Jayden Taylor ist vom Glück verfolgt. Er ist attraktiv, sexy und durch seine Erfolge als Schauspieler reich und berühmt geworden. Doch durch seine Ausschweifungen setzt er dieses Glück aufs Spiel. Sein Manager und guter Freund Daniel Scott will Jaydens Abwärtsspirale stoppen und stellt ihm daher seine Schwester Rena als Aufpasserin zur Seite. Jayden ist davon alles andere als begeistert, spielt aber seiner Karriere zuliebe mit. Nach und nach stellt er fest, dass mehr in Rena steckt, als ihr mädchenhaftes Äußeres vermuten lässt. Sie überrascht ihn mit ihrer Willenskraft, Stärke und Lebensfreude. Jayden fühlt sich immer mehr in ihren Bann gezogen und beginnt sich zu fragen, ob sich eine Frau wie Rena je für einen bisher unverbesserlichen Womanizer wie ihn interessieren könnte ...

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ISBN: 978-9925-33-087-4

Seiten: 291

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Sylvia Pranga

Sylvia Pranga
Geboren als Kind der '68er Generation und aufgewachsen in einer Kleinstadt in Niedersachsen, zog es mich früh in die weite Welt der Bücher, wo ich die Abenteuer erlebte, vor denen mich meine Eltern warnten. Aus Begeisterung für Literatur studierte ich Anglistik und Germanistik und machte meinen Abschluss auch in Russisch, weil mich Sprachen seit jeher faszinierten. Nachdem ich aus beruflichen Gründen einige Jahre im Ruhrgebiet lebte, bin ich nun wieder in meiner alten Heimat als Übersetzerin für technische Dokumentationen tätig. Zwar macht mir die Arbeit mit Texten aller Art Spaß, aber die Kreativität kommt bei der Übersetzung von Maschinenanleitungen zu kurz. Umso mehr genieße ich es, in meiner Freizeit meinen Ideen die Zügel schießen zu lassen. Diese Ritte führen mich unweigerlich auf die britischen Inseln oder in die USA. Meine zahlreichen Reisen dorthin spiegeln sich in meinen Manuskripte wider, die in England oder Irland spielen, wo ich mich unter Romanfiguren mit trockenem Humor und schrägen Eigenheiten wiederfinde und gerne auf einen Nachmittagstee bleibe.

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Kapitel 1

»Das mache ich nicht mehr mit.«
   Jayden versuchte, sich darauf zu konzentrieren, was sein Manager Dan sagte. Das war schwierig, denn in seinem Schädel surrte ein aufgebrachter Hornissenschwarm und wollte raus. Dieses Mal würde sein Kater ihn umbringen. Ganz bestimmt. Aber hatte er das nicht schon letzten Samstag gedacht? Und den Mittwoch davor? Er erinnerte sich nicht. Jayden gähnte und rieb sich die brennenden Augen hinter der Sonnenbrille.
   »Hörst du mir überhaupt zu?«
   Dan klang so aufgebracht wie die Hornissenkönigin in Jaydens Schädel. Vielleicht sollte er die beiden miteinander verkuppeln. Er grinste bei diesem widersinnigen Gedanken.
   Das fasste Dan offenbar falsch auf. »Machst du dich über mich lustig? Ich kann an der ganzen Sache nämlich nichts Komisches finden.« Er kramte in Papieren auf dem klobigen Eichenschreibtisch zwischen ihnen und zerrte eine Zeitung hervor. Das Knistern machte die Hornissen noch wütender. »Hast du das hier gesehen?«
   Jayden stöhnte unterdrückt und blinzelte. Seine Augen schienen noch nicht wach zu sein. Vielleicht lag es aber auch an der Sonnenbrille, dass er nur das Logo der Daily Mail von Los Angeles erkennen konnte. Darunter verschwamm alles. »Was ist damit?«
   Dan schnaubte und senkte die Zeitung. »Soll ich es dir vorlesen? Dann entgehen dir aber die Bilder. Die sind umwerfend.«
   Dans laute, von Ironie getränkte Stimme machte die Hornissen so aggressiv, dass sie anfingen zu stechen – in die Hinterseiten von Jaydens Augäpfeln. Er stöhnte, stützte die Ellbogen auf die Schenkel und das Kinn in die Hände. Seine Lider sanken herab.
   Eine zusammengerollte Zeitung klatschte auf seinen Kopf. Jayden zuckte hoch. Dan sah ihn mit zusammengekniffenen Augen und aufeinandergepressten Lippen an. Seine Stimme grollte angriffslustiger als die Hornissen.
