Was passiert, wenn ein Journalist bei der Trennung von seiner Frau beschuldigt wird, nicht so zu sein wie die Männer in Liebesromanen? Er wird stinksauer und macht sich auf die Suche nach der Schriftstellerin Hanna, die unter dem Pseudonym Romy Scott solche Romane schreibt. Was als Recherche für eine böse Story beginnt, löst eine Lawine dramatischer Ereignisse aus, denn Simon weiß nicht, dass er Hanna in Todesgefahr bringt, wenn er ihre wahre Identität öffentlich macht. Und dann ziehen ihn seine Gefühle auch noch unweigerlich hin zu dieser Frau, die selbst gegen die Geister ihrer Vergangenheit zu kämpfen hat. Hat Simon seine Chance verspielt und ihr Vertrauen unwiederbringlich verloren?

E-Book: 4,99 €

ePub: 978-9963-53-926-0
Kindle: 978-9963-53-927-7
pdf: 978-9963-53-925-3

Zeichen: 416.841

Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-53-924-6

Seiten: 286

Kaufen bei:  Amazon iTunes Thalia Weltbild

Sara-Maria Lukas

Sara-Maria Lukas ist ein Pseudonym, unter dem Sabine Bruns Romane veröffentlicht. Jahrgang 1962, EDV-Kauffrau, Dozentin in der Erwachsenenbildung, Fachjournalistin und Autorin von Fachbüchern. Sie lebt mit Mann, Pferden, Hunden und Katzen in einem kleinen Dorf in Norddeutschland.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter, oder klicken Sie auf das Buchsymbol, um sich online unser FlippingBook anzusehen.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei FlippingBook

... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

»Was für ein Schwachsinn!« Simon wirft das Buch auf den Tisch. »Ein Leben für die Liebe, von Romy Scott«, zitiert er in die leere Wohnung hinein, »schade um das gute Papier.« Und verdammt schade, dass Jana seine vor Ironie triefende Stimme nicht mehr mitbekommt. Am Nachmittag hat sie ihm die Schnulze an den Kopf geworfen, die Koffer gepackt und ist ausgezogen. Pah! Er solle es mal lesen, dann würde er vielleicht kapieren, warum ihre Ehe gescheitert sei.
   »Romy Scott, oder wie immer du in Wirklichkeit heißt, ich möchte gern wissen, ob dir überhaupt klar ist, was für einen hirnrissigen, unrealistischen Mist du da veröffentlichst.« Er trinkt einen Schluck aus seinem Weinglas und starrt auf den Buchdeckel. Wahrscheinlich ist die Autorin eine alte Schachtel, die nie in ihrem Leben Liebe in der Realität und im Alltag erlebt hat. Man sollte mal eine deftige Reportage über die Tante schreiben. Wird Millionärin, und anderer Leute Ehen gehen kaputt wegen solch trivialer Volksverblödung.

Kapitel 1

»Sie wird hier nie richtig dazugehören, ist eben was Besseres.« Die Stimme der korpulenten Frau mit den streng anliegend frisierten grauen Haaren hinter dem Tresen trieft vor Herablassung.
   Ihr Gegenüber nickt. »Manche Leute passen einfach nicht zu uns. Die hätte mal lieber in der Stadt bleiben sollen.«
   Hanna nimmt das Getuschel wahr und verdreht innerlich die Augen. Frau Lehmann, die verkniffene Inhaberin des Gemüseladens, hat ihr gerade einen Apfel mit einer faulen Stelle einpacken wollen, den Hanna mit einem freundlichen Lächeln abgelehnt hat. Die alten Dorf-Tratschtanten können sie mal, sie lebt sowieso in ihrer eigenen Welt.
   Die beiden Einkaufstüten schneiden ihr in die Finger, als sie mit der Schulter die Ladentür aufstößt. Obwohl Frau Lehmann in der Nähe steht, macht sie keine Anstalten, ihr die Tür aufzuhalten. Dafür fegt eine Windböe eine Ladung nasser Blätter bis zwischen die Regale. Hanna hat Mühe, ein breites Grinsen zu unterdrücken. Sie beeilt sich, in ihren Kleinwagen zu kommen.
   Immer, wenn sie bei Sturm die Hauptstraße entlangfährt und neben dem Ortsschild »Nordstrand« in den schmalen, gepflasterten Weg abbiegt, der zu ihrem Häuschen führt, erinnert sie sich an den Tag, an dem sie zum ersten Mal in das Küstenörtchen hineingefahren ist. Dann atmet sie tief durch und wünscht sich, niemals wieder dem Menschen gegenüberzustehen, vor dem sie hierher geflüchtet ist.
   Die Aussicht auf den herannahenden Winter stimmt sie depressiv. Sturmböen wühlen das Meer auf, genau wie an dem Tag, an dem sie angekommen ist. Unwillkürlich fasst sie auf die Stelle an ihrem linken Schlüsselbein, an der die Kleidung die Narbe verbirgt, die damals noch frisch und von einem großen Pflaster bedeckt war.
   Entschlossen schüttelt sie die Erinnerungen ab und lenkt den Wagen zügig die kurvenreiche Straße entlang. Eigentlich ist es nur ein schmaler, gepflasterter Weg, der zu den drei kleinen Ferienhäusern mit Blick über den Deich auf das Wattenmeer und den Strand führt. Zwei werden im Sommer wochenweise vermietet, das dritte hat sie gekauft, nachdem sie eine Weile darin gewohnt und sich täglich wohler gefühlt hat. Der Abstand zu den Nachbarhäusern beträgt fast hundertfünfzig Meter. Aus ihren Fenstern blickt sie nur auf Wiesen, Waldstreifen und das Meer, sodass sie das Gefühl hat, ganz einsam zu wohnen.
   »Fuck!« Abrupt tritt Hanna auf die Bremse, streckt die Arme durch und umklammert das Lenkrad. Direkt hinter der Kurve parkt ein Auto halb auf der Straße. Es scheppert, und mit einem heftigen Ruck kommt ihr Wagen zum Stehen.
   »Verdammt! So ein Mist!« Sie reißt die Tür auf. »Welcher Esel stellt sich denn so bescheuert hin?« Stirnrunzelnd betrachtet sie den Schaden. Ihre Stoßstange hat eine hübsche Beule in den Kotflügel des anderen Autos gedrückt. Oh Mann! Fuck! Fuck! Fuck!
   Sie vergräbt die Hände in den Jackentaschen, stemmt sich gegen den eisigen Wind und sieht sich um. Rechts biegen sich Gräser und Büsche im Sturm, über die sie freien Blick auf den Deich und das Meer hat, links grenzt ein kleiner, lichter Wald aus Birken und Kiefern an die Straße. Kein Mensch ist zu sehen. Missmutig bolzt sie mit dem Fuß einen faustgroßen Stein zur Seite.
   Das Kennzeichen des großen Kombis ist fremd. Anscheinend hat sich trotz des Wetters ein Tourist nach Nordstrand verirrt.
   Sie wird den Unfall der Polizei melden müssen, wenn sie nicht stundenlang auf den Besitzer des Wagens warten will. Verdammt. Das ist nicht gut. Jedes Auftauchen ihres Namens in irgendwelchen Akten kann gefährlich werden. Als sie sich in ihr Auto setzt, um den Plan widerwillig in die Tat umzusetzen, sieht sie im Rückspiegel einen Mann zwischen den Bäumen heraustreten. Sie wirft das Handy zurück auf den Beifahrersitz, steckt das Pfefferspray in ihre Jackentasche und steigt wieder aus.
   Mit verschränkten Armen lehnt sie sich an ihren Kofferraumdeckel und mustert den Typen, während er näher kommt. Er ist mindestens zehn Zentimeter größer als sie und schlank, trägt eine verwaschene Jeans, Turnschuhe und eine graue Windjacke. Um seinen Hals hängt eine Angeber-Spiegelreflexkamera mit langem Objektiv. In ihrem Magen bildet sich ein Kloß. Das sieht verdammt nach Presse aus, und ein Journalist ist nun wirklich der Letzte, dem sie begegnen will. Okay, keine Panik. Vielleicht ist er auch nur ein ambitionierter Hobbyfotograf.
   Kurze haselnussbraune Haare verleihen ihm ein strenges Aussehen. Er hält den Kopf gesenkt, um sich gegen den Sturm zu schützen, sodass Hanna seine Gesichtszüge erst erkennen kann, als er nah vor ihr stehen bleibt und sie zu ihm aufschaut.
   Sie starrt in zwei dunkelbraune durchdringende Augen unter dichten Brauen, die sie dazu bringen, reflexartig das Gesicht zu senken. Ein Schauer rieselt durch ihre Adern, als würde sein Blick elektrische Schwingungen in ihre Nervenbahnen jagen. Verärgert sieht sie sofort wieder hoch und ertappt ihn dabei, wie er unverhohlen ihren Körper mustert. Was für eine Frechheit! Sie verschränkt die Arme vor der Brust und richtet sich entschlossen auf.
   »Ist das Ihr Auto?«, fragt sie mürrisch statt einer Begrüßung.
   Der Fremde nickt und öffnet den Mund.
   »Wie kann man nur so bescheuert parken?«
   Er schließt die Lippen, zieht eine Augenbraue hoch, wendet langsam den Kopf und erkennt offenbar erst jetzt, was passiert ist. Er tritt einen Schritt zur Seite, beugt sich vor und betrachtet in aller Ruhe den Schaden. Seine Gelassenheit facht ihren Zorn an. Sie ist kurz davor, ihn am Ärmel zu packen und zu schütteln. Nachdem er sich wieder aufgerichtet hat, blickt er die Straße entlang zurück und nickt. Als er sich endlich erneut ihr zuwendet, spürt Hanna augenblicklich abermals den Drang, seinem Blick auszuweichen. Ihre Finger krampfen sich um ihre Oberarme, während sie stoisch auf seine Nase über weich geschwungenen Lippen und dem hart ausgeprägten Kinn starrt.
   »Wohl etwas eilig die Kurve geschnitten?«, fragt er schließlich trocken. Seine Stimme vibriert tief in ihrem Unterleib.
    »Was?« Wutschnaubend holt sie Luft, um ihm ordentlich die Meinung zu sagen, da trifft sie eine fiese Sturmböe, die sie fast umwirft und ihnen beiden Sand ins Gesicht schleudert.
   Der Typ flucht irgendwas Unverständliches, fasst sie am Arm und schiebt sie rüde in Richtung Auto. »Steigen Sie ein.«
   Ehe Hanna darüber nachdenken kann, ob sie seiner Aufforderung folgen will, sitzt sie schon auf dem Sitz und er schlägt die Tür hinter ihr zu. Kurz darauf öffnet er die andere Seite und lässt sich auf den Fahrersitz fallen.
   »Mann, was für ein Lärm. Ist das hier öfter so stürmisch?«, brummt er in die plötzliche Stille.
   »Sie sind hier an der Nordsee, was dachten Sie denn, was da im Herbst für ein Wetter ist?«
   Ihre Hand umklammert das Pfefferspray in der Jackentasche, und ihr Herzschlag dröhnt in den Ohren, aber aus dem Wagen zu flüchten, hieße, dem Arsch den Sieg zu überlassen.
   »Können Sie mal einen Gang zurückschalten?«, fragt er trocken. »Eventuell so in den Tonfall der … Zivilisation?« Seine Stimme trieft vor Ironie, was sie um gefühlte hundert Stufen aggressiver stimmt.
   »Eventuell«, sie betont das Wort genauso spöttisch wie er, »sollten Sie mal zivilisiertes Parken üben.«
   Er zieht die Brauen hoch. »Ähm … ich stehe hier ziemlich korrekt. Wenn Sie auf Ihrer Seite geblieben wären, hätten Sie mein Auto heil gelassen.«
   »Das hier ist ein Privatweg, da haben Sie überhaupt nichts zu suchen!«
   Fuck! Der Scheißkerl hat natürlich recht. Es ist definitiv ihre Schuld. »Ja, ja, ich bezahle den Schaden«, faucht sie eilig, bevor er etwas erwidert und sie sich in ihrer Wut noch mehr zum Affen macht, »geben Sie mir Ihre Adresse, damit ich mich melden kann.«
   Seufzend lehnt er sich zurück. »Die nächsten drei Wochen wohne ich in dem vorletzten Haus an dieser Straße. Mein Name ist Simon Vorfeld.«
   Hanna nickt. »Ich sage meiner Versicherung Bescheid.« Bloß weg hier. Sie fasst an den Türgriff.
   »Hey«, er lacht trocken, »So geht das nicht. Halten sie mich für bescheuert?« Er greift an ihren Unterarm. Die unerwartete Berührung lässt sie zusammenzucken. Ihr Körper versteift sich, und sie schreit auf. Sofort zieht er seine Hand zurück. »Nicht doch. Keine Angst.«
   Panisch ringt sie um Atemluft, die erst nach einer gefühlten Ewigkeit wieder viel zu zögerlich in ihre Lungen strömt.
   Er breitet in einer besänftigenden Geste die Arme aus. »Tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken.«
   Am ganzen Körper zitternd, reißt Hanna die Tür auf, springt raus und atmet tief durch. Alles gut. Sie hat überreagiert. Mist! Was bildet der Arsch sich auch ein, sie einfach anzufassen? Verdammt!
   So gelassen wie möglich beugt sie sich vor. »Entschuldigung, ich bin in Eile und habe nicht nachgedacht. Mein Name ist Hanna Winter. Ich wohne im letzten Haus der Straße. Meine Versicherung wird die Rechnung bezahlen.«
   Er mustert sie einen Moment lang mit gerunzelter Stirn, dann nickt er. »Okay, ich lasse den Wagen reparieren und melde mich hinterher, einverstanden?«
   »Ja.«
   »Gut, und noch mal sorry wegen des Schre…«
   »Schon gut.«
    Sie hastet zu ihrem Wagen, springt hinein, startet den Motor und setzt zurück, um an ihm vorbeizufahren. Als sie aufs Gaspedal tritt, drehten die Reifen durch und schleudern Steine hoch. Fuck!
   Zu Hause verstaut sie die Lebensmittel, bedient die Kaffeemaschine und zieht sich bequeme Klamotten an. Nur langsam kann sie sich beruhigen. Warum hat sie sich bloß so aufgeführt? Der Typ muss sie für eine Furie halten. Scheiß drauf. Sie gießt sich einen Kaffee ein und lässt sich vor ihrem Schreibtisch nieder. Wie immer schweift ihr Blick durch das Fenster, während sie darauf wartet, dass ihr Laptop startet. Sonnenstrahlen mogeln sich durch die schnell vorbeiziehenden Wolkenberge in den herbstlichen Garten, und das tief heruntergezogene Reetdach wirft einen langen Schatten. Hanna liebt ihr Häuschen und die flache Anhöhe, auf der es erbaut worden ist. Sie hat von hier aus eine fantastische Sicht auf das Meer, dessen Wellen heute weiße Schaumkronen bilden.
   Das Haus besteht nur aus drei Räumen. Ein etwas größeres Wohnzimmer mit integrierter Küchenecke und Tresen, ein kleines Schlafzimmer und ein Kinderzimmer, das sie als Abstellkammer benutzt.
   Vom Hauptraum aus führt eine gläserne Doppeltür auf eine geflieste Terrasse. Schräg davor steht der Schreibtisch, an dem sie ihre Geschichten tippt.
   Der Sturm gewinnt an Kraft. Schäumende Gischt peitscht über den Strand und lässt die Flut zu einem wild brodelnden Ungeheuer werden. Das Schöne am Herbst ist, dass die Touristen den Ort verlassen. Sie fühlt sich in ihrem kleinen Nest ungestört und weitab der Welt. Nur der arrogante Arsch mit dem Kombi macht ihr einen Strich durch die Rechnung. Drei Wochen lang direkter Nachbar, so ein Scheiß!
   In ihrem Unterleib flattern ein paar Schmetterlinge, denen sie umgehend die Starterlaubnis entzieht. Er ist genau der Typ Mann, auf den sie abfährt – falsch, auf den sie abfahren würde, hätte sie noch irgendein Interesse am anderen Geschlecht. Der Blick aus seinen dunklen Augen über den markanten, glatt rasierten Wangen ist heiß und deshalb gefährlich. Sie kennt diesen Blick. Sie hat genügend Erfahrungen damit. Nie wieder!
   Der Computer piept arbeitsbereit. Sie öffnet das aktuelle Skript und liest die letzten Sätze, die sie am Abend zuvor geschrieben hat.

