Die Zwillingsbrüder Victor und Hèctor Delgado führen seit Jahren ein exklusives Swinger-Hotel in Valencia und sind mit dem lustvollen Leben mit ihren sexhungrigen Gästen mehr als zufrieden. Sie genießen die verführerische Offenheit und Atmosphäre ihres Hotels und lassen sich gern auch zum Mitmachen animieren, bis eines Tages Anna auftaucht, um einen befristeten Aushilfsjob im Hotelrestaurant anzunehmen. Nachdem Anna, die blauäugig in das Jobangebot hineingestolpert ist, erkennt, wo sie hingeraten ist, will sie zunächst nichts als die Flucht ergreifen, doch ein Blick aus Victors Augen lässt sie weich werden. Nicht nur das, sie geht auf verführerische Spielchen ein, und erst viel zu spät erkennt sie, dass sie ihr Herz an einen der Brüder verloren hat – die beide partout keine Partnerin in ihrem Leben wollen. Also nimmt sie wie geplant ihr Studium in Barcelona auf, ohne zu ahnen, dass sie längst eines der Herzen gewonnen hat. Doch wie soll sie zu ihrem Glück finden, wenn niemand weiß, wo sie abgeblieben ist …?

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ISBN: 978-9963-53-881-2

Seiten: 218

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Evanne Frost

Evanne Frost
Evanne Frost wurde 1964 in Nordrhein-Westfalen geboren. Nach der Fachoberschulreife jobbte sie zunächst für zwei Jahre als Redaktionsassistentin bei einer Wochenzeitung. Später absolvierte sie eine Ausbildung als Datenverarbeitungskauffrau und arbeitete viele Jahre als Programmiererin, Werbekauffrau und Web-Designerin. Bevor sie mit dem Schreiben anfing, war sie zuletzt in leitender Stellung als Ausbilderin für Fachinformatiker tätig. Ende 2006 wanderte sie mit ihrer Familie in die Republik Zypern aus. Sie lebt und arbeitet mit ihrem Mann, zwei Katzen und einem Hund in einem kleinen Bergdorf.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Anna hatte die Tortur beinahe hinter sich und stand schon fast an der Supermarktkasse des Discounters, als es krachte.
   Sie ahnte sofort, was passiert war, und der Schreck lähmte sie für eine Sekunde oder zwei. Dann drehte sie sich langsam zu ihrem achtjährigen Schützling um, dem Teufel in Person.
   Er grinste sie an, und allein für diese freche Grimasse hätte sie ihn erwürgen können.
   Das letzte Scheppern verklang, ein Marmeladenglas, das nicht zu Bruch gegangen war, rollte wie eine geworfene Handgranate vor Annas Füße und tickte an ihre Schuhspitze.
   »Vorsicht«, rief ein Mann, »treten Sie alle zurück! Nicht dass jemand ausrutscht und in die Scherben hineinfällt!«
   Anna packte Lennard von hinten am Kragen seines T-Shirts und zog ihn zurück. Natürlich machte sich der Junge gleich einen Spaß daraus, mit seinen Sandalen gegen die Scherben zu kicken. Sie hatte es zwar nicht gesehen, würde es aber auf der Stelle beschwören, dass er es gewesen war, der das Malheur verursacht hatte.
   Auf die Bestätigung brauchte sie nicht lange zu warten, denn es zeigten bereits einige Finger auf den Jungen und sie.
   Ein Kloß setzte sich in ihrem Hals fest. Sie wäre am liebsten geflohen, im Erdboden versunken oder hätte sich ganz einfach in Luft aufgelöst, aber zugleich mit den lauter werdenden Stimmen, von denen einige Worte wie »verantwortungslos« oder »leichtfertig« brummelten, andere ungehalten »Aufsichtspflichtverletzung« schimpften, wurde ihr bewusst, dass sie sich dieser Situation nicht entziehen konnte.
   Sie zog Lennard noch näher an sich heran und beugte sich zu seinem Ohr hinunter. »Warst du das?«, zischte sie und schaffte es nicht, die Schärfe vollends aus ihrer Stimme zu verbannen. Von den Nerven, die der Junge sie bereits seit dem Aufstehen gekostet hatte, war weniger als ein hauchdünnes Kostüm übrig geblieben.
   »Jepp«, sagte er in einem Tonfall und einer Saloppheit, die er seinen Eltern gegenüber niemals an den Tag legen würde und die sie ihr auch nicht abnehmen würden, sollte sie ihnen darüber berichten. Für seine Eltern war der Junge ein Engel – ach, was dachte sie da, er war gottgleich, auch wenn sich das blasphemisch anhörte. »Aber ich wollte doch nur ein Glas Marmelade mitnehmen«, sagte Lennard und bemühte sich kein bisschen, so leise zu reden wie sie.
   »Soso, nur ein Glas Marmelade«, grummelte ein älterer Mann neben ihnen. »Ich habe das gesehen, junger Mann! Du bist groß genug, um ein Glas aus dem obersten Karton zu greifen. Warum musstest du es aus dem untersten herauszerren?«
   »Oben war keine Erdbeere mehr«, erwiderte Lennard, sah den Mann mit seinen strahlend blauen Augen an, die an tiefe Bergseen erinnerten, und drückte tatsächlich zwei Tränen hervor.
   Das nahm die Frau an der Seite des Kritikers zum Anlass, Lennard über das blonde Haar zu streichen. »Nicht weinen, mein Junge.« Sie heftete ihren Blick auf Annas Gesicht. »Deine Mama wird das schon in Ordnung bringen, nicht wahr, meine Liebe?« Ihr strenger Blick mahnte Anna dazu, bloß nicht die Schuld auf den Jungen zu schieben, und wenn sie sich nicht täuschte, war es auch diese Stimme gewesen, die »Aufsichtspflichtverletzung« herumgetönt hatte.
   Ehe Anna dazu kam, die Sache mit dem »Sohn« klarzustellen – und Lennard machte natürlich auch keinerlei Anstalten, das zu berichtigen –, trat ein hoch gewachsener Mann in einem weißen Kittel auf sie zu. »Bitte kommen Sie doch kurz mit in mein Büro, damit wir für die Versicherung Ihre Daten aufnehmen können.«
   »Ja, natürlich.« Anna schluckte. Sie sah bereits eine Rechnung auf sich zukommen, die die Versicherung an sie stellen würde, um sich den Schaden von ihr bezahlen zu lassen.
   »Ich bin Pablo Santiago, der Filialleiter«, sagte er, als sie um die Kasse herumgingen.
   Aus den Augenwinkeln heraus nahm Anna wahr, dass die Kunden bereits zu einem anderen Kassenbereich geführt worden waren und ein Mitarbeiter des Discounters Fotos von dem Schaden schoss. Die gesamte Palette mit den Kartons voller Marmeladengläser war umgestürzt, und wie es aussah, waren dabei etliche zu Bruch gegangen.
   Mist! Anna wünschte sich ans Ende der Welt.
   Wie sollte sie das Lennards Eltern beibringen? Wer musste für den Schaden haften? Die Eltern? Sie? Trat womöglich die Versicherung des Supermarktes ein, und niemand würde zum Schadensersatz aufgefordert werden? Andererseits konnte sich der Schaden kaum auf Tausende von Euros belaufen, sondern wohl eher nur bei einigen Hundert liegen einschließlich der Reinigung. Zum Glück hatte sich niemand verletzt, und das war immerhin das Wichtigste.
   Sie schob Lennard durch die Bürotür, die der Marktleiter ihr aufhielt.

*

Victor stand auf, als sein Freund mit der jungen Frau und ihrem Sohn das Büro betrat. Er hatte die Szene durch die von außen verspiegelte Glasscheibe beobachtet, durch die man vom Büro aus in den Verkaufsraum blicken konnte. Er kannte sich im Versicherungsrecht nicht aus, aber er würde sagen, dass der Junge schon ein gehöriges Früchtchen war, auf den man besser jede Sekunde lang ein Auge hielt. Das hatte seine Mutter versäumt, während sie sich in die Schlange eingereiht hatte. Der kleine Taugenichts war hinter ihr ausgeschert und an die Palette mit den Marmeladengläsern herangetreten. Zielstrebig hatte er in einen der unteren Kartons gegriffen, an deren Vorderseiten die Pappe herausgeschlitzt worden war. Nicht einmal dort hatte er nach dem vordersten Glas gegriffen, sondern weit in den Karton hineingelangt, aus dem schon andere Kunden Gläser herausgenommen hatten. Dann war das Unglück passiert, ehe Victor hatte aufspringen oder etwas sagen können. Die Schuld lag also sicher nicht allein bei der jungen Frau – auch dem Supermarkt musste angelastet werden, dass man nicht auf eine ausreichende Stabilität des Stapels geachtet hatte.
   »Bleib ruhig hier«, sagte Pablo. »Wir können unser Gespräch gleich fortsetzen, ich nehme nur schnell die Personalien auf.«
   »Ich wollte ohnehin gerade gehen«, erwiderte Victor. »Wir sind ja auch so weit durch.« Er nickte der jungen Mutter kurz zu, gab Pablo die Hand und ging zur Tür.
   »Setzen Sie sich bitte und nennen Sie mir Ihre Namen«, hörte er seinen Freund noch sagen, dann fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.
   Irgendwie tat ihm die junge Mutter nun doch ein bisschen leid. Hätte er Pablo nicht sagen müssen, was er beobachtet hatte? Sein Freund hatte im gleichen Moment den Kaffeeautomaten bedient und stand mit dem Rücken zu der von außen verspiegelten Glasscheibe. Die Kunden, die den Vorfall ebenfalls mitbekommen hatten, verließen mittlerweile den Laden oder waren bereits gegangen. Es würde also keine Zeugen geben, die bei der Meldung an die Versicherung genannt wurden.
   »Liebling!«, schallte eine helle Stimme durch den vorderen Bereich der Kassen. »Du hier?«
   Das hatte ihm gerade noch gefehlt!
   Er blickte in dunkelgrüne Augen, vor die sich vergleichend der hilflose Blick der jungen Mutter schob. Ungeachtet ihrer Verzweiflung hatte sie unheimlich süß ausgesehen. Unschuldig, wie es Candy trotz ihrer erst vierundzwanzig Jahre längst nicht mehr tat. Verdammt! Warum ging ihm ihr Anblick nicht aus dem Kopf? Er würde Pablo später anrufen und ihm den Verlauf des Missgeschicks erzählen. Sein Freund würde das in den Bericht der Versicherung aufnehmen, er war ein grundehrlicher Kerl.
   »Candy! Das ist aber eine Überraschung«, tat er erfreut.
   Candy, die eigentlich Candela Blanca Alejandra Garcia hieß und deren hochtrabend klingender Name nichts weiter als eine Sammlung der Namen ihrer Mutter und beider Großmütter sowie dem häufigsten Zunamen in den Provinzen von Alava bis Zaragoza war, sah ihm mit einem gekonnten Augenaufschlag ins Gesicht. »Hast du heute Zeit für einen Kaffee?«, fragte sie und zog dabei den süßesten Schmollmund, den sie auf Lager hatte.
   Er hatte sie bereits drei Mal vertröstet – und das nicht, weil er tatsächlich keine Zeit gehabt hätte. Victor wusste genau, wohin das Gespräch aus Candys Sicht führen sollte. Sie hatte noch nicht akzeptiert, dass sich ihre Verbindung auf rein sexueller Ebene abgespielt hatte und dass es keine Fortsetzung geben würde. Das hatte er beschlossen, nachdem ihm klar geworden war, dass Candy bereits Pläne schmiedete, die zu einer festen Beziehung und dann vermutlich in Richtung Ehe führen sollten. Sie hatte es geschickt angestellt und in den vergangenen sechs Monaten nach und nach immer mehr persönliche Sachen in seinem Appartement »vergessen«. Nachdem er sie gebeten hatte, diese wieder mitzunehmen, hatte Candy beleidigt reagiert und war mit den Worten abgezogen: »Das war’s dann wohl mit uns.«
   Er hatte das nicht abgestritten – und sie in der Folge eben mehrfach vertröstet, als sie ihn per WhatsApp um eine Aussprache gebeten hatte. Dieses Mal würde er wohl nicht umhinkommen, ihr klarzumachen, dass ihre Beziehung beendet war.
   Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Eine halbe Stunde. Gehen wir in die Bäckerei nebenan?« Dort gab es ein paar Stehtische, und man bekam Kaffee in Pappbechern.
   Die Enttäuschung spiegelte sich in Candys Blick. Sie hatte wohl eher auf ein gemeinsames Mittagessen gehofft, doch sie sagte nichts. Klar, sie wollte ihn nicht verärgern.
   Bevor er mit Candy aus dem Discounter trat, blickte er sich noch einmal zu Pablos Büro um. Ob er sich der Aussprache mit Candy erneut entziehen und zurückgehen sollte?

