Er beobachtete sie schon eine ganze Weile. Sie lief direkt auf ihn zu. Ihre Schritte waren schnell. Immer noch zu schnell, obwohl die Ruhe der goldgetränkten herbstlichen Landschaft langsam auf sie überzugehen schien. Hohes Schilf verbarg ihn. Wie schön sie doch war - auf eine süße, unschuldige Art und Weise. Brennender Hunger loderte in ihm auf. Diese Frau wollte er zu seiner machen. Sie sollte ihm gehören. Ihm allein. Er würde alles daransetzen, sie für sich zu gewinnen, auch wenn er dafür sein gesamtes verdammtes Leben würde umkrempeln müssen …

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ISBN: 978-9925-33-063-8

Seiten: 163

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Sabina Tempel

Sabina Tempel ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, unter dem sie Liebesromane veröffentlicht. Müsste sie sich selbst beschreiben, würde sie Eigenschaften wie chaotisch, herzlich, aber auch impulsiv nennen. Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen, ist ihre Spezialität. Auch dem Herz folgt sie gern, manchmal lieber als dem Verstand. Sie genießt und lebt das Leben. Zum Entspannen kuschelt sie sich gern auf ihre große Ledercouch und liest ein romantisches Buch, das sie von Zeit zu Zeit auch selbst schreibt.

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1. Kapitel

Saskia trat hinaus ins helle Sonnenlicht. Der Wind wehte gelbes Laub über ihre Schuhe. Ganze Berge davon lagen am Straßenrand. Hier in der Stadt verloren die Bäume schneller ihre Blätter als auf dem Land. Saskia liebte die Großstadt mit ihren Geräuschen und den typischen Gerüchen. Sie mochte die Fastfoodbuden, die es an fast jeder Ecke gab, ebenso wie das Hupen der Fahrzeuge. Sie mochte die Lichter, die Läden und die Betriebsamkeit. Ein Leben in der Großstadt war ihr Traum. Ein Traum, den sie sich seit Anfang des Sommers erfüllt hatte. Noch nicht einmal drei Monate lebte sie hier an ihrem Wunschort, doch war der Traum bereits wieder ausgeträumt. Eben hatte sie ihren Job gekündigt. Möglicherweise würde in den Papieren stehen, dass sie die Probezeit nicht bestanden hatte. Eigentlich war es ihr egal, wie Bernd vorhatte, ihr Gehen zu nennen. Probezeit nicht bestanden bedeutete wenigstens keine Sperre beim Arbeitsamt, aber auch das war ihr egal. Heute noch würde sie ihre Sachen packen, das WG-Zimmer kündigen und nach Hause fahren. Nach Hause zu ihren Eltern aufs Land, in ihr stickiges Dachzimmer, aus dem sie vor nicht einmal drei Monaten entflohen war. Alles hatte sich so gut angehört. Die Stelle im Callcenter mit sämtlichen Aufstiegsmöglichkeiten. Saskia hatte eine blühende Karriere vor sich gesehen. Sie, die gerade erst ihre Lehre zur Einzelhandelskauffrau abgeschlossen hatte. Im Callcenter hatte sie viel besser verdient. Alles hätte so gut laufen können. Wenn Bernd nicht sein Interesse an ihr entdeckt hätte. Bernd, das war ihr Chef. Ein Chef, der sein Sexualleben wohl zum größten Teil in seinem Unternehmen auslebte. Vielleicht hätten ihr seine Wünsche sogar gefallen. Aber nicht bei ihm. Dazu war er ihr zu widerwärtig, weil er sich nahm, ohne zu fragen. Immer mehr. Ganz zu anfangs hatte sie noch an Zufälle geglaubt. Doch die Zufälle hatten sich gehäuft und irgendwann waren es keine mehr gewesen. Bernd war dominant und suchte sich seine Gespielinnen im Büro. Ein biegsames Lineal war eines seiner Lieblingswerkzeuge, das er auf Arbeit sehr gern benutzte. Damit hätte sie noch leben können. Sie fand die Vorstellung, das biegsame Plastik auf ihrem Hintern zu fühlen, nicht unerotisch. Aber sie wollte nicht, dass Bernd dieses Lineal führte. Sie wollte weder von ihm gefickt werden noch ihm einen blasen. Von sonstigen Liebesszenen ganz zu schweigen. Er kannte kein Ende, in nichts, was er tat. Die anderen Angestellten hatten weggesehen und geschwiegen. Wahrscheinlich hatten sie sich gefreut, dass er sie mit seiner Gegenwart verschonte. Saskia war es von Woche zu Woche schlechter ergangen. Die Großstadt hatte an Farbe und Glanz verloren. Mit niemand hatte sie reden können. Sie hatte sich nicht getraut. Bernd war ein einflussreicher Mann, und ihm in den Rücken zu fallen, konnte sehr schmerzhaft werden. So war es ihm binnen kürzester Zeit gelungen, ein Netz an Angst über sie zu werfen. Aber die Angst zerfraß sie und ihr Leben. Ebenso wie Bernd selbst.
   Schließlich hatte sie ihren ganzen Mut zusammengenommen und die Kündigung eingereicht. Sie hatte geschwindelt, erzählt, dass sie aus privaten Gründen nach Hause zurückkehren musste und es ihr unsäglich leidtäte, ihn und seine Firma zu verlassen. Noch einmal hatte sie ihn ertragen, dann war sie gegangen. Zum letzten Mal hatte sich die Glastür hinter ihr geschlossen.
   Und nun schien die Sonne für sie. Nur für sie. Gelbes Laub über ihren Schuhen – bald würde sie zu Hause sein. Ihre Reise war zu Ende. Zurückkehren würde sie. Zu dem Ort, der sie beengt hatte. Von dem sie aufgebrochen war. Nie wieder wollte sie in der Großstadt leben, nie wieder von Karriere träumen. Sie gehörte nicht hierher, hatte es nur nie erkannt. Viel zu blauäugig war sie, zu gutgläubig und zu manipulierbar.
   Tief atmete Saskia durch. Frisch war es, aber die kühle Luft reinigte ihre Gedanken. Erleichtert lief sie los. Zwar würde es Wochen brauchen, um das Erlebte zu verarbeiten, aber sie hatte sich weder von Bernd unterkriegen lassen noch war sie unter seiner Führung zerbrochen. Saskia rückte den Kopf gerade. Nein, sie war keine Schönheit, nur eine ganz normale, junge Frau. Und das war gut so. In nächster Zeit wollte sie unscheinbar sein und nichts anderes.
   
   Saskia hatte ihre Sachen gepackt, das WG-Zimmer gekündigt und sich in den Zug in Richtung Heimat gesetzt. Mit jedem Kilometer, den sie sich von der Stadt entfernte, fühlte sie sich besser. Nach etwa einer Stunde fuhr der Zug in dem kleinen Bahnhof ihres Nachbarortes ein. Saskia fasste nach ihren Taschen und ging zur Tür. Ob Mam sie abholte? Schön wäre es. Sie wünschte, sie hätte sie nie verlassen.
   Gern wäre sie freudig auf den Bahnsteig gesprungen, aber die vielen Taschen hielten sie davon ab. Saskia schaute sich um. Ihre Mutter war nicht zu sehen. Hatten sie gar vergessen, mit welchem Zug sie ankam? Nein, mit Sicherheit nicht. Doch: Wo waren ihre Eltern? Bepackt wie sie war, würde sie es nicht schaffen, die zehn Kilometer in den Nachbarort zurückzulegen. Es hupte. Saskia blickte auf. Ein Fenster wurde heruntergekurbelt. Ja, gekurbelt, denn der Kleinbus war alt. Ein Arm erschien, eine winkende Hand und das lachende Gesicht ihres großen Bruders.
   »Kommst du?«
   Saskia strahlte. Nils, ihr großer Bruder.
   »Soll ich dir helfen?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe es bis hierher ja auch geschafft.«
   »Wenn du meinst.«
   Schon hatte sie ihn erreicht. Noch vor ein paar Monaten hatte sie mäkelig die Nase über das alte Auto gerümpft, heute fand sie es toll. Viel besser als den schicken Sportwagen, den Bernd gefahren hatte. Eine Tasche nach der anderen warf sie hinauf, damit Nils sie fangen konnte, bevor er sie gegen den Kopf bekam. Er lachte. Wie hatte sie dieses Lachen vermisst. Sein freundliches Gesicht und die Ruhe, die er ausstrahlte. Früher hatte er sie oft wahnsinnig gemacht. Festgefahren wie er in seinem Trott war, doch heute strahlte er nur Vertrautes aus.
