Ich schaue in den Spiegel. Plötzlich ist ein Schatten hinter mir. Mein Herzschlag dröhnt in meinen Ohren. Ich habe ihn erwartet, auf eine Begegnung gehofft. Wenn auch nur in meinen Träumen. Alles an ihm ist dunkel. Sein Haar, seine Kleidung, sein Blick. Ich bin nackt, fühle mich ganz klein und genieße den unbändigen Hunger, der sich in der Dunkelheit seiner Augen widerspiegelt. Doch da ist auch diese Härte, die mir ein Frösteln auf die Haut zaubert und gleichzeitig ein Feuer in meinem Inneren entfacht. Ein Feuer, dessen Intensität ich nicht einschätzen kann. Eine Intensität, vor der ich mich fürchte …

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Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-53-802-7

Seiten: 181

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Sabina Tempel

Sabina Tempel ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, unter dem sie Liebesromane veröffentlicht. Müsste sie sich selbst beschreiben, würde sie Eigenschaften wie chaotisch, herzlich, aber auch impulsiv nennen. Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen, ist ihre Spezialität. Auch dem Herz folgt sie gern, manchmal lieber als dem Verstand. Sie genießt und lebt das Leben. Zum Entspannen kuschelt sie sich gern auf ihre große Ledercouch und liest ein romantisches Buch, das sie von Zeit zu Zeit auch selbst schreibt.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Manchmal umgibt Menschen eine gewisse Dunkelheit. Du fragst dich, ob du sie dir nur einbildest. Aber da ist dieses Bauchgefühl, dem du instinktiv lauschst und vertraust. Doch Dunkelheit kann auch reizen, dich anziehen. So sehr, dass du ihr nicht mehr entfliehen kannst. Du beginnst zu hoffen, dass es auch das berühmte Licht gibt. Schließlich spricht die gesamte Menschheit davon. Dunkelheit und Licht. Es ist ein Spiel der Extreme. Ein Spiel, das dich vereinnahmt, dich zum Sieger, aber auch zum Verlierer machen kann. Bist du dennoch bereit, dich darauf einzulassen?

1. Kapitel

Sie steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn und öffnete die Tür. Gewohnheitsgemäß zog sie die Schuhe aus und lief barfuß in die Wohnung. Die Fußbodenheizung war nicht
   eingeschaltet, aber die Frühlingssonne schickte bereits ihre warmen Strahlen durch die Scheiben der Fenster. Selbst die Einrichtung erstrahlte in einem goldenen Licht. Mit Schwung warf sie die Jacke auf die neue Eckbank in der Küche. Landhausstil – so, wie sie es mochte. Ihre Reisetasche stellte sie auf den dazugehörigen Stuhl.
   »Leon?«, rief sie gut gelaunt. Ob er schon zu Hause war?
   Immerhin hatte die Tagung bereits einen Tag früher geendet als angenommen.
   Ja, sie hörte ihn. Er hatte pünktlich Schluss gemacht. Wahrscheinlich machte er sich gerade frisch. Sie lugte ins Badezimmer, doch da war er nicht. Wenn er sie nicht bemerkt hatte, würde sie ihn überraschen. Auf Zehenspitzen schlich sie zum Schlafzimmer.
   »Überraschung! Ich bin schon …« Der Rest erstarb auf ihren Lippen.
   Luisa schreckte hoch. Nur ein Traum! Nein, kein Traum, berichtigte sie ihre Gedanken und zog die Decke bis ans Kinn. Die flauschige terrakottafarbene Wolldecke, in die sie sich so gern beim Fernsehen kuschelte. Leon amüsierte sich jedes Mal darüber.
   Aber sie schaute kein fern. Und der Webstoff der ebenfalls terrakottafarbenen Couch unter ihren nackten Beinen fühlte sich auch nicht flauschig an, sondern rau und hart an. Nicht wie ihr weiches Bettlaken, auf dem sie sonst schlief und auf dem sie nie wieder schlafen würde. Sofort kam die Erinnerung mitsamt ihren schmerzhaften und entwürdigenden Bildern. Wieder sah sie das sonnendurchflutete Schlafzimmer vor sich. Ihre Lieblingsbettwäsche, aus der Leons nackter Oberkörper herausragte. Hell hob er sich von dem dunkelblauen Stoff mit den leuchtend gelben Sternen ab. Aber nicht nur Leons Haut, sondern auch Melissas. Melissa, seine Arbeitskollegin. Sie hatte zweimal hinsehen müssen, denn zuerst hatte sie nur einen dunklen Haarbusch entdeckt, aber dann hatte sich Melissa aufgerichtet, ihr Gesicht gezeigt und ihre großen Brüste entblößt.
   »Hast du nicht gesagt, sie ist erst morgen zurück?«, war es aus ihrem Mund gekommen.
   Doch Leon hatte nicht geantwortet, sondern sie nur angestarrt.
   Luisa schluckte schwer. Ein dicker Kloß klebte in ihrem Hals.
   Scheißkerl!
   Wenigstens wurde sie langsam, aber sicher, sauer.
   Ein paar Stunden waren mittlerweile vergangen. Ein paar Stunden, in denen sich ihr Leben verändert hatte. Nichts war mehr so wie die letzten Jahre.
   Nie hätte sie gedacht …
   Ihr Leon doch nicht!
   Warum?
   Luisa kämpfte erneut mit den Tränen, aber sie würde nicht weinen. Leon war es nicht wert.
   Melissa hatte sich schweigend angezogen und war gegangen. Vollkommen cool hatte sie gewirkt, als sie ihre Riesentitten in das viel zu enge Shirt gezwängt hatte. So gechillt, als wäre die Situation etwas völlig Alltägliches. Leon hatte Melissa gehen lassen und war geblieben. Auch er hatte keine großen Worte verloren. Als wäre nichts Schlimmes geschehen. Erst hatte sie ihn angeschrien, dann geschwiegen und sich schließlich gedemütigt auf die Couch im Wohnzimmer zurückgezogen. Leider war er es, der in dem bequemen Bett schlief, das mit dunkelblauer Bettwäsche und hellen Sternen überzogen war. Ein Bett, in das sie sich nie wieder legen würde.
   Morgen würden sie in Ruhe reden. So hatte Leon es gesagt.
   Die große Frage war: Wollte sie reden? Wollte sie sich wirklich seine Lügen anhören? Seine Ausflüchte? Oder gar die schmerzhafte Wahrheit?
   Noch heute Mittag hatte sie sich gefreut, als ihr Chef gesagt hatte, dass sie einen Tag früher nach Hause fahren konnte. Die ersten warmen Strahlen der Frühlingssonne hatten von einem tiefblauen Himmel geleuchtet. Vorwitzige Blumen schauten bereits aus der Erde, und die Bäume waren voller Knospen. Bald würden sie in Weiß und Rosa leuchten, bevor das zarte Grün die Blütenpracht verdrängen würde. Die Luft war so mild, dass sie sogar ihre Jacke überm Arm getragen hatte.
   Und dann?
   Dann waren all ihre Zukunftspläne zerschmettert worden. Binnen weniger Sekunden.
   Nein, eigentlich fühlte sie sich nicht nach einer Aussprache mit Leon. Sie hatte keinen Bock, mit ihm zu reden.
   Jetzt ging es um sie! Nur um sie.