   »Dieses Mal hörst du mir zu. Es ist wichtig.« Dan rollte die Zeitung wieder auseinander, glättete die Seiten und räusperte sich – alles viel zu laut für Jaydens Geschmack.
   »Der aus der Serie String Worlds bekannte Schauspieler Jayden Taylor ertränkte gestern seinen Frust in zu viel Whiskey«, begann er theatralisch vorzulesen. »Als die Security ihn aus der Promi-Bar Starflash werfen wollte, setzte sich der Action-Star so gekonnt zur Wehr, dass drei Sicherheitsmänner verletzt wurden und ein Teil der Einrichtung zu Bruch ging. Taylor hat es wohl seiner Bekanntheit und seinem Geld zu verdanken, dass er nicht festgenommen wurde.« Dan legte die Zeitung weg und starrte Jayden an. Er erwartete eine Reaktion von ihm, doch Jayden wusste nicht, was er sagen sollte. Also zuckte er nur mit den Schultern und schwieg.
   Dan seufzte, lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück und rieb sich die Nasenwurzel. Dabei bemerkte Jayden zum ersten Mal, dass der Haaransatz seines Freundes zurückwich. Rasch griff Jayden in sein eigenes Haar, um sich zu vergewissern, dass er nicht auch Geheimratsecken bekam. Schließlich war er nur ein Jahr jünger als Dan. Aber nein, es war alles in Ordnung. Sein welliges Haar war zerzaust, aber so dick wie eh und je.
   Dan beugte sich wieder vor und schien Jaydens Blick hinter den dunklen Gläsern zu suchen. Plötzlich streckte er den Arm aus und riss ihm die Brille von der Nase. Jayden ächzte, als das Sonnenlicht, das durch das große Fenster hereinfiel, ihm in die Augen stach. Jetzt piekte es von innen und außen, denn die Hornissen hatten noch nicht aufgegeben.
   Dan runzelte die Stirn und legte dann kopfschüttelnd die Brille auf den Schreibtisch. »Na toll. Ein blaues Auge. Du musst morgen drehen, hast du das vergessen?«
   Jayden lehnte sich zurück, um seinen Kopf aus dem Sonnenlicht zu bringen. Das half ein wenig. »Natürlich nicht. Ich hab den Gorilla nicht darum gebeten, mir eine zu verpassen. Der dämliche Scheißkerl hat angefangen. Hab mich nur gewehrt.« Jayden tastete die Haut neben seinem Auge ab und verzog das Gesicht. »Die können das mit Make-up abdecken. Sieht man beim Dreh nicht.«
   Dan verschränkte die Arme vor seinem Wohlstandsbäuchlein. Seit er verheiratet war, hatte er mindestens zehn Kilo zugenommen. Jayden musste sich zusammenreißen, um nicht die Hand auf seinen flachen Bauch zu legen. Er war nicht wie Dan und würde niemals wie er sein.
   »Darum geht es nicht«, sagte Dan resigniert. »Die schicken ihr Zugpferd, den beliebtesten Charakter der Serie, nicht wegen eines blauen Auges nach Hause. Aber dein Image leidet. Merkst du das nicht?« Er beugte sich vor und sah ihn eindringlich an. Jayden rutschte unbehaglich hin und her. Er hasste es, wenn Dan in ihm lesen wollte, weil ihm das viel zu oft gelang. Seine mahnende Stimme erinnerte ihn an seinen ehemaligen Schulrektor, der ihn mehrmals beim Rauchen und einmal beim Vögeln erwischt hatte.