   »Na, Schwesterchen, hast du es doch nicht ohne uns ausgehalten?«
   Erneut schüttelte sie den Kopf. »Ne, bin wohl doch kein Stadtmensch.«
   »Geschafft schaust du aus.«
   »Hab eben viel gearbeitet.«
   »Gearbeitet? Warst du nicht den ganzen Tag am Telefon gesessen?« Verwirrt runzelte er die Stirn. »Beim Metzger hier im Ort suchen sie eine Aushilfe. Wäre das nichts für dich?«
   Beim Metzger? Typisch Nils! Was Besseres konnte ihm nicht einfallen. Hätte es nicht wenigstens der Bäcker sein können? Nein, mit dem Metzger musste er ankommen.
   Wahrscheinlich suchte der Bäcker niemanden …
   Konnte Nils sie nicht erst einmal ankommen lassen? Nein, nicht Nils. Dazu war er viel zu praktisch veranlagt. Er wusste, dass seine Schwester nun arbeitslos war, folglich musste er sich kümmern, dass sich das schnellst möglichst änderte. Welchen Job sie dabei annahm, war ihm relativ egal. Saskia kannte ihn zu genüge, er würde den Aushilfsjob beim Metzger nicht so schnell vergessen. Nils war Brauer und fuhr zudem die Getränke der Brauerei aus. Er arbeitete schwer für sein Geld und erwartete dies leider auch von den Menschen, die ihn umgaben. Sogar seine Frau ging abends putzen, wenn er zu Hause war, um auf die beiden Kinder aufzupassen. Nils hatte in den Garten ihrer Eltern gebaut. Kein großes Haus, sondern eines das genau dem Sinn seines praktischen Denkens entsprach. Er war bodenständig, seine Frau war es und ihre Eltern sowieso. Vor all dieser Bodenständigkeit war sie davongelaufen und hatte vergessen, ihren Wert zu schätzen. Dennoch würde sie sich umstellen müssen. Schließlich hatte sie jahrelang von einem Auszug geträumt.
   Nils warf ihr noch einen Blick zu. »Die Stadt ist dir nicht gut bekommen«, murmelte er, dann startete er den Wagen.
   Die Fahrt dauerte nur wenige Minuten. Schon hatten sie ihr Elternhaus, das aus den Fünfzigern stammte, erreicht. Das Küchenfenster war geöffnet, was bedeutete, dass Mam mit Kochen beschäftigt war. Ihre Eltern hatten es bis heute nicht für nötig gehalten, einen Dunstabzug einzubauen. Schließlich gab es Fenster, die man öffnen konnte. Saskia sprang aus dem Bus. Sofort schlug ihr der Geruch nach leckerem Essen entgegen. Ihr Magen knurrte vernehmlich. Mit einmal hatte sie einen Bärenhunger.
   »Kommst du mit herein?«, fragte sie Nils.
   »Klar, wir essen alle zusammen.«
   Auch an einem Samstag?
   Das kam ihr ein wenig seltsam vor.
   Warum sagte er nicht einfach, dass sie neugierig waren, warum sie so überstürzt zurückgekehrt war?
   Erst gestern Abend hatte sie Mam angerufen und gefragt, ob es in Ordnung wäre, wenn sie wieder in ihr altes Zimmer auf dem Dachboden ziehen würde. Mam hatte kurz gestutzt, aber sofort zugestimmt. Richtig freudig hatte sie zugestimmt. Ihr hatte es nie gefallen, dass sie allein in die Großstadt gezogen war. Auch hätte sie sie lieber weiterhin im Drogeriemarkt im Nachbarort arbeiten sehen als in einem weit entfernten Callcenter. Aber Mam beherrschte sich immer, stets nahm sie sich zurück, nur um es all ihren Lieben rechtzumachen. Nie hatte Saskia so werden wollen. So gut und lieb und von allen ausgenutzt.
   Saskia verkniff sich ein Seufzen und ging ins Haus. Nein, sie musste nicht läuten. Die Tür war stets nur angelehnt, damit die Katze rein und raus konnte, wie es ihr beliebte. Außer im Winter, da rannte Mam alle paar Minuten, um nach ihr Ausschau zu halten.
   »Deckst du bitte den Tisch?«, empfing sie die Stimme ihrer Mutter. Eine Begrüßung gab es nicht. Alles war so wie immer, als wäre sie nie gegangen und die Zeit stehen geblieben.
   »Wie viele Teller?«
   »Nils, Kirsten, die Kinder, du, Pa und ich.« Mam schüttete die Nudeln in ein Sieb. »Also sieben. So wie immer.«
   »Esst ihr jetzt auch samstags zusammen?«
   »Nein.« Mam strahlte sie an. »Aber zur Feier des Tages schon.«
   Zur Feier des Tages?
   Saskia hatte plötzlich einen dicken Kloß im Hals. »Wegen mir?«
   »Wegen wem denn sonst? Ich werde jetzt jeden Mittag warm kochen. Du bist ja nur noch Haut und Knochen.«
   War sie das wirklich?
   »Nils meint, ich soll mir so schnell wie möglich eine Arbeit suchen.«
   »Meint er das?« Mam runzelte die Stirn. »Ein paar Tage Zeit wird er dir hoffentlich lassen, bevor er anfängt, dich damit zu nerven.«
   Saskia schmunzelte. Mam kannte ihren Sohn eben ganz genau.
   »Was machst du denn wieder da?« Max stand in der Tür und stemmte die Arme in die Seiten.
   »Max«, zischte Mam. »Er wollte dein Zimmer als Spielezimmer nutzen«, erklärte sie.
   Dumm gelaufen! Spielezimmer …
   Hatten ihre Eltern wirklich geglaubt, dass sie für immer in der Stadt bleiben würde? Anscheinend.
   »Und jetzt bist du wieder aufgetaucht«, stänkerte auch Lino, der seinen Bruder offensichtlich unterstützen wollte.
   »Ich hätte euch mein Zimmer sowieso nicht gegeben.«
   »Opa schon.«
   Opa schon? Fragend blickte Saskia ihre Mutter an, die ihrem Blick allerdings auswich. Ihr Vater hätte also wahrhaftig ihr Zimmer in ein Spielezimmer umgebaut. Sie war geschockt.
   »Deckst du jetzt den Tisch?«
   Saskia antwortete nicht, sondern tat, wie ihr geheißen. Binnen weniger Minuten füllte sich das Esszimmer. Ein neugieriger Blick nach dem anderen traf sie, doch niemand sprach sie direkt an. Ja, eigentlich lief die Unterhaltung völlig ohne sie ab. Hauptthema waren die Kinder, schließlich war Max heuer eingeschult worden, und Lino musste bis mittags in den Kindergarten. Für den Sankt Martinsumzug in ein paar Wochen mussten Laternen gebastelt werden. Ansonsten mussten die Gräber winterfest gemacht werden, und Nils wollte ebenfalls vor Wintereinbruch den Holzschuppen fertig gebaut haben. Alle sprachen sie vom Spätherbst und vom Winter. Hatten die schon ‚mal aus dem Fenster gesehen? Die Sonne schien von einem strahlendblauen Himmel. Auch das Laub befand sich größtenteils noch an den Bäumen und leuchtete in den schönsten Gelb- und Rottönen. Natürlich waren es keine zwanzig Grad mehr, aber fünfzehn erreichte die Sonne allemal.
   Weiter gingen die Gespräche. Saskia schaltete ab, blickte aus dem Fenster und wusste mit einem Mal, dass ihr auch die Themen ihrer Familie fremd geworden waren.
   »Ich habe Saskia gesagt, dass in der Metzgerei Aushilfen gesucht werden.«
   Saskia, Metzgerei? Sie wurde hellhörig.
   »Gib ihr noch ein paar Tage Zeit.«
   »Nils hat recht. Sie ist eine erwachsene Frau, sie muss arbeiten.«
   »Sie bekommt bestimmt Arbeitslosengeld?«
   Arbeitslosengeld? Natürlich dachte ihre Familie, dass sie die Probezeit nicht bestanden hatte. Aber ganz so war es nicht gewesen. Bernd hatte ihre schriftliche Kündigung auf dem Tisch liegen. Sollte er damit machen, was er wollte. Dann würde sie eben kein Geld bekommen. Angebettelt hatte sie ihn deswegen nicht, auch wenn er sich das erhofft hatte.
   Nicht nur erhofft, sondern erwartet hatte.