Moni entfernte sich einen Schritt in Richtung Tür.
   »Halt, hiergeblieben«, befahl er und griff nach ihrem Arm, »jetzt ist Schluss mit deiner Hinhaltetaktik.« Er schob sie zum Bett, warf sie rücklings darauf, beugte sich über sie und drückte ihre Hände rechts und links neben ihr auf die Matratze.
   »Hey, was fällt dir ein?«, protestierte sie mit halber Kraft, war sie doch insgeheim froh, dass er sie endlich anfasste.
   »So gefällt mir das besser.« Er lächelte und genoss sichtlich den Blick auf ihren sich unter ihm windenden Körper.
   Sie senkte die Lider, während sie mit klopfendem Herzen darauf wartete, seine Lippen zu spüren.
   »Na, möchtest du, dass ich dich loslasse?«
   Ihre Wangen röteten sich. »Nein, verdammt noch mal, nein, ich will nicht, dass du mich loslässt.«
   »Okay.« Aufreizend langsam näherte er sich ihrem Gesicht und berührte fast unmerklich ihre Lippen, sodass sie nicht anders konnte, als sich ihm entgegenzustrecken, um mehr von seinem Mund zu erobern.


Sie erlebt die Szene wie einen Film vor ihrem inneren Auge, und plötzlich sieht ihr Romanheld Tom genauso aus wie der scheiß Fremde. Fuck! So was ist ihr ja noch nie passiert.
   Versonnen blickt sie auf die drei Bücher, die sie auf dem schmalen Regal an der Wand wie Bilder nebeneinandergestellt hat. Sie kann stolz auf sich sein. Inzwischen arbeitet sie an ihrem vierten Liebesroman, dabei hat sie mit dem Schreiben erst begonnen, als sie nach Nordstrand gezogen ist. Die Lektüre eines Taschenbuches, das andere Gäste in dem Ferienhäuschen zurückgelassen hatten, hat sie auf die Idee gebracht, es selbst zu probieren. Der Debütroman war innerhalb von wenigen Wochen getippt, doch erst, nachdem sie sich via Internet Grundlagen des Romaneschreibens angeeignet und die Geschichte noch einmal gründlich überarbeitet hat, war er tatsächlich von einem Verlag veröffentlicht worden.
   Anfangs lebte sie in Nordstrand von ihren knappen Ersparnissen. Mittlerweile sind ihre Einnahmen aus der Autorentätigkeit weit mehr als nur ein ausreichendes Einkommen. Die Summe auf ihrem Sparbuch wächst kontinuierlich. Das fühlt sich verdammt gut an.
   Ihr Debütroman verkaufte sich ordentlich, das zweite Buch ziemlich gut und das dritte entwickelt sich zu einem Bestseller. Nun hat ihre Lektorin bereits gefragt, wann der nächste Roman zu erwarten sei.
   Hanna liebt es, Geschichten zu erfinden. Kaum formuliert sie den ersten Satz eines Kapitels, schon ist sie mittendrin in der Handlung und raus aus der Realität. Es ist, als würde sie in ihrem eigenen Kinofilm die Hauptrolle spielen und faszinierende Szenen mit einem Traummann erleben … und jetzt poltert der fremde Arsch in ihre heile Romanwelt. Was für ein Mist!
   Die Stunden vergehen. Hanna ist Moni und unsterblich in Tom verknallt. Sie will endlich eine heiße Liebesnacht mit ihm verbringen. Glücksgefühle fluten ihr Herz, sie ist erregt und feucht, so sehr lebt sie in ihrem Roman.
   Es klingelt, und sie zuckt zusammen. Während des Schreibens auf dem hellen Monitor ist ihr nicht aufgefallen, dass es bereits dunkel geworden ist. Als sie das Licht einschaltet, bimmelt es zum zweiten Mal. »Ja doch!« Genervt reißt sie die Haustür auf.
   »Guten Abend, ich hoffe, ich störe nicht.«
   Augenblicklich verdreifacht sich der Takt ihres Herzschlages. Irritiert starrt sie ihn an. Noch gefangen in ihrem Roman hat sie als ihre Hauptdarstellerin Moni gerade erlebt, wie Tom ihr den BH ausgezogen und sie in einen Strudel der Erregung gerissen hat. Und dieser Tom sieht seit heute Nachmittag aus wie er, der Arsch!
   »Doch, tun Sie, ich arbeite«, faucht sie. Warum hat sie aufgemacht, ohne vorher wie gewohnt durch den Spion zu sehen? So ein Mist!
   »Sorry, hätte ich das gewusst, hätte ich es niemals gewagt, an Ihrer Tür zu klingeln.«
   Hanna presst die Lippen zusammen. Mister Oberarsch kann sich seine Ironie an den Hut stecken. »Schon gut. Was wollen Sie?«, würgt sie hervor.
   Er grinst. »Können Sie mir ein paar Kaffeeböhnchen leihen? Ich habe vergessen, welchen zu kaufen, und nun hat der Laden im Dorf zu.«
   »Moment.« Sie läuft zum Küchentresen und greift nach der angefangenen Packung unten im Regal.
   »Das ist nett«, hört sie ihn direkt hinter sich, zuckt zusammen und fährt herum.
   Er lächelt, nein, er grinst … ätzend … spöttisch. »Sind Sie immer so schreckhaft?«
   Ihr Magen verkrampft sich. Allein durch seine Körpergröße, die breiten Schultern und die gelassene Ruhe seiner Bewegungen dominiert er den Raum, er nimmt ihn in Besitz, und sie kommt sich in ihrem eigenen Wohnzimmer klein und ungelenk vor. »Betreten Sie immer uneingeladen fremder Leute Haus?«
   Er legt den Zeigefinger an die Lippen und schüttelt den Kopf. »Seltsam, ich war sicher, Sie hätten mich hereingebeten.« Wieder dieses Grinsen.
   Ruckartig hält sie ihm den Kaffee entgegen. »Hier, nehmen Sie und verschwinden Sie.«
   Er hat es ganz offensichtlich nicht eilig, sieht sich ungeniert um, bevor er lässig nach der Packung greift. »Merci. Was arbeiten Sie?«
   »Buchhaltungsservice.«
   Er blickt noch einmal zu ihrem Computer und zurück zu ihr. »Aha … interessant.«
   »Ich muss jetzt weitermachen, dringender Termin.«
   Seine Mundwinkel zucken. »Dann will ich nicht länger stören. Danke für den Kaffee. Ich bringe morgen neuen vorbei.«
   »Nicht nötig.« Sie begleitet ihn hinaus und schließt die Tür. Ihr Herzschlag rast. Was zum Teufel war das?

Kapitel 2

»Herrlich.« Entspannt lehnt sich Hanna zurück und streckt sich. Ihre Hauptdarsteller haben eine mehrseitige romantische Nacht verbracht und damit einen der ersten Höhepunkte des Romans erlebt. Sie fühlt Monis Glück im eigenen Körper, und nur langsam findet sie den Weg in die Realität. Seufzend starrt sie durch das Fenster auf das Meer. Mentales Erleben ist leider doch nicht so wie echtes Leben. Eine Liebesgeschichte wie die ihrer Protagonisten war ihr nie vergönnt und wird es auch nie sein.
   Ganz automatisch legt sie eine Hand auf ihren Pullover und spürt darunter die Konturen der hässlichen Narbe, die von der Brust über das Schlüsselbein bis in die Halsseite hineinragt. Vier Jahre ist es her, dass Dennis versucht hat, sie zu erstechen, an diesem furchtbaren Abend in Hannover. Aufgeschreckt vom Lärm in ihrer Wohnung riefen die Nachbarn die Polizei. Das war Hannas Rettung. Dennis flüchtete, als das Martinshorn draußen lauter wurde, und sie brachte man ins Krankenhaus, wo die Wunde genäht wurde. Am nächsten Tag packte sie ihre Koffer und fuhr los, ein Aufbruch, der zum Beginn ihres neuen Lebens wurde. Unwillkürlich läuft ein fieses Schaudern ihren Rücken hinunter.
   Sie braucht eine Pause und frische Luft. Der Sturm ist vorbei. Die Sonne strahlt von einem fast klaren Himmel. Sie öffnet die Terrassentür, tritt vor und atmet tief die salzige Seeluft ein, dann sieht sie ihn.
   Fuck! Ihr Körper versteift sich. Was macht der Arsch da?
   Sie springt zurück in das schützende Halbdunkel des Wohnzimmers und lugt angespannt hinaus. Der Fremde steht etwa dreißig Meter entfernt und richtet seine verfickte Kamera auf ihr Haus.
   Augenblicklich ist die Panik da. Alles in ihr verkrampft sich, die Gedanken überschlagen sich. Was soll das? Weiß der Typ was? Hat er mit Dennis zu tun?
   Sie schlägt sie die Terrassentür zu und beobachtet, wie er den Deich entlang weiterschlendert und dabei immer wieder in ihre Richtung sieht.
   Hannas Kloß im Hals wächst. Ihre Knie zittern. Sie lässt sich auf den Stuhl vor ihren Schreibtisch sinken und klammert sich an der Tischkante fest. Der Gedanke, Dennis könnte sie ausfindig gemacht haben, raubt ihr den Atem, das Blut in ihren Adern gefriert.
   Sie atmet tief durch. Ruhig bleiben, bestimmt ist er harmlos und wollte bloß die urigen Ferienhäuser fotografieren. Sie darf sich nicht verrückt machen. Unwillig schüttelt sie den Kopf. Nein, Dennis kann sie nicht gefunden haben. Den ganzen Sommer laufen Touris mit Fotoapparaten über den Deich, dann regt sie sich auch nicht auf. Sie wird keine Panik bekommen. Basta.
   Es klingelt an der Haustür. Sie lugt durch den Spion und zuckt zurück. Der Fremde. Regungslos wartet sie, dass er abhaut. Andererseits, vermutlich hat er sie auf der Terrasse gesehen und wird erst recht misstrauisch, wenn sie sein Klingeln ignoriert. Verflucht! Sie ist ja paranoid! Entschlossen reißt sie die Tür auf.
   »Jetzt störe ich Sie schon wieder.« Er lächelt mit diesem typischen selbstsicheren und gelassen Ausdruck, mit dem Typen wie er jede Frau ins Bett kriegen. Augenblicklich starten die Schmetterlinge in ihrem Bauch zu einem Rundflug. Wie sie das hasst! Sie presst die Lippen aufeinander und starrt ihn an.
   Sein Blick wandert unverhohlen über ihren Körper. Seine Mundwinkel zucken.
   »Ja, und?«
   »Ich war spazieren, habe anscheinend meinen Schlüssel verloren und komme nicht mehr ins Haus.« Er zuckt mit den Schultern. »Das Handy liegt in der Küche, ich dachte, im Urlaub brauche ich es nicht.« Er neigt den Kopf und lächelt so schelmisch wie ein kleiner Junge, der genau weiß, dass erwachsene Frauen ihm nichts abschlagen können, weil er so süß ist. »Würden Sie für mich meinen Vermieter anrufen?«
   Widerwillig nickt sie. »Kommen Sie rein.«
   »Verzeihung … sagten Sie: Kommen Sie rein?«
   »Ja.«
   »Gut, ich wollte nur sichergehen, dass ich nicht …«
   »Kommen Sie schon«, faucht sie, »Tür zu! Oder meinen Sie, ich heize zum Spaß?« Sie wendet sich um und marschiert vor ihm her hinein. Ihr Herz hämmert so laut, dass er es vermutlich hört und sich köstlich darüber amüsiert. In ihrem Rücken kribbelt es. Er soll gefälligst Abstand halten! Was, wenn er sie jetzt überfällt … Entschlossen drückt sie die Schultern zurück. Er ist ein harmloser Touri, verdammt.
   Sie greift zum Telefon. Er bleibt im Türrahmen stehen, lehnt sich lässig gegen das Holz und lässt seine Blicke durch den Raum schweifen. Sie wählt und hofft inständig, dass er das Zittern ihrer Hände nicht bemerkt. Nach kurzem Klingeln hebt Hans Minsen ab. Sie schildert ihm das Problem, und er verspricht, gleich mit dem Ersatzschlüssel zu kommen.
   Sie legt auf. »Er kommt. Wohnt nicht weit weg. Dürfte nicht mehr als fünfzehn Minuten dauern.«
   »Danke.«
   Angreifen will er sie definitiv nicht, das hätte er schon getan. Aber wieso die Fotos? »Ich habe Sie vor einer Stunde da draußen gesehen. Sie haben mein Haus fotografiert«, platzt es aus ihr heraus. Mit Argusaugen beobachtet sie sein Mienenspiel. Er fühlt sich anscheinend nicht ertappt, sondern schickt ein verflixt charmantes Lächeln direkt in ihren Unterleib. Wo lernen diese scheiß Typen das?
   »Stimmt. Es ist wunderschön, der Garten, das urige Häuschen mit dem tief heruntergezogenen Dach und dahinter die hohen Bäume.« Er sieht ihr in die Augen und verzieht die Mundwinkel. Es macht ihm Spaß, sie zu irritieren. Mistarschbüffel.
   Hanna strafft sich. »Kein Problem. Möchten Sie einen Kaffee?«
    Wieso bietet sie ihm Kaffee an? Ist sie denn völlig bescheuert?
   »Das Angebot ist sehr nett, aber Sie brauchen das nicht zu tun. Sie kennen mich ja gar nicht. Ich warte lieber draußen.« Sein Adamsapfel an seinem kräftigen Hals bewegt sich, und seine geschwungenen Lippen … Ihre Haut prickelt und ihre Brustwarzen werden hart.
   Sein Blick streift den Computer. »Ich störe schon wieder.« Er nickt ihr zu und wendet sich Richtung Tür.
   »Ich bin heute nicht in Eile«, platzt es aus ihr heraus. Sie dreht sich der Küchenecke zu und zeigt auf einen der Barhocker am Tresen. »Möchten Sie sich setzen? Zucker? Milch?«
   »Einfach schwarz, bitte.«
   Sie reicht ihm den Becher, holt vom Schreibtisch ihren eigenen und klappt dabei den Laptop zu.
   »Bei Ihnen sieht es genauso aus wie bei mir drüben«, stellt er fest, als sie sich schräg neben ihn auf den anderen Hocker setzt.
   »Ja, die Häuser in dieser Straße sind alle gleich eingerichtet. Meins war auch ein Ferienhaus, bevor ich es gekauft habe.«
   Sein Blick fällt auf das schmale Regal mit ihren drei Romanen. Warum starrt er da so lange hin? Es sind Frauenromane, die interessieren einen Mann nicht.
   Er sieht sie an, beugt sich vor, lehnt die Unterarme auf den Tresen, und der Hauch eines angenehmen Aftershaves steigt ihr in die Nase. Sein Blick wird so intensiv forschend, dass sie sich bis in den hintersten Winkel ihrer Seele durchschaut fühlt. Sie rückt unauffällig von ihm ab und hebt ihren Kaffeebecher an den Mund. Krampfhaft überlegt sie, was sie sagen könnte. Sie ist es nicht mehr gewohnt, Small Talk mit fremden Menschen zu halten, und je länger sie schweigen, desto unangenehmer wird ihr die Situation. Ihm scheint die Stille nichts auszumachen. Scheiß lässige Selbstsicherheit. Er sieht sie wieder an, seine Augen sind wie Röntgenstrahlen. »Ist irgendwas an mir nicht in Ordnung?«
   Er stutzt kurz und grinst. »Hab ich Sie angestarrt?« Er hebt die Kamera. »Sorry. Das passiert mir manchmal, es liegt an meinem Beruf. Als Fotograf versucht man immer, in einem Gesicht zu lesen.«
   Augenblicklich zieht sich ihr Magen zusammen. »Arbeiten Sie für eine Zeitung?«
   »Für eine Presseagentur. Wir verkaufen fertige Artikel an Zeitschriften. Aber hier bin ich rein privat im Urlaub.«
   Presse! Wenn sie nur das Wort hört, wird ihr speiübel. Er darf auf keinen Fall merken, dass sie nervös ist, dass würde seine Spürnase reizen. So sind diese Typen, wittern sie eine Story, werden sie unerbittlich. »An mir gibt’s nichts Besonderes.«
   Das spöttische Lächeln mal wieder. »Soll ich Sie fragen, ob ich Sie fotografieren darf?«
   »Nein.«
   Er zwinkert. »Alle Frauen wollen von mir fotografiert werden, wenn sie erfahren, dass ich Fotograf bin.«
   Sie öffnet den Mund, um eine deftige Antwort zu geben, da hört sie von Weitem den Motor eines Autos. »Das ist Herr Minsen mit Ihrem Schlüssel.«
   Er nickt und steht auf. »Danke für den Kaffee.«
   »Bitte.«
   Endlich allein, spürt sie den Schweiß in ihren Handflächen. Wer ist dieser Typ? Leidet sie unter Verfolgungswahn, oder ist ihr Misstrauen angebracht? Hält sie einen harmlosen Urlauber für gefährlich, oder ist ihr Exmann ihr auf der Spur?
   Ruhelos wandert sie in ihrem kleinen Häuschen auf und ab, überdenkt alle Begegnungen mit dem Fremden, was sie aber nicht weiterbringt.
   Jetzt ist Schluss! Er ist harmlos. Sie sieht Gespenster, weil sie schon viel zu lange wie ein Eremit dahinvegetiert.

