Vincent Nikolas organisiert illegale Pokerturniere im ganz großen Stil, doch die Behörden kommen ihm immer mehr auf die Schliche. Er beschließt, sich eine Auszeit auf der Jacht seiner Eltern zu gönnen. Von Anfang an fühlt er sich zu der neuen Schiffshostess hingezogen. Es knistert heftig zwischen den beiden, doch Vincent merkt schnell, dass sie etwas vor ihm verbirgt. Obwohl er ahnt, dass diese Frau eine Gefahr für ihn bedeutet, ist er gegen seine immer stärker werdenden Gefühle machtlos. Hannah soll verdeckt gegen Vincent Nikolas ermitteln. Sie wird schnell in den Bann dieses faszinierenden Mannes gezogen und gerät in einen Strudel aus Gefühlen, Leidenschaft, Moral und Pflichtbewusstsein. Wie wird sie sich entscheiden?

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ISBN: 978-9963-53-932-1

Seiten: 270

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Petra Daubitz

Petra Daubitz
Petra Daubitz wurde 1972 in Berlin geboren. Nachdem sie nach ihrer abgeschlossenen Ausbildung in verschiedenen Bundesländern gelebt hat, zog es sie 2007 zurück in ihre alte Heimat. Dort genießt sie den Trubel der Großstadt gemeinsam mit ihrem Mann und ihren drei Kindern, von denen der Große bereits aus dem Haus ist. Bücher waren und sind noch immer ihre größte Leidenschaft. Schon in ihrer Jugend schrieb sie gern Kurzgeschichten. Dieses Hobby geriet leider über die Jahre in Vergessenheit. Anfang 2017 beschloss sie jedoch, sich wieder Zeit für sich selbst zu nehmen und widmete sich erneut dem Schreiben. Wenn sie sich nicht gerade um ihre Familie kümmert oder sich mit Musik in den Ohren in ihren Geschichten verliert, ist sie ehrenamtlich für den Weißen Ring unterwegs.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Hannah

»Schön, dass auch Sie uns endlich mit Ihrer Anwesenheit beehren«, blaffte mich mein neuer Chef an, als ich völlig durchgeschwitzt eine Minute zu spät den Raum betrat. Dabei war es erstaunlich, dass ich es so gut wie pünktlich zu diesem Meeting geschafft hatte.
    Als mein Handy um sieben Uhr geklingelt hatte, hatte ich es zunächst ignoriert und mich unter meiner Decke vergraben. Dies war mein erster freier Tag seit einer Woche. Das Klingeln brach ab, nur um kurz darauf erneut meine Nerven zu strapazieren. Ich tastete blind nach meinem Handy und stöhnte innerlich auf, als ich den Namen unseres Dienststellenleiters auf dem Display las. Das war doch nicht sein Ernst.
   »Ja«, brummte ich in den Hörer.
   »Hannah, wie gut, dass du schon wach bist«, begrüßte mich Gandalf fröhlich. Mein Chef trug diesen Spitznamen mit Stolz. Er stand kurz vor der Pension und hatte in seinem Leben schon das eine oder andere Mal gezaubert, wenn es darum ging, Verbrecher festzunageln. Ich mochte seinen Humor normalerweise, doch heute war mir einfach nicht danach.
   »Wenn du nicht anrufst, weil du gleich mit frischen Brötchen vor der Tür stehst, kannst du sofort wieder auflegen«, erklärte ich mit noch kratziger Stimme. Der Umgang mit unserem Vorgesetzten und den anderen Kollegen war auf unserem Revier sehr locker, und obwohl wir nur drei Frauen auf dem Abschnitt waren, hatte es diesbezüglich nie Probleme gegeben.
   »Keine frischen Brötchen, dafür eine interessante Aufgabe.«
   »Die einzige interessante Aufgabe, die ich heute erledigen werde, ist die Auswahl, auf welchen Berg ich nachher laufen werde.«
    In meiner Freizeit machte ich Trail-Running, so ähnlich wie Joggen, nur eben den Berg hinauf und wieder hinunter, oft querfeldein. Ich liebte diesen Sport und freute mich seit einer Woche auf den heutigen Trip.
   »Der einzige Ort, wohin du heute laufen musst, ist das Gebäude des LKA. Dort findet in einer Stunde das erste Meeting der Sonderkommission Royal Flush statt.«
   Damit hatte er mein Interesse geweckt, und ich setzte mich im Bett auf. »Warum soll ich daran teilnehmen? Brauchen sie mal wieder jemanden für die Frauenquote?«, fragte ich skeptisch und hörte Gandalf am anderen Ende der Leitung seufzen.
   »Du bist eine verdammt gute Polizistin, der Kessler hat mich gefragt, und ich habe dich empfohlen.«
   »Seit wann weißt du davon?«, fragte ich, obwohl ich mir die Antwort bereits denken konnte.
   »Seit einer Viertelstunde. Wenn du dich beeilst, schaffst du es noch pünktlich. Lass dich nicht unterkriegen, Hannah.« Mit diesen Worten legte er auf.
   Ich sah auf den altmodischen Wecker, der auf meinem Nachttisch stand und stöhnte innerlich auf. Das würde knapp werden.
   Ich verfluchte das für Anfang September außergewöhnlich warme Wetter, als ich zwanzig Minuten später in meiner schwarzen Lederkluft vor meiner BMW S 1000 RR stand, denn obwohl ich nur eine kurze Leggins und ein T-Shirt darunter trug, schwitzte ich schon jetzt in der Sonne. Ich setzte den Helm auf und schoss nur fünf Minuten später mit brachialer Geschwindigkeit über die zum Glück recht leere Autobahn. Als ich vor dem Dienstgebäude des LKA ankam, blieben mir noch zwei Minuten, den richtigen Raum zu finden.
   Ich platzte eine Minute zu spät in das Meeting und wurde von meinem Vorgesetzten vor versammelter Mannschaft dafür gerügt, obwohl ihm hätte bewusst sein müssen, dass ich es kaum pünktlich schaffen konnte.
   »Entschuldigung«, murmelte ich und setzte mich auf einen freien Platz am Fenster. Ich ließ meinen Blick schnell über die Anwesenden schweifen und stellte fest, was ich bereits vermutet hatte: Ich war die einzige Frau. Sechs männliche Kollegen warfen mir neugierige Blicke zu, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Kriminalhauptkommissar Kessler richteten.
   »Da wir nun auch die Frauenquote erfüllen, kann ich Ihnen endlich mitteilen, worum es bei dieser Soko geht.«
   Wow! So offen war ich bisher noch nie denunziert worden. Das versprach, interessant zu werden.
   »Vor Ihnen liegen Mappen mit Informationen, die wir bisher über eine Bande gesammelt haben, die illegale Pokerturniere im ganz großen Stil organisiert. Wir reden hier nicht über nette Männerabende in irgendwelchen Hinterzimmern zwielichtiger Kneipen, sondern von exklusiven Veranstaltungen, die den Organisatoren mehrere hunderttausend Euro am Abend einbringen. Steuerfrei, versteht sich. Diese Turniere finden meist in exklusiven Hotels statt und dauern bis zu vier Tage. Vor ein paar Wochen ist es uns gelungen, ein solches Turnier zu sprengen. Leider sind uns die Veranstalter durch die Lappen gegangen. Wir nehmen an, dass sie gewarnt wurden.«
    Ich blätterte die Mappe durch, bis mein Blick an einem Foto eines unglaublich attraktiven Mannes hängen blieb. Er hatte blonde, modisch gestylte Haare und trug einen gepflegten Dreitagebart, aber das eigentlich Faszinierende waren seine grauen Augen, die intensiv in die Kamera blickten. Dieser Mann strahlte nicht nur Macht, sondern auch Gefahr aus.
   »Bei dem blonden Typ auf dem ersten Foto handelt es sich um Vincent Nikolas, Ende dreißig, ledig und offiziell Geschäftsführer eines Immobilienunternehmens. Wir vermuten, dass er der Kopf der Bande ist. Einige Zeugenaussagen deuten darauf hin.«
   »Wenn es Zeugen gibt, warum wurde er dann nicht verhaftet und vernommen?«, fragte ich in den Raum hinein.
   »Die Aussagen wurden entweder zurückgezogen, waren vor Gericht aufgrund von Formfehlern nicht verwendbar, oder die Zeugen waren plötzlich wie vom Erdboden verschwunden«, erklärte Kessler.
   Ich hörte deutlich die unterdrückte Wut in seiner Stimme.
   »Die beiden anderen Fotos zeigen Raffael Santoro und Erik Neuhaus. Santoro scheint Nikolas´ Geschäftspartner zu sein, während es sich bei Neuhaus eher um einen Handlanger handeln dürfte, denn sein Vorstrafenregister ist so lang wie die Haare von Rapunzel. Seit er jedoch für Nikolas arbeitet, ist er sauber.«
    Ich betrachtete die beiden auf den Fotos. Santoro war ebenfalls attraktiv, strahlte aber nicht die Dominanz wie Nikolas aus. Seine schwarzen Haare waren im Nacken etwas länger, was ihm insgesamt ein weicheres Aussehen verlieh. Neuhaus war nicht unattraktiv, kam aber bei Weitem nicht an die anderen beiden heran.
   »Wie Sie den Unterlagen entnehmen können, waren alle drei im August in einen Vorfall im Grüntener Hof verwickelt. Die Lebensgefährtin von Herrn Gruber, dem Inhaber des Hotels, wurde von ihrem Ex mit einem Messer bedroht. Nikolas war dazugestoßen, hatte ihn mit einer Waffe bedroht und ihm schließlich mit einem gezielten Tritt das Knie zertrümmert. Herr Gruber und seine Lebensgefährtin gaben jedoch bei der Vernehmung an, dass Nikolas keine Waffe getragen hatte und der Täter bei der Überwältigung unglücklich auf sein Knie gefallen war. Die Ärzte konnten die genaue Ursache nicht feststellen. Wir hatten nichts gegen Nikolas und Santoro in der Hand.«
   Ich hörte erneut die unterdrückte Wut heraus. Kessler hatte sich in diesen Fall verbissen und würde nicht eher ruhen, bis er die drei dingfest gemacht hatte.
   »In den nächsten zwei Wochen möchte ich, dass wir einen von Ihnen undercover einsetzen und in die Szene einschleusen. Wir werden denjenigen entsprechend im Pokern coachen, sodass er mit den Profis locker mithalten kann. Er bekommt eine wasserdichte neue Identität und wird entsprechend ausgestattet. Das bedeutet aber auch, dass derjenige für einen unbestimmten Zeitraum von seinem bisherigen Leben völlig abgeschottet sein wird.«
   Kessler blickte erwartungsvoll in die Gesichter der anwesenden Herren und ignorierte mich vollständig.
   »Ich würde das gern übernehmen«, meldete sich ein unscheinbarer Typ zu Wort, der ganz vorn saß. Ich beobachtete, dass die anderen aufatmeten und offenbar dankbar waren, dass sie nicht diese Aufgabe übernehmen mussten. Verdammt! Das würde bedeuten, dass ich auf unbestimmte Zeit lediglich Schreibtischarbeit verrichten musste. Ich hasste diesen bürokratischen Teil meines Jobs.
   »Warum muss das unbedingt ein Mann machen?«, fragte ich und versuchte, dabei so unschuldig wie möglich auszusehen, obwohl ich innerlich vor Wut hätte platzen können, weil Kessler es offenbar gar nicht in Erwägung gezogen hatte, mich undercover einzusetzen.
   Ich hatte plötzlich die volle Aufmerksamkeit aller Anwesenden.
   »An den Pokerturnieren haben bisher ausschließlich Männer teilgenommen. Eine Frau würde die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wie die Scheiße die Fliegen. Das wäre kontraproduktiv.« Kessler grinste mich schmierig an. »Da wir das geklärt hätten, können wir nun die Aufgaben der anderen …«
   »Wir haben noch gar nichts geklärt«, sagte ich und blickte Kessler fest in die Augen. »Ich kann mir vorstellen, dass es äußerst schwierig werden dürfte, einen neuen Pokerspieler einzuschleusen. Nikolas wird Erkundigungen einziehen, ihn bis ins Detail überprüfen. Die Gefahr, dass er auf etwas stößt, das ihn irritiert, ist groß. Außerdem kennen sich viele Spieler untereinander. Unser Undercoveragent würde auch als Mann auffallen. Was ist mit Nikolas´ Privatleben? Laut diesen Unterlagen hatte keiner der Spieler privaten Kontakt zu ihm.«
   »Was schlagen Sie vor?«, fragte Kessler.
   »Ich schlage vor, dass ich mich an Nikolas heranmache und somit Einblick hinter die Kulissen dieses Mannes bekomme«, erklärte ich selbstbewusst und lehnte mich zurück.
   »Und du glaubst, er steht auf ungeschminkte Mittdreißigerinnen in unförmiger Motorradkluft? Musst du nicht zu Hause eine Schar Kinder versorgen?«, fragte nun der Typ, der sich freiwillig gemeldet hatte, herausfordernd.
   Ich warf ihm einen wütenden Blick zu, hielt es jedoch für besser, mich nicht auf dieses Niveau herabzulassen.
   „Ich gebe dem Kollegen recht“, sagte Kessler. „Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, aber Nikolas’ Frauengeschmack ist eher jung und exklusiv. Ich bezweifle stark, dass Sie in sein Beuteschema passen.“
   »Warum lassen Sie es nicht auf einen Versuch ankommen? Wenn sich Nikolas nicht auf mich einlassen sollte, haben wir noch immer Plan B«, erklärte ich ruhig.
   Kessler rieb sich nachdenklich über das Kinn. „Ich habe bisher noch nie eine Frau in einen Undercovereinsatz geschickt, doch ich muss gestehen, dass es mich reizt, zu sehen, wie Sie sich die Zähne an Nikolas ausbeißen. Sie haben den Job. Kommen wir jetzt zu den Aufgabenbereichen der anderen.“
   Ich hörte allerdings nur noch mit einem Ohr zu. Hatte ich mich wirklich gerade für einen Undercovereinsatz gemeldet? War ich völlig verrückt geworden? Ich starrte auf das Foto von Vincent Nikolas und spürte ein nervöses Kribbeln im Magen. Wie weit würde ich gehen müssen, um sein Vertrauen zu gewinnen?

