Ariane Burbaum ist Hochzeitsplanerin von Herzen, aber nicht, weil sie an die Liebe glaubt. Nachdem sie von ihrem Verlobten am Vorabend ihrer Hochzeit betrogen worden ist, haben Männer in ihrem Leben keine Bedeutung mehr. Da macht sie auch für Tim keine Ausnahme, der ihre Sinne zwar zum Schwingen bringt, aber als Kunde ebenso tabu ist!   Frauen haben in Tim Wagners Welt nur einen Zweck: erfüllende Stunden im Bett. Da er gewöhnlich jede rumkriegt, ist er gelangweilt, sobald er sein Ziel erreicht, und so wechseln seine Liebschaften im Monatstakt. Dass ausgerechnet die Hochzeitsplanerin seiner Schwester Mara eine harte Nuss wird, konnte er nicht ahnen, und dass er einfach nicht von ihr loskommt, ebensowenig. Ausgerechnet eine selbstbewusste und eigenständige Frau soll ihn an der Angel haben? Und viel schlimmer noch: Kein Interesse daran haben, ihn einzufangen?

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Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9925-33-023-2

Seiten: 232

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Kathrin Fuhrmann

Kathrin Fuhrmann
Kathrin Fuhrmann ist im März 1980 im Kreis Recklinghausen geboren und lebt in der Nähe von Dortmund. Dort arbeitet sie als Chemielaborantin und schreibt mit großer Leidenschaft an ihren Geschichten. Neben Erotik und Romantic Thrill fühlt sie sich auch in anderen Genren zu Hause, nutzt dafür aber ein anderes Pseudonym. Historische Liebesromane und Chick Lit aus ihrer Feder findet ihr unter Katherine Collins.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Manchmal kommt es anders

Ariane warf die Tür des Taxis zu und lief durch den Starkregen auf das Haus zu – oder auf die groben Umrisse desselben. Sie war angetrunken und sollte eigentlich bei ihrer Freundin übernachten, aber sie hatten sich gestritten. Ausgerechnet an diesem Abend! Ariane zerrte am Gartentörchen. Es klemmte und ließ sie einmal mehr nicht durch. Sie musste den Umweg nehmen und durch das Haupttor auf das Grundstück kommen. Sie machte kehrt, lief auf ihren Pfennigabsätzen um den hölzernen Gartenzaun herum und triefte dabei vor Nässe. Sie zitterte, schließlich war April, und die Temperaturen lagen noch deutlich unter der Zwanzig-Grad-Marke. Das Haupttor war verschlossen, und ihre kalten, starren Finger fischten in ihrer Paillettenhandtasche nach dem Schlüssel. Der fiel ihr auch prompt aus der Hand und landete in einer schlammigen Pfütze direkt vor ihren Füßen. Der Matsch spritzte auf ihre nackten Beine. Ariane schrie auf. Das war das unglamouröseste Ende einer Junggesellinnenparty, von der sie je gehört hatte.
   Die Kälte des Regens durchdrang sie bis in die Knochen, und aus dem kleinen Zittern von zuvor wurde ein richtiges Beben. Sie brauchte dringend eine heiße Dusche, oder besser noch ein schönes, langes, heißes Bad! Sie konnte Paul von dem Mist erzählen, den sich ihre Freundinnen ausgedacht hatten. Man konnte jedem nur abraten, Freundinnen einen Junggesellinnenabend ausrichten zu lassen.
   Sie kicherte trotz der Kälte, trotz des am Körper klebenden Kleides und der Pfützen, die sich in ihren Pumps bildeten. Sie trug die Schärpe noch. »Bride to be!« Die Anstecker hatte sie alle verkauft bekommen, aber sie trug noch ein paar Handschellen an ihrem Ledergürtel, weil sich wesentlich weniger Männer verprügeln lassen wollten als küssen.
   Sie hob den Schlüsselbund an zwei spitzen Fingern aus dem Wasser und seufzte. Regentropfen tropften von ihrer Nase. Wasser lief über ihren Rücken und an den Armen entlang. Sie musste bezaubernd aussehen. Jetzt bezahlte sicherlich niemand mehr fünf Euro für einen Kuss von ihr.
   Das Haupttor ließ sich ohne Weiteres öffnen, anders als das Törchen zur Haustür, und Ariane stand im Vorgarten. Sie umrundete die Ginsterhecke, ließ das Rosenbeet links liegen und tapste so schnell wie möglich durch den nächtlichen Bewuchs am Haus vorbei, die Hintertür als Ziel. Sie führte durch den Keller hinein und leitete sie direkt in die Küche.
   Ariane legte ihr Täschchen auf dem Esstisch ab und stieg aus ihren Schuhen. Sie konnte morgen alles trockenlegen. Sie konnte sich morgen um alles Weitere kümmern, nach der standesamtlichen Trauung. Jetzt sollte sie noch ein paar Stunden Schönheitsschlaf bekommen – nach dem heißen Bad!
   Sie lief durch das dunkle Haus und stolperte am Treppenaufgang. Pauls Schuhe lagen herum. Ariane kickte sie zur Seite und stieg die Stufen empor, nur, um wieder zu stolpern. Ihr Knie durchschoss ein Stich, als sie auf der Stufe aufkam, und sie biss fest die Zähne zusammen. Nur ein kleines Stöhnen presste sich ungefragt hervor. Ariane keuchte und griff nach dem, was sie zu Fall gebracht hatte. Ein gefüttertes, halbrundes Gebilde mit langer Schlaufe. Sie stoppte die Erkundung. Ihr Hirn behauptete, es wäre ein BH, was selbstredend keinen Sinn machte. Warum sollte ein BH auf der Treppe herumliegen?
   Sie ließ es fallen, was auch immer es war und stemmte sich auf. Seide liebkoste ihre Finger, und sie schloss sie darum. Knöpfe drückten sich in ihre Handfläche. Warum lagen ihre Sachen hier herum?
   Ihr Herz stockte. Die einzig mögliche Erklärung war ein Überfall! Paul! War er im Haus gewesen, als es passierte? War er verletzt worden?
   Ariane hastete weiter. Hätte sie mal ihre Handtasche mitgenommen, in der ihr Handy steckte. Sie spähte vorsichtig um die Ecke im ersten Stock, aber es war stockdunkel im Flur. Die Türen waren geschlossen, und der Flur hatte kein eigenes Fenster. Sollte sie das Licht anmachen?
   Ihre zitternden Finger glitten über die Vliestapete und fanden den Schalter. Das Licht der Deckenleuchte blendete Ariane, und sie wandte den Kopf ab. Dadurch fiel ihr Blick nach einem Blinzeln auch direkt auf die Treppe. Ariane blinzelte erneut, aber der Anblick änderte sich nicht. Schuhe vor der Haustür, BH auf der dritten Stufe, Bluse auf der siebten, dann ein Hemd zwei Stufen unter ihr. Ein Schlüpfer passend zum Büstenhalter hing über dem Handlauf direkt vor ihren Augen. Die Art des Überfalls war wohl unbestritten, trotzdem brauchte sie die Bestätigung. Wie in Trance torkelte sie zum Schlafzimmer und stieß die Tür auf. Der Lichtkegel aus dem Flur fiel aufs Bett und sagte ihr bereits alles, was nötig war. Trotzdem knipste sie das Licht an. Paul lag im Bett. Er war nicht angezogen, und er war nicht allein. Sie drehte sich in seinen Armen und blinzelte.
   »Ey!«, murmelte sie. »Mach die Funzel aus!«
   Ariane gehorchte, schloss auch wieder die Tür und lehnte sich dagegen. Das war ein Albtraum. Nach fünf Jahren Beziehung betrog er sie am Vorabend ihrer Hochzeit?
   Ein Jahr lang planten sie bereits, wie der große Tag aussehen sollte. Sie hatte sich völlig darin vergraben, jedes Detail bedacht und unendlich viel Zeit und Energie hineingesteckt, und er … Sie ballte die Faust. Vor ihr lag die Treppe mit dem Beweis des hier Geschehenen. Wer brauchte mehr?
   Ariane schob die Tür wieder auf. Sie konnte ihn konfrontieren, sollte es vielleicht, aber sie fürchtete sich vor sich selbst. Stattdessen fischte sie nach seiner Jeans und schloss die Tür behutsam wieder. Auf der obersten Stufe ließ sie sich sinken und zog das Handy aus der Hosentasche. Zehn unbeachtete Nachrichten – ihre Bilder, die sie von sich während des Abends geschossen hatte. Sie löschte sie. Sie ging durch die Nachrichten anderer Bekannter und fand, was sie gesucht hatte. Jaqueline. Der Text war eindeutig. Es war eine längere Geschichte, sie schrieben sich täglich einige Nachrichten, in denen es stets zur Sache ging. Ariane schickte sich eine Kopie des Chats via E-Mail und seinen Eltern gleich mit. Kurz überlegte sie, es als Rundmail zu all seinen Bekannten zu schicken, aber dann wüsste auch jeder, der sie kannte, dass Paul sie seit einer Ewigkeit betrog. Ariane löschte stattdessen alle ihre Kontakte und alle anderen persönlichen Dinge, die sie betrafen. Sogar ihre Nummer. Dann legte sie das Telefon zur Seite und sammelte Jaquelines Sachen ein, um sie in den Regen zu werfen. In die Schlammpfütze vor dem Haus. Nachdem sie ihre Schuhe und Handtasche geholt hatte, warf sie den Schlüssel in den Briefkasten und ging.
   Es regnete noch immer in Strömen, ihre Haare hingen ihr ins Gesicht, aber sie setzte einfach einen Fuß vor den anderen. Ihre nackten Füße wanderten durch Pfützen, Matsch und über Asphalt und Steine, bis sie in der Morgendämmerung bei der Freundin eintraf, mit der sie sich gestritten hatte und bei der sie eigentlich hätte übernachten sollen.
   »Ariane!« Milla gaffte sie an. »Wie siehst du denn aus?«
   »Kann ich baden?«
   Ludmilla hatte während des Studiums in der Gaststätte von Arianes Eltern gearbeitet, genau wie sie. Trotz ihrer Gegensätzlichkeit hatten sie sich schnell angefreundet, auch wenn es zwischen ihnen immer wieder zu Streit kam.
   »Natürlich!« Milla zog sie in ihre Wohnung.
   Ein goldumrandeter Spiegel hing an der Wand und bewies Ariane, dass sie tatsächlich scheiße aussah. Wie ein Schreckgespenst, einem Albtraum entronnen. Ihre Lippen hoben sich, und ein Kichern verfing sich in ihrer Kehle.
   Milla schob sie in das prunkvolle Bad. Noch mehr Gold glitzerte im strahlenden Licht. Sie drückte Ariane auf der Toilette nieder und legte ein großes Badetuch um sie, dann drehte sie die goldene Armatur auf, um sprudelndes Wasser in die dreieckige Wanne einzulassen. »Was ist passiert?«
   »Paul betrügt mich.« Die erwartete, schockierte Reaktion blieb aus. »Du wusstest es.«
   »Jeder weiß es.«
   Ariane schloss die Augen und beugte sich vor, um die Arme auf den Schenkeln abzustützen und zugleich die Augen mit den Handflächen zu bedecken. »Warum hast du nichts gesagt?«
   »Habe ich. Du meintest, ich gönne dir dein Glück nicht, ich sei keine Freundin und du wollest mich nicht wiedersehen.«
   Ariane hob den Kopf. »Was mache ich jetzt?«
   Milla kniete sich vor sie, nahm ihre Hände und drückte sie fest. »Entweder, du vergibst ihm, übersiehst seine Untreue und heiratest ihn trotzdem …«
   »Oder?« Im Moment fühlte sie sich nicht danach, vergeben zu können.
   »Du schießt ihn ab und konzentrierst dich darauf, mega erfolgreich zu werden. Typen wie ihn gibt es wie Sand am Meer. Vielleicht ist es an der Zeit, die Bedingungen heraufzusetzen? Vielleicht fragst du dich zukünftig nicht mehr, ob du ihn liebst, sondern, was er dir bieten kann? Wie er dich vorwärtsbringt?«
   Ariane starrte in Millas durchdringende blassblaue Augen. Diese Entscheidung war nicht so leicht zu treffen.
   »Liebe ist etwas für dumme Menschen, Ariane. Für naive und schwache Menschen. Lass dich nicht ausnutzen. Lass nicht zu, dass man dich verletzt. Emanzipiere dich endlich. Sei mehr als brave Tochter, zuverlässige Freundin, gute Studentin und treue Lebensgefährtin!« Milla unterbrach sich effektvoll. »Sei frei.«

