Artur war dominant – keine Frage. Schon lange hatte er keine Frau mehr getroffen, die sein Innerstes berührte. Doch manchmal spielte das Leben Schicksal. Neu war er in der Stadt und sie die Lehrerin seines Neffen. Mit ihrer besserwisserischen Art konnte sie ihn zur Weißglut treiben. Dafür stand er im Gegenzug darauf, sie davon zu überzeugen, dass sie genau das zu unterlassen hatte. Er genoss dieses Spiel aus vollen Zügen, nur durfte er keinesfalls sein Herz dabei verlieren …

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ISBN: 978-9963-53-944-4

Seiten: 179

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Sabina Tempel

Sabina Tempel ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, unter dem sie Liebesromane veröffentlicht. Müsste sie sich selbst beschreiben, würde sie Eigenschaften wie chaotisch, herzlich, aber auch impulsiv nennen. Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen, ist ihre Spezialität. Auch dem Herz folgt sie gern, manchmal lieber als dem Verstand. Sie genießt und lebt das Leben. Zum Entspannen kuschelt sie sich gern auf ihre große Ledercouch und liest ein romantisches Buch, das sie von Zeit zu Zeit auch selbst schreibt.

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1. Kapitel

Miriam betrat die Aula. Ein Wirrwarr an Schülern empfing sie. Die Lautstärke war für einen Montagmorgen ganz
   schön heftig. Ein Schwerhöriger hätte glatte Vorteile, denn er könnte alle Geräusche wahrnehmen, ohne dass sein Trommelfell dabei Schaden nähme. In solchen Momenten dachte Miriam manchmal, sich für den falschen Beruf entschieden zu haben. Besonders, wenn sie nach ein paar freien Tagen wieder in die Schule kam. Aber auch die Ausübung der Pausenaufsicht brachte sie von Zeit zu Zeit an diesen Punkt. Eigentlich hätte sie eine Polizistenausbildung absolvieren müssen, um die Kontrolle über die Halbwüchsigen zu behalten, dabei hatte sie einst mit der Kinder-sind-süß-Einstellung studiert. Mittlerweile lachte sie darüber, denn die Realität sah etwas anders aus als die Vorstellung längst vergangener Tage. Anders oder zumindest lauter.
   »Halts Maul!«
   »Chill, Alter!«
   »Fresse!«
   Miriam zog die Augenbrauen in die Höhe. Was für liebliche Worte! Das Wochenende schien einigen nicht so gut bekommen zu sein. Ja, die Realität sah nicht nur anders aus, sie war nicht nur lauter, sie klang auch anders. Bei »Chill mal« stellten sich ihr schon sämtliche Härchen empor, die Schimpfworte versuchte sie dagegen, gänzlich zu ignorieren. Doch das Schlimmste war, dass sie am Sonntag ihre Eltern besucht, ihre Mutter nervige Ratschläge verteilt hatte und ihr beinahe ein »Chill doch mal« herausgerutscht wäre. Rein aus dem Grund, weil sie es ständig zu hören bekam. Zum Glück hatte sie nur die Kleinen der fünften Klasse zu unterrichten, doch auch die waren nicht so ohne.
   »Frau Lindner, Adrian hat mich geschubst.«
   Schon wieder Adrian … Adrian zum Freitagmittag und Adrian zum Montagvormittag. Dieser Junge konnte so unschuldig dreinblicken und einen dabei an den Rand des Wahnsinns treiben. Das Dumme war, dass sie ihn eigentlich mochte, obwohl er sich aufführte, als würde die Schule ihm gehören. Er war äußerst beliebt. Zumindest bei den Jungen, die wie Kletten an ihm hingen. Frech und naseweis waren sie alle miteinander. Aber am schlimmsten war mit Abstand Adrian.
   »Ich werde im Unterricht mit ihm sprechen.«
   »Das haben Sie schon oft getan.«
   Wo Lisa recht hatte, da hatte sie recht. Denn leider machte es wenig Sinn, mit Adrian zu reden. Er zeigte sich resistent gegen all ihre Erziehungsversuche. Auch Frau Kraus, die Viertklasslehrerin, hatte sie vor ihm gewarnt, aber da hatte sie sich den Unterricht noch nicht ganz so anstrengend vorgestellt. Zu Beginn des Schuljahrs hatte sie sogar versucht, mit den Kindern auf gut Freund zu machen. Das wäre ihr am liebsten gewesen. Ein harmonisches Miteinander. Mittlerweile hatte sie allerdings die Erfahrung machen müssen, dass das an dieser Schule fast nicht möglich war. An diese Schule gingen Kinder, bei denen viele Pädagogen das Handtuch warfen. Dabei lebten sie in einer idyllischen Kleinstadt, aber auch die schien so ihre eigenen Viertel mit seinen eigenen Gesetzen zu haben.
   Miriam beschloss, Adrians Mutter noch einmal in die Sprechstunde zu bestellen. Vielleicht würde sie dieses Mal kommen, vielleicht würde Miriam so erfahren, warum ihr Sohn immer wieder gegen sämtliche Regeln verstieß. Zu sehr wollte er auf starken Mann machen, dabei war er ein kleiner, zehnjähriger Junge. Sie hatte in den Unterlagen gelesen, dass seine Mutter alleinerziehend war. Vielleicht war sie überfordert und konnte sich nicht genügend durchsetzen. Mit Sicherheit war es nicht leicht, ein Kind allein großzuziehen. Adrians Großeltern lebten nicht mehr, das hatte er kurz vor Weihnachten erzählt. Leider hatte Frau Kraus gesagt, dass mit der Mutter nicht zu reden war. Sie stellte sich lediglich schützend vor ihr Kind, sagte zwar, wie leid ihr alles tat, änderte aber nichts an ihrer Erziehung. Und Frau Kraus wusste in der Regel, wovon sie sprach. Schließlich hatte sie jahrzehntelange Berufserfahrung vorzuweisen. Sie selbst stand dagegen noch ganz am Anfang ihrer Laufbahn. Und war jetzt schon manchmal einen Hauch demotiviert …
   Von lockerer, jugendlicher Kleidung war sie inzwischen auf die elegantere, sportliche Version umgestiegen. Nicht wegen der Kinder, sondern wegen deren Eltern, die schon sehen sollten, dass sie es nicht nur mit einer jungen Lehrerin, sondern mit einer Pädagogin, die wusste, was sie tat, zu tun hatten. Seltsamerweise schien der Kleidungswechsel zu wirken, denn die Eltern duzten sie wenigstens nicht mehr wie selbstverständlich.
   »Bekommt Adrian keinen Verweis?« Lisas Stimmchen holte sie wieder in den Tumult in der Aula zurück.
   »Bist du verletzt?«
   »Nein, aber er hat mich geschubst und das nicht zum ersten Mal. Richtig sehr hat er mich gestoßen.«
   »Vielleicht war es ein Unfall?« Dabei glaubte sie selbst nicht wirklich daran. Adrian hatte Lisa geschubst. Das stand fest. Allerdings würde es einen Grund gegeben haben, denn er schubste normalerweise keine Mädchen. Außerdem konnte sie nicht wegen jeder kleinen Rangelei Verweise verteilen. Das war nicht ihre Art. Zwar hatte sie anfangs versucht, sich damit Respekt zu verschaffen, aber es hatte nicht funktioniert. Vielen der Kinder war es egal, ob sie Verweise bekamen oder nicht. Manche waren sogar stolz darauf.
   »Nein. Er hat es mit Absicht getan.« Lisas Gesicht verzog sich leicht weinerlich.
   »Ich werde gleich mit ihm reden.«
   »Mama sagt, dass er bestimmt bald von der Schule fliegen wird.«
   So? Das war ja interessant. Was die Mütter nur immer ihren Kindern einreden mussten. »Das wird deine Mutter schon der Schule überlassen müssen.«
   »Aber …«
   Miriam überhörte dieses Aber und schritt in Richtung Klassenzimmer, denn es machte auch wenig Sinn, mit Lisa zu diskutieren.
   Trotz des kleinen Zwischenfalls fühlte sie sich immer noch erholt vom Wochenende. Sie überlegte, wie sie das Gespräch mit Adrian am besten führen sollte. Nur meckern brachte nichts, Strenge ebenso wenig. Sie musste den Jungen erreichen, nur wie sie das schaffen sollte, war ihr ein Rätsel. Manche Kinder nickten wenigstens, wenn sie ihnen etwas zu sagen hatte. Aber okay, das Nicken allein brachte auch recht wenig.