Vince

Verdammt! Warum war ich nicht früher aufgestanden? Dann hätte ich jetzt noch locker eine halbe Stunde Zeit gehabt, um ins Büro zu fahren, doch so blieben mir nur zwanzig Minuten.
   Ich jagte den AMG-Motor des Roadster GTC hoch und raste über die Autobahn, die erstaunlich leer für diese Uhrzeit war. Mein Tacho zeigte 240 Stundenkilometer an, als ich im Rückspiegel einen Motorradfahrer wahrnahm.
   Wahnsinn, die waren doch alle lebensmüde. Ohne Airbag und schützendes Blech um mich herum würde ich es nicht riskieren, so schnell zu fahren. Ich wich auf die mittlere Spur aus und wurde nur Sekunden später von der dröhnenden Maschine mit Leichtigkeit überholt. Der Typ auf dem Motorrad war schmächtig und lag fast auf dem Bike. Könnte es sogar eine Frau gewesen sein? Während ich noch darüber nachdachte, war die Maschine schon nicht mehr zu sehen, und ich konzentrierte mich wieder auf den Verkehr um mich herum.
   Fünfzehn Minuten später parkte ich in der Tiefgarage des modernen Gebäudes, in dessen oberstem Stockwerk sich die Büroräume meiner Immobilienfirma befanden.
   Ich mochte diesen Job, und ich brauchte diese Firma, um das Geld reinzuwaschen, das ich mit der Organisation von illegalen Pokerturnieren verdiente. Sie diente schon meinem Vater zur Geldwäsche und erfüllte noch immer diesen Zweck, auch, nachdem meine Eltern ihrem Heimweh nachgegeben hatten und vor einigen Jahren nach Italien zurückgekehrt waren.
   Die Fahrstuhltüren glitten auf, und ich sah eine wütende Marissa, die gerade zwei Herren in billigen Anzügen den Zutritt zu meinem Büro verweigerte.
   »Das ist das Büro von Herrn Nikolas, und ohne Durchsuchungsbeschluss kommen Sie da nur über meine Leiche rein«, erklärte sie gerade wütend und stemmte die Hände in die Hüften.
   »Stellen Sie sich doch nicht so an, der Beschluss müsste jeden Moment eintreffen.«
   Ich wusste, dass das stimmte. Irgendjemand hatte mich wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung beim Finanzamt angeschwärzt. Zum Glück war Raffael ein Genie im Fälschen von Bilanzen, sodass ich dieser Durchsuchung, von der ich gestern durch einen Kontaktmann erfahren hatte, entspannt entgegensah.
   »Guten Morgen«, begrüßte ich die kleine Gruppe und setzte ein verblüfftes Gesicht auf. »Gibt es ein Problem, Marissa?«
   »Guten Morgen, Herr Nikolas. Die Herren sind von der zuständigen Finanzbehörde und behaupten, sie hätten einen Durchsuchungsbeschluss, den sie mir aber bisher nicht vorlegen konnten«, erklärte Marissa mit bissigem Unterton.
   »Das wird sich bestimmt aufklären«, sagte ich und lächelte den beiden Finanzbeamten freundlich zu. Für diese schauspielerische Höchstleistung hätte ich eigentlich den Oskar verdient, denn am liebsten hätte ich die beiden mit Schuhen aus Beton am Grund des Sees gesehen, zusammen mit dem Typen, der ihnen den Tipp gegeben hatte, wer auch immer das gewesen war. Ich schob diese Gedanken beiseite und geleitete die beiden in mein Büro.
   »Marissa, bitte bringen Sie uns einen Kaffee, vielen Dank«, sagte ich und wandte mich den beiden Witzfiguren zu, die vor meinem Schreibtisch Platz genommen hatten. »Was führt Sie zu mir?«
   »Wir haben einen anonymen Hinweis erhalten, dass Sie gegen §261 StGB verstoßen«, erklärte der ältere der beiden wichtigtuerisch.
   »Entschuldigen Sie bitte, aber ich bin kein Jurist. Worum geht es im §261?«, fragte ich freundlich, obwohl ich natürlich wusste, dass es sich um das Geldwäschegesetz handelte.
   Bevor der Typ jedoch antworten konnte, klopfte es an der Tür und Marissa erschien mit einem Tablett, auf dem drei Tassen Kaffee standen. Hinter ihr betraten drei Herren ungefragt mein Büro.
   »Tut mir leid, Herr Nikolas, aber diese Herren haben tatsächlich einen Durchsuchungsbeschluss bei sich«, sagte Marissa zerknirscht, während sie das Tablett auf dem kleinen Tisch am Fenster abstellte.
   »Ist schon in Ordnung, Marissa, ich kläre das«, sagte ich und nickte ihr aufmunternd zu, bevor sie das Büro verließ.
   »Wie gesagt, wir haben den begründeten Verdacht, dass Sie gegen das Gesetz der Geldwäsche verstoßen, Herr Nikolas«, tat sich wieder der Ältere hervor. »Wir werden uns in diesen Räumlichkeiten umsehen und gegebenenfalls auch Unterlagen beschlagnahmen. Bitte bleiben Sie vor Ort, falls wir Fragen haben.«
   »Nur zu. Ich finde es nur erstaunlich, dass irgendein Spinner einen anonymen Hinweis gibt, und Sie sich daraufhin das Recht rausnehmen, meine Firma zu durchsuchen«, erklärte ich und setzte eine undurchdringliche Miene auf.
   »Es gibt einen hinreichenden Tatverdacht.«
   Das war interessant, denn das bedeutete, dass sie eine Spur verfolgten, die unweigerlich zu meiner Firma führte. Verdammt, das roch nach einer undichten Stelle in den eigenen Reihen. Ich zuckte scheinbar entspannt mit den Schultern. »Machen Sie Ihren Job, ich werde in der Zeit in einem Meeting sein. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an meine Sekretärin.«
    Ich erhob mich, und die beiden Kasper taten es mir nach. Natürlich hätte ich unseren Anwalt einschalten können, und womöglich hätte er gegen diesen Beschluss vorgehen können, aber ich hatte mich gestern Abend mit Raffael besprochen, und wir waren übereingekommen, dass es besser war, zu kooperieren und die Sache so schnell wie möglich hinter uns zu bringen.
   In den kommenden Stunden hechtete ich von einem Meeting zum anderen und ärgerte mich über das Vorgehen der Finanzfuzzis, die durch ihre barsche Art meine Mitarbeiter völlig verunsicherten. Ich war gerade dabei, E-Mails zu beantworten, als der ältere Beamte ohne anzuklopfen mein Büro betrat.
   »Wir sind dann fertig, Herr Nikolas. Die beschlagnahmten Akten erhalten Sie nach eingehender Prüfung gegebenenfalls zurück.«
   »Davon gehe ich aus. Auf Wiedersehen«, sagte ich unterkühlt, ohne den Mann auch nur eines Blickes zu würdigen.
   Was für ein beschissener Tag. Ich lehnte mich in meinem Schreibtischsessel zurück und schloss die Augen. Vielleicht hatte Raffael recht, und ein Urlaub würde mir guttun. Die Firma konnte ich vorübergehend auch über mein Homeoffice leiten. An die Organisation eines Pokerturniers war im Moment sowieso nicht zu denken, denn offenbar hatten die Behörden irgendeinen Verdacht geschöpft.
   Es klopfte dynamisch, dann betrat Raffael mein Büro.
   »Sind sie schon weg?«, fragte er und ließ sich in den Besuchersessel vor meinem Schreibtisch fallen.
   »Ja, nachdem sie den Mitarbeitern Angst gemacht und die Büroräume auf Links gedreht haben«, brummte ich.
   »Warum bist du so genervt, Amico? Ist doch alles so gelaufen, wie wir es erwartet haben.«
   Raffael hatte, ebenso wie ich, italienische Wurzeln. Während er optisch dem typischen Italiener entsprach, schwarze Haare und dunkelbraune Augen, vermutete man bei mir eher eine nordische Abstammung. Tatsächlich gab es aber im östlichen Sizilien recht viele blonde, blauäugige Italiener, da diese Gegend eher von der griechisch-normannischen Epoche geprägt worden war. Unsere Eltern kannten sich bereits, bevor sie nach Deutschland ausgewandert waren, und Raffael und ich waren praktisch wie Brüder aufgewachsen.
   »Ich glaube, ich sollte mal eine kleine Auszeit nehmen und ein bisschen Gras über die Sache wachsen lassen. Das nächste große Turnier ist erst für Dezember geplant. Die Liste der Teilnehmer sieht vielversprechend aus. Wäre ärgerlich, wenn uns die Bullen so nahe kämen, dass wir das absagen müssten.«
   »Ganz deiner Meinung«, sagte Raffael und lehnte sich lässig zurück.
    Wir waren vor ein paar Wochen beinahe aufgeflogen, wenn wir vorher nicht von einer jungen Frau gewarnt worden wären, die sich mit dieser Information eine Nacht mit mir hatte erkaufen wollen. Als die Polizei das Turnier sprengte, hatten Raffael und ich das Gebäude gerade noch so durch einen Keller verlassen können. Da die Tippgeberin nicht mein Fall war, hatte sie mit Raffael vorliebnehmen müssen, der bereitwillig eingesprungen war. Weil von beiden Seiten keine Beschwerden kamen, waren wir wohl mit der jungen Frau quitt.
   Nur eine Woche später sollte ein größeres Turnier im Grüntener Hof stattfinden, von dem Raffael mir abgeraten hatte. Er hielt es für zu gefährlich und war der Meinung gewesen, wir sollten eine Weile von der Bildfläche verschwinden. Ich hatte mich durchgesetzt, und trotz eines kleinen Zwischenfalls war das Turnier ein voller Erfolg gewesen.
   »Was hältst du davon, wenn wir die Jacht meiner Eltern nehmen und ein paar Tage im Mittelmeer herumschippern?«, fragte ich spontan.
   »Bin dabei. Wann geht es los?«
   »Ich muss hier noch ein paar Sachen klären, Termine verschieben und die Idioten vom Finanzamt darüber unterrichten, dass ich für ein paar Tage das Land verlassen werde. In ein bis zwei Wochen sollte ich alles geregelt haben«, sagte ich und spürte Vorfreude aufkommen. Ich hatte seit einem Jahr keinen Urlaub mehr gemacht und freute mich darauf, meine Eltern zu besuchen und ein paar Tage auszuspannen.
   »Das passt mir gut«, sagte Raffael und stand auf. »Dann kann ich die Kleine aus der Cocktailbar vorher noch klarmachen. Die ist echt scharf. Ciao, Amico.«
   Ich lächelte kopfschüttelnd in mich hinein. Raffael und die Frauen war wirklich ein Thema für sich. Während er alles vögelte, das tageslichttauglich und über achtzehn war, stand ich eher auf Frauen in unserem Alter, die etwas ausstrahlten und mir die Stirn boten. Im Bett sollten sie allerdings unterwürfig sein, und genau diese Kombination war selten.
   Ich rief meine Eltern an, um ihnen die frohe Botschaft zu verkünden, dass ich sie besuchen kommen würde. Anschließend rief ich Marissa in mein Büro, und gemeinsam gingen wir die Termine der nächsten Wochen durch.