   Am liebsten wäre sie weggefahren. Verreist. Auf eine einsame Insel, wo die Sonne sie wärmen, sie mit einem Gefühl der Geborgenheit einhüllen konnte. Irgendwohin, wo sie die Bilder, die sich in ihre Seele eingebrannt hatten, vergessen konnte. Aber leider gab es kein Irgendwohin. Sie hatten sich die Wohnung erst vor Kurzem neu eingerichtet. Für ihre gemeinsame Zukunft. Folglich war nichts mit einem Trip in die Karibik.
   Bleiben würde sie nicht. Das wurde ihr genau in dem Moment bewusst. Doch wohin sollte sie gehen? Jetzt, mitten in der Nacht? Luisa überlegte. Ihre Eltern kamen für einen Spontanbesuch nicht infrage. Schon gar nicht um diese Uhrzeit. Außerdem verspürte sie nicht den Hauch von Lust auf Erklärungen oder nach Schönreden von einem Verhalten, das nicht schönzureden war. Da konnte sie sich genauso gut mit Leon auseinandersetzen.
   »Mit Leon zusammenziehen willst du? Überleg dir das gut«, hörte sie in Gedanken die Stimme ihrer Freundin Anita.
   »Warum?«, hatte sie fassungslos gefragt. Schließlich mochte jeder Leon.
   »Er ist kein Mann.«
   »Wie meinst du das?«
   »So, wie ich es gesagt habe.«
   Damals war sie sauer wegen Anitas brüsker Reaktion gewesen. Vielleicht auch verletzt, beleidigt oder irgendetwas in der Richtung.
   Dennoch hatten sie sich ab und zu per WhatsApp geschrieben. Belanglosigkeiten, die sie meist zu Geburtstagen oder an Weihnachten ausgetauscht hatten.
   Kurz entschlossen angelte Luisa nach ihrem Handy.
   Du hast recht gehabt, tippte sie nur. Auf eine Antwort wartete sie nicht. Schließlich war es mitten in der Nacht. Doch ein kurzer Ton kündigte den Eingang einer Nachricht an.
   Leon?
   Irritiert blickte sie auf das Smartphone. Anita hatte wahrhaftig geantwortet.
   Ja.
   Hat er dich betrogen?
   Wie kommst du auf die Idee?
   Würde ihm ähnlichsehen.
   Warum?
   Ich habe ihn nie für einen mutigen Mann gehalten.
   Anita hatte ihn nicht für mutig gehalten? Luisa verstand nicht.
   Was hat das eine mit dem anderen zu tun?
   Mutige Männer haben es nicht nötig, zu lügen und zu betrügen.
   Interessante Denkweise …
   Mutige Männer sind also treue Männer?
   Nein. Nicht unbedingt.
   Du hattest schon immer eine seltsame Sicht der Dinge.
   Smiley. Liegt in der Familie.
   Luisa hörte förmlich Anitas Lachen. Ja, das lag wohl wahrhaftig in ihrer Familie. Nur zu gut konnte sie sich erinnern, wie sie Anita kennengelernt hatte und kurze Zeit später deren Bruder Alexander. Alexander, der Mann, hinter dem alle Frauen und Mädchen her gewesen waren. Wohlhabend, gut aussehend, aber so was von nicht ihr Typ.
   Warum nicht? Das hatte sie sich oft gefragt. Warum war gerade sie immun gegen seine Anziehungskraft gewesen? Sie wusste es bis heute nicht. Anita hatte sich damals köstlich darüber amüsiert, dass es wahrhaftig eine Frau gab, die ihrem Bruder nicht die Füße geküsst hatte. Luisa hatte das nicht lustig gefunden, denn sie hatte Alexander gern gemocht, und sein Frauenanhang hatte sie echt genervt. Nicht einmal in Ruhe unterhalten hatte sie sich mit ihm können. Stets war irgendeine Holde aufgetaucht oder sein Telefon hatte geklingelt. Mit so einer Masse an weiblichen Fans hätte sie nie umgehen können. Aber mit ihm als Mann auch nicht. Für sie war er ein super guter Kumpel gewesen. Ein Mensch, mit dem sie Pferde hätte stehlen können.
   Ja, diese Familie hatte es in sich.
   Auch da magst du recht haben, tippte Luisa.
   Wer von euch ist gegangen?
   Keiner.
   Anscheinend war es normal, dass in solchen Situationen gravierende Entscheidungen getroffen wurden.
   Wo schläfst du?
   Anita konnte sie wohl immer noch ganz gut einschätzen.
   Im Wohnzimmer.
   Willst du dich mit ihm versöhnen oder ist es dir nach Abstand?
   Wir wollen uns morgen aussprechen.
   Er oder du?
   Er.
   Und du?
   Ich würde am liebsten wegrennen.
   Dann tu es!
   Das macht keinen Sinn.
   Willst du vorbeikommen?
   Luisa starrte auf ihr Handy. Machte Anita Scherze?
   Bei dir?
   Das Haus ist riesig.
   Alexander?
   Alexander ist verheiratet und zweifacher Vater.
   Was? Sie glaubte es nicht …
   Nein!
   Doch. Smiley.
   Dann ist das Haus aber ziemlich voll.
   Alexander hat neben seinem Hotel gebaut.
   Neben seinem Hotel? Boah! Ihr Reichen.
   Erneutes Smiley. Kommst du?
   Wann?
   Jetzt.
   Jetzt?
   Auf was willst du warten?
   Ich muss packen …
   Hast du noch Größe 36?
   Ja.
   Dann kannst du dich an meinem Kleiderschrank bedienen. Oder willst du Leon aufwecken?
   Du bist viel größer und hast eine ganz andere Figur.
   Dann musst du eben umkrempeln.
   Das schaut bestimmt lustig aus.
   Na und?
   Ich soll wirklich jetzt losfahren? Mitten in der Nacht?
   Luisa war der Gedanke plötzlich überhaupt nicht mehr so fremd.
   Dann schaut Leon morgen wenigstens so richtig dumm.
   Sie musste grinsen. Ja, dumm schauen – das würde er. Und sie gönnte es ihm von ganzen Herzen.
   Keine Nachricht?
   Warum solltest du? Damit er dich verfolgen kann?
   Wieder musste sie grinsen.
   Ich bin in einer Stunde bei dir.
   Na endlich.
   Luisa holte tief Luft. So etwas Verrücktes hatte sie seit Jahren nicht mehr geplant. Aber hundert Punkte: Leon würde richtig dumm gucken.
   Noch einmal ließ Luisa ihren Blick durch das Wohnzimmer wandern, so, als würde sie nie wieder zurückkommen. Das Sofa aus terrakottafarbenem Webstoff, der dunkle Schrank aus Hartholz, die weiß geputzten Wände. Ihr Zuhause. Ein dicker Kloß steckte trotz ihrer Tatenlust in ihrem Hals. Warum hatte Leon sie betrogen? Sie verstand es nicht. Sie hatten regelmäßig Sex miteinander. Nicht nur einmal die Woche. War sie ihm etwa langweilig geworden? Melissa war bestimmt keine Schönheit, sogar fast ein wenig pummelig. Okay, dafür hatte sie größere Brüste. Aber war das alles? Brauchten Männer wirklich große Titten, um glücklich zu sein? Brauchten sie Abwechslung, um sich und ihre Männlichkeit zu bestätigen?
   Schluss jetzt! Eigentlich wollte sie die Antworten überhaupt nicht hören, sie nicht wissen und schon gar nicht verstehen.
   Nein, und nochmals nein. All dies musste sie sich nicht geben.
   Dennoch kämpfte sie erneut mit den Tränen. Nicht mehr wegen Leon, sondern wegen ihrer zerstörten Träume. Eine Familie hatten sie gründen wollen. Doch nun war alles anders.