   Zum Glück waren sie nicht allein in der Firma gewesen. Sie hatte ihm förmlich die Kündigung hingeworfen und war vorsichtshalber in der Tür stehen geblieben. Er hatte schallend gelacht, gestört hatte es ihn nicht. Gern hätte er ihr noch eine letzte Lektion erteilt, doch sie hatte ihm keine Gelegenheit dazu gegeben. Wahrscheinlich hätten ihr die Kollegen nicht einmal geholfen. Sie waren daran gewohnt, dass von Zeit zu Zeit eindeutige Geräusche aus Bernds Büro drangen. Doch für sie war diese Zeit nun vorbei. Für immer.
   »Du bekommst doch Arbeitslosengeld, oder?«
   Saskia zuckte die Schultern. »Ihr entschuldigt mich. Ich würde gern ein paar Meter laufen.«
   »Du?« Nils fielen beinahe die Augen aus dem Kopf. »Wohin denn?«
   Wohin? Das wusste sie auch nicht so genau. Früher war sie nie spazieren gegangen. Aber sie brauchte ein paar Minuten Ruhe.
   »Ich habe die Natur vermisst.«
   »Du hast was?«
   »Tja. Ist eben so.«
   »Was ist nun mit dem Arbeitslosengeld?«
   »Ich weiß es nicht.« Saskia stand auf.
   »Wie? Du weißt es nicht?«
   »Ich habe gekündigt.«
   »Was hast du getan?«
   Alle starrten sie an.
   »Ich habe gekündigt«, sagte sie mit fester Stimme. »Und jetzt gehe ich spazieren.«
   »Was ist denn mit Saskia los?«
   »Was mit ihr los ist? Sie ist total verrückt, wenn sie von sich aus gekündigt hat.«
   »Lasst sie doch erst einmal in Frieden. Sie schaut geschafft aus.«
   »Hat wahrscheinlich die Nächte durchgemacht.«
   Die Stimmen wurden leiser. Saskia trat vor die Haustür. Die Haustür, die stets für die Katze offen blieb. Geblendet schloss sie die Augen und atmete die angenehme Herbstluft ein. Sie wusste nicht, wohin, aber bei ihrer Familie am Mittagstisch würde sie nicht sitzen bleiben. So viele Fragen, Neugierde und leider auch versteckte Vorwürfe. Versteckte Vorwürfe? Die waren nicht wirklich versteckt gewesen.
   Dabei wussten sie alle doch gar nicht … Sie würden es auch nie erfahren …
   Sie würden ihr die Schuld geben. Mit Sicherheit würden sie. Und nein, darauf hatte sie keine Lust. Sie brauchte einen Neuanfang. Ganz klein. Irgendwo. Vielleicht hatte Nils mit seiner dummen Metzgerei sogar recht. Sie durfte keine Ansprüche stellen. Die Zeiten waren vorbei.
   Schwachsinn, schalt sie sich selbst.
   Sie hatte viel erlebt, nun musste sie das Erlebte verarbeiten und das Beste aus ihrem Leben machen. Den Kopf in den Sand stecken, war das Letzte, was ihr guttun würde.
   Saskia lief aus dem Dorf hinaus, über die Wiesen und die abgeernteten Felder. Vertraut war ihr die Landschaft, obwohl sie nie spazieren gegangen war. Weiter lief sie. Hell brach sich das Sonnenlicht in dem klaren Wasser der Fischweiher. Schön waren sie wie kleine Seen. Friedlich glitzerte das Wasser, während sich das Schilf im leichten Luftzug bewegte. Saskia blieb stehen. Sie bereute es, ihr Handy nicht mitgenommen zu haben. Hinter den Weihern erstreckten sich lange Wälder, die in den wärmsten Farben leuchteten. Ein Motiv, wie Maler es verewigten.
   Langsam wurde sie ruhiger. Der Stress fiel von ihr ab. Ebenso die Hilflosigkeit, die eben am elterlichen Mittagstisch erneut nach ihr gegriffen hatte. Vor drei Monaten war sie mit einem Kopf voller Pläne ausgezogen. Eine selbstbewusste, junge Frau war sie gewesen und das, was zurückgekommen war, war ein Schatten ihrer selbst. Einst hatte sie ein Urvertrauen besessen und an das Gute im Menschen geglaubt.
   Ob sie es jemals wieder lernen würde, zu vertrauen?
   Erst einmal sich selbst. Alles andere würde sich geben. Sie brauchte die Freude zurück. Eine Freude, die ihr die Schönheit der Natur schenken konnte. Wieder bewegte sich das Schilf leicht im Wind.
   Im Wind?
   Die Luft stand still.
   Was war da im Schilf?
   Neugierig lief Saskia näher.

*

Lars kniete am Boden. Die nächsten Tage würde er mit dem Ablassen des kleinsten Weihers beginnen und ihn abfischen. Jetzt war die geeignete Jahreszeit dafür. Wahrscheinlich half ihm der hiesige Angelverein dabei. Ein Großteil der Fische würde über den Winter in der extra dafür gebauten Halle am Waldrand untergebracht werden, in der zahlreiche Becken vorhanden waren. Natürlich würden auch Fische an Restaurants verkauft werden. Schließlich war im Winter Fisch- und besonders Karpfenzeit.
   Lars strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. An den kurzen Schnitt hatte er sich immer noch nicht gewöhnt, dabei hatte er sich vielen Zwängen unterworfen, seitdem er sich wieder auf freiem Boden befand. Zu sehr hatte er es genossen und zu sehr sein Leben in geregelte Bahnen lenken wollen. In der Großstadt hatte er nicht bleiben können. Es hätte ihn nur zu seinen alten Kumpels zurückgezogen. Unter ihnen hatte er gute Freunde gefunden. Bessere als in der Welt, die die Leute als normal empfanden. Aber dann wäre er mit Vergangenheit konfrontiert worden. Eine Vergangenheit, vor der er davonlief.
   Lars hatte die junge Frau schon von Weitem kommen sehen. Dunkelblondes Haar, das ihr halblang bis auf den Rücken hing. Eine schlanke Gestalt, fast schon ein wenig zu dünn. Eine Frau, wie es Tausende gab. Und doch zog sie seinen Blick magisch an. Es war ihre Art, sich zu bewegen. Sie lief viel zu schnell, zu abgehackt, wandte den Kopf von rechts nach links, um sich erneut umzuschauen. Ihr fehlte jegliche Ruhe, obwohl sie eben diese zu suchen schien. Ein gestresstes Stadtmädchen, das es aus irgendeinem Grund in ein winziges Dorf verschlagen hatte. Wahrscheinlich versuchte sie, sich hier zu erholen.
   Zu erholen? In dem Alter?
   Sie wirkte jung. Vielleicht Anfang zwanzig. Jung und unverdorben. Er stand eben auf diesen Typ Frau nicht. Er zog eine gewisse Reife vor. In jeder Beziehung, egal, ob es um den Charakter oder um Sex ging. Unerfahrene Frauen fasste er in der Regel nicht an. Viel zu anstrengend war ihm das.
   Doch so war das nicht immer gewesen …
   Warum dachte er gerade jetzt an Sex?
   Lange hatte er enthaltsam gelebt, es hatte ihn nicht gestört. Er hatte sich auf den Fischfang konzentriert, auf ein Leben in der Natur und Einsamkeit. Das völlige Gegenteil von dem, wie er es einst geführt hatte. Den Menschen ging er zumeist aus dem Weg. Außer denen, mit denen er wegen seines Lebensunterhaltes verkehren musste. Okay, manchmal bekam er noch Besuch. Von Ramona, die ihn daran erinnerte, dass er ein Mann war.
   Die Tage verstrichen, ohne, dass etwas Aufregendes geschah. Einer reihte sich an den anderen. Es störte ihn nicht. Er las nicht, er sah kein fern. Er lebte, so wie andere nicht hätten leben können. Sein Bruder Fynn sagte stets, dass er eines Tages als verschrobener Einsiedler enden würde. Vielleicht hatte er recht, aber auch das störte ihn nicht. Er hätte im Gasthaus arbeiten können. Oder die Fischaufzuchtstation leiten, doch all das wollte er nicht. Zumindest noch nicht. Er hatte sich freiwillig zurückgezogen. Fynn und auch seine Eltern hatten ihn vor ein paar Monaten aufgefangen und ihm einen Neuanfang ermöglicht. In seinen Augen hatten sie das perfekt getan. Nur in ihren nicht, denn ihre Vorstellung war eine andere als seine. Auch wenn sie es ihm nicht glaubten, er war zufrieden mit dem Leben, wie er es momentan führte. Manchmal sogar fast schon glücklich.