   Miriam steckte den Schlüssel ins Schloss und griff an die Klinke.
   Igitt!
   Blitzschnell zog sie die Hand zurück.
   Was war das?
   Kaugummi. Durchgeknatschter, rausgespuckter Kaugummi. Kaugummi, den jemand mit Absicht auf die Türklinke geklebt hatte, damit ein anderer hineinfasste. Aber nicht nur das. Der Gummi war auseinandergezogen und über die gesamte Klinke verteilt worden. Das dünne Material klebte sowohl an ihren Fingern wie auch an ihrer Handfläche und zog ekelhafte Fäden.
   Manchmal hätte sie den Kids eben doch am liebsten eigenhändig den Kragen umgedreht. Auch wenn sie das nicht äußern durfte.
   Miriam schluckte den aufkommenden Würgereiz hinunter. Die Lehrertoilette befand sich neben dem Sekretariat. Das Sekretariat hinter der Aula. Also: wieder zurück!
   Sie rannte beinahe, die Hand weit von sich weghaltend dem rettenden Wasserhahn entgegen.
   In der Aula lief sie in das erste Kind, das zweite folgte. Aus dem Weg ging ihr keines. Stattdessen begleitete sie schadenfrohes Gelächter. Oder bildete sie sich das nur ein? Nein, denn wahrscheinlich lief sie wie ein aufgescheuchtes, hysterisches Huhn durch die Gegend. Und über den Kaugummistreich amüsierte sich mit Sicherheit der ein oder andere.
   Mit dem Ellenbogen öffnete sie die Tür und stolperte in die Lehrertoilette. Geschafft! Sie drehte den Wasserhahn auf, während sie am Seifenbehälter hantierte. Doch nichts war mit Sauberwaschen, der Kaugummi verwandelte sich lediglich in eine klebrig schmierige Masse. Am liebsten hätte sie geheult. Ihre gute Laune war nun echt hinüber. Wenn sich ihr die Möglichkeit geboten hätte, wäre sie wieder nach Hause gegangen und hätte sich in ihr Bett verkrochen. Es gab kleine Streiche, über die konnte sie lachen, aber über herausgespuckten Kaugummi an ihrer Hand nicht. Miriam bemühte sich, langsam zu atmen. Wenn sie ganz ehrlich war, wäre sie gern hinausgestürmt und hätte ihre Kaugummihand an die Köpfe gewisser Schüler gelegt, damit die sich ebenfalls ärgern konnten. Natürlich tat sie es nicht. Stattdessen legte sie ihren Kopf in den Nacken und betrachtete die gelben Fliesen an der Wand, die vor fünfzig Jahren einmal modern gewesen sein mochten. Trotzdem verstand sie nicht, wie man pissgelbe Fliesen in einer Toilette hatte anbringen können. Sollte wohl zum … Nein, sie würde sich nicht über so etwas den Kopf zerbrechen.
   An der letzten Schule, an der sie unterrichtet hatte, war es wesentlich zivilisierter zugegangen. Auch dort hatte es freche Kinder gegeben. Natürlich. Kinder wären keine Kinder, wenn sie nicht manchmal frech wären. Aber man hatte wenigstens mit ihnen reden und ihnen den Stoff nahebringen können. Hier war alles anders. Diese Schule war wie ein einziger Ausflug ins Chaos. Die Kollegen herrschten mit strenger Hand. So sagten sie es zumindest. Wenn man das massenhafte Verteilen von Verweisen, Strafarbeiten und Nachsitzen als strenge Erziehungsmaßnahmen bezeichnen konnte, stimmte es sogar. Denn eigentlich waren die meisten ihrer Kollegen abgestuft, hatten irgendwann vor dem Chaos resigniert. Das Schlimme war, dass sie an sich manchmal bereits ähnliche Züge feststellte. Immer, wenn sie es bemerkte, nahm sie sich Frau Kraus als Vorbild. Die Lehrerin war streng, da gab es keine Frage, besaß allerdings ein großes Herz. Auch und besonders für die Kinder.
   Miriam ließ ihren Blick von den Fliesen zurück in den Spiegel schweifen. Hektische rote Flecken hatten sich auf ihren blassen Wangen gebildet. Rote Flecken und blonde Haare passten nicht zusammen, registrierte sie. Beinahe sah sie aus wie ein Bauernmädchen mit glühenden Pausbacken. Es fehlten nur noch die Gretchenzöpfe und ein Kopftuch. Am besten ein rotes mit weißen Tupfen.
   Schwachsinn, schalt sie sich. Die Zeit, als sie als pummeliger Mops durch die Gegend gelaufen war, gehörte der Vergangenheit an. Mittlerweile war sie schlank, wenn auch nicht dünn. Wohlgeformt, redete sie sich immer ein, um sich in ihrer positiven Einstellung zu stärken. Außerdem erinnerte – von den roten Wangen abgesehen – rein gar nichts an ein vor Energie strotzendes Bauernmädchen. Dunkle Ringe lagen unter ihren Augen, und ihre Lippen ähnelten einem dünnen, blutleeren Strich, so fest hatte sie sie im Moment zusammengepresst. Dabei hatte sie sich vorgenommen, eben nicht als frustrierte Lehrerin zu enden. Ebenso wenig wie sie je auf die Idee gekommen wäre, nach ein paar Jahren Berufsalltag darüber nachzudenken, das Handtuch zu schmeißen. Okay, jeder hatte sie vor dieser Schule gewarnt. Doch sie hatte in ihrer Heimatstadt bleiben und nicht zweihundert Kilometer weit wegziehen wollen. Damals hatte sie gedacht, dass aus ihr und Gabriel, der Sport am Gymnasium unterrichtete, etwas werden würde, was dann jedoch nicht der Fall gewesen war. Sogar diese Schule hatte sie in Kauf genommen, nur um in seiner Nähe bleiben zu können. Gebracht hatte es ihr beides nichts. Weder die Schule noch Gabriel. Für Gabriel war sie reiner Ersatz gewesen, ein Abenteuer, vielleicht sogar ein Ausrutscher. Wenn man bei vier Monaten von einem Ausrutscher sprechen konnte. Als sie erfahren hatte, dass er seit vielen Jahren eine Freundin hatte, hatte sie eigentlich gedacht, dass er diese verlassen würde. Aber Gabriel hatte sich nicht von seiner Freundin getrennt, sondern stattdessen jeglichen Kontakt zu ihr abgebrochen. Dumm gelaufen! Zum Glück gehörte diese Geschichte nun schon seit zehn Monaten der Vergangenheit an. Anfänglich hatte sie ganz schön an der Trennung zu knabbern gehabt. Ihr Selbstbewusstsein war zerbröckelt wie eine rissige Mauer. Wieder hatte sie sich wie das dicke Mädchen mit Zahnspange gefühlt. Das Mädchen, für das sich niemand interessiert hatte. Doch dann hatte sie versucht, wieder an sich zu glauben. Jeder einzelne Blick in den Spiegel sagte ihr, dass es das Mädchen von damals nicht mehr gab, es lediglich noch in ihrem Kopf existierte. Selbst ehemalige Klassenkameraden erkannten sie nicht mehr. Das hatte sie bei einem Treffen vor wenigen Wochen herausgefunden. Bewundernde Blicke waren ihr gefolgt, was ihr relativ oft geschah in letzter Zeit. Mittlerweile achtete sie extrem darauf. Es tat ihr gut und bestärkte sie in ihrem positiven Denken. Nie wieder würde sie klein und schwach, unscheinbar und hässlich sein.
   Die Kinder interessierte es nicht, ob eine Lehrerin attraktiv war oder nicht. Eine Lehrerin war eine Lehrerin. Nicht mehr und nicht weniger. Um Lehrer machte man generell einen Bogen. Sicher war sicher. Doch Streiche spielen war erlaubt. Man durfte sich nur nicht dabei erwischen lassen. So dachten die Jungs, nicht die Mädchen. Mädchen taten so etwas nicht. Zumindest der Großteil nicht. Auch sie hatten teilweise unter dem Übermut mancher Jungs zu leiden. Unter solchen Jungs wie Adrian, mit dem ihr heute noch ein Gespräch bevorstand.
