Die Gitarre lockt, doch die Flöte führt dein Herz. Sheila lauscht den magischen Klängen und kann sich der Wirkung, die der Straßenmusiker auf sie ausübt, nicht entziehen. Seine Bewegungen sind geschmeidig, seine Stimme wie Samt. Wie ein Orkan rauscht er über sie hinweg, reißt sie mit sich mit dem ungestillten Hunger, den er ausstrahlt. Sheila gibt sich ihm hin, wird eins mit seiner Art der Lust. Doch gehört zum berühmten Happy End ein bisschen mehr als nur Leidenschaft. So glühend sie auch sein mag …

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Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9925-33-031-7

Seiten: 164

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Sabina Tempel

Sabina Tempel ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, unter dem sie Liebesromane veröffentlicht. Müsste sie sich selbst beschreiben, würde sie Eigenschaften wie chaotisch, herzlich, aber auch impulsiv nennen. Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen, ist ihre Spezialität. Auch dem Herz folgt sie gern, manchmal lieber als dem Verstand. Sie genießt und lebt das Leben. Zum Entspannen kuschelt sie sich gern auf ihre große Ledercouch und liest ein romantisches Buch, das sie von Zeit zu Zeit auch selbst schreibt.

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Leseprobe

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1. Kapitel

Jonny warf den Rucksack in die Ecke. Er ging zu dem großen schwarzen Kühlschrank und nahm sich eine Büchse kühles Bier heraus. Zischend entwich der Sauerstoff, als er die Dose öffnete. Müde war er, erschöpft von der langen Reise. Er zog den billigen Plastikstuhl vom Tisch und setzte sich.
   Zärtlich ließ er seine Hände über die Gitarre und die Flöte gleiten. Er liebte es, die Instrumente zu berühren, genauso, wie er es genoss, ihnen Töne zu entlocken. Auf seinen Reisen hatte er gelernt, Flöten zu schnitzen. Doch nie war es ihm gelungen, auch nur annähernd an die Perfektion des alten Indianers heranzukommen, der ihm seine Kunst gezeigt hatte. Im Blut musste es einem liegen, hatte der ihm erklärt. Aber nicht nur das, man musste die Melodie im Wind hören, ihr Streicheln um die Felsen wahrnehmen und sich den alten Geschichten nicht verwehren. Geschichten, die vom Werben erzählten, vom Werben eines Mannes um seine Auserwählte. Manche Melodien erzählten auch von Freiheit, von der Schönheit des Lebens, von Freude oder auch von Trauer. Melodien waren wie das Leben selbst. Nur wer an all das dachte, es fühlte, war in der Lage, ein perfektes Instrument zu bauen und fähig, ihm die Töne zu entlocken, die es hervorbringen konnte. Aber nicht nur das, der Musiker sollte auch den Baum kennen, von dem er das Holz nahm. Nur wer eins war mit der Natur, dem war es erlaubt, die Kunst der Töne zu erlernen. Jonny hatten diese Geschichten begeistert, ihn mit ihrer Magie eingehüllt. Gern wäre er länger geblieben in diesem Land der roten Erde und des türkisblauen Himmels. Der alte Mann faszinierte ihn, ebenso wie das Volk und die Natur, die selbst ihn an alte Geschichten voll Mut und Freiheit denken ließ. Vielleicht würde er eines Tages zurückkehren, vielleicht aber auch stetig weiterziehen. Viele schöne Orte gab es auf dieser Welt. Viele unterschiedliche Denkweisen. An manchen Plätzen wurde mehr gelacht und das Sein leichter genommen. Andere Völker dagegen waren auf den ersten Blick hin abweisender, ihre Gesichter strahlten puren Stolz aus, und die Herzlichkeit musste man sich erst verdienen. Ebenso wie diverse Eigenarten besaß jedes Volk auch seine spezielle Art von Musik. Melodien, die das Lebensgefühl und den Charakter der Menschen widerspiegelten. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass raue Gegenden die Musik oftmals melancholischer klingen ließen, während sonnige, warme Gebiete meist auch in Liedern für Fröhlichkeit sorgten. Zuletzt hatte er die Karibik besucht und sich von der gechillten Art der Einheimischen verzaubern lassen.
   Während der Jahre waren seine dunkelbraunen Haare lang gewachsen. Mittlerweile zierten Dreadlocks seinen Kopf. Keine dicken Zöpfe, sondern schmale, die perfekt zu ihm passten. Zu ihm und seiner Lebenseinstellung. Reisen und Musik waren zu seinem Leben geworden. Wie ein Vagabund zog er durch die Welt. Und doch war er nun nach Deutschland zurückgekehrt. Nach so langer Zeit hatte es ihn in seine Heimat gezogen.
   Ganz aufgeregt war er gewesen, als er den Flieger verlassen und heimatliche Luft geatmet hatte. Wie ein Flashback waren die unterschiedlichsten Gefühle über ihn hereingebrochen. Er hatte sich gefühlt, als streifte er eine lieb gewonnene Haut ab, um in eine alte zu schlüpfen. Doch dann hatte er sich zusammengerissen, schon allein aus dem Grund, weil er keine Lust auf negative Gefühle hatte. Freunde hatte er hier, besonders in dieser Stadt, die sich immer freuten, wenn er für ein paar Tage vorbeikam. So wie jetzt. Schon einige Male hatte er auf diesem Plastikstuhl gesessen und sich eine Büchse Bier aus dem schwarzen Kühlschrank geholt. Gern war er hier. In dieser WG, in der es meist sogar ein Zimmer, jedoch immer einen Schlafplatz für ihn gab.
   Die Stadt war eine Studentenstadt. Er liebte sie, den historischen Kern und das lockere Treiben in den vielen verwinkelten Gassen. Auch ließ es sich in der belebten Fußgängerzone ganz gut verdienen. Besser als in Städten, in denen die Leute mehr hetzten und sich weniger Zeit für eine kleine Pause nahmen. Er wartete gern auf Zuhörer, genoss es, wenn sich immer mehr einfanden und ihn umringten. Es störte ihn nicht, stundenlang am Boden zu sitzen oder zu stehen, um die Menschen zu unterhalten.
   Viele hielten an, um seiner Musik zu lauschen. Seinem Gesang, aber auch dem Flöten- oder Gitarrenspiel. Manchmal ließ er bei schönem Wetter auch bunte Bilder auf dem Asphalt entstehen. Manchmal, wenn ihm nicht nach den vertrauten Melodien zumute war, sondern er Farben sehen wollte. Er konnte es mit allen – Alten, Kindern, Familien, aber auch Jungen, die oftmals schon von seinem Outfit angetan waren, aber auch mit Frauen. Diese Beziehung genoss er besonders, denn ihm wurde gegeben, ohne Gegenleistung zu erwarten. So redete er es sich zumindest ein. Die Frauen wussten, dass er weiterziehen würde. Was sie ihm gaben, gaben sie ihm, weil sie es wollten.
   Aber genau das war der Punkt, der hakte. Denn sie erwarteten, dass er sich genau an dieses Schema hielt. Dass er nehmen würde, ihnen aber exakt das gab, was sie von ihm erwarteten. Doch er war keine Marionette. Er war ein Mann mit all seinen Eigenheiten, und zwar keiner, der nur geben wollte. Manchmal war auch ihm nur nach Zweisamkeit, nach Gesprächen, nach Lachen und dem Wunsch, einen Menschen zu halten. Doch diesen Mann wollten die wenigsten in ihm sehen. Vielleicht lag das auch an ihm, denn meist verbarg er seine sensible Seite ganz gut.
   Nur manchmal – ganz selten – sehnte er sich eben doch nach dem, was er nicht bekommen konnte.