   Erneut fiel sein Blick auf die Frau. Wieder konnte er ihn nicht abwenden. Sie strahlte Kummer aus. Oder Sorgen. Sie war nicht der Typ, der stundenlang spazieren oder gar joggen ging. Es hatte sie hierherverschlagen, weil sie ihre Ruhe haben wollte oder sie vor irgendetwas davongelaufen war. Nun blieb sie stehen, schaute zu ihm herüber. Wahrscheinlich ließ sie die Schönheit der Landschaft auf sich wirken. Wahrscheinlich bemerkte sie das Glitzern des Wassers, die Sonnenstrahlen, die sich darin spiegelten und den Wald, der in den schönsten Farben leuchtete. Vielleicht sog sie die reine Frische der Herbstluft in ihre Lungen und begann, sich langsam zu entspannen. Doch schon setzte sie sich wieder in Bewegung. Immer noch lief sie zu schnell, zu abgehackt. Sie stolperte, strauchelte und fiel.
   Lars starrte an die Stelle, an der sie eben noch gestanden hatte. Sie war leer, das Gras noch hoch und ungemäht. Er wartete. Warum stand sie nicht auf? Hatte sie sich verletzt?
   Eigentlich konnte es ihm egal sein. Tausendprozentig hatte sie ein Handy dabei und konnte jemand anrufen, der ihr half oder sie abholte. Er hatte keinen Nerv, sie kennenzulernen. Sie hatte etwas an sich, das ihn anzog. Genau aus diesem Grund sollte er ihr besser aus dem Weg gehen. Nur ein einziges Mal in seinem Leben hatte er so eine Verbindung zu einer Frau gespürt. Eine Verbundenheit, ohne sie zu kennen. Nie wieder wollte er so jemanden kennenlernen. Folglich musste sie sich um sich selbst sorgen.
   Lars schaute über den Weiher, doch schon irrte sein Blick zurück. Zurück ins hohe Gras. Immer noch nichts. Weggeflogen konnte sie kaum sein. Also musste sie sich verletzt haben.
   Steh schon endlich auf, Kleine!
   Aber sie tat ihm den Gefallen nicht. Lars runzelte die Stirn. Er wollte nicht nachsehen, aber er konnte es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren, sie liegenzulassen. Noch kurz würde er warten. Aber auf was?
   Lars richtete sich auf, teilte das Schilf und lief langsam über die Wiese. Schon sah er ihren dunkelblonden Schopf, der sich fast perfekt in den Hintergrund einfügte. Sie hielt die Knie umfasst und den Kopf darin verborgen. Ihre Schultern bebten. Sie weinte. Sie weinte aber nicht nur, weil sie hingefallen war, sondern auch aus Kummer. Lars wusste es und er wusste ebenso, dass das einzig Richtige, was er tun konnte, umkehren war.
   Aber so war er nicht erzogen worden.
   Davonrennen war früher nicht seine Stärke gewesen.
   Er räusperte sich. »Bist du in Ordnung?«
   Sie zuckte zusammen. Ihr Kopf schnellte nach oben. Entsetzt riss sie die Augen auf. So etwas wie Angst huschte über ihr Gesicht.
   »Schhhhht«, machte er beruhigend.
   »Ich bin im Gras hängen geblieben.«
   Sie war hängen geblieben? Wie hatte sie das nur geschafft? Sein Blick fiel auf ihre Füße. Fast hätte er grinsen müssen. Sie trug lediglich ein Paar Plastikschlappen. In dem Fall leuchtete es ihm ein, dass sie sich im Gras verfangen hatte. Wie überstürzt musste sie aufgebrochen sein. Trotz des Sonnenscheins war es kein Wetter für Schlappen mehr. Schon gar nicht außerhalb eines Gartens. Vielleicht hatte sie sich wegen ihres Schuhwerks so steif bewegt. Nein, dazu war sie zu schnell gewesen.
   »Und bist gestolpert«, stellte er fest. Über die Tränenspuren auf ihren Wangen verlor er kein Wort.
   Sie nickte. »Ich kann meinen Knöchel nicht mehr richtig bewegen.«
   Hilflos saß sie unter ihm. Sein Beschützerinstinkt reagierte sofort. Er hasste sich dafür. Er wollte das nicht.
   »Hast du dein Handy dabei, damit dich jemand abholen kann?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Nein«, kam es kläglich aus ihrem Mund.
   Nein? Wer lief denn heutzutage ohne Handy herum? Normalerweise niemand. Außer ihm.
   Er ging in die Hocke und fasste vorsichtig nach ihrem Fuß. Schon die leichte Berührung ließ sie zusammenzucken. »Das bringt nichts. Du schaffst es nie allein zurück zum Dorf.«
   »Und jetzt?« Wieder schimmerten Tränen in ihren Augen.
   »Jetzt?« Er überlegte. »Jetzt werde ich dich mit zu meiner Hütte nehmen. Dort kann ich deinen Fuß bandagieren und du kannst jemanden anrufen, der dich abholt.«
   Verdammt, er wollte sie nicht kennenlernen und zu seiner Hütte wollte er sie schon gar nicht mitnehmen. Doch blieb ihm eine Wahl? Nein.
   »Zu deiner Hütte?« Die Angst in ihrer Stimme war unüberhörbar.
   Hier stimmte etwas nicht. Er konnte es förmlich spüren. Ihr Misstrauen war zu groß. Sie musste gravierend schlechte Erfahrungen gesammelt haben.
   »Hast du eine bessere Idee?«
   »Du hast auch kein Handy dabei?« Auch sie schien ihm nicht so recht glauben zu wollen. Schließlich bewegte sich niemand mehr aus dem Haus, ohne ein Smartphone bei sich zu tragen.
   »Nein, ich benutze es nur selten.« Lars wusste, dass er mit dieser Aussage nicht unbedingt zu ihrem Wohlgefühl beitrug, aber es war nun einmal die Wahrheit.
   »Wo ist deine Hütte?« Sie stutzte. »Hütte? Warum eigentlich Hütte?«
   »Ich lebe dort, solange ich mich um die Fische kümmere.«
   »Fische?« Ihr Gesichtsausdruck war ein einziges Fragezeichen.
   »Ja, Fische«, schmunzelte er. »Ich bin für den Fischbestand in diesen Weihern zuständig.«
   »Echt?«
   Er nickte.
   »Du tötest sie?«
   Oh, nein … Eine Frau, die Probleme mit dem Fischfang und der Jagd hatte, hatte ihm zu seinem Glück noch gefehlt.
   »Ein paar«, antwortete er wage.
   »Nicht alle?«
   »Was soll ich mit einem Weiher voll toter Fische?«
   »Werden die nicht auf irgendwelche Märkte gebracht?«
   »Ein kleiner Teil ist für den Verzehr bestimmt.«
   »Nicht alle?«
   »Auch Fische sollen eine bestimmte Größe erreichen, bevor sie verspeist werden.«
   Deutlicher ging es nicht …
   »Und der Rest?«
   »Wenn wir den Weiher ablassen, überwintern viele in verschiedenen Becken.«
   »Versteh ich nicht.«
   Das war ihm klar. »Wir verkaufen nicht nur tote Fische.«
   Ihr Gesicht sah erneut wie ein einziges Fragezeichen aus. Aber bei aller Geduld, er hatte keinen Nerv ihr die Pros und Kontras der Fischzucht zu erklären. Verstehen würde sie es sowieso nicht. Ganz einfach aus dem Grund, weil sie nicht der richtige Typ dafür war. Ein Fisch war und blieb aber eben nun einmal ein Fisch. Er war ein wichtiges Teil des Planeten. Ein Warnsystem, wenn die Gewässer zu verschmutzt waren. Die Weiher hier hatten Bachzufluss. Ein nicht unerheblicher Faktor. War das Bachwasser nicht sauber, starben die Fische. Eine Tatsache, die die Menschen aufhorchen lassen sollte. Doch wer interessierte sich schon dafür? Die wenigsten. Fische gab es frisch und teuer in diversen Gaststätten. Die meisten Leute kannten sie allerdings als Tiefkühlprodukt oder aus der Dose, oftmals auch paniert und auf jeden Fall grätenfrei.
   Die Frau schaute nicht so aus, als wenn sie ihm glauben würde. Wahrscheinlich hielt sie ihn für einen herzlosen Fischmetzger. Und irgendwie hatte sie sogar recht. Er liebte Fisch, auch zum Essen. Und er hatte null Probleme damit, ihm das Leben zu nehmen und ihn zuzubereiten.
