Seit Lou die Flucht vor ihrem gefährlichen Exfreund gelang, stürzt sie sich Woche für Woche in neue Abenteuer. Nie wieder soll jemand ihr Herz berühren. Schon gar nicht der sympathische Ryan, der mit ihr an den See fährt und ihr Milchkaffee auf die Arbeit bringt. Ryan ist fasziniert von der warmherzigen Persönlichkeit hinter Lous harter Fassade und umwirbt sie geduldig. Er ahnt nicht, wie sehr Lous Exfreund sie immer noch unter Druck setzt.

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Jana Feuerbach

Jana Feuerbach
Jana Feuerbach erzählt ihre Geschichten am liebsten am Lagerfeuer, wenn der Nebel zwischen den Wäldern aufsteigt und die Sterne flimmern. Sie schreibt seit vielen Jahren SM-Geschichten, weil sie darin neben den Schlafzimmerszenen ausreichend Raum für fesselnde und vielschichtige Charaktere findet. Ihre Leidenschaft gilt subtiler und außergewöhnlicher Erotik.

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Leseprobe

Mittwoch

»Du bist ein Psychopath und ich lass mich nicht verkuppeln.« Lou umfasste den Löffel und ließ eine Ladung Schaum aus ihrer Cappuccinotasse auf die Erde ihrer vertrockneten Zimmerpflanze auf der Fensterbank tropfen. Vielleicht half es der Pflanze zurück ins Leben. Die Sonne im staubigen Südfenster des Dachgeschosses hatte sie ausgetrocknet.
   »Ganz, wie du willst, mein Sonnenschein.« Thomas rührte in seiner angeschlagenen Tasse herum. Natürlich war sein Getränk ebenfalls zu heiß. »Warum hast du keine Milch in die Tassen gegeben, damit wir sofort trinken können?«
   »Damit das Getränk langsamer abkühlt und du länger bleibst.« Das war nur halb ironisch gemeint.
   Er lachte auf. Laut und aus dem Bauch heraus.
   Sein Lachen gefiel ihr. Sie mochte alles an ihm. Die Wärme seiner Augen, das Gitarrenstimmgerät, das er ihr geschenkt hatte und seine braunen Haare. Seine Fähigkeit, eine Frau wie sie zu mögen, obwohl sie zu viele Männer hatte und verlernt hatte, wie man vertraute. Sie verdiente keinen besten Freund wie ihn. »Ist doch wahr. Nachher fährst du zu deiner Frau und ich bleibe allein.« Sie hasste es, allein zu sein. Einsamkeit war gefährlich. Dann könnte … Besser, man hatte immer einen Mann in der Nähe.
   Vergangenes Wochenende war befreiend gewesen. Der Reißverschluss, der sich verhakte, als der Fremde ihren Rock zu hastig nach unten zog, und das Gefühl, als seine Finger sich in ihren Hintern gruben und sie zu ihm zogen. Seine heiße Haut auf ihrer, der sanfte Druck in ihrem Schoß, dem sie sich entgegenstemmte, als er ihr die Erinnerung an Patrick aus dem Leib vögelte. Der Moment, in dem sie die Augen schloss, sich die Welt auflöste und die Splitter sich in ihrem Herz in Tränen verwandelten, die sich auf die Wunden legten und den Schmerz linderten.
   Es ging immer zu schnell vorbei. Hinterher blieben wie jedes Mal nur die Übelkeit und der Schmerz in ihrem Magen, der nicht von zu starken Cocktails kam. Der falsch geformte Badezimmerspiegel am Sonntagmorgen. Die verlaufene Wimperntusche nach der Heimkehr in die leere und kalte Wohnung und zu den vertrockneten Pflanzen. Warum konnte Thomas nicht über Nacht bleiben?
   »Deswegen möchte ich, dass du Ryan kennenlernst. Damit du nicht mehr allein bist, Sonnenschein.«
   Niemand außer ihm dürfte sie bei diesem albernen Spitznamen nennen. »Ich kenne Ryans Ex und habe gehört, was sie über ihn erzählt. Nein, danke. Auf den habe ich keine Lust.«
   »Was erzählt sie denn?«
   »Alles Mögliche.« Lou überlegte. »Er soll langweilig sein, sei am Wochenende nie mit ihr weggegangen. Was soll ich mit so jemandem, kannst du mir das sagen? Ich brauche meine Freiheit. Ich will was erleben. Wenn ich zu Hause sitze, gehe ich ein.«
   Thomas nickte und seufzte.
