Sara kann ihr Glück kaum fassen. Sie hat eine Reise inklusive Aufenthalt im Luxushotel gewonnen. Als sie im sonnigen Kroatien ankommt, lernt sie Mateo kennen, einen Mann, dessen dominantes Wesen sie verzaubert und verborgene wie auch verbotene Seiten in ihr zum Leben erweckt. Aber leider hat auch ein scheinbarer Hauptgewinn seine Schattenseiten. Gehört sie wirklich in eine Welt der Reichen? Ist sie tatsächlich bereit, sich von Mateo auf eine Reise in eine ihr unbekannte Welt mitzunehmen zu lassen? Und möchte sie ihre gemeinsam verbrachten Stunden nicht nur als Erfahrung in Erinnerung behalten?

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ISBN: 978-9925-33-015-7

Seiten: 176

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Sabina Tempel

Sabina Tempel ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, unter dem sie Liebesromane veröffentlicht. Müsste sie sich selbst beschreiben, würde sie Eigenschaften wie chaotisch, herzlich, aber auch impulsiv nennen. Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen, ist ihre Spezialität. Auch dem Herz folgt sie gern, manchmal lieber als dem Verstand. Sie genießt und lebt das Leben. Zum Entspannen kuschelt sie sich gern auf ihre große Ledercouch und liest ein romantisches Buch, das sie von Zeit zu Zeit auch selbst schreibt.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Wasser so klar, dass die Kieselsteinchen am Boden erkennbar sind. Ein Himmel so blau, wie er nur im Sommer ist. Sonnenstrahlen auf der Haut.
   Ich schließe meine Augen, fühle mich erwärmt, trotz der Einsamkeit, die in mir wohnt. Einsamkeit und Träume, von denen niemand weiß. Ich bin entspannt, warte ab, bin offen für das, was kommen mag. Denn manchmal, aber auch nur manchmal, lässt ein Paradies einen Traum wahr werden. Wenn das geschieht, sollte man niemals zögern und diesen Traum hinterfragen. Denn nur durch Spontanität werden Wünsche zur Realität. Genauso real wie das Rauschen des Wassers, der blaue Himmel und die Sonne auf meiner Haut.

1. Kapitel

»Ich kann nicht. Das wäre egoistisch.« Sara presste die Gabel energisch in die letzten Krümel, die sich noch auf ihrem Kuchenteller befanden.
   »Natürlich kannst du«, unterbrach Marie sie bestimmt.
   »Aber meine Mutter …«
   »Deine Mutter ist bestens versorgt.«
   »Ich kann sie nicht allein lassen, nachdem …«, widersprach Sara. Allein bei dem Gedanken an den Unfall schnürte es ihr die Kehle zu. In Zukunft würde sie auf Mam aufpassen, schauen, dass sie gut versorgt war und ihr das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Aus all diesen Gründen ging sie täglich in die Klinik. Weil sie ihre Mutter liebte und ihr schlechtes Gewissen riesengroß war, denn gestritten hatten sie sich, bevor der Unfall geschehen war. Mam hatte geweint und auf dem Heimweg die rote Ampel übersehen. Ein riesen Schock war das gewesen.
   Zum Glück ging es ihr mittlerweile besser. Nur wegen des komplizierten Beinbruches musste sie noch in der Klinik bleiben. Danach würde sie für einige Wochen eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung benötigen. Dabei hatte Sara eigentlich zurück nach England ziehen wollen. Ziemlich kurzfristig und vielleicht auch reichlich unüberlegt, aber das Angebot, das sie erhalten hatte, war zu verlockend gewesen. Auf eigenen Beinen hatte sie stehen wollen, anstatt übergangsweise zu ihrem Vater zu ziehen. Einem Vater, der England nie verlassen hatte und längst wieder verheiratet war. Mit einer anderen Frau, die komplett andere Interessen besaß und ihm sogar seine geliebte Hundezucht ausgeredet hatte.
   »Deine Mutter würde sich freuen, wenn du dir eine Auszeit gönnen würdest, bevor du dich um sie kümmern musst«, unterbrach Marie ihre Gedanken.
   Ja, das würde sie, denn sie wusste um die Gewissensbisse, die sie quälten.
   Sara legte die Gabel beiseite. Aus den Kuchenkrümeln war Mehl geworden. Ihr Blick strich über die Köpfe der wenigen Gäste, die das Café besuchten, und blieb schließlich an der Wand mit den bunten Gemälden hängen. Urlaubsmotive zeigten sie. Weißen Strand, Palmen und das Meer.
   »Wer hat schon so großes Glück und gewinnt eine Reise?«, stichelte Marie.
   Natürlich hatte Marie recht.
   Wer zog schon den Hauptgewinn?
   Sara hatte es selbst kaum glauben können. Dennoch wäre es ihr lieber, sie hätte die Reise verschenken können. Doch das war leider nicht möglich. Entweder verzichtete sie oder sie packte noch heute ihren Koffer. Eine Alternative gab es laut den Teilnahmebedingungen nicht.
   Istrien – natürlich hatte sie gegoogelt. Pinienwälder, klares Wasser und viele, garantierte Sonnenstunden. Außerdem: keine Arbeit, keine Sorgen, Entspannung pur. Schön müsste das sein.
   Der Regen prasselte gegen die Fensterscheibe. Bunte Regenschirme wölbten sich dem grauen Himmel entgegen.
   Frühling in Deutschland, dachte Sara. Nicht besser als Frühling in England.
   Unwillkürlich musste sie lächeln.
   »Du brauchst nicht zu grinsen, du Glückliche! Du kannst dich bald in der Sonne aalen.« Marie seufzte theatralisch auf. »Und ich? Ich sitze hier …« Scheinbar gequält runzelte sie die Stirn und schaute dabei demonstrativ aus dem Fenster.
   »Und genießt den Regen.« Sara lachte.
   »Wie witzig!« Marie tat beleidigt. »Fliegst du nun?«
   »Vielleicht.«
   »Vielleicht? Dann pack! Der Flieger geht morgen in aller Frühe.«
   Sara schluckte. Sollte sie wirklich? Noch nie war sie verreist. Noch nie hatte sie den Strand gesehen. Noch nicht einmal das Meer. Auch nicht, als sie in England gewohnt hatten.
   England – die ersten fünfzehn Jahre ihres Lebens. Eine schöne Zeit war es gewesen. Dad und seine Dobermänner. Überall waren Hunde herumgelaufen. Im Haus, im Hof, im Garten. Sie hatte es geliebt. Dann hatten sie gehen müssen. Sie und Mam, weil diese andere Frau eingezogen war.
   Leider war die Rente ihrer Mutter niedrig. Sie hatte in Deutschland nur für kurze Zeit in die Versicherung eingezahlt. Sara unterstützte sie, da sie relativ schnell eine feste Anstellung im Büro gefunden hatte. Doch trotz der guten Lebensbedingungen hatte es sie zurückgezogen in das Land, in dem sie aufgewachsen war. Am Tag des Unfalls hatte sie ihrer Mutter gestanden, dass sie vorhatte, ihren Job und die kleine Zweizimmerwohnung zu kündigen. Sie durfte nicht daran zurückdenken, was danach geschehen war. An die Stunden der Angst und des Bangens.