   Luisa gab sich einen Ruck, faltete ihre geliebte Decke zusammen und legte sie auf die Couch. Dann stand sie auf, ging leise ins Bad, wo zum Glück noch die gebügelte Wäsche vom letzten Wochenende lag. Normalerweise hätte sie sich geärgert, dass Leon es nicht geschafft hatte, sie die letzten Tage einzuräumen, doch nun war sie froh über seine Faulheit. Schnell schlüpfte sie in eine frische Jeans und ein langärmeliges Shirt. Auch die Reisetasche stand noch genauso auf dem Stuhl, wie sie sie gestern abgestellt hatte. Ohne nachzudenken zog sie den Reißverschluss auf, drehte die Tasche um und ließ die dreckige Wäsche zu Boden fallen. Sollte Leon sie doch aufräumen. Dann schlich sie ins Bad zurück und packte die frischen Sachen ein. Noch die Pumps, die im Schuhregal neben der Tür standen. Im Moment schlüpfte sie allerdings lieber in bequeme Sneakers. Sollte es wieder zu schneien beginnen, hatte sie eben die falsche Auswahl getroffen. Aber die Stiefel passten nicht mehr in ihre Tasche. Außerdem sah es die letzten Tage sehr nach Frühling aus. Und sie wollte den Winter zurücklassen. So wie Leon.
   Noch einmal schweifte ihr Blick durch die Wohnung. Alles sah aus wie immer. Nur der Wäschehaufen in der Küche passte nicht in das gewohnte Bild. Doch genau aus diesem Grund fiel ihr der Abschied wesentlich leichter. Geschwind holte sie ihre Jacke, die ebenfalls noch auf der Eckbank lag. Sogar der Autoschlüssel steckte in der Tasche. Als hätten all diese Sachen gewusst, dass sie wieder gehen würde.
   Und das tat sie nun auch.
   Gehen.
   In eine neue Zukunft.
   Luisa fuhr fast eine Stunde. Eine Zeit, in der sie sich viele Gedanken machen konnte. So schweiften sie zurück in die Vergangenheit. In ihre Jugend. Anita war einst in ihre Klasse gekommen. In der zehnten. Gemeinsam hatten sie Leistungskurse besucht und schließlich das Abitur bestanden, doch sich auch danach nie gänzlich aus den Augen verloren. Anitas Eltern hatten damals ein altes Hotel übernommen und es komplett renoviert. Eine Wohlfühl- und Entspannungsoase hatten sie es genannt, denn das Gebäude lag mitten im Grünen. In der Nachbarschaft befanden sich lediglich ein paar Bauerndörfer. Anscheinend wurde das Haus mittlerweile von Alexander geführt. Möglich, dass er nebenan gebaut hatte. Wiesen hatte es schließlich mehr als genug gegeben. Daran konnte sie sich gut erinnern.
   Luisa war neugierig. Sie hatte Anita nun doch schon seit einiger Zeit nicht mehr gesehen, wusste aber, dass sie ihr Hobby zum Beruf gemacht hatte und malte. Hauptsächlich Auftragsarbeiten, die sich gut zu verkaufen schienen. Bereits früher hatte sie ihre Freundin für die Möglichkeiten, die sich ihr durch den Reichtum ihrer Familie boten, beneidet. Mit Geld lebte es sich eben doch einfacher. Wer konnte schon mit Gemälden seinen Lebensunterhalt bestreiten? Anita hatte natürlich das Studium finanziert bekommen. Sie dagegen war nach dem Abi in die Berufswelt eingestiegen. Dabei waren ihre Noten einst besser gewesen. Doch das interessierte im Nachhinein niemand mehr. Einerseits hatte sie ihren Eltern nicht auf der Tasche liegen wollen, andererseits hatte das Angebot, sofort zu verdienen, einen großen Reiz besessen.
   Luisa verließ die Autobahn und fuhr über die Landstraße weiter. Der Mond stand hell und fast voll am schwarzen Nachthimmel. Einst hatte Anita nur um die Ecke gewohnt. In der gleichen Stadt zumindest, bevor sie aufs Land gezogen war.
   Luisa überlegte. Ob sie über den Flurbereinigungsweg fahren sollte? Nein, beschloss sie. Bei ihrem Talent landete sie in der Dunkelheit noch im Graben. So nahm sie lieber den Umweg in Kauf und fuhr durch die kleinen Bauerndörfer. Trotzdem hatte sie die Villa, die etwas außerhalb der letzten Ortschaft lag, erreicht. Von der Stadt ins Nirgendwo … Verstanden hatte sie das nie.
   Zum Glück brannte Licht. Dennoch war sie aufgeregt. Schließlich hatte sie sich noch nie zu einer solchen kurz entschlossenen Idee hinreißen lassen. Tief atmete sie durch, dann fasste sie nach ihrer Reisetasche und stieg aus. Die Luft war kalt. An die null Grad, schätzte sie. Nichts war mehr vom nahenden Frühling zu spüren. Luisa blickte sich um. Ihr war mit einmal ganz seltsam zumute. Wie sie so vor dem villaähnlichen Gebäude stand, hatte sie den Eindruck, von dem Haus förmlich erschlagen zu werden. Wahrscheinlich war es die Größe und die Tatsache, dass es von keinem Garten umgeben war. Es gab nicht einmal einen Zaun, der unerwünschte Gäste fernhielt. Bereits früher war ihr das gewöhnungsbedürftig erschienen. Jeder, der ein Haus dieser Größenordnung baute, legte Wert auf ein hübsches Außenherum. Auf Blumen, Rasen und Büsche. Auf einen Parkplatz, eine Einfahrt, einen Hof. Und eben auch auf Sicherheit.
   »Da bist du ja.« Anita streckte ihren Kopf zur Tür heraus. »Du bist lange nicht hier gewesen.« Sie machte eine einladende Handbewegung.
   Luisa lächelte. »Danke!«
   »Wenn du schon einmal aus dem Bauch heraus handelst, muss ich das doch unterstützen.«
   Irgendwie klangen die Worte unecht, obwohl sie nicht sagen konnte, warum. Es war lediglich ein dummes Gefühl. Bauchgefühl eben.
   Schwachsinn, schalt sie sich und folgte Anita ins Haus. Sie musste dermaßen durcheinander sein, dass sie bereits hinter herzlicher Freundlichkeit diverse Haken entdeckte. Hauruck-Aktionen waren eben doch nicht so ihr Ding. Sie verwirrten sie nur. Anita sah lediglich anders aus, als sie sie in Erinnerung hatte. Viel fraulicher und gleichzeitig umwerfend schön. Das war sie zwar schon immer gewesen, doch nun umgab sie etwas Feines, was schwer in Worte zu fassen war. Wie konnten Haare nur so glänzen, Haut nur so rein sein? Schon damals war sie sich unscheinbar neben ihrer Freundin vorgekommen. Leider verstärkte sich das altbekannte Gefühl von Minute zu Minute, denn zumindest im Moment fühlte sie sich wie ein hässliches Entlein. Vielleicht war es kein Wunder, dass Leon sie betrogen hatte. Vielleicht achtete sie wirklich nicht genug auf ihr Äußeres. Ihre Hüften waren nicht mehr so schlank wie früher, ihre Beine generell zu kurz. Sie war eben ein Zwerg. Nicht einmal einen Meter und sechzig groß, obwohl das in ihrem Ausweis stand. Auch das Blond ihrer Haare war lange nicht mehr so hell und glänzend wie früher, sondern im Laufe der Zeit nachgedunkelt. Selbst ihre Augen leuchteten eben nur graublau anstatt strahlendblau. Sie sah aus wie eine ganz gewöhnliche Frau, nichts Besonderes. Luisa schluckte schwer.