*

Sheila trat nach einem langen Arbeitstag aus dem antiken Gebäude, in der sich Bankfiliale befand, in der sie arbeitete. Seitdem Kundenorientierung großgeschrieben wurde, waren die Arbeitszeiten in den Abend verschoben worden. Wenn sie ein Nachtmensch wäre, hätte ihr das vielleicht sogar gefallen, aber unter der Woche ging sie selten aus. Im Gegensatz zu ihrer Mitbewohnerin Carolin, die ständig unterwegs war. Gern wäre sie auch so locker gewesen, doch seinen Charakter konnte man sich nun einmal nicht aussuchen. Wenn sie ehrlich war, hätte sie bei Caros Lebenstempo auch nicht mithalten können. Zu schnell floss alles an ihrer Freundin vorbei. Würden sie nicht zusammenwohnen, hätten sie sich wahrscheinlich längst aus den Augen verloren. Doch so blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich zu arrangieren. Und sie taten es – nach einigen Anfangsschwierigkeiten – mittlerweile ziemlich gut. So gut, dass sie sich aufeinander verlassen konnten. Manchmal war Sheila froh, mit Caro zusammenzuwohnen, manchmal weniger. Froh war sie, weil Caro ein kleiner, stets gut gelaunter Wirbelwind war, weniger froh, weil gerade das manchmal nerven konnte.
   Sheila zog den Blazer aus. Das Shirt darunter saß eng, sonst hätte es mit der Jacke nicht gut über dem Bleistiftrock ausgesehen. Warm war es. Die Spätsommersonne gab alles und schien von einem tiefblauen Himmel. Hoffentlich hielt das Wetter noch den Rest des Monats. Ende September war es mit den schönen Tagen für den Rest des Jahres vorbei. Sheila empfand die Perlonstrümpfe, deren Tragen selbst im Sommer Pflicht am Arbeitsplatz waren, als unangenehm. Im August hatte das Thermometer über fünfunddreißig Grad gezählt, da war es beinahe unerträglich gewesen. Meist hatte sie sich für Hosenanzüge entschieden, die wesentlich lockerer saßen. In der Bank war das geschlossene, aber dennoch ansprechende Outfit okay. Die Klimaanlage kühlte gut, sodass es einem mit sommerlicher Kleidung schnell zu kalt wurde, doch sobald man das Gebäude verließ, lief man förmlich gegen eine heiße Wand. Leider gab es keine Angestelltenparkplätze, sodass sie sich meist zu Fuß auf den Heimweg machen musste, dabei war das Kopfsteinpflaster mit den hochhackigen Pumps gar nicht so einfach zu bewältigen. Sheila trug gern schöne Schuhe, auch die Businesskleidung störte sie nicht. Ihr Dad schüttelte darüber stets den Kopf, denn er war ein durchtrainierter, stets locker gekleideter Ex-GI. Auch ihre Mam stand mehr auf den legeren Look. Wahrscheinlich war sie wegen des ultracoolen Aussehens ihrer Eltern eher ins Gegenteil umgeschlagen.
   In der Fußgängerzone herrschte wie jeden Tag buntes Treiben. Es machte keinen Unterschied, ob heiße Sommertage, kalte Weihnachtszeit oder laue Nächte – die Stadt lief zu jeder Jahreszeit vor Leuten nur so über. Wahrscheinlich machte es die Mischung aus vielen verschiedenen Geschäften, Cafés, Restaurants und Kneipen, die zum Verweilen einluden. Viele Gastronomen boten Sitzgelegenheiten vor den Lokalen an. Sheila hing sich den Blazer locker über die Schulter. In dem Moment trug der warme Wind feine, leise Töne an ihr Ohr. Eine Melodie, die von einem fernen Land erzählte, sich förmlich um die alten Gemäuer bog und die Fußgängerzone mit ihrem Klang verzauberte. Sheila blieb stehen und lauschte. Dann setzten sich ihre Beine wie von selbst in Bewegung. Die Flöte rief sie, und sie folgte ihrem Ruf. Wie hypnotisiert wurde sie von den weichen Lauten angezogen. Dabei hatte sie heimgehen wollen, aber die Töne wurden von der Luft getragen, schmiegten sich in die leichte Brise und erzählten eine Geschichte von Sehnsucht und etwas, das sie nicht deuten konnte. Würde sie die Augen schließen, würde sie einen blauen Himmel sehen. Anders blau als der, der sich über sie wölbte. Türkisblau würde er sein. Schroffe Felshänge und Bäume würden die Landschaft bilden. Statt des Stimmengewirrs klang nun Vogelgezwitscher an ihr Ohr, ebenso das Surren von Insekten.
   Ihre hohen Absätze klackerten über das Kopfsteinpflaster. Sie, ihr gesamtes Erscheinungsbild, passte nicht in die Vorstellung, die ihr diese Melodie vermittelte, und doch – oder gerade deswegen – zog sie sie magisch an.
   Die Töne wurden lauter. Fast erwartete sie, Indianer zu sehen. Indianer wie in den alten Geschichten, denen sie einst gelauscht hatte, und doch völlig anders. Ein Teil ihres Erbes. Dads Verwandte wohnten zwar in der Stadt, aber sie trugen das Blut Amerikas in sich. Ihre Urgroßmutter hatte es erzählt. Damals, als sie noch ein Kind gewesen war. Grandma sprach dagegen nie über ihre Wurzeln, und Dad ebenso wenig. Früher waren sie öfter in die Staaten geflogen. Die letzten Jahre überhaupt nicht mehr. Eigentlich hatte sie diesen Teil von sich beinahe vergessen.
   Und nun hörte sie plötzlich diese Melodie. Und das mitten in Deutschland. Klänge, die sie noch nie vernommen hatte, sie jedoch instinktiv wusste, aus welchem Land sie stammten. Klänge, die sie träumen ließen.
   Sheila bog um die Ecke des Gebäudes. Beinahe wäre sie über ihre eigenen Füße gestolpert. Denn da stand keine Indianerband. Da stand niemand. Nur ein abenteuerlich anmutender Mann saß am Boden, umringt von einer Traube junger Mädchen. Aber nicht nur das, obwohl eben das schon mehr als genug war. Auch Alte und Mütter mit ihren Kindern waren stehen geblieben, um seinen Klängen zu lauschen.
   Er passte optisch nicht zu der Flötenmusik, die er spielte. Eine Gitarre lag neben ihm. Das konnte sie sich schon eher vorstellen, auf jeden Fall eher als indianisch angehauchte Musik. Er war kein Native. Er war nicht einmal das, was er vorgab, zu sein. Dunkelbraune Dreadlocks trug er. Okay, die Haut war gebräunt, aber so gebräunt wie bei fast jedem Deutschen, der im Sommer der Sonne nicht ausgewichen war. Die Mädchen himmelten ihn nur so an. Na ja, wer auf Weltenbummler stand … auf ausgewaschene Jeans – ausgewaschen, aber sauber, registrierte sie – und Flipflops an den Füßen.
   Wenigstens hatte er gepflegte Füße …
   Ein Shirt – nicht weit, nicht eng – vervollständigte den lockeren Look. Cool war er. Einer der Typen, die auf eine ruhige Art an sich glaubten. Was ihn wohl auf die Straße verschlagen hatte?
   Irgendwo hatte sie gelesen, dass mit Straßenmusik ganz gut Geld zu verdienen war. Nur: Wer wollte schon so leben? Sich so zur Schau stellen? Obwohl: Schausteller. Der alte Begriff war ihm wie auf den Leib geschnitten.
   Der letzte Ton verklang. Er legte die Flöte nieder, strich liebevoll über das Holz. Die Geste berührte sie, denn er würdigte das Instrument, das ihm seine Töne schenkte.
   Würde er nun die Gitarre nehmen?
   Doch er tat nichts dergleichen, sondern steckte die Flöte in ein Futteral, das neben ihm auf den Pflastersteinen lag. Auch die Gitarrenhülle verschloss er.
   »Wohin gehst du?« Eines der Mädchen konnte ihre Neugierde nicht im Zaum halten.
   Er schaute auf, nahm sie wahr. Sein Blick blieb an ihrem Rocksaum hängen, wanderte weiter nach oben, bis er ihr Gesicht erreicht hatte. Seine Augen waren dunkel. Fast so dunkel wie ihre. Nur ihre blickten immer ernst, seine dagegen funkelten belustigt und interessiert. Dieser Mann liebte sein Leben – das war nicht zu übersehen. Er strahlte all das aus, was Menschen anzog: gute Laune, eine ruhige Gelassenheit, Freundlichkeit und Freude. Kein Wunder, dass die Mädchen so überschwänglich auf ihn reagierten. Zudem besaß er ein hübsches, ebenmäßiges Gesicht inklusive eines verwegenen Touches. Wovon sollten Mädchenherzen schon sonst so träumen? In dem Alter spielten Geld und Eleganz noch keine Rolle, sondern waren sogar verpönt. Zumindest nach außen hin.