   Sie lehnte sich mit der Schläfe an die Fensterbank in der Dachschräge, ließ das staubige Aprillicht ihre Haare wärmen und spürte die beruhigende Rauheit der abbröckelnden weißen Farbe. Irgendwann würde sie die Fensterbank streichen. Wenn sie den Urlaub hatte. Oder wenigstens die Fenster putzen und die vertrockneten Blumen austauschen, die kein Kaffee der Welt mehr zum Leben erwecken konnte. Oder eine Nacht lang durchschlafen, ohne voller Angst um null Uhr dreißig und um drei Uhr fünfzehn hochzuschrecken und nach der Prinzessin auf ihrem Nachttisch zu greifen.
   »Hat Melanie auch erzählt, dass Ryan Vollconti arbeitet, also ein echt böses Schichtmodell, und sie arbeitslos ist und keine Anstalten macht, nach einer Stelle zu suchen? Meiner Meinung nach hatte er jedes Recht, zu verlangen, dass sie sich um den Haushalt kümmerte und kochte.« Thomas trank einen Schluck und pustete auf die Oberfläche der Tasse. »Ich wünschte, du würdest den Cappuccino mit mehr kalter Milch zubereiten.«
   Lou wischte sich über die Stirn, um eventuelle Farbsplitter von der Fensterbank zu entfernen. »Ich bin halt eine heiße Frau.« Das klang bitterer, als es sollte. Sollte sie den Satz abschwächen, etwas hinzufügen? Nein. Es war nicht nötig. Thomas akzeptierte sie so, wie sie war. Sie würde es nie verstehen. Besser, man ging manchen Dingen nicht zu genau auf den Grund.
   »Du sollst Ryan ja nicht gleich heiraten. Ich sage nur, du sollst ihn dir ansehen. Am Sonntag beim Training für die nächste Con. Wenn er dir nicht gefällt, gehst du ihm aus dem Weg.«
   »Und wenn er mich in drei Wochen auf der Con nicht aus dem Weg gehen lässt?« Lou stellte sich vor, wie es wäre. Sie würden in Tarnklamotten anreisen, die Zelte aufschlagen, die Feldbetten aufschlagen und sich bereit machen. Schutzbrillen aufsetzen und aufmunitionieren und so. Und dann würde das Spiel beginnen. Achtundvierzig Stunden müsste sie mit den Jungs eng zusammenleben. Da konnte sie es nicht gebrauchen, wenn einer von denen versuchte, mit ihr zu flirten. Das würde das ganze Gleichgewicht durcheinanderbringen, dass sie sich in den vergangenen Monaten so mühsam aufgebaut hatte.
   Thomas hielt inne und griff nach ihrer Hand, die sie ihm sofort entzog. »Warum sollte er das?«
   »Möglich ist alles.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
   »Dein Ex lässt dich inzwischen in Ruhe, oder? Wann hat er sich das letzte Mal gemeldet? Weihnachten?«
   »Ist egal.«
   Thomas schwieg und trank einen neuen Schluck Cappuccino. Die Hand, die er nach ihr ausgestreckt hatte, blieb wie absichtslos auf dem Tisch liegen. Seine Finger waren lang. Musikerhände. Die Fingernägel waren glatt gefeilt, aber stellenweise zerschrammt. Das gefiel ihr. Er arbeitete mit Maschinen, nicht mit Computern. Richtige Männer sollten nicht zu vergeistigt sein, sondern zupacken können. Wie er.
   Sie stand auf und ging durch das Arbeitszimmer ins Schlafzimmer. Blieb in der Tür stehen und sah zurück. Der Laptop stand auf dem Schreibtisch. Er sah harmlos aus, wenn er zugeklappt war. Nichts weiter als ein viereckiges Stück Metall. Wenn sie ihn nicht öffnete, könnte sie sich benehmen, als hätte die E-Mail sie nie erreicht. Patrick wusste nicht, wo sie wohnte. Sie brauchte es ihm nicht zu sagen, dann würde er es nie erfahren. Außer Thomas und ihren Eltern kannte niemand die Adresse.
   Trotzdem. Sie setzte sich auf den Rand des Bettes und betrachtete die beruhigenden Konturen der Prinzessin. Schwarz. Kompakt. Klein genug für eine mittelgroße Handtasche. Sie ertastete die kühle Oberfläche. Pulvergeschwärzt, kühl und nicht ganz so glatt wie Glas. Sie ergriff die Waffe mit beiden Händen, als ob sie sie im nächsten Augenblick hochreißen und auf einen Gegner richten würde.
   Thomas stand in der Tür und zeigte ihr seine Tasche. »Du hast deinen Cappuccino in der Küche vergessen.«
   Egal. Sie mochte Cappuccino ohnehin nicht, bereitete ihn nur für Thomas zu, weil sie seine Besuche auf einen Cappu herbeisehnte. Bei ihm fühlte sie sich sicher. Das Schlafzimmer würde er nie betreten, wenn sie ihn nicht darum bäte. So lautete die Abmachung. Daher blieb er in der Tür stehen und leistete ihr von dort Gesellschaft. »Warum willst du unbedingt, dass Ryan zu unserem Training kommt?« Ihre Hände zitterten und die Mündung der Prinzessin zitterte mit.