Kapitel 1
Tim und die Frauen

Tim rutschte vorsichtig aus der viel zu engen Umarmung. Jenni schob sich nach und legte den Arm wieder um ihn. Tim biss die Zähne aufeinander. Ihre kalte Nasenspitze drückte sich in sein Rückgrat, und ihre Nägel kratzten über seine Brust.
   Es war Zeit, zu gehen! Er hielt es noch eine weitere Minute aus, weil er sie eigentlich nicht wecken wollte – um eine Diskussion zu vermeiden. Vorsichtig schob er ihre Hand von seiner Brust und rutschte aus dem Bett. Die Leuchtanzeige der digitalen Uhr stand auf kurz nach eins, damit wäre er gegen zwei zu Hause. Er stieg in seine Jeans, knöpfte sie zu, als das Bettzeug raschelte.
   »Tim?«, murmelte sie verschlafen.
   Er bückte sich nach seinem Shirt und streifte es über. »Ich muss los.«
   »Aber warum denn?« Sie klang alarmiert, und Tim verdrehte die Augen.
   »Ich melde mich.« Er schlüpfte in die Turnschuhe.
   »Warte! Tim, bleib doch.« Ihre nackten Füße tapsten über das Parkett. Ihre Hand legte sich in seinen Rücken und rutschte nach vorn. Sie schmiegte sich an seinen Rücken. »Ich möchte mit dir schlafen.« Die Hand legte sich auf seinen Bauch und rutschte tiefer, um unter sein Shirt zu gelangen. »Du bist so herrlich heiß!«
   »Ich muss los.« Tim löste ihre Finger.
   »Nein, bleib doch«, bat sie und schlang die Arme wieder um ihn.
   Tim befreite sich genervt. »Mach es nicht unnötig kompliziert.«
   »Du bist erst gegen zehn gekommen, Tim. Ich kann doch wohl erwarten, dass du etwas Zeit mit mir verbringst.« Sie verschränkte die Arme vor ihrem Bauch.
   »Habe ich«, murrte Tim. »Ich melde mich.« Unwillig beugte er sich zu ihr und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen.
   »Morgen?«
   Tim stockte. Er hatte nicht vor, sie morgen zu sehen oder auch nur zu sprechen.
   »Wir könnten Brunchen gehen.« Jenni spann den Gedanken weiter. »Im Hollies. Und danach könnten wir einen Spaziergang durch die Stadt machen. Oh, der Valentinsmarkt öffnet gegen zwölf, wir könnten …«
   »Moment!«, unterbrach Tim sie fest. Er hob die Hände. »Ich habe morgen keine Zeit.« Schon gar nicht, um zu Brunchen und über Märkte zu spazieren!
   Jenni klappte den Mund zu. Ihre großen Bambiaugen machten sich alle Ehre, sie zerflossen vor Verletztheit. »Oh«, hauchte sie. »Und am Abend? Kannst du …«
   »Bin ich verabredet.«
   Sie runzelte die Stirn. »Oh.«
   »Ich ruf dich an.« Tim wandte sich ab und hatte bereits die Klinke in der Hand.
   »Du hast nie Zeit für mich. Seit wir zusammen sind, gehen wir nicht einmal mehr aus.«
   Tims Hand krampfte sich um die Klinke. Schon wieder. Er hatte das Gefühl, dass er einmal die Woche eben dieses Gespräch führte und hatte echt keinen Nerv mehr drauf.
   »Du sprichst auch nicht mit mir. Beantwortest meine Nachrichten nicht …«
   Er straffte die Schultern und drehte sich wieder zu Jenni um.
   »Ich hatte vorgestern Geburtstag, und du hast mir nicht einmal nachträglich gratuliert.«
   Tim seufzte lautlos. Komm zum Punkt, Jenni!
   »Hast du es vergessen?«, fragte sie zaghaft. »Ich mache dir keinen Vorwurf, Tim. Wir sind erst drei Wochen zusammen, da kann man schon mal ein Datum vergessen«, fuhr sie überstürzt fort. Sie befeuchtete sich die Lippen. »Ich bin dir nicht böse.«
   Tim wartete. Aus Erfahrung wusste er, dass sie noch nicht fertig war.
   »Ich möchte dich auch nicht einengen oder so etwas. Aber ich wünsche mir etwas mehr gemeinsame Zeit. Was hältst du von einem Wochenendtrip?« Sie knetete ihre Hände. »Egal, wohin.«
   »Ich habe keine freien Wochenenden in nächster Zeit«, knirschte Tim. »Und du solltest akzeptieren, dass ich eben nicht so viel Zeit aufbringen kann. Wenn dir nicht reicht, was …«
   Sie machte einen raschen Schritt auf ihn zu. »Tim, ich liebe dich. Ich sehne mich nach dir, wenn du nicht da bist. Verstehst du nicht?«
   Er presste die Lippen aufeinander.
   »Ich möchte dich doch nur bei mir haben. Ich möchte …«
   »Ich habe einen Job, weißt du? Ich habe Geschwister, Freunde und Kollegen, mit denen ich gern mal was unternehmen möchte. Ich verbringe so viel Zeit mit dir, wie es mir möglich ist.« Nicht einmal nahe an der Wahrheit. Tim beschloss, es zu beschleunigen. »Wenn dir das nicht genug ist …«
   Jenni machte einen Satz auf ihn zu. »Tim!« Sie schüttelte den Kopf. »Ich möchte dich nicht verlieren.« Ihre zittrigen Finger legten sich auf seine Brust. »Ich liebe dich.«
   »Hör zu, Jenni, ich glaube …«
   »Nina«, unterbrach sie ihn. Ihre Hand auf seinem Oberkörper erstarrte. »Wer ist Jenni?«
   Ups. Tim räusperte sich. »Nina, es ist offensichtlich, dass wir eine unterschiedliche Vorstellung von dem haben, was zwischen uns ist.«
   Ihre Hand rutschte ab.
   »Es passt nicht mit uns. Du bist eine tolle Frau, aber wir sollten uns nicht mehr sehen.« Das war den Ärger nicht wert.
   Nina schüttelte den Kopf. »Bitte, Tim …«
   »Es ist besser so.« Er fasste nach der Klinke und drückte sie hinab. »Tschüss.«
   Sie ließ ihn widerspruchslos gehen, aber er wusste, dass es noch nicht ausgestanden war.