   Anita führte sie mit einer Selbstverständlichkeit ins Haus, als wäre es das Natürlichste der Welt, dass sie vorhatte, sich die nächsten Tage hier einzuquartieren. Aber das war es nicht. Nichts hier war normal. Auch nicht der Reichtum, der Anita und das komplette Gebäude umgab. Die Türen waren aus Echtholz, der Boden gefliest. Das Licht strahlte aus kleinen Lampen, die in der Decke angebracht waren. Und das bereits im Vorraum. Von dort gelangten sie in das Esszimmer, das sowohl mit dem großen Wohnzimmer wie auch mit der Küche verbunden war. Die Möbel waren nicht elegant, aber unübersehbar teuer. In dem Moment wurde Luisa bewusst, dass sie zwar nicht bei Leon hatte bleiben können, aber in diesem Haus ebenso fehl am Platz war.
   Anita eilte geschäftig durch das Wohnzimmer, öffnete die Tür zu einem Bad, das gleichzeitig als Durchgang zu einem weiteren Raum diente.
   »Hier kannst du schlafen. Unser Gästezimmer.« Wieder machte sie eine einladende Bewegung. »Wir reden morgen. Ich bin müde.« Sie gähnte herzhaft. »Gute Nacht!«
   Und schon war sie weg …
   Verdutzt blickte Luisa ihr nach, wie sie zurück ins Wohnzimmer ging und sie allein zurückließ.
   Nein, auch hier gehörte sie nicht hin.
   Aber wohin dann? Wohin sollte sie gehen?
   Erschöpft und gleichzeitig aufgewühlt ließ sie sich auf das Bett fallen. Der Duft nach Weichspüler stieg ihr in die Nase. Die Wäsche roch so anders als zu Hause. Das Kissen war bauschiger, die Decke dünner. Luisa schluckte. Der Kloß in ihrem Hals wuchs zusehends. Ihre Augen begannen zu brennen. Dann liefen die Tränen wie von selbst. Schluchzend vergrub sie das Gesicht in dem Kopfkissen. Ein Kopfkissen, das fremd roch und nicht ihr eigenes war.
   Wahrscheinlich hätte sie bleiben und mit Leon reden sollen. Einfach nur, um sich irgendwie ihr Zuhause zu erhalten. Vielleicht gab es eine Erklärung für sein Verhalten. Vielleicht versprach er, es nie wieder zu tun. Vielleicht …

*

Kirill blickte auf sie hinab. Bleich sah sie aus, ihre Augen verquollen, obwohl sie schlief. Sie hatte sich nicht einmal ausgezogen, sondern lag in Shirt und Jeans auf dem Bett, das Gesicht im Kissen vergraben. Sogar die Schuhe trug sie noch. Allerdings hingen ihre Füße brav aus dem Bett, wie man es von einem Gast erwartete.
   Kirill lächelte nicht. Anita hatte nichts von einer Besucherin erwähnt. Allerdings war es mehr als ungewöhnlich, wenn sie mitten in der Nacht aufstand und eigenhändig das Gästebett überzog. Ein Bett, in dem sonst kaum jemand schlief. Anita nahm ihre Gäste normalerweise mit hinauf in die obere Etage, in der sich ihre Räume befanden. Warum hatte sie diese Frau gerade in dem Zimmer einquartiert, das nie benutzt wurde? Einst waren hier Alexanders Freundinnen untergebracht gewesen. Alexander, den fast alle Frauen hatten haben wollen. Alexander, der ewig gesucht hatte, um die Richtige zu finden. Die Frau, die perfekt zu ihm passte.
   Kirill musste lächeln. Spaß haben war nie Alexanders Devise gewesen. Nie hatte sich sein Bruder gehen lassen. Alles musste vollkommen und perfekt sein. So war Alexanders Vorstellung vom Leben. Sex war dafür da, um Kinder zu zeugen, und Frauen dafür, um mit ihnen Sex haben zu können. Wahrscheinlich hatte er nie erfahren, wie gut sich ein weicher Frauenkörper anfühlte, wie biegsam er war, wie geschmeidig. Wahrscheinlich hatte er sich nie voller Leidenschaft in einer Frau versenkt. Nur an seine Lust denkend. Erst vor wenigen Tagen hatte er Alexanders Familie – seine sittsamen Kinder und seine gepflegte Frau - kennengelernt. Eine Frau, die nie erfahren hatte, was ein Mann war.
   Kirill spreizte die Finger und blickte weiter auf die Frau mit den zerzausten blonden Haaren hinab. Zu gern hätte er seine Hand in ihr Haar geschlungen. Sie hatte etwas an sich, das ihn reizte.
   War es diese Zerbrechlichkeit? Ihr Kummer?
   Doch Gäste waren tabu. Das hatte Vater ihm schon früh eingebläut. Trotzdem hatte er sich nie an das Verbot gehalten. Frauen waren ein Spielzeug, von dem er noch nie die Finger hatte lassen können. Die Erfahrenen hatten ihm Freude bereitet, die Unerfahrenen ebenso. Beide hatten seine Härte gefürchtet und sie gleichzeitig geliebt. Wachs waren sie in seinen Händen gewesen. Nur im Gegensatz zu Alexander hatte er nie eine Partnerin gesucht. Er brauchte keine Begleitung. Er wollte das nicht. Freiheit war das Einzige im Leben, das ihn vorwärtstrieb. Völlig ruhelos fühlte er sich manchmal. Er war ein Nomade, aber ebenso ein Jäger. Wie seine Ahnen. Anders als der Rest, der sich seine Familie nannte.
   Und doch war er hierher zurückgekehrt. Um sich auszuruhen, um Kraft zu tanken. Damit er wieder losziehen konnte, das gewisse Etwas zu suchen. Vielleicht auch einen Ort, an dem er sich endlich zu Hause fühlen würde.
   Oftmals war es ihm langweilig in der Nähe seiner Geschwister. Fast fühlte er sich eingesperrt oder zumindest beengt. Dabei mochte er eigentlich die Einsamkeit. Er liebte die Schönheit der Stille. Aber all das bezog sich auf die Natur, nicht auf ein Ausharren in einem Gebäude. Trotz der Sehnsucht, die in ihm brannte, nahm er die Tage, wie sie kamen.
   Und doch war er hungrig. Er hatte es nicht einmal bemerkt. Von einer Sekunde auf die andere war sein Appetit erwacht. Als er sie hatte vor dem Haus stehen sehen. Klein und unsicher. Eine völlig normale Frau eben. Er hatte selten normale Frauen, entschied sich meist für das eine oder das andere Extrem. Aber mittlerweile mochte es an der Zeit für ein Stück Normalität sein. Anita würde sauer werden, Alexander ebenso. An seinen Vater brauchte er erst gar nicht zu denken, doch der wusste noch nicht einmal, dass er zurückgekehrt war. Kirill benetzte seine trockenen Lippen. Er wollte diese Frau – das war ihm überdeutlich bewusst. Doch er musste sich beherrschen, obwohl sich sein Schwanz beinahe schon schmerzhaft gegen den Stoff seiner Jeans presste. Aber seine Lust machte allein den Reiz nicht aus. Er wollte mehr. Er wollte, dass sie ihn bat, denn er bediente sich stets erst, nachdem er darum gebeten wurde. Ob sie bereit war, ihn zu bitten?