   »Er ist seit vier Monaten Single. Es wird Zeit, dass er wieder unter Leute kommt. Deswegen habe ich ihn eingeladen.«
   »Du willst dich um jeden kümmern, dem es schlecht geht, oder?« Das war eine Anklage. Deutlicher würde Lou die Angst nicht in Worte fassen, dass er sie lediglich besuchte, weil er sich Sorgen machte und ein hilfsbereiter Mensch war, und sie ihm in Wahrheit völlig gleichgültig war.
   »Kann sein.« Thomas klang unbekümmert.
   Lou blickte zu Boden. Da lag Schmutz. Sie müsste putzen. Patrick würde … Patrick war weg. Er würde nicht wieder kommen. Wenn sie wollte, könnte sie einen ganzen Monat lang alles verkommen lassen, und niemand würde sie anschweigen. Niemand würde ironisch werden oder mit Trennung drohen, wenn sie sich nicht änderte. Es war zu spät, sie war bereits geflüchtet und hatte Zuflucht gefunden. »Du solltest langsam gehen.« Sie stand auf und blieb einen Meter von ihm entfernt stehen. »Nimmst du mich zum Abschied in den Arm?«
   »Wenn du zu mir kommst, sehr gern. Dein Schlafzimmer betrete ich nicht. Du hast mir gesagt, dass du davon Angst bekommst.«
   »Und was, wenn ich es jetzt will?«
   »Dann kannst du mir das sagen. Unaufgefordert werde ich diese Linie nicht überschreiten, Sonnenschein.«
   »Du bist doof.«
   »Und verheiratet.«
   Sie lachte auf. »Gott sei Dank!« Ja, Gott sei Dank war er verheiratet. Seine Augen leuchteten, wenn er von seiner Frau sprach. Es gab wahre Liebe auf dieser Welt. Natürlich nicht für sie. Liebe war für andere gedacht und nicht für die unordentliche Lou, die vor Patrick …
   Aber es gab Liebe auf der Welt.
   Thomas drehte sich um und ging zu ihrem Bild. Manchmal glaubte sie, er könne Gedanken lesen. Er schien zu spüren, wenn eine Situation sie überforderte. Zu viel Nähe und so. Das konnte sie nicht mehr ab.
   »Bist du das auf dem Bild?«, fragte er.
   Sie überschritt die Grenzlinie und kam zurück zu ihm. »Ich weiß es nicht.«
   Sorgfältig musterte sie die große Leinwand, die auf ihrer tragbaren Staffelei ruhte. Im Vordergrund kniete eine nackte, junge Frau mit nach links gewandtem Kopf, um deren Hals eine Schlinge lag. Rechts hinter ihr stand ein Mann, der die Schlinge hielt und die andere Hand ausstreckte, um sie zu streicheln. Die Figuren wirkten schemenhaft und angedeutet. Links war der Hintergrund frei. Die Frau hob ihre Hand, als ob sie Schutz suchte.
   Vielleicht würde Lou links eines Tages Thomas malen. Bisher hatte sie die richtigen Linien dafür noch nicht gefunden und die Frau blieb allein.
   »Sie sieht hilflos aus«, sagte Thomas und trank einen weiteren Schluck Cappuccino.
   Unwillkürlich wollte Lou ihn nach hinten schieben, damit er ihr kostbares Bild nicht aus Versehen betropfte. »Deswegen kann ich es nicht sein. Wenn das Bild mich zeigen würde, besäße ich eine Waffe und würde den Typen mit der Schlinge wegballern.«
   »Am Sonntag gibt es jede Menge Gelegenheiten zum Schießen.«
   »Nicht auf meinen Ex.«
   Sie schwiegen. Lou lehnte den Kopf an seine Schulter, obwohl sie es nicht wollte. Nicht wirklich jedenfalls. Sie betrachtete weiterhin das Bild. Es zeigte keinesfalls ihr Abbild. Sie war eine starke Frau, frei und in der Lage, sich zu verteidigen. Am Freitag würde sie mit Jess und den Jungs von Inglorious Death zum Konzert fragen und im Backstagebereich Bier trinken. Am Samstag fand Jess’ Geburtstagsparty statt und am Sonntag das Training in der neuen Scheune, die Dominik aufgetan hatte.
   Kein Mann der Welt würde sie je wieder in Ketten legen und auf die Knie zwingen.
   »Magst du mir was auf der Gitarre vorspielen? Hast du was Neues gelernt?« Thomas trank den letzten Schluck.