Tim ignorierte das Telefon. Er rührte an der Küchentheke lehnend in seinem Kaffee. Es war zehn Uhr, und er wollte seinen freien Tag in aller Ruhe genießen. Zumindest bis zum Abend, da war er bereits mit Susi verabredet.
   »Wagner!«
   Tim stöhnte. Damit war an Ruhe nicht mehr zu denken. Was zum Teufel machte Lisa noch im Haus?
   Seine Schwester rief nach ihm. »Tim! Telefon!«
   Er verdrehte die Augen. Glaubte sie, er wäre taub?
   »Tim!« Lisa stand mit dem Telefon in der Hand in der Küchentür. »Bist du taub oder was!«
   »Leider nicht!«, presste er hervor.
   Sie streckte ihm das Kommunikationsgerät entgegen. »Für dich. Nina.«
   Ach nee! Er nahm ihr den Hörer ab. »Ja!«, brummte er in das Gerät, wobei er Lisa mit Blicken erdolchte.
   »Tim, hallo.« Ninas Stimme war verdächtig rau. »Du bist zu Hause.«
   »Ja, ich bin aber auf dem Sprung.« Nicht, dass sie auf die Schnapsidee kam, zu ihm zu kommen.
   »Oh.«
   »Ist etwas?«
   Sie blieb einen langen Moment still. »Ich dachte, wir sollten noch einmal reden.«
   »Nina, es ist, wie es ist.«
   »Aber ich liebe dich«, beharrte sie kratzig. »Wir finden sicherlich eine bessere Lösung, als gleich aufzugeben.«
   Tim nahm einen Schluck aus seiner Tasse. »Hör zu: Ich bin nicht der Richtige für dich. Mach es dir nicht unnötig schwer, indem du etwas hinterherrennst, was einfach keine Zukunft hat.« War er deutlich genug gewesen?
   »Ich bin mir sicher, dass wir eine Zukunft haben, wenn wir …«, haspelte sie schnell.
   »Ich liebe dich nicht. Hey, ich war ziemlich überzeugt, dein Name wäre Jenni.« Es keuchte erstickt am anderen Ende der Leitung. »Okay? Mach’s gut.« Tim presste den roten Hörer und ließ das Gerät über die Theke schlittern.
   »Wow. Wieder eine abgeschossen? Die Wievielte ist es in diesem Monat?«, mokierte sich Lisa. Sie warf die Kühlschranktür zu und drehte sich mit einer spöttisch erhobenen Braue zu ihm um. Sie kopierte seine Haltung, indem sie sich auch gegen die Arbeitsplatte lehnte und die Tasse hob. »Ich hoffe, du kommst durch den Verlust der dritten Geliebten nicht in einen Notstand.«
   »Keine Sorge!« Er stieß sich ab. Lisa war die nervigere Schwester, wobei er Mara auch nicht lieber im Haus hatte.
   »Oh, bestimmt nicht!« Lisa lachte auf. »Eigentlich fände ich es recht amüsant, wenn du tatsächlich mal solo wärst.« Sie zwinkerte. »Das erste Mal seit zwanzig Jahren?« Ihre grünen Augen verengten sich. »Wie viele sind es so im Schnitt, die du dir gleichzeitig hältst? Vier? Fünf? Bei einer ungefähren Beziehungszeit von im Schnitt drei Monaten …« Lisa pfiff. »Wie sieht es mit One-Night-Stands aus?« Sie schüttelte den Kopf, die Lippen geschürzt und Verachtung im Blick.
   »Hast du gesagt, was du loswerden wolltest?«, knirschte Tim. Seine Laune war im Eimer, und nicht die Beendigung seiner Beziehung zu Nina war der Grund dafür.
   »Ach, Tim, wenn ich Zeit hätte, hätte ich dir einiges zu sagen. Andererseits …« Sie zuckte die Achseln. »Verschwendete ich damit nur meinen Atem.« Ihre Lippen kräuselten sich. »Und ich habe Besseres zu tun!« Sie stieß sich mit dem Po von der Platte ab und schlenderte gemütlich durch die Küche.
   »Hoffentlich außer Haus«, murrte Tim. Er fühlte sich einfach nicht wohl, wenn noch jemand da war, und das galt insbesondere für seine Schwestern.
   Lisa drehte sich in der Tür noch einmal um. Ihr Blick sagte alles. Sie wusste es und genoss es, ihn leiden zu sehen.
   Es klingelte an der Haustür.
   »Ah!« Lisa grinste breit, und Tims Herz sackte ab. Nein. Aber er wusste es besser. Er folgte ihr den engen Gang hinunter und bekam seine Befürchtung bestätigt.
   »Scheiße! Hat man denn keinen Augenblick Ruhe vor euch?« Er stapfte die Stufen in den ersten Stock hoch und warf die Tür zu seinem Schlafzimmer fest hinter sich zu.
   Maras Begrüßung wurde von dem Knall verschluckt. Er warf sich auf die Ledercouch in der Ecke unter dem Fenster. Eingesperrt in einem winzigen Zimmer! So hatte er sich seinen freien Tag nicht vorgestellt.
   Er hörte Lisa lachen und wusste genau, dass sie es war, weil Maras Lachen viel sanfter klang, weniger scharf, weniger herrisch. Kein Wunder, dass Lisa nun seit zwei Jahren Single war, seit den zwei Jahren, in denen sie wieder in ihrem Elternhaus mit ihm zusammenlebte.
   Er legte den Kopf zurück und starrte an die Decke. Womit hatte er das verdient?
   Es klopfte zaghaft. Tim stöhnte. Nicht einmal hier hatte er seine Ruhe!
   »Was!«, brüllte er und verspürte einen leichten Stich der Reue. Die Tür ging nicht auf, was bedeutete, dass Mara davor stand und nicht Lisa, die kein Problem damit hatte, ihn selbst auf dem stillen Örtchen zu überfallen.
   »Tim?«
   Er rollte mit den Augen.
   »Ich möchte nicht stören, aber ich habe eine Bitte.«
   Sie stand immer noch vor der verschlossenen Tür.
   »Dann lass es!«
   Einen spannungsgeladenen Moment blieb es still, dann hörte er ein schwaches: »Entschuldige. Ich störe dich nicht weiter.«
   Die Treppe knarzte. Tim zählte stumm, den Blick immer noch an die Decke gerichtet. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Dann krachte die Zimmertür an die Wand.
   »Hast du einen am Klee?«, spie Lisa. »Mara ist nicht eines deiner Spielzeuge! Sie ist deine Schwester! Quetsch Mal etwas Anstand in dich hinein!«
   Tim öffnete den Mund, aber Lisa war noch nicht fertig.
   »Zumindest anhören könntest du sie, auch wenn sicherlich niemand von uns erwartet hat, dass du deinen faulen Arsch für uns hoch bequemst!« Lisa stampfte in sein Zimmer und blieb erst genau vor ihm stehen, um auf ihn herabzusehen – gewohnt verächtlich. »Du vergisst anscheinend, dass du dir dein Playboy-Dasein nicht leisten könntest, hätte Mara die Hypothek auf das Haus nicht abgezahlt!«
   Tim spannte sich an. Immer, wirklich jedes Mal, musste sie das anbringen. Dass es nicht sein Haus war, obwohl er hier mietfrei lebte, alle Entscheidungen traf und auch im Grundbuch als Eigentümer aufgeführt war – weil Mara und Lisa auf ihren Anteil verzichtet hatten. Tim setzte sich auf.
   »Kannst du nicht endlich einen Deppen finden, der es mit dir aushält?«
   Das machte Lisa natürlich nur noch wütender. Ihre grünen Augen glommen auf. »Könnte ich schon, will ich aber nicht!«
   Ja, das hatte er auch bereits vermutet, denn wenn sie ihr Temperament zügelte, was sie sehr wohl konnte, wenn sie wollte, war sie ein Hingucker. Immer schon gewesen, weshalb er sich bereits in der Schule immer anhören musste, was für heiße Schnitten seine Schwestern wären. Er konnte noch immer das Unverständnis von damals spüren, den Ärger und die Wut darüber, sie ständig beschützen zu müssen, damit sich die Idioten in der Schule nicht über sie hermachten. Gut, Mara war ihm ziemlich früh entglitten. Sie hatte sich auf einen Schulkollegen eingelassen, was sie beinahe das Leben gekostet hätte. Lisa war dafür zum Verzweifeln offen gewesen, für Avancen aller Art – von jedem!
   »Glaubst du?«, besann er sich auf den Augenblick. »Ich glaube, dass du hier versauern wirst. Wer will schon so eine streitlustige Ziege wie dich?«
   Es war nur gut, dass er ein großer, starker Mann war. Lisa machte ganz den Eindruck, über Handgreiflichkeiten nachzudenken. Handgreiflichkeiten mit potenziell tödlichen Folgen …
   Ihre Lippen verzogen sich süffisant. »Schau mal, Arschloch, da haben wir ja was gemeinsam.«
   Sie hatten einiges gemeinsam, aber er wusste, worauf sie hinauswollte.
   »Du wirst auch nie jemanden haben, der längerfristig mit dir zusammen sein will.« Sie breitete die Arme aus. »Sieht aus, als wären wir für immer aneinandergefesselt – Bruderherz!«
   Er erschauerte bei der Aussicht, was sie zum Lachen brachte.
   »Hört sich himmlisch an oder?«
   Tim stand auf und stieß mit ihr zusammen. Dadurch bekam sie natürlich einen Schubs, der so nicht beabsichtigt gewesen war. Bedauern tat er es nicht. Sie fing sich, schließlich war sie so etwas wie eine Katze – die fielen auch immer auf die Pfoten, fauchten und schlugen gern mit spitzen Krallen aus. O ja, Lisa war eine angriffslustige Wildkatze!
   »Ich habe ja noch die Möglichkeit, im Dienst erschossen zu werden!« Er ließ sie stehen und joggte die Stufen hinunter.
   Mara stand am Fuß der Treppe und sah mit Hundeblick zu ihm auf. Definitiv war sie die Schlimmere von beiden! Er ballte die Hände, nicht gewillt, auf ihre traurige Bedürftigkeit einzugehen. »Was?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Nichts, Tim. Wirst du wenigstens kommen?«
   »Wohin?«, knurrte er. Jetzt hatte er sich herbequemt, und sie ließ sich jedes Wort aus der Nase ziehen!
   »Zu meiner Hochzeit.«
   »Was?«, bellt er. Sie war doch keine zwei Jahre mit ihrem neuen Typen zusammen! »Spinnst du jetzt!«
   Mara hob das Kinn. Ihre Augen funkelten und machten sie der Zwillingsschwester noch ähnlicher. »Nein. Niklas hat mich gebeten, ihn zu heiraten, und ich habe zugestimmt. Wir werden heiraten.«