   »Das geht nicht mehr lange gut. Deine Fans finden es geil, wenn du in coolen Bars einen trinkst und mit den schönsten Frauen Hollywoods flirtest, die eine oder andere auch mal flachlegst. Aber dich so zu besaufen, dass du dich nicht mehr unter Kontrolle hast, ist weder cool noch sexy. Das ist abstoßend. Frauen mögen so was nicht. Und die Frauen sind es, die dich groß gemacht haben. Wenn deine Fangirls dich nicht mehr wollen, bist du geliefert – und ich auch.«
   Jayden beugte sich vor – viel zu schnell. Aber er riss sich zusammen, denn gerade jetzt wollte er Dan nicht zeigen, dass er Hornissen-Kopfschmerzen und Sodbrennen hatte. »Darum geht es dir also! Du hast Angst, dass die Kohle winke, winke macht, weil ich keine Rollen mehr kriege.« Jayden lehnte sich wieder zurück – raus aus den Sonnenstrahlen – und grinste möglichst überheblich. »Keine Sorge, Danny-Boy. String Worlds ist mir sicher. Und in meinem Wohnzimmer stapeln sich die Film-Scripts.«
   Dans Brauen wanderten langsam nach oben. Er musterte ihn so lange schweigend, dass sich Jaydens Magen zusammenzog und das Sodbrennen noch schlimmer wurde. Irgendetwas war im Busch, das konnte er Dan ansehen. Schließlich seufzte Dan und lächelte wie eine Sphinx. »Bis vor ein paar Monaten hätte ich dir zugestimmt und mir wegen der Eskapade gestern keine Gedanken gemacht. Aber das ist kein Einzelfall mehr. Und dieses Mal hast du Leute verletzt. Das kommt nicht gut an.« Dan rieb sich wieder die Nasenwurzel und sah kurz aus dem Fenster, bevor er seinen Blick wieder auf Jayden richtete. »Der Produzent von String Worlds hat mich heute früh angerufen. Ich soll dir ausrichten, dass ihm dein Verhalten in letzter Zeit alles andere als gefällt. Eigentlich hast du deinen Platz in der vierten Staffel sicher gehabt, aber jetzt …« Dan sprach nicht weiter. Er senkte den Blick auf seine Hände, die er im Schoß verschränkt hatte.
   Plötzlich war das Sodbrennen weg. Jaydens Magen hatte sich in einen Eisklumpen verwandelt und die Hornissen waren vor Schreck ohnmächtig geworden. Das konnte nicht sein. Er war der heimliche Star der Serie. Seinetwegen bekamen so viele Frauen in ganz Amerika jeden Donnerstagabend vor dem Fernseher feuchte Höschen. Man konnte ihn nicht aus der Serie werfen. Das wäre der Todesstoß für String Worlds. Jayden schluckte heftig, aber davon schmolz der Eisklumpen in seinem Magen auch nicht. Verdammt, was hatte er angerichtet? Seine Stimme klang ungewohnt rau in seinen Ohren. »Was ist jetzt? Bin ich raus?«
   Dan stieß einen Seufzer aus, der eher ein frustriertes Stöhnen war. Er fuhr sich durch sein dünner werdendes blondes Haar. »Nein. Noch nicht. Aber du darfst dir keine Eskapaden mehr leisten. Keine einzige! Verstanden?«
   Das Eis schmolz wie in einem Hochofen, und Erleichterung floss heiß durch Jaydens Adern. Er war seinem Serientod noch einmal von der Schippe gesprungen. Entspannt legte er den rechten Fußknöchel auf sein linkes Knie und lehnte sich zurück. »Gut. Wird nicht wieder vorkommen. Saufen nur noch privat.«
   Dan schloss kurz die Augen, schüttelte den Kopf und beugte sich über den Schreibtisch. »Du nimmst das nicht ernst. Den Mist hast du mir schon die letzten beiden Male erzählt. Ich mache das nicht mehr mit. Du gehst hier raus und randalierst übermorgen in der nächsten Kneipe oder machst die Freundin eines anderen an.«
   Jayden presste die Lippen aufeinander und verschränkte die Arme vor der Brust. Er spürte, wie sich seine Muskeln anspannten und sein Atem schneller ging. Dan genoss vielleicht sein langweiliges Leben als Ehemann in einem abgelegenen Vorort von Los Angeles, aber Jayden brauchte Action. Verluste waren dabei nicht zu vermeiden. Das gehörte zum Spaß dazu.
   Doch er wollte sich nicht mit Dan streiten. Sein Freund war nämlich ein hervorragender Manager und Agent. Ihm hatte er seine Rolle in der beliebten Serie String Worlds zu verdanken. Also musste er sich mit seinen Äußerungen zurückhalten. »Okay. Was willst du mir damit sagen?«
   Dan schob einige Papiere auf seinem Schreibtisch hin und her und vermied den Augenkontakt mit Jayden. Das verhieß nichts Gutes.