Hannah
(Anna)

Ich kontrollierte zum gefühlt hundertsten Mal die Anordnung der Zierkissen auf der großzügigen Couchlandschaft auf dem Maindeck der gigantischen Motorjacht.
   Es war jetzt zwei Wochen her, dass ich mich freiwillig für diesen Undercovereinsatz gemeldet hatte. Am gleichen Tag hatte das Finanzamt die Büroräume von Nikolas´ Immobilienfirma durchsucht, aber bis heute keine Beweise für Geldwäsche oder Steuerhinterziehung gefunden. Vincent Nikolas hatte alle überrascht, als er den Behörden freiwillig meldete, dass er für ein bis zwei Wochen bei seiner Familie in Italien sein würde. Kessler war sofort begeistert. Er hielt es für sinnvoll, dass ich mich während Nikolas´ Urlaub an ihn heranmachen sollte.
   »Nikolas wird entspannt sein und fernab der deutschen Grenze keinen Verdacht schöpfen«, hatte Kessler erklärt und sich begeistert die Hände gerieben.
   Unser IT-Spezialist Justus hatte lange gebraucht, um herauszufinden, dass Vincent Nikolas eigentlich Vincent Nikolas de Lucca hieß. Vor etwa zehn Jahren tauchte das erste Mal der Name Nikolas als Nachname behördlich auf. Dass es ihm möglich war, seinen Nachnamen zu ändern, ohne dass es jemandem aufgefallen war, ließ uns vermuten, dass er gefälschte Dokumente vorgelegt haben musste. Möglicherweise gab es Verbindungen zur italienischen Mafia, die Nikolas verbergen wollte. Seine Familie besaß ein großzügiges Anwesen in der Nähe von Catania und eine Ferretti 97, die im Hafen von Milazzo lag. Ich konnte mit der Bezeichnung nichts anfangen, bis mir Kessler Fotos einer traumhaft schönen und gigantischen Motorjacht zeigte. Wir fanden heraus, dass Nikolas bei der Hafenverwaltung eine Crew geordert hatte. Dazu gehörten ein Skipper, ein Koch und eine Hostess. Ich bemerkte sofort das schmierige Grinsen des Typen, der sich ursprünglich für diesen Einsatz gemeldet hatte. Inzwischen wusste ich, dass er Roman Schmitt hieß.
   »Da dürfte ja wohl klar sein, welcher Job am besten zu dir passt. Die Saftschubse solltest selbst du hinbekommen«, ätzte er.
   Justus erschuf eine neue Identität für mich, bastelte mir einen perfekten Background für den Job als Hostess auf einer Luxusjacht und sorgte anschließend dafür, dass die ursprünglich für diesen Job angestellte Dame Schwierigkeiten mit der italienischen Einwanderungsbehörde bekam. Das Pokern gehörte natürlich auch zu den Vorbereitungen und stellte sich schnell als großer Spaß heraus, denn ich hatte früher mit den Jungs aus meiner Straße oft abends noch gepokert, nachdem wir nachmittags an unseren Mofas herumgeschraubt hatten, um sie schneller zu machen. Ich frischte meine Italienischkenntnisse auf und war überrascht, wie gut ich die Sprache noch beherrschte. Meine beste Freundin in der Schule war Halbitalienerin gewesen. Damit uns die Jungs nicht verstanden, wenn wir über sie lästerten, brachte sie mir nach und nach Italienisch bei, was mir bei diesem Job sehr zugute kam. Ich durfte mich auch neu einkleiden, denn mein üblicher Kleidungsstil entsprach nicht unbedingt dem einer Hostess und würde Nikolas wahrscheinlich nicht dazu verführen, einen zweiten Blick auf mich zu werfen.
   »Hier bist du«, sagte Rémy. Er gehörte zur Crew und war Koch. »Warum bist du so nervös? Ist das dein erstes Mal als Hostess an Bord einer Luxusjacht?«
   Ja! »Nein«, log ich, »aber ich kenne Herrn Nikolas nicht und kann ihn nicht einschätzen. Da möchte ich, dass bei seiner Ankunft alles zu seiner vollsten Zufriedenheit ist.«
   »Mach dir keinen Kopf. Ich bin schon öfter mit ihm gefahren, allerdings ist das letzte Mal schon fast ein Jahr her. Er ist ein ruhiger Zeitgenosse, der einfach nur ein bisschen Erholung von seinem stressigen Berufsleben sucht. Ich habe aber gehört, dass sein Geschäftspartner Santoro mitkommen wird. Der ist ein ganz anderes Kaliber. Vor ihm solltest du dich in Acht nehmen. Santoro vögelt jede Frau, die nicht bei drei auf den Bäumen ist und macht auch vor dem weiblichen Personal nicht halt«, erklärte er und zwinkerte mir zu.
   »Schönen Dank, jetzt geht es mir gleich viel besser«, sagte ich und seufzte.
   Rémy lachte und kehrte in den Küchenbereich zurück.
   Wäre ich tatsächlich nur als Hostess auf diesem Schiff, wäre ich nicht halb so nervös, aber mein Ziel war es, mich an Vincent Nikolas heranzumachen und sein Vertrauen zu gewinnen. Da ich das gesamte Schiff bereits zweimal kontrolliert hatte, beschloss ich, es gut sein zu lassen und ging auf das Sonnendeck im vorderen Bereich. Ich konnte genauso gut hier auf die feinen Herrschaften warten und dabei noch etwas Sonne tanken. Während ich es mir auf einer der Liegen bequem machte, dachte ich darüber nach, wie das Leben der Superreichen in Wirklichkeit aussah. Ich gähnte und schloss die Augen, um noch ein wenig zu entspannen. Nur ein paar Minuten …

Warme Hände streichelten meine Waden, wanderten weiter nach oben und glitten zärtlich über die Innenseiten meiner Schenkel. Ich seufzte genüsslich auf und winkelte ein Bein leicht an, um der liebkosenden Hand besseren Zugang zu gewähren. Dieser Traum war einfach zu schön. Ich genoss die Zärtlichkeiten und spürte Erregung in mir aufsteigen.
   »Das hat keinen Sinn, Raffael. Sie driftet nur noch weiter ins Land der Träume ab«, sagte eine dunkle Stimme, die mir im Traum eine Gänsehaut bescherte. Die Hände verschwanden von meinem Körper, und ich tauchte langsam aus den Nebelschwaden dieses angenehmen Traumes auf. Im nächsten Moment traf mich ein Schwall eiskaltes Wasser. Ich war schlagartig wach und schnappte erschrocken nach Luft.
   »Wir sind hier auf einem Schiff. Da wird faules Personal auf diese Weise geweckt«, erklärte die dunkle Stimme.
   Nachdem ich mir die klatschnassen Haare aus dem Gesicht gewischt hatte, erkannte ich, dass es die Stimme von Vincent Nikolas war. Er stand mit undurchdringlicher Miene neben mir und hielt einen leeren Eimer in der Hand. Neben ihm stand Raffael Santoro und grinste belustigt. Verdammt, das hätte wirklich nicht schlimmer laufen können. Mein Make-up war hin, und mein weißes T-Shirt ließ kaum Raum für Fantasien. Wut baute sich in mir auf.
   »Ich bin nicht faul. Alles war bestens vorbereitet. Wenn Sie es nicht schaffen, pünktlich anzureisen, müssen Sie sich nicht wundern, wenn Ihr Personal die Zeit für eine wohlverdiente Pause nutzt. Ich bin nämlich bereits seit 6 Uhr auf diesem Boot«, erklärte ich aufgebracht.
   »Schiff«, sagte Nikolas nur.
   »Was?«, fragte ich wenig intelligent.
   »Es handelt sich um ein Schiff, nicht um ein Boot«, erklärte er mit ruhiger Stimme und fixierte mich mit seinem Blick.
   Diese eiskalten grauen Augen jagten mir einen Schauder über den Rücken, und mein Herz setzte ein paar Schläge aus. Er schien direkt in meine Seele blicken zu können. Meine Wut war plötzlich verpufft, und ich spürte stattdessen ein angenehmes Kribbeln in meinem Körper.
   »Ich … es tut mir leid, ich hole rasch ein paar Tücher, um aufzuwischen«, erklärte ich hastig und drehte mich um. Eine kräftige Hand hielt mich am Arm zurück.
   »Wie heißen Sie?«, fragte Nikolas dunkel.
   »Ich heiße Anna«, sagte ich und blickte zunächst vorwurfsvoll zu meinem Arm, bevor ich zu ihm aufsah, da er mich um gut zwanzig Zentimeter überragte. Anna war der Name meiner neuen Identität. Ich hatte ihn vorgeschlagen, da er ähnlich wie mein richtiger Name klang.
   »Anna. Ein schöner Name«, sagte er nachdenklich und ließ meinen Arm los.
   Ich verließ das Sonnendeck und ging in den Küchenbereich, um dort aus dem Haushaltsschrank einen Wischmopp zu holen.
   »Wie siehst du denn aus?«, fragte Rémy, als ich die Küche betrat.
   »Frag nicht. Ich bin auf dem Sonnendeck eingenickt und Nikolas hat mich auf Matrosenart geweckt.«
   Rémy lachte laut los. »Das nenne ich mal einen anständigen Einstand. Da wird das Aufnahmeritual, das Scott und ich uns für dich ausgedacht hatten, etwas gnädiger ausfallen.«
   Scott war der Skipper und kam ursprünglich aus England.
   »Aufnahmeritual?«, fragte ich nach.
   Rémy runzelte die Stirn. »Man könnte echt meinen, du bist noch nie auf einem Schiff gewesen. Das macht man so, wenn ein neues Crewmitglied an Bord kommt. Du musst ein Aufnahmeritual bestehen, damit wir dich als vollwertigen Teil unseres Teams akzeptieren. Aber keine Angst, so schlimm wird es nicht werden.«
   Von so einem Ritual hatte mir niemand in der Soko erzählt. Worauf hatte ich mich da nur eingelassen?