   Gern hätte sich Miriam das Gesicht mit kaltem Wasser abgewaschen, aber der Gedanke an den schmierigen Kaugummirest an ihrer Hand hielt sie davon ab. Ebenso das sorgfältig aufgetragene Make-up. Leider schimmerten ihre dunklen Augenränder dennoch durch. Sie sah generell abgearbeitet aus, das fiel ihr just in diesem Moment auf. Darüber konnte auch ihre sorgfältig gewählte Kleidung nicht hinwegtäuschen. Meist kleidete sie sich figurbetont und sportlich zugleich. Jugendlich eben, dabei wäre sie beinahe – wie all ihre Kollegen an dieser Schule – auf trist umgestiegen. Doch dann hatte sie entschieden, es nicht zu tun. Schon allein aus dem Grund, weil sie weder im mausgrauen Kostüm noch in beigefarbener Stoffhose auftauchen wollte. Sie war das geblieben, was sie liebte zu sein. Eine Frau, die man gern ansah. Mit einigen Kompromissen und Einschränkungen, denn eigentlich hatte sie einst braun- oder schwarzhaarig sein wollen. Die Haarfärbemittel lachten sie jedes Mal verführerisch an, wenn sie in den Drogeriemarkt ging, doch Männer schauten – komplett klischeemäßig – immer noch gern nach blond. Und das war ausschlaggebend. Zumindest für ihr Selbstbewusstsein. Selbst wenn sie erst einmal keinen Mann mehr in ihr Leben lassen wollte. Reizen wollte sie sie dennoch. Wie ihr kleiner, persönlicher Racheakt.
   Mit den harten Papierhandtüchern entfernte Miriam die letzten Spuren der Kaugummimasse und wusch sich noch einmal die Hände gründlich mit viel Seife. Dann straffte sie die Schultern. Ein letzter Blick in den Spiegel. Gut sah sie aus. Trotz Augenringe. Das lange, naturblonde Haar wippte in einem frechen Pferdeschwanz über ihre Schultern, das Shirt saß eng und betonte ihre Rundungen perfekt.
   Sie würde sich nicht unterkriegen lassen. Von Männern wie Gabriel nicht und von einer Horde unerzogener Kinder ebenso wenig.
   Als Miriam zurück zu ihrem Klassenzimmer lief, war die Aula bereits leer. Es hatte schon gegongt und der Unterricht begonnen. Auch die Schüler ihrer Klasse waren vollzählig eingetrudelt. Allerdings fehlte von Ruhe jede Spur. Das Geplärr schallte ihr bereits entgegen, da hatte sie noch nicht einmal den Gang betreten. Erneut straffte sie die Schultern.
   Auf in den Kampf!
   Anders konnte sie heute den Schulalltag leider nicht bezeichnen. Der Kaugummi hatte ihr wirklich jeglichen Rest an guter Laune geraubt.
   »Dumme Zicke!«
   »Du bist so ein Arsch …«
   »Halts Maul!«
   »Fresse!«
   Leise schloss Miriam die Tür. Niemand achtete auf sie. Irgendwie sprachlos blickte sie über das wogende Meer an Köpfen. So harmlos sahen sie aus …
   »Die Lindner ist da.«
   »Scheißegal.«
   »Chill doch.«
   »Fresse!«
   Wieder Fresse – war die gleiche Stimme gewesen. Miriam überlegte. Sie kannte die Stimme. Natürlich kannte sie sie. Ein Junge. Nur welcher? Egal. »Guten Morgen«, sagte sie laut und deutlich. Keine Reaktion. Mit gut hörbarem Knall stellte sie ihre Tasche auf dem Pult ab.
   »Die Alte ist doch da.«
   Die Alte? In ihrem Magen begann es, gefährlich zu grummeln. Die Alte ging nun wirklich eine Idee zu weit.
   »Die war vorhin schon da.«
   »Wie?«
   »Sie musste noch mal weg.«
   »Pissen?«
   »Frag sie doch!«
   Oh, man hatte ihr Missgeschick beobachtet … Was für ein Zufall! »Wer hat den Kaugummi an die Klinke geschmiert?«, würgte sie hervor.
   Mehr Autorität, meine Gute!, meinte ihre innere Stimme.
   Da hatte sie wohl recht. Miriam setzte ein strenges Gesicht auf. Doch genau in dem Moment wurde ihr bewusst, wie unnütz diese Frage eigentlich war. Glaubte sie wirklich, eine ehrliche Antwort zu erhalten? Sie hätte schweigen und sich keine Blöße geben sollen.
   »Kaugummi?«, ertönte es.
   »An der Klinke?«
   Oh, nicht, dass noch jemand gerufen hätte: Was ist Kaugummi? Wie unschuldig Stimmen doch klingen konnten … Aber Miriam bemerkte sehr wohl ein verdächtiges Blitzen in den ein oder anderen Augen.
   »Das war bestimmt Adrian«, petzte Sophia.
   Adrian warf ihr daraufhin einen Blick zu, der nichts Gutes zu bedeuten hatte. Miriam beschloss, in der Pause ein bisschen aufzupassen. Kleine Unfälle passierten ständig. Unfälle, die nie Absicht waren. Sie wollte gar nicht wissen, mit wie viel blaue Flecken manche Kinder täglich nach Hause gingen. Normalerweise wurden allerdings die Mädchen in Frieden gelassen. Dafür klärten die Jungs unter sich schon eine gewisse Rangordnung, obwohl es keinen direkten Anführer gab. Trotz diverser Raufereien hielten sie zusammen wie Pech und Schwefel. Besonders die Coolen unter ihnen. Gepetzt wurde nie. Das war ein Vergehen, das sofort bestraft wurde. Das nahm sie zumindest an. Wissen tat sie es natürlich nicht. Solche Dinge erfuhr eine Lehrerin nicht. Nicht einmal durch die gesprächigeren Mädchen, denn auch die erfuhren davon nichts. Die Gefahr, dass sie petzten, war den Jungs viel zu groß.
   »Die Lindner war nicht pissen, die musste sich die Hände waschen.« Nur ein Flüstern, aber unüberhörbar in der momentanen Stille.
   Wie schade, dass sie nicht taub war! »Adrian, gib mir bitte dein Hausaufgabenheft!«
   »Warum?« Dunkle Augen musterten sie unfreundlich.
   »Ich möchte deine Mutter erneut bitten, in meine Sprechstunde zu kommen.«
   »Weil sich Lisa eingebildet hat, dass ich sie geschubst habe?«
   »Nein, das hat damit nichts zu tun. Ich möchte mich gern mit deiner Mutter unterhalten. Das ist alles.«
   »Ich bleib nicht sitzen«, begehrte er auf.
   Da hatte der Junge recht, denn er war ein helles Köpfchen. Im Denken und Begreifen top, nur in Lernfächern stinkfaul. Eigentlich hätte er auf eine höhere Schule gehört, rein für die Leistungen, die er ohne jegliches Lernen erreichte. Auch darüber wollte sie mit seiner Mutter reden. Aber ebenso über sein auffällig freches Verhalten.
   »Trotzdem«, antwortete sie bestimmt.
   »Es gibt keinen Grund«, widersprach er.
   »Das sehe ich anders.«
   Und da war er wieder – ihr großer Fehler. Eine Eigenschaft, die sie nie verlernt hatte. Immer noch rechtfertigte sie sich. Für alles und vor jedem. Sogar vor einem Zehnjährigen.
   »Und wenn sie nicht kommen kann?«
   »Wir werden mit Sicherheit einen Termin finden, an dem sie Zeit hat.«
   »Wenn nicht?«
   »Dann werde ich zum Rektor gehen müssen.«
   Adrian presste die Lippen fest zusammen. Sein Blick war so finster, dass es aussah, als wollte er sie jeden Moment eigenhändig erwürgen. Wahrscheinlich hätte er es auch gern getan.
   Miriams Blick schweifte über die bunten Bilder, die an den Wänden hingen. Ganz normale Kunstwerke von Fünftklässlern. Und doch konnte man sich an diesen Kids hier die Zähne ausbeißen, wenn man es darauf anlegte. Aber das würde sie nicht tun. Ihr Blick fiel auf die Pflanzen auf den Fensterbänken. Sie hatte sie Anfang des Schuljahres gekauft. Ihre Kollegen hatten mit dem Kopf geschüttelt. Aber sie hatten sich geirrt. Die Pflanzen waren nicht eingegangen. Sie wurden regelmäßig gegossen, und die Kinder freuten sich über den kleinen Urwald – wie sie es nannten – in ihrem Klassenzimmer. Beinahe wäre ihr ein Lächeln entwichen. Trotz Kaugummi und trotz der netten Bezeichnung die Alte. Aber nur fast, denn sie musste Adrian zeigen, dass es ihr ernst war.
   »Ich werde es meiner Mutter sagen«, willigte der in dem Moment ein.
   »Das ist schön. Ich werde dennoch einen Eintrag in dein Hausaufgabenheft schreiben.«
   Mit einem Blick, der sie nun beinahe hätte auf der Stelle tot umfallen lassen, überreichte er ihr das Heft.
   »Danke.« Sie lächelte ihn an und wusste, dass ihr Lächeln ein klein wenig mehr schadenfreudig als nett wirkte. Sie konnte es nicht ändern. Dieser Junge war definitiv an ihren Augenringen nicht ganz unschuldig. Und den Kaugummi an der Türklinke traute sie ihm allemal zu. Gelacht hatte er bestimmt ebenfalls über ihre verschmierte Hand. Okay, das hätte sie wahrscheinlich auch, wenn sie noch ein Kind gewesen wäre.