   Normalerweise hätte sie weggesehen. Schließlich starrte sie gewöhnlich keine fremden Männer an. Aber dieser hier … Dieser Straßenmusiker hatte etwas an sich, das auch sie faszinierte. Beinahe fühlte sie sich wie ein junges Mädchen. Wie eines derjenigen, die ihn umringten und um seine Gunst warben. Aber sie war kein junges Mädchen mehr. Sie war Mitte zwanzig. Sie war auch keine Draufgängerin. Sie war eine selbstbewusste Frau, die es im Berufsleben zu etwas bringen wollte. Auch interessierte sie sich nicht für Weltenbummler mit Rastazöpfen. Sie stand auch nicht auf hochgekrempelte Hosen und Flipflops. Sie mochte Männer, die es wussten, sich zu kleiden. Elegant und mit Stil. Auch sollten sie über ein ordentliches Fahrzeug verfügen. Am besten neu und mit Ledersitzen. So sahen die Männer aus, nach denen sie in der Regel schaute. Nicht nach welchen, die nicht einmal ein Fahrrad besaßen und Instrumente mit sich herumtrugen. Von langen Haaren ganz zu schweigen. Caro hätte ihn sehen sollen. Die wäre bestimmt hin und weg gewesen. Aber nicht sie.
   Und doch konnte sie den Blick nicht wenden, war gefesselt von dem Funkeln in den dunklen Augen.
   Bestimmt waren seine Bewegungen ebenso geschmeidig und fließend, wie seine Finger der Flöte Töne entlocken konnten.
   Aber das musste sie nicht interessieren. Ebenso wenig wie es sie interessierte, ob ein Mann überhaupt geschmeidig sein konnte.
   Geschmeidig sein konnte? Was gingen ihr heute nur für seltsame Gedanken durch den Sinn …
   Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf und wollte dabei den Blick lösen, tat es jedoch nicht. Ein leichtes Lächeln spielte um seine Lippen. Ihre Reaktion war ihm nicht entgangen.
   »Also: Wohin gehst du?« Die Kleine gab nicht auf.
   »Zu Freunden.« Seine Stimme klang golden.
   Ja, golden. So seltsam sich das anhörte. Ein warmer Ton schwang in ihr. Mit einmal konnte sich Sheila vorstellen, ihn singen zu hören. Wieder würde sich die Luft mit Tönen füllen, und der Wind würde sie davontragen. Warm und golden.
   Erneut schüttelte sie den Kopf. Wieder, um die seltsamen Gedanken zu vertreiben.
   »Zu Freunden? Bleibst du in dieser Stadt?«
   »Für kurze Zeit.« Er war weder unfreundlich noch kurz angebunden.
   Sheila war überzeugt davon, dass er die Wahrheit sagte. Warum hätte er auch lügen sollen?
   Ob er wohl eines dieser Mädchen mitnehmen würde?
   So, wie seine Augen blickten, genoss er alles. Auch Sex. Er konnte kein Mensch der Bindung sein, sondern einer, den es stetig weitertrieb.
   Aber er hatte zu Freunden gesagt …
   Er würde zu Freunden gehen.
   Freunde – ein großes Wort. Vielleicht zu leicht dahergesagt, und doch musste er die Menschen kennen, bei denen er wohnte. Und noch wichtiger: Die Menschen mussten ihn kennen.
   Diese Stadt war folglich kein üblicher Durchzugsort. Es gab eine Verbindung. Schließlich war er hierher zurückgekehrt, sonst hätte er das Wort Freunde nicht gebraucht.
   »Kommst du morgen wieder her?« Eines der Mädchen schob sich zwischen sie und ihn, sodass der Blickkontakt unterbrochen wurde.
   »Das kann ich noch nicht sagen.«
   »Warum? Ziehst du schon weiter?«
   Mensch, Mädel! Die Frage hatte er doch eben schon beantwortet.
   »Noch nicht.«
   »Gefällt es dir hier?«
   »Ich mag diese Stadt.«
   »Das ist toll!«
   »Warum?« Seine Stimme klang belustigt.
   »Wir könnten zusammen ausgehen.«
   Boah! Ganz schön dreist, die Kleine!
   »Ich bin zu alt für dich.«
   »Das glaub ich nicht.«
   »Ich schon«, entgegnete er bestimmt.
   »Ich bin nicht dein Typ, oder?«
   »Du bist ein hübsches Mädchen.«
   »Aber nicht dein Typ.« Beleidigt schob sie die Unterlippe vor. »Auf was für Frauen stehst du dann?«
   Kurz war Ruhe. Er schien zu überlegen. »Auf den Typ Frau, der hinter dir steht.«
   Das Mädchen drehte sich ruckartig um und starrte sie an. Warum schaute die Kleine so unfreundlich? Sheila verstand erst nicht, dann dämmerte ihr: Er hatte sie gemeint.
   Im ersten Moment wusste sie nicht, wie sie reagieren sollte. Im zweiten – wenn sie ehrlich war – ebenso wenig. Also starrte sie ihn lediglich aus großen Augen an.
   Und er? Er erwiderte ihren Blick.
   »Ich glaube, wir sind hier fehl am Platz«, ließ sich eines der Mädchen vernehmen.
   »Was will er denn von der aufgetakelten Tussi?«
   Aufgetakelte Tussi? Das war nun eine Frechheit.
   »Der hat die doch nur verarscht.«
   »Glaub ich nicht.«
   »Vielleicht will er sie auch nur ficken.«
   »Was denn sonst?«
   »Keine Ahnung.«
   Die Wortwahl wurde nicht besser. Trotz der offensichtlichen Feindseligkeit der Mädchen konnte sie den Blick nicht von ihm wenden. Schließlich war er unschuldig daran, dass die Mädels so eine Sch… laberten.
   »Lasst uns gehen!«
   »Der hat doch nur Augen für die.«
   »Na, die starrt ihn aber auch an.«
   Sheila horchte auf. Was tat sie? Sie starrte ihn an? Es stimmte. Sie starrte ihn wirklich an. Schnell senkte sie verlegen den Blick. Das war ihr nun doch peinlich.
   »Jetzt macht sie auf schüchtern.«
   Blöde Kuh!
   »Die passt echt nicht zu dem.«
   »Nee.«
   Die Stimmen wurden leiser. Die Mädchen gingen davon. Sollte sie aufatmen? Am liebsten hätte sie ihnen die Meinung gesagt. Normalerweise ließ sie sich nicht so dumm anreden. Auf der anderen Seite wollte sie jedoch auch nicht unnötig provozieren. Und es wäre auf einen Streit hinausgelaufen, da war sie sich sicher. Eine ganze Gruppe Mädels gab in der Regel nicht so schnell auf. Schon gar nicht, wenn es um das Objekt ihrer Begierde ging.
   Zaghaft blickte Sheila wieder auf. Sie würde sich doch nicht von einem x-beliebigen Straßenmusiker verunsichern lassen …
   Sein Blick war immer noch auf sie gerichtet. Seine Augen waren dunkel, obwohl sie nicht an ihre heranreichten. Dafür funkelten seine nun extrem vergnügt, als müsste er sich ein Schmunzeln verkneifen, aber auch gleichzeitig neugierig.
   Der amüsiert sich über mich, schoss es ihr durch den Kopf. »Was ist so lustig?«, fuhr sie ihn an. Sie hatte irgendetwas sagen müssen. Ansonsten hätte sie sich umgedreht und wäre gegangen. Das wollte sie aber nicht.
   »Es war mein Ernst.«
   Wie? Von was sprach er? Etwa nicht davon, dass er auf den Typ Frau stand, den sie verkörperte? Nein, ganz bestimmt nicht. Aber von was sonst? Es gab keine andere Erklärung. »Haha«, machte sie lapidar.
   »Nichts Haha.« Er strich sich die langen Zöpfe hinter die Schultern. »Ich steh nun einmal nicht auf kleine Mädchen.«
   »Aber auf mich?« Sie lachte, obwohl ihr nicht nach Lachen zumute war.
   »Ja.«
   Er war speziell – das musste man ihm lassen. Wer hatte schon die Unverfrorenheit, einer Frau, die er nicht kannte, zu sagen, dass er auf sie stand? Mutig war das, aber auch aufdringlich, obwohl er es nicht so zu empfinden schien.
   »Und nun?« O Gott! Warum fragte sie so etwas Dummes?
   »Nun nehme ich meine Instrumente, und wir laufen ein Stück gemeinsam.«
   Ganz schön selbstbewusst … »Meinst du?«
   »Ja.«
   »Warum sollte ich?«
   Er legte den Kopf zur Seite und grinste sie an. »Weil du mich kennenlernen möchtest.«
   Fast klappte ihr die Kinnlade hinab, so sprachlos war sie. Doch seine Masche ging auf. Zumindest bei ihr, denn sie stand auf seine direkte Art. Aber das durfte sie nicht. Was hatte sie schon davon? Nichts.
   Sheila trat nervös von einem Bein auf das andere. Sie sollte gehen. Jetzt. Denn jetzt war es ihr noch möglich. Natürlich hatte er ins Schwarze getroffen. Ja, sie wollte ihn kennenlernen. Noch nie war ihr jemand Schillernderes und Anziehenderes über den Weg gelaufen. Er war so anders als all die Männer, die sie normalerweise als interessant einstufte.
   Ein seltsames Pärchen mochten sie abgeben, wenn sie durch die Stadt liefen. Wie Hund und Katz …