*

»Sie sind gefeuert!« Die harten Worte untermalte Pedro Gallego mit einem Blick, der sie auf der Stelle getötet hätte, wäre Zorn dazu in der Lage.
   »Bitte packen Sie Ihre Sachen und gehen Sie. Sie haben dreißig Minuten«, fügte seine Frau Carla schneidend hinzu.
   Anna nickte nur stumm. Normalerweise hätte sie eine andere Reaktion von Menschen erwartet, die gebildet und in höheren Positionen tätig waren. Sie warf einen letzten Blick auf das blonde Häufchen Elend, das zusammengekauert in einem der weißen Ledersessel vor der deckenhohen Fensterfront kauerte. Beinahe kam sie sich herzlos vor, weil der Anblick nicht das kleinste bisschen Mitleid hervorrief. Stattdessen steigerte sich ihr Frust, aber den musste sie schlucken, denn hier war nichts mehr zu erreichen.
   Das Ehepaar Gallegro gab ihr die alleinige Schuld. Nicht nur an dem Desaster im Discounter, sondern auch an der Beule und dem Kratzer im Garagentor, gegen das Lennard heute früh, als sie ihn zur Schule gebracht hatte, einen dicken Stein geworfen hatte. Angeblich sei er gestolpert, weil sie seinen schweren Schulranzen nicht getragen habe, und er sei mit dem Ellbogen dagegengeknallt, den er sich theatralisch rieb. Dabei sah ein Blinder mit Krückstock, dass das nicht der Wahrheit entsprechen konnte. Sie war auch schuld an der zerrissenen Hose, mit der sie Lennard am Mittag aus der Schule abgeholt hatte – nachdem sie ihn minutenlang hatte überreden müssen, von einem der Bäume herunterzuklettern, die am Bordstein standen. Gut, dieses Missgeschick hatte sie ihm noch nicht übel genommen, aber dass er auf dem Weg zum Supermarkt den Zigarettenanzünder im Fond des Luxus-Pick-ups in die Ledersitze gedrückt hatte – heiß natürlich –, wurde ihr als »Aufsichtspflichtverletzung« zulasten gelegt, genauso wie der Vorfall im Laden. Dieses Wort hatte sie heute schon zu oft gehört. Dabei war es unmöglich, diesen Jungen auch nur fünf Sekunden lang von irgendwelchen Dummheiten abzuhalten. Er gab ihr freche Antworten, und er scherte sich einen feuchten Kehricht um ihre Ansagen. Er tat, was er wollte, und das war ausschließlich Unfug, schlimmer als bei dem Filmklassiker »Klein Erna auf dem Jungfernstieg«.
   Das ging bereits so, seit sie ihre Stelle als Au-pair vor einer Woche angetreten hatte. Anna hatte gleich am zweiten Tag versucht, mit Pedro und Carla Gallego darüber zu sprechen, doch sie hatte nur das erstaunte Heben von vier Augenbrauen und ungläubige Kommentare geerntet. Immerhin hatte Pedro Gallego am nächsten Morgen in der Schule angerufen, um sich über etwaiges ungebührliches Verhaltens seines Sohnes zu erkundigen, doch der Rektor hatte nach Rücksprache mit den Lehrerinnen und Lehrern nur Lob über den kleinen Teufel Lennard ausgesprochen.
   Anna fragte sich nicht zum ersten Mal, womit sie das verdient hatte und warum sich der Junge ausgerechnet bei ihr derart aufführte. Sie hatte bereits ein knappes Jahr als Au-pair hinter sich, und die beiden Mäuse, die sie betreut hatte, waren einfach nur lieb gewesen. Genauso wie die Eltern und der Umgang, den sie alle miteinander gepflegt hatten.
   Die Kälte im Haus Gallego war ihr fremd, und wahrscheinlich war das ein Grund, warum Lennard so aus der Spur lief. Wäre sie nicht bereits das dritte Au-pair in diesem Jahr – und es war erst Juli –, hätte sie ernsthaft an sich gezweifelt.
   So jedoch packte sie nur, innerlich den Kopf schüttelnd, ihre Sachen und ging, ohne sich noch einmal von der Familie zu verabschieden. Zum Glück hatte sie gestern noch ihren Wochenlohn bekommen, wobei sie fast erwartet hatte, dass Pedro Gallego ihn zurückfordern würde.
   Sie ließ die Haustür leise hinter sich ins Schloss fallen und drehte sich erst noch einmal um, als sie den langen Kiesweg hinab bis zu dem weißen Holztor gelaufen war und dieses hinter sich geschlossen hatte. Dort blieb sie stehen und zückte ihr Handy, um sich ein Taxi zu rufen.
   Hinter den hell erleuchteten Fenstern sah sie einen Schatten, der sich, auf hektische Schritte schließen lassend, von einem Raumende zum anderen bewegte.
   Vielleicht, so hoffte sie, diskutierte das Ehepaar über die Probleme, die sie ohne Zweifel am Hals hatten. Vielleicht wurden sie sich darüber bewusst, dass ihr Sohn alles andere als ein Engel, ein Gott war, und sie versuchten, dem auf den Grund zu gehen und Lösungen zu finden. Dies musste sie Lennard und seinen Eltern zumindest wünschen, auch wenn sie noch immer vor Frust hätte schreien können.

   Sie marschierte bis zur Haltestelle Barri de la Llum und nahm einen Bus, der sie quer durch die Stadt bis zum Busbahnhof Marcos Sopena brachte. Von hier aus war es nicht mehr weit bis zu der Zweisterneherberge, die sich in einer Seitengasse zur Strandpromenade Carrer d’otumba befand und in der sie im vergangenen Jahr vor Antritt ihres ersten Jobs einige Tage verbracht hatte. Dennoch wurden ihr die letzten Meter mit ihrer schweren Reisetasche zu anstrengend, und sie blieb vor dem Las Carabelas, einem einfachen Restaurant, stehen. Sehnsüchtig blickte sie in den in dunkelgrünem Farbton gehaltenen Innenraum, dessen Dschungelfarbe von breiten orangenen Streifen aufgelockert wurde. Die mit dicken Kissen gepolsterten Korbstühle schrien danach, sich auf ihnen auszuruhen.
   Anna wandte sich schnell ab. Es ging auf 20 Uhr zu, und sie sollte sich sputen, damit sie noch ein Zimmer bekam. Immerhin war es mitten in der Hauptsaison, und es war fraglich, ob sie überhaupt Erfolg habe würde.
   Nun, zumindest das sollte ihr nicht auch noch widerfahren, dachte sie, als sie zehn Minuten später den Zimmerschlüssel von der Pensionswirtin entgegennahm. Sie schleppte ihre Reisetasche in den zweiten Stock, weil es keinen Aufzug gab.
   Studenten und Billigurlauber teilten sich hier auch als Fremde wie selbstverständlich ein Dreibettzimmer, und für ein Einzelzimmer, das ohnehin den Preis eines Doppelzimmers kostete, reichte ihr Budget nicht. Nicht, wenn sie einplante, vielleicht zwei oder mehr Wochen hier verbringen zu müssen, bis sie nach Barcelona umsiedeln würde. Aufgeben und ein Ticket zurück nach Deutschland buchen wollte sie auf keinen Fall. Sie hatte ihren Eltern versprechen müssen, sich im Notfall zu melden und ihre Unterstützung in Anspruch zu nehmen, doch genau das war etwas, was sie absolut nicht wollte. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt, hatte ein dreijähriges Bachelorstudium Hotelmanagement hinter sich und wollte vor dem Masterstudium, das es in Deutschland überhaupt nicht gab, ein Jahr lang als Au-pair in Spanien arbeiten, um sich in Kultur und Sprache einzuleben, bevor sie in Barcelona weitere drei Semester studieren wollte. Es reichte schon, dass ihre Eltern für die horrenden Studiengebühren und ihren Lebensunterhalt aufkommen würden, sobald das Semester im September begann. Ihre einjährige »Auszeit« wollte sie allein meistern, und das war ihr bisher auch gelungen.
   Ihre Au-pair-Stelle hätte bis Ende August gehen sollen, aber die Familie Merino war kurzfristig nach Dubai gezogen, weil Miguel, der Vater der drei- und sechsjährigen Mädchen, die Anna betreut hatte, von seinem Arbeitgeber früher versetzt worden war als erwartet. Immerhin hatte ihr Miguel den Job bei Pedro und Carla Gallego vermittelt. Anna konnte sich allerdings nicht vorstellen, dass er gewusst hatte, in welche Situation er sie mit diesem Teufelsbraten von Sohn bringen würde. Gegen ihren Willen musste sie kichern. Wenn sie diese Sache nicht so mitnehmen würde, war es eigentlich urkomisch.
   Sie hoffte nur, dass man sie nicht am Ende doch noch mit der Rechnung für womöglich sechshundertdreiundachtzig Marmeladengläser behelligen würde.

   Sie brauchte nicht besonders leise zu sein, die beiden Holzfäller würden so schnell und so leicht nicht aus ihrem Koma erwachen, deshalb scheute sie sich nicht, eine ausgiebige Dusche zu nehmen, auch wenn neben dem Geräusch des Wasserrauschens die Rohre seltsame Töne von sich gaben.
   Als sie den Raum mit den Schlafenden wieder betrat, hatte sich nichts an dem Anblick geändert. Wenigstens trugen die Kerle Shorts und waren keine Nacktschläfer, sonst hätte sie sich ernsthaft überlegt, sofort das Hotel zu wechseln. Den Anblick fremder, nackter Ärsche brauchte sie nicht.
   So aber packte sie nur ihre Sachen in den abschließbaren Kleiderschrank und trottete nach unten, um auf Nahrungssuche zu gehen. Ein einfaches Frühstück reichte ihr vollkommen, obwohl sie beim Blick auf die Auswahl für eine Sekunde einen wehmütigen Gedanken an das Buffet im Fünfsternehotel ihrer Eltern hegte.
   Sie trank eine Tasse Kaffee und aß ein paar Gurkenstücke und eine halbe Tomate, während sie darüber nachdachte, wie es weitergehen sollte. Es war Mitte Juli, somit hatte sie noch sieben Wochen Zeit bis zum Semesterbeginn. Sie hatte keine Lust, schon jetzt nach Barcelona umzusiedeln, wo sie in einer Vierer-WG wohnen würde. Sie hatte die Bewohner und den Raum, der ihr gehören würde, bereits von einigen Wochen bei einem Besuch kennengelernt. Urlaub wollte sie in Valencia auch nicht machen, obwohl sie es an ihren freien Tagen durchaus genoss, am Meer entlangzuspazieren oder sich auch mal in den nächtlichen Trubel an der Promenade zu stürzen. Dennoch – ihr Budget war zwar noch nicht aufgebraucht, aber sie wollte es auch nicht überstrapazieren. Eine kleine Reserve zu haben, tat immer gut.
   Als Au-pair würde sie für diese kurze Zeit vermutlich nicht mehr unterkommen, und sie wollte das auch nicht, um ein Desaster wie das gerade hinter ihr liegende nicht erneut zu erleben, also blieb nur ein Aushilfsjob in der Gastronomie. Das sollte kein allzu großes Problem darstellen, in der Saison wurden immer wieder kurzfristig Aushilfen gesucht.