   Eine kleine Auszeit würde ihr sicherlich guttun. Alle Umzugspläne hatte sie auf Eis gelegt. Vielleicht sogar für immer, denn den Ruf des Schicksals sollte man besser nicht ignorieren. Und wenn der Unfall kein eindeutiges Signal gewesen war, dann wusste sie auch nicht …

Sara war komplett durch den Wind. In ein paar Stunden würde sie am Strand liegen, die Sonne und das warme Meer genießen. Zwar reiste sie allein, aber ihr würde schon nicht die Decke auf den Kopf fallen. Da sie sich eben erst entschieden hatte, hatte das Packen im Eilzugtempo stattfinden müssen. Ohne viel Schlaf war sie zum Flughafen gefahren. Das Einchecken, vor dem es ihr eigentlich gegraut hatte, war wie im Delirium geschehen. Doch das »In Watte gepackte Gefühl« hatte sie auch während des gesamten Fluges nicht verlassen. Selbst der Blick in die Wolken erschien ihr unwirklich. Immer wieder nickte sie ein und wurde sie durch laute Stimmen und Gelächter geweckt. Sie drangen aus dem First-Class-Bereich herüber. Nur zwei Reihen hinter der Abtrennung saß sie. Vor ihr nur noch eine Familie mit Kindern. Doch selbst das Weinen des Babys war leise im Gegensatz zu diesem durchdringenden und ordinär klingenden Lachen, das aus dem Luxusabteil herüberschallte. Sara stellte sich die dazugehörende Frau extrem schrill vor, stark geschminkt, Kunstnägel und in teure Markenklamotten gehüllt.
   Warum hatte sie es nötig, sich so unmöglich laut zu benehmen?
   Vielleicht, weil sie es sich erlauben kann, rätselte Sara. Mittlerweile wäre es ihr echt lieber gewesen, ihr Sitzplatz hätte sich nicht in der Nähe der First Class befunden. Wieder drang das Gekreische der Frau herüber. Ihre Stimme war eine einzige Katastrophe. Wahrscheinlich hatte bereits ihre Mutter schon Ohrenstöpsel tragen müssen, um die Tonart ertragen zu können. Kein normaler Mensch konnte diese Lagen auf Dauer aushalten.
   »Beruhige dich endlich«, ertönte in dem Moment eine männliche Stimme. Bestimmend, aber nicht unfreundlich. Ein samtener Unterton schwang in ihr. Angenehm, eindringlich, jedoch irgendwie befehlsgewohnt. Die Frau kicherte noch einmal kurz auf, dann verstummte sie brav.
   Endlich, fuhr es Sara durch den Kopf.
   »Haben Sie noch einen Wunsch?«, sprach die Stewardess sie an. »Wir werden in dreißig Minuten zur Landung ansetzen.«
   Sara verneinte. Wie schnell der Flug doch vergangen war! Hoffentlich würde sie sich am Flughafen zurechtfinden. Ein Bus sollte sie mit den restlichen Touristen zum Hotel bringen. So stand es in den Papieren, die man ihr mitsamt dem Ticket zugesandt hatte. Doch niemand in ihrer Reihe hatte dasselbe Hotel gebucht, sonst hätte sie sich unauffällig anschließen können. Sara wurde beinahe ein bisschen mulmig im Magen.
   »Wer hat eigentlich die ganze Zeit über so laut gekreischt?«, erkundigte sie sich einem kurzen Impuls folgend.
   Die Stewardess blickte sie fragend an. »Ich habe gearbeitet und nicht darauf geachtet. Mann oder Frau?«
   Sara fühlte sich unbehaglich. Konnte es sein, dass das Geschrei nur ihr aufgefallen war? »Eine schreckliche Frauen- und eine angenehme Männerstimme«, antwortete sie dennoch.
   »Oh, eine angenehme Männerstimme«, sagte die Stewardess versonnen. »Sie müssen sich erst einmal den dazugehörigen Mann ansehen.«
   »Schaut er gut aus?«
   »Sehr gut«, bestätigte die Frau, zwinkerte ihr freundlich zu und lief weiter.
   Automatisch holte Sara ihren kleinen Spiegel aus der Handtasche. Große blaue Augen hinter einer riesigen, unmodernen Brille blickten ihr entgegen. Die lockigen Haare hatte sie sich in der Eile zu einem Dutt geschlungen, der schief auf ihrem Kopf saß. Kein Mann dieser Welt würde sie auch nur eines Augenaufschlages würdigen, ein gut aussehender schon gar nicht.
   Warum trug sie ihre Kontaktlinsen eigentlich in der Handtasche spazieren?
   Die Brille entstellte ihr Gesicht, der Dutt machte es noch schlimmer. Doch hatte sie die Haare unmöglich offen tragen können. Zum Duschen war ihr keine Zeit geblieben. Und der Dutt, den sie sich in der Eile geschlungen hatte, würde ihre Locken, die ihr normalerweise bis auf die Brüste fielen, in zottelige Strähnen verwandelt haben. Dumm gelaufen! Aber sie war schließlich nicht hier, um einen Mann zu finden. Den brauchte sie nun wirklich nicht.
   Nur in ihren geheimsten Träumen stellte Sara es sich manchmal vor, wie schön es wäre, nicht mehr allein zu sein. Gehalten und geliebt zu werden. Aber Träume waren und blieben eben Träume. Sie war keine Traumfrau, also fand sie auch nicht ihren Traummann. Nur: Wie sollte der Mann ihrer Vorstellung eigentlich aussehen? Wie sein Charakter sein?
   Keine Ahnung.

Sara hielt ihren Koffer in der Hand und sah sich nach einer Person um, die ein Schild mit dem Namen ihres Hotels in die Höhe streckte. Doch sie konnte keine entdecken.
   Die übrigen Passagiere entfernten sich nach und nach. Sichtbar gut gelaunt strömten sie ihren Urlaubszielen entgegen.
   Und sie?
   Sie stand in der Halle, die sich langsam leerte, und hatte keine Ahnung, wohin sie gehen sollte.
   War sie die einzige Gewinnerin dieser Reise? Egal, denn es mussten weitere Touristen das Hotel gebucht haben. Vielleicht war die Reise nur ein Fake und das Hotel existierte überhaupt nicht?
   Saras Knie fühlten sich mit einmal seltsam weich an.
   Ganz ruhig, sprach sie sich Mut zu. Sie hatte zwar keine Prospekte gesehen, aber immerhin waren ihr die Flugtickets per Post zugestellt worden. Folglich musste sie nur die Augen aufhalten, und der Rest würde sich schon finden lassen.
   Doch die Halle leerte sich zusehends. Sogar der Eisverkäufer, der den Passagieren lauthals Eis angeboten hatte, war verschwunden.
   Okay.
   Sara straffte die Schultern. Sie würde die Halle verlassen und auf dem Flughafengelände nach einer Person mit dem erhofften Schild Ausschau halten.
   Zügig machte sie sich auf den Weg. Als sie die Tür öffnete, hatte sie das Gefühl, in einen warmen, weichen Mantel gehüllt zu werden. Sie blinzelte. Die Sonne strahlte von einem strahlendblauen, wolkenlosen Himmel. Tief atmete sie durch.
   Wow! Das war also Istrien!
   Sara schnupperte erwartungsvoll. Aber natürlich gab es am Flughafen keine fruchtigen Düfte. Wie auch? Sie hatte doch nicht wirklich ein Blütenmeer erwartet?
   Trotzdem war sie nach dem Regenwetter der letzten Tage binnen weniger Stunden in einem Sonnenparadies gelandet.
   Wieder blickte sie sich um und entdeckte kein Schild mit der Aufschrift ihres Hotels.
   Und nun?
   Sara hatte keine Ahnung. Unruhig lief sie über den Parkplatz. Doch alle Busfahrer, die sie fragte, hatten andere Ziele. Frustriert kehrte sie schließlich zum Haupteingang zurück. Die Sonne schaute schon nicht mehr so strahlend aus, der Himmel nicht mehr ganz so blau.
   Wäre sie doch nur daheim geblieben!
   Auch der Vorplatz wirkte schon verlassen. Nur noch ein Mini-Luxusbus parkte direkt vor dem Eingang.
   Schrilles Lachen erklang.
   Bitte nicht!