Kapitel 3

Simon liegt in seinem Ferienhaus quer über dem Bett. Der Kachelofen im Wohnraum bullert und verbreitet hochsommerliche Wärme. Neben ihm steht der eingeschaltete Laptop. Er hat begonnen, die Notizen seiner Recherchen zum Pseudonym Romy Scott zu verarbeiten. Was für ein glücklicher Zufall, dass er ausgerechnet dieses Haus gemietet und ihm genau die Person, die er suchte, eine Beule ins Auto gefahren hat.
   Erst, nachdem er die Besitzerin des Dorfladens über die Frau in seinem Nachbarhaus ausgefragt hat, ist ihm der Verdacht gekommen, dass Hanna Winter die gesuchte Schriftstellerin sein könnte. Der Blick auf ihren Laptop stützte seine Vermutung. Außerdem noch die drei Bücher in ihrem Regal und ihre völlig unglaubwürdige Aussage, sie lebe von einem Buchhaltungsservice – mehr Hinweise braucht er nicht.
   »So eine giftspuckende Furie schreibt also diesen Schund. Ob die überhaupt jemals mit einem Mann Sex hatte?«
   Das Handy klingelt. »Vorfeld. – Hi Mike! Na, vermisst ihr mich in der Redaktion?«
   »Nee, hier fehlst du niemandem, genieß deine Ferien. Wollte bloß mal wissen, wie es so läuft.«
   »Hey, das ist hier kein Urlaub, sondern schwierige Recherche, und ich war erfolgreich. Die berühmte Romy Scott wohnt im Nachbarhaus.«
   »Tatsächlich? Wie hast du das so schnell herausgefunden?«
   »Zufall. Sie hat mir das Auto kaputt gefahren.«
   Mike lacht. »Was hat sie?«
   Gut gelaunt erzählt er von seinem ersten Zusammentreffen mit der gesuchten Autorin, und dass er danach bereits zweimal unter einem Vorwand bei ihr war, um sicherzugehen, an der richtigen Adresse gelandet zu sein.
   »Und wie ist sie so?«
   »Langweilig, hässliche Klamotten, strähnige Haare, nicht geschminkt, verklemmt, ständig nur schlecht gelaunt und unfreundlich. Wenn sie sich ein bisschen Mühe geben würde, könnte sie ganz hübsch aussehen, aber so …«
   Mike lacht. »Du willst also nicht mit ihr flirten?«
   »Weiß ich noch nicht. Im Moment recherchiere ich in ihrer Vergangenheit. Sie schreibt erst seit vier Jahren. Was war vorher? Im Internet findet man keine Hanna Winter – das ist ihr richtiger Name.«
   »Ich kann für dich in den Zeitungsarchiven stöbern.«
   »Ja, tu das. Ich beobachte sie in den nächsten Tagen, mache ein paar Fotos und schau mal ab und zu in ihren Briefkasten.«

*

Hanna geht spazieren, nein, sie marschiert im Stechschritt den Deich entlang. Sie findet keine Ruhe, seit der Arsch ihr Leben durcheinanderbringt.
   Sie wählt den Weg, der an seinem Ferienhaus vorbeiführt. Sie will das nicht, aber wie magnetisch angezogen biegt sie in seine Richtung ab. Er hat ihren Hormonhaushalt durcheinandergebracht. Es kribbelt, sobald sein Gesicht vor ihren inneren Augen auftaucht, dabei ist er ein gefährlicher Pressetyp, der Kontakt zu ihm könnte sie ihr Leben kosten.
   Sie erreicht das Haus und sieht sich, nervös auf der Unterlippe kauend, um. Sein Auto ist nicht da. Die Gelegenheit muss sie nutzen. Vorsichtig lugt sie durch das große Fenster der Terrassentür. Auf dem Küchentresen liegt die Kamera mit dem langen Objektiv. Daneben steht ein benutzter Kaffeebecher. Sie versucht, mehr zu erkennen, stößt gegen die Tür und merkt, dass sie nur angelehnt ist. Ihr Herz hämmert bis in den Hals hinein. Das ist die Chance, ein für alle Mal Klarheit zu bekommen.
   Sachte zieht sie die Tür auf und tritt ein. Auf dem Couchtisch liegen ein paar Zeitschriften, und über einem Sessel hängt unordentlich ein Sweatshirt. In der Ecke entdeckt sie eine geöffnete Fototasche mit einer weiteren Kamera, diversen Objektiven und vielem Zubehör. Schleppt ein Fotograf seine vollständige Ausrüstung mit in den Urlaub? Wenigstens liegt nirgends eine Waffe rum, ein Auftragskiller, der sich als Pressefuzzi tarnt, ist er wohl nicht.
   Okay. Sie wird nachsehen, was für Fotos er gemacht hat, und wenn sie da nicht drauf ist, sofort wieder verschwinden. Vorsichtig greift sie nach dem teuren Fotoapparat und fummelt an den Tasten rum, um sie einzuschalten.
   »Suchen Sie etwas Bestimmtes?«
   Zusammenzucken und sich Umdrehen passieren als eine Bewegung. Fassungslos starrt sie zu ihm auf. Er lehnt lässig in der Tür zum Schlafzimmer und hat die Arme vor der Brust verschränkt, vor einer nackten Brust.
   »Die Tür war offen«, stößt sie hervor.
   »Ach so, und das ist in diesem komischen Dorf hier eine Einladung zum Diebstahl, oder was?«
   »Ich stehle nichts!«
   »Nein, die Kamera ist Ihnen draußen entgegengelaufen und Sie haben ihr den Weg nach Hause gezeigt. Alles klar.« Seine Stimme trieft vor Ironie.
   Hannas Wangen glühen. Sie will etwas entgegnen, doch als sie den Mund öffnet, hebt er schon eine Hand.
   »Geben Sie her, bevor Sie sie noch fallen lassen.«
   Sie kneift die Lippen zusammen und hält ihm den Fotoapparat entgegen. Ihre Finger zittern. Fuck! Er nimmt sie und dreht sie, kritisch begutachtend, in alle Richtungen.
   »Keine Sorge, nichts passiert«, faucht sie und will hinauslaufen, aber der Arsch ist schneller. Gleichzeitig erreichen sie die Terrassentür. Ehe sie reagieren kann, hat er schon von hinten den freien Arm um ihre Taille gelegt. Seine Berührung und die lässige Kraft, gegen die sie nicht den Hauch einer Chance hat, jagen einen heißen Blitz durch ihren Körper. Mit einem Satz springt sie von ihm weg und steht mitten im Wohnraum. Ihr Herzschlag rast. »Was soll das? Lassen Sie mich gehen!«
   Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, scheint die Situation zu genießen. Betont langsam schließt er die Tür und legt die Kamera zurück auf den Tresen. »Ich hätte gern eine Erklärung.«
   In ihrem Kopf brennen Sicherungen durch, sie stürzt sich auf ihn, hebt das Knie, um seine Weichteile zu treffen, und findet sich eine Sekunde später mit dem Rücken an seinem kräftigen Körper klebend wieder. Mit einem Arm umschlingt er ihre Rippen unter den Brüsten, die andere Hand liegt bedrohlich fest an ihrer Kehle. Sie keucht und strampelt, doch seine Umklammerung ist gnadenlos. Ihre Finger verkrampfen sich in seinem Arm, zerren daran, um ihren Hals zu befreien.
   »Gib auf, verdammt!«
   Ihr Körper versteift sich, sie beißt die Zähne zusammen.
   »Lass meinen Arm los, wenn ich dir nicht wehtun soll«, befiehlt er, und seine Stimme klingt nicht freundlich. »Jetzt!«
   Zitternd zwingt sie sich, ihm zu gehorchen.
   »Okay, und nun die Wahrheit.«
   »Sie haben mein Haus fotografiert, und ich wohne hier allein«, will sie fauchen, doch es klingt eher wie heiseres Wimmern. »Da ist es ja wohl berechtigt, dass ich wissen will, ob Sie wirklich ein normaler Urlauber sind.«
   »Was sollte ich denn sonst sein?«
   Sie presst die Lippen zusammen. Er wartet auf eine Antwort, doch was soll sie sagen, ohne etwas zu verraten? Sie spürt seinen Atem und die Bewegungen seiner Muskeln an ihrem Rücken und dieses Aftershave … Sie ist ihm ausgeliefert, und ihre verfluchte, verflixte, masochistische Ader vollführt einen Freudentanz. Sie ist feucht. Ihre Brustwarzen drücken sich hart gegen den Stoff des BHs, und das bringt sie näher an den Rand eines Panikanfalls als die Angst vor seiner journalistischen Spürnase.
    »Bitte lass mich los«, wispert sie.
   »Keine Angst, das mache ich, aber solltest du mich noch mal angreifen, werde ich sauer, klar?«
   Sie schluckt. »Ja.«
   Die Umklammerung löst sich. Mit einem schnellen Sprung flüchtet sie aus seiner Reichweite und dreht sich. Sie starrt ihm ins Gesicht. Der Arsch mustert sie so eindringlich, dass sie ihre Brüste mit den Händen verdecken will. Sie kann sich beherrschen, aber ihre rechte Hand greift in die Jackentasche und ertastet das Fläschchen mit dem Pfefferspray. Sein rechtes Auge zuckt.
   Sie schaffte es nicht, seinem durchdringenden Blick standzuhalten. Er geht einen Schritt auf sie zu. »Nicht!« Panisch zerrt sie das Spray aus der Tasche und bedroht ihn damit.
   Er bleibt stehen und runzelt ärgerlich die Stirn. »Das kann ja wohl nicht wahr sein!« Mit einem schnellen Griff hat er ihr das Fläschchen entwunden.
   Ihre Beine beginnen zu zittern. Sie kann nicht mehr denken. Ihre Lunge zieht sich schmerzhaft zusammen. Sie schnappt nach Sauerstoff.
   »Setz dich hin. Du bist ja ganz bleich, nicht dass du mir hier noch umkippst« Er weist in Richtung Sitzecke.
   Hanna rührt sich nicht. Kalter Schweiß bildet sich auf ihrer Stirn, in ihren Ohren rauscht es, ihre Knie schmelzen wie heißes Kerzenwachs. Völlig planlos sucht sie Halt.
   »Hinsetzen, hab ich gesagt!« Er springt vor und drückt sie auf einen Sessel. Kopfschüttelnd mustert er sie. »Erst aggressiv werden und dann vor Schreck eine Panikattacke kriegen. Nicht zu fassen!« Er atmet geräuschvoll aus. »Ich tu dir nichts. Schön atmen, klar? Tief ein und aus.«
   Mit gerunzelter Stirn wirft er einen Blick auf die Spraydose, verdreht die Augen und lässt sie achtlos auf ihren Schoß fallen. Prüfend beobachtet er ihr Gesicht. »Geht’s wieder?«
   Ihre Muskeln lösen sich aus der Erstarrung, Luft findet den Weg in ihre Lunge. Sie nickt ergeben und lehnt sich zurück. Als sie zu ihm aufsieht und ihr klar wird, dass sie ihm in jeder Hinsicht unterlegen ist, und er ihr trotzdem nichts antut, summt es so sehnsüchtig in ihrem Unterleib, wie sie es seit Jahren nicht erlebt hat. Sie will sich in seine Arme stürzen, damit er sie noch einmal so festhält. Sie will aufgeben und sich geborgen fühlen.