*

»Hast du gepackt?«
   Alexandra blickte ihn aus großen, dunklen Augen an. Artur wusste, dass sie Angst hatte. Genau aus diesem Grund war er gekommen. Er kannte seine Schwester zu Genüge und ihm war klar, dass sie sich nur zu gern vor dem Klinikaufenthalt drücken wollte.
   »Ich verstehe nicht, warum Adrian dir überhaupt davon erzählen musste.«
   »Vielleicht, weil er sich Sorgen macht?«
   »Es ist alles wieder gut.«
   »Wenn du dich nicht operieren lässt, werden die Schmerzen zurückkommen. Willst du wieder mit dem Krankenwagen in die Klinik gebracht werden? Willst du, dass Adrian wieder allein zu Hause sitzt, sich Sorgen macht und niemand da ist, der sich um ihn kümmert?« Artur wurde leicht säuerlich. Manchmal konnte er seine Schwester wirklich schütteln, so verbohrt verhielt sie sich.
   »Das wird nicht passieren.« Sie hob beschwichtigend die Hände.
   »Doch wird es. Diese Koliken kommen wieder, bis der Stein entfernt ist.«
   Alexandra presste stur die Lippen aufeinander. »Ich spüre nichts.«
   »Hast du zuvor auch nicht.«
   »Woher willst du das wissen?«
   »Adrian hätte es mir erzählt.«
   »Kann er nie etwas für sich behalten?«
   »Er ist noch ein Kind.«
   »Jetzt erzähl mir nicht, dass ihm der Vater fehlt.«
   »Das tut es. Ein Junge braucht einen Mann als Vorbild.«
   »Und deswegen bist du nun hier?«, spottete sie und doch sprühten ihre Augen Funken.
   »Ja«, antwortete er seelenruhig.
   »Und deine Arbeit?«
   Seine Schwester zog wirklich alle Register. »Ich bin auf der Suche nach etwas Neuem«, sagte er vage.
   »Du hast deinen Job verloren.« Unbarmherzig drang die Feststellung, von der sie überzeugt schien, über ihre Lippen.
   »Nein, ich habe gekündigt.«
   Missbilligend runzelte sie die Stirn. »Bist du wahnsinnig?«
   »Ich habe nur eine Schwester. Das habe ich erst vor Kurzem begriffen.«
   Alexandra seufzte ergeben auf. Endlich schien sie zu verstehen, dass er nicht gehen und sie nicht um den OP-Termin herumkommen würde. Eigentlich kannte sie ihn gut genug, um zu wissen, dass er nicht nachgeben, sondern sie in zwei Stunden eigenhändig in der Klinik abliefern würde. Und wenn er sie sich über die Schulter werfen und hineinschleppen musste.
   Was sollte die ganze Diskutiererei eigentlich? Sie hatte zu gehorchen. Punkt. Schließlich ging es um ihre Gesundheit und das Wohl ihres Sohnes. Aber Alexandra hatte schon immer ihren eigenen Kopf besessen und schon immer versucht, ihn durchzusetzen. Wenn er ehrlich war, lag das wohl in der Familie, denn er war definitiv noch eine ganze Spur sturer als sie.
   »Wie lange bleibst du?«, hakte sie plötzlich nach.
   Artur überlegte. Er würde Alexandra die Wahrheit sagen. Sie würde sofort bemerken, wenn er lügen würde. »Ich werde in diese Stadt ziehen.«
   »Du wirst was?« Sie schrie beinahe.
   »In diese Stadt ziehen.«
   Ihre Wangen verfärbten sich. »Ich brauche keinen Aufpasser«, fauchte sie.
   »Aber dein Sohn einen Onkel, der auf ihn achtgibt.« Mittlerweile wurde er wirklich sauer. Dachte sie so wenig an ihr Kind und dessen Zukunft?
   »Ich kann selbst für Adrian sorgen.«
   »Er tanzt dir auf der Nase herum«, stellte er schonungslos fest.
   »Tut er nicht.« Ihr Gesichtsausdruck war an Bockigkeit kaum zu übertreffen.
   »Er hat gestohlen. Was glaubst du, wenn er weiter solche Dinge tut und er angezeigt wird.« Immer noch blieb er ruhig, aber Alexandra wusste, dass er immer ruhig blieb, egal, wie sehr er sich aufregte.
   »Ich kümmere mich doch.«
   »Weißt du, was mit uns passiert wäre, hätten wir früher gestohlen?« Vielleicht waren die alten Kamellen nicht angebracht, aber er versuchte es dennoch.
   »Das war eine andere Zeit«, antwortete sie prompt.
   »Du bist zu gestresst.« Und er meinte es so.
   »Was glaubst du? Meinst du, es ist leicht, das Geld für die Miete, …«
   Anscheinend hatte er einen wunden Punkt getroffen. »Deswegen werde ich mich nun kümmern. Ich habe keine Kinder.«
   Aber Alexandra wäre nicht seine Schwester, würde sie es ihm so leicht machen. »Du solltest dir endlich eine Frau suchen.«
   Was für ein netter Themawechsel!
   »Das ist meine Sache«, presste er hervor.
   »Ach so. Mein Leben ist aber meine Sache.«
   »Wäre es auch, wenn du allein wärst.«
   Alexandra hätte ihn am liebsten wieder mit Blicken erdolcht. Er würde trotzdem nicht nachgeben, und das wusste sie. Das wusste sie schon die ganze Zeit über. Vielleicht wollte sie ihn sogar so reden hören. Vielleicht wollte sie hören, wie er um sie und Adrian kämpfte.
   »Hast du gepackt?«, erkundigte er sich noch einmal.
   »Ja«, presste sie hervor.
   »Es sind nur ein paar Tage. Am Wochenende bist du wieder zu Hause.«
   »Und du pflegst mich gesund?« Ihre Stimme troff vor Sarkasmus.
   »Genau«, stimmte er vollkommen ruhig zu. »Du wirst nicht schwer heben dürfen. Das ist alles.«
   »Ach, plötzlich ist die OP nicht mehr schlimm?«
   »Ist sie auch nicht. Nur die Gallenblase wird entfernt. Das habe ich schon hinter mir.«
   »Du?« Überrascht blickte sie ihn an. »Das wusste ich gar nicht.«
   Das konnte sie auch nicht wissen, denn er machte keine großen Worte um seine Wehwehchen.
   »Du kannst natürlich hier wohnen, bis du eine Arbeit gefunden hast«, kam sie ihm plötzlich entgegen.
   »In zwei Wochen habe ich meine eigene Wohnung.«
   »Es ist wirklich dein Ernst?«
   Er nickte lediglich.
   »In dieser Stadt wird es schwierig werden, eine Stelle als Grafiker zu finden.«
   »Ich werde Pakete ausfahren.«
   »Du wirst was?« Sie lachte schallend auf.
   »Pakete ausfahren.« Ernst blickte er sie an.
   »Kein Scherz?«
   Er antwortete nicht, denn er ging davon aus, dass sie ihn sehr wohl einschätzen konnte und wusste, dass er über solche Themen keine Scherze machen würde.
   »Ich habe Angst«, gab sie mit einem Mal zu.
   Artur blickte sich in der kleinen Küche um. Die Möbel waren billig, was man ihnen auch ansah. Mit Folie überklebter Pressspan. Die Kanten waren viel zu eckig, die Türchen dünn. Doch alles war sauber. Selbst die schwarzen Herdplatten leuchteten wie neu. Nur beim Tapezieren hatte Alexandra nicht allzu viel Talent bewiesen. Deswegen hatte sie die Tapete anscheinend auch bunt überstrichen. Artur schloss kurz die Augen. Er hätte viel eher kommen müssen. All die Jahre hatte er sich nicht um seine Schwester gekümmert. Zwar um ihren Sohn – zumindest in seinen Augen, er hatte den Kontakt zu ihm gehalten, doch hatte er sich wirklich gekümmert?
   Wahrscheinlich nicht. Irgendwie hatte er Alexandra nie verziehen, dass sie damals seinen besten Freund verlassen und sich von irgendeinem daher gelaufenen Idioten hatte schwängern lassen. Natürlich konnte Adrian nichts dafür. Den Jungen hatte er schon als Baby in sein Herz geschlossen, aber Alexandras Entscheidung hatte er nicht nachvollziehen können. Leider hatte er sich ihr gegenüber dementsprechend verhalten. Dabei hätte er ihr das Leben weitaus angenehmer gestalten können. Sie buckelte sich als Reinigungskraft in einem Hotel ab. Die Arbeit war natürlich schlecht bezahlt. Er dagegen hatte die letzten Jahre relativ gut verdient. Zwar hatte er eine bessere Schulbildung genossen als seine Schwester, aber ob die Bildung wirklich ausschlaggebend für ihren schlecht bezahlten Job war, bezweifelte er insgeheim. Durch das Kind war Alexandra viele Jahre gebunden gewesen. Sie hätte oftmals Hilfe benötigt, hatte aber nie darum gebeten. Ihr Stolz hatte es nicht zugelassen. Und seiner nicht, ihr Hilfe anzubieten. Wahrscheinlich hätte sich daran auch die nächsten Jahre nichts geändert, wenn nicht Adrian angerufen hätte. Ein völlig aufgelöster Adrian, der Angst um das Leben seiner Mutter gehabt hatte. Ganz allein hatte er in dem Hochhaus gesessen, ohne zu wissen, wie es seiner Mutter, die vor Schmerzen nur noch stöhnen konnte, ging. Dass es sich lediglich um eine Gallenkolik handelte, hatte ihm nichts gesagt, aber es hatte ihm auch niemand mitgeteilt. Der Junge hatte gedacht, seine Mutter nie wiederzusehen.
   Adrians Verzweiflung hatte ihn wachgerüttelt und die Scheuklappen von seinen Augen genommen. Das war mittlerweile zwei Wochen her. In diesen zwei Wochen hatte er seinen Job gekündigt und sich eine neue Wohnung gesucht. Dann hatte er seine Sachen gepackt und war zu seiner Schwester gefahren.
   Ich habe Angst, hatte sie gesagt. Ihre Worte gingen ihm ans Herz. Es war lange her, seitdem sie so etwas zugegeben hatte. Seit ihrer Kindheit nicht mehr, wenn er genau darüber nachdachte.
   »Es wird dir nichts passieren«, beruhigte er sie.
   »Die Narkose?« Ihre Stimme bebte.
   »Eine Mini-Narkose.«
   »Trotzdem.«
   Da schloss er sie in seine Arme. Alexandra schluchzte verzweifelt auf. »Adrian will immer stark sein.«
   »Er ist eben der Mann im Haus.« Nein, er würde sie nun nicht bedauern. Es war Zeit, dass sie lernte, ihre Schultern zu straffen und den Kopf aufzurichten.
   »Er stellt viel an. Ich will gar nicht so genau wissen, was er alles tut.«
   Auch das war leider wahr.
   »Ich werde in Zukunft ein Auge auf ihn haben.«
   »Das ist gut«, nuschelte sie, ihr Gesicht an seiner Brust vergraben.
   Artur blinzelte. Zum Glück konnte sie die Tränen, die in seinen Augen schimmerten, nicht sehen.