   »Ich sehe nur zwei Möglichkeiten: Entweder machst du weiter wie bisher. Dann trennen sich unsere Wege – auf geschäftlicher Basis.« Jetzt sah Dan auf und ihm in die Augen. Jayden schluckte, als er erkannte, dass Dan es absolut ernst meinte. Wenn es so weit kam, war vielleicht auch ihre Freundschaft nicht mehr zu retten. »Oder du benimmst dich ab sofort wie ein normaler Mensch. In dem Fall reicht es aber nicht, dass du mir das versprichst. Daran hältst du dich sowieso nicht.«
   Jayden fühlte sich überführt. Es war allerdings kein Wunder, dass Dan ihn nach so vielen Jahren der Zusammenarbeit durchschaute. Er zögerte. Seinen Spaß wollte er nicht aufgeben. Aber Dan als Agenten und vielleicht sogar als Freund zu verlieren, war noch schlimmer. Jayden seufzte. »Okay. Was schlägst du vor?«
   Auf Dans rundem Gesicht breitete sich ein erleichtertes Lächeln aus und Jayden erkannte, dass sein Freund befürchtet hatte, dass er eine Änderung seines Verhaltens ablehnen würde. »Du hast wiederum zwei Möglichkeiten zur Auswahl. Die erste ist, dass du eine Therapie machst, um dein Suchtverhalten und …«
   Jayden schüttelte so heftig den Kopf, dass die Hornissen wieder aufwachten und einen torkelnden Tanz in seinem Schädel aufführten. »Ich nehme die Alternative.«
   Dan zog die Brauen hoch. »Die hast du noch gar nicht gehört.«
   »Egal. Ich mache keine dämliche Therapie. Das ist alles Hokuspokus.«
   Er bemerkte, dass Dan ein Lachen unterdrückte, was ihn ärgerte. »Hunderttausende von Menschen sind anderer Ansicht. Aber wie du meinst. Dann schrei aber nicht rum, wenn dir die zweite Möglichkeit nicht passt.«
   Jayden hob einlenkend die Hände und lächelte. »Sag schon. Was für eine Gemeinheit hast du dir für mich ausgedacht?« So schlimm wie eine Therapie, bei der ihn irgendein Idiot über seine Kindheit ausfragte, konnte es nicht sein.
   Dan atmete einmal tief durch. »Also gut. Ich stelle dir eine Art Babysitter zur Seite.«
   Als Dan nicht weitersprach, um eine Erklärung zu liefern, runzelte Jayden die Stirn und stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch. »Was soll das heißen? Ich bin doch kein Kind, auf das man aufpassen muss.«
   Dan schnaufte und warf ihm einen ironischen Blick zu. »Da gehen unsere Meinungen auseinander. Du brauchst dringend jemanden, der dich davon abhält, in der Öffentlichkeit zu viel zu trinken, dich zu prügeln oder gebundene Frauen anzubaggern.«
   Jayden sprang auf. Sein Stuhl fiel polternd um. Er musste sich verhört haben. So eine verrückte Idee konnte der immer so vernünftige Dan nicht haben. »Hab ich das richtig kapiert? Irgendein Typ soll mich überallhin verfolgen und mich vom Trinken und Flirten abhalten? Weißt du, wie das endet? Ich schlag dem Kerl die Zähne ein.«
   Dan nickte und schlug ein Bein übers andere. Jayden hatte den Eindruck, dass sich sein Freund insgeheim darüber amüsierte, dass er so aufgebracht war. Und das machte ihn noch wütender.
   »Das wird nicht passieren. Dafür habe ich gesorgt.«

*

Bei ihrem ersten Treffen konnte Heathcliff Elizabeth Bennet nicht leiden.
   Rena Scott starrte auf die Semesterarbeit, die vor ihr auf dem Schreibtisch lag. Sie musste der Studentin zugutehalten, dass sie bestimmt nirgendwo abgeschrieben hatte, was in Zeiten der tausendfach online zugänglichen Literaturabhandlungen längst keine Selbstverständlichkeit mehr war. Mal abgesehen von dem Stil, der an den einer Zwölfjährigen erinnerte, wäre eine Zeitmaschine nötig, um Heathcliff, den Helden aus Wuthering Heights, in Jane Austens Roman Pride and Prejudice zu transferieren. Wie sollte sie die Semesterarbeit einer Studentin bewerten, die einen Roman nicht vom anderen unterscheiden konnte?
   Rena stieß einen Seufzer aus, der tief aus ihrer gemarterten Seele kam. Nicht der erste heute. Warum belegte jemand Kurse in Literatur, der sich in keiner Weise für Romane interessierte? Rena taten solche Fehler fast körperlich weh. Ebenso schlimm war es für sie, jemanden durchfallen lassen zu müssen. Ihr war klar, dass sie sich das abgewöhnen musste. Sie brauchte ein dickeres Fell, sonst würde sie an der Uni untergehen.
   Rena riss sich die Brille herunter und knallte sie auf die idiotische Semesterarbeit. Dann schloss sie die Augen und rieb sich die Nasenwurzel. Ihr Nacken war völlig verspannt, wovon sie Kopfschmerzen bekam. Zu viel Kaffee, zu viel Arbeit, und das seit Monaten.