   Lou spürte, dass er langsam nach Hause wollte. Zu seiner Frau, die ihn liebte und die sie um diese Liebe beneidete. Natürlich hatte sie nichts Neues gelernt. Es lohnte sich nicht, die Gitarre rauszuholen. Außerdem war da ihr Computer. Diese E-Mail, die auf sie wartete, die sie noch nicht geöffnet hatte und am besten ungelesen löschte. Wenn Thomas länger blieb, würde sie ihm davon erzählen. Er würde bleiben und ihre Hand halten, wenn sie die Nachricht anklickte, und ihr sagen, dass sie sie löschen und nicht mehr antworten sollte. Natürlich hätte er damit recht, aber sie würde es nicht schaffen und sich schuldig fühlen. »Ich will noch ein bisschen üben, wenn du gleich weg bist«, sagte sie daher. »Wir sehen uns am Samstag auf Jess’ Party. Holst du mich ab?«
   »Natürlich. Meine Frau kommt allerdings mit.«
   »Ist doch wunderbar.«
   Thomas nahm sie in den Arm. Im Arbeitszimmer durfte er das, auch wenn sie einen Moment verkrampfte. »Du hast deinen Cappuccino nicht getrunken. Jetzt ist er bestimmt kalt.«
   Lou schmiegte sich an ihn und ignorierte die Angst, die sich hinterrücks anpirschte. Berührungen waren gefährlich, aber Thomas war nicht Patrick. Bei ihm war sie sicher. Er roch nach Mann, nach Freundschaft und Zuneigung. Nach wenigen Atemzügen löste sie sich, bevor er es tun konnte. »Das mit dem Verkuppeln ist gemein«, sagte sie und blickte zu ihrem unfertigen Gemälde. Besser, er merkte nicht, wie gern sie ihn hatte.
   »Also darf ich Ryan deinen Nick geben, damit er dich anschreiben kann?«
   »Warum sollte er das?«
   »Damit ihr euch kennenlernt. In drei Wochen fahren wir zur Con und kämpfen als ein Team. Da solltet ihr miteinander klarkommen.« Sein Lächeln war unschuldig.
   »Du willst mich verkuppeln. Ich will das nicht, hörst du?«
   Er zuckte mit den Schultern und grinste. »Ich bin ein Psychopath. Das sagst du ständig, also muss es wahr sein. Ryan bekommt von mir deinen Nick.«
   Sie sollte böse auf ihn sein, doch es gelang ihr nicht.
   »Hey, Sonnenschein, nimm es mir nicht krumm. Ich möchte nur, dass du glücklich wirst.«
   »Ich bin glücklich.« Lou zog den Bauch ein, drückte die Brüste zu einer übertriebenen Pose nach vorn und tat, als würde sie einen Kussmund machen. Mit ihm zu schäkern war sicher, er würde es niemals ausnutzen. »Ich genieße meine Freiheit, meine Abenteuer und fast jedes Wochenende wilden, dekadenten Sex. Das ist mehr, als du Langweiler mit deiner ach so glücklichen Bilderbuchehe hast.«
   Er lachte auf. »Wenn ich ein Langweiler bin, wieso nennst du mich einen Psychopathen?«
   »Damit du nicht denkst, dass ich dich mag.« Sie sich auf die Unterlippe. Darin lag mehr Wahres, als ihr lieb war. »Außerdem wegen Sonntag.«
   Seine Augen waren warm. Das war gefährlich.
   »Gib es zu, du kannst mir einfach nicht widerstehen.« O Gott, was redete sie für dämliches Zeug? Die beschissene E-Mail hatte sie wirklich aus dem Gleichgewicht gebracht. Wenn er nicht endlich verschwand, würde sie ihm alles anvertrauen.
   »Für mich bist du zu gefährlich. Da braucht es einen besseren Mann.«
   Lou erwiderte das Grinsen und biss sich mit dem abgesplitterten Eckzahn auf die Unterlippe. Tastete nach der Prinzessin. Die war im Schlafzimmer liegen geblieben. Sie faltete die Hände, formte eine angedeutete Pistole. Er durfte ihr nicht zu nahekommen. Damit es für sie eine Zukunft gab, musste er seiner Frau treu bleiben. Das brauchte sie nötiger als Nahrung und Wasser, denn ohne wahre Liebe auf dieser Welt ergab das Weiterleben wenig Sinn.
   Er streichelte über ihren Oberarm und ihre Schulter bis zu ihrem Nacken. Einmal hatte er gesagt, sie sei für ihn wie die kleine Schwester, die er nie hatte. Eine Schwester würde er nicht auf diese Weise berühren. Sollte sie zurückweichen oder sich enger an ihn schmiegen?
   Mit sanftem Druck hob er ihren Kopf, damit er ihr tiefer in die Augen sehen konnte. Lou spannte sich an. Kampfbereit, fluchtbereit. Was, wenn sie ihr Gleichgewicht verlor? Was, wenn Patrick den Schwachpunkt in ihrem Herzen fand und sie wieder …?
   »Ich muss los.«
   »Grüß Isabelle schön.«