*

Miriam eilte zu ihrem Wagen, der auf dem fast leeren Lehrerparkplatz stand. Es regnete wieder einmal, obwohl es bereits Mai war und die Temperaturen langsam steigen sollten. Sie rannte beinahe, hatte sie doch keinen Schirm dabei, denn der lag wie immer im Kofferraum. Hastig griff sie in ihre Jackentasche, um den Schlüssel herauszuholen. Nichts.
   Nichts? Verwirrt runzelte sie die Stirn. Hatte sie den Schlüssel vielleicht in ihre Schultasche getan? Wahrscheinlich. Wo sollte er sonst sein? Aber eigentlich steckte sie ihn immer in die Jacke. Eine dumme Angewohnheit, denn oftmals hing die Jacke irgendwo verlassen herum. Jeder konnte den Schlüssel herausnehmen. Leicht nervös kramte sie in der Schultasche. Geldbörse, Notizbuch, Stifteetui, Schnellhefter, Taschentücher, kein Schlüssel. Miriam entwich ein verzweifelter Seufzer. Das konnte doch nicht wahr sein! Der Regen legte noch einen Zahn zu. Sie hätte heulen können. Die ganze Welt schien sich gegen sie verschworen zu haben.
   Denk nach!, befahl sie sich.
   Wo hatte sie den Schlüssel zum letzten Mal benutzt?
   Miriam überlegte. Sie hatte das Klassenzimmer aufgeschlossen. Oder doch nicht? Sie hatte in den Kaugummi gefasst, aber hatte sie zuvor aufgeschlossen? Sie war sich nicht mehr sicher. Abgeschlossen hatte sie definitiv nicht, denn die Putzfrau hatte, als sie gehen wollte, die Mülleimer geleert.
   »Alles in Ordnung, Frau Lindner?«
   Miriam zuckte zusammen. Frau Kraus hatte sich auf leisen Sohlen angeschlichen. Prompt schaute sie auf ihre Schuhe. Flache, hässliche Treter, wie sie alte Frauen trugen. Und doch passten sie perfekt zu dem Graue-Maus-Outfit, das ihre Kollegin trug. Eine gerade geschnittene Hose aus einem dieser Stoffe, die man nicht bügeln musste, weiße Bluse, Pullunder und dazu eine beigefarbene Jacke, die an einen Sack erinnerte - schlimmer ging es nicht.
   Doch, berichtigte sie ihre Gedanken. Braune Schuhe wären noch schlimmer gewesen. Egal, jeder konnte sich kleiden, wie er sich wohlfühlte oder er es für richtig hielt.
   »Entweder ich habe meinen Schlüssel verlegt oder verloren.« Miriam zuckte hilflos mit den Schultern.
   »Wo hatten Sie ihn denn? Kann es sein, dass man Sie bestohlen hat?«
   Bestohlen? Daran hatte sie noch gar nicht gedacht. Oder doch? Ihre Jackentasche … Oh, Gott! An dem Bund hingen auch Haustür- und Wohnungsschlüssel. Vielleicht war ihre Wohnung ausgeraubt worden …
   »Ich wollte Sie nicht erschrecken«, redete Frau Kraus beruhigend auf sie ein und hielt ihr dabei den schwarzen Herrenschirm über den Kopf. »Aber den Kindern ist so allerhand zuzutrauen.«
   Den Kindern? An die hatte sie ebenfalls nicht gedacht. Warum denn die Kinder? Weil sie gern Streiche spielten? Eine Möglichkeit war es, wenn sie nur an den Kaugummi dachte.
   »Wo bewahren Sie Ihren Schlüssel denn gewöhnlich auf?«
   »In der Jackentasche.« Dass Ehrlichkeit die beste Wahl gewesen war, bezweifelte sie in dem Moment, als sie Frau Kraus irritierten Gesichtsausdruck wahrnahm.
   »In der Jackentasche?«, ertönte es prompt im Selbst-Schuld-Tonfall.
   »Ja, ich weiß …« Dann stoppte sie. Sie war schon wieder dabei, sich zu rechtfertigen.
   »Da gibt es wohl nur zwei Möglichkeiten. Entweder die Kinder haben Ihnen den Schlüssel aus der Tasche genommen oder er ist herausgefallen.«
   »Wahrscheinlich haben Sie recht«, stimmte sie zu. Sie hätte heulen können. Der Regen trug seinen Teil dazu bei, denn ihr Zopf klebte mittlerweile wie festgesaugt in ihrem Nacken.
   »Kommen Sie in Ihre Wohnung?«
   Miriam schüttelte den Kopf. »Der Ersatzschlüssel liegt bei meinen Eltern.«
   »Wohnen Ihre Eltern auch in dieser Stadt?«
   »Ja, zum Glück.«
   Frau Kraus blickte sie immer noch an, als wenn sie sie nicht für besonders schlau oder eben extrem leichtsinnig hielt. Wahrscheinlich war sie es sogar.
   »An der Schule, an der ich vorher unterrichtet habe, hätte nie ein Kind gestohlen«, klagte Miriam. Ja, da war sie sich sicher. »Vielleicht ist er doch herausgerutscht. Ich werde noch einmal suchen.«
   »Man soll niemals nie sagen. Geklaut wird überall. Nicht nur an dieser Schule. Hier ist das Umfeld, in dem die Kinder aufwachsen, nur etwas härter.«
   Eigentlich war ihr momentan nicht nach einem Gespräch über stehlende Kinder. »Wie meinen Sie das?«, fragte sie dennoch höflich.
   »Sie werden es mittlerweile schon mitbekommen haben, dass sie keine kleinen Engel unterrichten, oder?«
   Miriam nickte. »Ich hätte nicht gedacht, dass sich das so sehr bemerkbar macht.«
   »Das denkt im Vorfeld kein Lehrer, der hier anfängt. Wir haben zwei Extreme: die Gutdenker, die alles ändern und verbessern wollen und die Übriggebliebenen, die eigentlich nicht hier unterrichten wollen. Letztendlich werfen Sie alle irgendwann das Handtuch. Als Erstes diejenigen, die die Wahl haben, aber uns zuvor mit ihren Neuerungen quälen.«
   »Wie schätzen Sie mich ein?« Miriam biss sich auf die Lippen. Wollte sie die Antwort wirklich wissen?
   »Eine Mischung aus beiden. Aber die Frische, die Sie zu Beginn des Schuljahrs ausgestrahlt haben, haben Sie bereits ziemlich eingebüßt.«
   Bumm! Ein Schlag in den Magen, aber eine ehrliche Antwort. »Ich habe es mir wirklich leichter vorgestellt.«
   »Warum haben Sie sich hierher beworben?«
   »Ich wollte in der Stadt bleiben.« Jetzt dachte Frau Kraus bestimmt, dass sie zu den Übriggebliebenen zählte.
   »Wegen Ihrer Eltern. Sie dürften doch noch relativ jung sein. Wahrscheinlich in meinem Alter.«
   »Ich habe mir mein Leben vor ein paar Monaten noch anders vorgestellt.« Wieder log sie nicht und wieder wusste sie nicht, ob sie keinen Fehler begangen hatte.
   »Tja, man weiß eben nie, was das Schicksal für einen bereithält.« Frau Kraus lächelte sie mitfühlend an. »Das ist manchmal ganz gut so.«