   Der Mond schien hell auf ihr bleiches Gesicht. Verletzt sah sie aus, in ihren Grundfesten erschüttert. Aber da lag mehr unter dieser scheinbar normalen Oberfläche verborgen. Er spürte es. Ja, er war sich beinahe sicher. Sie würde ihn bitten, und er würde seinen brennenden Hunger an ihr stillen. Für eine gewisse Zeit, so, wie er es früher getan hatte. Fast fühlte er sich wieder jung. Wie ein Teenager. Er erinnerte sich an die Referendarin, aber ebenso an die Lehrerin, die sie erwischt hatte. Auch sie hatte geschwiegen, denn auch sie hatte ihn gebeten. Langsam ging er rückwärts. Er freute sich auf die nächsten Tage, die endlich ein bisschen Abwechslung in sein Leben bringen würden.

2. Kapitel

Die Sonne schien ihr warm aufs Gesicht. Sie rekelte sich behaglich. Dann kam die Erinnerung. Luisa blickte an sich hinab.
   Sie trug noch die Jeans, die sie vor ein paar Stunden hastig angezogen hatte. Sogar die Sneakers hatte sie nicht abgestreift, sondern war mit ihnen an den Füßen eingeschlafen.
   Uff! Mitten in der Nacht war sie zu Anita gefahren. Eine Anita, die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Eine Anita, die sie nicht mehr an die Freundin von früher erinnerte.
   Und nun?
   Nun war sie hier. Irgendwo im nirgendwo. In Reichtum eingehüllt, sich dabei so was von fremd fühlend. Wie ein Eindringling in einer Welt, in die er nicht gehörte.
   Eigentlich war sie völlig übermüdet, aber sie würde nicht wieder einschlafen können. Dazu war sie viel zu aufgewühlt. Doch wohin sollte sie? Sie konnte sich schlecht in einem fremden Haus frei bewegen. Dazu fehlte ihr der Mut. Aber das Zimmer, in dem sie sich befand, nahm ihr die Luft zum Atmen. Zu wenig vertraut war es, als dass es ein Rückzugspunkt hätte sein können.
   Bist du wach?, tippte sie in ihr Handy. Aber Anita antwortete nicht, noch las sie die Nachricht.
   Wieder hätte Luisa heulen können, aber sie kannte Anita. Mit einem verweinten Gesicht konnte sie nicht umgehen. Überhaupt waren ihr Gefühlsregungen eher fremd. Extreme Freude oder Trauer existierten in ihrem Emotionsangebot nicht. Schon früher war sie zwar immer ehrlich, aber nie sonderlich herzlich gewesen. Und einfühlsam schon gar nicht.
   Warum hatten sie sich eigentlich so gut verstanden? So unterschiedlich, wie sie waren?
   Luisa konnte die Frage nicht beantworten. Zu lange lagen die Zeiten zurück. Die Erinnerung eher rosarot als realistisch. Seltsamerweise war ihr das erst vor ein paar Stunden – als sie dieses Haus betreten hatte – bewusst geworden.
   Was wollte sie also hier?
   Sie tigerte ungeduldig im Zimmer auf und ab. Ihr Handy vibrierte. Stimmt, sie hatte es gestern vorsorglich auf lautlos geschaltet, als sie nachts mit Anita geschrieben hatte.
   Bist du zu deinen Eltern gefahren?
   Leon.
   Nein, tippte sie, anstatt die WhatsApp zu ignorieren.
   Du kannst doch nicht mitten in der Nacht zu deinen Eltern fahren. Was sollen die denken?
   War er blind? Sie hatte doch eben geschrieben, dass sie nicht zu …
   Aber so war Leon. Er wusste, dass ihre Auswahl an Bekannten die letzten Jahre sehr gering geworden war.
   Warum eigentlich? Es war ihr bis jetzt nicht einmal aufgefallen.
   Was hast du ihnen erzählt?
   Luisa legte das Handy beiseite. So machte das keinen Sinn. Und etwas wusste sie. Zu Leon zurück wollte sie noch weniger als hierbleiben. Nur ihre Mutter würde sie später anrufen müssen, damit sie sich keine Sorgen machte.
   Oder sollte sie gar abwarten? Schließlich hatte auch Mam ihre Handynummer.
   Luisa überlegte. Heute und morgen hatte sie sich freigenommen. Dann stand das Wochenende an. Folglich hatte sie genau vier Tage Zeit, sich über ihre Zukunft den Kopf zu zerbrechen. Doch dabei half es ihr weder, diesen in den Sand zu stecken, noch ständig in Tränen auszubrechen. Sowohl der räumliche wie auch der zeitliche Abstand würden ihr helfen, Klarheit in ihre Gedanken zu bringen. Egal, ob sie sich in Anitas Gegenwart seltsam fühlte oder nicht.
   Luisa gab sich einen Ruck, straffte die Schultern und ging ins Bad. Vielleicht würde schon eine erfrischende Dusche guttun und die Schatten der Nacht vertreiben.
   Neugierig sah sie sich um. Ein Bad als Durchgangszimmer fand sie äußerst gewöhnungsbedürftig. Überhaupt, da es keine Möglichkeit gab, die Türen abzuschließen.
   Egal, beschloss Luisa. Sie wollte sich nicht ständig überlegen müssen, was sie durfte und was nicht. So schlüpfte sie als Erstes endlich aus ihren Sneakers.
   Mhm. Fußbodenheizung – das war wirklich etwas Feines. Duschtücher gab es auch. Was wollte sie mehr? Kurz entschlossen zog sie sich aus. Es war angenehm warm in dem Raum. Nicht überheizt, aber kuschelig, sodass sie nicht fror. Anita hatte wirklich an alles gedacht, um ihr den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu bereiten. Luisa warf einen Blick in den Spiegel, der an der Tür zum Gästezimmer befestigt war. Müde und geschafft sah sie aus. Ihr Gesicht hatte echt an Jugendlichkeit eingebüßt. Aber figurmäßig war sie immer noch top, trotz diverser Rundungen an ihren Hüften. Auch ihre Schenkel waren wohlgeformt. Allerdings keine langen, ranken Stecken. Doch die Haut war fest. Ohne die kleinste Delle. Darauf war sie schon immer stolz gewesen. Schließlich konnte nicht jeder in ihrem Alter noch Shorts tragen und dabei richtig gut aussehen. Sie trat näher an den Spiegel heran. Nur ihr Gesicht brauchte eine kleine Schönheitskur. Vielleicht auch einfach keine weiteren Heulattacken und eine Portion Schlaf.
   Langsam ließ Luisa ihre Hände über ihre Haut streichen. Die Berührung tat ihr gut, vermittelte ihr so etwas wie Geborgenheit und Trost.
   Wie Trost? Nein, sie mochte einfach das Gefühl, gestreichelt zu werden. Selbst, wenn sie es selbst tat. Nur tat sie es normalerweise nicht. Leon jedoch auch nicht. Zärtlichkeiten gab es in ihrer Beziehung wenige. Blümchensex umschrieb das erotische Leben, das sie mit ihm teilte, wohl am ehesten. Zu einer Beziehung dazugehörend eben, aber ohne Umarmungen oder Streicheleinheiten im normalen Leben. Ein Küsschen auf die Wange war das höchste an Gefühlen.