*

Jonny hatte sie kommen sehen. Das blauschwarze halblange Haar hatte die Sonnenstrahlen reflektiert. Wie ein kleiner exotischer Vogel flatterte sie auf ihn zu, angelockt von den Tönen, die er seiner Flöte entlockte. Die Flöte war ihr Instrument. Sie passte zu ihr wie ein speziell gefertigtes Kleidungsstück. Eigentlich hätte sie es sein müssen, die sie spielte. Doch er war der Mann, und der Mann war es, der diesem Instrument seine Melodie entlockte. Ihr Blut musste es wissen, ihr Instinkt sie führen, denn ansonsten wäre sie nicht der Musik gefolgt. Jonny versuchte, sein Spiel nicht zu unterbrechen und sie dennoch anzusehen. Ihre Kleidung war anders. Elegant und viel zu warm und zu steif für das sonnige Wetter. Ihre Füße steckten in hohen Pumps, ihre Beine in Seidenstrümpfen. Sie trug Stümpfe, keine Strumpfhosen – er wusste es. Ein weiches Material, das von Spitze abgeschlossen war und sich an ihre braune, samtene Haut schmiegte. Der enge Rock betonte ihre weiblichen Hüften, das enge Shirt ihre süßen Brüste. Leicht zeichnete sich Spitze durch den dünnen Baumwollstoff ab. Ein Blazer hing über ihrer Schulter. Sicherlich hatte sie gerade ihren Schreibtisch verlassen und war auf dem Heimweg, als sie sein Flötenspiel gehört hatte. Sie war ein Lichtblick, etwas ganz anderes, als er erwartet hatte. Viele hübsche Frauen blieben stehen und lauschten seinem Spiel, aber sie war wie ein Hauptgewinn. Eine exotische Blume in einer altertümlichen Stadt in Deutschland.
   Er ließ den letzten Ton verklingen und legte die Flöte nieder. Eigentlich hatte er noch zwei, drei Lieder spielen wollen, warum er es unterließ, konnte er nicht sagen. Eine Entscheidung, die er aus dem Bauch heraus traf. Auch, wenn die Frau weiterlaufen würde.
   »Wohin gehst du?« Die Stimme eines der Mädchen, die ihn umringten, brachte ihn in die Realität zurück.
   »Also: Wohin gehst du?«, fragte sie erneut, nachdem er nicht sofort reagiert hatte.
   Er gab Antworten, da schob sich ein weiteres Mädchen zwischen ihn und die dunkle Schönheit, von der er seinen Blick nicht wenden konnte.
   »Auf was für Frauen stehst du dann?«, hörte er das Mädchen sagen.
   Welcher kleine Teufel ihn ritt, konnte er nicht sagen, aber ihm war nicht danach, angemacht zu werden. »Auf den Typ Frau, der hinter dir steht.«
   Es war die Wahrheit.
   Die Kleine erstarrte, aber nur kurz, bevor sie sich mit einem Ruck umdrehte und die dunkle Schönheit ins Visier nahm.
   Seine Worte waren falsch gewesen. Es wurde ihm in dem Moment bewusst, als er die Feindseligkeit in den umstehenden Gesichtern entdeckte. Und wirklich – die Mädchen hielten sich mit garstigen Bemerkungen nicht zurück, konnten sich nicht beherrschen und ein gewisses Maß an Freundlichkeit bewahren.
   Sie sprachen die Frau nicht direkt an, redeten jedoch nicht gut über sie. Bald würde er eingreifen müssen. Er mochte so ein Verhalten nicht, hatte nicht mit dieser Art der Eskalation gerechnet. Bevor er sich weitere Gedanken machen konnte, ging die Gruppe jedoch, hatte anscheinend begriffen, dass er nicht interessiert war. Er atmete auf. Verlegen blickte die Frau zu Boden. Wahrscheinlich war ihr eben erst aufgefallen, dass sie ihn die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelassen hatte. Genauso wie es ihm ergangen war.
   »Was ist so lustig?«
   Zum ersten Mal hörte er ihre Stimme. Tief klang sie, aber nicht besonders freundlich.
   Nichts, aber er war es gewohnt, zu schmunzeln und das Leben locker zu nehmen. Wie eine Maske, die er stets trug und die zu seinem Gesicht geworden war.
   »Es war mein Ernst.« Selten, dass ihm so etwas so ernst gewesen war. Er stand auf diesen Typ Frau. Auch, wenn er das zuvor nicht gewusst hatte.
   »Haha.« Ihr Lachen war reine Verlegenheit. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten und was sie sagen sollte. Mit so viel Offenheit konnte sie nicht umgehen. Wahrscheinlich überlegte sie, ob er sie nur plump anmachen wollte oder seine Worte der Wahrheit entsprachen. Zumindest schien ihr die Situation neu zu sein.
   »Nichts Haha«, stellte er lediglich klar. »Ich steh nun einmal nicht auf kleine Mädchen«, untermauerte er seine Worte, damit sie ganz genau wusste, was er ihr sagen wollte.
   »Aber auf mich?« Sie lachte, aber das Lachen wirkte nicht echt. Das Fragezeichen am Ende des Satzes hörte sich knüppeldick an.
   Ob sie nur mit der Situation nicht umgehen konnte oder es einfach nicht gewohnt war, Komplimente zu bekommen? Dabei musste sie ständig welche zu hören bekommen, so, wie sie aussah.
   »Ja.« Mehr hatte er dazu nicht zu sagen. Vollkommen cool packte er seine Instrumente zusammen und schlug ihr beiläufig vor, ein paar Schritte mit ihm zu laufen.
   Überrascht sah sie aus, aber nicht abgeneigt. Natürlich fragte sie, warum sie das tun sollte. Er beschloss, nicht um den heißen Brei herumzureden. »Weil du mich kennenlernen möchtest.«
   Er war gesprungen. Ins eiskalte Wasser. Es konnte nur gut oder gewaltig schiefgehen, aber so wusste er wenigstens, was er zu erwarten hatte.
   Es ging gut. Er war eben ein Glückspilz … Ein verdammt erregter Glückspilz, denn diese Frau machte ihn gewaltig an. Die hellbraune Haut, das blauschwarze Haar, die hohen Wangenknochen, die leicht mandelförmigen Augen und diese Figur, die ihn am helllichten Tag träumen ließ. Normalerweise hatte er kein Problem, Frauen um den Finger zu wickeln, aber heute fühlte er sich ganz seltsam. Er würde es bereuen, wenn er einen Fehler begehen und sie überfahren würde. Selten hatten ihn seine Gefühle so überrannt. Selten hatte er sich so sehr gewünscht, eine Frau zu berühren. Sie zu spüren. Seine Hände über ihre samtene Haut gleiten zu lassen. Die Weichheit ihrer Lippen zu schmecken. Und noch mehr. Noch viel mehr.
   Anders.
   Ein Wunsch, dem er manchmal nachkam. Nicht immer. Und doch war es das, was ihn erfüllte und ihn befriedigte. Nichts sonst. Und sie – sie war die perfekte Frau dafür.
   Warum er das wusste?
   Das wiederum wusste er nicht. Er fühlte es lediglich. Wie ein unsichtbares Band, das sie miteinander verband.