*

»Candy, ich möchte mich nicht wiederholen.« Victor atmete tief durch. »Unsere Beziehung ist beendet.« Als Beziehung hätte er die sechsmonatige Liaison nicht einmal bezeichnet, und so langsam ging ihm Candy ziemlich auf die Nerven. Auch wenn er sie bereits seit drei Jahren kannte, weil sie sein Hotel regelmäßig mit kreativ erstellten Speisekarten aus ihrem kleinen Grafikstudio belieferte, war das kein Grund, behutsamer mit ihr umzugehen. Sie musste begreifen und akzeptieren, dass er ihr Verhältnis nicht fortführen wollte.
   »Du hast gesagt, du liebst mich«, warf sie ihm in weinerlichem Tonfall vor.
   O Gott, wenn es eines gab, was er hasste, dann waren das derartige Tonlagen. Ja, er hatte »Ich liebe dich« gestöhnt, nachdem sie ihm einen fantastischen Blowjob besorgt hatte, und er musste zugeben, leichtfertig mit diesen Worten umgegangen zu sein – aber hey, war das nicht beinahe jedem schon mal rausgerutscht? Musste sie aufgrund dessen gleich einen auf feste Freundin mit Zukunftszielen machen?
   Etwas zu unwirsch stand er auf, sodass die leeren Kaffeebecher auf dem Stehtisch wackelten und umfielen. »Es tut mir leid, Candy. Bitte akzeptiere meinen Entschluss. Wir können gern weiter geschäftlich miteinander verkehren …« Verdammt, er wurde sich seines Fauxpas erst bewusst, als er das Wort verkehren ausgesprochen hatte.
   »Ja, den Verkehr hast du ja auch ausgiebig genossen«, sagte Candy prompt, und ihre Stimme ließ Verdrossenheit und Wut durchklingen. Außerdem war sie so laut, dass sich die Nebenstehenden an den anderen Tischen zu ihnen umdrehten, was Victor durchaus peinlich war.
   Immerhin kannten ihn viele Leute als Hotelchef, und er war stets darauf bedacht, in der Öffentlichkeit nicht unangenehm aufzufallen. Das hätte seinem ohnehin unter den Hotelkollegen zweifelhaften Ruf nur geschadet. »Adiôs, Candy«, sagte er leise und möglichst beherrscht, denn es machte ihn wütend, dass sie offenbar darauf aus war, ihm nun aus Rache oder Verzweiflung oder was auch immer eine Szene vor allen Leuten zu machen. Er warf einen Zehneuroschein auf den Tisch und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Zum Glück rief und lief ihm Candy nicht hinterher.
   Als er in seinen Wagen vor dem Discounter stieg, überlegte er kurz, ob er noch einmal zu Pablo hineingehen sollte, um ihm zu erzählen, was er beobachtet hatte, doch seine Laune war so weit gen Nullpunkt gesunken, dass er keine Lust dazu aufbrachte.

   »Ja. Seine Mutter kann fünfhundert Hühnereier pro Woche liefern.« Pedros Eltern bewirtschafteten eine Bio-Hühnerfarm mit Freilandhaltung, und sein Bruder und er achteten bereits seit Jahren gerade bei den Eiern darauf, ausschließlich solche aus Freilandhaltung zu kaufen. Bislang hatten sie die Ware über einen Großhändler erhalten, bis er zufällig mit Pedro ins Gespräch gekommen war, den er vor einem halben Jahr kennengelernt hatte.
   »Damit können wir unseren gesamten Bedarf abdecken«, sagte Hèctor zufrieden. »Das freut mich.« Er klopfte Victor auf die Schulter.
   »Dafür müssen wir uns vermutlich einen neuen Designer für unsere Speisekarten suchen«, sagte Victor, was Hèctor zu einem fragenden Hochziehen seiner Augenbrauen veranlasste. »Ich habe Candy gerade eben endgültig den Laufpass gegeben.«
   »Oh«, meinte sein Bruder nur. »Schade aber auch.«
   Vic konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er wusste, was Hèctor daran bedauerte – und auch er verspürte ein kleines Gefühl von »Schade drum«. Candy hatte sich immerhin als verführerisches und experimentierfreudiges kleines Luder gezeigt, das bei privaten Spielchen seines Bruders und ihm durchaus vergnügliche Stunden bereitet hatte.
   »Sie wollte vermutlich bei dir einziehen?«
   »Ja«, bestätigte Victor knapp. Es war eine Sache der Unmöglichkeit, eine feste Beziehung einzugehen, selbst wenn die Frau an seiner Seite ebenso bekennende Swingerin war. Er würde sich niemals fest binden und bestimmte ganz allein über sein Leben. Mit einer festen Partnerin an seiner Seite würde er diese Kontrolle abgeben, zumindest aber teilen müssen.
   Hèctor grinste. »Na ja, wenigstens wirst du keine Langeweile bekommen. Gerade eben ist kurzfristig eine zehnköpfige Reisegruppe eingetroffen. Fünf Paare in unserem Alter.«
   »Und wo bringen wir die unter?«, fragte Vic erstaunt, denn sie waren eigentlich bis zum Jahresende komplett ausgebucht und zum Glück weder vom Wetter noch überhaupt von den Saisonzeiten abhängig.
   »In meiner Suite«, sagte Hèctor wie selbstverständlich.
   Jeder von ihnen belegte eine Suite mit fünf Schlafzimmern in der obersten Etage des Hotels, aber sie besaßen auch noch eine private Anlage mit zwei Fincas einige Kilometer entfernt nahe des Klosters Cartuja de Porta Coeli im Natural Park de la Serra Calderona. Das bedeutete allerdings eine fast einstündige Fahrt. »Du kannst so lange in meinem Appartement wohnen«, bot Victor an. Er folgte seinem Bruder in Richtung der Aufzüge.
   »Darauf hatte ich gehofft.«
   »Warum hast du denn die Gruppe angenommen?« Finanziell hatten sie es nicht nötig, das Hotel überzubelegen.
   »Eines der Paare kommt schon seit Jahren her. Zoé und Jules Manon, du erinnerst dich?«
   »Natürlich«, sagte Victor, und ihm erschien sogleich das Bild der rassigen schwarzhaarigen Französin vor Augen. »Aber sie reservieren jedes Jahr zeitig.«
   »Haben sie auch für dieses Jahr. Sie kommen im November noch einmal für zwei Wochen. Zu diesem Kurztrip haben sie sich spontan mit vier befreundeten Paaren entschlossen, und ich hatte Jules im vergangenen Jahr gesagt, dass sie jederzeit auch einmal unangemeldet vorbeikommen könnten und wir schon ein Plätzchen für sie finden würden.«
   Victor lachte auf. »Da hat Zoé offenbar jemanden mächtig beeindruckt.«
   Hèctor gab ein Geräusch von sich, das einem Grunzen nahe kam. »Ich dachte nur nicht, dass sie gleich eine halbe Fußballmannschaft mit anschleppen.«
   »Da musst du durch. Es ist allerdings anzunehmen, dass Zoé dieses Mal nicht ganz so viel Zeit für dich haben wird.« Er erinnerte sich nur zu gut daran, wie sein Bruder auf die Französin abgefahren war.
   »Halb so wild«, meinte Hèctor. »Aber wir könnten noch Verstärkung für das Restaurant gebrauchen. Die Gruppe bleibt zwar nur bis zum Wochenende, aber eine Aushilfe bis Ende nächsten Monats wäre ohnehin nicht schlecht.«
   »Dann mach einen Aushang.« Sie fanden Aushilfen stets kurzfristig durch einen Anschlag, den sie draußen an der Straße an der Grundstücksmauer anbrachten.
   »Gut. Ich danke dir, Vic.«
   »Wofür?«
   »Dass ich bei dir einziehen darf.« Hèctor grinste schief.
   Nun, das war in der Tat bisher noch nicht vorgekommen, obwohl sie beide hin und wieder einmal Paare in ihre Suites eingeladen hatten.
   Die Fahrstuhltüren öffneten sich, und sie gingen in ihre Büros.