   »Der letzte Typ, den du heiraten wolltest …«
   »War ein Schwein«, übernahm Lisa hinter ihm. »Wenn du dir die Mühe machtest, Niklas kennenzulernen, hättest du den Unterschied bemerkt.«
   »Wenn du meinst!«, schnaubte er.
   »Ich zweifle nicht daran, dass Niklas mich liebt«, stellte Mara fest.
   »Du hast auch nicht an Michael gezweifelt.«
   Mara riss die Augen auf und wich vor ihm zurück, als hätte er sie geschlagen.
   »Stimmt«, griff Lisa mit kirrender Kälte in der Stimme auf. »Aber Niklas hat noch keinen Mucks verloren, wann immer ich den Ehevertrag ansprach.«
   »Tu, was du nicht lassen kannst«, beschied Tim. »Geht mich nichts an.« Allerdings würde er noch einmal einen genaueren Blick auf den Typen werfen. Die letzten Nachforschungen hatten nicht viel ergeben, aber das konnte sich ja geändert haben.
   Mara wandte sich ab. »Das heißt, du wirst nicht kommen?«
   »Ich habe dich gleich gewarnt«, fiel Lisa ihm wieder ins Wort, als er gerade bestätigen wollte, dass er Besseres mit seiner Zeit anzustellen wüsste, als in staubigen Kirchen rumzusitzen und in die Luft zu starren.
   »Natürlich versuche ich, es einzurichten. Setz mich aber nicht neben deinen Pitbull, sonst kann ich für nichts garantieren!« Er warf Lisa einen Blick zu, der leider die Wirkung verfehlte.
   »Ha! Als wollte ich länger in deiner Gesellschaft sein als nötig!«
   »Zwei Jahre!«, hielt Tim dagegen.
   Mara seufzte ein Dankeschön. Seine Zustimmung schien ihr echt was zu bedeuten.
   Lisa grinste diabolisch. »Das mache ich doch nur, weil es für dich noch unerträglicher ist als für mich, mein allerliebster Bruder!«
   »Oh, bitte, Lisa«, murmelte Mara. »Können wir nicht mal lieb zueinander sein?«
   Lisa schnaubte. Sie dachte sicherlich dasselbe wie Tim: Nein, können wir nicht!
   Lisa umrundete ihn und verschwand im dunklen Gang. Tim sah ihr dräuend nach. »Ich hoffe, du planst nicht, hierzubleiben.«
   Mara seufzte. »Du hast frei.«
   Er sparte sich die Bestätigung.
   »Hast du schon was vor?«, fragte sie zaghaft.
   »Nein, Mara!« Es war nicht die Antwort auf ihre Frage, sondern auf das, was ihr im Hinterkopf herumspukte – was immer es auch sein mochte.
   »Weißt du, dass wir uns gerade mal zu Weihnachten gesehen haben? Du warst nicht ein Mal bei uns in den letzten zwei Jahren.«
   Und davor auch nicht, denn Michael hatte er noch nie ausstehen können. Er war ein Vollpfosten gewesen. Spross wohlhabender Eltern, Einzelkind und Lehrer. Der Neue war immerhin Polizist, damit konnte Tim zumindest was anfangen, auch wenn er selbst lediglich Streifenpolizist war und nicht Kommissar wie Niklas Sperber, Maras Zukünftiger.
   »Dafür gibt es auch einen Grund«, murrte Tim. »Ich bin verabredet.« Zwar erst am Abend, aber das musste er ja nicht zugeben.
   »Oh! Vielleicht … ein andermal?«
   »Ich dachte, du brauchst ihn heute«, rief Lisa aus Richtung der Küche.
   »Er hat keine Zeit«, gab Mara zurück. »Kann man nicht ändern.«
   »Könnte er schon!«
   »Hör auf, hier herumzubrüllen, Mann!« Tim drehte Mara an der Schulter herum und schob sie durch den Flur. »Macht, was ihr wollt, nur macht es leise!«
   »Oh, hat der Arme einen Blues?«, höhnte Lisa giftig. »Einen Ich-hab-die-Nächste-abgeschossen-Blues?«
   »Du hast dich getrennt?«, griff Mara auf. Sie drehte den Kopf, um ihn ansehen zu können. »Schlimm?«
   »Ja! Sie kapiert es nicht, okay!«
   Maras Lippen öffneten sich.
   »Sie ist genauso nervig wie ihr beide!«
   Sie klappte den Mund wieder zu.
   »Klar, red dir das mal ein!« Lisa kritzelte auf den Notizblock, auf dem sie die Einkauflisten erstellten. »Tatsache ist, dass sie lediglich eine Beziehung führen möchte, du aber nur was zum Ficken suchst.«
   »Richtig.«
   Mara schnaufte.
   »Nik, wie er leibt und lebt«, höhnte Lisa und hing den Block wieder an die Wand. »Du hättest ihn auch Tim nennen können, Mara.«
   Mara lief rot an. Sie schrieb unter einem Pseudonym Kriminalromane, und einer ihrer Protagonisten wusste genau, wie man mit Frauen umgehen sollte, wenn einem sein Selenheil lieb war: Den Kontakt mit ihnen auf das Nötigste beschränken! Sex ja, Rumgeturtel nein. Hochzeit völlig ausgeschlossen.
   »So. Bleibt hier.« Tim drehte sich um.
   »Keine Sorge, wir haben noch was vor«, stellte Lisa spöttisch fest. »Wir werden dich nicht bei einer schnellen Nummer mit der Nachbarin erwischen.«
   Mara stöhnte. »Oh, bitte, keine Details!« Aber auch sie war vor Lisas spitzen Zunge nicht gefeit.
   »Es war kein Anblick, wie man ihn sich wünscht, wenn man nach zehn Stunden Kanzlei nach Hause kommt: den Bruder kopulierend im Flur!«
   »Tja«, brummte Tim. »Zieh aus, dann ersparst du dir das!«
   »Du könntest deinen Trieb auch unter Kontrolle bringen und es da tun, wo es sich gehört.« Sie schürzte die Lippen. »Ich will gar nicht wissen, wo du überall …«
   »Dann solltest du ausziehen.« Tim grinste dreckig und sah bedeutend an die Stelle, neben der Lisa lehnte. Sie verstand und rutschte zur Seite.
   »In der Küche? O Gott! Ich koche hier!«
   Tim sah zum Tisch.
   »Ich kotz gleich!«, spie Lisa.
   »Bist du so prüde?« Tim hob mokant eine Braue. »Mara, was sagst du dazu? Noch nie eine Küchenparty gefeiert?«
   Mara biss sich auf die Lippe und lief rot an. Tim lachte auf.
   »Anscheinend hat selbst Mara Sex in der Küche, was bedeutet das für dich?«
   »Das ich hier die Einzige mit etwas Anstand bin?« Sie winkte ab. »Tja, da muss ich wohl noch nachlegen.«
   »Schön«, murmelte Mara. »Haben wir nun genug über unsere Sexpraktiken gesprochen?«
   »O ja!« Lisa stellte ihre Tasse ab. »Wann müssen wir da sein?«
   »Elf, aber …« Sie seufzte schwer und warf ihm einen Blick zu.
   Frag nicht, mahnte er sich im Stillen, frag nicht!
   »Vielleicht sollte ich den Termin absagen. Niklas sollte mich doch begleiten. Ich brauche doch eine zweite Meinung.«
   »Du hast meine Meinung«, stellte Lisa trocken fest. »Aber sie scheint dir nicht zu genügen.«
   »Shoppen?« Tim verdrehte die Augen. Jetzt war er Nina entronnen und sollte sich da auf die Zwillinge einlassen? Sicher nicht!
   »Hochzeitsplaner«, korrigierte Mara mit einem vorsichtigen Blick. »Es war der einzige Termin, den wir in diesem Monat noch bekommen konnten, aber Niklas …« Ihre Schultern hoben sich. »Ich will aber nicht ohne männliche Sichtweise hingehen.«
   Tim brauchte einen langen Moment, um zu verstehen, dann lachte er auf und hob abwehrend die Hände. »Niemals!«
   »Aber wenn ich etwas völlig Falsches auswähle?«
   »Nicht mein Problem!« Auf keinen Fall!
   »Aber ich bin dein Problem, oder?«
   Warum musste sich Lisa immer einmischen?
   Sie grinste ihn spöttisch an. »Ich werde ein paar Freundinnen anrufen. Erinnerst du dich an die dicke Lily?«
   Tim verengte die Augen. »Mach das. Aber wenn du mich fragst, solltest du dich lieber mit Männern verabreden.« Er zwinkerte. »Wenn du gleichziehen willst mit deiner besseren Hälfte und mir.«
   »Gute Idee! Ich könnte es mit einer Herde Typen im ganzen Haus treiben!« Lisa strahlte bei dem Gedanken. »Wer weiß, vielleicht wollen deine Gespielinnen ja lieber mit mir und dem heißen Typen ficken als mit dir!«
   »Einen Dreier, Schwesterchen, jetzt wird es erst richtig interessant!«
   »Ihr wisst, dass ich darüber schreiben werde, nicht wahr?«, unterbrach Mara sie. »Und das wird ganz, ganz widerlich!«
   »Zumal er nicht einmal Geschmack hat«, griff Lisa auf. »Manchmal frage ich mich …«
   »Lisa«, mahnte Mara fest. »Es reicht doch mal! Tim, ich befürchte nur, dass ich mich werde hinreißen lassen und eine Hochzeit plane, die Niklas furchtbar findet!«
   »Davon kann man wohl ausgehen!«
   »Tim, du bist ein Arsch!«, schnarrte Lisa. »Du brauchst ihn nicht, Mara, er wäre ohnehin keine Hilfe!«
   »Aber …« Mara brach mit feuchten Augen ab. »Es wird ein Desaster werden!« Sie umrundete ihn und verließ die Küche.
   »Kannst du ihr nicht einmal den kleinsten Gefallen tun?«, fragte Lisa. »Es ist ja nicht so, als hättest du Wichtigeres vor.«
   »Nein, habe ich nicht, aber ich werde euch sicherlich nicht zu einem Hochzeitsplaner begleiten!«
   »Weißt du, so eine Agentur ist nicht ansteckend. Du wirst nicht plötzlich den Wunsch verspüren, auch zu heiraten!«
   In tausend Jahren nicht! Tim schnaubte. Lisa schüttelte den Kopf und stieß sich vom Kühlschrank ab, gegen den sie gelehnt hatte.
   »Was hältst du von einem kleinen Anreiz?«
   »Du überlässt mir die dicke Lily?«, frotzelte Tim und verdrehte die Augen. »Oder spannst mir meine Frauen nicht aus?«
   »Ich ziehe aus.«
   Tim durchzuckte ein kleiner Schlag. »Echt?«
   »Ja.« Sie kam auf ihn zu. »Hilf Mara, und du wirst mich los.«
   Oh, wie verlockend! Tim verengte die Augen. »Und wo willst du hin?«
   »Lass das meine Sorge sein.« Sie grinste. »Abgemacht?«