   Egal. Sie benötigte dringend Hilfe. Mit großen Schritten lief sie auf eine leicht bekleidete Frau mit Modelmaßen zu, die die grauenvollen Töne von sich gab.
   »Entschuldigen Sie bitte«, begann Sara. Sie musste nach oben blicken, da die Frau mindestens einen Meter und achtzig groß war und sie ganze zwanzig Zentimeter kleiner. Angestrengt versuchte sie, nicht auf die freizügige Bekleidung zu achten, was nicht so einfach war, denn eine ärmellose, transparente Bluse über einem knallroten BH, dazu knappste Hotpants waren nun einmal ein Hingucker. Allerdings musste sie neidlos anerkennen, dass sich die Frau diese Art der Kleidung leisten konnte, denn ihre Haut war völlig makellos und zeigte nicht die kleinste Delle.
   Die Welt war wirklich nicht fair!
   Sara fühlte sich wie ein kleines, plumpes Mädchen. Dann noch die Brille … Und der Dutt … Dabei sah sie mit den Gläsern nicht einmal besonders scharf. Wahrscheinlich schaute die Frau in Wirklichkeit noch viel besser aus.
   Oder ich habe die Makel übersehen, fuhr es ihr durch den Kopf. Beinahe musste sie grinsen, aber eben nur fast, denn Madame Superfigur ignorierte sie vollkommen.
   »Haben wir alles eingepackt?«, gurrte sie stattdessen in den Bus hinein.
   Was war das nur für eine dumme, eingebildete Tussi!
   Ein anderes Wort fiel Sara auf die Schnelle nicht ein. Mit vielem hatte sie gerechnet, aber nicht damit, wie Luft behandelt zu werden.
   »Hallo?«, wagte sie den nächsten Versuch, nun schon eine Idee lauter. Die Tussi warf ihr einen genervten Blick zu.
   »Wir spenden nichts.«
   Wir spenden nichts? Hatte die Gute noch alle Tassen im Schrank? In Saras Magen begann es gefährlich zu grummeln, wie immer, wenn sie sie wütend wurde.
   »Hallo!«, begann sie erneut. Eine ungewohnte Schärfe mischte sich in ihren Tonfall.
   »Was ist Marika?«, erklang eine männliche Stimme aus dem Inneren des Busses.
   Eine Stimme? – Die Stimme. Samtig und gleichzeitig befehlsgewohnt.
   »Hau ab!«, raunte Marika ihr zu.
   Die traute sich was! »Wer glauben Sie eigentlich, dass Sie sind?«, fuhr Sara sie an.
   »Zieh Leine, du hässlicher Vogel!«
   Das hatte gesessen!
   »Gibt es ein Problem?«, mischte sich die samtige Stimme erneut ein.
   »Ja, das gibt es«, begehrte Sara auf, bevor ihr dieses garstige Weib zuvorkommen konnte.
   »Und welches bitte?«
   »Lass doch die Pennerin!«
   »Geh in den Bus, Marika!«
   Marika bewegte sich nicht.
   »Jetzt!«, lautete der nächste Befehl.
   Und Marika schwang wahrhaftig ihren schönen Körper mit dem hässlichen Mundwerk die Stufen hinauf, um in dem Bus zu verschwinden.
   »Wie kann ich Ihnen helfen?«
   Wieder musste Sara nach oben blicken. Weiter als bei der garstigen Marika. Ein weißes Shirt, das eng über einer athletischen Figur saß.
   Sara schluckte. Nah stand er. Ob er der Mann war, von dem die Stewardess gesprochen hatte? Wahrscheinlich. Dunkler Drei- oder Siebentagebart. So genau konnte sie das mit der alten Brille, in der sie die Gläser seit zehn Jahren – schließlich trug sie normalerweise Kontaktlinsen – hatte nicht erneuern lassen, nicht erkennen. Zumindest lag ein dunkler Schatten auf seiner gebräunten Haut.
   Und die Reste einer Mahlzeit würde er wohl kaum im Gesicht tragen.
   Eine große, verspiegelte Pilotenbrille und eine Basecap vervollständigten das ultracoole Aussehen. Um seine Lippen spielte nicht der Hauch eines Lächelns. Da war sich Sara sicher. Vielleicht bildete sie sich es aber auch nur ein, da Typen mit verspiegelten Sonnenbrillen ihrer Meinung nach sie sowieso nicht anlächeln würden.
   Arrogant, war alles, was ihr spontan zu ihm einfiel. So schnell war sie mit ihren Vorurteilen … Gut aussehend, aber eingebildet. Das konnte sie sogar mit der alten Brille feststellen. Mittlerweile bereute sie es bitterlich, dass ihre Kontaktlinsen wohlverstaut in ihre Tasche ruhten, doch ihr hatte jegliche Sekunde gefehlt, sonst hätte sie noch den Flieger verpasst. Natürlich sah sie etwas verschwommen, aber in dem speziellen Fall bestimmt gut genug. Da half ihr schon ihr inneres Auge, das sich Intuition nannte, weiter, um sich das Gesicht des Mannes blühend in sämtlichen Formen und Farben der Arroganz auszumalen.
   »Ich lass mich weder von Ihrer Freundin noch von Ihnen beleidigen«, begann sie.
   Sofort hätte sie sich am liebsten die Zunge abgebissen. Wie hohl ihre Worte doch klangen! Sie hätte ihn nur kurz nach dem Hotel fragen und dann gehen sollen.
   »Ich habe nicht vor, Sie zu beleidigen.«
   Okay. Das mochte stimmen. Wieder war sie zu voreilig gewesen, denn er hatte sich ihr gegenüber äußerst höflich verhalten und sie nur gefragt, wie er ihr helfen konnte. Selten, dass es so höfliche Menschen gab. Und sie? Was hatte sie getan?
   Nichts, beruhigte sie sich. Nur gut aussehend mit arrogant auf eine Stufe gestellt. Aber davon konnte er zum Glück nichts wissen.
   Also: Neuanfang!
   »Ich habe eine Reise gewonnen«, stotterte sie. »Aber es ist niemand gekommen, um mich abzuholen.« Ihre Wortwahl war heute nicht die Beste.
   »Wohin wollen Sie denn?«
   Mist! Das hatte sie vergessen. In der Hektik hatte sie zwar Istrien gegoogelt, aber nicht den Ort. Eigentlich wusste sie nicht einmal, ob er am Meer oder im Landesinneren lag.
   »Ich suche ein Hotel«, erklärte sie deswegen, sich bewusst, wie dumm diese Aussage klingen musste. »Irgendwas mit M und zwei großen Buchstaben am Ende.« Auch das machte es sicherlich nicht besser.
   »Eine gewonnene Reise? Ah, Fitness-Holidays!«
   Fitness-Holidays? Sara verstand nicht.
   »Auf Ihrem Brief müsste My F&H stehen. F für fit und H für healthy.« Er lächelte. »Wussten Sie das etwa nicht?«
   Fit und gesund? Oh, nein! Nie in ihrem ganzen Leben hätte sie ein Sportprogramm gebucht. Schon gar nicht im Urlaub.
   Auf Erholung hatte sie sich gefreut. Eine Erholung, die sie sich mehr als verdient hatte. Und nun? Nun sollte sie ihren Körper stählen und das unter der heißen Sonne Istriens.
   »Wie es aussieht nicht«, stellte er belustigt fest. »Steigen Sie trotzdem ein!«
   Irritiert blickte Sara ihn an. Eine kurze Kopfbewegung seinerseits zur Seitenwand des Busses folgte.
   My F&H, las Sara. Ungläubig starrte sie die riesengroßen Buchstaben an, die selbst sie entziffern konnte. Sie verstand nichts mehr. Sie sollte in den Privatbus einsteigen? In dem Bus, in dem sich Leute befanden, die so überhaupt nicht zu ihr zu passen schienen. Wo war sie hier nur gelandet?