Vince

»Du hättest mir den Spaß mit ihr wirklich noch gönnen können«, sagte Raffael und starrte Anna ungerührt auf den Hintern, als sie das Sonnendeck verließ. Sie hatte wirklich eine atemberaubende Figur, und das wütende Funkeln in ihren Augen hatte mir imponiert. Sie erinnerte mich ein wenig an Isabelle Dubois, die Freundin von Leonhard Gruber, in dessen Hotel wir unser letztes Pokerturnier ausgerichtet hatten. Auch sie hatte sich von mir nicht einschüchtern lassen, sondern hatte mich noch damit aufgezogen, dass ich Linkshänder war.
   »Erde an Vince«, sagte Raffael und sah mich fragend an.
   »Sorry«, brummte ich. »Ich war gerade in Gedanken.«
   »Das habe ich bemerkt. Dieser Hintern ist aber auch anbetungswürdig. Ich habe gerade zu dir gesagt, dass ich gar nicht mehr enttäuscht darüber bin, dass Viola Schwierigkeiten mit der Einwanderungsbehörde bekommen hat.« Raffael grinste breit und legte sich auf die Liege, auf der zuvor diese Anna gelegen hatte.
   »Willst du nicht erst mal deine Taschen auspacken?«
   »Bist du verrückt? Glaubst du ernsthaft, ich lasse mir entgehen, wie unsere neue Hostess auf den Knien vor mir den Boden aufwischt?«
   Ich schüttelte schmunzelnd den Kopf und ging ein Deck tiefer, um meine Sachen in der Eignerkabine unterzubringen. Auf dem Weg dorthin traf ich auf Scott und Rémy, mit denen ich schon letztes Jahr in See gestochen war.
   »Hat sie ihr Aufnahmeritual schon hinter sich?«, fragte ich Rémy, von dem ich wusste, dass er üblicherweise für den Spaß der Crew sorgte.
   »Nein, noch nicht. Ich dachte, wir heben uns das für heute Abend auf, wenn wir weit genug vom Festland entfernt sind, sodass sie nicht über Bord gehen kann. Sie kennt die Sache mit dem Aufnahmeritual nicht, daher wollten wir lieber auf Nummer sicher gehen.« Rémy lachte herzhaft. »Aber nach dem Einstand mit Ihnen haben Scott und ich beschlossen, etwas Gnade walten zu lassen. Sie wird es überstehen.« Er grinste und ging an mir vorbei Richtung Kombüse.
   Mir schossen sofort Bilder durch den Kopf, wie ihr Aufnahmeritual aussehen würde, wenn ich ein Teil der Crew wäre. Sie würde ihre Aufmüpfigkeit mit Sicherheit schnell bereuen. Unglaublich, dass sie es tatsächlich gewagt hatte, uns vorzuwerfen, dass wir nicht pünktlich angereist waren. Meine Mutter hatte mich einfach nicht gehen lassen wollen, da sie mich sehr selten zu Gesicht bekam.
   Während ich meine Tasche auspackte und die Klamotten in die Schränke und in das angrenzende Bad räumte, drehten sich meine Gedanken weiterhin um diese verdammte Hostess. Was hatte sie nur an sich, dass ich nach nur einer kurzen Begegnung ständig an sie denken musste? Ihr Körper hatte völlig unbewusst auf Raffaels Zärtlichkeiten reagiert. Würde sie sich im wachen Zustand ebenso fallen lassen können? Hölle!
   Ich hatte gerade die Anzughose gegen bequeme Bermudas getauscht und überlegte, welches T-Shirt ich dazu anziehen wollte, als es klopfte.
   »Herein«, rief ich und betrachtete weiter unentschlossen den Stapel mit T-Shirts.
   »Ich … oh, tut mir leid, ich komme später wieder«, sagte Anna und wollte sich mit hochrotem Kopf zurückziehen.
   Sie hatte ihre noch immer nassen Haare nach hinten gekämmt und ihr Make-up in Ordnung gebracht. Das nasse weiße T-Shirt hatte sie gegen ein trockenes rotes getauscht.
   »Warten Sie«, rief ich sie zurück. Ich beobachtete belustigt, wie sie den Blick durch die Kabine schweifen ließ, nur um mich nicht direkt ansehen zu müssen. »Ich brauche Ihre Hilfe. Welches T-Shirt passt am besten zu dieser Hose?«, fragte ich und setzte eine Unschuldsmiene auf.
   Ihr ungläubiger Blick brachte mich fast zum Lachen. Sie errötete, falls das überhaupt möglich war, noch mehr und blieb weiterhin wie erstarrt im Türrahmen stehen. Es machte mir erstaunlich viel Spaß, sie in Verlegenheit zu bringen. »Sie müssen schon herkommen, von da hinten können Sie die T-Shirts gar nicht richtig sehen«, sagte ich und beobachtete belustigt, wie sie sich mir mit argwöhnischem Blick näherte. Ich hätte einen Schritt zur Seite gehen können, damit sie besser an den Schrank kam, aber ich wollte sie noch ein bisschen mehr verunsichern. Anna stellte sich gezwungenermaßen dicht vor mich, drehte mir ihren Rücken zu und begann, die Auswahl in Augenschein zu nehmen. Ich atmete tief ein und nahm ihren angenehmen Duft war.
   »Ich tendiere zu dem dunkelgrauen«, raunte ich ihr von hinten ins Ohr und stellte mit Genugtuung fest, dass sie eine Gänsehaut bekam. Sie straffte die Schultern und drehte sich zu mir um. In ihren Augen blitzte für einen Moment Wut auf, sodass ich fast mit einer Ohrfeige rechnete, doch dann wurde ihr Blick weicher und sie ließ ihn langsam an mir hinabwandern. Verdammt, es kostete mich einiges an Selbstbeherrschung, unter ihrem intensiven Blick nicht hart zu werden.
   »Ich würde zu dem weißen T-Shirt raten«, sagte sie mit verführerischem Unterton und hielt es mir entgegen. »Es passt gut zu dem dunklen Blau der Hose.«
   Ich nahm das Shirt und zog es über, während sie sich an mir vorbeischob und Richtung Tür ging. Im Türrahmen blieb sie stehen und drehte sich noch mal um.
   »Wir sind seeklar. Scott lässt ausrichten, dass wir in der nächsten halben Stunde auslaufen werden«, sagte sie und wollte gehen.
   »Anna«, sagte ich, und jetzt sah sie mir direkt in die Augen. »Ausgezeichnete Wahl.«
   Ein zauberhaftes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. »Danke«, sagte sie, verließ die Kabine und schloss die Tür hinter sich.

Als ich mich in die gemütliche Sitzecke im offenen, hinteren Teil des Schiffes fallen ließ, kam Raffael, der noch immer einen Anzug trug, telefonierend auf mich zu. Seine Miene verhieß nichts Gutes.
   »Ich werde das mit Vince besprechen und rufe dich zurück«, sagte er gerade, bevor er sich neben mich setzte. »Das war Erik. Einer der Spieler will seine Schulden nicht bezahlen«, sagte er und blickte mich erwartungsvoll an.
   Wir hassten beide diese Situationen, wo wir Entscheidungen treffen mussten, die uns persönlich nicht gefielen, doch die aus geschäftlichen Gründen nötig waren.
   »Welcher Idiot versucht sich diesmal, mit uns anzulegen?« fragte ich, obwohl es eigentlich egal war, denn das Vorgehen in einem solchen Fall war immer das Gleiche.
   »Malek Novák«, antwortete Raffael und seufzte.
   Das hatte sich bereits beim letzten Turnier abgezeichnet. Novák hatte mich vor etwa einem Jahr um einen Kredit gebeten, den ich ihm gewährt hatte, weil er schon lange dabei war. Letzten Monat hatte er um einen Aufschub der Ratenzahlung gebeten. Ich bin kein Unmensch, und ich wusste, dass er Familie hat. Einen weiteren Aufschub konnte ich ihm allerdings nicht gewähren, und das musste ich ihm deutlich machen.
   Ich wählte Eriks Nummer, denn diese Aufgabe gehörte in seinen Bereich.
   »Boss«, brummte er in den Hörer.
   »Lass ihm unsere übliche Nachricht zukommen, aber pass auf, dass sein Gesicht nichts abbekommt. Er ist CEO einer großen Firma, und das würde nur Fragen beim Vorstand aufwerfen. Er braucht den Job, sonst hat er keine Chance mehr, seine Schulden abzubezahlen«, sagte ich und wollte damit auch verhindern, dass sich seine Kinder vor ihm erschrecken könnten. »Schick mir bitte ein kurzes Feedback per SMS«, fügte ich hinzu und legte in dem Moment auf, als Anna plötzlich erschien und freundlich, aber unverbindlich lächelte. Ich runzelte die Stirn. Hatte sie etwas von dem Gespräch mitbekommen?
   »Rémy lässt fragen, ob Sie wie immer gegen 18 Uhr zu Abend essen wollen«, sagte sie und sah uns erwartungsvoll an.
   »Was gibt es denn zum Nachtisch?«, fragte Raffael anzüglich, was Anna mit den Augen rollen ließ.
   Ich musste schmunzeln, denn offensichtlich war ihre Reaktion auf Raffael im Wachzustand deutlich unterkühlter.
   »18 Uhr passt uns gut«, sagte ich und zog damit ihre Aufmerksamkeit auf mich. »Wenn es keine wunderschöne blonde Frau zum Nachtisch gibt, was gibt es stattdessen?«, wollte ich wissen und entlockte ihr wieder ein zartes Lächeln.
   »Selbst gemachte Mousse-au-chocolat.«
   »Mhm, ich liebe Mousse-au-chocolat auf einer willigen Frau«, raunte Raffael und schenkte ihr ein strahlendes Lächeln.
   »Da gibt es leider ein Problem, Herr Santoro, denn wir haben keine willige Frau an Bord. Sie werden wohl mit einem handelsüblichen Teller vorliebnehmen müssen. Ach ja, Getränke werden auch nicht im Bauchnabel serviert, jedenfalls nicht in meinem.« Damit drehte sie sich um und verschwand im Inneren der Jacht.
   Raffael sah mich verblüfft an, bevor wir beide laut lachen mussten. Ja, dieser Urlaub versprach, amüsant zu werden, da war ich mir sicher.

Hannah
(Anna)