Kapitel 2
Sweet weddingdreams

Tim parkte seinen Wagen. An seiner Seite schnallte sich Mara ab, während Lisa auf der Rückbank den Ehevertrag durchging.
   »Gütertrennung. Niklas hat sicherlich nichts einzuwenden, schließlich hat er stets betont, sich nicht an dir bereichern zu wollen!«
   Mara drehte sich um. »Lisa! Ich will keine finanzielle Regelung! Das ist so …«
   »Unromantisch«, griff Lisa seufzend auf. »Bei dem Gefälle des Vermögens zwischen euch …«
   »Niklas heiratet mich nicht, weil ich Geld habe!«
   Tim bedauerte, auf Lisa eingegangen zu sein. Er bereute es bereits seit dem Moment, in dem er in den Wagen gestiegen war. Was hatte ihn nur geritten? Er stieß die Tür auf, um dem Hin und Her zu entrinnen.
   »Es ist allein zu deiner Sicherheit!«
   Tim schmetterte die Tür zu. Lisa war einfach nur nervtötend. Kleinlich, rechthaberisch und störrisch. Zu allem Überfluss liebte sie es, ihn zu triezen, ihn herauszufordern und zur Weißglut zu treiben.
   Mara rutschte vom Beifahrersitz und schlug die Tür zu. »Sie treibt mich in den Wahnsinn!«
   Tims Laune hob sich, bis die dritte Tür zuknallte.
   »Sei doch mal realistisch, Mara! Alle Typen sind wie Tim: verkommene Arschlöcher! Es ist nur eine Frage der Zeit …«
   »Danke, Schwester«, murrte Tim. »Vielen Dank!«
   Mara verdrehte die Augen und ließ sie beide stehen. Lisa folgte ihr nach einem spöttischen Zwinkern. Tim spielte mit dem Gedanken, einfach draußen zu bleiben. Zumal die Agentur bereits von draußen schlicht ein Albtraum war. In den großen Schaufenstern hingen Bilder von angeblich glücklichen Hochzeitspaaren, Torten, Schmuck und Kleidern. Ein Fernseher spielte eine Sequenz ab, die für Weddingdreams warb. Überall hingen Blumen, Spitzenschleier und Herzen. Schauderhaft. Hinter Lisa ging die Tür zu und schnitt ihn für einen Moment von seiner Familie ab. Warum zum Teufel waren Frauen so versessen aufs Heiraten?
   In dem Intro drehte sich eine glücklich lachende Blondine im Kreis. Ihr Kleid bauschte sich, und ihr Schleier flatterte im Wind. Sie warf den Brautstrauß direkt in die Kamera. Tim schüttelte den Kopf, als ein ebenfalls überglücklicher Bräutigam ihn in letztem Moment auffing und zur Braut lief, um sie von den Füßen zu heben, zu küssen und sich mit ihr gemeinsam im Kreis zu drehen. Welchen Sinn machte das?
   Er schüttelte den Kopf. Die Kamera fuhr durch einen prunkvoll dekorierten Saal, der sicher für hundert Gäste bereitgestellt wurde. Kristall glitzerte, Gold schimmerte, und Tüll und Seide rundeten alles ab. Was musste man genommen haben, um das auch nur erträglich zu finden?
   Zumindest erkannte er, dass Maras Befürchtung nicht unbegründet war. Es war wohl zu leicht für eine Frau wie sie, eine Hochzeit zu planen, die einen Fluchtreiz im Bräutigam auslöste. Selbst wenn der Gedanke an die Ehe an sich das noch nicht vollbracht hatte. Tim riss die Tür auf und stieß mit einer Brünetten zusammen. Sie sah auf. Katzenaugen legten sich auf ihn. Tim starrte sie an. Seine Schwestern hatten grüne Augen, weshalb er generell blaue oder braune Augen bevorzugte. Er hatte auch noch nie etwas mit einer Rothaarigen gehabt. Vielleicht hätte er keine voreiligen Ausschlüsse machen sollen, denn diese Augen sprachen von unglaublichen Verheißungen.
   »Darf ich?«
   Tim schüttelte sich. »Natürlich.« Er räumte die Tür und hielt sie ihr auf.
   »Danke.« Sie wandte ihm den Rücken zu und ging einige Schritte den Weg entlang. Ein Typ folgte ihr und holte sie ein, um sie am Ellenbogen aufzuhalten und herumzudrehen. Sie riss sich augenblicklich los.
   »Komm schon, Ariane, der alten Zeiten willen.«
   Arianes Augen verengten sich in ihrer eisigen Miene. »Ich habe unzählige Anfragen, Paul. Eine Warteliste von mehreren Monaten.«
   Paul hob die Hand und wollte ihr Gesicht berühren, aber sie wich rechtzeitig aus. »Komm schon, ich bin’s. Für alte Freunde kannst du doch mal eine Ausnahme machen.«
   »Nein«, beschied sie knapp. »Du kannst es ja bei Ludmilla versuchen. Viel Glück.« Sie ließ ihn stehen und kam wieder auf Tim zu. Ihre Blicke trafen sich, und er konnte nicht wegsehen. »Sie sind mein Elf-Uhr-Termin? Wagner?« Sie streckte die Hand aus. »Ariane Burbaum. Bitte kommen Sie doch herein.« Sie deutete in die Agentur.
   »Nach Ihnen«, murmelte Tim.
   »Ariane!« Paul riss sie zurück, als sie an Tim vorbei in die Büroräume treten wollte.
   Tim ließ die Tür los und zügelte sich gerade noch. Er konnte keinem Passanten auf offener Straße eine runterhauen, so sehr er es auch verdient haben mochte.
   »Ich finde, das bist du mir schuldig«, scharrte Paul, während er Ariane an sich zog. »Du hast mich auf einem Haufen Schulden sitzen lassen!«
   Ariane lachte auf. »Lass mich los.«
   »Sie haben die Dame gehört. Lassen Sie sie los und verschwinden Sie«, mischte sich Tim ein.
   Ariane sah zu ihm auf, und einen Moment bekam er den Blickkontakt zurück. Das Grün ihrer Augen war merkwürdig intensiv.
   »Das hier erfüllt den Strafbestand der Belästigung«, führte Tim mit merkwürdig kratziger Stimme aus.
   »Und was geht Sie das an?«, schnarrte Paul grimmig. »Ich habe mit einer alten Freundin zu reden!«
   »Ich bin Polizist.«
   »Ah!«, machte Ariane und grinste zufrieden. »Sehr schön. Ist es einer Anzeige wert?«
   »Natürlich können Sie Anzeige erstatten, Frau …« Hatte irgendjemand einen Nachnamen genannt?
   »Burbaum«, half sie aus. »Und ich denke, es macht durchaus Sinn. Er hat mich bereits vor ein paar Jahren massiv belästigt.«
   Paul ließ ihren Ellenbogen los. »Das ist wohl Ansichtssache.«
   »Gab es eine Fernhalteverfügung? Es ist kein großer Aufwand, so etwas neu aufleben zu lassen …« Tim behielt Paul im Auge. War er womöglich gewalttätig?
   »Ich will lediglich meine Hochzeit planen lassen!«
   »Die ich weder planen will noch werde!«, griff Ariane auf. Sie hob eine ihrer Brauen. »Du bist hier völlig fehl am Platz und hältst den Verkehr auf!«
   »Meine Verlobte …«
   »Ist mir völlig gleich. Leb wohl, Paul!« Ariane wandte sich ab und riss die Tür zur Agentur auf.
   Paul wollte ihr folgen, aber Tim verstellte ihm den Weg. »Frau Burbaum hat ihre Entscheidung getroffen, das sollten Sie akzeptieren. Und gerade jetzt hat sie wichtigere Sachen zu tun, als sich mit Ihnen auseinanderzusetzen.« Maras Hochzeit.
   Paul sirrte geradezu vor Zorn.
   »Nur zu. Schlagen sie mich, schubsen Sie mich, tun Sie, was Sie wollen.«
   Paul ballte die Faust.
   »Angriffe auf Polizeibeamte werden seit einigen Monaten recht hart bestraft. Minimum drei Monate ohne Bewährung.« Tim grinste, denn Paul machte augenblicklich einen Schritt zurück. Damit hatte sich das neue Gesetz bereits bewährt, fand er.
   Paul biss die Zähne zusammen, gab aber nach. »Ich komme wieder«, warnte er. »Sie können hier nicht rund um die Uhr Wache halten.«
   Das hatte Tim auch nicht vor, trotzdem grinste er. »Ach, wirklich?«
   Paul ließ ihn stehen. Er stieg in die S-Klasse neben Tims Subaru. Er sah ihm noch nach, als der Wagen die Straße hinunterrollte, auch, als sich die Tür zur Agentur wieder öffnete.
   »Tim!«
   Er drehte sich gezwungenermaßen um. Lisa stand in der Tür, zog eine Miene, die ihren Verdruss hervorragend zur Geltung brachte, und zeigte mit dem Daumen in die Agentur.
   »Heute noch?«
   Warum nicht? Vielleicht bekäme er Ariane einen Moment allein zu sprechen. Er hatte noch ein freies Wochenende und nichts dagegen, sie dafür einzuplanen. Zufrieden folgte er Lisa. Mara sprach bereits mit Ariane und warf ihm lediglich einen Blick zu, als er näher kam.
   »Ja, das ist wahr. Es ist ein ganz besonderes Ereignis.«
   Ariane nickte zufrieden. »So ist es. Wir haben hier den Brauch, dass wir uns mit den Vornamen ansprechen. Die Planung einer Hochzeit ist etwas Verbindendes.« Sie lächelte, und es machte ihr Gesicht noch ansprechender als die eisige Miene, die sie während ihres Gesprächs mit diesem Paul gezeigt hatte.
   »Oh, natürlich«, willigte Mara ein. »Ich bin Mara. Meine Schwester Lisa und Tim.« Sie deutete auf ihn, und Arianes Blick legte sich auf ihn.
   Sie nannte ihren Namen. »Wollen wir uns setzen?« Sie ging um den runden Tisch herum. Als Tim seinen Stuhl zurückzog, bemerkte er die Displays, die in der Tischplatte eingelassen waren. »Habt ihr bereits eine Vorstellung davon, wie die Hochzeit ablaufen soll oder steht noch alles offen?«, fragte Ariane und tippte auf ihr Display.
   Seines erwachte zum Leben. Ein Menü poppte auf, rosa geblümt und übertrieben verschnörkelt. Die ganze Prozedur war nur darauf angelegt, einen Mann in die Flucht zu schlagen.
   »Nein. Das heißt, ich kann mich nicht entscheiden.«
   »Mara kann sich nie entscheiden«, griff Tim auf, ohne dass er es wollte.
   »Wissen Sie denn, wie Sie heiraten möchten, Tim?« Ariane sah in wieder direkt an. Ihre grünen Augen funkelten geheimnisvoll, und ein leichtes Lächeln lag auf ihren Lippen.
   »O ja«, murmelte er, wobei er nicht vorrangig an ihre Frage dachte, sondern eher daran, das Wochenende mit ihr zu verbringen. »Und sicherlich nicht in Rosa.«