*

Mateo musterte die junge Frau mit der überdimensionalen Brille belustigt. Manchen Menschen fehlte einfach jedes Verständnis für Mode.
   Oder das nötige Geld, gestand er sich ein.
   Vielleicht konnte sich die Kleine wirklich kein moderneres Gestell leisten. Der Optiker, der sie zu diesem Rahmen überredet hatte, gehörte bestraft. Sogar Brillen zum Nulltarif schauten in der Regel besser aus.
   Okay, das wackelige Vogelnest auf ihrem Kopf hatte sie selbst verbrochen. Und die ausgebeulte Jogginghose ebenso. Die Handtasche aus Kunstleder und der alte, verblichene Koffer zeugten dagegen von wenig Geld. Irgendwie tat sie ihm leid, wie sie so hilflos vor dem Bus stand und nicht wusste, wohin. Marika hatte sich wieder einmal unmöglich benommen. Im Flugzeug und eben auch. Eine Mischung aus schrill und beinahe schon unverschämt. Immer mehr gewöhnte sie sich dieses Benehmen an, mit dem er nicht umgehen konnte und das ihn abstieß. Er verstand auch nicht, warum sie sie die Kleine so garstig behandelt hatte. Sie war weder eine optische Konkurrenz noch interessierte sich ein Mann für sie, den Marika in ihre engere Auswahl gezogen hatte. Aber Marika war eben eine Hyäne, die Menschen nach der Fülle ihres Geldbeutels behandelte. Dennoch war sie eine seiner besten Angestellten. Ihr Traumbody überzeugte sämtliche Herren davon, sich ebenfalls aktiv am Sportprogramm des Hotels zu beteiligen, rein um ihr zu gefallen. Die Damen dagegen nahmen sie gern als Vorbild, manche natürlich auch als ernst zu nehmende Konkurrenz. Da in seinen Hotels größtenteils Singles eincheckten, gab es nicht selten Probleme, was Eifersüchteleien betraf. Ein Gast wollte den anderen übertrumpfen – vom Aussehen, vom Körper, von den Kontakten und vom Geld. Marika nicht ausgenommen, obwohl sie Angestellte und kein Gast war.
   Glücklicherweise war Marika eine sehr flexible Person, was ihm äußerst gelegen kam. Auch ließ sie sich gern nackt fotografieren, wovon sie beide profitierten. Er als Künstler, sie als Model. Seine Bilder waren begehrt, ihr Körper ein grandioses Motiv. Leider besaß sie jedoch auch ihre negativen Seiten. Ihr lautes Wesen ging ihm immer häufiger auf die Nerven. Außerdem war er es leid, ständig von ihr angemacht zu werden. Zum einen wusste sie, dass er nie mehr als Freundschaft für sie empfinden würde. Zum anderen hatte Marika momentan ein Verhältnis mit Darko, der ebenfalls als Model für ihn jobbte. Warum sie dennoch an ihrer alten Gewohnheit festhielt und ihn immer noch umgarnte, verstand er nicht. Vielleicht war es nur ein lieb gewonnenes Spiel, aber das glaubte er nicht. Wahrscheinlich gefiel ihr einfach die Position, die er innehatte.
   Mateos Gedanken kehrten zu der zerrupft wirkenden Kleinen zurück, die vor ihm stand. Sie hatte gesagt, die Reise gewonnen zu haben. Aber das war nicht das Ausschlaggebende. Es hatte sich angehört, als erwartete sie, einen Hauptgewinn gezogen zu haben.
   Ob sie wusste, auf was sie sich eingelassen hatte?
   Ob sie das Kleingedruckte auf dem Gewinnannahmeformular wirklich gelesen hatte?
   Er bezweifelte es, dennoch war das nicht sein Problem. Die Leute waren selbst schuld, wenn sie erwarteten, viel für Nichts zu bekommen. Die Idee mit dem Reisegewinn war seiner Managerin in PR-Fragen eingefallen. Er war eigentlich dagegen gewesen, weil er es nicht mochte, wenn Menschen enttäuscht wurden. Außerdem gefiel ihm allein die Vorstellung nicht, wenn sie gezwungen wurden, sich zur Schau zu stellen, um andere Gäste zu diversen Programmen zu animieren. Eine Ausnahme war natürlich, wenn sie dafür bezahlt wurden. Manchmal war er überrascht, wie viele Leute so ein Tun dennoch gern in Kauf nahmen, nur um ein wenig High Society-Luft schnuppern zu dürfen.
   Wieder glitt sein Blick zu der Kleinen. Irgendwie sah sie nicht danach aus, als würde sie sich nach Glamour, Reichtum und gekünsteltem Verhalten sehnen, dazu war ihr Widerspruch viel zu heftig ausgefallen. Sie hatte sich noch nicht einmal von Marika beschimpfen lassen, vor der gewöhnlich jeder kuschte. Marika wiederum würde sich das aufmüpfige Verhalten merken und ihr mit Sicherheit unangenehme Aufgaben zuteilen. Wenn sie sich denn dazu herabließ, überhaupt mit ihr zu kommunizieren. Aber okay, für all diese Unannehmlichkeiten bekamen die Gewinner einen Aufenthalt im Luxushotel, die Möglichkeit Stars und Sternchen zu treffen und den Anfang für einen perfekten Körper. Und das alles – fast(!) – umsonst.
   »Ich will nicht bei Ihnen mitfahren«, ertönte es plötzlich unter ihm.
   Hatte er sich verhört? Nein, die Kleine visierte eisern sein Hemd an. Konnte sie nicht ihren Kopf heben und ihm in die Augen blicken? Er mochte so ein Verhalten nicht.
   »Wollen Sie laufen?«, spottete er.
   »Wie weit ist es?«, kam prompt die Antwort.
   »Fünfzig Kilometer.«
   Sie wurde bleich unter ihrer hässlichen Brille. Mit dieser Antwort hatte sie scheinbar nicht gerechnet.
   »Gibt es eine andere Möglichkeit, zu dem Hotel zu kommen?«, erkundigte sie sich höflich.
   Er schüttelte den Kopf.
   »Ich passe nicht zu Ihnen und den Leuten im Bus.«
   Nein, das tust du nicht, Kleines.
   In dem Moment war ihm klar, dass es Schwierigkeiten geben würde. Mit dem Job und ihrem Verhalten im Allgemeinen. Diese junge Frau hatte mit Sicherheit kein Interesse daran, Stars und Sternchen zu treffen, dafür hätte er seine Hand ins Feuer legen können. Sie hielt es nicht einmal nötig, sich für ihn in Pose zu werfen oder betont freundlich zu sein. Sie war einfach nur eine junge Frau, die sich darauf gefreut hatte, Urlaub zu machen und geglaubt hatte, einen Hauptgewinn gezogen zu haben.
   Ein mitleidiges Gefühl erwärmte sein Herz. Gern würde er sie vor Marikas Willkür beschützen, aber er konnte nicht auf die ganze Welt Obacht geben. So leid es ihm auch tat.
   »Überleg es dir!«, sagte er betont hart. »Wir fahren jetzt los!«
   Und wenn sie läuft?, fragte ihn sein Gewissen.
   Dann ist es ihre Entscheidung, beruhigte er es.
   »Darf ich?«
   Verwundert blickte er sie an. Sie hielt ihren Kopf mit diesem schaukelnden Vogelnest hoch erhoben und schob sich an ihm vorbei. Ohne sich kleinzumachen oder die Schultern einzuziehen. Beinahe musste er lächeln.
   »Was will die hier?«, keifte in dem Moment Marika.