Bis zum frühen Abend war ich damit beschäftigt, Nikolas und Santoro zu bedienen. Sie riefen mich alle zehn Minuten für etwas anderes zu sich. Ich brachte ihnen kühles Bier, Knabberzeug, servierte um Punkt 18 Uhr das Essen, ließ anschließend noch einmal dumme Sprüche von Santoro über mich ergehen bezüglich der Mousse-au-chocolat, informierte sie wie gewünscht über das heutige Fernsehprogramm, das morgige Wetter und viele andere belanglose Dinge, die sie spielend leicht mit ihren Handys selbst hätten in Erfahrung bringen können.
   Dabei hätte ich zu gern in Ruhe darüber nachgedacht, was Nikolas am Telefon gesagt hatte. Ich wollte gerade zu den beiden nach draußen gehen, als ich Nikolas sprechen hörte. Mir war sofort bewusst, dass das nicht für meine Ohren bestimmt war und wartete einen Moment ab, bevor ich zu ihnen ging. Offenbar ging Nikolas knallhart gegen Menschen vor, die ihm Geld schuldeten. Ich hatte leider den Namen des betroffenen Spielers nicht gehört.
   »Feierabend«, sagte Rémy neben mir und riss mich aus meinen Gedanken.
   »Schön wär´s«, murmelte ich und war erstaunt, dass mich die beiden schon seit einer halben Stunde nicht mehr gerufen hatten.
   »Ich habe das geklärt. Sie wissen, dass du heute dein Aufnahmeritual bestehen musst«, erklärte er und lachte spitzbübisch. Rémy war ein hübscher junger Mann Mitte zwanzig, mit freundlichen braunen Augen und dunklen Locken, die er beim Kochen mit einem Zopfband bändigte.
   O nein, dieses blöde Aufnahmeritual hatte ich völlig vergessen. Was hatten sie sich wohl für mich ausgedacht? In meinem Kopf spielten sich schlimme Szenen aus allen Piratenfilmen ab, die ich je gesehen hatte.
   Rémy lachte. »Keine Angst, wir werden dich nicht kielholen lassen.«
   Ich sah ihn irritiert an.
   »Eine Person an einem Tau unter dem Rumpf eines Schiffes durchziehen«, erklärte Rémy und runzelte die Stirn.
   »Ich weiß, was kielholen bedeutet, aber das ist doch eigentlich als Bestrafung gedacht. Und ihr wollt mich doch hoffentlich nicht gleich am ersten Abend bestrafen?«, säuselte ich und versuchte, Rémy damit abzulenken.
   »Wen sollen wir bestrafen?«, fragte Scott mit seinem englischen Akzent. Er war gerade mit einem kleinen Metallkoffer in die Küche gekommen und nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Scott war in meinem Alter, hatte eine Glatze, aber dafür einen roten Vollbart. Er war ein stämmiger Kerl, der aber laut Rémy der beste Skipper des Mittelmeeres war.
   »Anna hatte Angst, dass wir sie kielholen lassen«, erklärte Rémy und kicherte.
   »Dass du als Hostess auf einer Jacht schwimmen und tauchen kannst, davon gehen wir aus«, sagte Scott fröhlich. »Wir müssen aber unbedingt wissen, wie du in Extremsituationen reagierst.«
   Ich sah fragend von einem zum anderen.
   »Wir wollen wissen, wie trinkfest du bist«, erklärte Rémy schmunzelnd.
   Ich lachte auf. »Das nennt ihr Extremsituation?«
   »Natürlich«, antwortete Scott eifrig. »Wenn wir starken Seegang haben, ist das Gefühl ganz ähnlich wie bei Trunkenheit. Wir müssen uns doch vergewissern, dass du bei Windstärke zwölf nicht über der Reling hängst.«
   Rémy griff sich eine Flasche Rum und drei Gläser, dann folgten Scott und ich ihm auf das Sonnendeck, wo mich Nikolas heute Mittag so unsanft geweckt hatte. Auf dem Weg dorthin begegneten wir weder Santoro noch Nikolas. Die Jacht war tatsächlich so riesig, dass man sich völlig aus dem Weg gehen konnte.
   »Wir dachten, dieser Platz weckt bei dir Erinnerungen«, scherzte Rémy und goss den Rum in die Gläser, die er anschließend neben den Liegen abstellte.
   Wir setzten uns im Schneidersitz gegenüber, Scott öffnete feierlich den Metallkoffer, und ich entdeckte darin Pokerchips und ein Kartendeck. »Kannst du pokern?«
   »Ich kann mir nie merken, welches Blatt den höheren Wert hat«, log ich und machte eine zerknirschte Miene.
   Rémy und Scott warfen sich einen verschwörerischen Blick zu. Sie waren sich ihrer Sache sehr sicher, was mich innerlich schmunzeln ließ.
   Scott teilte die Karten aus und erklärte mir die Regeln. »Und wer verliert, muss trinken. Da wir zu dritt sind, hast du das Glück, immer jemanden zum Anstoßen zu haben«, sagte er und begann, die Pokerchips zu verteilen.
   In den ersten Runden stellte ich mich absichtlich dumm an, was dazu führte, dass in den meisten Fällen Scott mit mir trinken musste. Nach dem vierten verlorenen Spiel in Folge, spürte ich die Wirkung des Alkohols deutlich, und ich beschloss, dass es Zeit wurde, auch Rémy etwas von dem Rum zu gönnen. Die nächsten drei Spiele gewann ich, und wie ich es erwartet hatte, schoben die beiden das auf Anfängerglück. Drei weitere Runden später war Scott so betrunken, dass er mit einem wirklich miesen Blatt All-in ging und gegen mich verlor. Er stieß mit Rémy ein letztes Mal an, und brauchte dann zwei Versuche, um aufzustehen.
   »Anfängerglück. What a lousy game. Fucking damned riverbitch«, lallte er in seiner Muttersprache und wankte wüst fluchend davon. Wir wünschten ihm eine gute Nacht und Rémy mischte die Karten neu, wobei ihm immer wieder Karten herunterfielen. Er war ebenfalls stark angetrunken, weswegen es nicht schwierig werden würde, auch ihn zu schlagen. Ich setzte mir selbst das Ziel, ihn in den nächsten drei Runden zu schlagen, und hoffte, dass er danach so betrunken war, dass er nicht mehr nachvollziehen konnte, dass es sich nicht nur um Anfängerglück handelte.
   »Darf ich mit einsteigen?«, fragte eine dunkle Stimme hinter mir, und ich spürte ein nervöses Kribbeln in meinem Körper.
   »Na klar, ist ja eben ein Platz frei geworden«, sagte Rémy und kicherte. Verdammt! Rémy zu schlagen war eine Sache, aber Nikolas war ein ganz anderes Kaliber. Noch dazu war er fast nüchtern, denn ich hatte den beiden keinen harten Alkohol serviert.
   »Sie bekommen aber nur so viele Chips, wie Rémy im Moment hat, und Sie müssen drei Gläser Rum trinken, bevor es losgeht«, erklärte ich herausfordernd.
   Nikolas grinste schief, goss sich aber Rum in das Glas, das Scott stehen gelassen hatte und kippte den Alkohol runter, ohne mich aus den Augen zu lassen. Nachdem er zwei weitere Gläser geleert hatte, teilte ich die Karten aus.
   Ich hatte ein gutes Blatt und war optimistisch, die Runde für mich entscheiden zu können. Es kam jedoch anders, und Nikolas gewann das Spiel. Rémy und ich prosteten uns zu und leerten tapfer unsere Gläser. Drei Runden später hatte Rémy seinen letzten Chip verspielt und verabschiedete sich wankend. Da ich zwei dieser Runden gewonnen hatte, musste Nikolas zwei weitere Gläser Rum trinken. Wir hatten jetzt in etwa gleich viele Chips. Ich wusste, es würde schwer werden, ihn zu besiegen, zumal ich alles andere als nüchtern war.
   »Entschuldigen Sie bitte, aber ich habe einen langen Tag hinter mir. Ich denke, wir können unseren Spielstand als unentschieden werten«, sagte ich und wollte aufstehen.
   »Auf keinen Fall«, sagte Nikolas und hielt mich, wie bereits heute Mittag, am Arm fest. »Sie können jetzt nicht gehen. Ein Pokerspiel endet erst dann, wenn ein Spieler alle Chips der anderen auf sich vereinigen konnte.«
   »Sie haben im Gegensatz zu mir noch nicht genug Rum getrunken, denn Sie reden noch viel zu geschwollen«, gab ich zurück, setzte mich aber wieder.
   »Das lässt sich ändern. Wie viele mussten Sie trinken, bevor ich eingestiegen bin?«, fragte er und sah mich neugierig an.
   Ich überlegte und rechnete nach, was in meinem Zustand nicht ganz leicht war. »Fünf«, sagte ich, war mir jedoch nicht sicher.
   »Gut, drei habe ich getrunken, bevor es losging, danach haben Sie und ich jeweils zwei Runden gewonnen. Demnach hänge ich zwei Gläser hinterher«, erklärte er und goss sich ein Glas ein, trank es aus und ließ ein zweites folgen. »Jetzt haben wir Gleichstand. Sie können die Karten verteilen«, sagte er und fuhr sich durch die Haare.
   Es war beruhigend zu sehen, dass der Alkohol auch bei ihm seine Wirkung zeigte.
   Nikolas spielte überragend, doch mit der Zeit unterliefen ihm Fehler, sodass ich meine Chancen nutzte und die eine oder andere Runde für mich entschied. Während für mich jedes weitere Glas Rum eine echte Qual war, schien Nikolas völlig unbeeindruckt den harten Alkohol hinunterzukippen. Als er jedoch in der nächsten Runde setzen wollte, rutschten ihm seine Karten kurz aus der Hand.
   »Hoppla, im Wilden Westen hätte man mich jetzt dafür erschossen«, nuschelte er und griff hastig nach seinen Karten.
   Zu spät! Ich hatte gesehen, dass er ein schlechtes Blatt und die ganze Zeit nur geblufft hatte und brachte ihn kurz darauf dazu, All-in zu gehen. Ich zeigte meine Karten und präsentierte ihm mein Fullhouse. Nikolas grinste schief, und legte seine Karten unaufgedeckt vor sich. Er hatte verloren.
   »Wo haben Sie gelernt, so zu pokern?«, fragte er, während er die Chips einsammelte und zum Schluss das Kartendeck in den Metallkoffer zurücklegte.
   »Ich habe drei ältere Brüder«, erklärte ich ausweichend und versuchte, aufzustehen, doch der Alkohol machte mir einen Strich durch die Rechnung. Ich plumpste undamenhaft zurück auf meinen Po und kippte um, sodass ich neben Nikolas zu liegen kam.
   »Nach unserem Kennenlernen hätte ich nicht erwartet, dass Sie mir heute noch vor die Füße fallen würden«, murmelte er und ließ sich ebenfalls auf die Seite fallen, sodass er mir nun gegenüberlag. Seine grauen Augen waren glasig, doch das tat seiner Attraktivität keinen Abbruch.
   Ich beobachtete gebannt, wie sein Gesicht immer näher kam, bis sich seine erstaunlich weichen Lippen sanft auf meine legten. Ich schloss die Augen und genoss das Gefühl, das dieser unschuldige Kuss in mir auslöste. Nikolas fuhr zärtlich mit seiner Zunge über meine Lippen und bat um Einlass, den ich ihm nach kurzem Zögern gewährte. Als sich unsere Zungen berührten, explodierte ein Feuerwerk in mir, und ich erwiderte seinen Kuss mit der gleichen Intensität. Dieser Kuss war berauschend, aber irgendetwas störte. Ich versuchte, in meinem vom Alkohol vernebelten Gehirn einen Grund zu finden, warum dieser Kuss nicht perfekt war, bis mir plötzlich bewusst wurde, dass ich gerade einen Verbrecher küsste.
   »O Gott, mir wird schlecht!«, stöhnte ich, erhob mich hektisch und schaffte es gerade noch bis zur Reling, bevor ich mich übergab. Ich hörte, wie Nikolas leise lachte, und dann spürte ich, wie er plötzlich hinter mir stand und mir die Haare hochhielt. O nein, wie peinlich war das denn?
   »Geht´s wieder?«, fragte er besorgt, als ich mich zu ihm umdrehte.
   ,Ich nickte, weil ich mir nicht sicher war, ob ich mich nicht doch noch mal übergeben musste.
   »Komm, ich bringe dich in deine Kabine«, sagte er und legte einen Arm um mich.
   »Seit wann sind wir beim Du?«, lallte ich, ließ mich aber von ihm über das Deck führen.
   »Ich denke, wir haben heute mehr als einmal auf Brüderschaft getrunken, meinst du nicht?«, fragte er, und Belustigung schwang in seiner Stimme mit. Wir waren inzwischen vor meiner Kabine angekommen.
   »Sie kennen wohl das Sprichwort nicht.«
   »Welches Sprichwort?«, fragte er interessiert.
   »Was am Pokertisch passiert oder gesagt wird, bleibt am Pokertisch. Gute Nacht, Herr Nikolas«, sagte ich, betrat meine Kabine und knallte ihm die Tür vor der Nase zu. Ich ließ mich auf mein Bett fallen und schlief auf der Stelle ein.