   »Was ist nun?« Betont forsch ließ er seine Stimme klingen. Sie besaß ein zartes Gesicht mit großen graublauen Augen. Ein Gesicht, das perfekt zu ihrem weichen Wesen passte. All das reizte ihn, weckte das Gefühl ihn ihm, sie beschützen zu wollen und ließ ihn vermuten, dass sie sich nach jemandem wie ihn sehnte. Er hatte einen Riecher für so etwas. Wie sie so unter ihm saß, wurde das Gefühl noch verstärkt und es fiel ihm schwer, Vorstellung und Realität voneinander zu trennen. Doch nie wieder wollte er in so eine Situation geraten. Er hatte einmal verloren. Dieser Verlust hatte eine Lücke in sein Leben gerissen, die immer noch nicht geschlossen war und sich wahrscheinlich nie wieder gänzlich schließen ließ. Nicht umsonst war er in die Einöde geflüchtet. Denn nie hatte er mit so einer Versuchung konfrontiert werden wollen.
   Die Augen der Frau weiteten sich. »Oder willst du dein Handy holen? Ich könnte dir auch die Telefonnummer meiner Eltern geben. Mein Bruder würde mich sicherlich gleich abholen.«
   Das hätte sie wohl gern. Dass er zurückrannte und sie einfach so gehen ließ.
   Aber: War es nicht genau das, was auch er wollte? Sie so schnell wie möglich wieder loswerden?
   Leicht verärgert verzog er das Gesicht.
   »Ich würde natürlich auch mitkommen«, stotterte sie, »aber dann müsstest du mich stützen.«
   »Kein Problem.« Kein Problem? Er hatte doch nicht mehr alle Tassen im Schrank. »Willst du versuchen, aufzustehen?« Was redete er nur?
   Sie nickte. »Ist es weit?«
   »Wir müssen den Natursteg zwischen den Weihern hindurchlaufen. Es gibt aber auch eine Zufahrt durch den Wald. Dein Bruder kann mit dem Auto bis zur Hütte fahren.«
   Wieder nickte sie. »Es tut mir leid«, sagte sie leise.
   Es tat ihr leid? Was tat ihr leid? Dass sie gestürzt war?
   Am liebsten hätte er über ihr aschfarbenes Haar gestrichen, aber natürlich beherrschte er sich. Stattdessen griff er nach ihrer Hand und zog sie vorsichtig auf die Beine. Sie schwankte, belastete den rechten Fuß nicht und kippte förmlich gegen seine Brust. Ein weicher Geruch stieg ihm in die Nase. Er mochte es. Sanft fasste er nach ihren Schultern, doch ihr Gesicht wollte sich nicht wirklich von seiner Brust entfernen. Ein paar Sekunden, die sie sich zu lange Zeit ließ, um die nötige Distanz wiederherzustellen. Erneut schien es, als würde eine unsichtbare Leitung zwischen ihnen bestehen. Auch sie fühlte sich in seiner Gegenwart wohl, war sogar von ihm angezogen.
   Uff.
   Er schob sie mehr von sich, als dass sie sich vollständig aufrichtete.
   »Geht’s?«
   Sie blickte zu ihm empor. Ein verwirrter Ausdruck lag in ihren Zügen.
   »Was?«
   So ganz bei der Sache war sie nicht …
   »Was macht dein Fuß?«
   Vorsichtig belastete sie ihn und zuckte sofort zusammen. Hilfreich griff er zu, hielt sie fest.
   Es wäre gelogen, wenn er behauptet hätte, dass es ihm nicht gefiel.
   »Soll ich dich tragen?«
   Ungläubig blickte sie ihn an.
   »Wenn du nicht laufen kannst«, erklärte er.
   »Ich werde hüpfen.«
   Hüpfen? Wie weit stellte sie sich vor, dass sie sich hüpfend fortbewegen konnte?
   Er schüttelte den Kopf.
   »Wenn du mich stützt, wird das schon gehen.«
   Okay. Er würde sie nicht nur stützen, er würde sie halten. Doch dafür würde er sie in seine Arme nehmen müssen.
   Ja oder nein? Er war hin- und hergerissen. Fortrennen hätte er müssen, aber er konnte es nicht.
   Folglich trat er neben sie und fasste sie so, dass er ihr Gewicht spürte. Stocksteif stand sie da.
   Ha … Nun hatte auch sie ein Problem.
   »Du wirst dich an mir festhalten müssen«, erinnerte er sie.
   Ihre Muskulatur wurde weicher, als sie zaghaft ihren Arm um seine Taille schlang.
   »So ist gut«, lobte er.
   Sofort lehnte ihr Kopf wieder an seiner Seite.
   Sie handelte instinktiv. In dem Moment, als ihr seine Nähe zu deutlich bewusst wurde, zog sie sich zurück, dabei sehnte sie sich nach Wärme und Geborgenheit.
   Wie gut sich das anfühlte, sie zu halten. So unglaublich gut.
   Schritt für Schritt und Meter für Meter legten sie den Weg zu seiner Hütte zurück. Zwischen dem Schilf liefen sie hindurch. Er hielt sie, und sie vertraute sich seiner Führung an.
   Die Sonnenstrahlen malten gleißendhelle Kreise auf das Wasser, das sich nur leicht bewegte. Ab und zu trieb ein buntes Blatt an ihnen vorbei. Ob sie all diese Schönheit wahrnahm?
   Er hoffte es. Aus einem ihm unerfindlichen Grund hoffte er es.

2. Kapitel

Saskia hatte nicht bemerkt, wie sie sich in dem hohen Gras verfangen hatte. Es hatte ihr förmlich den Boden unter den Füßen weggezogen. Unsanft war sie auf ihrem Hintern gelandet. Ihr Knöchel hatte sich bei dem Sturz seltsam verdreht. Wahrscheinlich, weil der Fuß noch festgehangen hatte. Nun pochte der Schmerz heiß in ihrem Gelenk, sobald sie es bewegte.
   Der Sturz passte zu ihrer Pechsträhne. Alles ging nur noch schief. Sogar das Gras schien sich gegen sie verschworen zu haben. Wen brachte es schon sonst zu Fall? Zumindest niemanden, den sie kannte.
   Saskia saß am Boden. Am Boden – so wie sie sich fühlte. Ein Schluchzen löste sich aus ihrer Kehle. Mit einem Mal brannten die Tränen in ihren Augen. Schon liefen sie warm über ihre Wangen. Sie fasste nach ihren Knien und bettete ihren Kopf darauf. Schön war die Natur, doch selbst hier kam sie nicht zurecht. Erneut schluchzte sie. Die ganze Welt sah nur noch schwarz aus. Nichts mehr hatte sie, nicht einmal mehr Träume. Was waren auch schon Träume? Mittlerweile hatte sie begriffen, dass die Realität anders aussah als in der Vorstellung und Träume sich in Albträume verwandeln konnten.
   Nun war sie nach Hause zurückgekehrt, doch auch ihre Familie war ihr fremd geworden. Sie konnte den gewohnten Trott und den kleinen Blickwinkel nicht mehr so einfach akzeptieren. Früher hatte sie die Engstirnigkeit genervt, jetzt machte sie sie eher hilflos, und sie wusste, dass sie ihrer Familie niemals von ihren gescheiterten Träumen erzählen konnte.
   »Bist du in Ordnung?«
   Saskia zuckte zusammen. Ein Mann stand vor ihr. Sie hatte ihn nicht kommen hören.
   Oh, nein. Sie war mutterseelenallein im Nirgendwo.
   Ihr Herz klopfte wie verrückt.
   »Schhhht«, machte er.
   Saskia lugte zu ihm empor. Jung war er. Nicht viel älter als sie. Und doch lag ein seltsam bitterer Zug um seine Lippen, der seine Jugendlichkeit Lügen schrieb. Eigentlich war er hübsch. So ein Typ, auf den die Mädels standen. Dunkles, verstrubbeltes Haar und – sie überlegte – etwas, das an einen Rebellen erinnerte.
   Einen Rebellen?
   Fast hätte sie zwischen ihren Tränen schmunzeln müssen. Wahrheitsgemäß erklärte sie ihm, warum sie im Gras saß. Es war ihr egal, was er davon dachte und ob er sie für tollpatschig hielt. Allerdings war es ihr peinlich, falls er ihre Tränen gesehen hatte. Aber ebenfalls egal. Vielleicht schob er ein verweintes Gesicht auf die Nachwirkung ihres Sturzes.
   Ein Handy – sie brauchte ein Handy. Dusslig wie sie war, hatte sie es bei ihren Eltern liegen lassen. Dümmer konnte es kaum laufen. Nie hatte sie es dabei, wenn sie es brauchte.
   Aber er?
   Er trug angeblich auch keines bei sich.
   Sollte sie ihm das wirklich glauben?
   Jeder Mensch – zumindest jeder, den sie kannte – hatte immer sein Handy dabei. Sie war die einzige Ausnahme. Und das auch nur aus dem Grund, weil sie ihre Gedanken oft nicht beisammenhatte.