   Luisa verscheuchte die Gedanken an Leon und trat unter die Dusche. Auch das warme Wasser tat ihr gut. Ebenso wie vorhin ihre Hände streichelte es ihre Haut. Beinahe freute sie sich darauf, das Duschgel auf ihrem Körper zu verteilen. Nur, um sich berühren zu können. Sie war süchtig nach Streicheleinheiten. Nach einem Wohlgefühl auf ihrer Haut und ihrer Seele. Es war ihr egal, ob jemand das Wasser laufen hörte. Sie wusste, es war respektlos den Hausbesitzern gegenüber und sie hoffte inständig, dass wirklich nur Anita hier wohnte. Aber sie konnte nicht anders. Sie musste Abschalten und neue Kraft tanken. Ihr Kopf war vollkommen leer. Sie fühlte und genoss, wie das warme Wasser über ihren Körper rann, um sie zu reinigen und all den Kummer mitzunehmen. Es kostete sie riesige Überwindung, schließlich nach dem Hahn zu greifen und das Wasser abzustellen. Mit einmal war ihr kalt. Sie fühlte sich allein. Und doch war das Zimmer voll warmem Dunst. Neblige Tropfen perlten von den Fliesen. Das gefiel ihr wiederum, hüllte sie ein wie ein Mantel. Auch das Tuch fühlte sich gut und flauschig an. Eine Bodylotion wäre nicht schlecht gewesen, aber es stand keine auf den Regalen, und in dem Schrank wollte sie nicht nachsehen. Da trat sie erneut vor den Spiegel. Sie wollte sich betrachten. Ihren Körper. Sie wollte die Makel suchen, aber insgeheim auch die Schönheit. Kurz rubbelte sie über ihren Kopf und legte das Tuch beiseite. Ihre Haare standen wild in alle Richtungen. Früher hatte sie sie lang getragen, doch Leon mochte es nicht länger als bis zur Schulter. Dabei hatte Melissa Haare, die bis weit in den Rücken reichten.
   Wieder Leon – ständig schlich er sich in ihre Gedanken zurück. Luisa trat vor den Spiegel, wischte das beschlagene Glas sauber. Und erstarrte.
   Er lehnte an der Tür. An der Tür, die ins Wohnzimmer führte. Alles an ihm war dunkel. Seine Haare, seine Augen, sein Blick. Selbst seine Kleidung. Wie ein Dämon sah er aus. Ein dunkler Märchenprinz. Auf eine irritierend prickelnde Art attraktiv. Er bewegte sich nicht, doch sein Blick fraß sich förmlich in ihren, obwohl sich ihre Blicke nur im Spiegel trafen.
   Was tat er hier? Hier im Bad?
   Er beobachtete sie. Wie lange schon?
   Sie war vollkommen nackt, er bekleidet. Auch ganz in Schwarz. Sogar seine Füße steckten in dunklem, grobem Schuhwerk, als wäre er eben über ein Gebirge geklettert. So sah er auch aus. Natürlich und unnatürlich in einer Person. Eine seltsame Kombination. Sie hätte schreien müssen. Aber sie schwieg, starrte nur in den Spiegel und ließ sich von seinem Blick gefangen nehmen. Nein, sie schämte sich ihrer Nacktheit nicht. An ihrem Körper gab es keine Makel. Ihr Haar stand immer noch in alle Himmelsrichtungen. Das gab ihr etwas Wildes. Allerdings nichts Verruchtes. Sie war so hell, alles an ihr, er so dunkel. Er lächelte nicht, entschuldigte sich nicht. Er sagte gar nichts. Nur sein Blick löste sich von ihrem, wanderte langsam abwärts. Jeden einzelnen Millimeter ihrer Haut nahm er in Augenschein.
   Er sieht mich von vorn wie von hinten, fuhr es ihr durch den Kopf. Sie musste sich nicht einmal umdrehen. Nichts blieb ihm verborgen. Er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Nun war er bei ihren Brüsten angelangt, betrachtete sie über das Spiegelbild. Ihre Knospen reagierten sofort, richteten sich steif auf. Zu selten waren sie so intensiv angesehen worden. Wie Laserstrahlen fühlte sie seinen Blick allerdings auch auf ihrem Rücken, spürte ihn die Wirbelsäule hinabstreichen und auf ihren Pobacken verharren.
   Und nein, sie hatte wirklich keine Cellulite. Da konnte er suchen, so lange er wollte. Weder am Po noch an den Schenkeln. Trotz diverser Rundungen nicht.
   Nie hätte sie gedacht, sich schön fühlen zu können. Nur, weil sie gemustert wurde. Sie stellte sich zur Schau, ohne dies je vorgehabt zu haben. Und etwas tief in ihrem Inneren genoss es.
   Weiter ging die Wanderung seines Blickes über ihre Schenkel bis hinunter zu ihren Füßen. Dann sah er auf, genau in ihre Augen. Purer Hunger leuchtete ihr entgegen.
   Ihr Mund war staubtrocken, trotz der Feuchte im Bad.
   Was würde er tun?
   Wie würde sie reagieren, sollte er näher kommen und sie berühren?
   Sie hatte keine Angst. Auf ihren Armen bildete sich trotz der Wärme eine Gänsehaut der Vorfreude. Nur der Hauch eines Streichelns – sie wäre dafür gestorben. Als sie das erkannte, jagte es ihr feurige Stöße durch ihren Körper hinab in ihren Bauch, den es sofort verlangend zusammenzog. Sie war nass. Nicht nur ihre Haut. Ihre Mitte glühte.
   Doch er stand lediglich da und hielt ihren Blick fest. Er kam nicht näher, dachte anscheinend nicht einmal darüber nach, sondern fixierte nur ihr Gesicht. Der Hunger verschwand weder noch wurde er schwächer. Er gab ihm lediglich nicht nach.
   Warum nicht?
   Vielleicht belästigte er keine Frauen. Vielleicht hatte er nicht erwartet, sie in dem Badezimmer anzutreffen. Vielleicht …
   Aber da war auch dieser unübersehbare Appetit, der aus seinem Blick leuchtete.
   Zu gern hätte sie sich umgedreht, hätte ihn nicht nur im Spiegel betrachtet. Aber es hätte die Mystik des Augenblicks zerstört – sie wusste es.
   In dem Moment wäre sie nackt und schutzlos auf ihn zugetreten. Allein die Vorstellung schickte einen erneuten Stromstoß durch ihre Adern. Aber diese Vorstellung passte nicht in ihr Denken, zu ihrer Art. Klar, Leon hatte sie betrogen, sie nicht mehr gewollt, sonst hätte er sich kaum dazu hinreißen lassen, mit Melissa in ihrer gemeinsamen Wohnung zu schlafen. Aber sie war nicht wie Melissa. Sie war immer noch eine Frau und kein schwaches Geschöpf, das sich anbieten musste. Trotz ihres Schmerzes besaß sie einen Stolz, der ein Handeln ihrerseits nicht zuließ. Genauso wenig, wie er seinem Hunger nachgab. Folglich existierte nur ein Spiegelbild, das sie zusammenhielt und ihnen einen Reiz übermittelte, dem keiner nachgeben würde. Luisa fühlte die Feuchtigkeit an der Innenseite ihrer Schenkel. Von diesem Mann berührt zu werden …
   Da löste er seinen Blick, aber nur kurz. Gleichzeitig fasste er nach der Klinke und öffnete die Tür, die ins Wohnzimmer führte. Er drehte sich nicht um, sondern schritt rückwärts, während er ihr in die Augen schaute und die Tür wieder schloss.
   Von der anderen Seite.