   Am liebsten wäre er ihr über den Mund gefahren. Wie schrecklich überheblich sie doch sein konnte. Eines Tages würde sie ihr hohes Ross verlassen müssen. Das wusste er, und sie wusste es auch. Was hatte sie nur so extrem hochnäsig werden lassen? Auf der Straße hatte sie einst gelebt, und er hatte ihr die Chance ihres Lebens geboten. Niemand wusste davon, und er würde nie darüber reden. Dafür war sie eben eine seiner besten Angestellten. Stets loyal und dankbar für das, was er für sie getan hatte.
   »Sie ist eine von den Gewinnern«, erklärte er.
   »Ach, nee!«
   »Doch«, bestätigte er.
   Ein wenig interessiert schürzte Marika die Lippen.
   »Lass sie in Frieden! Sie hat keine Ahnung.«
   »Kann sie nicht lesen?«
   So wie du, meine Liebe, dachte er, aber er schwieg, denn er wollte Marikas Unmut nicht noch weiter zum Leben erwecken.
   »Sie ist ein gutgläubiges Mädchen«, sagte er leichthin.
   »Ein dummes, hässliches Ding.«
   Mateo widersprach nicht, obwohl ihm eine scharfe Erwiderung bereits auf der Zunge lag. Wie froh war er, wenn er endlich zu Hause war und sich um seine Tiere kümmern und die Natur genießen konnte. Er musste sich nicht um den kleinen, stolzen Trotzkopf Gedanken machen. Dafür war er nicht zuständig. Trotzdem würde er Ludmilla – seine Ersatzmama, wie er sie gern nannte – bitten, einen Blick auf die Kleine zu werfen und vorsorglich Marikas Aktionen im Auge zu behalten.
   Das war eine gute Idee!
   Beruhigt ließ er sich in den Sitz fallen, legte den Kopf in den Nacken und schloss für einen Moment die Augen.

2. Kapitel

Sara starrte die beigefarbene Decke in ihrem Hotelzimmer an. Ein großer Ventilator drehte sich über ihrem Bett. Originell sah er aus, viel schöner als eine Klimaanlage, die nur kühle Temperaturen verströmt hätte. Der Ventilator passte optisch wesentlich besser zu dem südländischen Flair. Alles hier war schön. Die Landschaft, die Wärme und die Hotelanlage. An grünen Pinienwäldern waren sie vorbeigefahren. Irgendwann hatte das Meer durch die Bäume hindurchgeschimmert. Ein Meer, in dem sich goldene Sonnenstrahlen reflektiert hatten. Ein verträumtes Fischerdorf lag ganz in der Nähe der weitläufigen Anlage und war durch eine Uferpromenade innerhalb weniger Minuten zu Fuß zu erreichen. Doch von Klubs, Bars oder Diskotheken war nichts zu sehen gewesen. Dabei hatte sie sich eigentlich nicht nur Ruhe, sondern auch ein wenig Abwechslung in Form eines pulsierenden Nachtlebens versprochen. Aber man konnte eben nicht alles haben.
   Langsam entspannte sich Sara etwas. Der Vorfall mit der arroganten Frau verlor seine Vorrangstellung in ihren Gedanken, obwohl deren nervige Stimme sie die ganze Fahrt über verfolgt hatte.
   Als sie angekommen waren, hatte sie ihren Augen kaum trauen mögen, denn auch das Hotelgebäude glich einem wahren Hauptgewinn. Nur leider besaß der Hauptgewinn einige dicke Aber.
   Erstes Aber: Die meisten Gäste gehörten der gehobenen Gesellschaft an. Einer Gesellschaft, die sehr viel Wert auf das äußere Erscheinungsbild wertzulegen schien. Bis auf ein paar ältere Männer hatte sie nur junge, sportliche und äußerst hübsche Menschen zu Gesicht bekommen, besonders die Frauen sahen aus, als wären sie diversen Modemagazinen entsprungen.
   Ihr persönliches Fazit: Hier passte sie nicht hin. Weder von ihrem finanziellen Hintergrund noch von ihrer Optik. Ein Meter sechzig Körperhöhe, dazu Kleidergröße vierzig existierte nicht in diesem Hotel. Außer vielleicht in der Küche, doch das wusste sie nicht.
   Zweites Aber: Das Gebäude war im Stil einer mediterranen Villa erbaut worden, ähnelte damit folglich keinem typischen Hotelbau, wie sie ihn kannte. Selbst der Putz an den Wänden strahlte in warmen Rottönen. Auch die Einrichtung wirkte gemütlich, aber ebenso teuer. Beim Bau waren größtenteils Naturprodukte verwendet worden. Echtholz, Granit waren nur zwei der Materialen, die sie erkannt hatte. Selbst die Tische im Speisesaal hatten aus der Ferne nach Holz und nicht nach Plastik oder Pressspan ausgesehen. Und auch ihr Zimmer sprach für sich. Terrakottafarbene Bodenfliesen, zartes Apricot an der Wand, ein Bett aus hellem Holz, das Bad ein Traum in Weiß mit einem großen geschwungenem Waschbecken und einer Dusche, in der Düsen in verschiedenen Höhen angebracht waren.
   Fazit: Exquisit und hübsch, doch nicht ihre Welt.
   Drittes Aber: Hinter dem Haus erstreckte sich eine wunderschöne Poollandschaft, die sich harmonisch in die begrünte Fläche einfügte. Doch dahinter befanden sich ein Pool für aktive Schwimmer, mehrere Tennisfelder, die Möglichkeit Volley-, sowie Basketball zu spielen und, und, und.
   Fazit: Auch nichts für sie. Sie war weder sportlich noch wollte sie es werden. Wahrscheinlich gab es im Gebäude auch ein Fitnesszentrum – sie hätte ihre Hand dafür ins Feuer legen können.
   Doch das Allerschlimmste Aber war, dass sie sich mit Antritt der Reise dazu bereit erklärt hatte, an einem persönlichen Fitnessprogramm inklusive vorgeschriebener Ernährung teilzunehmen. Sie und die anderen Gewinner würden zu Beginn und am Ende des Aufenthalts gewogen und vermessen werden. Auch mehrere Shootings im Bikini würden stattfinden, um die Fortschritte zu dokumentieren, wobei sie sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, dass es innerhalb der wenigen Tage überhaupt einen Vorher- und Nachhereffekt geben konnte.
   Der nächste Haken lautete, dass sie das Fitnessprogramm vor den anderen Gästen absolvieren mussten, um ihre Motivation sowie den erreichten Erfolg zur Schau zu stellen. Auch das Gewicht und seine Veränderung waren öffentlich einzusehen. Das konnte positiv wie auch negativ ausgehen, aber man musste auch zu der Kategorie Mensch zählen, die es nicht störte, dass jeder wusste, wie viel man wog. Ihr Fall war das bestimmt nicht. Nie hätte sie über so ein heikles Thema wie ihr Gewicht gesprochen, schon gar nicht in Relation zu ihrer Größe.
   Was sollte sie tun? Sie hatte sich auf den Deal eingelassen, weil sie zu dumm zum Lesen gewesen war. Vielleicht auch zu faul oder zu gutgläubig. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, dass ihr Gewinn die Verbesserung ihrer Fitness sowie die Stärkung ihres Körpers und nicht Erholung, Schlemmen und Spaß im sonnigen Süden bedeutete. Sie hätte kotzen können. Wortwörtlich. Aber sie wusste keinen Ausweg, denn es gab keinen. Zwar gab es die Möglichkeit, aus dem Programm auszusteigen, doch in dem Moment verfiel der kostenlose Aufenthalt im Hotel und selbst eine Pauschale für den Flug würde sie zahlen müssen. Beides konnte sie sich nicht leisten, hatte es schließlich auch nicht eingeplant. Noch dazu kam die mangelnde Auswahl an Hotels oder Pensionen in der Gegend. Auf der Hinfahrt hatte sie keine weiteren Unterkünfte entdecken können. Hier an diesem hübschen Ort waren die Reichen unter sich, was wahrscheinlich auch so gewollt war. Außer dem kleinen Fischerdorf gab es keine weiteren Orte, keine Hotels, nichts. Nichts außer Meer, Strand und unberührte Natur. Ein Traum. Eigentlich. In ihrem Fall eher ein Albtraum.