   Ariane tippte auf ihr Display, und das rosa Menü wurde zu einem lichten Türkis. Sie hob eine Braue. »Ich nehme an, darauf möchten Sie auch verzichten?« Ein weiterer Tippser, und Blumen und Schnörkel verschwanden.
   »Schon besser«, brummte Tim.
   Lisa warf ihm einen spitzen Blick zu. »Vielleicht magst du die Trauung in eine Gruft verlegen? Mit schwarzer Messe und so?«
   Mara gurgelte. »Nein! Auf keinem Fall! Lisa, setz Tim nicht auch noch Flausen in den Kopf! Und bitte! Ich heirate nur dieses eine Mal. Da darf ruhig etwas Geschnörkel dabei sein!« Sie tippte auf Arianes Display, bekam aber keine Schnörkel, sondern Farbe.
   »Mara, bitte versuchen Sie es auf Ihrem Display.« Ariane stellte die Farbe wieder auf Türkis und faltete ihre langen Finger vor ihrem Körper. »Wir sind uns also nicht einig? Kein Problem. Ihr könnt beide eure Vorstellungen in das Programm eingeben, und dann schauen wir weiter.« Sie lächelte in die Runde. »Wie wäre es mit Kaffee? Tee? Sekt?«
   »Kaffee, danke«, gab Mara zurück und beschäftigte sich bereits mit dem Menü. Lisa rutschte zu ihr und bat ebenfalls um den Bohnenaufguss.
   Tim erhob sich. »Ich helfe Ihnen«, bot er an.
   Ariane warf ihm einen Blick zu, der ihn innehalten ließ. »Ich habe Hilfe, Tim. Es ist wichtiger, dass Sie Ihre Vorstellungen in den Computer eingeben, damit wir uns ein Bild davon machen können, wie die perfekte Hochzeit aussehen wird.« Sie zog die Tür hinter sich zu.
   »Abserviert!«, flötete Lisa und widmete sich wieder Mara.
   Tim sah an die Decke. Womit hatte er zwei so nervtötende Weiber verdient, die ihm jedes ihrer Lebensjahre das eigene versauten? Waren es jetzt schon achtundzwanzig davon?
   »Niklas ist Katholik, wir werden wohl katholisch heiraten. Kirchlich.«
   »Muss ich dabei sein?«
   Mara sah über die Schulter zu ihm zurück. »Ja! Mann, jetzt setz dich hin und schau dir an, was es für Möglichkeiten gibt.«
   »Das wäre was: Tim im Hochzeitsanzug!« Lisa kicherte. »Ob wir das erleben werden?«
   »Sicher nicht!«, brummte er, setzte sich aber wieder an den Tisch. Er las die Einträge des Menüs. Kleidung, Verpflegung, Lokation. Bündels. Er tippte auf Kleidung und auf Bräutigam und wurde von einer Auswahl regelrecht erschlagen. »Scheiße«, murrte er. »Wie lange sollen wir hier herumsitzen?«
   »Ein paar Stunden.«
   Tim sah auf. Lisa grinste breit. So ein Miststück. Wahrscheinlich hatte sie auch gar nicht vor, auszuziehen und hatte ihn nur damit ködern wollen. Sie würde es sich zukünftig zwei Mal überlegen, ihn reinlegen zu wollen. Er scrollte durch die Bilder und wählte einen blass fliederfarbenen Anzug mit floralem Muster auf der Weste, das sich auch in der Fliege und dem Einstecktuch wiederfand. Er wechselte zu der Damenbekleidung. Ein Kleid mit nahezu freiem Rücken sollte es tun, dazu kurz und mit viel Glitzer. Rot sollte es sein. Das stach sich so schön mit ihren Haaren. Gut gelaunt ging er über zu der Verspeisung. Die Mädchen liebten Fisch, also wählte er Lamm. Zwei Vorsuppen, beide mit Reis, und lausiges Vanilleeis zum Nachtisch. Die Torte hätte er gern ganz gestrichen, wählte dann aber eine mit Vanillecreme, dreistöckig und mit Schokoglasur. Lisa hasste Schokolade, und er fand die Tropfenform nahezu abartig hässlich. Lokation. Die Eheschließung sollte auf dem offenen Feld stattfinden, und dort konnten sie auch gleich feiern. Seine Laune hob sich mit jedem Tippser auf dem Display, und als Ariane endlich zurück war, grinste er breit.
   »Fertig.«
   »Ah, da ist jemand schnell entschlossen.« Ariane stellte eine Tasse vor ihm ab. »Kaffee?« Sie hob die Kanne.
   »Danke.«
   Sie wandte sich den Zwillingen zu, bot ihnen Kaffee an und setzte sich an ihren Platz. Sie ging durch die Daten und prustete in ihren Kaffee. Sie hob den Blick, begegnete seinem und wandte sich an Mara.
   »Ich fürchte, Sie haben ein Problem. Ihre Vorstellungen sind schlicht nicht kompatibel.« Sie tippte auf ihr Display, und auf seinem erschien ein Diagramm. Rechts seine Eingaben, links Maras.
   »Tim!«
   Mara und Lisa starrten ihn aus identisch verärgerten Augenpaaren an.
   »Mara, das Kleid, das du ausgewählt hast, ist schauderhaft.«
   »Mein Kleid? Tim, deines ist fürchterlich! Ich heirate doch nicht in Rot!«
   »Aber ich finde, dieses Lavendel wird ihm schmeicheln.« Lisa schüttelte den Kopf. »Wir sollten darauf bestehen, dass alle Männer diesen Ton tragen müssen.«
   »Bist du verrückt!« Mara schüttelte den Kopf. »Es soll der schönste Tag meines Lebens werden und keine Farce zu eurer Belustigung!«
   »Du wolltest meine Ansicht, da ist sie!«
   »Lamm? Tim, keiner von uns mag Lamm, du eingeschlossen!« Mara schüttelte den Kopf. »Vanilleeis und Creme in der Torte? Du nimmst das hier nicht ernst!«
   »Ich mag Vanilleeis und dachte, du willst deinen Hochzeitsgästen ein außergewöhnliches Hochzeitsmahl kredenzen.«
   Ariane räusperte sich. »Vielleicht benötigen Sie etwas mehr Zeit, um alles zu überdenken. Mara, lassen Sie uns die Eckpunkte festlegen, und dann besprechen Sie alles mit Ihrem Bräutigam.«
   Mara seufzte schwer, warf ihm einen weiteren bitterbösen Blick zu und stimmte ein. »Womöglich ist es tatsächlich besser so. Also, um welche Eckpunkte geht es?«
   »Zeitpunkt, Umfang und der finanzielle Rahmen.« Ariane stellte ihre Tasse ab und nahm das Diagramm vom Bildschirm. »Wann soll die Hochzeit stattfinden? Ich muss gestehen, dass wir eine Mindestvorlaufzeit von drei Monaten haben, und je nach Umfang wird auch die Zeitspanne größer.«
   »Oh, kein Problem. Ich dachte auch an sechs bis neun Monate.«
   Arianes Lächeln vertiefte sich. »Sehr schön. Möchten Sie bereits ein Datum festlegen? Hier sind die Termine, die wir noch freihaben.«
   Mara beugte sich über den Tisch. »September hört sich doch gut an.« Sie sah zu Lisa. »Oder?«
   »September hört sich super an.«
   »Dann nehmen wir doch den siebenundzwanzigsten September.« Mara kramte in ihrer Tasche und zog ihr Handy hervor. Sie schrieb schnell eine Nachricht und wartete, während sie auf das Telefon starrte. Es piepte, und sie seufzte. »Ja, der siebte wäre uns recht.« Sie strahlte regelrecht. »Der siebenundzwanzigsten September.«
   »Schön. Wagner und …?«
   »Sperber«, gab Mara schnell die Antwort. »Wagner und Sperber.«
   »Schön. Wir haben verschiedene Bündel im Angebot, aber natürlich lässt sich jedes Element auch einzeln buchen. Gibt es etwas, was Sie von vornherein ausschließen?«
   »Nein.«
   Ariane sah zu Tim, als erwartete sie auch seine Antwort. Er zuckte die Achseln.
   »Also gut. Wie sieht es mit den finanziellen Bedingungen aus?« Sie hob eine Braue.
   »Es gibt kein Limit«, beantwortete Mara erneut die Frage.
   »Und wie es das gibt!«, widersprach Lisa. »Wir werden das Angebot prüfen und abwägen.«
   »Hört sich vernünftig an«, griff Tim auf. Mara musste man tatsächlich immer wieder bändigen, damit sie ihr Vermögen nicht zum Fenster hinauswarf. »Überlass die Zeche doch dem Bräutigam.«
   »Wie spendabel.« Ariane wandte sich Mara zu. »Es gibt Momente, da sollte man nicht Nein sagen, und dieser ist einer.«
   »Ich denke, Tim hat gerade angeboten, die Kosten zu übernehmen«, mischte sich Lisa ein. »Da solltest du keinesfalls Nein sagen, Mara!«
   »Ich bezahle meine Hochzeit selbst!«, beharrte Mara stur. »Dann weiß ich wenigstens, dass ich alles so bekomme, wie ich es möchte!«
   Arianes Haltung blieb verbindlich. »Da ist etwas dran. Nun, wollen wir uns an die grobe Planung setzen? Soll es eine kirchliche, eine rein standesamtliche oder eine freie Trauung sein?«
   »Standesamtlich und kirchlich. Katholisch, wenn man es genau nimmt. Vielleicht wäre da eine Kirche in Selm ganz gut?«
   Ariane notierte es. »Ich schaue, was sich machen lässt.« Sie hob den Blick. »Sie überlassen mir doch die Absprache mit Standesamt und möglichen Gotteshäusern?«
   Mara nickte. Ariane zog eine Schublade auf. »Ich habe hier einige Unterlagen, die ich möglichst rasch zurück brauche. Einverständniserklärungen, Dokumente etc. Lesen Sie sich alles in Ruhe durch, unterschreiben Sie und schicken Sie mir die nötigen Unterlagen wieder zu. Wenn Sie Fragen haben, Mara, stehe ich Ihnen selbstredend zur Verfügung.«
   Tim wartete, dass sie auch ihn ansah, aber Ariane konzentrierte sich ganz auf die zukünftige Braut.
   »Wir werden weitere Termine festlegen. Zunächst sollten wir uns um die Garderobe kümmern. Wir haben Partnerschaften zu zwei Boutiquen, aber es ist auch möglich, sich das Kleid auf den Leib schneidern zu lassen. Diese Variante hat den Vorteil, dass die Termine bei Ihnen stattfinden können, und ist daher recht beliebt. Sollten Sie sich dafür entscheiden, brauche ich natürlich recht schnell eine Antwort.«
   Tim stöhnte innerlich, als die Frauen begannen, Maras Vorstellungen auseinanderzupflücken und er als Zaungast danebensaß. So hatte er sich seinen freien Tag nicht vorgestellt!