   Dieses Mal konnte Miriam der älteren Lehrerin nicht zustimmen. Hätte sie geahnt, dass Gabriel sie verlassen wollte, wäre sie nun an einer Schule, in der es gesittet zuging und die sich in einem schönen Gebäude befand, nicht in einem Betonbau der Siebziger- oder Achtzigerjahre, bei dem man im Winter Ängste ausstehen musste, ob das Dach die Schneelast wirklich tragen konnte. Ja, dann wäre sie nun an einer hübschen Schule mit gut erzogenen Kindern.
   »Anderswo gibt es auch Probleme. Sie liegen nur nicht so offensichtlich auf der Hand.« Frau Kraus schien Fähigkeiten zum Gedankenleser zu entwickeln.
   Aber keine Probleme dieser Art, fuhr es Miriam durch den Kopf. An einer anderen Schule hätte sie jetzt wahrscheinlich ihren Schlüssel noch.
   Doch was machte sie sich für dumme Gedanken? Sie war der Schussel, der ihn verloren hatte und niemand sonst. »Ich werde noch einmal zurückgehen.«
   »Macht keinen Sinn. Der Hausmeister hat hinter mir abgeschlossen.«
   Oh, nein! Nicht auch noch das! Sie wurde langsam leicht hysterisch.
   »Ich fahre Sie zu Ihren Eltern und dann nach Hause. Steigen Sie schon ein! Der kleine rote Fiat ist meiner.«
   Miriam glaubte, sich verhört zu haben. »Im Ernst?«
   »Ich scherze selten.« Ein strenger Blick traf sie.
   Ja, Frau Kraus scherzte zum Glück selten. Denn ansonsten hätte sie jetzt laufen oder ein Taxi nehmen müssen.

*

»Bei Mama gibt es nie Ravioli aus der Dose.«
   Das konnte sich Artur gut vorstellen. Schließlich waren er und seine Schwester ziemlich streng erzogen worden. Gekocht worden war stets nach alter Tradition. Da hatte es keine Päckchen, Dosen oder sonstige Fertigprodukte gegeben. Viele Jahre waren seitdem vergangen. Dennoch konnte er sich gut vorstellen, dass seine Schwester immer noch so kochte, wie sie es einst gelernt hatte. Zu sehr waren die geteilten Rollen von ihren Eltern an sie weitergegeben worden. Vielleicht wäre es anders gewesen, wären sie in der Stadt aufgewachsen, aber so hatten selbst die Großeltern im gleichen Haus gewohnt und ihnen ihre Liebe, aber auch ihre gelebten Werte vermittelt. Seltsamerweise wäre er enttäuscht gewesen, hätte sich Alexandra anders verhalten. Sie war modern – keine Frage, nur nicht unbedingt emanzipiert. In ihrer Vorstellung gehörten Kinder in das Leben einer Frau, ebenso wie Kochen und das Führen eines Haushaltes. Seltsam, trotzdem war sie alleinerziehend. Bei ihm dagegen sah es koch- und haushaltstechnisch komplett anders aus, aber er war eben auch ein Mann. Ein Mann, der sich seiner Erziehung ebenso wenig entziehen konnte wie sie.
   »Iss!«
   »Ich habe nicht gesagt, dass mir Ravioli nicht schmecken«, meldete sich Adrian zu Wort.
   Wenn Alexandra ihrem Sohn Dosenessen serviert hätte, wären seine Eltern mehr als entsetzt gewesen, in seinem Fall dagegen hätten sie genickt. Schließlich war er ein Mann und kümmerte sich trotzdem. Er musste schmunzeln. Die Gleichberechtigung war eben doch noch nicht überall angekommen. Zumindest bei seinen Eltern nicht. Auch nicht, wenn sie noch leben würden.
   Adrian schaufelte die Ravioli im Eilzugtempo hinunter. Anscheinend schmeckte Dosenessen wirklich ganz gut, wenn man es nie bekam. »Deine Mutter ist am Wochenende wieder zu Hause.«
   Adrian nickte nur und ließ den Löffel auf den leeren Teller sinken. Sein Mund war mit Tomatensoße verschmiert. In dem Moment sah er wieder wie ein kleiner, frecher Junge aus. Auch das Stuhlkippeln hatte er noch nicht verlernt. Am liebsten hätte Artur ihn gerügt, aber er sah auch die Unsicherheit und die Angst, die hinter seinem Verhalten lagen. Er war kein kleines Kind mehr, wollte cool tun, um nicht zu zeigen, wie sehr er sich um seine Mutter sorgte. Also ließ Artur ihn kippeln, obwohl er sich beherrschen musste, nicht doch leicht gegen das Stuhlbein zu treten.
   »Können wir Mama morgen besuchen?«
   »Spätestens übermorgen. Ich werde anrufen und fragen, wann wir vorbeikommen können.«
   »Wird sie nicht gleich früh operiert?«
   »Möglich, aber es kann auch sein, dass sie erst nachmittags an der Reihe ist.«
   »Dann können wir sie nicht sehen?« Pure Enttäuschung leuchtete Adrian aus dem Gesicht.
   »Nein, sie muss sich erst ausschlafen.«
   »Oh.« Und schon kippelte der Junge weiter.
   Arturs Alarmglöckchen begannen zu klingeln. Oh? Etwas bedrückte seinen Neffen. »Was ist?«
   »Nichts.«
   »Was?«
   Weiter ging die Schaukelei. »Ach, meine Lehrerin will Mama sehen.«
   »Warum?«
   »Ich weiß nicht.«
   Nun trat Artur doch sanft gegen das Stuhlbein, sodass das Kippeln abrupt beendet war. »Wann?«
   »Morgen oder nächsten Dienstag.«
   Artur überlegte. Alexandra hatte ihm eine handschriftliche Vollmacht für den Notfall ausgestellt. Soweit er das beurteilen konnte, durfte er damit einen Termin in der Schule wahrnehmen. Da sich Adrian wahrscheinlich nicht mustergültig verhielt, würde es seine Schwester kurz nach dem Klinikaufenthalt nur unnötig belasten, mit einer genervten Lehrerin konfrontiert zu werden. »Wann morgen?«
   »Du nicht.« Purer Widerspruch leuchtete ihm entgegen.
   »Oh, doch.«
   »Ich will das nicht.« Adrian presste fest die Lippen aufeinander.
   »Ich werde mir anhören, was deine Lehrerin zu sagen hat.«
   »Sie will Mama sehen.«
   »Willst du, dass sich deine Mutter aufregt?«
   Adrian kniff nun auch noch die Augen zu einem dünnen Strich zusammen. »Nein.«
   »Die Uhrzeit?«
   »Ich muss nachsehen.«
   »Dann tu das!«
   Adrian bückte sich nach seinem Rucksack, holte ein Heft hervor und knallte es auf den Tisch. »Neun Uhr dreißig.«
   »Kann ich den Eintrag lesen?« Auffordernd hielt er ihm seine Hand entgegen, doch Adrian schlug das Heft schnell wieder zu.
   »Warum?«
   Artur antwortete nicht. Er würde morgen sowieso erfahren, was sein Neffe angestellt hatte.