   Sara raffte sich auf. Es nutzte nichts, wenn sie im Zimmer lag, die Decke anstarrte und sich leidtat. Warme Luft wehte durch die geöffnete Balkontür herein. Eine Luft, die geschwängert vom süßen Duft farbenfroher Blüten war. In Deutschland regnete es mit Sicherheit und hier – hier schien die Sonne von einem strahlendblauen Himmel. Eigentlich war es bisschen wie im Paradies.
   Warum ließ sie sich nur von dem Drumherum so runterziehen? Was war so Furcht einflößend an reichen und berühmten Menschen? Vielleicht tat sie ihnen unrecht, gab ihnen nicht einmal die Chance, sich so zu zeigen, wie sie wirklich waren.
   Und warum nicht? – Weil sie mit Vorurteilen belastet war.
   Denn: Waren Reiche etwas Besseres? Nein.
   Waren sie schlauer? Wieder nein.
   Ihnen standen lediglich mehr Möglichkeiten offen als Normalsterblichen. Das war alles.
   Nun kam wieder der berühmte Haken: Sie würde sich vor genau diesen Menschen zum Affen machen müssen. Alle würden wissen, dass sie eben nicht genug Geld hatte, um sich so eine Reise auf dem normalen Weg leisten zu können.
   Und trotzdem: Was störten sie die Gedanken fremder Menschen? Sie würde keinen von ihnen jemals wiedersehen.
   Sara straffte die Schultern. Zwar hatte sich dieser Urlaub anders als erwartet entpuppt, aber sie sollte dennoch das Beste daraus machen, anstatt den Kopf in den Sand zu stecken. Marie hätte sich wahrscheinlich über ihre missliche Situation gekringelt vor Lachen, denn schon lange hatte sie versucht, sie zum Joggen zu überreden, nur sie hatte sich nie dazu aufraffen können. Marie würde Augen machen, wenn sie mit gestähltem Körper zurückkam.
   Wenn sie Sport doch nicht so hassen würde …
   Wenn sie über eine bessere Figur verfügen würde …
   Wenn sie …
   Fing sie schon wieder an?
   Sara schwang die Beine aus dem Bett, legte die Brille beiseite und holte stattdessen die Kontaktlinsen aus den Schalen. Gleich fühlte sie sich besser und ordentlich sehen konnte sie auch wieder. Mit einem Ruck zog sie den dicken Gummi aus ihrem Haar, der ihren Dutt zusammengehalten hatte.
   Schrecklich, stellte sie nach einem Blick in den Spiegel und damit auf ihr strähniges Haar fest. Wie hatte sie nur so verreisen können?
   Egal. Geschwind zog sie sich das Schlabbershirt über den Kopf und stieg aus der Jogginghose. Auch die Socken fanden ihren Weg auf den dreckigen Haufen. Sie würde sie in dem warmen Klima nicht benötigen. Schließlich war sie im Sommer gelandet. Wieder betrachte sie ihr Spiegelbild. Zum Glück hatte sie eine Sonnenschutzmilch mit hohem Lichtschutzfaktor von letztem Jahr zu Hause gefunden. Ihre Haut war noch nicht gebräunt und somit komplett blass. Und das im Bikini … Wieder wurde ihr flau im Magen und wieder straffte sie die Schultern.
   Bikini …
   Zu Hause trug sie stets Badeanzug. Somit hatte sie auch nur Badeanzüge im Gepäck und für alle Fälle einen Tankini, der ihre üppigen Rundungen noch besser verbarg.
   Verdammt, sie würde sich echt zum Affen machen, wenn sie im Bikini durch all die Superschlanken stolzieren sollte.
   Und?
   Nicht alle Frauen mussten mager oder gar muskulös sein. Sie war nicht fett, aber eben auch nicht ganz schlank. Kleidergröße Vierzig sagte bei ihren Ein-Meter-sechzig leider doch aus, dass es pralle Brüste, ordentliche Hüften und einen gerundeten Po gab.
   Sara streckte ihrem Spiegelbild die Zunge heraus und verschwand in der noblen Dusche.
   Das Wasser rieselte lauwarm auf sie hernieder. Die einzelnen Düsen hatte sie nicht zugeschaltet. Ihr war es im Moment nicht nach dem Zauber von Reichtum. Ihr war es nur nach ein wenig Erfrischung und dem Wunsch nach ihrem alten Selbstbewusstsein.
   Die werden Augen machen, nahm sie sich vor. Zwischen all den Hungerhaken würde sie zumindest auffallen. Es sollte noch vier weitere Gewinnerinnen geben. Die Betonung lag auf Gewinnerinnen. Seltsam, dass es allesamt Frauen waren. Wahrscheinlich konnten gerade Frauen bei sportlichen Plagereien gut unterhalten. Das vermutete sie zumindest, obwohl es auch aufs Publikum ankam.
   Doch all dies redete sie sich nur ein, denn sie hatte lediglich ein Los gezogen. Und Lose besaßen wohl kaum integrierte Fühler für männlich und weiblich.
   Erneut straffte Sara die Schultern. Insgeheim war ihr bewusst, dass sie die Schultern die nächsten Tage häufig straffen würde. Dennoch fühlte sie sich erfrischt. Nicht nur äußer-, sondern auch innerlich. Ein bisschen motivierter trat sie aus der Dusche. Das Wasser perlte von ihrer weißen Haut. Nie hatte sie sich besonders schön gefühlt, aber auch nicht hässlich. Sie hatte einfach wenig auf sich geachtet. Zu wenig wahrscheinlich. Sport war eben nicht ihre Welt, denn es machte ihr keine Freude, allein durch die Gegend zu rennen und auch nicht, mit anderen im Sportstudio zu schuften. In England war sie als Kind auf den Pferden der Nachbarn geritten, und die Hunde hatten sie zudem auf Trapp gehalten. So eine Art von Bewegung gefiel ihr, da sie unbewusst ausgeführt wurde und ihr Freude bereitete. Nicht die Bewegung an sich, aber die Tätigkeit, die sie damit verband. Richtig schlank war sie auch damals nicht gewesen. Trotz Pferden und Hunden. Sie hatte sich auch nie nach einer makellosen Figur gesehnt, denn sie war frei und ledig und nicht auf der Suche nach einem Partner. Folglich musste sie sich auch nicht herausputzen, denn eigentlich war sie mit sich zufrieden. Schon allein aus dem Grund, weil sie ein ausgeglichener Mensch war.
   So, und jetzt los!, sprach sie sich Mut zu.
   Dann würde sie sich eben zum Wiegen und Vermessen begeben. Erbärmlich waren nicht die Frauen, die dazu gezwungen wurden, sondern diejenigen, die diese Schritte vornahmen und sich so einen Schwachsinn überhaupt hatten einfallen lassen.
   Geschwind schlupfte Sara in einen dunkelblauen Slip – absichtlich verzichtete sie auf den String, den sie normalerweise trug, denn ihr war nicht nach Kommentaren über ihren Hintern zumute. Der passende BH, ein Top darüber, ihr langer, weiter Rock und Flipflops vervollständigten den luftigen Sommerlook. Das frisch gewaschene Haar schüttelte sie lediglich in Form, dann lief sie los.