Vince

Verdammt! Als ich die Augen öffnete, durchzuckte meinen Kopf ein stechender Schmerz. Ich schloss stöhnend die Augen und nahm dankbar wahr, dass der Schmerz etwas nachließ. Wann hatte ich das letzte Mal so einen schlimmen Kater gehabt? Nachdem ich Anna bis zu ihrer Kabine gebracht hatte, war ich zu meiner Kabine gewankt und war eingeschlafen, bevor mein Kopf das Kissen berührt hatte.
    Ich kämpfte mich aus dem Bett, was mich zunächst Sternchen sehen ließ, dann ging ich ins Bad, nahm zwei Schmerztabletten und stellte mich unter die kalte Dusche. Anschließend putzte ich mir zweimal die Zähne, bevor ich das Gefühl hatte, den widerlichen Nachgeschmack des Rums bekämpft zu haben. Auf dem Weg nach draußen kam ich am Küchenbereich vorbei, wo Rémy bereits mit der Zubereitung des Frühstücks beschäftigt war. »Guten Morgen«, murmelte ich und nahm aus dem Kühlschrank eine Flasche Wasser.
   »Guten Morgen, Herr Nikolas. Durst?«, fragte er fröhlich.
   »Hm«, brummte ich und ging auf das Achterdeck, wo ich auf Raffael traf, der entspannt auf der Couch saß.
   »Wie siehst du denn aus? Bist du krank?«, begrüßte er mich mit einem besorgten Blick.
   »Wohl eher noch nicht nüchtern«, sagte ich, ließ mich neben ihm auf die Couch fallen und trank die halbe Flasche Wasser aus.
   »Was hast du getrieben? Habe ich was verpasst?«
   »Ich habe mich auf eine Runde Rum-Poker mit unserer neuen Hostess eingelassen und verloren«, gab ich widerstrebend zu.
   Raffael verschluckte sich an dem frisch gepressten Orangensaft, den er gerade trinken wollte. »Sie hat dich geschlagen? Wie betrunken warst du?«, fragte er, nachdem er wieder Luft bekam.
   »Wir hatten exakt gleich viel getrunken. Allerdings hat sie sich zum Schluss übergeben, während ich erfolgreich dagegen angekämpft habe«, erklärte ich stolz und trank auch die restliche Flasche Wasser leer. »Zum Glück habe ich sie vorher geküsst.«
   Raffael sah mich überrascht an. »Du hast sie geküsst? Ist sie so geil im Bett, wie sie aussieht?«
   »Keine Ahnung. Dazu kam es nicht. Sie fand den Kuss zum Kotzen«, sagte ich und konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Scheiße, waren wir beide gestern Abend betrunken. »Danach habe ich sie zu ihrer Kabine gebracht, und sie hat mir die Tür vor der Nase zugeschlagen. Nicht, dass ich für mehr in der Lage gewesen wäre.«
   Raffael lachte herzhaft. »Und wo ist unser neues Crewmitglied jetzt? Sag bloß, sie schläft noch. Dann sollten wir sie wie gestern wecken. Hat doch gut funktioniert«, sagte er und grinste breit.
   »Lass sie schlafen. Wir legen sowieso erst heute Mittag an. Bis dahin kommen wir ohne sie aus.«
   Scott trat nach draußen, und auch ihm sah man die Nachwirkung des gestrigen Abends noch an, trotzdem wirkte er deutlich frischer als ich mich fühlte.
   »Ich wäre dann so weit. Von mir aus können wir Kurs auf Palermo nehmen«, verkündete er.
   »Vielen Dank, Scott. Wir haben um 15 Uhr dort einen Termin am Hafen.«
   »Kein Problem. Bei einer Geschwindigkeit von achtzehn Knoten sollten wir nicht länger als dreieinhalb Stunden brauchen«, erklärte er und verschwand Richtung Flybridge.
   »Liegt die Jacht von deinem Onkel im Hafen oder findet das Treffen bei uns an Bord statt?«, fragte Raffael.
   »Ich weiß es nicht genau. Onkel Pietro hat durch meinen Vater nur ausrichten lassen, dass er uns um 15 Uhr am Hafen erwartet«, sagte ich und seufzte. Ich hasste diese familiären Pflichttermine hier in Italien, aber wenn die Mafia rief, konnte ich mich als nahestehendes Familienmitglied nicht drücken. Meine Eltern waren nach Deutschland ausgewandert, weil der Bruder meines Vaters ein hohes Tier bei der Mafia und ihr Leben hier nicht sicher war. So ganz hatte sich mein Vater den kriminellen Machenschaften seiner Familie auch dort nicht entziehen können und hatte sein Geld mit illegalem Glücksspiel, in seinem Fall mit manipulierten Spielautomaten, gemacht. Nachdem ich alt genug und in der Lage war, auf mich selbst aufzupassen, hatte er die Geschäfte an mich weitergegeben und war mit meiner Mutter wieder in die alte Heimat gezogen. Inzwischen hatte mein Cousin Matteo überwiegend die Geschäfte seines Vaters übernommen und spielte sich als der Herrscher aller De Luccas auf der Welt auf. Er wollte genau unterrichtet werden und beanspruchte einen Teil des Gewinns, den die illegalen Pokerspiele abwarfen, für sich.
   »Wird Matteo auch dabei sein?«, fragte Raffael mit undurchdringlicher Miene. Er mochte Matteo ebenso wenig wie ich, respektierte aber seine Position.
   »Ich hoffe nicht, aber wahrscheinlich wird er es sich nicht entgehen lassen, mir zu zeigen, dass er das Sagen hat.« Ich spürte, wie meine Laune mit jeder Minute schlechter wurde.
   »Guten Morgen. Bitte entschuldigen Sie, dass ich verschlafen habe. Rémy sagte mir, dass Sie beide noch nicht gefrühstückt haben. Möchten Sie, dass ich Ihnen jetzt das Frühstück serviere?«, fragte Anna nervös, als sie zu uns auf das Deck kam. Sie sah noch ganz verschlafen aus und hatte offenbar nur schnell geduscht, denn ihre blonden schulterlangen Haare waren noch nass.
   »Ich hätte da schon eine Idee, wie Sie das wiedergutmachen könnten«, sagte Raffael und grinste anzüglich.
   »An deiner Stelle wäre ich vorsichtig«, sagte ich. »Sie könnte das zum Kotzen finden.«
   Wenn Blicke töten könnten, hätte ich keine Chance gehabt. Raffael lachte, und Anna musste sofort klar sein, dass ich ihm von unserem gestrigen Kuss erzählt hatte.
   »Sie dürfen nicht von sich auf andere schließen«, konterte sie frech, ging zu Raffael, beugte sich über ihn und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. Bevor Raffael wusste, wie ihm geschah, zog sie sich zurück und sah mir direkt in die Augen. »Sehen Sie, Herr Nikolas? Es geht auch, ohne dass ich mich sofort übergeben muss. Das sollte Ihnen zu denken geben«, sagte sie völlig ruhig und verschwand im Inneren der Jacht.
   »Was war das denn?«, fragte Raffael verblüfft.
   »Frauen«, brummte ich ratlos und schloss für einen Augenblick die Augen.

Als ich sie wieder öffnete, hatten wir bereits im Hafen von Palermo angelegt, und Scott war dabei, das Schiff aufzutanken. Raffael saß im Anzug im Wohnbereich und telefonierte. Ich öffnete die Schiebetür und entdeckte Rémy und Anna im Küchenbereich, die offenbar gemeinsam die Vorräte kontrollierten.
   »Verdammt, Erik, du weißt doch, wie Vince so etwas hasst. Sieh zu, dass sich der Schaden in Grenzen hält.«
   Als Raffael mich bemerkte, verabschiedete er sich und legte auf.
   »Was hat Erik diesmal verbockt?«, fragte ich. Ihm unterliefen in letzter Zeit Fehler, die ich nicht mehr lange tolerieren würde.
   »Erik hat unsere Nachricht überbracht. Dummerweise kamen die Söhne gerade vom Fußballtraining nach Hause und haben alles beobachtet.«
   »Verdammt«, murmelte ich. »Was ist bloß los mit ihm? Er war doch vorher so zuverlässig. Wenn wir zurück sind, werde ich ihn mir persönlich vornehmen.« Ich hasste es, Gewalt anzuwenden, doch es war die einzige Sprache, die Erik verstand, und weitere Fehler würde ich ihm nicht durchgehen lassen.
   »Ich werde jetzt Vorräte besorgen, damit wir nachher pünktlich ablegen können. Brauchen Sie Anna oder darf sie mich begleiten? Sie kennt Palermo noch nicht, und ich würde ihr gern die Stadt zeigen«, erklärte Rémy.
   »Anna muss erst mal an Bord bleiben. Ich weiß nicht, ob das Treffen hier stattfinden wird. In diesem Fall müsste Sie uns während des Meetings zur Verfügung stehen«, sagte ich und sah zur Küche, doch Anna war nirgends zu sehen.
   »In Ordnung, dann mache ich mich auf den Weg«, sagte Rémy und ging von Bord.
   Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich noch eine halbe Stunde Zeit hatte, um mich umzuziehen und mich innerlich auf dieses verdammte Treffen vorzubereiten. Auf dem Weg zu meiner Kabine entdeckte ich Anna draußen an die Reling gelehnt. Sie schien völlig in Gedanken versunken und blickte auf die Stadt. Eine leichte Brise wehte ihr durch das Haar. Ich trat nach draußen und stellte mich neben sie. Sie ignorierte mich, griff nach einer Flasche Wasser, die zu ihren Füßen stand und trank sie halb leer, was mich schmunzeln ließ.
   »Durst?«, fragte ich und beobachtete, dass sich ihr Gesicht zu einem Lächeln verzog. »Tut mir leid, dass Sie nicht an Land gehen können, aber dieser Termin ist wichtig für mich.«
   »Ist schon okay. Das ist doch mein Job«, sagte sie und schenkte mir ein ehrliches Lächeln.
   »Dafür werde ich Ihnen Bonifacio zeigen. Das ist ein traumhaftes Städtchen an der Südspitze Korsikas, das man unbedingt mal gesehen haben sollte.«
   »Das wäre sehr schön, Herr Nikolas, aber wenn Sie Ihren Besuch nicht in Bermudashorts und verschwitztem T-Shirt begrüßen möchten, sollten Sie sich langsam umziehen.«
   »Helfen Sie mir bei der Wahl des Hemdes? Sie wissen ja, dass ich mich in Modefragen nur schwer entscheiden kann«, raunte ich ihr ins Ohr. Sie lachte, drehte sich um und verschwand Richtung Sonnendeck.
   »Nicht wieder einschlafen!«, rief ich ihr hinterher und erhielt als Antwort einen ausgestreckten Mittelfinger.
   Sie gefiel mir.
   Zwanzig Minuten später stand ich mit Raffael auf dem Pier und sah der Delegation entgegen, die sich auf uns zu bewegte. Mein Onkel Pietro de Lucca musste sich auf einen Gehstock stützen. Hinter ihm ging in stolzer Haltung sein Sohn Matteo. Insgesamt vier Leibwächter flankierten die beiden. Im Gegensatz zu Raffael und mir trugen sie ihre Waffen offen.
   »Vincent, wie schön, dich hier in der Heimat zu sehen«, krächzte der Alte auf Italienisch und küsste mich links und rechts auf die Wange, die übliche italienische Art, sich zu begrüßen.
   »Es ist auch schön, dich zu sehen«, log ich und hatte automatisch ebenfalls ins Italienische gewechselt. Ich wandte mich Matteo zu, während Onkel Pietro Raffael begrüßte.
   »Matteo«, sagte ich unterkühlt und setzte eine undurchdringliche Miene auf.
   »Vincent«, antwortete Matteo kurz angebunden, bevor er Raffael ebenso begrüßte.
   »Leider müssen wir deine Gastfreundschaft in Anspruch nehmen, meine Jacht ist nach der letzten Nacht noch nicht wieder zu gebrauchen«, knurrte mein Onkel und warf Matteo einen bösen Blick zu, den dieser völlig zu ignorieren schien. Offenbar hatte Matteo wieder eine seiner berühmt-berüchtigten Partys gefeiert.
   Ich machte eine einladende Geste und bemerkte, dass Anna diskret an der Tür zum Salon wartete, wohin ich meinen Onkel nun dirigierte.
   Als alle ihre Plätze auf der großzügigen Couchlandschaft eingenommen hatten, wobei die Leibwächter strategisch gut verteilt im Raum stehen blieben, nahm Anna in englischer Sprache die Bestellung auf und verschwand in der Küche.
   »Deine Spielzeuge werden immer älter«, sagte Matteo, starrte Anna jedoch ungeniert in den Ausschnitt, als sie das Glas Whiskey vor ihm abstellte. Offenbar war Anna der italienischen Sprache nicht mächtig, denn sie reagierte nicht auf diese offene Beleidigung.
   »Sie ist nicht mein Spielzeug, sie gehört zur Crew.«
   »Wie laufen die Geschäfte in Deutschland, Vincent?«, kam mein Onkel direkt zur Sache.
   Ich vergewisserte mich, dass Anna wieder im Küchenbereich beschäftigt war und wandte mich dann meinem Onkel zu. »Wir stehen zurzeit im Fadenkreuz der Behörden. Raffael und ich haben beschlossen, bis Dezember das Geschäft ruhen zu lassen.«
   »Ach, und das entscheidest du allein?«, knurrte Matteo und starrte mich wütend an.
   »Wer sollte sonst, deiner Meinung nach, diese Entscheidung treffen? Du bist nicht vor Ort und hast keine Ahnung von unserem Geschäft. Wenn ich sage, es zu gefährlich, hast du das zu akzeptieren«, erklärte ich und hatte Mühe, meine Wut zu unterdrücken.
   »Wie sind die Behörden auf dich aufmerksam geworden? Warst du unvorsichtig?«, fragte Pietro, und seine alten Augen fixierten mich mit einem stechenden Blick.
   »Er hat seine Männer nicht mehr im Griff«, antwortete Matteo, bevor ich etwas sagen konnte. »Sie machen Fehler, es gibt Zeugen, und dann ergibt eins das andere. Auf diese Weise sind schon viele von uns im Knast gelandet oder wurden von Verrätern erschossen.« Matteo sprach mit unverhohlenem Hass in der Stimme.
   »Es mag deine Art sein, Geschäfte zu führen, aber ich lasse nicht jeden töten, der nicht meiner Meinung ist«, knurrte ich.
   »Das wird dir zum Verhängnis werden. Du bist zu weich. Genau wie dein Vater«, sagte Matteo und starrte mich wütend an.
   »Benehmt euch! Wir sind hier nicht im Kindergarten«, ging der Alte mit erstaunlich kräftiger Stimme dazwischen.
   »Warum lasst ihr nicht zur Abwechslung mal ein Turnier hier bei uns in Italien stattfinden? Ich habe viele Geschäftspartner, die großes Interesse hätten. Der Abend würde sich lohnen«, schlug Pietro vor.
   Ein kurzer Blick zu Raffael bestätigte mir, dass er von der Idee ebenso wenig hielt wie ich. »Ich halte es für besser, wenn wir …«
   »Du wagst es, den Wunsch meines Vaters auszuschlagen? Hast du denn gar keinen Respekt vor dem Alter? Was hat Deutschland nur aus dir gemacht?«, fragte Matteo gefährlich leise.
   Ich wusste, ich hatte einen Fehler gemacht.
   »Ich gebe Matteo recht. Du solltest einem alten Mann keinen Wunsch abschlagen. Das Turnier wird stattfinden. Die Einzelheiten klären wir in den nächsten Tagen«, erklärte mein Onkel in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ, bevor er aufstand, seinen Männern ein Zeichen gab und kurz darauf mit Matteo wieder von Bord ging.
   So eine verdammte Scheiße!