   »Und jetzt?«
   »Jetzt? Jetzt werde ich dich mit zu meiner Hütte nehmen. Dort kann ich deinen Fuß bandagieren und du kannst jemanden anrufen, der dich abholt.«
   Wie tröstlich …
   Dann wurde sie hellhörig. Er wollte sie zu einer Hütte mitnehmen? Warum denn Hütte? Wer wohnte denn schon in einer Hütte? Schließlich befanden sie sich nicht im Wilden Westen, sondern im zivilisierten Deutschland.
   Er erzählte irgendetwas von Fischerei. Ein Thema, das ihr so überhaupt nicht zusagte. Sie mochte keine Jäger, folglich mochte sie auch keine Fischer. Ehrlich gesagt, hatte sie nicht gewusst, dass es Menschen gab, die so einen Beruf ausübten. Und wenn dann schon keine jungen. Sie stellte sich eher einen verschroben wirkenden Alten mit Krückstock in der Hand und Hut auf dem Kopf vor. Saskia graute es vor dieser Hütte. Wahrscheinlich stank es dort nach totem Fisch. Vielleicht lagen sie sogar überall herum. Tot mit aufgeschlitzten Bäuchen und ihre Innereien schwabbelten in diversen Eimern. Innereien? Hatte ein Fisch überhaupt Innereien? Sie überlegte. Zumindest gab es diese kleinen Eier, die sich Kaviar nannten. So hießen sie zumindest im Kühlregal. Igitt! Da wurde es ihr schon bei der bloßen Vorstellung übel.
   Unauffällig schnupperte sie. Er roch nicht. Zumindest nicht nach Fisch.
   Nein, berichtigte sie ihre Gedanken. Er roch überhaupt nicht unangenehm. Das war schon einmal beruhigend.
   Beruhigend? Erneut schalteten sich ihre Gedanken ein.
   Warum sollte sie ihm eigentlich glauben?
   Er sah nicht nach einem Fischer aus. Vielleicht war es eine Lüge und er ein Verbrecher, der sie in eine Falle locken wollte. Doch so sah er ebenfalls nicht aus. Die Frage war nur, wie ein Verbrecher eigentlich ausschaute. Es mochte sein, dass er durch gutes Aussehen punkten konnte.
   Schwachsinn, schalt sie sich.
   Er hatte ja nicht wissen können, dass sie genau in demselben Moment bei den Weihern spazieren ging wie er.
   Obwohl: Nicht jedes Verbrechen musste geplant sein. Vielleicht war sie der berühmte Zufallstreffer.
   Aber nein, das glaubte sie nicht.
   Dennoch: Sie war erst vor Kurzem viel zu gutgläubig gewesen. War das nicht Warnung genug?
   Schon, aber blieb ihr eine andere Möglichkeit? Nein, schließlich saß sie verletzt im Gras und war auf Hilfe angewiesen.
   Doch nicht nur sie, sondern auch er schien hin- und hergerissen zu sein und nicht erfreut, sie mitnehmen zu dürfen. Wahrscheinlich hätte er sich den Tag komplett anders vorgestellt.
   Er streckte ihr seine Hand entgegen. Kurz zögerte sie, dann legte sie ihre hinein. Fest fasste er zu und zog sie auf die Beine. Sie schwankte, wollte ihren Fuß nicht belasten. Ihre Nase traf seine Brust, ihre Wange ebenso. Mhm. Wie gut er doch roch … So gar nicht nach Fisch. Seine Brust war hart. Muskulös. Mhm. Auch das mochte sie. Wie gut, dass sie gehandicapt war. So konnte sie sich kurz dem Gefühl hingeben, das sie durchströmte. Ein warmes Gefühl, das einen Hauch von Geborgenheit vermittelte, auch wenn diese Geborgenheit trügerisch war. Dennoch verharrte sie einen Moment länger, als es schicklich war. Er würde es kaum bemerken, schließlich hatte sie eine gute Ausrede.
   Ach so? Wegen eines schmerzenden Knöchels presste sie ihre Nase an eine fremde, männliche Brust?
   Sacht fasste er sie an den Schultern. »Soll ich dich tragen?«
   Er wollte sie tragen? Das war doch mal ein Angebot. Ungläubig blickte sie ihn an.
   »Wenn du nicht laufen kannst«, erklärte er.
   Sie war echt gerührt. Wahrscheinlich war er doch ein ausgebrochener Irrer, der sie nur in Sicherheit wiegen und mit seiner Freundlichkeit einwickeln wollte. Ansonsten müsste ihm schon beinahe ein Heiligenschein über dem Kopf schweben, so nett war er.
   »Ich werde hüpfen.«
   Sie würde hüpfen? War sie dumm? Warum nahm sie nicht sein Angebot an und ließ sich auf Händen tragen?
   Aber so war sie nicht. Und sie war auch nicht dumm. Nur würde sie keinem Mann mehr trauen. Vielleicht niemals wieder, zumindest nicht in nächster Zeit. Hinzu kam, dass sie auch keinem vertrauen wollte, denn sie brauchte keinen. Ebenfalls nie mehr. Ein Leben ohne Mann und damit ohne Sorgen war wesentlich einfacher, da wurde man beziehungsweise Frau wenigstens nicht enttäuscht.
   Zum Glück schüttelte er den Kopf. Er war mit ihrer Hüpferei also nicht einverstanden.
   »Wenn du mich stützt, wird das schon gehen.«
   Schließlich war sie kompromissbereit. Und stützen brachte ihr einen Hauch seiner Nähe zurück, wenn auch nicht im romantischen Sinn.
   Er fasste sie an den Schultern, um sich von ihr zu lösen, und trat neben sie. Ja, neben sie. Aber so etwas von neben sie, dass kein winziger Millimeter Luft mehr zwischen ihnen war. Gleichzeitig legte er seinen Arm um ihren Rücken und griff unter ihre Achsel, um sie zu halten. Nun war er ihr fast noch näher als vor wenigen Sekunden.
   Saskia erstarrte in seinem Arm. Allein die Berührung war ihr zu viel. Zwar fand sie es schön, gestützt zu werden, aber sie hatte so etwas nicht mehr zulassen wollen. Auch wenn der Grund dieses Mal kein sexueller, sondern lediglich Hilfsbereitschaft war.
   »Du wirst dich an mir festhalten müssen.« Seine Stimme klang warm und ernst. Er machte sich nicht über sie lustig, erklärte ihr lediglich, dass sie so seine Hütte nicht erreichen würden.
   Saskia schluckte. Zaghaft schlang auch sie ihren Arm um seine Hüften.
   »So ist gut.«
   Erleichtert stieß sie die Luft aus ihren Lungen. Alles war gut.
   Schritt für Schritt kamen sie vorwärts. Sie setzte ihren Fuß vorsichtig auf, ohne ihn sehr zu belasten. Doch allein das schmerzte schon. Immer mehr hielt sie sich an ihrem Retter fest und immer mehr stützte er sie.
   Saskia staunte. Noch nie war ihr aufgefallen, dass zwischen den Weihern Wege waren. Dünne Landstege, die dazu dienten, die Gewässer von allen Seiten begehen zu können. Stets hatte sie nur Schilf gesehen, aber wahrscheinlich hatte sie nicht gut genug aufgemerkt.
   Geblendet vom hellen Sonnenlicht zwinkerte sie. Fast schien es, als male es silberne Kreise auf das Wasser. Oder als wären die Weiher in silbernes Licht getaucht. Eine gleißend helle, funkelnde Landschaft vor dem in warme Farben getauchten Wald.
   War das schön …
   Noch nie war ihr der Herbst so atemberaubend erschienen wie in diesem Moment. Ihr Blick glitt über den Wald, da entdeckte sie auch die Hütte. Eine Hütte und eine längliche Halle. Ob darin die toten Fische aufbewahrt wurden? Das mussten ja wahre Massen sein. Vielleicht wurden sie geräuchert? Nein, das konnte sie sich nicht vorstellen. Geräuchert wurde in der Regel in die Höhe nicht in die Breite. Es konnten schlecht hundert kleine Feuerchen in dem Gebäude brennen.
   »In der Halle befinden sich mehrere Becken, in denen die Fische überwintert werden«, erhielt sie in dem Moment die Erklärung.
   Ein nebenberuflicher Gedankenlesr.
   Ahh«, machte sie nur. »Wie heißt du eigentlich?«
   »Lars.«
   Lars? Was für ein außergewöhnlicher Name. Irgendwie passt er zu einem Mann, der vom Fischfang lebte. Einen Lars hätte sie instinktiv irgendwo ans Meer verfrachtet, ihm eine Mütze auf den Kopf gesetzt und eine Pfeife in den Mund gesteckt. Tja, soweit zur Vorstellung und der Realität.