   Bereits der Gang durch das noble Hotel war gewöhnungsbedürftig. Doch im Gegensatz zu vorhin genoss sie nun die Schönheit des Gebäudes. Die Menschen, die ihr über den Weg liefen, ignorierte sie größtenteils, obwohl sie nicht unfreundlich schauten. Sie war nicht hier, um Freundschaften zu knüpfen. Das redete sie sich zumindest ein, dabei war sie insgeheim nur schrecklich nervös. Die nette Dame an der Rezeption schickte sie auf ihr Anfragen in den Fitnessbereich, der im untersten Stockwerk lag. Sara verzichtete auf den Auszug und rannte beinahe die breite, geschwungene Treppe hinab. Wenn dann wollte sie das Ganze schon schnell hinter sich bringen.
   Dennoch war sie aufgeregt, als sie an das einzige Büro im Untergeschoss klopfte.
   »Ja?«
   »Sara«, antwortete sie nur.
   »Hi, Sara. Komm doch herein!« Ein Mann riss förmlich die Tür auf.
   Ein Mann? Sie schluckte.
   Er grinste sie freundlich an. »Mach dir keine Gedanken! Ich habe täglich mit jungen oder auch älteren Frauen zu tun. Außerdem laufen die Gäste oftmals fast nackt herum.«
   Die Gäste liefen nackt herum?
   Fast nackt, sie hätte besser zuhören sollen.
   Ein bisschen viel Input auf einmal.
   Dann begriff sie seine Worte. »Sie sollen unsere Maße nehmen?« Entgeistert starrte sie ihn an.
   »Halb so wild, Kleine. Wer sich einen Millionär angeln will, muss da durch«, mischte sich eine Frau um die Fünfzig ein, deren Haut an ein knuspriges Brathähnchen erinnerte und deren blondes Haar eine Idee zu viel Wasserstoff abbekommen hatten.
   »Haben Sie ebenfalls eine Reise gewonnen?«
   »Ja, wir alle hier, Kleine. Ich bin übrigens Luise und schon völlig scharf darauf, die Reichen und Schönen dieses Hotels kennenzulernen.«
   Aha …
   Sara konnte sie nur anstarren, entgegnen konnte sie nichts. Ihr waren schlicht und ergreifend die Worte im Hals stecken geblieben.
   »Hi, ich bin Eileen. Ich finde den ganzen Zirkus auch ganz schön bescheiden. Wir sollen uns vor all den Gaffern zu Idioten machen.«
   »Hast du das auch nicht gewusst?«
   »Ne, ich habe gedacht … Ach, keine Ahnung. Aber scheiß drauf. Wir rocken das Ding schon.«
   Rocken?
   Okay.
   Rocken – das passte zu Eileen. Sie war noch sehr jung. Wohl gerade erst volljährig, total flippig und – Sara atmete erleichtert auf – leicht pummelig.
   »Stört dich das nicht? Ich mein, im Bikini …«
   »Nee, warum sollte es?«
   »Ich besitz nicht mal einen.«
   »Die kriegen wir gestellt.«
   »Was?«
   »Na, die Bikinis. Und auch die Sportklamotten.«
   Das war interessant. Wahrscheinlich hatte auch diese Tatsache irgendwo im Kleingedruckten gestanden, sie hatte sie nur nicht gelesen.
   »Bist du fit?«, wechselte sie das Thema.
   »Ich?« Eileen lachte schallend auf. »Machst du Scherze? Ich doch nicht.«
   »Ist dir das trotzdem egal, wenn du vor den Gästen herumhampeln musst.«
   »Hey, wir bekommen dafür ’nen richtig geilen Urlaub geschenkt. Die reichen Knackis sollen ruhig Stielaugen bekommen und ihre alten Tussis vor Neid erblassen.«
   Sara konnte sich nur mit Mühe ein Lachen verkneifen. Eileens Deutsch war der Hammer – ehrlich und unverblümt. Der noch recht junge Mann, der sich ihre Körper betrachten sollte, schien jedoch nicht im Geringsten amüsiert von Eileens Wortwahl zu sein, denn er sah sie an, als wäre sie ein seltenes Insekt.
   »Ist was?«, fragte die just in dem Moment.
   Sara platzte laut heraus. »Wer gehört denn sonst noch zu uns?«, würgte sie unter Lachen hervor.
   »Ich.« Eine sympathische Frau um die Vierzig streckte ihr die Hand entgegen. »Petra«, stellte sie sich vor. »Ich bin nicht auf der Suche nach einem Millionär, sondern habe gedacht, der Urlaub ist eine gute Möglichkeit zum Erholen und gleichzeitig zum Abspecken.«
   »Liz.« Eine hübsche, dunkelhaarige Frau nickte ihr zu.
   »Zieh dich endlich aus, Sara!« Der Mann wedelte hektisch mit der Hand herum.
   Zieh dich aus, Sara?
   So nicht!
   Wer glaubte er denn, dass er war?
   »Wie?«, fragte sie jedoch.
   »Wie?« Er schaute sie aus seinen dunklen Augen ungläubig an, als hätte er sich entweder verhört oder hielt sie nicht für sonderlich schlau. »Wie?«, wiederholte er. »Hast du dich noch nie entkleidet?«
   In Saras Magengegend begann es gefährlich zu grummeln. Was bildete sich der Typ überhaupt ein? Sie starrte ihn wütend an, bewegte sich jedoch nicht.
   »Was schaust du denn so? Du hast einen Auftrag zu erfüllen, und es wird Zeit, dass du mit den Vorbereitungen dafür beginnst.« Es war offensichtlich, dass er von ihr genervt war.
   »Ich ziehe mich nicht vor fremden Männern aus«, würgte sie hervor.
   »Wegen Sam brauchst du dir keine Gedanken machen«, mischte sich Eileen ein. »Der schreibt nur deine Maße auf und schaut, ob dein Busen hängt, der Hintern mehr Muckis braucht und so.«
   »Nackt?«, hauchte Sara.
   »Was hast denn du gedacht?« Sam kullerte ihr nun theatralisch seine schwarzen Augen entgegen und fasste sich mit beiden Händen in sein dunkles Haar.
   Hoffentlich begann er es sich zu raufen …
   Dann hätte sie wenigstens was zum Lachen.
   »Was ist denn hier los?« Eine gepflegte, ältere Frau trat mit energischen Schritten in den Raum und klatschte in die Hände. »Gibt es Probleme?«
   »Sara mag sich nicht vermessen lassen. Sie stellt sich an«, Sam suchte nach den richtigen Worten, »wie ein Mädchen.«
   Die Frau lächelte freundlich. »So schwer?« Irgendwoher schien sie genau zu wissen, dass sie Sara war. Wahrscheinlich lag es an ihrem Gesichtsausdruck, der Bände sprach.
   Sara nickte, denn selten war sie mit so einer schweren Aufgabe konfrontiert worden. »Ich zieh mich nicht vor fremden Männern aus.« Trotzig presste sie die Lippen aufeinander. Sie hatte keine Ahnung, wie sie den Aufenthalt und den Rückflug bezahlten sollte, aber sie würde sich keinesfalls zu sehr erniedrigen lassen.
   »Das ist löblich, aber du weißt, wie die Abmachung lautet, oder?«
   »Ich habe das Kleingedruckte nicht gelesen«, gestand sie.
   »Selbst Hauptgewinne gibt es selten ganz umsonst.«
   »Ich würde ja einiges tun … Aber Ausziehen geht wirklich nicht.«
   »Weißt du was? Du kommst mit mir hinter den Vorhang und ich werde mir deinen Körper ansehen. Dann kann ich deine Maße aufnehmen, und du musst dich nicht Sam zeigen.«
   »Ludmilla! Der körperliche Befund gehört in mein Aufgabengebiet. Marika hat mich extra beauftragt, mir die Verfassung der einzelnen Frauen anzusehen, damit wir ihnen ein individuelles Programm erstellen können.«
   »Marika, Marika …«, fuhr Ludmilla ihn an. »Was interessiert mich Marika?«
   Sara atmete erleichtert auf. Diese Frau schien ganz nett zu sein. Zumindest zeigte sie Verständnis für ihre verkorkste Situation.