Kapitel 2

Anna schlenderte an Valencias Strandpromenade entlang, bog immer wieder in die vertikal verlaufenden Nebengassen und schlug einen Bogen, um wieder auf die Promenade zurückzugelangen. Der von Palmen gesäumte Fußweg trennte die gastronomischen Betriebe von dem breiten Sandstrand, der an diesem Morgen noch nicht von allzu vielen Menschen bevölkert war. Überhaupt verloren sich selbst zahlreiche Besucher an dem schätzungsweise zweihundert Meter breiten Sandstreifen.
   Das liebte Anna an Valencia. Auch wenn hier zur Hochsaison viel los war, fühlte man sich am Strand nicht wie eine Sardine in der Dose.
   Sie war schon an zwei, drei Aushängen vorbeigekommen, auf denen nach Personal gesucht wurde, doch sie wollte erst auf dem Rückweg entscheiden, bei welchem Restaurant sie an die Tür klopfte. Und schließlich würde sie sich auch nicht sofort entscheiden, sondern sich bei mindestens zwei Arbeitgebern vorstellen, um danach die bessere Wahl zu ziehen.
   Anna gelangte zum Hafen, der Marina Real Juan Carlos I. Unter dem Riesenrad mit seinen schneeweißen Streben blieb sie einen Augenblick lang stehen und legte den Kopf in den Nacken, um die oberen Gondeln zu betrachten.
   Nach einem Rundgang hatte sie auch hier ein Restaurant gefunden, das allerdings keine Bedienung, sondern eine Küchenhilfe suchte. Im Grunde war ihr die Art der Beschäftigung egal, sie hatte im elterlichen Hotel alle Stationen durchlaufen – vom Zimmermädchen über die Restaurants, die Küche, Rezeption bis hin zur Verwaltung.
   In einem Eiscafé gönnte sie sich zwei Kugeln Haselnuss und Banane, danach schlenderte sie zurück in Richtung ihres Hotels. Als sie an der Grundstücksmauer eines Fünfsternehotels vorbeikam, blieb sie vor dem Aushang stehen.
   Nette Fachkraft für unser Restaurant gesucht. Befristet bis Ende August.
   Na, wenn das kein Omen war. Genau die Dauer, für die sie einen Job suchte. Und eine Fachkraft war sie schließlich auch, auch wenn sie in Deutschland eine Anstellung als Bedienung wegen Überqualifikation wahrscheinlich eher nicht bekommen würde.
   Anna überlegte nicht lange und marschierte auf den Hoteleingang zu. Breite gläserne Türen gaben schon von Weitem einen Blick frei auf eine imposante Lobby und die Rezeption in deren Mittelpunkt.
   Beim Eintreten bemerkte sie die ringsum angeordneten Sitzecken mit Wohlwollen. Modern und dennoch gemütlich, mit weißen und schwarzen Ledergarnituren, viel Grün in großen Pflanztöpfen, noch mehr Glas und kühles Anthrazit, das zu den weißen Marmorfliesen kontrastierte. Weiches Licht, die zahlreichen Pflanzen, ein kleiner Springbrummen und geschmackvolle Büsten aus Aluminium auf marmornen Sockeln wogen das kühle Ambiente allerdings gänzlich auf und zauberten ein behagliches Wohlgefühl. Es war beinahe Mittag, und die Gäste wohl im Speiseraum, denn die Lobby war bis auf ein einziges knutschendes Pärchen, von denen sie nur die Köpfe sah, leer.
   »Anna Lorenz«, stellte sie sich an der Rezeption vor. »Ich möchte mich um die Stelle laut Aushang in Ihrem Restaurant bewerben.« Sie hatte zwar keine Bewerbungsunterlagen dabei, hatte sich aber bereits zum Frühstück in ihrem Hotel vorstellungsgesprächstaugliche Kleidung angezogen.
   Da sie nur vorgehabt hatte, sich in einem der Restaurants zu bewerben, brauchte sie keine Unterlagen. Die Besitzer entschieden meist nach den Eindrücken, die sie während des Gesprächs erhielten und weniger nach einem Stück Papier.
   »Sehr gern, Frau Lorenz«, antwortete die junge Frau an der Rezeption und griff zum Telefonhörer. Als sie aufgelegt hatte, wandte sie sich wieder Anna zu. »Sie können gleich hinauffahren in den fünften Stock. »Herr Delgado hat gerade Zeit und erwartet Sie.«
   »Vielen Dank.« Anna wandte sich zu den Lifts um, und während sie auf die Türen zuging, sah sie an sich hinab, um zu prüfen, ob ihre Kleidung auch tatsächlich angemessen war. Immerhin war die junge Frau an der Rezeption auch sehr leger gekleidet gewesen. Sie trug einen kurzen schwarzen Rock und ein eng anliegendes T-Shirt, an dessen Ausschnitt beinahe eine Handbreit ihres Spitzen-BHs zu sehen war. Es sah nicht frivol aus, eher sexy – aber wenn sie den Vergleich zum Hotel ihrer Eltern zog, wäre ein solches Outfit niemals möglich gewesen. Für einen Urlaubsort in Spanien war es sicherlich okay, auch in einem Fünfsternehotel.
   Dagegen war ihr eigenes Outfit beinahe konservativ. In ihrem schmalen weißen Rock, der eine Handbreit über ihrem Knie endete, dem schwarzen T-Shirt und schwarzen Ballerinas wirkte sie im Vergleich zu der Rezeptionistin eher langweilig.
   In diesem Moment öffneten sich die Aufzugtüren, und Anna stand unvermittelt dem attraktivsten Mann entgegen, den sie jemals zu Gesicht bekommen hatte. Andererseits kam er ihr höllisch bekannt vor, als wäre sie ihm bereits einmal begegnet.
   »Frau Lorenz?«, fragte er, und Anna bekam nur ein Nicken zustande, weil ihr bei seinem Anblick beinahe die Knie weich wurden und ihr vermutlich nur ein heiseres Krächzen aus der Kehle geschlüpft wäre. »Bitte folgen Sie mir.«
   Der Anblick seiner breiten Schultern und der schmalen Hüften ließ sie die Überlegung vergessen, woher sie ihn kennen mochte. Seine Jeans saßen verführerisch über einem nur als knackig zu bezeichnenden Po, und unter seinem Jackett vermutete sie kräftige Muskeln, die eher zu einem Sportler passten als zu einem Bürohengst. Bei dem Wort Hengst gab sie sich tatsächlich für eine Sekunde dem Gedanken hin, von diesem Mann genommen zu werden, was ihr einen Adrenalinkick bescherte und sie zur Besinnung rief.
   Er hatte sich nicht vorgestellt, aber als sie seine Bürotür passierte, las sie das Namensschild. Hèctor Delgado. Hotelmanagement.
   »Bitte nehmen Sie Platz.« Er wies auf einen bequem wirkenden Besucherstuhl vor seinem riesigen Schreibtisch, auf dem sich neben Monitor, Tastatur und einem Telefon kein einziges Staubkörnchen befand. Gleichzeitig ging er um den Tisch herum und positionierte sich in seinem Chefsessel. Er stützte die Ellbogen auf die Tischplatte, legte die Fingerspitzen beider Hände aneinander und sah sie an. »Sie haben bereits Erfahrung als Service-Fachkraft?«
   »Ja«, bestätigte sie und überlegte gleichzeitig, was sie ihm erzählen sollte, während ihr immer noch im Kopf herumging, dass sie ihm bereits einmal begegnet war. »Ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder im Restaurant-Service gearbeitet.« Hoffentlich verlangte er keine Referenzen oder eine Auflistung ihrer bisherigen Arbeitsstätten, denn außer im Hotel ihrer Eltern hatte sie nirgendwo bedient.
   Er musterte sie mit zusammengezogenen Augenbrauen, was ihr kein gutes Gefühl vermittelte, obwohl die tiefblauen Augen eher interessiert funkelten.
   »Meine Eltern betreiben schon seit fünfundzwanzig Jahren ein Hotel in Deutschland«, fügte sie in der Hoffnung hinzu, dass ihm diese Information reichte, um ihre Kompetenz unter Beweis zu stellen. Immerhin hatte sie nicht nur Hotelmanagement studiert, sondern war im Gastronomiegewerbe aufgewachsen.
   Seine Gesichtszüge entspannten sich augenblicklich. »Nun, dann brauche ich Ihnen ja nicht zu erklären, wie ein Hotelbetrieb funktioniert und worauf es beim Service ankommt«, sagte er, während ein winziges Zucken um seine Mundwinkel verriet, dass er offensichtlich dennoch Zweifel hegte.
   An ihrer Kompetenz? Sie konnte sich kein Bild machen – dieser Mann wirkte nahbar und unnahbar zugleich. Seine Anziehungskraft war beinahe magisch, denn sie sog jede noch so kleine Regung in seiner Mimik begierig auf und konnte sich gleichzeitig nicht erklären, warum.
   »Wann könnten Sie anfangen?«
   »Sofort«, antwortete sie spontan. »Ich müsste allerdings bereits am 27. August den Job wieder aufgeben.« Dann hatte sie noch eine Woche Zeit, um sich in Barcelona einzurichten, ehe der erste Studientag begann.
   »Das wäre kein Problem«, sagte Hèctor Delgado. »Ich nehme an, Sie haben sich vor der Bewerbung über unser Haus informiert?« Sein Blick intensivierte sich und huschte für einen Moment über ihre gesamte Gestalt.
   »Ja«, brachte sie etwas zu hastig hervor, ohne mit der Wimper zu zucken. Das hatte sie natürlich nicht, immerhin hatte sie erst vor wenigen Minuten überhaupt den Aushang entdeckt. Erst nach ihrer übereilten Antwort wurde ihr klar, dass sie auffliegen würde, sollte er auch nur mit einem Satz näher darauf eingehen. »Ich meine, ich kenne mich im Hotelgewerbe so gut aus, dass ich mich überall in kürzester Zeit einarbeiten kann.« Was erwartete er eigentlich von einer Aushilfe für so eine kurze Zeit? Als Fünfsternehotel war es klar, dass das Management kein ungelerntes Personal beschäftigte und Wert auf Professionalität ihrer Bediensteten legte. Aber dass er auch genaueste Kenntnisse über das Hotel voraussetzte, war eher ungewöhnlich. Schließlich war es kein Unterschied, wie eine Servicekraft ihre Arbeit in diesem oder jenem guten Restaurant verrichtete.
   »Gut. Wenn Sie wollen, können Sie gleich heute Abend anfangen. Haben Sie eine Unterkunft in der Nähe?«
   Diese Augen. Dieser Blick. Irgendwie ging er ihr durch und durch, und zwar so intensiv, dass sie ein Kribbeln in der Bauchregion verspürte, wenn er sie musterte wie jetzt. Sie schob das Gefühl energisch beiseite. Es ging hier um einen Job, nicht um ein Date. »Ich wohne wie schon vergangenen Sommer im Hostal La Barraca, das liegt nur wenige Minuten Fußweg von hier.«
   »Ich kenne die Pension.« Er maß sie mit einem weiteren Blick, der ihr unter die Haut ging, aber gleichzeitig kein Unbehagen weckte, weil er nicht aufdringlich oder unangebracht oder gar sexistisch wirkte. »Ich kann Ihnen anbieten, für die Dauer des Aushilfsjobs hier im Hotel unterzukommen. Wir haben einen separaten Flügel für Bedienstete, in denen noch Einzelzimmer frei sind.«
   Das klang in der Tat verlockend. Ein Einzelzimmer mit Privatsphäre war natürlich kein Vergleich mit dem Dreibettzimmer im La Barraca. Und es würde Kosten sparen. Apropos – sie hatte überhaupt noch nicht nach dem Verdienst und den Arbeitszeiten gefragt. »Das wäre in der Tat gut«, sagte sie. »Wie sind meine Arbeitszeiten, und wie ist mein Verdienst?« Sie hielt seinem Blick stand und versank für einen Augenblick in diesem tiefen Blau. In diesen Augen könnte sie sich verlieren …
   Nachdem diese Fragen zu ihrer Zufriedenheit geklärt waren, und sie weitere ihres neuen Arbeitgebers, die zum Glück nicht näher auf das Hotel eingingen, beantwortet hatte, verabschiedete sie sich. »Ich werde gegen 15 Uhr wieder hier sein«, sagte sie. »Wohin soll ich mich dann wenden?«
   Hèctor Delgado öffnete eine Schreibtischschublade und nahm einen Schlüssel heraus. »Nehmen Sie den Eingang seitlich zum Hauptportal. Sie gelangen direkt in den Bedienstetenflügel. Ihre Zimmernummer ist die Achtzehn. Um 17 Uhr wird Sie jemand abholen und zur Einweisung und zum Essen in den Speiseraum der Angestellten führen. Um 18 Uhr beginnt Ihre erste Schicht bis circa ein Uhr.«
   Die Schichtzeit war ungewöhnlich, bei ihren Eltern arbeiteten die Servicekräfte im Restaurant zu den Dinnerzeiten von 17 bis 22 Uhr, am Nachmittag waren sie in den verschiedenen Bars und Lounges beschäftigt. Nach 22 Uhr gab es auch nur noch Snacks aus der Küche, aber wenn sie es richtig verstanden hatte, blieb das Buffet in diesem Hotel bis in die Nacht hinein geöffnet.
   Anna stand auf und wartete, bis Hèctor Delgado um seinen Schreibtisch herumgetreten war. Er reichte ihr die Hand, und ein kleines Prickeln, das sich wie kribbelnde Elektrizität anfühlte, zuckte kurz durch ihre Hand und den gesamten Arm herauf.
   Sie reichte ihm trotz ihrer fast einssiebzig nur bis knapp über die Schultern, sodass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um ihm ins Gesicht zu blicken. Dabei fiel es ihr nicht leicht, den Blick von seinem breiten Brustkorb abzuwenden, denn unter seinem Hemd bewegten sich die Muskeln und verführten dazu, sich mehr als nur einen zweiten Blick zu wünschen.
   »Ich zeige Ihnen noch Ihr Zimmer, dann kennen Sie sich nachher bereits aus.« Er wartete keine Antwort ab, sondern griff nach ihrem Ellbogen und geleitete sie zur Tür.
   Mit dem Aufzug fuhren sie hinab in das Erdgeschoss, nachdem Hèctor Delgado eine Plastikkarte in die Bedientafel eingesteckt hatte. »Die Karte, die ich Ihnen gegeben habe, passt auch hier.«
   Die Fahrstuhltüren öffneten sich nicht zur Lobby hin, sondern zur gegenüberliegenden Seite.
   »Damit gelangen Sie direkt in den Flügel der Angestellten, aber auch vom Treppenhaus führt eine Tür in diesen Bereich.« Er hielt weiterhin ihren Ellbogen, und die Berührung sandte auch beim Gang über den Flur weiterhin kleine, prickelnde Schauder über ihre Haut. Vor der Tür mit der Nummer Achtzehn blieb er stehen und nickte ihr zu. »Nach Ihnen.«
   Sie hatte die Karte noch nicht weggesteckt und schob sie in den dafür vorgesehenen Schlitz.
   Hèctor Delgado folgte ihr in den Raum, blieb aber drei Schritte hinter der Tür stehen.
   Das Zimmer unterschied sich nicht zu einem normalen Hotelzimmer. Linker Hand der Schrank, rechts das Bad. Es gab allerdings keinen Balkon oder Ausgang zu einer Terrasse. Ansonsten wirkte es modern, sauber und gepflegt.
   Ihr neuer Chef gab ihr Zeit, sich einen Moment lang umzusehen. Als sie sich ihm wieder zuwandte, nahm er wie selbstverständlich erneut ihren Arm. »Ich bringe Sie zum Ausgang. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.«
   »Ja, ich mich auch. Bis heute Abend.« Ehe sie sich versah, stand sie auf einem gepflasterten Weg, der zu einem Tor in der Mauer führte, die die Hotelanlage umgab.