*

Simon betrachtet sie. Die Arroganz und die Verkniffenheit sind aus ihrer Körperhaltung verschwunden, stattdessen wirkt sie auf seltsame Art entspannt und starrt ihn an … sehnsüchtig? Das Wort kommt ihm in den Sinn und lässt seinen Schwanz zucken. Spinnt er? Er atmet tief durch.
    »Okay. Ich tu dir nichts, und du tust mir nichts, sind wir uns da einig?«
   Sie nickt und senkt den Kopf. »Ich war dumm, es tut mir leid.«
   Er steht an den Schrank gelehnt da und überlegt, was er nun mit ihr anfängt. Die Frau ist ihm ein Rätsel, und dem will er unbedingt auf den Grund gehen. Er braucht ihr Vertrauen, dann findet er am einfachsten mehr über sie heraus. Ohne länger nachzudenken, greift er zur Kamera, schaltet sie ein und hält sie ihr hin. Er deutet auf den kleinen Knopf neben dem Display. »Auf den drücken, um zum nächsten Bild zu kommen.«
   Deutlich überrascht zuckt Hannas Blick zu ihm hoch.
   Er zwinkert, und zögernd nimmt sie die den Fotoapparat.
   »Lass dir Zeit und zieh die Jacke aus. Kein Wunder, dass dir der Schweiß ausbricht, der Ofen heizt die Bude ein wie ein glühender Vulkan. Ich hole mal was zu trinken.«

*

Sie sieht ihm nach.
   Er ist barfuß, trägt eine Jeans, und sein nackter Oberkörper ist … umwerfend sexy …
   Die lästigen Schmetterlinge in ihrem Bauch schlagen vor Begeisterung Purzelbäume. So ein Mist! Schnell wendet sie den Blick ab, schält sich aus der Jacke und beginnt, die Fotos auf der Kamera zu sichten.
   Als er mit Mineralwasser zurückkehrt, beachtet sie ihn nicht. Sie klickt von Bild zu Bild. Es sind alles Naturaufnahmen, Bäume, Blumen, das Meer bei Flut und das Watt bei Ebbe, einige Vögel, und von Weitem ist auch ihr Haus zu erkennen. Nachdem sie alles betrachtet hat, legt sie die Kamera vorsichtig auf den Tisch. »Das sind schöne Fotos. Tut mir leid, dass ich Sie verdächtigt habe.«
   Er hält ihr ein Glas entgegen. »Trink.«
   Sie gehorcht und weicht seinem Blick aus.
   Als sie aufschaut, lächelt er schief. »Irgendwie war unser Kennenlernen etwas unglücklich. Ich schlage vor, wir fangen noch mal von vorn an. Ich heiße Simon, bin zweiundvierzig Jahre alt, wohne in Münster, seit Kurzem ziemlich frisch getrennt. Und«, er zwinkert, »Freunde duze ich in der Regel. Einverstanden?«
   Sein Lächeln lässt warme, cremige Feuchtigkeit in ihr Höschen tropfen, und schon wieder prickelt die Haut am ganzen Körper. Das ist so peinlich. Unwillkürlich kneift sie die Knie zusammen.
   Sie senkt den Kopf und hofft inständig, er merkt ihr nichts an. »Hanna«, krächzt sie, räuspert sich und greift schnell erneut zum Glas. »Ich tu das auch … ähm … duzen, meine ich … Freunde.«
   »Okay, Hanna, was willst du von mir wissen?«
   Sie überlegt fieberhaft. Was soll sie fragen, ohne zu viel von sich zu verraten? »Warum machst du um diese Jahreszeit hier Urlaub?«
   »Meine Frau hat sich vor vier Monaten von mir getrennt. Ich wollte raus, suchte Einsamkeit, und ich mag diese Landschaft. Und du? Warum lebst du hier?«
   Hanna zögert. Dass er Gegenfragen stellt, war ihre Befürchtung und gefällt ihr ganz und gar nicht. »Ich war ebenfalls eigentlich nur zum Urlaub hier und bin geblieben.« Sie lächelt nervös und zuckt mit den Schultern. »War auch nach der Trennung von meinem Mann.«
   Er grinst. »Dann scheint dieses Nest wohl Scheidungsopfer anzuziehen.«
   Sie muss glucksen, und ihr Blick fällt auf die große Kameratasche. »Sieht so aus. Warum hast du so viel Ausrüstung dabei?«
   »Berufskrankheit. Vielleicht kann ich das eine oder andere Bild als Postkarte verkaufen. Wie lange lebst du hier schon allein?«
   »Vier Jahre.«
   »Wird das nicht langweilig?«
   »Nein, ich mag die Einsamkeit.«
   »Wo hast du vorher gewohnt?«
   Ihre inneren Alarmglocken schrillen. »Ich muss gehen. Danke für das Wasser und noch mal … Entschuldigung. So was«, sie deutet zur Terrassentür, »mache ich eigentlich nicht.«
    Eilig schlüpft sie in ihre Jacke, steckt die Spraydose in die Tasche und läuft zum Eingang.
   Er steht ebenfalls auf und folgt ihr.
   Sie drückt auf die Klinke, doch bevor sie die Haustür öffnen kann, stellt er sich neben sie, legt seine Hand auf ihre, und sie zuckt zusammen. Ihr Herz beginnt wild zu hämmern. Auf seinem muskulösen Unterarm treten Sehnen und Adern deutlich hervor. Der Druck seiner Hand vermittelt Wärme, Kraft und einen starken Willen. Überdeutlich registriert sie die Berührung.
   »Hast du Lust, morgen mit mir spazieren zu gehen? Vielleicht kannst du mir ein paar Landschaftsmotive zeigen?«
   Sie sieht zu ihm auf. Seine dunklen Augen scheinen glühende Pfeile direkt in ihr Herz zu senden. Er steht so dicht vor ihr, wie schon lange kein Mann mehr vor ihr gestanden hat. Und seine verdammte nackte Brust ist viel zu nah. Er berührt sie immer noch. Wie soll sie dabei denken?
    »Ich … ich … ich weiß nicht, ob ich Zeit habe.« Sie zwingt sich, nicht auf seine kleinen, harten Nippel zu starren.
   Er lächelt. »Ich komme am Nachmittag vorbei und hole dich ab. Falls du dann doch nicht kannst, gehe ich eben allein weiter.«
   Sie schluckt und nickt. Mit einer langsamen, streichelnden Bewegung nimmt er seine Hand von ihrer, und sie schlüpft schnell hinaus. »Dein … ähm … Auto?«
   Er grinst. »Mein Wagen ist in der Werkstatt. Deshalb bist du mir in die Falle gegangen.«

*

Simon sieht ihr nach, bevor er die Tür schließt und sich mit einem breiten Grinsen rücklings gegen das Holz lehnt. »Bingo, alter Junge, perfekt.« Fast hätte er ihr die Wahrheit gesagt und sie einfach um ein Interview gebeten, als sie da plötzlich in seinem Wohnzimmer vor ihm stand, doch es reizt ihn, ihr eine Weile den unschuldigen Urlauber vorzuspielen. Wer weiß, was sie ihm anvertraut, wenn er sich ein bisschen nett um sie kümmert. Er könnte schwören, dass sie auf ihn steht.
   Amüsiert erinnert er sich an ihre Unsicherheit. Es hat ihn angemacht, sie nervös zu machen, und als ihr Körper gegen seinen kämpfte, spürte er Muskeln und einen flachen Bauch. Er wurde hart, was sie zum Glück nicht gemerkt hat. Noch zwei Tage lang flirten, und die Schreibertussi ist so geschmeidig, dass sie ihm ihre Lebensgeschichte erzählt.
   Weiber wie sie sind schuld, dass seine Ehe den Bach runtergegangen ist. Sie und ihre blöden trivialen Liebesschnulzen. Nur, weil sie kein Mann anguckt, muss sie ihren Frust nicht in Illusionen verarbeiten, die bei normalen Frauen sämtliche Gehirnströme durcheinanderbringen.
   Fuck! Es ist ein scheiß Gefühl, wenn die vermeintliche große Liebe einen kalt lächelnd sitzen lässt.

Kapitel 4

Zu Hause angekommen setzt sich Hanna an ihren Computer und gibt Simon Vorfeld in die Internetsuchmaschine ein. Sofort werden ihr jede Menge Ergebnisse angezeigt, die mit seinem Namen verknüpft sind, und sie erfährt, dass er tatsächlich für eine Presseagentur arbeitet.
   Keine Hinweise auf Hannover oder ihren Exmann. Auch wenn er nichts mit Dennis zu tun hat, würde er ihr Leben gefährden, sollte er veröffentlichen, dass sie die erfolgreiche Autorin Romy Scott ist. Ist es wirklich Zufall, dass ausgerechnet ein Pressetyp das Nachbarhaus gemietet hat? Um diese Jahreszeit? Allein?
   Sie ist hin- und hergerissen. In der einen Minute beschließt sie, den Kontakt sofort abzubrechen, in der anderen will sie ihn unbedingt wiedersehen. Die Schmetterlinge in ihrem Bauch sind schon viel zu lange einsam, sie betteln um Beachtung. So ein Scheiß!
   In der Nacht träumt sie von ihm und ihrem Manuskript. Als sie erwacht, sind ihr Romanheld Tom und der Fremde aus dem Ferienhaus zu einer Figur geworden. Buchereignisse und reale Ereignisse haben sich vermischt, Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen in ihrem Kopf ineinander.
   Wenn sie vor ihren inneren Augen Simons Gesicht sieht, hat er Toms Eigenschaften, und in ihrem Herzen brennt ein loderndes Feuer. Sehnsüchtiges Ziehen schmerzt in der Brust. Sie spürt immer noch die Wärme seiner kräftigen Arme, als er sie umklammert und seine Hand an ihre Kehle gelegt hat. Es war Bedrohung und gleichzeitig Beweis, dass sie bei ihm sicher ist, denn er hat ihr nichts getan. Das Erlebnis, für normale Menschen kaum nachvollziehbar, wirkt auf ihren devoten Charakter wie ein Aphrodisiakum.
   Brennende Scham lässt ihre Wangen glühen, als sie sich erinnert, wie sie sich aufgrund genau dieser erotischen Anziehungskraft von Dennis hat ausnutzen lassen. Nie wieder soll ihr so etwas passieren.
   Ob sie Simon trauen kann? Bildet sie sich ein, dass er interessiert an ihr ist? War er vielleicht nur nett, und sie interpretiert viel zu viel hinein, weil sie den Umgang mit attraktiven Typen seit Jahren nicht gewohnt ist?
   Im Laufe des Vormittags steigert sich ihre Unruhe. Sie kann sich nicht auf ihre Arbeit konzentrieren. Mittags hat sie das Bedürfnis, etwas Freundlicheres als den obligatorischen dunklen Rollkragenpullover und die weiten, bequemen Jeans anzuziehen. Sie stöbert im Schrank und findet schließlich eine engere Hose, eine hellblaue Bluse und eine gemusterte Strickjacke. Sie zieht sich um, knotet zum Schluss noch einen Schal um den Hals, der die Narbe zuverlässig verdeckt, und setzt sich wieder an ihren Computer.

*

Vergnügt vor sich hin pfeifend geht Simon den Weg entlang. Es ist zwar kalt, doch der Wind weht nur mäßig, und zwischen den Wolken kommt alle paar Minuten die Sonne mit wärmenden Strahlen durch. Bei Hanna angekommen, klingelt er. Als sie öffnet, setzt er sein nettestes Lächeln auf. »Hallo Nachbarin.«
   Sie trägt heute keine sackähnliche Trauerkleidung, zieht aber die Schultern hoch, als ob er ihr Henker wäre, der sie zum Galgen führen wird. Amüsiert mustert er ihren prallen Po und die langen Beine in der engen Jeans. Die Schnulzentussi hat eine durchaus ansprechende Figur. Sie scheint Sport zu treiben.
   Sie wandern, nachdem sie sich eine Jacke übergezogen hat, einen schmalen Weg auf dem Deich entlang. Es ist Ebbe, und man kann kilometerweit ins Watt hineinblicken. Die Containerschiffe in der Fahrrinne sind klein wie Spielzeugboote. Nach einer Weile wenden sie sich der Landseite zu und spazieren durch ein Waldstück.
   Simon plaudert über alles Mögliche und stellt immer wieder unverfängliche Fragen, sodass sein Opfer allmählich lockerer wird. Ab und zu berührt er sie an den Schultern und fasst sie am Arm an, um ihr etwas zu zeigen oder sie kurz zu stützen, wenn der Weg uneben oder durch die Nässe rutschig ist. Berührungen sind gut, um Vertrauen aufzubauen, und Rache ist ein süßes Geschäft.
   Auf einer Lichtung äsen Rehe. Er hält Hanna zurück, deutet mit dem Zeigefinger auf dem Mund Schweigsamkeit an und zeigt auf die scheuen Waldtiere.
   Er stellt sich hinter sie und legt seine Hände auf ihre Schultern. Sie gibt dem leichten Druck nach und lehnt sich kaum spürbar an ihn. Eine Weile stehen sie so. Die Schreibertussi duftet unerwartet angenehm. Plötzlich heben die Tiere die Köpfe, starren zu ihnen herüber und springen aus dem Stand in das tiefe Dickicht hinein.

*

Als sie am Haus angekommen sind und Simon sie auf einen Kaffee einlädt, willigt Hanna ein. Sie kann einfach nicht anders, es ist, als ob er hypnotische Kräfte hätte.
   »Mach es dir gemütlich, ich setze mal die Kaffeemaschine in Gang«, ruft er, während er sich aus der Jacke schält und in Richtung Küchenzeile schlendert.
   Hanna setzt sich auf einen Sessel und sieht zu, wie er mit Wasser und Kaffeepulver hantiert, anschließend frisches Holz in den Ofen schiebt und sich schließlich in eine Ecke der Couch fallen lässt.
   »Ist dir nicht zu warm?« Er deutet auf den Schal, den sie immer noch um den Hals trägt.
   Sie schüttelt den Kopf und fasst nervös hin, um ihn zurechtzurücken.
   »Musik?«, fragt er, und sie nickt. Er steht auf, schaltet das Radio ein und sucht einen dieser Sender, die durchgehend Popsongs bringen.
    »Und, war es so schlimm?«, will er unvermittelt wissen, als sie ihre Kaffeebecher in den Händen halten und daran genippt haben.
   Irritiert zieht sie die Augenbrauen hoch. »Was?«
   Er schmunzelt. »Das Spazieren gehen.«
   Verlegen zuckte sie mit den Schultern und … oh nein … ihre Wangen werden heiß.