Hannah
(Anna)

»So eine verdammte Scheiße!«, brüllte Nikolas und schlug mit der Faust auf den massiven Couchtisch.
   Er kochte vor Wut, was ich ihm nach diesem Gespräch nicht verdenken konnte. Ich hatte jedes Wort verstanden, auch die Bemerkung von Matteo über mein Alter.
   Santoro setzte sich Nikolas gegenüber und fuhr sich aufgebracht durch das Haar. Auch ihm gefiel die Sache offenbar ganz und gar nicht.
   »Scheiße, warum hast du dich von Matteo so provozieren lassen?«, fragte er Nikolas und hatte ganz selbstverständlich wieder ins Deutsche gewechselt.
   »Ich war die Ruhe selbst, verdammt noch mal«, brüllte Nikolas.
   »Komm mal runter. Lass uns lieber überlegen, wie wir das Risiko so gering wie möglich halten können«, versuchte Santoro ihn zu beruhigen.
   »Wie stellst du dir das vor? Das sind hochgradig Kriminelle ohne Skrupel. Hast du eine Ahnung, was passiert, wenn die an einem Ort zusammentreffen, trinken und pokern? Das hat nichts mit dem zu tun, was wir in Deutschland abziehen«, erklärte Nikolas und sah plötzlich in meine Richtung. Vielleicht war ihm gerade bewusst geworden, dass er wieder Deutsch sprach und ich jedes Wort verstehen konnte.
   »Möchten Sie noch etwas trinken? Falls nicht, würde ich mich gern ein bisschen zurückziehen«, sagte ich ruhig und tat so, als wäre die Unterhaltung der beiden für mich nicht weiter von Interesse gewesen.
   »Gehen Sie ruhig. Danke«, brummte Nikolas, würdigte mich dabei allerdings keines Blickes mehr.
   Ich ließ die beiden allein und zog mich in meine Kabine zurück, obwohl ich natürlich gern gelauscht hätte, was sie nun besprachen. Das, was ich allerdings mitbekommen hatte, war bereits Gold wert. Vielleicht würde es mir gelingen, Ort und Zeitpunkt des Turniers zu erfahren. Ich könnte die Informationen an Kessler weiterleiten, der möglicherweise ein internationales Team zusammenstellen konnte. Da es mir zu gefährlich erschien, die Informationen irgendwo aufzuschreiben oder in meinem Handy zu speichern, ließ ich mir das Gehörte immer und immer wieder durch den Kopf gehen, bis ich mir sicher war, alle wichtigen Informationen in meinem Gedächtnis gespeichert zu haben.
   Ich half Rémy, die Vorräte wegzuräumen, als er fast zwei Stunden später mit vollen Taschen zurückkehrte.
   »Was ist den beiden denn über die Leber gelaufen? Ist etwas passiert?«, fragte er mich, während er die letzten Wasserflaschen in den Schrank stellte.
   »Ich habe keine Ahnung«, log ich. »Sie haben sich auf Italienisch unterhalten, und ich habe kein Wort verstanden. Es herrschte aber während des gesamten Gesprächs eine angespannte Stimmung.«
   »Letztes Jahr war es ähnlich«, erklärte Rémy und runzelte die Stirn. »Nikolas beruhigte sich erst, nachdem wir abgelegt hatten.«
   »Das ist wohl mein Stichwort gewesen«, sagte Scott und schnappte sich eine Flasche Wasser. »Du kannst den Herren sagen, dass wir in zehn Minuten ablegen.«
   »Aye, Sir«, gab ich zurück und salutierte vor Scott.
   Ich suchte Nikolas und fand ihn allein auf dem Sonnendeck.
   »Scott sagt, wir legen in zehn Minuten ab«, sagte ich und versuchte an seiner Körpersprache zu erkennen, ob sich der Sturm gelegt hatte.
   »Gott sei Dank. Ich kann es nicht erwarten, hier wegzukommen«, murmelte er. »Es tut mir leid, wenn mein Wutausbruch Ihnen vorhin Angst gemacht hat.«
   Unglaublich, er dachte, sein Wutausbruch hätte mich verängstigt. Dass vier bewaffnete Männer deutlich furchteinflößender waren, kam ihm wohl nicht in den Sinn. Außerdem schien er davon auszugehen, dass ich kein Wort der Unterhaltung verstanden hatte.
   »So ein Wutausbruch macht mir keine Angst. Ich kann mit cholerischen Männern umgehen«, sagte ich. Das entsprach der Wahrheit, denn das brachte mein Beruf mit sich.
   Nikolas runzelte die Stirn. »Ich bin nicht cholerisch. Dieses Treffen verlief nur leider absolut nicht so, wie ich es erwartet hatte.« Er lehnte sich zurück und musterte mich mit einem intensiven Blick. »Wenn Sie keine Angst vor bewaffneten oder cholerischen Männern haben, wovor haben Sie dann Angst, Anna?«, fragte er, und seine Stimme klang dunkel und verführerisch.
   Vor dir, Vincent Nikolas, wenn du herausfindest, was für ein falsches Spiel ich hier spiele, dachte ich.
   »Es wäre ziemlich dumm, Ihnen das zu verraten. Damit würde ich ein Geheimnis preisgeben, das mich verletzlich macht«, erklärte ich leise und senkte den Blick, denn ich konnte ihm nicht weiter in seine faszinierenden grauen Augen sehen, ohne befürchten zu müssen, dass er mich durchschauen könnte.
   In diesem Augenblick erwachte der Motor der Jacht zum Leben, und wir entfernten uns langsam vom Pier.
   »Ich werde jetzt das Abendessen vorbereiten«, sagte ich und verließ das Sonnendeck.
   Eine halbe Stunde später servierte ich das Essen auf dem Achterdeck. Die beiden aßen schweigend und hingen ihren Gedanken nach, während ich mit Rémy im Inneren der Jacht am Esstisch saß und mit ihm herumalberte. Nachdem wir den Tisch abgeräumt hatten, erklärte Rémy, dass er dringend Schlaf nachholen müsse und heute früh ins Bett gehen wolle.
   Ich wünschte ihm einen schönen Abend und schnappte mir das Essen für Scott, um es ihm auf die Brücke zu bringen, denn Scott wollte, solange es noch hell war, so viel Strecke wie möglich machen.
   »Wohin des Weges, schöne Frau?«, fragte Nikolas, als ich an ihm vorbeiging. Santoro war nirgends zu sehen.
   »Ich bringe Scott das Abendessen«, erklärte ich.
   »Wenn Sie damit fertig sind, könnten Sie mir Gesellschaft leisten«, sagte er und lächelte vorsichtig.
   »Gern«, sagte ich und ging auf die Brücke.
   Scott freute sich, dass ich an ihn gedacht hatte. Wir unterhielten uns noch eine Weile, dann kehrte ich zu Nikolas zurück.
   »Setzen Sie sich«, sagte er und bedeutete mir, neben ihm Platz zu nehmen. Auf dem Tisch standen zwei Gläser mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit. Ich kam seinem Wunsch nach und setzte mich mit einem gewissen Sicherheitsabstand neben ihn. Nikolas lachte leise. »Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, Sie haben Angst vor mir«, sagte er mit dieser dunklen, verführerischen Stimme, die mir jedes Mal eine feine Gänsehaut bescherte. Warum war der Kerl so verdammt attraktiv?
   »Sollte ich denn Angst vor Ihnen haben?«
   »Ja, Anna, das sollten Sie«, sagte er, griff nach einem Glas und reichte es mir, bevor er sein eigenes nahm und den Alkohol darin kreisen ließ.
   »Warum?«, fragte ich leise.
   »Weil Sie mich nicht kennen.«
   »Da gibt es eine einfache Lösung. Ich lerne Sie besser kennen und brauche mich nicht mehr vor Ihnen zu fürchten«, schlug ich vor und sah in seine faszinierenden grauen Augen.
   »Ich befürchte, wenn Sie mich erst mal kennenlernen, laufen Sie schreiend davon.«
   »Sie widersprechen sich. Ich würde es auf einen Versuch ankommen lassen.«
   Nikolas musterte mich intensiv, und seine Miene war undurchdringlich. Er hatte das perfekte Pokerface. Die Spannung zwischen uns war fast greifbar.
   »Lassen Sie uns auf Ihren Mut anstoßen«, schlug er plötzlich vor.
   »Auf Ihren Mut«, sagte ich und zwinkerte ihm zu, bevor ich mit ihm anstieß und den Alkohol durch meine Kehle fließen ließ.
   Nikolas stellte sein leeres Glas auf den Tisch und bedeutete mir, es ihm gleichzutun.
   »Ich möchte jetzt etwas tun, das ich bereits gestern Abend hätte tun sollen«, erklärte er und füllte beide Gläser erneut.
   »Etwas Anständiges essen, bevor Sie harten Alkohol konsumieren?«, scherzte ich und zauberte ihm damit ein Lächeln auf die Lippen, das ein angenehmes Kribbeln in mir auslöste.
   »Nein, ich dachte eher daran, mit Ihnen endlich Brüderschaft zu trinken, damit wir dieses lästige Siezen vergessen können«, erklärte er und reichte mir mein Glas. »Ich heiße Vince.«
   »Ich heiße Anna.«
   Die Gläser klirrten leise, als wir anstießen, dann verschränkten wir die Arme miteinander, wie es dieses alte Ritual verlangte. Nachdem wir getrunken hatten, nahm er mir das Glas aus der Hand und stellte es zu seinem auf den Tisch. Bevor ich wusste, wie mir geschah, nahm er mein Gesicht in beide Hände und presste seine Lippen fest auf meine. Ich schloss die Augen und ließ meine Zunge vorsichtig über seine Lippen gleiten, was ihn ermutigte, den Kuss zu vertiefen. Unsere Zungen berührten sich und begannen einen leidenschaftlichen Tanz. Ich neckte ihn, zog mich zurück, nur um ihm im nächsten Moment wieder stürmisch entgegenzukommen. Um uns herum löste sich alles auf, es zählte nur noch dieser Kuss, dieses berauschende Gefühl, diesem faszinierenden Mann so nahe zu sein. Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als wir uns langsam, als würde man aus einem Strudel auftauchen, voneinander lösten.
   »Du küsst verdammt gut«, sagte er und sah mir tief in die Augen.
   »Dieses Kompliment kann ich nur zurückgeben«, sagte ich leise und musste lächeln.