Als Thomas fort war, klappte Lou ihren Laptop auf und öffnete ihren Posteingang. Die Nachricht sprang sie an wie ein gelbes Signalfeuerwerk, obwohl inzwischen zwei Spammails von E-Bay dazugekommen waren. Absender Patrick938. Kein Betreff.
   Warum konnte er sie nicht in Ruhe lassen?
   Sie sollte die E-Mail sofort öffnen. Letztes Mal hatte sie sie zwei Wochen liegen lassen, bis sie sich nicht nur vor dem Laptop gefürchtet hatte, sondern bereits vor dem Aufschließen ihrer Wohnung nach einem Arbeitstag.
   Aber …
   Egal. Sie klickte auf die E-Mail.

Hallo Lou,

ein Freund erzählte mir, dass es dir gut geht und du eine neue Arbeitsstelle hast. Er wusste nicht, wo genau, weil du aus allem ein Geheimnis machst. Das mit der Stelle freut mich, weil ich jetzt weiß, dass du ohne mich keine finanzielle Not leidest. Wo arbeitest du inzwischen? Bei deinem alten Kindergarten konnte mir leider niemand etwas sagen. Du weißt ja, dass ich gern von dir höre und wissen möchte, ob alles in Ordnung ist.
   Ich hoffe, du hast Dominik keine von deinen Lügen erzählt, damit er mir nicht verrät, wo du arbeitest. Du weißt ja, dass ich dir nie wehtun könnte. Vor mir brauchst du dich nicht zu fürchten.
   Mir geht momentan durchwachsen. Ich hatte bis letztes Wochenende eine Jugendfreundin zu Gast, die aus ihrer Ehe geflüchtet ist. Du siehst also, andere Leute vertrauen mir durchaus. Sie hat im Wohnzimmer campiert. Das hat alte Wunden aufgerissen und mich daran erinnert, wie du damals ausgezogen bist und die Hälfte deiner Sachen hier gelassen hast, ohne eine Adresse, an die ich sie dir senden oder bringen könnte. Deine Sachen stehen immer noch hier und warten auf dich. Vielleicht können wir uns bald auf einen Kaffee treffen und besprechen, was du davon noch willst. Ich bringe sie dir gern vorbei.
   Ich weiß, dass du mir aus dem Weg gehst. Glaub nicht, dass ich es nicht merke. Ich habe auch gehört, dass du erzählt hast, du würdest dich vor mir fürchten. Solche Lügen und Gerüchte finde ich daneben, ehrlich gesagt. Ist ja nicht so, als ob ich dich schlagen würde. Du brauchst vor mir keine Angst zu haben. Ich habe meine Fehler von damals eingesehen und habe mich geändert. So, wie du es dir gewünscht hast. Ich würde mich wirklich freuen, wenn du mir bald eine Chance gibst, es dir zu beweisen.
   …


Mehr ertrug sie nicht. Laptop zu. Sie überprüfte, ob der Wohnungsschlüssel wirklich umgedreht war und weiterhin steckte. Die Fenster waren geschlossen, über das Dach konnte niemand eindringen. Die Prinzessin … Wo war die Prinzessin? Sie musste auf dem Nachttischchen liegen, da lag sie immer, sonst … Nein, sie lag neben dem Kopfkissen. Alles war gut. Lou entsicherte die Walther P99, richtete sie auf die Wand neben dem Bücherregal und stellte sich vor, auf Patrick zu zielen.
   Danach ging es ihr besser.

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