*

Simon mustert sie, und sein Schwanz zuckt. Er hat Macht über die gestern noch so arrogante Zicke. Sie ist verunsichert. Das gefällt ihm, ja, es bereitet ihm wohlschmeckende Genugtuung.
   Dass sich ausgerechnet die berühmte Romy Scott so leicht nervös machen lässt, ist Balsam für sein zorniges Ego, und er freut sich auf den deftigen Artikel, den er schreiben wird.
   Er setzt ein warmes Lächeln auf. »Wie lange warst du verheiratet?«
   Sie zieht die Stirn zusammen, sodass sich eine Falte zwischen ihren Augen bildet. »Vier Jahre.«
   Er nickt versonnen. »Bei uns waren es drei. Du hast keine Kinder?«
   »Nein, ich … ähm … ich hatte mit zweiundzwanzig eine Fehlgeburt und habe mich danach sterilisieren lassen.«
   Er wartet, dass sie mehr erzählt, doch sie redet nicht weiter, sondern blickt geradeaus zum Fenster hinaus, als könnte man in der fortgeschrittenen Dämmerung noch etwas sehen.
    »Warum ist deine Ehe gescheitert?«
   Seine Frage holt sie in die Gegenwart zurück. »Das lässt sich mit zwei Sätzen nicht erklären und … ich muss jetzt auch nach Hause.«
   Später am Abend sitzt Simon vor seinem Laptop und notiert sich Stichworte zu ihrem gemeinsamen Nachmittag. Er klickt mit der Maus auf ein Verzeichnis und betrachtet die Bilder, die er an den ersten beiden Tagen heimlich von ihr gemacht und längst auf dem Computer abgespeichert hat. Er grinst. Wie beruhigt sie gewesen war, nachdem er sie auf die Kamera hat blicken lassen. »Tja, Schnulzentussi, schlecht, wenn man keine Ahnung von Teleobjektiven und Speicherkarten hat.«
   Als sie kurz von der Fehlgeburt sprach, glaubte er, mehr zu erfahren, doch dann ist sie leider geflüchtet.
   Je länger er die Bilder ansieht und über ihr Benehmen nachdenkt, desto wütender wird er auf sie. »Die muss mit diesem Schund schon mindestens fünfhunderttausend Euro verdient haben, wieso zieht sie sich an wie ein armes Mäuschen und tut so hilflos und schüchtern, dass man Mitleid bekommt? Die spinnt total!«
   Nein, er wird nicht auf ihr schüchternes Gehabe hereinfallen, er wird genau das machen, was er sich vorgenommen hat: Sie aushorchen und einen gepfefferten Artikel schreiben.

Kapitel 5

Die Autobahn ist zu dieser frühen Morgenstunde leer, und Simon kommt gut voran. Er unterbricht seinen Aufenthalt in Nordstrand, um seine geschiedene Frau zu besuchen. »Um zwölf bin ich da, das passt gut«, überlegt er mit Blick auf die Anzeige des Navis.
   Jana ist zu ihren Eltern gezogen. Sie hat ihn gebeten, zu kommen, um abschließende Formalitäten zu ihrer Scheidung zu besprechen.
   Auf der Autobahn hat er Zeit, nachzudenken. Während des letzten Jahres ihrer Ehe ist ihm nicht aufgefallen, dass irgendetwas nicht in Ordnung sein könnte, doch da muss Jana bereits unzufrieden gewesen sein. Warum hat sie nicht früher etwas gesagt? Als es zum richtigen Bruch kam, war da so viel aufgestaute Wut. Sie hat ihm ihre Vorwürfe entgegengeschleudert, und er war völlig unvorbereitet gewesen.
   Tief in Gedanken und Erinnerungen versunken, bringt er die Fahrt hinter sich und parkt schließlich vor dem Haus seiner Schwiegereltern.
   Er klingelt, und Jana öffnet. »Hallo Simon.«
   Sie umarmen sich kurz, er küsst sie auf die Wange, bevor sie eintreten und er sich umsieht. »Sind deine Eltern nicht da?«
   »Nein, sie besuchen Freunde, damit wir in Ruhe reden können.«
   Im Wohnzimmer auf dem Tisch stehen Kaffeebecher und eine Thermoskanne. Sie setzen sich.
   »Was machst du in diesem Kaff? Wie hieß das noch, Nordstrand?«, fragt sie beiläufig.
   »Ich recherchiere für eine Story.«
   Jana zieht eine Augenbraue hoch. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass da etwas interessant sein könnte.«
   »Da wohnt Romy Scott.«
   »Die Schriftstellerin?«
   »Genau die.«
   »Ach, um die wird doch ein Geheimnis gemacht. Niemand kennt ihren richtigen Namen oder weiß, wie sie aussieht.«
   »Stimmt. Ich habe sie gesucht und in Nordstrand gefunden.«
   »Interessant. Wie hast du das geschafft?«
   Er grinst. »Man hat so seine Beziehungen. Den Ortsnamen bekam ich über ihren Verlag raus, der Rest war in einem so kleinen Dorf kein Problem.«
   Und wie ist sie so?«
   »Langweilig, unfreundlich, hässlich.«
   Jana lacht. »Tatsächlich?«
   »Ja.« Simon mustert seine Frau. Sie sieht gut aus, trägt die langen blonden Haare offen, und ihr Gesicht wirkt selbstbewusst, entspannt und zufrieden. »Du bist richtig froh, dass wir nicht mehr zusammen sind, oder?«
   Sie nickt seufzend. »Es ging einfach nicht mehr. Das weißt du selbst.«
   »Ich frage mich immer wieder, warum es mit uns so bergab ging, warum wir es nicht früher gemerkt haben. Vielleicht hätten wir das Ruder noch herumreißen können. Du hast nie gesagt, dass du nicht glücklich warst.«
   Jana lehnt sich zurück und lacht. »Nichts gesagt? Du wolltest nichts hören!«
   »Wie meinst du das?«
   Sie trinkt einen Schluck Kaffee und schüttelt den Kopf. »Ich habe dir tausendmal gesagt, dass ich dich vermisst habe, weil du nur noch deinen Job im Kopf hattest. Unsere Liebe ist im Alltag verloren gegangen, keine Zärtlichkeit mehr, keine Romantik. Ach, ich könnte jede Menge Beispiele aufzählen.«
   Simon erinnert sich an so manchen Vorwurf, jedoch hat er damals nicht begriffen, dass es bereits um seine Ehe ging. »Du hättest es deutlicher sagen müssen.«
   »Nein, mein Lieber, wenn dir unsere Ehe wichtig gewesen wäre, hättest du besser zugehört.«
   »Ich dachte, du bist eine emanzipierte Frau.«
   Sie lacht. »Das hat doch nichts mit Emanzipation zu tun. Das hat was mit Liebe zu tun.«
   Er erinnert sich an die letzte große Szene, die sie ihm vor ihrem Auszug gemacht hat, als sie ihm das Buch von Romy Scott an den Kopf geworfen hat. »Ich habe übrigens die Bücher dieser Scott inzwischen gelesen. Hättest du dir unsere Ehe wirklich so gewünscht?«
   »Was meinst du mit ‚so’?«
   »Die Männer in diesen Büchern sind Machos. Hättest du dir gewünscht, dass ich so bin? Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.«
   Sie lächelt. »Jede Frau wünscht sich einen selbstbewussten Mann, der sie respektiert und achtet, der romantisch ist, der sie wertschätzt und an den man sich auch mal anlehnen kann. Wir wollen spüren, dass wir geliebt und begehrt werden.«
   Er winkt ab. »Das ist total unrealistisch und nicht alltagstauglich.«
   Traurig senkt Jana den Kopf. »Das ist deine Meinung.«
   Eine Weile schweigen sie, schließlich räuspert sie sich. »Also, warum ich dich um ein Gespräch gebeten habe … ich … liebe einen anderen und gehe mit ihm nach London. Ich möchte deshalb, dass wir alles, was unsere Ehe angeht, vollständig und endgültig regeln.«
   »Was?«
   »Es gibt in England einen guten Job für mich.«
   Simon schüttelt fassungslos den Kopf. »So schnell lässt du dich auf einen neuen Mann ein? Und gehst gleich mit dem ins Ausland?«
   Jana starrt schweigend auf ihren Kaffeebecher, und dann kapiert er. »Fuck. Du kennst den schon länger.«
   Sie nickt.
   »Wie lange?«
   »Das ist doch jetzt egal.«
   »Sag nicht, das hat angefangen, als wir noch zusammen waren?«
   Sie reagiert nicht.
   Er lacht ungläubig auf. »Du hast mich wegen eines anderen verlassen?«
   »Ich habe mich nicht wegen des anderen von dir getrennt. Ich habe mich verliebt, weil unsere Ehe nicht funktionierte.« Sie winkt ab. »Das spielt nun wirklich keine Rolle mehr.«
   Der Zorn tobt in ihm, doch er beherrscht sich und bespricht mit Jana, was es an Formalitäten zu regeln gibt, dann verabschiedet er sich und rast viel zu schnell über die Autobahn zurück nach Nordstrand.
   Den ganzen Sonntag lang verlässt er das Haus nicht. Er ist traurig und wütend, frustriert und beleidigt. Wegen eines scheiß anderen Typen hat Jana ihn verlassen. Einen Macho wollte sie haben, und er dachte, sie ist emanzipiert, und das muss er respektieren. Pah! Was für ein Scheiß!

Kapitel 6

»Ja, das ist eine gute Idee.« Als wollte sie sich selbst Mut zusprechen, bestätigt sich Hanna nun bereits zum dritten Mal, dass ihre Entscheidung, in die Stadt zu fahren, und endlich mal ein paar neue Hosen, Blusen und Pullover zu kaufen, richtig ist. Aus unerfindlichen Gründen hofft sie darauf, Simon wiederzusehen, und plötzlich will sie eine begehrenswerte Frau sein.
   Hanna betrachtet durch das Zugfenster die vorbeirasende Landschaft. Sie hat ihr Auto am kleinen Nordstrander Bahnhof stehen gelassen und ist in den Zug gestiegen, um für einen Stadtbummel nach Bremen zu fahren. Es ist das erste Mal seit ihrem Umzug in die Einsamkeit am Meer, dass sie sich in eine Stadt wagt. Ein seltsames Gefühl.
   Vom Hauptbahnhof aus wandert sie in eine Fußgängerzone. Es ist Montag. Die vielen um sie herumhastenden Menschen sind ihr unheimlich. Es wird wirklich Zeit, dass sie wieder unter Leute kommt, sie fühlt schon wie ein Eremit. Tief durchatmend versucht sie, sich auf die Auslagen in den Schaufenstern zu konzentrieren und betritt schließlich ein Kaufhaus, um unentschlossen durch die Gänge mit Kleiderständern zu irren.
   »Kann ich Ihnen helfen?«
   Hanna wendet sich um und blickt in ein freundliches, offenes Gesicht. »Ja, ich suche eine schlichte, normale Jeans. Haben Sie da was?«
   »Klar, kommen Sie mit, hier entlang.«
   Sie folgt erleichtert.
   »Probieren Sie die mal, die müsste passen.«
   »Meinen Sie? Die sieht so eng aus?« Zweifelnd hält Hanna die Hose vor sich.
   Die junge Verkäuferin grinst. »Die ist wie für sie gemacht.«
   Hanna betritt eine Kabine und zieht die Jeans an. Nachdem sie so lange nur weite und unförmige Klamotten trug, fühlt sie sich seltsam in der engen Levys, die ihre schlanken Beine mehr als betont. Zögernd tritt sie draußen vor den Spiegel.
   Die Verkäuferin nickt zufrieden. »Die steht Ihnen ausgezeichnet.«
   »Meinen Sie wirklich? Bin ich nicht zu alt für so eine Hose?«
   »Zu alt? Wie kommen Sie denn auf die Idee?«
   Hanna schmunzelt. »Danke. Das hört Frau gern.« Sie atmet tief durch und nickt. »Okay, dann nehme ich die. Ich brauche auch ein, zwei Blusen und Pullover, nicht so modisch, eher normal, nicht so … auffällig?«
   »Haben wir. Warten Sie, ich hole mal ein paar passende Sachen her.« Schon läuft sie zielstrebig los, während sich Hanna weiter kritisch in der neuen Hose vor dem Spiegel hin und her dreht.
   »Ich finde, die steht dir ausnehmend gut«, lobt plötzlich eine raue Männerstimme aus dem Hintergrund.
   Hanna zuckt zusammen, fährt herum und steht Simon gegenüber. Ihre Wangen glühen, als ob jemand einen entsprechenden Schalter betätigt hätte.
   Er lehnt lässig mit seiner Kamera um den Hals an einem Kleiderständer, betrachtet ungeniert ihren Körper und grinst.
   »Äh … was machst du denn hier?«
   Unbeeindruckt von ihrer nicht gerade freundlichen Begrüßung tritt er näher und zuckt mit den Schultern. »Bin zufällig auch heute auf die Idee gekommen, ein bisschen einzukaufen.« Er mustert unverhohlen ihre Beine. »Habe allerdings noch keine so gut passende Hose gefunden wie du.«
   Hanna möchte im Erdboden versinken. Sie fühlt sich nackt und spürt seine Blicke wie Berührungen. Ihre Brustwarzen drücken hart gegen ihren BH. »Ich ziehe mich mal schnell um«, stößt sie hervor und will in die Kabine verschwinden. In diesem Moment steht die Verkäuferin mit einem Stapel Blusen, Pullovern und Blazern da.
   »Oha. Du planst einen Großeinkauf. Ich bin dir bei der Auswahl behilflich.« Gelassen setzt er sich auf einen Stuhl und grinst sie breit an. Verdammt! Schlimm genug, sich nach so vielen Jahren in einem neuen Stil auszuprobieren. Nun noch Simon als Zeuge? Das ist Folter!
    Sie möchte auf den Mond fliegen … sich aber auch ungern lächerlich machen.
   »Die Bluse sieht gut aus, das Tuch passt nicht dazu. Nimm es mal ab.« Er zeigt auf ihren Hals.
   »Ich habe Halsschmerzen.«
   Die Verkäuferin hält triumphierend ein anderes Halstuch in der Hand »Bitte sehr.« Sie grinst Simon an. »Zwei Seelen, ein Gedanke.«
   Simon streckt die Hand aus. »Gib her, ich nehme das alte so lange.«
   »Nicht nötig«, krächzt Hanna und stürzt an ihm vorbei in die Kabine. Eilig wechselt sie das Tuch und kehrt zurück. Sie starrt in den Spiegel. Simon steht auf, stellt sich hinter sie und legt seine Hände auf ihre Schultern. Augenblicklich galoppiert ihr Puls wie ein Rennpferd nach dem Startschuss davon.
   »Du machst ein Gesicht, als ob einkaufen wehtut. Dabei siehst du in diesen Sachen extrem sexy aus.« Seine Stimme ist sanft, leise und tief. Sie fühlt seinen Atem an ihrem Ohr, die kleinen Härchen in ihrem Nacken richten sich auf. Im Spiegelbild sieht sie sein Gesicht neben ihrem. Er lacht nicht.
   Sie räuspert sich. »Meinst du?«
   »Ja, das meine ich.«
    Ein glückliches Lächeln lässt sich nicht unterdrücken. »Okay, dann bist du schuld, dass ich wie ein bunter Pfau herumlaufe.«
   »Du bist wunderschön«, raunt er, ohne auf ihren Witz einzugehen, und ihr Höschen wird feucht.
   Oh nein!
   Eine Stunde später ist Hanna gleichermaßen erschöpft wie happy. Simon hat sie immer wieder fröhlich dazu gebracht, weitere Outfits auszuprobieren, sodass nun eine bunte Auswahl an neuen Klamotten an der Kasse vor ihr liegt. »Das reicht für zwanzig Jahre«, stöhnt sie und ist gleichzeitig auf seltsame Weise verrückt euphorisch.
   Beim Verlassen des Kaufhauses legt Simon seine Hand zwischen ihre Schulterblätter. »Nach so viel Einkaufsspaß brauchen wir eine Pause. Gehen wir Kaffee trinken? Oder ein Eis essen? Ich lade dich ein.«
   Hanna nickt. Ihre Stimme und ihr Denkvermögen sind gerade irgendwo auf Urlaub. Wie hypnotisiert lässt sie sich von ihm in die Fußgängerzone steuern.
   »Du bist nicht oft unterwegs, stimmt’s?«, fragt er, während sie die Straße entlang schlendern.
   »Ähm …«
   »Du fühlst dich unter so vielen Menschen nicht wohl. Das ist offensichtlich.«
   Hanna schluckt. Sein Blick kribbelt auf ihrem Körper, aber sie sieht stur geradeaus.