   Zu. Die Tür war zu.
   Luisa starrte in den Spiegel. Sie war allein im Bad. Allein und nackt. Frisch geduscht und nass. Mit dem Hauch eines Traumes in ihren Gedanken.
   Luisa bückte sich, hob ihre Kleidung auf, die sie zusammengefaltet auf den Wäschekorb aus Edelstahl gelegt hatte. Auch sie griff nach der Klinke. Allerdings nach der, die ins Schlafzimmer führte. Dann öffnete sie die Tür, trat ein und schloss sie wieder. Ihre Beine fühlten sich wie Wackelpudding an. Beinahe zitterten sie. Mit einmal ging ihr Atem schnell. Dann rutschte sie an der Wand hinab zu Boden. Sie starrte auf das Bett, in dem sie ein paar ruhige Stunden verbracht hatte. Das Bett, das in Anitas Haus stand. Das Haus, in dem es ein Badezimmer mit zwei nicht verschließbaren Türen gab. Ein Bad mit einem großen Spiegel.
   Wie von selbst glitt ihre rechte Hand zu ihrem Hals, hinab zu ihren Brüsten. Von ihren Brüsten zu ihrem flachen Bauch. Dann weiter zwischen ihre feuchten Schenkel. Sie musste nicht suchen, ihr Finger fand sofort ihren empfindlichen Punkt. Leicht berührte sie ihn und verkniff sich mit Mühe ein Stöhnen. Das Kopfkino lief an, und sie erlebte sie noch einmal das eben Geschehene. In Gedanken trat sie aus der Dusche, frottierte ihre Haare, entfernte das Tuch und blickte in den Spiegel. Ein kurzes Entsetzen. Der Bruchteil einer Sekunde. Sie empfand keine Angst, nur Neugierde. Alles an ihm war dunkel. Seine Augen, sein Blick, seine Kleidung. Wieder hielt sie diesen hungrigen Blick fest, gewährte ihm, ihn über ihren nackten Körper wandern zu lassen. Sie fühlte sich schön. Sie war schön und begehrenswert, aber dabei vollkommen schutzlos. Brennendes Verlangen schoss durch ihre Adern. Erneut schaute sie in den Spiegel, dachte kurz darüber nach, sich vielleicht doch umzuwenden.
   Nein, nur diesen Blick festhalten. Den Hunger genießen, der sich darin spiegelte.
   Schon baute sich der enorme Druck in ihrem Inneren auf, schickte elektrische Impulse durch all ihre Nerven, ließ sich ihre Muskeln zusammenziehen. Sie bäumte sich auf, ihr Rücken streckte sich. Dann sank sie zusammen, einen wortlosen Schrei auf ihren Lippen.

*

Er hatte es nicht lassen können. Hatte ihre Reaktion testen und sie ansehen wollen. Das Geräusch des laufenden Wassers hatte ihn förmlich dazu eingeladen. Er hatte es bereits gehört, als er das Haus betreten hatte. Zu ruhelos war er heute Nacht gewesen, dass er sich nicht mehr hingelegt hatte, sondern stattdessen durch die Wälder gestreift war. Er hatte das Gefühl von Freiheit und Weite gesucht, es in sich aufgesogen. Er liebte die Natur, den Geruch des Waldes und der Wiesen ebenso wie die Geräusche des Tages und der Nacht. Er brauchte auch die Luft. Ihre Frische, die ihn erfüllte. Er hatte den kurzen Ausflug genossen. Die Landschaft war in kaltes, milchiges Licht getaucht gewesen. Ein Licht, das ihn nie hätte schlafen lassen. So war er hinausgezogen und hatte den Morgen begrüßt, die Sonne, die sich durch die Nebelschwaden gearbeitet und des Mondes Revier übernommen hatte. Früher hatte sein Vater ihn wegen solcher Ausflüge bestraft. Sogar mit Prügeln. Er hatte nicht verstanden, dass es ihn in die Natur gezogen hatte. Tags, aber eben auch nachts. Doch all die Erziehungsmaßnahmen hatten nichts genutzt. Immer wieder war er gegangen. So, wie er es immer noch tat. Ruhelos war er in geschlossenen Gebäuden. Aber nicht nur das, er konnte nie lange an einem Ort verweilen, war stets auf der Suche nach irgendetwas, von dem er nicht wusste, was es eigentlich war oder wie dieser Ort, zu dem es ihn zog, aussah. Im Gegensatz zu früher hielt ihn jetzt zum Glück niemand mehr auf. Dankbar war er dafür, und genießen tat er es ebenso. Damals war sein Davonlaufen nicht ohne Folgen geblieben. Sogar mit der Polizei hatten sie ihn suchen lassen, als er als Fünfzehnjähriger mehrere Tage weggeblieben war. Daraufhin waren sie umgezogen. Zurück aufs Land. Nachdem sein Vater gedacht hatte, der Umzug würde ihn am Davonlaufen hindern. Anita und Alexander hatten brav die Schule beendet und studiert. Nur er hatte stets dagegengeschossen. Doch irgendwann hatte ihn selbst sein Vater in Frieden gelassen. Seine Frau hatte ihm sowieso nichts zu sagen, aber sie agierte stets im Hintergrund und war dadurch nicht zu unterschätzen. Schließlich hatte sie seinen Vater überredet, ihn in ein Internat zu geben. Leider war er noch ein Kind gewesen. Ein Kind ohne Rechte.
   So, wie er aus dem Wald gekommen war, hatte er das Haus betreten. Mit derben Schuhen – wie Anita es hasste. Ihm war das egal. Er trug keinen Schmutz herein, schlich aber auch nicht auf Socken durch die Wohnung. Das tat sie allerdings auch nicht. Viel lieber ging sie ins Sportstudio als zu putzen. Allein aus Prinzip würde sie nie einen Lappen in die Hand nehmen. Das Reinigen übernahm eine Putzfrau aus der Stadt, die jeden zweiten Tag vorbeischaute. Seine Räume waren für sie allerdings tabu. Die glänzten zwar nicht vor Sauberkeit, aber er mochte es nicht, wenn Fremde seinen Privatbereich betraten. Und die Zimmer im Keller gehörten ihm. Ihm ganz allein. Auch, wenn es Anita nicht passte. Niemand konnte ihn von dort vertreiben. Dank der vielen hohen Fenster war es selbst in den Kellerräumen hell, aber natürlich nicht so lichtdurchflutet wie im Rest des Hauses. Dennoch hätte er nie mit den oberen Zimmern tauschen mögen. Sein Keller – sein Reich. Solange er in diesem Haus verweilte, was mit Sicherheit nicht zu lange sein würde. Nichts und niemand hielt ihn hier. Manchmal dachte er darüber nach, sich einen alten Bauernhof zu kaufen. Pferde – das wäre sein Traum. Aber noch war er nicht bereit dazu, sesshaft zu werden. Vielleicht in ein paar Jahren. Das Geld lag sicher auf seinem Konto. Im Moment benötigte er es nicht. Folglich hatte er auch noch nichts ausgegeben. Ganz anders Alexander, der investierte und stets versuchte, immer mehr zu verdienen. Ein Leben im Stress, ohne jeglichen Einklang. In dieser Beziehung war ihm sogar Anita ähnlicher. Auch sie tat, was ihr Spaß machte. Allerdings lebte sie die Luxusvariante davon. Und auch sie war nicht glücklich. Ruhelos in einer anderen Art, die kaum jemand bemerkte. Vielleicht lagen die Wurzeln hierfür doch in der väterlichen Linie, und Alexander war dagegen vollkommen nach seiner Mutter geraten.