   Ihr Blick schweifte durch das Zimmer, das an einen Praxisraum erinnerte. Weiße Fliesen am Boden, ebenso waren Wände und Decke weiß gestrichen. Das Zimmer wurde von einer hellen Neonröhre beleuchtet. Ein Fenster gab es nicht. Beinahe fühlte sie sich wie in einem Sezierraum, fehlten nur noch die Leichen.
   »Komm mit«, riss Ludmilla sie aus ihren Gedanken. »Männer können manchmal schrecklich unsensibel sein.«
   Ohne zu zögern, folgte Sara ihr hinter den Vorhang.
   »Die meisten Frauen laufen im Hotel die größte Zeit des Tages im Bikini herum. Es ist absolut nichts Ungewöhnliches, seinen Körper zu zeigen.«
   »Ich bin es nicht gewohnt«, erklärte Sara. »Auch trage ich nie Bikinis.«
   »Warum nicht, meine Süße?«
   Sara lachte auf. »Ich habe nicht die geeignete Figur dafür.«
   »Wegen deiner Kurven? Männer stehen auf Rundungen.«
   »Mit Sicherheit nicht.«
   »Da schätzt du die Männerwelt aber vollkommen falsch ein.«
   »Wie kommen Sie auf die Idee?«
   »Ich bin einfach nur Ludmilla. Wenn du mich siezt, fühle ich mich wie eine alte Frau. Ich hoffe nicht, dass du mich als eine siehst.« Ludmilla blickte sie streng an. »Viele Männer mögen große Brüste. Natürlich große Brüste, keine operierten. Ebenso wie ein praller Hintern immer ihr Interesse weckt.«
   »Das ist mir noch nicht aufgefallen.«
   »Weil du deine Kurven versteckst und dich ihrer schämst.«
   »Ich schäme mich nicht.«
   »Wirklich nicht?«
   »Sie gehören zu mir.« Allerdings war sie schon ein wenig kleinlaut. »Außerdem hasse ich Sport«, fügte sie leise hinzu.
   »Du hasst Sport?« Ludmilla schmunzelte. »Erzähl das nur Marika nicht.«
   Marika? Wieder Marika? »Der Frau mit der lauten Stimme?«
   »Ach, ihr habt euch schon miteinander bekannt gemacht?«
   »Sie war nicht sehr freundlich.«
   »Ihr Verhalten solltest du nicht überbewerten. Sie ist zu kaum einem weiblichen Wesen besonders nett.« Ludmilla zog die Augenbrauen in die Höhe. »Slip und BH auch noch ausziehen, bitte!«
   Sara wollte Ludmillas Geduld nicht länger auf die Probe stellen und folgte ihrer Aufforderung. »Ist das wirklich nötig?«
   »Schalt deinen Kopf aus! Sam ist übrigens Arzt.«
   »Sam?« Der war Arzt? Sie glaubte es nicht!
   »Na, der Mann, vor dem du dich nicht entkleiden wolltest.«
   Wer Sam war, hatte sie natürlich mittlerweile mitbekommen, aber sie hielt es ratsamer, im Moment zu schweigen. »Oh«, war alles, was sie von sich gab.
   Ludmilla lächelte. »Jeder unserer Gäste, der an Programmen zur Gewichtsreduzierung oder Fettab- und Muskelaufbau teilnimmt, hat die Möglichkeit, Gewicht und Maße festhalten zu lassen, damit Sam beratend zur Seite stehen kann. Er überprüft auch regelmäßig Blutdruck und Puls. Selbst wenn er nicht wie typischer Arzt aussieht, er hat Medizin studiert und ist wirklich fit auf dem Gebiet.«
   Das Ausziehen und Vermessen war also keine Schikane, sondern diente sogar einem berechtigten Zweck. Sara war ihr Verhalten nun fast ein bisschen peinlich. »Oh«, sagte sie wieder und schlupfte gehorsam aus ihrer Kleidung.
   »Einen beneidenswerten Körper hast du.«
   »Ich?«
   Erlaubte sich Ludmilla einen Scherz?
   Aber die ältere Frau blickte vollkommen erst. »Deine Brüste stehen wie eine Eins. Sie hängen trotz ihrer Fülle nicht einen Millimeter. Dein Hintern ist wohlgerundet und Cellulitis ist ein Fremdwort für deine Haut. Natürlich besitzt du keinen Sixpack, aber mir persönlich gefällt eine Frau mit weniger Muskeln besser als mit zu viel.«
   »Danke«, hauchte Sara. »So etwas Schönes hat mir noch nie jemand gesagt.«
   »Nein? Dein Freund auch nicht?«
   »Ich bin Single.«
   »Dann bist du hier doch genau richtig. Hab Spaß! Sieh nicht alles zu verbissen! Du wirst eine große Konkurrenz für die Frauen in dem Hotel sein. Ein hübsches Gesicht hast du, tolle Haare noch dazu und deine Figur ist ein reiner Hingucker. Falls dich jemand beleidigen sollte, denk daran, dass manche Menschen ihrem Neid gern freien Raum lassen.«
   »Wirklich?«
   »Süße, ich wiederhole mich ungern.« Ludmilla zwinkerte ihr zu. »Und nun: Rein in den Bikini!« Sie hielt ihr einen pinken Hauch von Nichts entgegen.
   »Was?«
   Leicht genervt zog sie die Augenbrauen in die Höhe. »Gefällt dir unsere Kleidungswahl etwa nicht?«
   »Doch«, stotterte Sara und verkniff sich einen Kommentar über den pinken Hauch von Nichts.
   »Ihr werdet euch nun unter die Gäste mischen«, erklärte Ludmilla, nachdem sie hinter dem Vorhang hervorgetreten war. »Alle Kleidung, die ihr von uns gestellt bekommt, tragen die Abzeichen My F&H aufgestickt. So seid ihr für die Gäste als zum Hotel gehörend erkenntlich. Da für das Gewinnspiel Werbung gemacht worden ist, werden euch schon aus dem Grund die ein oder anderen neugierigen Blicke folgen.«
   »Ach du lieber Mist!« Der Stimme nach musste der Kommentar von Eileen gekommen sein.
   Tadelnd schnalzte Ludmilla mit Zunge. »Anziehen! Und dann möchte ich Frauen sehen, die sich ihrer Schönheit bewusst sind und keine grauen Mäuse, die versuchen, sie zu verstecken.
   »Das kann ich nicht.« Sara fühlte sich immer noch nicht als Model und würde es sicherlich auch in den nächsten Tagen nicht.
   »Dann wirst du es lernen.«
   Sara merkte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund schämte sie sich vor Ludmilla. Nun war es umgekehrt, als sie erwartet hatte. Nun musste sie sich leicht bekleidet zeigen, um ihr Gesicht zu wahren. In einer verkehrten Welt war sie gelandet.
   Der Bikini war ein Traum. Das Höschen wirklich ein Höschen und kein String, an den Seiten nicht gebunden, sondern mit einem breiten Band versehen, was bei ihren fülligeren Hüften definitiv besser aussah. Auch war der Slip relativ hoch geschnitten, was ihre Beine optisch verlängerte. Das Oberteil dagegen – ihr stockte der Atem – entblößte mehr, als dass es verbarg. Sie sah aus wie die Verführung in Person. Dazu stand ihr das Pink hervorragend.
   Ludmilla nickte zufrieden. »Und nun los! Zeigt es ihnen!«
   Sara straffte die Schultern und schlupfte in ihre Flipflops.
   »Über deine Schuhwahl werden wir uns noch unterhalten müssen.«
   Sara grinste, dann lief sie mit den anderen hinaus. Nein, sie musste sich nicht schämen.

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