2. Kapitel

Sie waren in den Stadtpark abgebogen. Stille umgab sie. Nur ab und zu kam ihnen ein Jogger oder eine Gruppe Spaziergänger meist mit Hunden entgegen. Früher hätte sie gern einen Hund gehabt, aber Mam war dagegen gewesen. Sie züchtete Nacktkatzen, und damit war das Hundethema vom Tisch. Auch Dad fand so alles schön, was in war oder exotisch wirkte. Irgendwie war er nicht das, was er schien. Er verleugnete seine Wurzeln, das wurde ihr jedoch jetzt erst deutlich. Einfach aus dem Grund, weil sie sich nie Gedanken darüber gemacht hatte und diese Gedanken vielleicht auch vollkommen nutzlos waren, denn auch in Deutschland sann kaum jemand über seine germanische Abstammung nach. Und doch war das etwas anderes … Wenn sie nur an die Laute der Flöte dachte.
   Aber auch das war ein Fake.
   Der Musiker war nicht der, der das Instrument hätte bedienen dürfen. Dasselbe, wie wenn man einen Südländer in einen Schottenrock stecken und ihm einen Dudelsack in die Hand drücken würde.
   Dennoch schienen sie irgendwie zueinanderzupassen – der Mann und die Flöte. Verzaubert hatten sie beide.
   Doch: Warum war sie ihm in den Park gefolgt? Um ungestört sein zu können? Nie wäre sie mit einem fremden Mann in den Park abgebogen. Sie wäre einen Kaffee trinken gegangen oder durch die Stadt gelaufen. Das höchste der Gefühle wäre gewesen, dass sie sich ans Flussufer gesetzt hätte, aber auch nur, weil es gut bevölkert war und es zahlreiche Bänke gab. Ja, so hätte es in etwa ausgesehen, hätte sie einen völlig normalen Mann kennengelernt. Einem Mann mit einem seriösen Aussehen und einem ebenso seriösen Beruf, nicht einen Straßenmusiker mit Rastazöpfen und Flipflops an den Füßen.
   Und doch lief sie neben eben jenem Straßenmusiker her. Unter grünen Bäumen hindurch, und sie freute sich darüber, dass der Park nicht so gut bevölkert war. Leider erwiesen sich ihre hohen Absätze hier als noch ungeeigneter als auf dem Kopfsteinpflaster. Überhaupt passte sie nicht an diesen Ort. Zu dem Mann noch viel weniger.
   Nichtsdestotrotz genoss sie den Spaziergang ebenso wie die Ruhe, die sie umgab, auch wenn es nur die trügerische Stille des Stadtparks war und sie größtenteils auf betonierten Wegen liefen.
   »Lass uns da drüben unter die große Trauerweide setzen«, holte sie seine Stimme in die Realität zurück.
   Oder auch nicht … Doch was war eine Trauerweide? Sheila folgte seinem Blick und entdeckte den Baum mit den langen, überhängenden Zweigen am anderen Ende der Wiese. »Meine Schuhe …«
   »Zieh sie doch aus«, schlug er schmunzelnd vor.
   »Soll ich in Strümpfen laufen?«
   »Du könntest sie ebenfalls ausziehen.«
   »Und barfuß über die Wiese gehen?«
   »Genau.«
   »Super Idee!«
   »Wenn es deine Füße nicht gewohnt sind, kannst du solange meine Flipflops tragen.«
   »Und du?«
   »Ich lauf barfuß.«
   »Stört dich das nicht?«
   Er schüttelte den Kopf und ließ seine Dreadlocks fliegen. Insgeheim stand sie auf diese Zöpfe und hätte sie am liebsten angefasst, um zu wissen, wie sie sich anfühlten. Weich konnten sie wohl kaum sein.
   Wenn sie seinem Vorschlag nachkommen würde, würde sie sich voll zum Affen machen. Schuhe aus, Strümpfe aus, Flipflops an – ein optischer Traum. Aber warum sollte sie sich lächerlich machen? Die Wahrscheinlichkeit, dass ihr jemand, den sie kannte, über den Weg lief, war relativ gering.
   Abwartend blieb er stehen.
   Sheila blickte ihn nachdenklich an. »Wie heißt du überhaupt?« Schließlich konnte sie nicht mit einer wildfremden Person barfuß durch den Park laufen.
   »Jonny.«
   »Seltsamer Name.«
   »Ist eine Abkürzung.«
   Abkürzung?
   »Für was?«
   »Jonathan.« Er grinste schief, als wäre ihm sein richtiger Name peinlich. Dabei passte er eigentlich, obwohl sie sofort an eine Möwe denken musste. Aber auch eine Möwe konnte fliegen, wohin sie wollte.
   »Sheila«, stellte sie sich vor.
   »Sheila? Klingt amerikanisch.«
   »Ist es auch. Mein Vater war GI, als meine Mutter ihn kennengelernt hat. Er ist ihretwegen in Deutschland geblieben.«
   Jetzt hatte sie ihn mit ihrer halben Familiengeschichte überfallen.
   »Wollte er nicht zurück?«
   »Keine Ahnung.« Sie wusste es nicht, hatte Dad nie danach gefragt.
   »Du weißt es nicht?«
   Ihr schoss das Blut in die Wangen. Nein, sie wusste es nicht.
   »Also: Was ist nun?« Er blickte fragend zu der Weide mit den hängenden Ästen.
   »Ich weiß nicht.« Weder ihr Selbstbewusstsein noch ihre Entschlussfreudigkeit hatten eben ihre besten Augenblicke.
   »Was weiß du nicht? Ob du dich unter den Baum setzen oder die Schuhe ausziehen willst?«
   »So ungefähr.« Sie lachte.
   »Bei der Entscheidung kann ich dir leider nicht helfen. Ich könnte dich höchstens …« Er betrachtete sie abschätzend. »Über meine Schulter werfen.«
   Entsetzt starrte sie ihn an. Hatte er gescherzt? Sicher war sie sich nicht.
   »Aber dann wüsste ich nicht, wohin mit meinen Instrumenten.«
   Was für ein Glück! Wenn sie sich alles vorstellen mochte, aber nicht, dass er sie wie einen Mehlsack über seine Schulter warf. Ob er sie überhaupt tragen konnte?
   Ihr Blick glitt skeptisch über Jonnys Oberarme. Das Shirt war nicht eng, aber seine Haltung gerade. So gerade, wie sportliche Menschen sie innehatten. Auch seine Unterarme wirkten sehnig. Wahrscheinlich war er stärker, als es den Anschein hatte. Sie hatte sich einfach von seiner Art und der Frisur täuschen lassen.
   Doch: Wie sollte er an einen muskulösen Körper gelangt sein? Schließlich zog er durch die Straßen, besuchte kaum ein Sportstudio. Auch nach Proteindrinks sah er nicht aus.
   Er war ein Abenteurer. Ein verbotenes Abenteuer, das nur für sie gemacht schien, damit sie zum allerersten Mal ihren alltäglichen Trott verlassen konnte. Ein Wink des Schicksals. Solche Zufälle durfte man nicht verstreichen lassen.
   Zum Glück stand eine Bank in greifbarer Nähe. Ein weiterer Wink war das. Schließlich befand sich die Bank exakt an der Stelle, an der sie über die Wiese laufen wollten, um zu dem trauernden Baum – oder wie auch immer sich das Gewächs genannt hatte – zu gelangen.