*

Hèctor konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Irgendetwas an Anna Lorenz hatte ein Teufelchen in ihm geweckt, denn er hatte genau gespürt, dass sie keine Ahnung davon hatte, in ein Swinger-Hotel geraten zu sein. Dennoch hatte er ihre Professionalität erkannt, und sollte sie wider Erwarten heute Abend gleich wieder das Handtuch werfen, dann war es eben so. Ihr überraschtes Gesicht aber, wenn sie bleiben sollte, wollte er sich nicht entgehen lassen. Er hätte ihr das offenlegen können, aber nachdem ihr dieses »Ja« entschlüpft war, hatte er sich lieber auf die Zunge gebissen, um sich diesen Anblick, den er sich gleich in Gedanken ausgemalt hatte, auf keinen Fall entgehen zu lassen. Er kam sich nicht einmal gemein dabei vor – schließlich hatte sie sich das selbst zuzuschreiben. Außerdem waren ihm ihre interessierten Blicke an ihm nicht entgangen, nicht einmal die winzige Gänsehaut, die ihren nackten Arm bis zum Ärmel ihres Shirts hinaufgelaufen war, als er sie berührt hatte.
   Als er wieder den Bürotrakt betrat, klopfte er an Victors offen stehende Tür und trat ein. »Schon erledigt, Brüderchen. Das ging schneller als erwartet.«
   Sein Bruder sah auf. »Was denn?«
   »Wir haben eine Aushilfe gefunden. Anna Lorenz, eine deutsche Studentin. Sie suchte passenderweise einen Aushilfsjob bis Ende August.«
   »Na prima. Dann brauchst du ja nicht selbst zu kellnern, sondern hast Zeit, Zoé herumzukommandieren.« Victor grinste anzüglich.
   Hèctor verzog das Gesicht. Auch wenn sein Bruder und er sich hin und wieder auf die Avancen einiger ihrer Gäste einließen, hieß das noch lange nicht, dass sie ständig hinter den Frauen her waren oder sich ausschließlich durch die Gästeschar vögelten. Aber Victor machte sich immer wieder einen Spaß daraus, ihn mit seinen Vorlieben aufzuziehen. Zoé gehörte zu den Frauen, die sich gern unterordneten und dem Mann nur zu gern die Führung überließen – eine Spielart beim Sex, die manch einer zur Lebensart machte. Dabei war für ihn Dominanz und Unterwerfung nur eine von vielen Variationen, während sein Bruder eher zu den Normalos unter den Swingern zählte, obwohl auch er beim Sex ziemlich tonangebend war. »Du weißt überhaupt nicht, was du verpasst«, gab er zurück und malte sich aus, wie er Zoé an das Andreaskreuz fixiert und es ihr von hinten besorgt hatte. Ob Anna zu so etwas bereit wäre? Der Gedanke an die Deutsche mit der blonden Langhaarmähne schoss elektrisierende Impulse in seine Lendengegend. »Wenn dir eine Frau wehrlos ausgeliefert ist und auch noch Freude an ihrer unterwürfigen Position hat, verdoppelt das die Intensität deines Orgasmus.«
   »Behauptest du. Ich kann dem dennoch nichts abgewinnen. Da gibt es andere Dinge, die mich mehr reizen …«
   »Kuschelsex«, meinte Hèctor belustigt.
   »Hin und wieder …«
   »Ich hätte nicht gedacht, dass Candy darauf steht.«
   »Candy ist Vergangenheit«, knurrte Vic. »Außerdem weißt du genau, dass sie eher die Dominantere ist.«
   »Und darauf stehst du?«
   »Hin und wieder!« Vic warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Und jetzt raus!«

*

Sein Bruder ging ihm auf die Nerven. Er hatte ihn aus seinen Gedanken gerissen, die sich um ein paar blaue Augen, langes blondes Haar und die Vorstellung gedreht hatten, nicht eine kleine Mami vor sich zu haben, sondern eine für ihn interessante Frau. Nachdem er bei einem Telefonat von Pablo erfahren hatte, dass auch zwei Mitarbeiter die Szene im Supermarkt so beobachtet hatten wie er, und dass an die junge Frau keine Ansprüche gestellt werden würden, hatte er sich in Gedanken ausgemalt, ihr bei einer anderen Gelegenheit begegnet zu sein. Und diese Gedanken waren mehr als anregend gewesen …
   Victor rief sich zur Ordnung. Er hatte gerade Candy abserviert, außerdem keine Lust auf eine Beziehung, und verführerische Frauen, bei denen er eine Chance hätte, gab es im Hotel zu Hauf. Es würde kein sexueller Notstand bei ihm ausbrechen, und ohnehin verspürte er derzeit nicht die geringste Lust, sich auf ein Abenteuer einzulassen, nicht einmal darauf, die Vorzüge in den Spielzimmern des Hotels zu genießen.
   Diese junge Frau … wie alt mochte sie sein? Der Junge musste etwa acht oder neun Jahre alt gewesen sein. Wenn sie schon mit achtzehn Mutter geworden wäre, müsste sie demnach sechs- oder siebenundzwanzig sein, aber danach hatte sie bei Weitem nicht ausgesehen. Verglich er sie mit Candy, wirkte sie eher noch, als wäre sie nicht einmal volljährig. Vielleicht war sie eine dieser Frauen, die schon als Kinder Kinder kriegten …
   Vielleicht war sie nicht einmal mehr mit dem Vater des Kindes zusammen und leicht ins Bett zu bekommen, aber verdammt. Er wollte keine Kindesmutter beglücken und entweder mit einem Freund oder Mann aneinandergeraten oder gleich den nächsten Hafen der Ehe ansteuern. Er musste sich diese Frau aus dem Kopf schlagen. Außerdem hatte er zu lange und zu hart gearbeitet, um das, was er auch in Bezug auf seine Freiheiten erreicht hatte, aufgeben zu wollen.
   Er stand auf, um einen Rundgang durch das Hotel zu machen und die Räume im vierten Stock zu überprüfen, die während der Mittagsstunde zum zweiten Mal an diesem Tag gereinigt und mit frischen Utensilien bestückt wurden. Kondome, Sexspielzeuge aller Art, Einmaltücher, frische Laken und Handtücher. Es gab nichts, woran es den liebesspielfreudigen Besuchern mangeln sollte. Dazu gehörte auch mindestens viermaliges Säubern der Räume am Tag, bei Bedarf auch öfter. Die Gäste im Hotel wussten diese Annehmlichkeiten sehr zu schätzen, was sich nicht nur anhand der vielen Stammkunden zeigte, sondern auch daraus, dass sie anstandslos die Preise bezahlten, die beinahe doppelt so hoch waren wie in einem normalen Fünfsternehotel. Dafür bewirtete das Spice, wie ihr Hotel knapp hieß, seine Kundschaft auch mit ausgesuchten Delikatessen aus hochwertigen Zutaten, es stand sowohl für Luxus als auch für absolute Sauberkeit und genauso für seine prickelnde Atmosphäre in den dafür vorgesehenen Räumlichkeiten. Aber die Gäste durften ihren Wünschen auch im Außenbereich und in der Lobby nachgehen, solange sie sich an die Regeln hielten. Ein Nein hieß Nein, und das Anbaggern der Servicekräfte war tabu – es sei denn, sie trugen ein hellviolettes Bändchen am Arm, das den Gästen anzeigte, dass Kontakte erwünscht waren. Hèctor und er überließen es ihren Angestellten, ob sie es wünschten, sich in das Geschehen hineinbeziehen zu lassen oder nicht. Candy war hin und wieder gern als Gast gekommen und hatte sich allein oder in seiner Begleitung unter die Swinger gemischt.
   Allen Vorurteilen zum Trotz liebte Victor dieses Leben und fühlte sich damit vollkommen ausgeglichen und glücklich. Gedanken an eine Mami und ihren verzogenen Sohn wollte er nicht hegen, obwohl ihn dieser Blick tief im Innersten immer noch nicht loslassen wollte.