   »Saskia«, stellte auch sie sich vor.
   Lars nickte. Soweit sie es aus den Augenwinkeln sah.
   Fast hatten sie die Hütte erreicht.
   Schade!
   Gern hätte sie sich noch ein bisschen länger Lars Führung überlassen. Aber sie sollte nicht jammern. Vor ein paar Minuten hatte sie sich noch überlegt, ob sie in die Hände eines Verbrechers gefallen war.
   Sie hatte schon eine blühende Fantasie.
   Lars drückte die Klinke nieder und öffnete die Tür.
   Sperrte er nicht ab?
   »Hast du keine Angst vor ungebetenen Besuchern?«, rutschte es ihr prompt heraus.
   »Hier gibt’s nichts zum Klauen.«
   »Trotzdem. Vielleicht will dich jemand überfallen.« Selbst ihr fiel auf, wie lächerlich sich ihre Worte anhören mussten.
   »Wer sollte mich schon überfallen wollen?« Ein kleines Lachen lag in seiner Stimme. »Hinein mit dir!«
   Die Tür schwang auf.
   Jetzt kamen die Fische …
   Aber nichts war mit Fischen. Zumindest roch sie keine.
   »Was ist?«
   Natürlich hatte Lars ihr Zögern bemerkt.
   »Nichts.«
   »Ich kann mein Handy herausholen und mir deinen Fuß auch hier ansehen, wenn dir das lieber ist.«
   War ihr das lieber?
   Irgendwie schon.
   Saskia merkte wie ihr das Blut in die Wangen schoss.
   »Ist kein Problem. Ich hole nur einen Stuhl, damit du dich setzen kannst. Halt dich so lange an der Tür fest.«
   Sie nickte. Neugierig lugte sie ins Innere. Eine Bank, ein Tisch, ein Stuhl, ein Schrank. Wahrscheinlich existierte noch ein Bett, das ihr jedoch durch die geöffnete Tür verborgen blieb.
   »Was?« Er löste ihre Hand von seiner Taille und legte sie an die Tür.
   Augenblicklich wurde ihr noch ein bisschen heißer. Er schaute sie an.
   Wow! Er hatte grüne Augen. Das war ihr vorhin nicht aufgefallen. Dunkelbraune Haare und grüne Augen. Wie seine Weiher …
   Schwachsinn, die Weiher hatten silbern und nicht grün geleuchtet.
   »Hast du kein Badezimmer?«
   Er schmunzelte. »Ja und nein. In der Halle gibt es Waschbecken und eine Dusche.«
   »Und eine Toilette?«
   »Gibt es eine ordentliche ebenfalls in der Halle und eine, wie du sie aus Reisebussen kennst, in der Hütte.«
   Okay. Nun wusste sie Bescheid.
   »Hast du sonst noch Fragen?«
   Sie schüttelte den Kopf. Ganz schön peinlich das Ganze.
   Lars ging in die Hütte und brachte ihr als Erstes den Stuhl heraus. Erleichtert setzte sie sich. Es tat gut, den Fuß entspannen zu können. Ebenso wie es guttat, wieder einen gewissen Abstand zu haben. Zumindest redete sie sich das ein. Ihr Blick glitt über die Weiher. Von dieser Seite sahen sie ganz anders aus. Die silberne Farbe war verschwunden, stattdessen malte die Sonne goldene Kringel auf die Wasseroberfläche. Saskia fröstelte. Frisch war es hier im Schatten der Bäume.
   »Ist dir kalt?« Lars kniete sich mit einer Binde und einer Salbe in der Hand vor sie auf die Erde. Auch ein Handy steckte nun in seiner Hosentasche. »Man läuft zu dieser Jahreszeit auch nicht mit Plastikschlappen durch die Gegend.«
   Plastikschlappen?
   O Gott. Sie war wirklich kein optisches Highlight. Die Latschen hatte sie komplett vergessen.
   Vorsichtig zog er ihr erst den Schuh vom Fuß, dann den Socken.
   »Hey!«, begehrte sie auf. Schließlich hatte sie sich den Knöchel verknackst, was mit oder ohne Socken nicht zu sehen war.
   »Soll ich deinen Socken verbinden?«
   Oh … Stimmt, er hatte von einer Bandage gesprochen. Aber: Woher wollte er überhaupt wissen, wie man eine anlegte? Er, der Fischer.
   Lars hatte scheinbar keine Antwort erwartet. Vorsichtig fasste er ihren Fuß und versuchte ihn, in sämtliche Richtungen zu biegen.
   »Au!«, fuhr sie ihn an.
   War er wahnsinnig? Wenn sie nicht laufen konnte, war es wohl auch kaum möglich, ihren Fuß zu verrenken?
   »Hm. Das dauert wahrscheinlich ein paar Tage. Falls es nicht besser wird, wirst du zum Röntgen müssen.«
   Saskia schüttelte den Kopf. »Da ist nichts gebrochen. Ich bin nur umgeknickt. Morgen geht das schon wieder.« Sie lächelte schief. »Ich bin eben einfach ein bisschen wehleidig.«
   Ernst blickte Lars sie an. »Nein, dafür bist du nicht der Typ.«
   Fast wäre ihr die Kinnlade hinuntergeklappt. Sie war kein wehleidiger Typ? Das hörte sich doch richtig gut an. So ein Kompliment hatte ihr noch keiner gemacht.
   Fest wickelte er die Binde um ihren Fuß. Normalerweise mochte sie es nicht, wenn jemand vor ihr kniete, im Fall von Lars war es jedoch etwas anderes. Er kümmerte sich um sie. Und dieser Mix aus sanfter wie auch fester Berührung tat ihr gut. Ein Pflaster hielt die Binde zusammen.
   »Willst du anrufen, ob dich jemand abholen kann?«
   Lars zog das Handy aus der Hosentasche und hielt er ihr hin.
   Schade. Da hatte sie ihn eben erst kennengelernt, und schon musste sie wieder gehen. Saskia fühlte jähes Bedauern.
   Schwachsinn, schalt sie sich selbst. Lars war ein Fremder für sie.
   »Du musst erst den Pin eingeben.«
   Er schüttelte den Kopf. »Ist keiner drauf.«
   »Kein Pin?«
   »Nein.«
   »Aber dann kann doch jeder dein Handy benutzen und die Nachrichten lesen.«
   »Wer sollte das hier schon?«
   »Ich weiß nicht.«
   »Eben.«
   »Bist du nicht einsam, so allein im Wald?«
   »Nein.«
   Saskia biss sich auf die Lippen. Zu gern hätte sie gefragt, was ihn auf diesen Lebensweg gebracht hatte, aber sie sah ein, dass es sie schlicht und ergreifend nichts anging.
   Lars blickte sie abwartend an.
   Was wollte er?
   Ach ja, sie sollte telefonieren. Telefonieren auf einem Handy, das nicht durch einen Pin geschützt war. Saskia gab die Nummer ihrer Eltern ein. Es klingelte. Es klingelte zehnmal, doch niemand ging ran. Wie konnte das sein? Mam hatte nicht erwähnt, dass sie noch etwas vorhatten. Saskia überlegte. Es blieb nur noch Nils. Natürlich. Doch sie kannte seine Handynummer nicht auswendig. Auch seine Festnetznummer hatte sie nicht im Kopf. Einfach aus dem Grund, weil sie ihn noch nie im Leben angerufen hatte. So lange sie bei ihren Eltern gewohnt hatte, hatte sie nur ein paar Schritte gehen müssen, wenn sie ihn gebraucht hatte. Die kurze Zeit, die sie in der Stadt gewohnt hatte, hatten sie sich ab und zu WhatsApp geschrieben.
   »Und?«
   »Nichts.«
   Lars grinste schief. »Dann wirst du wohl zum Abendessen bleiben müssen.«
   Zum Abendessen? Saskia blickte ihn aus großen Augen an. »Was gibt es denn?«
   »Fisch natürlich.«
   Fisch? Sie hasste Fisch. Zumindest Fisch mit Gräten. Wenn dann speiste sie paniertes Filet, Tinten- oder Dosenfisch. Doch bei Lars würde es diese Varianten nicht geben. Da hätte sie ihre Hand ins Feuer legen können. Bei ihm gab es Fisch, wie die Natur ihn geschaffen hatte.
   »Magst du etwa keinen Fisch?«
   »Doch, aber grätenfrei.«
   »Damit kann ich leider nicht dienen.«
   Womit sie gerechnet hatte …
   »Ich habe keinen Hunger.« Postwendend meldete sich ihr verräterischer Magen knurrend zu Wort.
   »Hört sich aber anders an.«
   Saskia zog die Augenbrauen in die Höhe.