   Sheila setzte sich vorsichtig. Die Holzbank wirkte schon ziemlich marode, und sie hatte keine Lust auf eine Laufmasche in den Seidenstrümpfen. Jonny hob fragend die Augenbraue, sagte jedoch nichts. Wahrscheinlich dachte er, sie wollte sich hier an Ort und Stelle unterhalten. Sie verkniff sich ein Schmunzeln und schlüpfte aus ihrem rechten Schuh, fasste betont lässig unter den Rock in den Spitzenbund ihres Strumpfes und zog ihn langsam herab. Okay, sie genoss die Show, die sie abzog. Das konnte sie nicht leugnen. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie Jonny. Sein Blick verdunkelte sich. Ihm gefiel offensichtlich, was er sah. Sie hatte es auch gar nicht anders erwartet, sonst wäre sie schon sehr enttäuscht gewesen. Doch nun hatte sie richtiggehend Freude an ihrer kleinen Showeinlage gefunden. Elegant streckte sie ihren Fuß und überkreuzte ihre Beine, um ebenso genüsslich mit dem zweiten Strumpf fortzufahren. Seltsam, sie hatte noch nie in der Öffentlichkeit mit so viel Hingabe ihre Strümpfe ausgezogen. Wenn sie recht überlegte, hatte sie es in der Öffentlichkeit sowieso noch nie getan. Zum Glück entschied sie sich immer für die halterlose Variante. Es gab nichts, was sie abtörnender fand als eine Strumpfhose. Schön und hässlich konnten so nah beieinanderliegen. Aber nicht nur sie, sondern auch Männer standen auf Outfits, die ihnen die Erfüllung all ihrer Träume vorgaukelten. Seltsamerweise reizte sie dieses Wissen so sehr, dass sie gewisse Kriterien stets einhielt. So trug sie nur zusammengehörende Wäsche. Niemand würde sie jemals in Schwarz und Weiß erwischen, oder in Mikrofaser gemixt mit Spitze. Auch die Strümpfe passten zur Wäsche, egal, ob sie Strapse trug oder nicht. Ansonsten gab es an Tagen, an denen ihr nicht danach war, eben keinen Rock oder Kleid. Sie mochte auch Bodys. Träume aus Spitze und viel nackte Haut. Ja, sie liebte alles, was die Schönheit ihres Körpers noch betonte. Und sie war stolz auf ihre Formen, ebenso auf ihre samtene Haut. So wie eben im Moment. Natürlich waren auch ihre Zehennägel sauber lackiert. Abgeplatzte Eckchen würde man bei ihr vergeblich suchen.
   Jonny starrte sie an. Ihre Füße, ihre Beine und ihre Schenkel, an denen der Rock schon ganz schön weit nach oben gerutscht war. Am liebsten hätte sie die Beine ein wenig gespreizt, um ihn den Anblick ihres Höschens erraten zu lassen. Aber natürlich beherrschte sie sich. Manchmal fragte sie sich jedoch, woher sie ihr leicht provozierendes Verhalten geerbt hatte. Mam war das krasse Gegenteil von ihr. Charakterlich wie auch optisch. Meist trug sie irgendwelche sportlichen Bustiers. Ebenso gehörten enge oder weite Jogginghosen zu ihrem Outfit. Immer war ihre Haut fein rasiert. Dad hätte es anders auch nicht zugelassen. Aber dann achtete ihre Mutter noch auf so diverse Kleinigkeiten, wie dass sich ihre Nippel nicht durch ein Shirt abzeichnen durften. Mam war auf solche Dinge richtiggehend fixiert. Sie dagegen störte es nicht, wenn sich ihre Knospen durch die Spitze ihres BHs drückten und dies auch durch den Stoff ihres Shirts zu sehen war. Auch über die hungrigen Blicke, die ihr dann folgten, ärgerte sie sich nicht. Mam regte sich jedes Mal darüber auf, wenn sie bei ihr solche Nippelblitzer – wie sie es nannte – bemerkte, und vor Dad durfte so ein Thema erst gar nicht erwähnt werden. Fakt war: Ihre Eltern machten beide auf extrem locker, waren es jedoch nicht.
   Jonnys Blick wollte gar nicht mehr von ihren Schenkeln weichen. Nie hätte sie gedacht, einem Typ wie ihm zu gefallen. Umgedreht traf allerdings dasselbe zu. Zöpfe konnten verdammt sexy aussehen. Auch das abenteuerliche Flair, das ihn umgab, tat seinen Teil dazu, ebenso wie die Geschmeidigkeit seiner Bewegung diesen Eindruck noch vertiefte. Wahrscheinlich war er ein super Tänzer. Und wahrscheinlich auch ein super Liebhaber … Obwohl sie sich gerade in Letzterem schon einige Male getäuscht hatte.
   Nein, sie war nicht wie Caro. Viel leiser. Sie liebte ohne großes Tamtam. Auch schleppte sie keine Typen mit nach Hause. Solange sie keine feste Beziehung hatte, hatten Männer in der Zweier-WG sowieso nichts verloren. Das hätte ihr gerade noch gefehlt, dass sie in ihren eigenen vier Wänden keine Ruhe gehabt hätte. Bei Caro dagegen kam stets jemand vorbei. Auch die Verflossenen, die dann manchmal doch nicht so verflossen waren. Ein Albtraum wäre das für sie.
   »Deine Schuhe«, sagte sie beiläufig.
   Jonny reagierte nicht.
   Sanft stupste sie ihn mit der großen Zehe an.
   »Was?« Irritiert schüttelte er den Kopf, dann grinste er schief. Doch sein Lächeln war nicht lustig, es war eine Maske, hinter der sichtbarer Appetit lag.
   Wohin würde es führen, wenn sie zusammen unter dem Baum mit seinen tief hängenden Ästen saßen?
   In ihrem Bauch kribbelte es erwartungsvoll. »Willst du mich barfuß über die Wiese laufen lassen?«
   Wieder grinste er, dann schlüpfte er aus den Flipflops.
   Nie zog sie Schuhe fremder Leute an, doch – wie sie vorhin bereits festgestellt hatte – sahen Jonnys Füße gepflegt aus, und auch die Innensohlen waren sauber, worauf sie einen sorgfältigen Blick geworfen hatte. Im Sitzen schlüpfte sie in seine Badelatschen. Die erotische Ausstrahlung war nun allerdings hin. Aber besser das, als Blasen und Kratzer an den Füßen zu bekommen.
   Nun grinste er wirklich. »Ich hätte dich doch lieber tragen sollen.«
   »Vielleicht steh ich aber nicht darauf, wenn mich Männer auf Händen tragen«, flachste sie, obwohl es eigentlich ihr Ernst war. Nichts reizte sie weniger als ein Mann, der meinte, ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen zu müssen.
   »Du hättest dich dafür revanchieren können.«
   »Wenn ich das nicht gewollt hätte?«
   »Vielleicht hätte ich dich gar nicht danach gefragt.«
   »Du meinst, das hätte ich mir gefallen lassen?«
   »Ja.«
   Wie kam er auf so eine Idee? Ganz schön selbstbewusst war er. Oder tat er nur so? Was war an ihm Fake und was echt? Erneut meldete sich ihr Bauch kribbelnd zu Wort. »Gefallen dir deine Schuhe nicht an mir?«, sagte sie, um vom Thema abzulenken.
   »Gefallen sie dir?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Beachlook eben.«