*

Beschwingt machte sich Anna auf den Rückweg in ihre Herberge. Sie hatte seit über einem Jahr keinen Sex mehr gehabt und geglaubt, locker darauf verzichten zu können seit der unschönen Trennung von ihrem Jugendfreund Lukas, der ihre Beziehung für aussichtslos hielt, als sie ihm von ihren Plänen, nach Spanien zu gehen, erzählt hatte.
   Jetzt aber spürte sie ein ungeahntes Kribbeln und Prickeln, das in ihrem Bauch tanzte und gefährlich nahe in Regionen ausstrahlte, die in ihr ein sehnsüchtiges Pochen weckten. Einige dieser Blicke, die Hèctor Delgado ihr zugeworfen hatte, waren auf jeden Fall dafür verantwortlich, aber auch allein diese tiefblauen Augen, die markanten Wangenknochen, die gerade Nase und die perfekten Lippen in seinem Gesicht, das von einem Dreitagebart beschattet wurde. Diesen Mann einfach nur als attraktiv zu bezeichnen, wäre untertrieben. Er strahlte eine derart männliche Persönlichkeit aus, dass es einem schon bei seinem Anblick heiß und kalt werden konnte und sich die wildesten Fantasien im Hinterkopf bildeten.
   Sie musste sich wirklich darauf konzentrieren, dass er ihr neuer Chef war und sie diese sieben Wochen mit dem anständigen Lohn, den er ihr angeboten hatte, gern mitnehmen würde auf ihrem Lebensweg, denn dadurch konnte sie ihr Polster auf eine durchaus angenehme Dicke aufpäppeln. Sie würde keine Kosten für Unterkunft und Verpflegung haben und das Geld fast komplett sparen können. Immerhin waren zweitausend Euro Monatslohn ein Betrag, der deutschen Verhältnissen gleichkam und den sie in Spanien nicht erwartet hätte. Somit würden fast viertausend Euro auf ihr Sparkonto fließen, und das war nicht zu verachten.
   Sie betrat ihr Zimmer im La Barraca und grüßte auf Spanisch, als sie sah, dass einer der Männer auf seinem Bett saß, während sich der andere noch immer in seinen Träumen versunken unter dem Laken rekelte.
   »Hola!«, erwiderte der verstrubbelte blonde Typ, der etwa in ihrem Alter sein musste. Er beobachtete, wie sie ihre Reisetasche aus dem Schrank holte. »Du reist schon ab?«
   Sie warf ihm einen Blick zu. »Ja. Die Arbeit ruft.«
   »Meine zum Glück noch nicht.« Er streckte die Arme in die Luft und blies seinen Oberkörper auf, sodass sich durchaus kräftige Muskeln unter seinem T-Shirt abzeichneten. Diese waren jedoch kein Vergleich zu jenen, die sie unter Hèctor Delgados Hemd vermutete. »Hab noch Urlaub bis September.«
   »Du studierst?«, vermutete sie, weil auch ihr Semester zur gleichen Zeit begann.
   »Psychologie«, erwiderte er, und nun maß sie ihn doch mit einem längeren Blick, denn danach hätte sie ihn nicht eingeschätzt. »Und was machst du?«
   Um das interessierte Funkeln in seinen Augen gleich wieder einzudämmen, winkte sie ab. »Aushilfsjobs. Ich fange heute Abend im Spice an.«
   »Im Spice?« Er rieb sich den nicht vorhandenen Bart.
   »Ja, wieso? Kennst du das Hotel?«
   »Nein. Aber man hört so einiges …«
   Sie stopfte ein letztes Kleidungsstück in ihre prall gefüllte Tasche. »Und was so?«
   Er grinste breit. »Na ja, der Name ist dort wohl Programm …«
   Ehe sie dazu kam, eine Nachfrage zu stellen, was er damit meinte, schoss der bisher schlafende Mitbewohner wie eine Sprungfeder mit dem Oberkörper hoch, schnellte zur Seite und übergab sich auf den Fußboden.
   »O Gott!« Anna schnappte sich ihre Tasche und hievte sie zur Tür.
   »Marko! Hast du sie noch alle?« Der Blonde warf ihr einen hilflosen Blick zu, dann fing er das Handtuch auf, das Anna aus dem Bad gegriffen und ihm zugeworfen hatte.
   »Mach’s gut! Schönen Urlaub noch.« Grinsend warf sie die Zimmertür hinter sich ins Schloss.
   Sie bedauerte, dass es keinen Hotelpagen gab, der ihr Gepäck zumindest bis vor die Tür brachte.
   Entsprechend verschwitzt kam sie bereits um halb drei am Spice an und entschied, direkt eine Dusche zu nehmen. Sie genoss die Abkühlung, räumte in aller Ruhe ihre Kleidung in den Schrank, ehe alles vollends zerknitterte, und wühlte sich durch ihre Wäsche, um zu entscheiden, was sie anziehen sollte.
   Hèctor hatte erwähnt, dass sie vor Schichtbeginn Arbeitskleidung erhalten würde, also wählte sie eine schlichte Sommerbluse und einen Rock, sodass sie leicht die Kleidung wechseln konnte, ohne sich die Frisur zu ruinieren. Sie schob ihre Mähne zu einer Hochsteckfrisur am Hinterkopf zurecht und fixierte die Strähnen mit mehreren Haarnadeln. Zum Schluss zupfte sie rechts und links je eine Strähne hervor, die weich um ihr Kinn fielen und die Strenge der Frisur auflockerten. Nach dem Auftragen eines leichten Make-ups fühlte sie sich frisch und attraktiv. Zufrieden musterte sie sich noch einen Augenblick im Spiegel.
   Sie wollte gerade ihr Zimmer verlassen, als es auch schon klopfte. Es war erst zehn vor fünf, sie hatte die paar Minuten noch nutzen wollen, um sich draußen umzusehen.
   »Hola. Ich bin Sofia. Ich wollte dich mit in den Aufenthaltsbereich nehmen.«
   »Hola Sofia. Mein Name ist Anna«, sagte sie auf Spanisch und war stolz darauf, wie problemlos und vor allem akzentfrei ihr die fremde Sprache über die Lippen kam, die sie nach fast einem Jahr Aufenthalt und sechs Jahren Schulunterricht fließend beherrschte.
   »Freut mich. Komm einfach mit.«
   Anna musterte die junge Frau, während sie neben ihr herlief. Sofia trug einen kurzen schwarzen Rock und lief auf High Heels, was ihre langen schlanken Beine besonders gut ins Licht rückte. Für eine ganze Schicht im Restaurant schien Anna dieses Schuhwerk eher ungeeignet, aber sie wusste immerhin auch nicht, welchen Einsatzbereich Sofia hatte. Dazu trug sie eine tief ausgeschnittene Bluse, und wie bei der jungen Frau, die Anna an der Rezeption kennengelernt hatte, war auch bei Sofia deutlich der Ansatz eines spitzenbesetzten BHs zu erkennen. Sie sah gut und gepflegt aus, aber eben … eine Spur zu sexy, auch wenn es sich wirklich nur um ein winziges bisschen handelte. Gerade so, dass man zweimal hingucken musste, um zu entscheiden, dass das Outfit nicht ganz konservativ war.
   »Hast du schon einmal in einem Hotel wie diesem gearbeitet?«
   Anna fragte sich, was die Frage bedeuten sollte. »Ich bin Hotelarbeit gewöhnt«, meinte sie daher schlicht und wunderte sich einmal mehr, denn Sofias Gesichtsausdruck nahm eine eher skeptische Mimik an.
   »Du weißt aber schon, dass es hier … ähm … gewisse Freizügigkeiten gibt?«
   Ihre Schritte stockten. »Was meinst du damit?«
   »Keine Panik! Wir Angestellten bleiben davon unberührt – es sei denn«, sie wies auf ein hellviolettes Bändchen an ihrem linken Handgelenk, »wir wollen es so.«
   Anna blieb stehen. »Was meinst du denn damit?«
   Sofia war ein paar Schritte weitergegangen und hatte bereits eine Tür geöffnet. »Komm, du wirst sicher gleich alles verstehen, wenn der Boss das Briefing für heute beginnt.«
   Anna trat von einem Bein aufs andere. »Der Name ist Programm«, geisterte durch ihre Gedanken. Spice. Würzen. Gewürz, Würze. Scharf, vielleicht. Sie hatte das als Hinweis auf besonders aromatische Spezialitäten des Hausrestaurants verstanden. Bedeutete es etwas ganz anderes? Etwas, das ihr nicht behagen würde? Nur was? Sie kam so schnell zu keiner vernünftigen Erklärung, denn Sofia winkte ihr bereits ungeduldig zu.
   Im Aufenthaltsraum begrüßten sie um die zwanzig Frauen und Männer schätzungsweise im Alter zwischen zwanzig und fünfzig Jahren. Sie alle sahen nicht außergewöhnlich aus, bis darauf, dass die Frauen allesamt sexy aussahen und die Männer bis hin zum Ältesten durch einen wohlgeformten Körper auffielen. Doch auch jetzt blieb Anna keine Zeit zum Überlegen, denn Hèctor betrat den Raum, grüßte in die Runde und bat darum, an dem langen Tisch in der Mitte Platz zu nehmen.
   Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sich die Unruhe und das Stühlerücken aufgelöst hatten.
   »Ihr Lieben«, sagte Hèctor Delgado. »Wir haben bis zum Ende der Woche zehn Personen mehr zu bewirten, also rund hundert Gäste. Daher haben wir kurzfristig Verstärkung eingestellt. Darf ich euch Anna Lorenz vorstellen?« Er nickte ihr zu, und nachdem sie alle Augenpaare für einen Moment auf sich gespürt hatte und lächelnd begrüßt worden war, legte sich Annas Anspannung.
   »Hallo«, sagte sie in die Runde. »Es freut mich, mit euch zusammenzuarbeiten.« Hoffentlich hatte sie keine glatte Lüge ausgesprochen.
   »Frau Lorenz – ich meine Anna – ist mit den Gepflogenheiten in unserem Haus noch nicht bekannt.« Hèctor musterte sie mit einem Blick, der ihr wieder dieses Prickeln verursachte. Dieses leicht spöttische Zucken um seine Mundwinkel machte ihn nur noch anziehender. »Wir nennen uns hier alle beim Vornamen und duzen uns. Also, Anna, du hast dich ja bereits über unser Hotel informiert. Ich möchte dir schnell erzählen, wer aus unserem Team für was verantwortlich ist.«
   Irgendwie ahnte sie nichts Gutes. Das Grinsen war zu schief.
   Hèctor zählte ein paar Namen auf, die sie sich unmöglich alle auf einmal merken konnte. »Diese vier sind dafür verantwortlich, dass es unseren Gästen in den Lounges an nichts fehlt.« Er nickte hinüber zu einigen Leuten am Ende des Tisches. »Unsere beiden Köche Raùl und Enzo sind mit ihren vier Leuten für das kulinarische Wohl verantwortlich – für das leibliche Wohl sorgen unsere Gäste selbst.«
   Ihr mulmiges Gefühl verstärkte sich. Was meinte er mit dieser Andeutung?
   »Sofia, Alba, Carmen und du übernehmen den Service im Restaurant, wobei du, Anna, heute die Aufgabe übernehmen wirst, die Gäste zu ihren Tischen zu führen. Unterstützt werdet ihr noch von unseren beiden Sommeliers.«
   Anna nickte. Das würde sie hinbekommen und Zeit haben, sich mit dem Betrieb vertraut zu machen, sodass sie ihre Aufgabe ab morgen vollständig würde ausfüllen können.
   »Für die Zeiten, in denen Sofia und Alba im Service ausfallen«, er nickte einer jungen Frau zu, und Anna fiel auf, dass auch sie wie Sofia ein helllila Armbändchen am rechten Handgelenk trug, »werden Nora und Irene als Springer zwischen Bar und Speiseraum aushelfen. Ich denke, das ist zu bewältigen. Das Essen holen sich die Gäste selbst am Buffet, ihr müsst wie immer nur für die Getränke sorgen.« Hèctor sah in die Runde. »Braucht noch jemand ein Bändchen für heute Abend oder seid ihr versorgt?«
   Zwei Männer hoben die Hände. Ungefähr die Hälfte der Anwesenden trugen diese Bändchen, doch noch ehe Anna dazu kam, eine Nachfrage zu der Bedeutung zu stellen, wandte sich Hèctor Delgado an sie.
   »Ich nehme an, Anna, dass du heute Abend erst einmal zusehen möchtest. Du darfst dir ab morgen gern ein Bändchen geben lassen, wenn du magst. Es ist allein dir überlassen.«
   W…w…wofür?, wollte sie stottern, aber dann besann sie sich darauf, dass sie vorgegeben hatte, Bescheid zu wissen, und sie schloss die Lippen wieder.
   Auch nachdem Hèctor die Zusammenkunft aufgehoben hatte und die Angestellten sich in der Küche Essen holten, traute sie sich nicht, eine Rückfrage zu stellen. Leider konnte sie auch aus den Gesprächen der Kollegen nichts heraushören, was ihr Antworten auf ihre Fragen gab, noch dazu, weil Sofia sie mit sich in eine Ecke gezogen hatte, in der sie das Stimmengemurmel nur gedämpft hören konnte. Schließlich rang sie sich doch zu der Frage durch. »Was bedeutet das Bändchen an deinem Armgelenk?«
   Sofia musterte sie mit einem verwunderten Gesichtsausdruck. »Ich dachte, du weißt Bescheid …?«
   »Ja, schon.« In der Regel bedeuteten ähnliche Bändchen, dass der Gast all-inklusive gebucht hatte, aber hier schien etwas anderes dahinterzustecken, denn solche Armbänder trugen die Gäste, nicht die Angestellten.
   »Es bedeutet, dass du …«
   »Sofia?« Hèctors Stimme unterbrach ihre Kollegin. »Du hast sicher nichts dagegen, wenn ich Anna kurz herumführe? Es wäre nett, wenn du wartest, damit du ihr ihren Spind und die Arbeitskleidung zeigen kannst. Wir sind in einer halben Stunde wieder da.«
   Annas Knie waren butterweich, als sie sich von der Bank erhob. Noch immer wusste sie ihr mulmiges Gefühl nicht einzuordnen und schwankte zwischen dem Impuls, fluchtartig dieses Hotel zu verlassen und der Stimme der Vernunft, die sie ermahnte, nicht verrückt zu spielen. Was sollte ihr hier schon passieren?
   »Danke, dass Sie … du dir die Mühe machst«, brachte sie hervor, als sie an Hèctors Seite den Aufenthaltsraum verließ.
   »Keine Ursache. Heute Mittag hatte es wenig Sinn, dich herumzuführen, das war gerade während der Reinigungszeit. Aber jetzt kannst du einen Einblick gewinnen, während die Gäste unsere Lounges belegen.«
   Um sich die Räumlichkeiten anzusehen, sah sie keinen Unterschied darin, ob diese gerade leer waren oder sich Gäste dort aufhielten. Eher im Gegenteil. Ohne Gäste konnte sie sich intensiv umsehen, ohne zu befürchten, ein Gast könnte sich durch die Musterung gestört fühlen. Es verwirrte sie also nur umso mehr.