   »Traust du dir nicht zu, Fisch zu essen?«
   Hallo? Ging es noch?
   »Logisch. Ich mag ihn nur nicht sonderlich.«
   »Aber er macht satt.« Lars schmunzelte. »Du kannst mir ja bei der Zubereitung helfen.«
   Bei der Zubereitung? Entsetzt riss sie die Augen auf. Erwartete er gar, dass sie Bäuche aufschlitzte und die Innereien herausholte? Igitt.
   »Wir grillen die Fische auf der kleinen Feuerstelle dort drüben.«
   Aha …
   »Das riecht so lecker, da wird dir das Wasser im Mund zusammenlaufen.«
   Wenn er meinte … Es würde viel passieren, aber Fisch würde definitiv nicht ihren Appetit aktivieren.
   »Und woher willst du das Vieh nun nehmen?« Lars kam doch wohl nicht auf die Idee, ihr eine Angel in die Hand zu drücken …
   »Das Vieh?« Er zog fragend seine Augenbrauen in die Höhe. »Das ist kein Vieh. Oder erwartest du, dass Haie in den Weihern beheimatet sind?«
   Haie? Wollte er sie aufziehen? Fast schien es so. Sie warf ihm einen bösen Blick zu, schwieg jedoch.
   »Nein, mit einem Haifischsteak kann ich leider nicht dienen.«
   »Sondern?« Ihr schwante Schlimmes.
   »Lass dich überraschen.« Lars stand auf. »Bin gleich wieder zurück.«
   »Wohin gehst du?«
   Wollte er nun zur Halle und eigenhändig ein paar Fische erschlagen?
   »Ein Feuerzeug holen.«
   Okay. Er hatte also erst einmal vor, den Grill anzuwerfen. Das leuchtete ihr ein. Doch so wirklich gut fühlte sie sich, bei der Vorstellung, gleich Fisch essen zu müssen, immer noch nicht.
   Schon kam Lars zurück. Ziemlich professionell fachte er das Feuer an.
   »Ich geh unser Abendessen holen.«
   »Ist wirklich nicht nötig. Ein Stück Brot reicht mir.«
   »Das bekommst du sowieso.« Er grinste sie an.
   Saskia verkniff sich ein Seufzen. Hier war jeder Einwand zwecklos. Lars war widerspruchsresident. Aber so was von.
   Wie sie es bereits geahnt hatte, war sein Ziel die Halle. Eklig, wenn sie sich nur vorstellte, was er dort tat. Noch ekliger, wenn sie einen frisch geschlachteten Fisch würde essen müssen. Ein kleines Lebewesen, das eben noch durch die Fluten des Weihers geschwommen war.
   Fluten des Weihers?
   Na, sie hatte schon einen leichten Schaden. Wahrscheinlich befanden sich die Fische dicht an dicht in völlig überfüllten Becken. Schließlich kostete die Bewirtschaftung dieser bestimmt eine Menge Geld.
   Wahrhaftig trat Lars mit einer Schüssel in der Hand aus der Halle. Wenigstens ersparte er ihr den Anblick der leblosen Körper. Glücklicherweise war ihr auch der direkte Einblick der Feuerstelle verwehrt.
   Spitzbübig grinste Lars sie an. Er wusste genau, was sie dachte. Aber nein, sie würde ihm nicht den Gefallen tun, darauf zu reagieren.
   Seltsamerweise stieg ihr schon nach kurzer Zeit ein leckerer Geruch in die Nase. Duften konnte das arme Tier also.
   »Ich kann die leider nur Wasser anbieten.«
   »Das passt schon.«
   »Hast du noch mal versucht, anzurufen?«
   Oh, das hatte sie total vergessen!
   »Mach ich. Nach dem Essen.«
   War sie wahnsinnig? So machte sie sich jegliche Möglichkeit, um das Mahl herumzukommen, kaputt.
   Lars lächelte sie herzlich an. »Dann will ich mal den Tisch decken.«
   Ach so? Sie würden in der Hütte speisen. Klar, die Bank würde er kaum ins Freie schleppen können. Den Tisch ebenso wenig.
   Geschäftig eilte er hin und her. Auch den fertig gegarten Fisch trug er an ihr vorbei. Er roch wirklich lecker, zumindest war ihr knurrender Magen dieser Meinung.
   »Kommst du?«
   Lars fasste sie vorsichtig unter den Achseln und zog sie hoch. Wie durch Zufall landete sie in seinen Armen. Er hielt sie. Eine Sekunde länger als nötig. Eine Sekunde, die sie sehr wohl genoss. Dann bückte er sich und hob sie mit Schwung hoch.
   »Hey!«, rutschte es ihr heraus.
   Etwas unsanft landete sie auf der Bank. Lars grinste sie an. »Muss nur noch den Stuhl holen.« Schon war er verschwunden.
   Saskia ließ ihren Blick durch die Hütte schweifen. Sehr spartanisch eingerichtet war sie. Es gab nicht einmal einen Fernseher, auch kein Radio. Nichts, was an einen Hauch Komfort erinnerte. Eigentlich hatte sie erwartet, dass sich hinter der Tür ein Bett befinden würde, aber Fehlanzeige. Nur eine Couch. Wahrscheinlich eine Schlafcouch, aber sicher war sie sich nicht. Wie konnte Lars nur so leben? Und warum hatte er sich dafür entschieden? Er war doch noch jung und nach Einsiedler sah er so gar nicht aus.
   »Was ist?« Er stellte den Stuhl ab und setzte sich ihr gegenüber hin.
   »Nichts.«
   »Dann lass es dir schmecken!«
   Schmecken? Immer noch schaute sie ihn an, aber auch er hielt ihren Blick fest.
   »Und?«
   Was und?
   Ach so, der Fisch.
   Nun erst blickte Saskia auf den Tisch. Handgeschnittenes Brot lag in einem Korb. Und auf ihrem Teller der Fisch. Ein Fisch mit Kopf und Schwanz.
   Ohhhh …
   Lars wartete nicht, sondern setzte sein spitzes Messer am Bauch des Fisches an und schnitt ihn auf.
   Wenn das dumme Ding doch nur nicht so appetitlich duften würde …
   Dann klappte er ihn nach außen, sodass er nur noch am Rücken zusammenhing. Er fasste nach dem Schwanz und zog die Wirbelsäule – Wirbelsäule? – mitsamt der Gräten heraus.
   Okay …
   Lars warf ihr einen Blick zu.
   Nein, sie würde ihn nicht um Hilfe bitten. Schließlich wollte sie sich nicht lächerlich machen. Zuhause hatte es nie ganzen Fisch gegeben. Das Höchste der Gefühle waren Brathering mit Pellkartoffeln gewesen und vor dem Gericht hatte sie sich schon als kleines Kind erfolgreich gedrückt. Trotzdem … Alle Leute fanden Fisch toll. Nur sie hatte ein Problem damit.
   Beherzt setzte sie das Messer an, aber das Tierchen war ganz schön störrisch. Entweder hatte Lars ihr ein stumpfes Messer gegeben oder der Fisch war nicht durch, denn statt locker durch das Fleisch zu gleiten, bohrte sie lediglich große Löcher in den Körper. Bald würde der Teller einem Schlachtfeld gleichen.
   »Hast du noch nie Fisch gegessen?« Lars betrachtete sie mit hochgezogenen Brauen.
   »Doch, aber nicht so.«
   »Wie denn dann?«
   »Paniert«, hauchte sie, wobei ihr das Blut schon wieder in die Wangen schoss.
   Lars stand auf, trat um den Tisch herum und setzte sich neben sie auf die Bank. Sehr nah neben sie. Er beugte sich über sie und ergriff ihre Hände.
   O Gott, er war ihr so nah …
   Doch führte er ihre Hände nur, um ihr zu zeigen, wie sie den Fisch am besten öffnen konnte.
   »Guten Appetit!« Und weg war. Beziehungsweise ihr gegenüber. Schade …
   Zaghaft steckte sie sich den ersten Bissen in den Mund. Schließlich konnten sich noch versteckte Gräten in dem Fleisch befinden.
   Mhm …
   Geruch und Geschmack waren identisch. Das gab es selten. Trotzdem aß sie vorsichtig, obwohl sie sich den Fisch am liebsten auf einmal in den Mund gestopft hätte. Nichts mehr war mit armen Tier, auch der Kopf störte sie nicht, ebenso wenig wie der Schwanz. Sie hatte einfach nur schrecklichen Hunger. Außerdem hatte der der Fisch schließlich ein glückliches, zufriedenes Leben führen dürfen. Vielleicht schöner als der, den sie des Öfteren paniert gegessen hatte.

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