*

Warum spielt ihm dieses kleine, falsche Biest eine derartige Show vor?
   Simon sitzt Hanna im Zugabteil gegenüber und forscht in ihrer Mimik, während sie reglos aus dem Fenster in die Dunkelheit starrt.
   Natürlich war es kein Zufall, dass sie sich getroffen haben.
   Er ist ihr zum Bahnhof gefolgt, ebenfalls in den Zug gestiegen und hat sie in der Fußgängerzone fotografiert. Es wird ihm eine Freude sein, die Bilder zu veröffentlichen. Die Schundromantussi, die ihre Heldinnen so schick und sexy anzieht, läuft in Klamotten durch die Stadt, die für achtzigjährige Großmütter konzipiert sind. Wohlgemerkt, obwohl sie garantiert so viel Geld auf dem Konto liegen hat, dass sie Designermode kaufen könnte.
   Innerlich grinst er. Als sie das neue Zeug probiert hat, brachte sein Schwanz eindeutig zum Ausdruck, dass er sie haben will. Der Blick auf ihre festen, nicht zu großen Brüste und den strammen, wohlgerundeten Po hat seine Hormone nicht kaltgelassen. Fuck! Was ist mit ihr los? Es passt nicht, dass sich eine Frau mit einem so perfekten Körper dermaßen unvorteilhaft anzieht und mit ängstlich hochgezogenen Schultern durch die Stadt läuft.
   Wahrscheinlich ist sie krankhaft geizig. Er wird bei Gelegenheit mal einen Blick in ihren Kleiderschrank werfen. Und er will ihren Hals sehen. Er muss einfach wissen, warum sie den versteckt. Bestimmt ein hässliches Tattoo … oder ein peinliches … und das wird er auch noch aufs Foto bekommen. Yeah!
   Zufrieden schlägt er die Beine übereinander. Er ist nicht umsonst Journalist, und dieses Projekt wird interessanter, als er gehofft hat.

Kapitel 7

Am nächsten Tag kann sich Hanna nicht auf ihre Arbeit konzentrieren. Sie versucht, zu schreiben, doch die Gedanken schweifen immer wieder ab.
   Es war seltsam, in die Stadt zu fahren, so viele Menschen um sich herum zu sehen und vor allem, von so vielen Menschen gesehen zu werden. Ob die Zeit der freiwillig gewählten Einsamkeit ein Ende haben sollte?
   Vermutlich hat Dennis längst sein Interesse an ihr verloren, und sie muss keine Angst mehr vor ihm haben. Will sie wirklich ihr Leben ganz allein verbringen? Simons Gesicht taucht vor ihren inneren Augen auf, sie spürt seine warme große Hand auf ihrem Rücken. Vielleicht wäre es doch möglich, noch einmal zu lieben? Unwillig schüttelt sie den Kopf. Nein, verdammt. Unmöglich. Jede Art von Leichtsinn kann sie in tödliche Gefahr bringen. Sie sollte den Typen, der sowieso in ein paar Tagen wieder verschwindet, schnellstens vergessen. Warum zum Teufel ist sie bloß in die Stadt gefahren? Und was soll sie mit all diesen Klamotten?
   Am Nachmittag klappt sie genervt den Laptop zu. Sie braucht frische Luft. Nach einem kritischen Blick Richtung Himmel beschließt sie, für ihre Erledigungen im Dorf das Rad zu nehmen. Eingemummelt in einen Rollkragenpullover und eine dicke Weste saust sie los.

*

Simon hat sein Auto aus der Werkstatt geholt und kauft einige Kleinigkeiten ein. Als er den Dorfladen verlässt und ins Auto steigt, nähert sich Hanna mit dem Fahrrad.
   »Wow, die ist aber mutig.« Dunkle Wolken kündigen einen ordentlichen Schauer an. Er will aussteigen und ihr anbieten, sie mit zurückzunehmen. Oder … auf seinem Gesicht breitet sich ein fröhliches Grinsen aus. Das ist die perfekte Gelegenheit, die Recherchen bezüglich peinlichem Halstattoo voranzubringen. Er wartet, bis sie ihr Rad abgestellt und den Laden betreten hat, steigt aus, sieht sich noch mal um und schlägt mit dem Taschenmesser ein klitzekleines Loch in ihren Reifen. Zurück im Auto harrt er geduldig aus. Da er hinter einem anderen Wagen parkt, wird sie ihn beim Herauskommen nicht sehen, sondern auf einem Rad losradeln, das ganz allmählich einen platten Hinterreifen bekommt. Mit etwas Glück beginnt es ordentlich zu gießen, sodass er sie retten kann. Wer durchnässt ist und friert, muss sich umziehen, und dabei wird seine Handykamera zuschauen. Irgendwie kriegt er das schon hin.«
   Zufrieden lehnt er sich in seinem Autositz zurück und steckt sich ein Pfefferminzbonbon in den Mund.
   Sie kommt raus, verstaut die Einkaufstüte im Korb auf dem Gepäckträger und fährt los. Simon blickt zum Himmel. Bingo. Der Wettergott spielt mit, es beginnt zu nieseln. Er sieht auf die Uhr. »Wollen wir dich mal nicht zu früh retten, sonst bist du nicht nass genug, kleine graue Maus.« Fröhlich pfeift er mit der Radiomusik mit.

*

Hanna flucht, als ihr beim Verlassen des Ladens die ersten Regentropfen ins Gesicht klatschen. »Was für eine blöde Idee, an so einem Tag mit dem Rad zu fahren!«
   Sie tritt heftig in die Pedale und stemmt sich gegen den Wind, nur, um kurze Zeit später das Ruckeln im Reifen zu spüren. »Auch das noch! Na klasse.«
   Sie springt vom Rad und greift zur Luftpumpe, doch das leise Pfeifen der heraustretenden Luft ist aussagekräftig genug. Ihre Bemühungen sind vergeblich. Sie muss schieben, und der Regen wird schlimmer. Verdammt!
   Als sie in den kleinen Weg abbiegt, der zu den drei Ferienhäusern führt, ist sie bereits bis auf die Knochen durchnässt und zittert vor Kälte.
   Da hört sie einen Motor hinter sich. Sie blickt sich um und erkennt Simon. Er hält an und springt aus dem Auto. »Steig ein«, ruft er, öffnet den Kofferraum und greift nach dem Rad.
   Erleichtert gehorcht sie und lässt sich auf den Sitz fallen, während er das Rad verstaut.
   »Puh, was für ein Guss!« Lachend fällt er neben ihr auf den Fahrersitz und startet den Motor.
   Mitleidig mustert er sie. »Hey, du bist ja total durchnässt.«
   Hanna stöhnt. »Ja, ich hatte dummerweise kein Regenzeug dabei. Danke für die Rettung, aber ich fürchte, ich versaue dir gerade das Auto.«
   »Gern geschehen. Die Beule ist raus, nun darf der Sitz dran glauben.« Er zwinkert sie neckisch an.
   Hanna verdreht peinlich berührt die Augen. Die nassen Haare hängen in Strähnen an ihrem Gesicht hinunter, und sie zittert.
   »Du musst dich gleich umziehen, sonst holst du dir den Tod.«
   Sie nickt.
   Er hält vor ihrem Haus. Hanna springt aus dem Auto und stellt sich unter das Vordach der Haustür. Der Regen prasselt immer noch mit voller Kraft. Er stellt ihr den Korb mit den Einkäufen vor die Füße und zieht das Rad aus dem Kofferraum, während sie in der Einkaufstasche nach ihrem Schlüsselbund sucht.
   Hanna stöhnt. »Mist, mein Schlüssel ist weg.«
   »Dann kommst du mit zu mir und wir suchen nachher gemeinsam den Weg ab.« Widerstrebend lässt sie sich wieder ins Auto schieben, er schlägt die Tür hinter ihr zu.
   In seinem Häuschen öffnet er die Badezimmertür und zeigt hinein. »Zieh alles aus und schlüpf in meinen Bademantel.«
   »Ist nicht so schlimm.«
   Er zupft mit Daumen und Zeigefinger an den Ärmel ihres Pullovers. »Sei nicht albern, du kriegst eine Lungenentzündung!«
   »Das geht schon.« Sie zieht die Weste aus und verschränkt die Arme vor der Brust, um ihr Kältezittern zu verbergen.
   Kopfschüttelnd baut er sich in voller Größe vor ihr auf. »Bist du so prüde, dass du dir lieber den Tod holst, als im Bademantel vor einem Mann zu stehen?«
   Hanna kneift die Lippen zusammen, er greift nach ihrem Arm. »Mitkommen.« Er zerrt sie ins Schlafzimmer, öffnet den Schrank und holt das Nächstliegende heraus, es ist ein Jogginganzug. »Zieh das an! Mir wird schon kalt, weil ich dich nur zittern sehe!« Er wirft die Sachen aufs Bett, verlässt den Raum, und die Tür fällt mit einem Knall hinter ihm zu.
   Wieso spielt der Arsch sich so auf? Das ist doch wohl ihre Angelegenheit!

*

Simon unterdrückt die Idee, durchs Schlüsselloch zu spähen. Stattdessen setzt er Wasser auf, um einen Tee zu kochen. Als sie in seinen Sachen den Wohnraum betritt, verdreht er innerlich die Augen. Sie macht ein Gesicht wie ein geprügeltes Kind und wirkt in den viel zu großen Klamotten und den immer noch in nassen Strähnen herunterhängenden Haaren einfach lächerlich. Sie hat den Reißverschluss der Sweatjacke so hochgezogen, dass ihr Kinn nicht mehr zu sehen ist. Mist. Er hätte ihr etwas ohne Kragen geben müssen, um endlich ihren Hals zu sehen.
   Er verkneift sich ein genervtes Stöhnen, fasst sie an den Oberarmen und schiebt sie Richtung Badezimmer. Dort stellt er sie vor den Spiegel und greift nach dem Föhn.
   »Hey!«, protestiert sie.
   »Stehen bleiben«, knurrt er, steckt den Stecker ein und schaltet das Gerät an.
   Hanna bewegt sich nicht. Sie hält still, als wäre sie zur Salzsäule erstarrt, und zieht die Schultern so konstant hoch, als hätte sie Angst, er wollte sie mit dem Kabel des Föhns erwürgen. Plötzlich erregt ihn die Situation, seine Überlegenheit und ihre Unsicherheit. Verdammt, er ist ein Arschloch.
   »So, fertig. Setz dich im Wohnzimmer auf den Sessel am Ofen, da wirst du schnell wieder warm.«
   Sie gehorcht und sieht still zu, wie er Teekanne und Becher auf den niedrigen Couchtisch stellt.
   Während sie trinken, beobachtet er sie unauffällig. Seine intelligente, emanzipierte Frau hat die Bücher dieses naiven, verkrampften Mädchens gelesen, das anscheinend keine Ahnung hat, wie Ehe und Liebe im modernen Leben funktionieren. Nicht mal ausziehen kann sie sich vor ihm. Es ist sauer, dass sein Plan nicht funktioniert hat und noch wütender auf sich und seinen Schwanz. Er ist nicht so ein Machoarsch, er ist ein Mann, der Frauen respektiert. Aber … verflucht … er will wissen, was mit ihr los ist.

*

Hanna sitzt in Simons dicken, gemütlichen Sachen am Ofen. In ihrem Körper kribbelt und vibriert es. Als er ihr die Haare geföhnt hat, hätte sie sich fast an ihn gelehnt. Jede Berührung seiner Hände an ihrem Kopf und im Nacken war so intensiv, als würden aus seinen Fingern sanfte Wellen durch ihre Haut fahren und Wärme und Wohlbehagen tief in ihrem Inneren verbreiten. Sie fühlt sich so geborgen und versorgt wie seit ihrer Kindheit nicht mehr. Er bringt ihr Tee, und sie wünscht, dieser Nachmittag würde niemals enden. Kann sie ihm trauen? Darf sie ihm trauen?
   Jetzt steht er auf, tritt an den Schrank und schaltet ein iPad ein. Leise ertönt eine romantische, alte Rockballade. Er hebt das Gesicht und guckt aus dem Fenster. Plötzlich ein Ruck. »Oh, wie schön!« Er winkt ihr zu. »Komm her, das musst du sehen!«
   Neugierig stellt sie sich neben ihn und sucht den Horizont ab, kann jedoch nichts Besonderes entdecken. Irritiert sieht sie zu ihm auf.
   Er schmunzelt, drängt sie frech seitlich gegen die Wand und stützt sich rechts und links ihres Kopfes ab, sodass ihr der Rückweg versperrt ist. »So fängt man schöne Frauen.«
   Ihr Herz klopft schneller. Die Situation kommt ihr bekannt vor, wie ein Déjà-vu. »Hey!« Ihre Hände landen, in dem halbherzigen Versuch, ihn wegzudrängen, auf seiner Brust.
   »Was bietest du für deine Freiheit?« Seine Stimme summt verführerisch. Nervös spielt sie an seinen Hemdknöpfen, und er zieht die Augenbrauen hoch. »Willst du mich ausziehen?«
   »Nein!« Mit glühenden Wangen und Ohren drückt sie gegen seinen Arm, um sich zu befreien. Er rührt sich nicht einen Zentimeter von der Stelle.
   »So wird das nichts.« Er zwinkert. »Wie wäre es mit einem klitzekleinen Kuss?«
   Hannas Herz dröhnt bis in den Kopf. Sie spürt seine Kraft und fühlt tief in ihrem Unterleib die Wellen heißer Erregung. Er fasst mit einer Hand in ihren Nacken und streichelt mit dem Daumen sanft ihren Kieferknochen. Die Erkenntnis trifft sie wie ein Blitz. Es ist eine Szene aus ihrem letzten Roman. Zufall?
   Lächelnd mustert er ihr Gesicht. »Warum bist du so nervös?«
   Auch dieser Satz steht in ihrem Buch. Das kann kein Zufall sein. Verdammt! Was soll das?
   Er streicht mit dem Zeigefinger über ihre Wange, bevor er die steile Falte zwischen ihren Augen nachzeichnet, während er mit dem linken Arm weiterhin den Weg versperrt. »Macht dich das nicht an? Andere Frauen finden das erotisch.«
   Sie räuspert sich, will reagieren, doch ihr Sprachzentrum ist offline. Er nähert sich ihrem Gesicht, haucht einen zarten Kuss auf ihre zusammengekniffenen Lippen und lässt schmunzelnd von ihr ab.
   »Ich fürchte, weitere Spielchen müssen wir auf einen späteren Zeitpunkt verlegen, wenn wir deinen Schlüssel suchen wollen, solange es hell ist.«
   Irritiert steht sie da und fühlt sich wie ein dummes, naives Kind. »Ja, unbedingt«, würgt sie hervor.
   Draußen meint Simon, er will doch noch mal im Auto nachsehen, bevor sie zurückfahren und … tatsächlich, ihr Schlüsselbund liegt unter dem Teppich der Ladefläche. Er muss beim Einladen des Rades aus der Tasche gefallen sein.