2. Kapitel

Obwohl er gern auf cool machte, war Artur nervös. Schließlich war er noch nie als Erziehungsberechtigter in einer
   Schule aufgetreten. Folglich befand er sich auf unbekanntem Neuland. Ob man ihm überhaupt Auskünfte über seinen Neffen erteilen würde? Er hatte zwar Alexandras Einwilligung, aber so ganz sicher war er sich nicht, ob sie genügen würde. Schließlich stand seine Schwester als Ansprechpartnerin nur wenige Tage nicht zur Verfügung. Adrian hatte es ganz und gar nicht gepasst, dass er der Einladung der Lehrerin folgen wollte. Anscheinend hatte sich Alexandra gern vor solchen Besuchen gedrückt. Wenn er darüber nachdachte, sah ihr ein solches Verhalten sogar ähnlich. Bereits früher hatte sie einen Bogen um unangenehme Situationen geschlagen. Er persönlich empfand es als Kopf-in-den-Sand-stecken, sie hatte allerdings auch keinen Mann, der ihr zur Seite stand oder zumindest den Rücken stärkte.
   Adrian hatte noch beim Frühstück versucht, ihm den Termin mit seiner Lehrerin auszureden. Doch umso mehr sich der Junge bemüht hatte, umso mehr war ihm bewusst geworden, dass er diesen Termin keinesfalls verstreichen lassen durfte. Wahrscheinlich übertrieb Adrian es in der Schule gewaltig. Dumm war er nicht, aber wohl stinkfaul. Dafür hätte er seine Hand ins Feuer legen können. Eigentlich hätte Alexandra ihm längst eine höherwertige Schulbildung ermöglichen müssen. Warum sie es nicht getan hatte, war ihm ein Rätsel. Gern hätte er sie mit Fragen überfallen, sie förmlich gelöchert, doch er wusste, dass er behutsam vorgehen musste. Im Moment war das Wichtigste, dass sie die OP gut überstand und sich schnell wieder erholte.
   Adrian holte tief Luft. Das Gebäude war nicht schön. Ein alter Betonklotz, der vor vierzig Jahren vielleicht einmal modern gewesen war. Irgendwie passte er perfekt in dieses Viertel, das vorwiegend aus grauen Wohnblöcken bestand. Und dennoch übte es ein gewisses Flair aus. Ein gewisses Flair, das man zwar suchen musste und erst wahrnahm, wenn man sehr genau hinsah. Eigentlich war dieses Viertel, das vorwiegend aus Blöcken und Hochhäusern bestand, ein grünes Viertel, denn es gab viele freie Flächen zwischen den einzelnen Gebäuden. Ungepflegte Grünflächen, mochte der ein oder andere sagen, doch er sah das mit anderen Augen. Wahrscheinlich war irgendwann das Geld ausgegangen oder die Stadt hatte sparen müssen, sodass die einst gepflegten Rasenflächen nicht mehr gemäht worden waren. Auch die Büsche waren nicht mehr geschnitten worden, sondern hatten munter vor sich hin wachsen dürfen. Wildblumen hatten sich wieder angesiedelt und tauchten die Wiesen in leuchtend bunte Farben. Momentan erstrahlten selbst die Sträucher in einem frischen Frühlingsgrün. Überall sang, piepte und zirpte es. Ein Stück unverfälschte Natur, gewachsen zwischen Bergen aus Beton. Ein Imker hatte sogar Bienenvölker angesiedelt. Wahrscheinlich tat er dies hobbymäßig, und ebenso wahrscheinlich hatte er keine Genehmigung dazu, aber die Leute gingen gern zu ihm und holten sich frischen Honig. Doch das war noch nicht alles: Im Sommer konnte man sich mit leckeren Him- und Brombeeren eindecken, Anfang Herbst mit Birnen und Äpfeln. Das Ganze gab es natürlich kostenlos und nicht gedüngt. Hier existierte weit mehr Natur als in den meisten gepflegten Gärten. Natürlich trieben sich auch die Jugendlichen in den verwilderten Grünflächen herum, doch dieses Phänomen gab es überall. Ebenso wie überall hin und wieder heimlich geraucht und getrunken wurde. Nur hier beschwerte sich wenigstens niemand darüber. All das gefiel ihm, obwohl er erst vor wenigen Tagen gelernt hatte, das Viertel aus diesem Blickwinkel zu sehen. Artur schmunzelte. Vor dem Betonbau der Schule wuchsen zwei Kastanienbäume. Er konnte sich gut vorstellen, wie sich die Kleineren im Herbst um die Früchte rissen, denn Kinder hatten schon immer Kastanien geliebt und taten das auch heute noch.
   Artur straffte die Schultern und schritt die Stufen zum Haupteingang empor. Als er mit Schwung die Tür öffnen wollte, blieb er ruckartig stehen. Die Tür war verschlossen. Damit hatte er nicht gerechnet. Andererseits war es vernünftig, denn leider lebten sie in einer Zeit, in der Attentate schon beinahe zum Alltag gehörten. Er blickte sich um, dann drückte er auf die Klingel.
   »Ja, bitte?«, tönte ihm eine blecherne Frauenstimme entgegen.
   »Ich habe einen Termin bei Frau Lindner.«
   Es surrte. Er konnte eintreten.
   Wieder blickte er sich suchend um. Der Eingangsbereich war groß, wahrscheinlich die Aula. An den grauen Wänden hingen farbenfrohe Bilder, Fotos und Aushänge. Zum Glück hatte er sich die Zimmernummer notiert, ansonsten hätte er nachfragen müssen, was seiner Glaubwürdigkeit nicht gut bekommen wäre. Schließlich sollten Erziehungsberechtigte die Schule ihrer Kinder kennen. Als er Adrian nach seiner Lehrerin gefragt hatte, hatte der trotzig geschwiegen. Artur stellte sie sich alt und bieder vor, ohne sagen zu können, warum er das tat. Da endlich. Zimmernummer siebzehn. Erneut straffte er die Schultern, dann klopfte er an.
   »Herein«, erklang eine Stimme, die streng klingen wollte, es aber nicht tat. Beinahe musste er lächeln. Doch er beschloss, dass die Situation übertriebene Freundlichkeit nicht zuließ. Schließlich hatte er keine Ahnung, was ihn erwarten würde.