*

Ariane schloss die Tür zu ihrem Büro ab, während sie wählte. Es dauerte, bis abgenommen wurde. In der Zeit wanderte sie durch die angrenzenden Räume und kontrollierte die Fenster.
   »Liebling weißt du eigentlich, wie spät es ist?«
   Ariane seufzte. »Natürlich weiß ich das. Mama, wie sehen eure Reservierungen im Juli aus?«
   »Hast du ein Glück, dass ich noch im Büro bin.«
   Glück hatte damit nichts zu tun, sondern pures Kalkül.
   »Ich könnte zwei Hochzeiten a hundert Personen bei euch platzieren. Dreizehnten und siebenundzwanzigsten Juli.«
   »So ein Glück für dich, Liebes, da haben wir noch was frei.«
   Glück, natürlich, als wäre Ariane darauf angewiesen, die Feiern in der Gaststätte ihrer Eltern zu platzieren. »Gut, dann trag doch bitte ein, dass an beiden Tagen ab ein Uhr belegt sein wird. Über die Konditionen können wir uns am Dienstag unterhalten. Es bleibt bei unserer Verabredung?«
   »Aber natürlich!«
   Ariane schlüpfte in ihren Mantel und schlang sich die Tasche um. »Schön. Papa geht es gut?«
   »Aber ja doch.«
   Ariane schaltete die Alarmanlage an, zog die Tür zu und schloss ab. »Schön. Also, dann sehen wir uns Dienstag.« Sie legte auf und verstaute das Telefon. Als sie aufsah, zuckte sie zurück. Vor ihrer Agentur parkte ein Mercedes, und gegen die Motorhaube gelehnt stand Paul mit verschränkten Armen.
   »Feierabend? Dann hast du jetzt vielleicht einen Moment Zeit für mich?«
   Ariane atmete gedehnt aus. »Ich habe alles gesagt, was es zu sagen gibt, Paul. Vor drei Jahren schon.«
   »Jacqueline will …«
   Ariane ließ ihn stehen. Ihr Wagen stand in der Tiefgarage eine Straße weiter.
   »Bleibst du wohl stehen.« Paul riss sie am Arm zurück.
   »Lass mich los!« Sie schubste ihn von sich. »Du und ich, Paul, haben nichts mehr miteinander zu schaffen! Ich plane deine Hochzeit nicht!« Wieder ließ sie ihn stehen, und wieder hielt er sie auf.
   »Ich denke, das bist du mir schuldig.«
   »Ich bin dir gar nichts schuldig.«
   »Du hast mich auf siebentausend Euro Schulden sitzen lassen.« Sein Griff wurde fester.
   »Es waren deine Schulden, Paul. Du hast dafür gesorgt, dass die Hochzeit platzte, warum sollte ich dann dafür aufkommen?«, fragte Ariane, obwohl sie keine Antwort darauf wollte. »Und ich bin in der Lage, mir meine Aufträge auszusuchen.« Sie setzte ein kaltes Lächeln auf. »Deine plane ich nicht. Wenn Jacqueline dich heiraten will, muss sie jemand anderen dafür finden. Und jetzt lass mich in Frieden!« Sie löste sich. »Ich hoffe, ich muss dich nicht wiedersehen.«
   »Du hast die Hochzeit platzen lassen. Nicht ich.« Paul stellte sich ihr in den Weg. »Du bist einfach abgehauen.«
   »Du hast deine Schlampe in unserem Bett gefickt. In der Nacht vor unserer Eheschließung. Hätte ich bleiben sollen? Wozu?« Sie schnaubte verächtlich. »Über ein Jahr hast du mich betrogen.«
   »Das war das erste Mal, und ich war betrunken, Ariane, ich habe dich geliebt. Ich …«
   »Erzähl das jemanden, der dumm genug ist, dir zu glauben! Lass mich in Frieden!« Sie trat zurück. »Wenn du mich weiterhin belästigst, rufe ich die Polizei.«
   »Den Idioten von heute Morgen?« Paul folgte ihr.
   Ariane zog ihr Handy aus der Tasche. Ihre Absätze klapperten laut auf dem Straßenbelag und hallten von den Wänden wider, als sie das Parkhaus betrat. Sie hatte einen Stellplatz gemietet und musste nur um die Ecke.
   »Idiot.«
   Ariane fuhr herum, wobei ihr das Telefon aus der Hand rutschte. Tatsächlich stand der Verschmähte im Torbogen des Parkhauses, keine zwei Schritte hinter Paul.
   »Beamtenbeleidigung wird nur mit einer Geldstrafe bedacht, also wesentlich klüger als ein physischer Angriff.« Tim Wagner sah von Paul zu ihr. »Sie sollten ihn anzeigen. Er scheint nicht hören zu wollen.« Er kam auf sie zu, wobei er Paul links liegen ließ, und bückte sich vor ihr, um ihr Handy aufzuklauben. Er hielt es ihr entgegen.
   »Danke.« Ihre Finger schlossen sich fest um das Stück Elektronik. »Und Sie haben recht, ich sollte ihn anzeigen.«
   »Ich begleite Sie. Als Zeuge und zur Sicherheit.« Er deutete zum Ausgang. »Die Wache ist nicht so weit entfernt.«
   »Was soll der Scheiß? Wir haben nur miteinander gesprochen«, rief Paul ihnen nach. »Ariane!«
   »Er ist nicht besonders klug, oder?«, fragte Tim neben ihr.
   »Nein. Eigentlich ist er der Idiot.« Ariane warf einen Blick zurück. »Es bringt nicht wirklich was, ihn anzuzeigen, oder?«
   Tim wiegte den Kopf. »Es kommt wohl darauf an, was man erwartet. Ein Schutz ist es nicht. Aber vielleicht der nötige Warnschuss.«
   Ihre Augen durchbohrten ihn. »Sie raten mir ab?« Sie klang verblüfft und verärgert zugleich. Sie blieb stehen. »Dann kann ich …«
   »Ich rate Ihnen nicht ab, Ariane. Aber ich kenne ihn nicht. Trauen Sie ihm zu, dass er Ihnen wieder auflauert? Gewalttätig wird? Dann sollten Sie auf jedem Fall Anzeige erstatten.«
   Ariane sah zurück. Die Straße war leer, von Paul war weit und breit nichts zu sehen. Sie seufzte. »Ich weiß es nicht.«
   »Haben Sie schon gegessen? Es ist schon ziemlich spät, und sie kamen aus der Agentur.«
   Ariane riss ihre Gedanken von Paul fort und runzelte die Stirn. »Haben Sie mich beobachtet?«
   Er hob eine Achsel. Es sah verflucht lässig aus. »Ich war in der Nähe.«
   Was war das für ein Grund, jemandem aufzulauern? »Und?«
   »Ich habe nicht erwartet, dass noch jemand da ist.« Wieder dieses einseitige Zucken der Achsel. »Zu Hause wird nur noch über das Heiraten gesprochen, und das ist nicht lustig.«
   Zumindest klang er aufrichtig. »Das sollten Sie zu Hause ansprechen, Tim.« Wieder ein Bräutigam, der sich nicht sicher war. Innerlich schüttelte Ariane den Kopf. Warum stellte man diese Frage, wenn man eigentlich gar nicht heiraten wollte?
   »Also?« Er sah an ihr herab. »Il forno?« Er begegnete ihrem Blick.
   Bisher war ihr überhaupt nicht aufgefallen, was für hübsche Augen er hatte. Gut, durch die blonden Wimpern vielleicht etwas zu unauffällig, aber dieses klare Blau …
   Ariane riss sich zusammen. Er war ein Klient und sicherlich auch sonst nichts, woran sie sich die Finger verbrennen wollte. Sie hob zu einer Ablehnung an.
   »Bitte«, würgte er sie mit einem einzigen Wort ab.
   »Schön.«
   Ein Grinsen schlich sich auf seine Lippen. »Schön.«

Ariane schlenderte neben Tim her. Er war erstaunlich aufmerksam, zumal, wenn man bedachte, wie wenig zugänglich er am Morgen gewesen war. Da hätte sie sein Verhalten eher als abweisend beschrieben, besonders der Schwester der Braut gegenüber. Es ging sie absolut nichts an, aber Mara und Tim sollten ihre Pläne wirklich überdenken. Natürlich konnte sie das nicht ansprechen, auch wenn sie während des Essens immer wieder den Drang dazu verspürt hatte. Nach dem groben Überblick, den sie am Vormittag gewinnen konnte, würde die Hochzeit alles andere als günstig sein, und da sollte man es sich sehr gut überlegen. Andererseits konnte es ihm egal sein, wenn tatsächlich Mara für die Zeche aufkommen müsste. Ariane presste die Lippen aufeinander.
   »Keine Sorge, er müsste schon ein besessener Vollidiot sein, Sie heute noch einmal zu überfallen.« Tim zwinkerte ihr zu. »Und ich bin bei Ihnen, um Sie zu beschützen, Ariane.«
   Da fühlte man sich doch gleich viel sicherer, zumal Tim im Gegensatz zu Paul kräftig und durchsetzungsfähig erschien. Er war sicherlich zehn Zentimeter größer, vom Umfang von Brust und Armen ganz zu schweigen.
   »Ich bin nicht besorgt«, behauptete Ariane und richtete den Blick wieder auf die Straße vor ihnen. »Erinnern Sie Mara daran, dass ich ihre Entscheidung zum Brautkleid so schnell wie möglich benötige. Sie kann gern zunächst durch das Sortiment gehen, dass unsere Partnershops anbieten.«
   »Ich glaube nicht, dass ich Mara darauf ansprechen möchte.« Er klang belustigt. »Sie steigert sich da echt rein.«
   »Natürlich.« Ariane spürte ihr Ressentiment wachsen. »Für Männer mag der Hochzeitstag nur ein weiterer Tag in einer langen Folge sein. Für eine Frau ist eine Hochzeit immer noch etwas Magisches. Etwas Bedeutendes.« Unwillkürlich dachte sie an ihre eigene traurige Erfahrung auf diesem Gebiet. »Wenn Sie Mara lieben, machen Sie ihr das nicht kaputt.« Und wenn nicht … Ariane verbiss sich jedes weitere Wort.
   »Frauen«, murmelte er, wobei er wohl davon ausging, dass sie es nicht mitbekam. Warum heiratete er Mara?
   Sie betrat das Parkhaus, und jeder ihrer Schritte hallte laut von den Wänden wider.
   »Es ist ihre Entscheidung«, griff er auf. »Ich werde brav mitspielen.«
   Mitspielen. Sollte sie Mara warnen oder ihr lediglich schon mal einen guten Scheidungsanwalt ans Herz legen?
   Sie langten bei ihrem Mini Cooper an, und Ariane entriegelte ihn mit ihrem Fingerabdruck. Tim hob beeindruckt eine Braue.
   »Also, Tim, danke für das Abendessen.«
   Sein Mundwinkel zuckte. »Gern.« Er kam näher, zu nah. So einer war er also. Seine Fingerspitzen berührten ihre Wange, glitten ab, und er beugte sich vor.
   »Tim?« Ariane legte ihre Hand mit abgespreizten Fingern auf seine Brust und baute Druck auf. »Da gibt es Dinge, an die Sie denken sollten.« Dass sie den Mund nicht hielt, zum Beispiel. Was er aufs Spiel setzte.
   »Mir gehen eine Menge Dinge durch den Kopf«, hauchte er und ignorierte ihren Widerstand. Dachte er, es wäre nur ein Spiel?
   »Den ganzen Tag bereits.«
   Na, dann sollte er Nägel mit Köpfen machen und mit Mara reden!
   »Seit du mir in die Arme gelaufen bist.«
   Oh, klar, sie war schuld an seiner untreuen Gesinnung!
   Seine Lippen streiften über ihre.
   »Das reicht, Tim!«
   Er erstarrte, und als er sich zurückzog, konnte sie ihm ansehen, dass er nach dem Fehler suchte. Wo genau ihm die Situation aus der Hand gerutscht war. So einer. »Was habe ich falsch gemacht?«
   »Ich habe kein Interesse.« An schnellen Nummern, Affären und Arschlöchern im Großen und Ganzen.
   Er glotzte sie an.
   »Gute Nacht.« Sie wandte sich um, als sein Arm an ihr vorbeigriff. Ariane hielt den Atem an. Er würde sich doch nicht aufdrängen?
   Er zog die Tür auf. »Gute Nacht und sichere Heimfahrt, Ariane.«
   Sie rutschte auf den Fahrersitz, und er schlug vorsichtig die Tür zu. Er sah ihr noch nach, als sie zurücksetzte und losfuhr.