   Als sie die Lobby betraten, schnappte Anna nach Luft. Dieses Mal hielten sich deutlich mehr Gäste hier auf – und einige von ihnen waren … nackt! Anna blieb abrupt stehen.
   Vollkommen ungeniert wanderte ein Pärchen Hand in Hand von der Bar, an der sie sich mit Longdrinks versorgt hatten, durch die aufgeschobenen Terrassentüren hinaus in Richtung Pool. Niemand drehte sich nach ihnen um oder schien sich daran zu stören, dass sie splitterfasernackt herumliefen.
   Auf den zweiten Blick fiel Anna auf, dass es keineswegs nur knappe Bikinis und Badeanzüge waren, die einige Frauen trugen, sondern dass es sich dabei um sexy Reizwäsche handelte. Dazwischen liefen Leute in normaler Freizeitbekleidung herum.
   Sie sah zu Hèctor auf und erwartete eine Erklärung.
   »Wir waren vor zehn Jahren das erste und einzige Hotel in Valencia mit einem eigenen FKK-Strand«, sagte Hèctor und legte eine Hand in ihren Rücken. »Mittlerweile gibt es zwei weitere, die unser Konzept zumindest teilweise aufgegriffen haben.«
   Anna schaltete sofort. »Inwiefern?«, fragte sie nach, ohne sich dabei die Blöße geben zu müssen, sich doch nicht im Vorfeld über das Spice erkundigt zu haben. Warum nur hatte sie das Gefühl, dass Hèctor mit seiner Wortwahl genau das beabsichtigt hatte? Dieses wissende Lächeln um seine Mundwinkel zuckte noch einmal verräterisch auf. Sie starrte einen Moment zu lang auf seine Lippen.
   »Nun, das eine betreibt keine eigenen Räumlichkeiten, sondern ist an einen benachbarten Swingerklub angeschlossen.«
   Hitze schoss Anna in die Wangen.
   »Das andere bietet auch Spielwiesen an, jedoch nicht den Service, den wir unseren Gästen bieten.«
   O Gott! Hieß das, sie boten hier professionelle Sexdienstleistungen an? Die Hitze brannte mittlerweile bis in ihre Ohren. Bedeuteten das diese lila Bändchen?
   »Bei uns gibt es erotische Massagen, eine ‚Lust-Speisekarte‘, ausgelassene Poolpartys für unartige Jungs und Mädels und vieles mehr, wobei die wichtigste Regel für alle lautet: Nein heißt Nein! Darüber hinaus dürfen sich unsere Gäste vergnügen, wo und mit wem sie wollen, nur das Personal ist tabu.« Er warf einen Blick in ihr glühendes Gesicht. »Es sei denn, sie tragen ein hellviolettes Bändchen und zeigen damit ihre Bereitschaft, an den Spielchen teilzunehmen. Das dürfen sie – allerdings rein zum Spaß und ohne jeden kommerziellen Hintergrund.«
   »A…« Aber, wollte sie sagen, doch es fiel ihr kein weiteres Wort ein, das sie hinzufügen konnte, geschweige denn ein vernünftiger Satz.
   »Komm«, sagte Hèctor, »ich stelle dir meinen Bruder vor. Wir leiten das Hotel gemeinsam.«
   Anna hatte gerade ihre Sprache wiedergefunden und einen Satz in Gedanken formuliert: »Es tut mir leid, aber diese Umstände waren mir leider doch nicht bekannt, und ich würde es vorziehen, unsere Zusammenarbeit gleich wieder zu beenden.« Das waren sogar außergewöhnlich viele Wörter, die sie in Anbetracht ihres Erschreckens, in was für eine Situation sie geraten war, zu einem sinnvollen Satz zusammengebastelt hatte.
   Doch Hèctor hatte schon – beinahe wie gewohnt – die Hand unter ihren Ellbogen gelegt und sie zu der Bar geführt, an der sich die Nudisten eben ihre Drinks geholt hatten. Er schob sie auf einen der Barhocker.
   »Hey Vic, darf ich dir unsere neue Mitarbeiterin Anna Lorenz vorstellen?«
   Der Hüne hinter dem Tresen trocknete seine Hände an einem Geschirrtuch und kam auf sie zu. Annas Mund klappte auf, und sie schaffte es nicht, ihn wieder zu schließen. Ihr Blick wanderte von Hèctor Delgado zu dem Mann hinter der Theke und wieder zurück.
   Beide lachten. »Ja, wir sind eineiige Zwillinge. Ich bin Victor«, sagte der Doppelgänger hinter der Theke und reichte ihr seine Rechte über den Tresen hinweg. »Willkommen im Team. Hat Hèctor dir bereits die Räume gezeigt?«
   »N…nein.« Anna schluckte. Das würde auch nicht nötig sein, sie musste nur erneut die Kraft finden, diesen Satz zu formulieren und ihn über die trockenen Lippen zu bringen.
   Ein Ausdruck der Verwirrung huschte über Victors Züge, die sie niemals von denen seines Bruders würde unterscheiden können. »Sag, sind wir uns schon einmal begegnet?«, fragte er und kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, als grübelte er, wo und wann das gewesen sein könnte.
   In diesem Moment fiel es Anna ein. Er sah aus wie der Mann, der beim Betreten des Büros im Supermarkt den Raum nach einem kurzen Gruß verlassen hatte. Sie biss sich auf die Unterlippe. Hoffentlich erinnerte er sich nicht – und sie würde diese Begegnung auf keinen Fall zugeben. Das wäre an Peinlichkeit kaum zu überbieten – selbst in Anbetracht dessen, dass sie in einem Sexhotel gelandet war. »Ich glaube nicht«, brachte sie ohne Stottern heraus, doch noch immer mangelte es ihr an der Fähigkeit, aufzustehen und zu gehen. Was hielt sie hier noch?
   Gerade in dieser Sekunde konnte sie es nur mit dem warmherzigen Blick von diesem Victor erklären, der sie magisch anzog – noch mehr, als es Hèctors Blicke getan hatten. Diese beiden Kerle hatten etwas an sich, das sie sich nicht zu erklären wusste. Sie gingen ihr sprichwörtlich unter die Haut. Und wenn sie ehrlich war, regte sich mittlerweile auch eine leise Neugierde, zu erfahren, was genau in diesem Edel-Etablissement vor sich ging. So etwas hatte sie jedenfalls noch nie in ihrem Leben gehört, geschweige denn gesehen. Natürlich wusste sie, dass es Swingerklubs gab. Aber wenn sie ehrlich war, hatte sie diese eher der Rotlichtszene zugeordnet, auch wenn sie wusste, dass dem nicht so war. Sie hatte mal einen Bericht im Fernsehen …
   »Möchtest du etwas trinken?«, fragte Hèctor.
   »Gern«, hörte sie sich sagen, dabei hatte sie vor weniger als zehn Sekunden noch den Job hinschmeißen und das Hotel verlassen wollen. Doch ihr Blick hing noch immer an dem des Zwillingsbruders, und dieser machte keine Anstalten, diesen zu unterbrechen, auch nicht, während er ihr auf Nachfrage einen alkoholfreien »Green Wonder«-Shake zubereitete.
   Als er ihn auf die Theke stellte, streiften seine Finger wie unabsichtlich die ihren, doch der Blick verriet, dass es pure Absicht gewesen war.
   »Hèctor, könntest du mir bitte erklären, wie ich im Whirlpool die Intensität der Düsen verstellen kann?«, fragte eine schwarz gelockte Frau mit einem französischen Dialekt.
   »Aber gern.« Er wandte sich an seinen Bruder. »Victor, könntest du übernehmen und Anna die Lounges zeigen und sie anschließend zu Sofia in den Aufenthaltsraum zurückbringen? – Anna, entschuldige mich. Du hast doch nichts dagegen, oder?«
   »Nein. Danke. Ich finde aber auch allein in den A…«
   »Ich übernehme«, sagte Victor. »Komm, Anna.« Er gab ihr keine Gelegenheit, sich rauszureden – und für den Moment zumindest hatte Anna den Plan beiseitegeschoben, auf der Stelle zu verschwinden.
   Das konnte sie jederzeit, denn sie hatte nicht das Gefühl, in die Gefahr zu geraten, hier als Sexsklavin gefügig gemacht zu werden. Sie rutschte von dem Barhocker.
   Anders als sein Bruder nahm Victor Delgado nicht wie selbstverständlich ihren Ellbogen, sondern ging in einem Abstand von einem halben Meter neben ihr her, sodass sie sich beinahe wünschte, er möge die Distanz zwischen ihren Körpern verringern. Doch weil allein dieser Wunsch ihr derart unangebracht erschien, verabschiedete sie sich mehr als hastig davon.
   Sie durchquerten die Lobby und gingen auf die Fahrstühle zu.
   »Im Erdgeschoss befinden sich die Unterkünfte unserer Angestellten, die Küche mit Nebenräumen, der Aufenthaltsraum, eine Bar, Speisesaal und Lobby samt Rezeption«, erklärte Victor und drückte den Knopf an der Bedientafel des Lifts. »Unten ist unser Spa-Bereich mit Schwimmbad, Whirlpools, Fitness- und Ruhezonen sowie diversen Räumlichkeiten für die Wellness-Anwendungen und ein Barbereich. Außerdem noch ein paar Lager- und Technikräume.«
   Das klang nun noch nicht großartig anders als in anderen Fünfsternehotels.
   »Im ersten und zweiten Geschoss haben wir Räume mit insgesamt neunzig Betten. Es gibt sechs Einzelzimmer und zweiundvierzig Doppelzimmer, von denen die Hälfte als Suiten mit eigenem Wohnzimmer ausgestattet sind.«
   Gut, die Einzelzimmeranzahl war etwas niedrig – aber das war je nach Art des Hotels sehr unterschiedlich. Handelte es sich eher um Businesshotels, lag die Anzahl der Einzel…
   »In der vierten Etage befinden sich unsere Lounges, vier an der Zahl. Daneben gibt es noch eine Reihe von Themen-Spielzimmern, großzügige sanitäre Anlagen mit Regenduschen sowie in einem abgetrennten Bereich weitere Vorrats- und Serviceräume.«
   Anna unterbrach ihr Gedankenkarussell, um nichts von Victors Ausführungen zu verpassen. Sie fand das Ganze immer interessanter, denn alles, was sie im Vorübergehen sah, entsprach einem äußerst eleganten, modernen und dennoch gemütlichen Geschmack. Zum Glück begegneten sie keinen weiteren Nackten, nur leicht bekleideten Hotelgästen, denen Victor im Vorbeigehen freundlich zunickte. Zumindest konnte sich Anna bis jetzt noch vorstellen, dass die Gäste auf dem Weg zum Strand, zum Pool oder in den Spa-Bereich waren, was auch in anderen Hotels auf leicht bekleidete Gäste stoßen ließ.
   »Im obersten Geschoss befinden sich die Privatsuiten meines Bruders und mir sowie der Bürotrakt.«
   Nun gaben ihre Knie doch nach, als Victor zielstrebig auf die Vier im Bedienfeld des Aufzugs drückte. Anna ließ sich mit dem Rücken gegen die verspiegelte Wand sacken. Obwohl sie die Lider gesenkt hatte, spürte sie Victors Blick, der ihren Körper von oben bis unten maß.
   »Ich hätte gewettet, wir sind uns schon mal begegnet«, murmelte er, »doch mir fällt es nicht ein.«
   Hätte er den Zusatz weggelassen und den ersten Teil des Satzes in einer anderen Tonart ausgesprochen, hätte Anna dies als einen plumpen Annäherungsversuch gewertet, so jedoch war sie nur froh, dass ihm sein Gedächtnis einen Strich durch die Rechnung machte. Sollte sie diesen Job tatsächlich durchführen, würde sie noch mehr Acht darauf geben, sich nicht zu kleiden und zu frisieren wie gestern beim Discounter. Mit der Hochsteckfrisur wirkte sie auf jeden Fall älter als gestern ungeschminkt und mit Pferdeschwanz, und mit Make-up zauberte sie sich eine deutlich schmalere Nase. Zum Glück hatte sie sich bereits gestylt.
   Die Lifttüren schoben sich auseinander, und Anna betrat an Victors Seite einen Flur, der nun nicht mehr nach Hotel aussah. An den Wänden hingen zahlreiche Gemälde mit erotischen Szenen, halb nackten Frauen- oder Männerkörpern, und es erstaunte Anna, dass sie die Bilder auf Anhieb nicht abstoßend, sondern sehr geschmackvoll fand. Auch hier dominierten die Farben schwarz und weiß, allerdings ergänzt um rote Akzente. Leise Musik beschallte den Gang, doch sie konnte nicht verhindern, dass ihr eindeutig zweideutige Geräusche zu Ohren kamen, durchzogen von kleinen, spitzen Schreien aus Frauenkehlen. Hier hatten eindeutig mehrere Personen ihren Spaß.
   »Wir wollen nicht stören«, sagte Victor, »daher gehen wir nur einmal den Gang entlang. An jeder Tür gibt es Schilder mit den Mottos der Themenräume und einen Prospekt, der die Regeln definiert, die über den Leitsatz ‚Nein heißt Nein‘ hinausgehen. Somit weiß jeder Besucher, auf was er sich in den jeweiligen Räumen einlässt.«
   Anna vermied es, bei Räumen mit offen stehenden Türen zu tief in die Zimmer hineinzusehen, es reichte ihr, dass sie erahnen konnte, was die Paare dort trieben.
   Victor sammelte unterwegs einige Prospekte ein und reichte sie ihr. »Du kannst dich gern jederzeit bedienen, bis du alle Räumlichkeiten und deren Gepflogenheiten kennst. Hat Hèctor schon mit dir darüber gesprochen, dass du mitmachen darfst?« Er blieb vor den Aufzugtüren stehen und sah sie an.
   »Ich glaube, ich …« Sie stockte, weil sie seinen Blick traf. Er maß sie mit einem interessierten Ausdruck, der ihr heiße Schauder über die Haut jagte. Wüsste sie nicht, was für ein Laden das hier war, hätte sie sich augenblicklich die Frage nach einem Date mit diesem Mann gewünscht und es wahrscheinlich ein Leben lang bedauert, würde es nicht dazu kommen. Verpasste Chance und so. Anna senkte den Blick. »Ich denke nicht, dass es dazu kommen wird. Aber ich werde meinen Job hier professionell durchführen mit aller Achtung, die sich dem Gast gegenüber gebührt.« Sie hatte keine Ahnung, warum sie das gesagt hatte. Vielleicht, weil sie an der Seriosität dieses Hotels Zweifel hegte, an der Redlichkeit der Gäste oder was auch immer. Sie hatte sofort gehen wollen, doch nun meldete sich diese kleine neugierige Stimme in ihrem Inneren immer stärker, die meinte, dass es doch ein aufregendes Abenteuer in den nächsten sieben Wochen sein könnte.
   »Daran habe ich keinen Zweifel«, sagte Victor mit einer Stimme, die ihr den nächsten wonnigen Schauder über die Haut jagte. »Komm, ich bringe dich zu Sofia zurück. Eure Schicht beginnt in einer Viertelstunde.«