   Er machte kein einziges Geräusch, als er über die Fliesen lief. Das Plätschern des Wassers wurde lauter. Schon stand er vor der Badezimmertür. Seine Hand griff nach der Klinke, drückte sie hinunter. Leise trat er ein. Ein nebliger Dunst schlug ihm wie eine Wand entgegen. Ihm wurde warm. Die Feuchtigkeit hüllte ihn ein wie Nebel. Tief und gleichmäßig atmete er, um die Hitze zuzulassen, sich daran zu gewöhnen. In dem kleinen Raum musste es an die dreißig Grad sein, und er trug er einen Rollkragenpullover.
   Sie stand noch unter der Dusche, hatte den Kopf in den Nacken gelegt und ließ sich das Wasser auf ihre Brüste rieseln. Sie genoss die Berührung wie ein Streicheln. Auch sie musste ein Mensch sein, der von seinem Instinkt geleitet wurde. Sie brauchte das Streicheln, also holte sie es sich. Und wenn es durch einen sanften warmen Wasserstrahl war. Natürlich tat sie es unbewusst. Das war der Unterschied zu ihm. Nach einiger Zeit griff sie nach dem Duschgel, verteilte es langsam und genüsslich auf ihrem Körper. Ließ keinen Zentimeter Haut aus, berührte sich und genoss die Berührung sichtbar.
   Kirill dachte an vergangene Nacht. An ihr bleiches Gesicht, die geschwollenen Augen. Ja, sie brauchte diese Art von Zärtlichkeit. Er war sich sicher. Ihre Seele verzehrte sich förmlich danach. Und ihr Körper genoss sie.
   Eigentlich war er nicht ihr Mann, erinnerte er sich. Er war nicht sanft und zärtlich. Nichts an ihm. Er würde wie ein Orkan über sie hinwegrauschen und sie dabei zu Boden schmettern.
   Wollte er das wirklich? War es nicht an der Zeit, Rücksicht zu nehmen? Vielleicht, aber da war auch dieser Reiz, das Feuer, das in ihm brannte, der Hunger, den er spürte und der gestillt werden wollte. Aus einem unerfindlichen Grund begehrte er genau diese Frau. Nicht nur, weil er sie nackt beim Duschen beobachtete, sondern bereits in der vergangenen Nacht, als sie unschuldig im Bett gelegen hatte. Er begehrte sie mehr, als er in den letzten Jahren eine begehrt hatte.
   Wieder trat sie unter den Wasserstrahl, genoss es nun, reingewaschen zu werden. Sie ließ die Wärme ihre Seele berühren. Ihre Augen waren geschlossen.
   Nein, er konnte keine Rücksicht nehmen. Der Hunger brannte in seinem Inneren, verzehrte ihn.
   Aber jemand hatte sie verletzt. Ein Mann – das stand außer Frage. Etwas musste geschehen sein, was sie in den Tiefen ihrer Seele verwundet hatte, sonst wäre sie nicht mitten in der Nacht bei Anita aufgetaucht. Doch solch eine Frau wollte schützende Arme, Geborgenheit und Liebe, keine Härte. Härte würde sie in die Knie zwingen. Wollte er das? Egal, sie würde immer die Wahl haben. Die Wahl, Nein zu sagen. Noch nie hatte er eine Frau gezwungen, sich ihm hinzugeben. Nie würde er es tun. Im Normalfall baten sie ihn, weil sie sich tief in ihrem Inneren nach einem Mann sehnten, der sie eben nicht auf Händen trug. Einem Mann, der ein richtiger Mann war.
   Ein Ruck fuhr durch ihren Körper. Gleich würde sie das Wasser abstellen und aus der Dusche treten. Schon griff ihre Hand nach dem Hahn, dann schob sie die Tür auf. Sie fasste nach dem Badetuch, vergrub ihr Gesicht darin. An ihrem schön gerundeten Körper perlten die Wassertropfen hinab. Kirill benetzte seine Lippen, musste sich mit aller Gewalt zusammenreißen, denn die Versuchung war groß, nah und greifbar. Da rubbelte sie durch ihre Haare, ließ sie in alle Richtungen stehen. Es gab ihr etwas Süßes und verstärkte den verletzlichen Ausdruck in ihrem Gesicht.
   Doch was tat sie nun?
   Sie trocknete sich nicht weiter ab, sondern trat vor den Spiegel, wischte das beschlagene Glas trocken und sah hinein. Genau in seine Augen. Ihre Wimpern flatterten als Zeichen ihres Erschreckens. Sie starrte ihn an.
   Doch was war das? Da lag nicht die Spur Angst in ihrem Blick, sondern etwas anderes.
   Neugierde?
   In dem Moment wusste er, dass sie nicht schreien würde. Sich vielleicht nicht einmal wehren, sollte er sich ihr wirklich nähern, was er allerdings nicht vorhatte. Der Gang ins Badezimmer war lediglich ein Experiment gewesen. Nicht mehr und nicht weniger. Hätte sie hysterisch reagiert, hätte er sich daraus nichts gemacht. Schließlich befand sie sich in seinem Haus, war nur Gast und hatte eine Dusche betreten, deren Tür nicht verschließbar war.
   Als er ihren Blick festhielt, registrierte er, dass sie ihn einlud. Ihn einlud, sie zu betrachten. Normalerweise hätte sie so eine Situation überfordert, aber sie war viel zu überrumpelt, um normal reagieren zu können. Ohne nachzudenken, nahm er die Einladung an und ließ seinen Blick langsam an ihrem nackten Körper hinabgleiten. Er sah die Brüste im Spiegel, bemerkte, wie ihre Knospen sofort auf ihn reagierten und steif wurden. Kurz verweilte sein Blick auf ihren leicht gerundeten, aber nicht prallen Brüsten. Zu süß schmeckte die Reaktion ihres Körpers. Er wusste, dass sie sich darüber ärgerte. Er sah aber auch, dass sie sich schön fühlte und sie nie verschämt die Arme vor ihre Blöße schlingen würde. Die nächste Einladung sprach ihr Hintern aus. Rund war er – so, wie er es mochte. Er hielt nichts von ausgemergelten Pobacken. Er liebte die Weichheit sowie diverse Rundungen an den Hüften. Auch brauchte er keine Stecken als Beine, sondern Schenkel. Schenkel, sie sich weich und willig öffneten. Auch ihre Waden wiesen einen leichten Schwung auf und endeten in schlanken Fesseln. Ihre Haut war weiß. Überall. Wie Schnee. Aber der Frühling war eben erst am Erwachen.
   Er wollte sie. Er wollte sie jetzt. Er wollte sich die Hose herunterreißen und sich in ihr versenken.
   Aber er würde es nicht tun. Genauso wenig wie heute Nacht. Doch er zeigte ihr den Hunger, den er für sie empfand und war sich in dem Moment sicher, dass sie ihn gern stillen würde. Er blickte sie unverhohlen an, doch seine Hand griff nach der Klinke hinter sich, öffnete die Tür, dann schritt er rückwärts hinaus, hielt dabei ihren Blick fest und schloss sie wieder.
   Eine seltsame Kälte empfing ihn im Wohnzimmer. Aber da war auch Luft zum Atmen. Wie ein Raubtier schlich er durchs Haus, wissend, dass seine Beute nah war. Eigentlich hatte er in seine Räume gehen wollen, doch nun zog es ihn wieder hinaus in die Natur.

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