*

Tim war in Gedanken versunken und bemerkte erst, dass jemand vor der Haustür stand, als er um die Ecke der Garage bog. Seine Finger schlossen sich fest um seinen Schlüsselbund, und er blieb stehen.
   Susi lächelte ihn an, ihr rundes Gesicht leicht zur Seite und nach unten geneigt, sodass es wie üblich schüchtern und kindlich wirkte. »Ich habe auf dich gewartet.« Ihre Mandelaugen waren das Bemerkenswerteste an ihr, ansonsten war sie eine gewöhnliche Vietnamesin. Klein, zierlich, leicht gebräunt mit einem Touch ins Gelbliche. Ihre vollen Lippen waren der zweite Fixpunkt, auch wenn sie die für seinen Geschmack zu deutlich betonte.
   »Du hättest anrufen sollen«, murrte er und schob sie zur Seite, um die Tür öffnen zu können. »Ist Lisa noch nicht zurück?«
   Susi folgte ihm und umrundete ihn noch ihm Flur blitzschnell, um ihre Schuhe auszuziehen und fein säuberlich unter die Garderobe zu stellen, dann war sie auch schon bei ihm und zog an seiner Jacke. »Lass mich dir helfen. Hattest du einen anstrengenden Tag? Was kann ich für dich tun, damit du dich entspannen kannst?« Sie hängte schnell die Jacke auf und schob ihn ins Wohnzimmer, um ihn auf der Couch niederzudrücken. »Wie wäre es mit einer Tasse Grünen Tee? Du wirst sehen, im Nu wirst du dich besser fühlen.« Sie kniete sich nieder, um ihm die Schuhe auszuziehen und sie mit sich zu nehmen.
   Tim sah ihr nach, bis sie im Flur verschwand. Sie verbarg sich fast vollständig hinter ihrem offenen, langen schwarzen Haar. Er ließ sich zurücksinken und faltete die Finger hinter seinem Kopf, um an die Decke zu starren. Ein merkwürdiger Tag. Einen großen Teil davon hatte er schlicht verplempert, in der Zeit hätte er alles Mögliche tun können, hatte aber nur Ariane anstarren können. Nun, viel Sehenswertes hatte es in ihrem Schauerkabinett auch nicht gegeben. Nur sie. Sie hatte eine Art, sich zu bewegen, die ihn schnell gefesselt hatte. Es hatte eine Sicherheit in ihr gesteckt, eine Leichtigkeit und Eleganz, die etwas merkwürdig Faszinierendes hatte. Fast schon Beruhigendes. Er grinste und schloss die Lider. Ihre Stimme war warm und weich, und er hatte nichts dagegen gehabt, ihr stundenlang zuzuhören, auch wenn das Thema wirklich haarsträubend war. Hochzeit.
   Kleine Finger strichen über seinen Arm und legten sich mit deutlich mehr Druck in seinen Nacken. Susi setzte sich auf seinen Schoß und grub die Fingerspitzen in seine Muskulatur. »Du bist ganz verspannt«, raunte sie, wobei ihr Atem über seine Wange hauchte. »Lass mich für Entspannung sorgen.« Sie knetete seine Schultern, ging hoch bis zu seinem Nacken und wieder herab zu seinen Oberarmen.
   Es tat gut, und tatsächlich fiel eine unbewusste Anspannung von ihm ab. Mit einem Seufzen legte er die Hände auf ihre Hüften und zog sie an sich. Er musste den Kopf frei kriegen, und dafür gab es eine Sache, die immer dazu führte, dass er klarsah. Dinge sortiert bekam, die ihn nur belasteten. Wie die Frage, wie Ariane ihm entwischen konnte. Sie war ihm ausgewichen, dabei hatte er den perfekten Gentleman gemimt und sie vor ihrem Ex gerettet. Was also war passiert, dass sie sich nicht einmal mit einem Kuss verabschieden wollte?
   Susi ging direkt auf seine Annäherung ein und küsste ihn. Beruhigt ließ er sich fallen. Susi hatte den Vorteil, dass er sich nicht bemühen musste – um nichts. Das mochte er noch mehr an ihr als ihre Augen oder ihre Lippen. Das war es, was ihre Beziehung halten ließ, denn sonst gab es nichts, was ihn an ihr interessierte. Sie war langweilig. Absolut.
   Aber wenn sie etwas konnte, dann war es dies hier.
   »War es ein langer Tag?«, raunte sie und erinnerte ihn damit an die eine Sache, die ihn wirklich störte: ihre Neugierde. »Hattest du nicht frei? Was hast du gemacht?« Sie versteckte jede Frage gut in zärtlichen Berührungen und Küssen, aber er spürte, dass sie umkam vor Wissensdurst.
   »Mara und Lisa«, murrte er, nicht sicher, warum er überhaupt auf die Fragen einging, die er meistens schließlich ignorierte.
   »Geht es ihnen gut?«
   Er musste eine Zustimmung und schob Susi von sich. »Ich glaube, ein Schluck Tee wäre jetzt gut.« Idiotisch, schließlich half Sex wesentlich besser gegen jede Verstimmung als ein heißer Blätteraufguss. Trotzdem hob er sie von seinem Schoß und griff nach der Tasse, bevor sie sich danach strecken konnte.
   »So schlimm?« Ihre Stimme senkte sich zu einem beruhigenden Timbre, und sie fuhr fort, seine ihr zugewandte Schulter zu massieren. »Was haben sie angestellt?«
   »Ja gesagt«, brummte er, nippte an seinem Tee und haderte mit sich. Vielleicht hätte er besser den Mund gehalten.
   Susi quiekte und rutschte direkt wieder auf seinen Schoß. Der Tee schwappte über den Rand und nässte seine Hose.
   »Verdammt.« Er schob sie von sich und sprang auf, um den Kontakt seiner Hose mit der Haut zu unterbrechen. »Pass doch auf.«
   »Oh! Es tut mir leid, lass mich sehen. Ich kenne ein hervorragendes Hausmittel, das leichte Verbrennungen im Nu kuriert.« Sie kniete sich vor ihn und fummelte an seinem Schritt herum.
   »Schon gut.« Er fing ihre Finger auf. »Ich habe mich nur erschreckt.« Nicht ganz die Wahrheit, aber das Letzte, was er nun gebrauchen konnte, war ihre übertriebene Fürsorge. Mal abgesehen davon, dass ihre Heilkünste nicht sonderlich wirksam waren, sondern eher schmerzhaft.
   »Oh, Baby, es tut mir wirklich leid.« Ihre Augen weiteten sich, was bei einer Asiatin nicht sonderlich hübsch aussah, aber bezeugte, dass sie sich ihres Fehlers bewusst war.
   »Ich weiß. Es ist mir rausgerutscht.« Und nicht zum ersten Mal.
   Susi lächelte verschüchtert und streckte eine Hand nach ihm aus. »Vergessen wir es, ja?« Ihre Finger strichen über seine Brust. »Also, Mara und Niklas wollen heiraten?«
   »Sieht so aus.« Er überging das Kosewort nur, weil er keine Lust auf einen Streit hatte. Nicht schon wieder, schließlich hatte er bereits einen Disput mit seiner Schwester und einem Ex-Verlobten der hinreißenden Ariane hinter sich.
   »Oh, wie herrlich!« Ihre Augen leuchteten auf. »Und es wird doch auch Zeit!«
   »Ach ja?« Er schob sie wieder von sich, ging sie ihm doch gehörig auf die Nerven mit ihrer Euphorie. »Warum?«
   »Na, sie sind doch schon zwei Jahre ein Paar, und sie gehören doch so offensichtlich zusammen …«
   Sah er anders.
   »Findest du nicht?«
   »Was machst du eigentlich hier?«
   Zumindest verblasste ihre Begeisterung. »Wir sind verabredet.«
   »Wie bitte?«
   »Wir sind verabredet«, beharrte sie, wobei sich ihre vollen Lippen verzogen und ein Blitzen in ihren Augen von Ärger kündete. Merkwürdig, war sie doch absolut temperamentlos. Schüchtern, zurückhaltend und immer bemüht, zu gefallen.
   »Störe ich etwa?«
   »Irgendwie schon.«
   Ihr klappte der Mund auf.
   »Hör zu, ich bringe dich nach Hause.« Der beste Gedanke an diesem Abend. »Komm.« Er griff nach ihrem Arm und musste sie das erste Stück ziehen. »Ruf nächstes Mal besser an, ja?«
   »Aber wir waren verabredet.«
   »Trotzdem. Es ist viel passiert, und wenn du mich erinnert hättest, dass du vorbeikommst, hätte ich dir sagen können, dass es heute nicht passt.« Er zog die Tür hinter sich zu. »Ruf einfach vorher an.«

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