Kapitel 8

Am Vormittag des nächsten Tages steht Hanna vor dem Spiegel in ihrem Schlafzimmer und probiert die neuen Sachen an. Immer wieder sieht sie statt ihres Spiegelbildes Simons Gesicht vor ihren inneren Augen und träumt davon, zärtlich in seine Arme zu sinken. Er hat das Gesicht von Simon, doch den Charakter von Tom, ihrem Romanhelden, und ihr Herz klopft schneller bei dem Gedanken, sie könnte ihre Fantasien von Liebe und Hingabe real erleben. Diese Vorstellung erregt sie, bis sie die Hitze zwischen ihren Beinen kaum noch ertragen kann. Sie bildet sich sogar ein, sein Aftershave zu riechen.
   Das Gefühl, von ihm an der Wand gefangen zu sein, seine Stärke und die Zärtlichkeit seiner streichelnden Finger zu spüren, weckt schmerzhafte Sehnsucht. Sie knöpft die Bluse auf und streichelt mit einer Hand sachte über eine Brustwarze, so wie Simon (Tom) es täte, wäre er da. Warmer Saft tropft in ihren Slip, und das Pulsieren in ihrer Klit verlangt Erlösung.
   Sie sinkt aufs Bett, öffnet die Hose und verhilft sich mit geübtem Fingerspiel zum Orgasmus.
   Reglos liegt sie da und starrt gegen die Zimmerdecke. Ihre Instinkte schlagen Alarm, ohne dass sie konkret erklären kann, warum. Sie sollte ihn nicht an sich heranlassen.

*

»Wenn du Nein sagst, muss ich das alles allein essen und mir wird übel, so herzlos bist du nicht.« Mit einem entwaffnenden Lächeln hält er in einer Hand die großen Pizzapackungen, während er in der anderen eine Flasche Rotwein schwenkt.
   Als es so spät am Abend klingelte, dachte Hanna unweigerlich sofort an Simon. Nun schlägt ihr Herz Purzelbäume. Sie lässt ihn herein und hofft, dass er das nervöse Zittern ihrer Finger nicht bemerkt.
   Sie stellt Teller und Gläser auf den kleinen Küchentresen, während er sich aus seiner Jacke schält und die Kamera auf den Wohnzimmertisch legt. Er nickt ihr zu. »Die neue Bluse steht dir gut.«
   Verlegen senkt sie den Kopf. »Danke. Warum hast du deinen Fotoapparat dabei?«
   Er zuckt mit den Schultern. »Die leidige Berufskrankheit. Man hat immer Angst, das Motiv seines Lebens zu verpassen.«
   Sie zieht eine Schublade auf und holt einen Korkenzieher heraus.
   »Lass mich das machen.« Er lächelt und berührt federleicht ihre Hand, als er ihr den Flaschenöffner abnimmt. Ohne zu fragen, greift er nach den zwei Kerzen auf der Fensterbank, platziert sie auf dem Tisch und zündet sie an.
   Während sie essen, kann sich Hanna allmählich entspannen. Simon versteht es, sie in eine unverfängliche Plauderei über belanglose Themen zu ziehen, der Wein schmeckt lecker, und die Kerzenflammen spiegeln sich glitzernd in seinen schönen braunen Augen.
   Später wechseln sie ins Wohnzimmer. Im Vorbeigehen zieht Simon den zuletzt von Romy Scott veröffentlichten Roman aus dem Regal und lässt sich damit auf einen Sessel fallen. »Meine Frau hat das auch gelesen. Sag mir, was findet ihr an solchen Geschichten?«
   Hanna ist zusammengezuckt, als er nach dem Buch gegriffen hat. Sie setzt sich ihm gegenüber auf die Couch. Misstrauisch sucht sie in seiner Mimik. Nein, er hat keine Ahnung. »Es sind einfach schöne Bücher für gemütliche Abende«, antwortet sie und bemüht sich um einen gleichmütigen Tonfall.
   »Wollt ihr die Männer wirklich so … machohaft?«
   Sie lächelt. »Es sind keine Machos. Sie sind selbstbewusst und wissen, was sie wollen, gleichzeitig sehr liebevoll und achtsam. Das mögen manche Frauen«, sie zuckt verlegen mit den Schultern, »manche auch nicht. Jeder empfindet anders.«
   Statt einer Antwort blättert er in dem Buch, und sie spürt ein nervöses Kribbeln im Bauch.
   »Hier, da ist so eine Stelle«, er zwinkert und beginnt, vorzulesen.

Er versperrte ihr die Tür, sodass Ina in dem kleinen Raum gefangen war. Ihr Herz klopfte schneller. »Lass mich durch! Was soll das?«, fauchte sie ihn an. In aller Ruhe betrachtete er sie in dem engen, kurzen Rock und der weißen fast durchsichtigen Bluse. Er trat einen Schritt näher, und sie hob die Hände, um sich gegen ihn zu wehren, doch bevor sie wirklich realisierte, was geschah, hatte er sie mit festem Griff an den Handgelenken gepackt und schob sie langsam rückwärts zum Bett. Sie versteifte sich, doch er ließ sich nicht beirren. »Hör auf zu zappeln, du wartest doch schon lange darauf, dass ich deine Fantasien endlich wahr werden lasse«, hörte sie seine sonore Stimme. Tief in ihrem Inneren wusste sie längst, dass er sie durchschaut hatte. Immer wieder hatte sie sich vorgebetet, dass sie kein Interesse an einem derart arroganten und frechen Typen hätte, und doch konnte sie sich nicht dagegen wehren, sich danach zu sehnen, von ihm angefasst zu werden.
   Gegen seinen Griff war sie wehrlos, jeder Versuch einer Befreiung nur Kraftverschwendung, und so ergab sie sich und ließ sich widerstandslos auf das Bett drücken. Er legte sich neben sie, stützte sich auf und hielt dabei lässig locker ihre Hände über ihrem Kopf fest. Mit der anderen Hand öffnete er die ersten Knöpfe ihrer Bluse. Er zog kaum spürbar Linien und Kreise auf den Ansätzen ihrer Brüste. Ina fühlte die Berührungen wie heiße Blitze, und augenblicklich zogen sich ihre Brustwarzen zusammen und verrieten schamlos ihre Erregung.
   »Wie schön«, lobte er und lächelte. Sanft, fast beiläufig, berührte er eine der harten Knospen, die sich deutlich durch den Stoff der Bluse drückten, und Ina stöhnte unwillkürlich auf. »Du bist ein bisschen schüchtern, nicht wahr? Das macht nichts. Sag mir nur einmal, dass ich weitermachen soll, und ich zeige dir, wie schön es sein kann, sich einem Mann vorbehaltlos auszuliefern.«
   Ina spannte sich an, doch er hielt sie gnadenlos fest. Scham und Lust explodierten gleichermaßen, und plötzlich war alles egal. »Ja, bitte nimm mich«, flüsterte sie und hob ihren Oberkörper lüstern seinen Händen entgegen.

