du wohnst, damit ich am Freitag hinfinde.«
   »Willst du mich abholen?«
   Sein Blick griff nach meinen Augen und er lächelte. »So war das gedacht, ja.«
   »Oh.«

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