   »Beachlook steht dir nicht.«
   »Woher willst du das wissen?«
   Nachdenklich runzelte er die Stirn. »Okay. Bikini könnte ich mir schon gut vorstellen.« Sein Blick wanderte über ihren Körper.
   Prompt geschah die Sache mit ihren Brustwarzen. Sie versteiften sich just in dem Moment, als sein Blick über sie wanderte. Aber nicht nur das …
   Es war auch Jonny nicht entgangen. Wieder spielte ein kleines Lächeln um seine Lippen, das im eigentlichen Sinn keines war.
   »Ich könnte mir dich sehr gut in Badeshorts vorstellen.« Sie tat, als wäre ihr sein Blick entgangen.
   »Wirklich?«
   »Ich denke schon. Du siehst so nach Karibik, Strand, Musik und guter Laune aus.«
   »Hm. Die Gegend hat mich auch sehr geprägt.«
   »Du bist wirklich dort gewesen?«
   »Natürlich.«
   Sheila runzelte irritiert die Stirn. Logisch sah er nach Karibik aus. Schon allein wegen seiner Dreadlocks. Auch sein Gemüt passte zu dem, wie sie sich unter karibischer Gelassenheit vorstellte. Wenn da nicht die Melodie der Flöte gewesen wäre, die von einem völlig anderen Landstrich erzählte. »Und die Flöte?«
   »Wollen wir nicht erst zu dem Baum gehen?«
   Warum eigentlich? Auch hier war es schattig. Hier gab es sogar eine Bank. Eine Bank, die es unter dem Baum nicht geben würde. Dort würde sie sich in ihrem engen Rock auf die Erde oder ins Gras setzen müssen. Aber … Es gab nur ein Aber, das erwähnenswert war und den ganzen Aufwand rechtfertigte. Also begann sie den Satz noch einmal: Unter dem Baum würde sie sich mit ihrem engen Rock ins Gras oder gar auf die Erde setzen müssen, aber sie wären ungestört.
   Unter dem Vorbehalt, dass nicht sämtliche Pärchen, die ungestört sein wollten, den Baum ebenfalls entdeckt hatten.
   Sheila nickte. Sie wollte über die Wiese laufen und sich den trauernden Baum aus der Nähe ansehen. Und wenn sie es nur aus Neugierde tat. Neugierde, wie sich ein Gespräch zwischen Jonny und ihr entwickeln würde. Neugierde, um etwas über den coolen Straßenmusiker zu erfahren.
   »Na, dann los!« Schief grinste er sie an.
   Seine Flipflops waren ihr zu groß, das Laufen eine wacklige Angelegenheit. Auch hohes Gras war nicht ihr Fall, das stellte sich just in dem Moment heraus. Jonny dagegen bewegte sich mit der ihm eigenen Geschmeidigkeit vorwärts. Eigentlich brauchte er gar keine Schuhe. Auch das Gras stand seinen Schritten nicht ihm Weg, während es sich bei ihr in den Flipflops verfing.
   Sacht fasste Jonny nach ihrem Arm. Anscheinend war ihm ihr abgehackter Gang aufgefallen. Beinahe fühlte sie sich wie eine alte Frau, die man stützen musste. Sie hätten doch auf dem Weg bleiben sollen. Jetzt hatte sie ihre Rolle der Selbstsicherheit aufgegeben. Dabei war sie ihr wie auf den Leib geschneidert, und jede Abweichung davon tat ihr nicht gut.
   Ob Jonny das geahnt hatte? Sheila fragte sich das wirklich. Im Moment fühlte sie sich schutzlos, da sie nicht mehr die adrette Frau war, die sie stets darzustellen versuchte. Aber vielleicht interpretierte sie auch viel zu viel in Jonnys Verhalten hinein. Schließlich war er nur ein Straßenmusiker …
   Und? Wer sagte ihr, dass Straßenmusiker keine intelligenten Menschen sein konnten? Sie war in Klischees gefangen.
   Wirklich? Warum war sie dann mit ihm gegangen? Weil auch Klischees ihren Reiz haben konnten? Egal. Sie sollte sich auf den Moment konzentrieren und sich nicht über sämtliche Wenn und Aber den Kopf zerbrechen.
   Die Äste hingen tief. So tief, dass die Spitzen die Erde erreichten. Der Baum war ein Traum. Ein Stamm, um den sich eine Höhle gebildet hatte, deren Wände die feinen, belaubten Zweige waren. Weiches Moos bedeckte den Boden. Ab und zu streichelte ein Sonnenstrahl die Erde. Immer, wenn der Wind die Zweige bewegte.
   Stille umgab sie. Alle Geräusche klangen gedämpft, sogar das Zwitschern der Vögel. Sheila fühlte sich wie an einen unwirklichen Ort verschlagen.
   »Hier kannst du barfuß gehen.« Jonny ließ sich auf dem Boden nieder.
   Sheila befolgte seinen Rat und schlüpfte aus den zu großen Flipflops. Am liebsten hätte sie wieder ihre Pumps angezogen, aber selbst sie sah ein, dass das albern ausgesehen hätte. Schließlich konnte sie schlecht mit hohen Absätzen über das Moos laufen. Bei ihrem Glück verfingen sich noch die Absätze …
   Und da war es wieder, ihr Problem. Nie hätte sie gedacht, dass Schuhe ihr ein Gefühl der Sicherheit geben konnten, aber es war so. Die Frau mit dem schwarzen Haar, die nun barfuß unter dem Baum stand, war ihr fremd, obwohl sich das Moos gut an ihren Füßen anfühlte. Angenehm kühl war es, doch nicht wie Erde, sondern wie … Sie wusste es nicht, versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, um ihre Empfindungen zu verstehen. Sie fühlte sich wie der Baum, dessen Wurzeln in dem Boden steckten. Auch ihre Füße hatten eine Verbindung hergestellt.
   Hallo? Ging es noch? Ihre Füße hatten eine Verbindung hergestellt? Ihre Gedanken waren heute wirklich nicht normal.
   Sheila ließ sich neben Jonny zu Boden sinken, was wirklich nicht so leicht mit dem engen Rock war. Stets musste sie darauf achten, ihre Schenkel nicht zu weit zu öffnen. Sie wollte weder sittsam noch ordinär aussehen, sondern aufreizend und erotisch. Wieder wollte sie den Hunger in Jonnys Augen entdecken, den Appetit, den sie bei ihm wecken konnte. Schon strich sein Blick über ihre Schenkel, denn der hochgerutschte Rock entblößte nun doch ganz schön viel Haut. Leicht fuhr sie darüber, als würde sie sich streicheln, ließ es aber als unbewusste Geste aussehen. Dabei wusste sie genau, wie ihre samtene, leicht braune Haut auf andere wirkte, besonders auf Männer.
   Sheilas Blick fiel auf Jonnys Beine. Auch bei ihm blitzte gebräunte Haut unter der hochgekrempelten Jeans hervor. Er war kein Mann, der auf Rasur stand. Außer im Gesicht, doch selbst da wuchs ein Dreitagebart. Vielleicht auch ein paar Tage mehr. Jonny war jedoch nicht sehr behaart an seinen Beinen.
   Zum Glück, schoss es ihr durch den Kopf. Sie mochte keine zugewachsenen Männer. Selbst auf Bärte stand sie nicht unbedingt, obwohl sie zurzeit in waren.