*

Simon mustert sein Opfer. Hanna ist anders heute. Sie wirkt jünger, und mit den engen Klamotten kommt ihre Figur zur Geltung, eine wirklich sehenswerte Figur. Sein Blick wandert unverhohlen zu ihren Brüsten und sie rutscht auf der Couch hin und her.
   »Meine Frau ist intelligent, emanzipiert und steht mit beiden Beinen fest im Leben. Wäre ich so mit ihr umgegangen, hätte sie mich wegen Vergewaltigung angezeigt. Doch diese Romane hat sie verschlungen. Warum? Kannst du mir das erklären?«
   Hanna zuckt mit den Schultern. »Ich kenne deine Frau nicht.«
   Simon grinst. »Aber du liest auch diese Bücher.«
    Es bereit ihm sadistische Freude, sie zu verunsichern. Das erregt ihn, und gleichzeitig fühlt er sich verdammt mies dabei. Vielleicht hat er diesen Hass auf Jana, weil er niemals darauf gekommen wäre, dass es ihr gefallen könnte, würde er im Bett die Führung übernehmen. Er war immer rücksichtsvoll, und was hat er nun davon? Sie geht mit einem scheiß anderen Typen nach London. Fuck!
   Seit der Trennung von Jana ist Simon solo. Jetzt regt sich seine Libido. Ausgerechnet die verhasste Autorin reizt ihn plötzlich, und vor allem macht ihn ihre verfluchte, devote Ausstrahlung an. Er will sie quälen und gleichzeitig beschützen, reizen und beruhigen, sie leiden sehen und trösten. Das ist doch völlig bescheuert! Es ist falsch und peinlich, aber er kann sich nicht gegen die Faszination wehren, die sich in ihm ausbreitet, während er beobachtet, wie sie verlegen nach einer Antwort sucht.
   In ihren neuen Sachen wirkt sie jung und definitiv sexy. Mit so einer Verwandlung hat er nicht gerechnet und fuck, er hatte schon viel zu lange keinen Sex, und doppelt fuck, ja, er hat eine dominante Ader, die er allerdings nie ausgelebt hat. Sein Schwanz drückt schmerzhaft hart in der engen Hose.
   Plötzlich will er sie unbedingt fotografieren. Er greift zur Kamera.
   »Nein.« Sie erstarrt.
   Unbeeindruckt richtet er das Objektiv auf ihr Gesicht. Sie springt auf und wendet sich ab. «Hör auf, ich möchte nicht fotografiert werden.«
   Simon verfolgt ihren Weg durch die Linse und zielt gnadenlos weiter auf sie.
   »Dreh dich um.«
   »Nein, leg das Ding weg.«
   »Komm schon, ein Foto tut nicht weh.«
   »Bitte hör auf, ich meine das ernst. Ich will das nicht.« Aus ihrer Stimme klingt wachsende Panik heraus, was den Drang, sie zu reizen, nur anheizt.
   Sie läuft durch den Raum in die Küchenecke. Er steht auf und folgt ihr gelassenen Schrittes bis hinter den Tresen. Sie wendet ihm den Rücken zu, und er versperrt ihr den Weg.
   »Jetzt sitzt du in der Falle.« Fasziniert beobachtet er, wie sich ihre Schultern verkrampfen. Er denkt nicht mehr. »Okay, du bist gefangen, und ich habe Zeit. Ich warte so lange – und glaub mir, als Fotograf ist man Warten gewohnt –, bis es dir zu langweilig wird, den Schrank anzustarren, und dann mache ich ein schönes Foto von dir. Und vorher« er macht eine raffiniert getimte Kunstpause, »nehmen wir dieses blöde Halstuch ab.«
   Ihre Hände verkrampfen so fest in der Kante der Abstellfläche, dass die Fingerkuppen weiß werden.
   »Trau dich. Du bist eine schöne Frau«, lockt er raunend und wartet gespannt. Nichts passiert, die Zeit scheint stillzustehen. »Die Bilder sind nur für dich, Hanna. Versprochen.«
   Endlich. Sie wendet sich zu ihm um und sieht ihn in einer geilen Mischung aus Angst und Hingabe an. Ihre Wangen sind gerötet, ihre Unterlippe zittert. Wie ein in die Enge gedrängtes Reh, denkt er, tritt sachte dicht vor sie und legt die Kamera beiseite. Er zieht leicht an ihrem Tuch, sodass der Knoten nach vorn rutscht. Er öffnet ihn, und als es hinabfällt, hebt er mit einem Finger ihr Kinn. Es ist eine Narbe. Er dreht ihr Gesicht ein wenig zur Seite, damit mehr Licht auf die Stelle fällt. Sie rührt sich nicht, steht da wie hypnotisiert und wartet. Er betastet die hässliche Wulst und verschiebt den Kragen ihrer Bluse, um auch den Rest zu sehen.
   »Wie ist das passiert?«, fragt er leise.
   »Ein Messer.«
   »Wer?«
   »Mein Mann.«
   Simon schluckt. Er will sie umarmen und trösten, gleichzeitig brodelt Zorn in seinem Bauch. Mit so einem Mist hat er nicht gerechnet. Fuck! Sie starrt ihn aus großen, runden Puppenaugen an. Was soll er jetzt tun?
   Er sollte sich umdrehen und sie in Ruhe lassen, doch wie unter Zwang bleibt er vor ihr stehen. Ihre devote Haltung fesselt ihn. Fast bricht er in Lachen aus. Was für ein Wortspiel. Es macht ihn wahnsinnig an, dass sie sich ihm so ausliefert. Er will kein perverser Arsch sein, er ist ein normaler gesunder Mann, der auf intelligente, selbstbewusste und emanzipierte Frauen steht. Dennoch zieht ihn die Situation in einen gnadenlosen Bann. Er hasst sich dafür, aber er beendet es nicht. Durch ihre dünne Bluse erkennt er die Konturen ihres BHs. Ihre Brustwarzen drücken sich hart gegen den Stoff. Sie ist erregt. Ohne nachzudenken, hebt er den Arm und streicht mit dem Daumen über den rechten Hubbel. Ihr Körper bebt, sie atmet hörbar schneller, wehrt ihn jedoch nicht ab. Wie viel sie sich wohl von ihm gefallen lässt?
   Er greift in ihre Haare und zieht sie langsam zu sich heran. Willig überlässt sie ihm die Führung. Verdammt, warum stoppt sie ihn nicht? Er nähert sich ihrem Gesicht, und sie öffnet die Lippen.
   Okay, wenn sie es nicht anders will … Simon nimmt fordernd von ihrem Mund Besitz. Rüde drängt seine Zunge ein und umschlingt ihre, während er ihren Kopf hält, sodass sie nicht ausweichen kann. Sie wimmert, zuckt, doch dann ist sie weich und nachgiebig. Er ist kurz davor, ihr die Klamotten vom Leib zu reißen und sie auf ihrem scheiß Küchentresen zu vögeln. Keuchend löst er sich von ihr, und sie legt schüchtern ihre Hände auf seine Brust. Wie unter Zwang greift er nach ihren Handgelenken und führt ihre Arme auseinander. Als ob sie weiß, was ihm gefällt, stützt sie sich auf der Arbeitsplatte hinter ihr ab und biegt sich ihm anbietend entgegen.
   »Bleib so stehen«, knurrt er heiser.
   Sie gehorcht, unterwürfig und schneller atmend, sie leckt sich über die Lippen. Es macht sie deutlich an, wenn er sie dominiert. Sie sieht ergeben zu ihm auf. Fasziniert knöpft er ihre Bluse auf und schiebt sie die Arme hinunter. Er befreit sie von ihrem BH und betrachtet ihre Brüste, deren Knospen sich ihm hart und fordernd entgegenstrecken.
   »Du hast einen sehr schönen Körper.«
   Sie senkt die Lider, ihr Brustkorb wölbt sich bei jedem Atemzug.
   Er greift in ihren Nacken. Sofort legt sie willig den Kopf zurück, und er beginnt, ihren Hals entlang nach unten und über eine Brust zu streicheln. Sie bebt, ihre Hände suchen Halt an seine Hüften und sie streckt ihm ihren Busen entgegen, obwohl die Stellung bereits ziemlich unbequem sein muss. Simon denkt nicht mehr, folgt nur noch seinem Instinkt. Mit Daumen und Zeigefinger zwirbelt er ihre Brustwarzen, erst sanft, dann härter. Sie stöhnt, zuckt und seufzt, versucht nicht, sich ihm zu entziehen. Auch als er schließlich einen Nippel langsam schmerzhaft verdreht, leckt sie sich die Lippen, und ihre Bauchmuskeln zucken verräterisch. »Gefällt dir das?«, flüstert er an ihrem Hals.
   »Ja.«
   »Möchtest du, dass ich weitermache?«
   »Ja.«
   Ihre klare, uneingeschränkte Zustimmung lässt seinen Schwanz so hart gegen die Jeans drücken, dass es wehtut. Er schiebt Hanna nach hinten, bis sie mit dem Rücken am Küchenschrank lehnt, und öffnet ihre Hose. Einen Moment genießt er den Anblick.
   »Zieh sie aus«, fordert er schließlich rau und tritt einen Schritt zurück.
   Langsam, mit zitternden Fingern, schiebt Hanna Hose samt Slip hinunter, steigt heraus und richtet sich wieder auf. Sie ist nun vollkommen nackt und sieht in einer Mischung aus Unsicherheit und Stolz zu ihm auf. Er fasst sie im Nacken. »Komm.« Widerstandslos lässt sie sich in den Wohnbereich führen. Er kann den Blick nicht von ihr lassen und tritt dicht hinter sie, umarmt sie, sodass seine Hände ihre Brüste umfassen. Sie lehnt sich an ihn und schließt die Augen. Während er eine Hand weiter auf einem der weichen Hügel liegen lässt, wandert er mit der anderen zu ihrem Schoß. »Beine breit.«
   Sie gehorcht sofort, und seine Finger versinken in warmer Nässe. Sie ist mindestens so heiß wie er. Sie will genau das, was er mit ihr macht. Wieder kneift und verdreht er ihre Brustwarze. Sie zuckt und stöhnt, ihr Körper windet sich. Simon beginnt, mit Daumen und Zeigefinger ihre Schamlippen zu öffnen, sein Mittelfinger drängt ein kleines Stück in ihren engen Gang, während ihre Nippel erneut leiden müssen. Sie bebt und wimmert, drückt sich gegen seine Brust und unternimmt keinen Versuch, ihn abzuwehren. Seine Hand versinkt in ihrer Feuchtigkeit, die ihm noch einmal bestätigt, dass sie dieses Spiel aus Schmerz und Gehorsam wirklich heißmacht.
   Simon schluckt. Er gibt ihr einen Moment Pause, und sie beruhigt sich.
    »Geh vor«, befiehlt er heiser, »ich will dich über dem Sessel.«
   Sie gehorcht.
   Er packt sie im Nacken und zwingt sie, sich mit dem Oberkörper über die Lehne zu beugen. Einen Moment bleibt er stehen und sieht auf sie hinab. »So ist es gut. Zeig mir mehr.«
   Während seine Hand sie daran hindert, sich aufzurichten, drückt er mit einem Oberschenkel ihre Beine auseinander. Es muss unbequem für sie sein, trotzdem gibt sie sich ihm willig hin. In dieser Position wölbt sich ihr Po rund und prall nach oben. Während eine Hand auf ihrem Rücken liegt, knetet er mit der anderen die vollen Backen, bevor er in ihren Spalt und zwischen ihre Beine fasst. Sie seufzt und öffnet sich noch weiter. Er teilt ihre Schamlippen und rubbelt fest über ihre Klitoris. Ihr Atem geht schneller. Er stößt mit zwei Fingern hart in ihre Vagina. Der Angriff kommt für Hanna überraschend, und sie bäumt sich gegen seine Hand auf ihrem Rücken auf, doch sofort lässt sie sich wieder willig sinken. Der Blick auf ihren gebeugten Körper und diese so deutliche devote Geste treiben neue Schauer der Erregung durch seine Blutbahnen.
   Er massiert ihre tiefen Muskeln und ihre Klit, treibt sie unnachgiebig fordernd fast bis zu einem Orgasmus. Bevor sie kommt, hält er inne. Sie stöhnt, und er lächelt. »Einen Moment musst du noch warten.«
   Er zieht den Reißverschluss seiner Hose hinunter und befreit seinen Schwanz. Sie wartet unbeweglich über dem Sessel, er hört sie keuchen. Das Spiel von Dominanz und Unterwerfung fasziniert ihn immer mehr. Er drängt seinen Penis zwischen ihre Beine, während sie sich auf dem Polster abstützt, um ihm uneingeschränkt zur Verfügung zu stehen.
   Er spreizt ihre Schamlippen, platziert seine Eichel und dringt hart in sie ein. Sie wimmert auf, und er wartet. Als er fühlt, dass sie sich entspannt und weicher wird, stößt er mehrmals fest zu, bis er sie ganz ausfüllt. Hanna keucht. Sie rührt sich nicht. Er streicht ihre Wirbelsäule und spürt, wie ein Schauer über ihre Haut läuft.
   Schwer atmend bewegt er sich gemächlich in ihr, verstärkt nach einer Weile die Stöße und registriert, dass sie ihm ekstatisch, rhythmisch entgegenkommt. Er penetriert sie heftiger, sie schreit, und ihre tiefen Muskeln umschließen zuckend fester seinen Schwanz, während ihr Körper bebt. Mit einem animalischen Stöhnen erstarrt er und gibt seinen Samen in mehreren Schüben in ihren Leib.
   Erschöpft hält er sich an ihrer Taille und stützt sich auf ihren Rücken. Sie keuchen beide. Als sich sein Herzschlag beruhigt, richtet er sich auf und zieht sich aus ihr zurück. Hanna lehnt weiter über der Sessellehne, immer noch in ihrer devoten Rolle gefangen.
   »Du wirst ganz kalt«, flüstert er heiser, streicht über ihre nackten Arme und hilft ihr hoch. Er greift nach der Wolldecke, die auf dem anderen Sessel liegt, und wickelt sie darin ein.
   Unvermittelt überfällt ihn die Ernüchterung wie eine Welle eiskalten Wassers. Zu was hat er sich gerade hinreißen lassen?
    Er umarmt sie fest, streichelt ihren Rücken hinunter und verbirgt sein Gesicht an ihrem Hals. »Bist du okay?«
   Sie nickt mit der Stirn an seiner Brust. Er führt sie zur Couch. »Setz dich. Ich hole was zu trinken.«

*

Langsam beginnt Hannas Verstand wieder zu arbeiten. Misstrauen steigt wie eine dunkle Wolke am Himmel drohend in ihrem Kopf auf. Sie hat sich ihm hingegeben und ihre Schwäche verraten. Wird er sein Wissen nun gegen sie verwenden? Sie verachten? Sie auslachen? Sie manipulieren, wie Dennis es getan hat?
   Plötzlich zu Tode erschöpft, rollt sie sich auf der Couch wie ein Baby zusammen.
   Als Simon mit einer Flasche Wasser und Gläsern zurückkehrt, versucht sie, in seinem Gesicht zu lesen, aber seine Miene ist schwer zu deuten. Wirkt er betroffen?
   Er setzt sich neben sie und zieht sie halb auf seinen Schoß. »Alles in Ordnung?«
   Sie nickt, doch er runzelt die Stirn. »Lüg mich nicht an.« Sanft streicht er ihre Haare zurück.
   Tief zieht sie seinen Duft ein. »Ich bin nur durcheinander. Ich … hab nicht damit gerechnet, dass so was passiert.«
   »Ich habe auch nicht damit gerechnet.« Kopfschüttelnd mustert er sie. »Ich hätte das nicht tun dürfen, nicht auf diese Art. Ich habe es ausgenutzt, dass du … nicht Nein sagen konntest.«
   Sie schüttelt entschieden den Kopf. »So ist das nicht. Ich wollte es. Ich bin nun mal so …« Verlegen lächelt sie ihn an.
   Er gießt ein, gibt ihr ein Glas und sieht schweigend zu, wie sie trinkt. »Du bist nicht glücklich darüber, dass es passiert ist.«
   Einen Moment lang presst sie die Lippen aufeinander, dann atmet sie tief durch. »Wenn man so ist wie ich, kann ein Mann das ausnutzen. Mein Mann hat das getan, und es hat lange gedauert, bis ich es geschafft habe, mich gegen ihn zu wehren. Seitdem habe ich Angst, noch einmal so … manipuliert zu werden. Heute war es mir zum ersten Mal egal, und ich wollte genau das, was du getan hast.«

*

Plötzlich überfallen ihn die Schuldgefühle mit ganzer Macht. Er ist in böser und niederträchtiger Absicht gekommen. Es war Teil seines Planes, sie zu verunsichern, indem er ihr Buch aufgeschlagen und daraus vorgelesen hat, doch dass ihre Art, sich ihm zu unterwerfen, die unerwartete Erregung in ihm ausgelöst hat, dass er alles vergessen und nur noch den Moment so intensiv mit ihr erlebt hat, war nicht geplant.
   Soll er ihr die Wahrheit sagen? In was für einen Abgrund würde sie stürzen? In seiner Kehle bildet sich ein fieser, dicker Kloß. Er schluckt. »Komm her, leg dich hin.« Er drückt sie an sich, sodass sie die Beine auf das Polster legt und sich zur Seite sinken lässt. Er bettet ihren Kopf auf seinen Schoss und ordnet sorgfältig die Decke über ihr. Langsam und gleichmäßig streichelt er durch ihre Haare. »Ich bin vorher nie mit einer Frau so umgegangen und hätte mir auch nie träumen lassen, dass ich das einmal tue. Es hat mich einfach überrannt, unerwartet. So wie du … hat sich mir noch nie eine Frau hingegeben.«
   Einen Moment ist es still, dann räuspert sie sich. »Mach dir nicht selbst was vor.«
   »Wie meinst du das?«
   »Du hast garantiert solche Fantasien. So was kommt nicht plötzlich über einen.«
   Er schmunzelt. »Okay, erwischt. Manchmal bitten mich hübsche Frauen, die mit mir flirten wollen, sie zu fotografieren, und dann macht es mir manchmal Spaß, sie in aufreizende, aber auch unbequeme Posen zu dirigieren. Ich blicke durch die Linse und zögere das Foto noch eine Weile hinaus. Ich gebe zu, das macht mir manchmal Spaß …« Er betonte übermäßig jedes ‚manchmal‘, und sie kichert.
   »Du bist wahrlich der geborene Sadist.«
   »Aber«, er wird wieder ernst, »wenn ich mit einer Frau schlafe, will ich sie nicht benutzen. Ich möchte, dass sie es genießt.«
   »Du hast es eben genossen, mich zu benutzen.«
   Er stöhnt und lässt den Kopf gegen die Rückenlehne der Couch fallen. »Es war einfach wahnsinnig geil, dass du dich so angeboten hast. Das war … es hat mir den Verstand geraubt.« Nachdenklich streicht er über ihre Schulter. »Warum machst du das? Warum hast du dich so benommen? Hätte es dich auch erregt, wenn ich dich … geschlagen hätte?«
   Sie dreht sich auf den Rücken, sodass sie ihm in die Augen sehen kann. »Lustschmerz ja, Brutalität nein.«
   »Kannst du dich aus einer solchen Situation befreien?«
   Sie weicht seinem Blick aus und presst die Lippen aufeinander.
   Er fasst ihr Kinn und zieht ihr Gesicht wieder zu sich heran. »Hanna, hättest du vorhin Nein sagen können?«
   »Hättest du denn aufgehört?«, fragt sie leise.
   »Natürlich, sofort.«
   Sie lächelt. »Ich wollte nicht Nein sagen.«

*

Hanna liegt mit dem Kopf auf seinem Schoß und genießt es, seine streichelnden Hände in ihren Haaren zu fühlen. Glücksgefühle fluten ihr Herz … bis er ankündigt, nach Hause gehen zu wollen.
   »Warum bleibst du nicht?« Sie lächelt ihn an. Im selben Moment erkennt sie die Zweifel in seinem Gesicht, und schlagartig fühlt sie sich, als ob ihr jemand ein Messer in den Magen rammen würde. Er ist nicht in sie verliebt, er hat nur Sex mit ihr gehabt, weil sie sich ihm so angeboten hat. Es bedeutet nichts. Er will sie nicht. Was hat sie sich nur eingebildet? Dass er wirklich ihr Tom ist? Die Scham raubt ihr den Atem und treibt ihr Tränen in die Augen.
    Sie setzt sich auf. Mit zitternden Händen hält sie die Decke fest und rutscht von ihm weg.
   »Hey, es tut mir leid.«
   Sie räuspert sich. »Schon in Ordnung. Keine Sorge.«
   Er steht zögernd auf und sieht unschlüssig auf sie herab.
   »Gute Nacht, Simon.«
   Er will ihr über das Haar streicheln, doch sie zuckt zurück und hebt abwehrend den Arm. »Nimm deine Sachen mit, und vielen Dank fürs Leihen. Und vergiss nicht, mir die Rechnung aus der Werkstatt zu schicken.«
   Ohne ein weiteres Wort verlässt er sie und nimmt beim Rausgehen die Kleidung mit, die er ihr geliehen hat.

Die Leseprobe hat dir gefallen? Hol dir das E-Book in einem der zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.