*

Sofia erhob sich sofort, als Anna auf den Tisch in der Nische zuging. Victor hatte sich an der Tür zum Aufenthaltsraum verabschiedet und ihr einen guten Einstieg gewünscht. Nichts von dem Gespräch unterschied sich großartig davon, wie es in einem normalen Hotel gewesen wäre – bis auf den Besuch in der vierten Etage.
   »Ich sehe, du hast dir Nachtlektüre mitgebracht.« Sofia grinste. »Einiges davon ist wirklich ein Erlebnis wert.«
   Anna lächelte zaghaft zurück und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin. Sie folgte Sofia.
   »Hier sind die Umkleiden. Du kannst deine persönlichen Dinge dort in einem der Spinde einschließen.« Sie wandte sich nach rechts und betrat einen großen, begehbaren Kleiderschrank. »Hier befindet sich die Arbeitskleidung. Wir haben alle Größen von 32 bis 48 oder so vorrätig … Blusen, Shirts, Röcke, was immer du willst. Es wird täglich gereinigt und wieder in die Schränke sortiert. Nach Schichtende wirfst du die Wäsche einfach in den Schacht dort.«
   Anna sah sich neugierig um. Tatsächlich war dieser Raum sortiert wie eine kleine Boutique, in der identische Kleidungsstücke in verschiedenen Größen auf Kleiderständern hingen. In den Fächern fanden sich diverse Oberteile von Corsagen bis hin zu seidigen Blusen.
   »Es gibt auch eine Reihe von Dessous, die du dir aussuchen kannst. Ich bevorzuge allerdings meine eigene Wäsche.«
   Ja, das tat sie auch – und in Gedanken ging sie bereits ihren Bestand durch und prüfte, ob sie etwas dabeihatte, das sexy genug für diesen Job war. Es würde gehen, zur Not müsste sie noch einmal shoppen. Gebrauchte Dessous zu tragen, würde sie nicht über sich bringen, auch wenn sie wusste, dass diese frisch gewaschen waren.
   »Wenn du heute nichts Passendes trägst«, fuhr Sofia unbeirrt fort, »solltest du eine der Corsagen wählen, darunter brauchst du keinen BH, und dein Höschen sieht keiner.«
   Annas Blick blieb an dem bis zur Decke reichenden Schuhregal mit einer Leiter davor hängen. An jedem Brett standen die Schuhgrößen, und natürlich war ihre auch darunter. Sie sah allerdings keinen Schuh mit einem Absatz unter mindestens sieben Zentimetern. O Gott! Ob sie überhaupt noch darauf würde laufen können? Zwar trug sie zu festlichen Anlässen schon einmal Heels, aber einen ganzen Abend darauf herumzustolzieren, würde ihr sicherlich schwerfallen.
   »Ja, die Heels sind Pflicht«, meinte Sofia, die ihren Blick bemerkt hatte. »Aber du gewöhnst dich sehr schnell daran. Du kannst während der Schicht immer wieder mal an der Bar sitzen. Nach der Stoßzeit, wenn die meisten Gäste kommen, hast du einen gemütlichen Job.«
   Meine Güte. Warum klangen die Wörter Stoßzeit und kommen hier nur so versaut? In keinem anderen Hotel hätte sie auch nur darüber nachgedacht. Plötzlich musste Anna laut loskichern.
   »Was hast du?«
   Sie beschloss, ehrlich zu sein. »Ich musste über Stoßzeit und kommen lachen.«
   Sofia fiel in ihr Kichern ein. Sie beugte sich dicht an Annas Ohr. »Glaub mir, wenn du hier einige Zeit arbeitest, wirst du dich danach sehnen.«
   »Was? Nach Stoßzeiten und kommen?«
   »Warte ab!« Sofia begann mit gezielten Griffen, sich ihr Outfit für den heutigen Abend zusammenzustellen. »Wir haben noch fünfzehn Minuten.«
   Anna beeilte sich, obwohl sie gern deutlich länger an ihrem Auftreten überlegt hätte. Sie nahm eine Ledercorsage und einen Lederrock, dazu schwarze Seidenstrümpfe und Stiefel, die ihr bis über das Knie reichten. Vor dem riesigen Spiegel drehte sie sich um ihre Achse. »Wie sehe ich aus?«
   »Traumhaft!«, sagte Sofia und schmunzelte. »Komm!«
   Anna schwankte bei den ersten Schritten auf den ungewohnt hohen Absätzen, doch dann fand sie ihr Gleichgewicht, und es fiel ihr erstaunlich leicht, sich nicht wie auf Eiern tänzelnd zu bewegen.
   Auf dem Weg in den Speisesaal gab Sofia ihr weitere Erklärungen. »Beim Essen gibt es keine Kleiderordnung für die Gäste, allerdings ist es nicht gestattet, dass sie im Speisesaal Geschlechtsverkehr haben.«
   »Heißt das, die laufen auch nackt dort herum?«
   »Ja, alles bunt gemischt. Von Freizeitkleidung über normale Badesachen und Dessous bis hin zu nackt. Für die Nudisten gibt es eine Reihe spezieller Tische. Dort sind die Stühle mit wasserundurchlässigen Hussen bestückt, damit … ähm … du weißt schon. Die wechselst du nach jedem Gast. Ich zeige dir das gleich alles.«
   »Du sagtest, keinen Geschlechtsverkehr …«
   »Ja. Fummeln ist erlaubt«, sagte Sofia cool, während Anna bei diesen Worten schon wieder Hitze ins Gesicht schoss.
   »Wir Angestellten dürfen bis zu drei Stunden unserer Arbeitszeit bei jeder Aktivität mitmachen – allerdings nur im vierten Stock. Das wissen und respektieren auch unsere Gäste. Du brauchst also keine Angst zu haben, dass dich jemand anmacht oder gar anfasst. Nur, wenn du dieses Bändchen trägst«, Sofia wedelte mit ihrem Arm vor Anna herum, »bekommst du Einladungen in die Lounges oder die Spielzimmer. Du entscheidest selbst, ob du annimmst oder nicht.«
   Anna räusperte sich und setzte zum Sprechen an. Sie räusperte sich noch einmal. »Das hat aber nichts mit prof… ähm … einem Taschengeld oder so zu tun?«
   Sofia fiel die Kinnlade herab. »Du meinst, Prostitution? Bezahlung? Um Gottes willen! Wenn du dich auf was einlässt, dann nur, weil du Lust darauf hast. Glaub mir, es ist unmöglich, in dieser Atmosphäre auch nur eine Woche am Stück zu arbeiten, ohne vor Lust zu zerfließen.«
   Anna lachte befreit. »Okay. Aber ich glaube eher nicht, dass Letzteres auf mich zutrifft.«
   Sofia schüttelte den Kopf. »Abwarten!«

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