Vince

Verdammt, diese Frau ging mir unter die Haut. Zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich mir, nichts weiter als der Geschäftsführer einer Immobilienfirma zu sein und ein stinknormales Leben zu führen. Vor meinem inneren Auge formte sich das Bild einer schwangeren Anna, die im Garten unserem Erstgeborenen beim Spielen mit dem Hund zusah.
   Ich schüttelte innerlich den Kopf über diesen Gedanken und stellte den Hebel der Dusche auf kaltes Wasser.
   Nach dem Kuss gestern Abend hatten wir uns noch eine Zeit lang über das Wetter, die heutige Tour und den geplanten Landgang in Cagliari unterhalten, bis es stockdunkel war und Scott von der Brücke gekommen war. Anna hatte uns eine gute Nacht gewünscht und war in ihre Kabine gegangen.
   Ich drehte das Wasser ab, griff nach einem Handtuch und hatte es mir gerade um die Hüften geschwungen, als es klopfte.
   »Komm rein«, rief ich, denn ich rechnete mit Raffael. Er war Frühaufsteher, und wir hatten für heute geplant, mögliche Standorte für dieses beschissene Turnier auszuloten.
   »Oh, tut mir leid, Herr Nikolas, ich meine Vince, also …«, stotterte Anna und sah verlegen zu Boden.
   Sie trug heute einen kurzen grauen Rock und dazu ein enges weißes T-Shirt mit tiefem V-Ausschnitt. Als ich nichts sagte, was der Tatsache geschuldet war, dass ich sie noch immer anstarrte, hob sie den Blick, musterte mich eingehend von oben bis unten und befeuchtete mit der Zunge die Lippen. Diese kleine unbewusste Geste gab mir den Rest. Es war um meine Selbstbeherrschung geschehen, und ich wollte nur noch eines: mich tief und hart in ihr versenken.
   Ich fixierte sie mit meinem Blick, während ich langsam auf sie zuging. Anstatt zu fliehen, blieb sie wie festgewachsen stehen und erwiderte meinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Als ich dicht vor ihr stand, griff ich an ihr vorbei und schloss die Tür, dann dirigierte ich sie mit meinem Körper rückwärts dagegen, sodass sie keine Möglichkeit mehr hatte, mir auszuweichen. Ich nahm ihren herrlichen Geruch wahr und beobachtete, wie sich ihr Atem beschleunigte.
   »Dieser Rock ist verdammt kurz«, stellte ich fest.
   »Ich hatte niemanden, der mir bei der Kleiderauswahl geholfen hat«, flüsterte sie.
   »Genau genommen ist er eine einzige Einladung. Wenn du nicht in den nächsten Sekunden nackt in meinem Bett landen willst, solltest du das jetzt sehr deutlich sagen.«
   Sie schluckte schwer, dann stellte sie sich auf Zehenspitzen, und ihre Lippen berührten meine. Ich hatte die Zeichen also richtig gedeutet. Sie wollte mich auch.
   Ich hob Anna auf meine Hüften und trug sie zum Bett, wo ich sie vorsichtig hinunterließ. Der sowieso schon sehr kurze Rock war hochgerutscht und ermöglichte den Blick auf ein weißes Spitzenhöschen. Ich legte mich neben sie und fuhr mit dem Daumen über ihre wunderschön geschwungenen Lippen, die sie mit einem leisen Seufzer leicht öffnete. Dieses leise Geräusch fuhr mir direkt in den Schwanz, doch ich wollte es unbedingt langsam angehen lassen. Ich ließ meine Hand an ihrem Hals hinabwandern bis zu ihren herrlichen Brüsten, deren Nippel sich durch den dünnen Stoff des T-Shirts drückten. Mit dem Daumen rieb ich kräftig darüber, was ihr ein leises Stöhnen entlockte. Ich zog ihr das T-Shirt aus und wickelte es um ihre Arme, sodass sie über ihrem Kopf leicht fixiert waren. Anna betrachtete mich mit ihren blauen Augen, und ihre Brüste hoben und senkten sich schneller. Ich befreite sie aus den Körbchen des Spitzen-BHs und nahm ihre bereits steifen Nippel in den Mund, wobei ich sie auch ganz leicht meine Zähne spüren ließ. Anna stöhnte und bog den Rücken durch. Ich lächelte, kam ihrer stummen Aufforderung entgegen und ließ ihren wunderschönen festen Brüsten noch mehr Aufmerksamkeit zuteilwerden, bevor ich meine Hand zu ihrem Oberschenkel hinabwandern ließ. Als ich begann, die Innenseite ihrer Schenkel zu streicheln, spreizte sie bereitwillig die Beine, damit ich besseren Zugang zu der Stelle bekam, wo sie sich meine Berührungen am meisten wünschte. Ich ließ mir Zeit und fuhr mit meiner Zunge den gleichen Weg nach, den meine Hand zuvor gewandert war. Anna wimmerte und bog mir ungeduldig ihr Becken entgegen. Mein Schwanz pochte fast schmerzhaft, doch ich genoss ihren erregten Anblick viel zu sehr. Ich zog ihr das Höschen aus und schob ihren Rock noch weiter nach oben. Ihre bereits feuchte Mitte bot einen fantastischen Anblick. Als ich meine Zunge über ihre empfindliche Klit gleiten ließ, seufzte Anna fast erleichtert auf. Dieses Geräusch war Musik in meinen Ohren, und ich erfreute mich an jedem weiteren leisen Stöhnen, das sie von sich gab, während ich meine Zunge immer schneller und mit mehr Druck über die empfindliche Stelle gleiten ließ. Ich spürte ihre zitternden Oberschenkel, und im nächsten Augenblick kam Anna mit einem lang gezogenen leisen Stöhnen. Während sie mit geschlossenen Augen die Nachbeben ihres Orgasmus genoss, angelte ich ein Kondom vom Nachttisch und zog es mir über.
   Anna schlug die Augen auf und bedachte mich mit einem merkwürdigen Blick, den ich beim besten Willen nicht zu deuten wusste. Sie befreite ihre Arme aus dem T-Shirt, setzte sich auf und zog es sich über. Ich beobachtete völlig perplex, wie sie aufstand, ihren Rock glattstrich und ihre Schuhe anzog.
   »Was wird das jetzt?«, fragte ich erstaunt und war froh, meine Stimme wiedergefunden zu haben.
   »Ich habe Rémy versprochen, beim Frühstück zu helfen«, erklärte sie, als wäre es das Normalste auf der Welt, und wandte sich zur Tür.
   »Hast du nicht etwas vergessen?«
   Sie drehte sich wieder zu mir und schien zu überlegen, bevor sich ein dankbares Lächeln auf ihrem Gesicht zeigte. Sie kam einen Schritt auf mich zu, bückte sich und hob ihren Slip vom Boden auf. Das war doch nicht ihr Ernst!
   »Ich meinte etwas anderes«, knurrte ich finster.
   Wieder schien sie kurz zu überlegen, bevor sich ihr Gesicht zu einem umwerfenden Lächeln verzog.
   »Vielen Dank für diesen fantastischen Orgasmus«, säuselte sie und verließ ohne ein weiteres Wort die Kabine.
   Was zum Teufel …?
   Ich wusste nicht, ob ich frustriert oder amüsiert war. Wahrscheinlich beides. So etwas war mir in meinem ganzen Leben noch nicht passiert. Was ging bloß in dieser Frau vor?
   Ich brauchte jetzt dringend eine Abkühlung, zog meine Badehose an, ging nach draußen und sprang mit einem beherzten Kopfsprung ins Wasser. Fast eine Stunde schwamm ich wie ein Besessener, bevor ich Gefahr lief, zu ertrinken, weil sich ein Krampf ankündigte. Ich zog mich an der Badeplattform hoch, die sich ganz unten am Heck des Schiffes befand. Als ich die Leiter zum Maindeck hochkletterte, beobachtete ich Raffael, wie er Anna etwas ins Ohr flüsterte und sie daraufhin herzhaft lachte. Am liebsten hätte ich mich gleich wieder in die Fluten gestürzt, doch ich wusste, dass Scott darauf wartete, endlich den Anker lichten zu können, damit wir noch vor Anbruch der Dunkelheit Sardinien erreichten.
   »Dir müssen doch Schwimmflossen gewachsen sein, so lange, wie du im Wasser warst, Amico«, begrüßte mich Raffael.
   »Ich brauchte ein bisschen Abkühlung«, sagte ich und fing Annas Blick auf.
   Sie schmunzelte, was verrückterweise auch mir ein Lächeln auf die Lippen zauberte.
   »Ich sage schnell Scott Bescheid, dass wir starten können und bringe Ihnen dann Ihr Frühstück, Herr Nikolas«, erklärte sie hastig.
   »Hast du nicht etwas vergessen?«, fragte ich in demselben Tonfall wie heute Morgen, was sie rot anlaufen ließ.
   »Ich wüsste nicht, was das sein sollte«, sagte sie unsicher.
   Raffael verfolgte diese kleine Unterhaltung mit Interesse, denn er beugte sich vor und wartete offenbar gespannt auf meine Antwort. Ich ging auf Anna zu und blieb dicht vor ihr stehen.
   »Wir sind seit gestern Abend per Du«, sagte ich laut. »Spätestens allerdings seit heute Morgen«, fügte ich so leise hinzu, dass nur Anna es hören konnte. Sie lief rot an, grinste jedoch, drehte sich um und verschwand in Richtung der Crew-Kabinen.
   »Läuft da was zwischen euch?«, fragte Raffael, als ich mich zu ihm setzte, nachdem ich mich abgetrocknet hatte.
   »Sagen wir mal so, es könnte sein, dass sie kein Höschen unter dem Rock trägt«, erklärte ich geheimnisvoll und musste mir das Lachen verkneifen, als Raffael die Luft scharf einzog und ein überraschtes Gesicht machte. Mir war klar, dass er ab sofort nur noch an das Eine denken konnte, und ich empfand so etwas wie Genugtuung. Warum sollte ich der einzige an Bord sein, der litt? Hieß es nicht, geteiltes Leid ist halbes Leid?

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