*

Irgendwie war Jonny sicher gewesen, dass Sheila ihm folgen würde, und doch hatte er es anfänglich für unmöglich gehalten. Ganz vorsichtig war sie in seinen ihr viel zu großen Flipflops neben ihm hergestakst und hatte dabei einen Teil ihres alten Ichs zurückgelassen. Nur wenige Meter entfernt auf dem betonierten Weg. Doch erst, als der Schleier der Zweige hinter ihnen zufiel, war die Trennung perfekt gewesen.
   Verwirrt sah sie aus. Wahrscheinlich hatte sie noch nie Erde unter ihren Füßen gefühlt. Dabei sah sie aus wie eine Indianerin, und Indianer waren ein sehr naturverbundenes Volk. Aber nur die, die sich ihre Wurzeln erhalten hatten. Sheilas Wurzeln waren gekappt worden, wahrscheinlich schon bei ihrer Geburt oder noch viel früher. Doch sein Blut konnte niemand verleugnen. Der Instinkt würde immer wieder erwachen, und er tat es genau in dem Moment bei Sheila. Denn sie mochte es. Das Moos an ihrer Haut, die Zweige, die sie beschützten, und die Sonne, die sie erhellte. Sie genoss, obwohl ihr diese Wahrnehmungen fremd waren. Als Jonny sie zum ersten Mal gesehen hatte, hatte er gewusst, dass er diese Frau zu seiner machen wollte. Umso mehr Minuten verstrichen, umso mehr festigte sich dieser Wunsch. Er würde seine Finger nicht von ihr lassen können. Sie erwartete es auch nicht. Da war er sich beinahe sicher. Warum hätte sie sonst mit ihm kommen sollen? Zwar wirkten ihre Gesten beiläufig und unschuldig, aber sie waren es nicht. Es waren kleine Zeichen, die ihm sehr wohl sagten, dass sie den Mann in ihm sah.
   »Warum die Flöte, wenn du dich in der Karibik zu Hause fühlst?«
   Jonny überlegte. Nun war die Zeit für Gespräche. Alles andere würde sich weisen, sich ergeben. Er würde nicht viel dafür tun müssen. Sie würde es zulassen, aber Sheila brauchte zuerst Gespräche. Für sich, ihre Seele, ihr Wertgefühl. Er konnte das verstehen, hätte nie anders reagiert, wäre er als Frau geboren worden. Ohne Werben kein Preis. Ohne Anstrengung kein Verdienst. Ohne Mühe keine Freude.
   »Nach der Karibik bin ich zurückgekehrt.«
   »Nach Deutschland?«
   Er nickte.
   »Warum?«
   »Es gibt immer eine Zeit zu gehen und eine zum Zurückkommen.«
   »Hättest du bleiben wollen?«
   »In der Karibik?« Er schüttelte den Kopf. »Nein, meine Heimat ist hier. Ich habe mir aber Erfahrungen mitgebracht, Erinnerungen, die mich nie wieder verlassen werden. An manche Orte werde ich zurückkehren, an manche nicht.«
   »Hast du auch schlechte Erfahrungen gesammelt?«
   »Natürlich. Überall kann man schöne und weniger schöne Dinge erleben.«
   Sheila nickte. »Warum die Flöte?«, kam sie zu dem Thema zurück, dass sie am meisten interessierte.
   »Du magst ihren Klang, nicht wahr?«
   »Ich habe dein Gitarrenspiel nicht gehört.« Sie lachte. Ein Lachen, das aufgesetzt klang, ihre Seele nicht erreichte. Sheila schien daran gewohnt, es zu benutzen.
   »Musst du auch nicht. Die Flöte hat dich gerufen. Das ist die Magie dieses Instrumentes. Wenige besitzen sie. Die Flöte ist eines davon.«
   Aus großen Augen sah sie ihn an. Augen, die beinahe schwarz waren. Jonny musste an rote Felsen denken. An einen Himmel, der Türkis leuchtete. Er kannte diesen Ort, sie wahrscheinlich nicht, obwohl es ihre Wurzeln waren, die dort beheimatet waren. Und dann hatte er noch ein Problem. Ein Problem mit seiner Denkweise, denn ihr Aussehen stand in krassem Kontrast zu ihrer Art, sich zu kleiden. Immer wieder musste er zwinkern, um zu realisieren, dass sie wirklich vor ihm stand.
   »Du hast recht«, gab sie zu. »Die Klänge haben mich gerufen. Irgendwie zumindest. Ich habe sie vernommen und konnte mich ihnen nicht entziehen«, sie stockte, »aber warum ist das so?«
   Jonny überlegte, wie er die Magie der Musik am besten erklären sollte und ob die Erklärung dem nahe kam, was er einst selbst gehört hatte. »Die Flöte fängt den Wind ein, der in dem Land, in dem sie hergestellt wurde, bläst. Der Wind erzählt seine eigene Geschichte. Er weiß von der Vergangenheit und der Gegenwart. Er ist frei, streicht um die rauen Formen der Felsen, verliert sich im Himmel, legt sich auf die ausgebreiteten Flügel eines Vogels, gleitet mit ihm und lässt sich in die Tiefe fallen. Der Wind feilt die Öffnungen der Flöte. Und selbst in einem fremden Land geht er nicht verloren. Er verlässt sein geliebtes Instrument und fließt in andere Gefilde. Er ruft, er testet, er sucht. Und manchmal findet er.«
   Sheila schwieg. In ihrem Kopf arbeitete es, das war nicht zu übersehen. Würde sie verstehen? Oder verwirrt den Kopf schütteln? Waren ihr seine Worte zu fremd?
   All das konnte er nicht sagen. Damals, als er gefragt hatte, hatte er der Erklärung gelauscht und verstanden. Mit Ehrfurcht hatte er Wochen später das Instrument an sich genommen, das seine Finger gefertigt hatten, aber in dem sich der Wind eines fremden Volkes verfangen hatte.
   »Und warum mich?«
   »Vielleicht hat der Wind in dir seine Heimat erkannt.«
   »In mir?«
   »Ja.« Er durfte nicht weiter darüber nachdenken, was er erzählte. Die meisten Menschen hätten ihm einen Vogel gezeigt. Der Wind, der sich in der Flöte verfing und in Menschen deren Herkunft erkannte. Au! Das tat beinahe weh!
   Dennoch meinte er die Worte genau so, wie er sie ausgesprochen hatte, denn in der Art waren sie ihm einst gelehrt worden, und hätte er sie nicht mit Respekt behandelt, hätte er dieses Instrument nicht spielen dürfen. Das Seltsame war, dass das Gesagte bei Sheila auf fruchtbaren Boden fiel. Und das, obwohl sie sich anscheinend nie mit ihrer Herkunft beschäftigt hatte.
   »Das wäre schön.«
   »Gefällt dir die Vorstellung?«
   »Ja. Sie macht einen zu etwas Besonderem.«
   Überrascht horchte er auf. »Fühlst du dich so nicht als etwas Besonderes?«
   »Ich habe nie darüber nachgedacht.«
   »Du bist One in a Million, was bedeutet, dass du mir sofort ins Auge gestochen bist.« Bewusst nahm er der Situation einen Teil ihrer Magie. Er benutzte sie nicht, um an Frauen heranzukommen. Auch nicht, wenn Frau und Flöte zusammengehörten.
   »One in a Millionen«, sagte sie versonnen. »Vielleicht, weil du die Melodie gespielt hast, der ich gefolgt bin.«
   Sheila verblüffte ihn. Nun war sie es, die die Geschichte weiterspann. Etwas, was er nicht von ihr erwartet hätte.
   Energisch schüttelte er den Kopf. »Du wärst mir auch ohne den Zauber der Flöte aufgefallen.« Wie konnte eine starke Frau mit einmal nur so verletzlich wirken?
   »Wegen meines Outfits?«
   »Vielleicht. Vielleicht aber auch wegen deines exotischen Aussehens.«
   »Das sagt der Richtige.« Sie lachte.
   »Der Unterschied ist, du bist echt, ich nicht. Vielleicht im Herzen, aber nicht durch meine Herkunft.«
   »Es stellt sich nur die Frage, was wichtiger ist.«
   »Ich denke, dass es keine Rolle spielt, solange das Herz offen ist.«
   »Du bist wesentlich scharfsinniger, als es den Anschein hat.«
   »Danke«, entgegnete er trocken. »Magst du es, dich so zu kleiden, oder tust du es des Jobs wegen?«
   Sheila ließ ihre Hand über das Moos gleiten. »Beides. Ich arbeite in einer Bank, da ist es Pflicht, sich angemessen anzuziehen. Aber ich mag es auch. Ich steh nicht auf den Schlabberlook, und im Sportoutfit will ich ebenso wenig herumlaufen.«
   Und ganz normal? In Jeans und Shirt? Doch er sprach es nicht aus, wollte sie gern erzählen lassen. »Nein?«
   »Meine Eltern sind die sportlichen Überflieger. Dad ist es sowieso, und Mam versucht stets, ihm nachzueifern. Sie ist wohl eine der durchtrainiertesten Frauen in ihrem Alter.«
   Wieder sprach sie von ihren Eltern, die so ganz anders waren, als er sie sich vorgestellt hätte. Ebenso anders, wie Sheila es war. Er musste an eine große Mogelpackung denken, obwohl der Vergleich hinkte. »Und das gefällt dir nicht?«
   »Es wäre mir zu anstrengend. Dieses Ziel, das sie zu erreichen versucht, würde für mich kein Ziel sein. Es bedeutet mir nichts.«
   Ihm schwante, dass Sheila ganz anders war, als es den Anschein machte. Sensibler und empfindlicher. Das gefiel ihm, traf aber auch einen Nerv, den er gern ignorierte. Sensibel und empfindlich bedeutete, dass Gefühle viel zeitiger ins Spiel kamen als bei weniger emotionalen Frauen. Auch seine eigenen Gefühle sprangen wesentlich schneller auf diesen Typ an, deswegen schlug er gewöhnlich einen großen Bogen darum. Denn Gefühle konnte er sich nicht leisten, beziehungsweise waren bei seinem momentanen Lebenswandel fehl am Platz. Zwar war er heimgekehrt, weil er des Reisens müde war, aber normalerweise trieb es ihn bald wieder fort, hinaus in die Welt. Er war ruhelos wie der Wind, hatte der alte Indianer einst gesagt. Nur, wenn er eines Tages zu sich fand, würde er die Zufriedenheit erhalten, nach der er strebte. Seine Reisen wären ein Davonlaufen vor seinem Inneren.
   Natürlich hatte er nicht auf die Worte geachtet, obwohl er sie nie vergessen hatte. Schließlich wollte er die Welt kennenlernen. Und doch hatte es ihn zurückgezogen in das Land, in dem er geboren war. Allerdings nicht zu seinen Eltern …
   Jonny hob eine Hand, näherte sie Sheilas Gesicht. Ganz langsam, sodass sie Zeit zum Reagieren hatte. Doch sie hielt vollkommen still. Sacht strich er ihr über die Wange. Er zog seine Hand nicht fort, sondern beließ sie an ihrem Kinn, um den Daumen über ihre Lippen wandern zu lassen. Wie von selbst öffnete sie ihren Mund und glitt mit ihrer Zunge über seine Fingerkuppe. Ihre Augen waren groß. Groß vor Überraschung und dunkel vor Verlangen.
   Diese Frau wollte ihn mindestens genauso sehr, wie er sie wollte. Er beugte sich zu ihr hinab, berührte ihre Lippen mit seinen. Wieder war sie es, die die ihren öffnete. Ebenso wie ihre Zungenspitze spielerisch über seine Lippen glitt.
   Es war ein Angebot. Süß und zart.
   Er würde nicht Nein sagen. Mit Sicherheit nicht. Seine Zunge tastete sich in ihren Mund, neckte nun die ihre. Näher kamen sie sich. Aber er wollte mehr. Er wollte anders. Er wollte es so, weil es ihn danach verzehrte. Ihre Zerbrechlichkeit ihn herausforderte, ebenso wie ihr vermeintliches Selbstbewusstsein. Die Stärke, die sie an den Tag legte, die Show, die sie spielte.
   Doch er musste es langsam angehen lassen, völlig normal. Er musste sich erst herantasten, musste schauen, dass er sich nicht täuschte, denn er wollte nichts zerstören. Zu kostbar war sie. Deswegen musste er sich vollkommen sicher sein. Also gab er ihr das, was sie erwartete.
   Normalität. Erst dann würde er weitersehen.

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