*

»Herein«, rief Miriam, als es klopfte. Langsam öffnete sich die Tür. Kein Schüler, registrierte sie in dem Moment, denn die fielen förmlich ins Zimmer oder ließen sie alternativ mindestens zweimal »Herein!« rufen. Die Geschwindigkeit, in der sich die Tür bewegte, passte aber auch nicht zu einem ihrer Kollegen. Sollte Adrians Mutter etwa doch …? Eigentlich war sie nicht auf ihren Besuch eingerichtet, obwohl sie darum gebeten hatte. Einfach aus dem Grund, weil sie nicht mit ihm gerechnet hatte. Doch es war keine Frau, die eintrat. Es war … Sie erstarrte.
   Boa!
   Ein Mann. Und was für ein Mann!
   Ein wandelndes Sahneschnittchen an ihrer Schule? Sahneschnittchen? Nein, Sahneschnittchen war definitiv der falsche Ausdruck für diesen Mann.
   Doch: Was wollte er hier? Ein Paketausfahrer? Ein Handwerker?
   Neugierig blickte sie ihm entgegen. »Kann ich Ihnen helfen?«
   »Frau Lindner?«
   Er wollte zu ihr? Wo war der Haken? »Ja?«
   »Ich komme im Auftrag von Adrians Mutter. Ich habe ihre Vollmacht dabei.«
   Adrians Mutter hatte einen Freund? Sie musste eine gut aussehende Frau sein, denn auch Adrian war ein hübscher Junge. Auf eine dunkle Art hübsch war er, genau wie dieser Mann.
   »Warum kommt sie nicht selbst?« Nein, er würde ihr die Gedanken, die durch ihren Kopf schossen, nicht ansehen.
   Wortlos reichte er ihr ein Stück Papier.
   Gleicher Nachname, bemerkte sie. Adrians Vater? Nein, oder doch? Neugierig las sie weiter. Auf dem Briefbogen stand »Ich erteile meinem Bruder Artur …« Ihr Bruder? Bruder hörte sich schon einmal gut an. Artur hieß er also. Ja, das passte. Artur erinnerte sie an Artus, an einen stolzen König.
   Miriam befeuchtete ihre trockenen Lippen. »Können Sie sich ausweisen?«
   »Natürlich.«
   »Warum kommt Adrians Mutter nicht selbst?«
   »Sie ist im Krankenhaus. Ich kümmere mich so lange um den Jungen.«
   Also doch ein stolzer Ritter! Wie im Märchen. Hilfsbereit und fürsorglich. »Sie kann auch gern zu einem späteren Zeitpunkt vorbeikommen.« Insgeheim wollte sie erfahren, woran die Frau erkrankt war, obwohl es sie eigentlich nichts anging. Vielleicht hatte sie eine schlimme Krankheit, und der Junge verhielt sich aus diesem Grund so aufmüpfig. Eine Erklärung wäre es zumindest.
   »Nein, ich möchte, dass sie sich in Ruhe erholen kann. Ich nehme an, dass Sie sie nicht grundlos eingeladen haben.«
   »Allerdings.« Sie war höflich, aber nicht freundlich, denn es machte keinen Unterschied, wer ihr gegenübersaß. Schließlich ging es um einen ihrer Schüler und nicht um die Optik fremder Männer.
   Er lächelte nicht. Er hatte die ganze Zeit über nicht gelächelt, obwohl er ebenfalls sehr höflich war.
   Durfte sie wirklich mit ihm über Adrian reden? Dieser Mann würde sich nicht so leicht abweisen lassen, da war sie sich sicher.
   »Ich muss die Unterschrift von Adrians Mutter mit den Unterlagen vergleichen und nachfragen, ob die Vollmacht ausreicht, um mit Ihnen über den Jungen zu sprechen.« Miriam schob den Stuhl zurück und stand auf. Automatisch zupfte sie ihre Bluse nach unten. Nie tat sie das. Nie hatte sie das Gefühl, ihre Kleidung würde nicht richtig sitzen. Die ganzen letzten Jahre hatte sie nicht an ihren Oberteilen herumgezupft. Und sie verspürte nicht den Hauch von Verlangen, wieder mit den kleinen Unsicherheiten zu beginnen. »Sie entschuldigen mich!«
   Sie trat um den Schreibtisch herum. Er sah nicht einmal auf. Die Ähnlichkeit mit Adrian war mit einmal greifbar. Das Dunkle und diese arrogante Lässigkeit umgaben beide. Wenn sie in Zukunft den Jungen ansehen würde, würde sie an diesen Mann denken müssen. Schon allein aus dem Grund, weil er sein Onkel war und sie nie damit gerechnet hatte, dass er den Termin für seine Schwester wahrnehmen würde.
   Mit großen Schritten eilte sie zur Tür hinaus. Auf dem Flur holte sie erst einmal tief Luft. Hatte sie eben einen Fremden mit ihren persönlichen Utensilien in ihrem Zimmer allein gelassen? Hatte das Erlebnis von gestern nicht ausgereicht?
   Heute Vormittag hatte ihr Schlüsselbund auf dem Pult gelegen. So, als wenn sie ihn vergessen hätte. Doch sie hatte ihn nicht vergessen, denn nie hätte sie ihn auf das Pult gelegt, weil sie ihn schlicht und ergreifend nicht aus ihrer Jackentasche geholt hätte. Wahrscheinlich sollte Frau Kraus recht behalten. Der Schlüsselbund war bewusst entwendet worden, denn die Putzfrau hätte zumindest einen Zettel geschrieben oder ihn ins Sekretariat gebracht, falls sie ihn gefunden hätte. Mal ganz abgesehen davon, dass sie den Schlüssel auf dem Pult bemerkt hätte. Und wieder davon abgesehen, dass sie die Tür heute Vormittag vom Hausmeister hatte aufschließen lassen, sie daraufhin kurz den Raum verlassen und erst nach ihrer Rückkehr der Schlüssel auf dem Pult gelegen hatte. Und nun ließ sie einen vollkommen Fremden mit ihrem Schlüssel, ihrem Portemonnaie und ihren Unterlagen allein? Sie musste komplett verrückt sein.
   Natürlich konnte sie nicht einfach zurückeilen. Sie würde sich total lächerlich machen. Also rannte sie förmlich den Gang entlang und stürmte ins Sekretariat.
   »Frau Lindner?« Die Sekretärin betrachtete sie neugierig. Natürlich fiel ihr auf, dass sie außer Atem war.
   »Könnten Sie mir bitte die Unterschrift von Adrians Mutter zeigen?«
   »Die Unterschrift? Warum denn das?«
   Miriam ahnte, wie seltsam die Geschichte eines Onkels, der sich für die schulischen Leistungen seines Neffen interessierte, klingen musste, aber sie hatte sie ihm abgekauft. Ohne mit der Wimper zu zucken. Vielleicht, weil sie ihn eben doch gern als noblen Ritter sehen wollte.
   »Und Sie wollen mit ihm reden?« Die Sekretärin schaute ziemlich skeptisch drein.
   »Spricht etwas dagegen?«
   »Er ist nicht die Mutter.«
   Na, da wäre sie nie drauf gekommen … »Aber er hat diese Vollmacht und er will seine Schwester schonen, weil sie im Krankenhaus liegt.« Doch ein nobler Ritter …
   »Ich denke schon, dass das in Ordnung geht, aber sicher bin ich mir nicht.«
   »Unser Rektor?«
   »Ist außer Haus.«
   Das war er sonst nie. Warum ausgerechnet heute? »Ich möchte den Herrn ungern wegschicken, wenn ich schon einmal die Gelegenheit habe, mit einem Mitglied dieser Familie zu sprechen. Aber ich werde versuchen, das Gespräch allgemein zu halten und keine wirklich relevanten Daten weiterzugeben.«
   »Wenn Sie meinen …«
   »Ich bin froh, dass sich endlich überhaupt jemand um Adrian bemüht.«
   »Na, dann: Viel Erfolg! Die Unterschrift stimmt zumindest überein.«
   »Das wollte ich wissen.«
   Dankend nickte sie der Sekretärin zu und eilte sich, zurückzukommen.

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