   Die Türklingel schrillte, und Rena zuckte zusammen. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war viel zu spät für Besucher. Hoffentlich war das nicht wieder ein Student, der ihre Adresse herausgefunden hatte und mit ihr über Zensuren diskutieren wollte. Das hatte sie schon zwei Mal erlebt.
   Rena rappelte sich ächzend auf und stellte fest, dass die Muskeln in Rücken und Beinen es an Verspannung mit ihrem Nacken aufnehmen konnten. Wie eine Seniorin mit Hüftschaden wankte sie zur Tür und drückte auf den Knopf der Gegensprechanlage. »Wer ist da?« Ihre Stimme klang, als hätte sie den ganzen Tag Fusel in sich hineingeschüttet.
   »Dein Lieblingsbruder«, hörte sie Dans fröhliche Stimme durch das Rauschen der Sprechanlage.
   Renas Laune besserte sich auf einen Schlag. Sie spürte das Lächeln auf ihrem Gesicht und merkte, dass sich ihre Muskeln etwas entspannten. »Ah, der Mann, der mich froh macht, dass ich nur einen Bruder habe.«
   Dans Lachen überforderte die altersschwache Sprechanlage. »Charmant wie immer. Mach auf, es regnet.«
   Rena drückte auf den Öffner, schloss die Wohnungstür auf und ließ sie einen Spalt offen, bevor sie in die Küche flitzte und Teewasser aufsetzte. Dan hatte schon immer einen empfindlichen Magen gehabt und vertrug Kaffee nur in kleinen Dosen – und nicht so stark wie Rena ihn mochte.
   Der Wasserkocher blubberte leise, als Dan keuchend vor ihrer Wohnungstür anlangte und zu ihr in die Küche kam. »Wieso ist euer Fahrstuhl schon wieder kaputt? Es grenzt an Selbstmord, in den vierten Stock hochzukraxeln.«
   Rena lachte und umarmte ihren Bruder. Er duftete nach einem teuren Rasierwasser und sein Bäuchlein war noch üppiger geworden. Seine Frau Eileen kochte einfach zu gut. Aber die Ehe machte Dan glücklich, und nur das zählte. Genau wie Rena war Dan, bevor er Eileen kennenlernte, viel zu lange Single gewesen. Sie küsste ihn auf die Wange und zerzauste ihm das Haar. »Du solltest mehr Sport machen. Dann sind die paar Stufen ein Klacks.«
   Dan stöhnte und schüttelte den Kopf. Er genoss Sport nur, wenn sein Lieblingsfootballteam spielte und er mit einem Bier vor dem Fernseher saß. »Ruf lieber den Hausmeister an. Sonst komme ich dich nicht mehr besuchen.«
   Rena hängte ein paar Teebeutel in ihre abgestoßene blaue Kanne und schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Den kann ich nur einmal im Monat mit etwas behelligen, sonst muss ich mir eine stundenlange Tirade anhören, wie überarbeitet er ist. Und diesen Monat ist mir die Beseitigung der Ratten im Waschkeller wichtiger.«
   Dan, der gerade ihre Keksdose inspizierte, hielt inne und sah sie mit großen Augen an. »Ernsthaft?«
   Rena nickte gleichmütig. »Jepp. Eine saß vor dem Trockner und genoss die Wärme und den Rest eines weggeworfenen Sandwiches.« Rena streckte sich und nahm zwei nicht zueinanderpassende Tassen aus dem Regal.
   »So ’ne Scheiße! Das geht doch nicht. Warum tut niemand was dagegen?«
   Rena schmunzelte über die aufrichtige Empörung ihres Bruders. Sie hatte sich längst an die Zustände in ihrem Wohnhaus gewöhnt. »Weil das hier eine billige Bruchbude ist. Der Hausmeister ist ein Säufer, die meisten Bewohner sind Junkies oder Kriminelle, aber die Miete ist für mich bezahlbar. Da darf ich nicht zimperlich sein.«
   Dan sah sie mit einer so rührenden Mischung aus Mitgefühl und Besorgnis an, dass Rena fast die Tränen in die Augen traten. Aber sie riss sich zusammen, nahm das Tablett mit Tee und Keksen und ging ins Wohnzimmer voran. Sie hatte sich bewusst für dieses Leben und alle Nachteile, die damit einhergingen, entschieden. Sie stellte das Tablett auf den Couchtisch und lachte, als sich Dan mit Schwung auf ihren einzigen Sessel fallen ließ und erschrocken ächzte, als er fast bis auf den Boden sank. »Du weißt doch, dass meine Möbel so eine Behandlung nicht vertragen.«
   Dan umklammerte die Lehnen des Sessels und rappelte sich ein wenig höher. »Mein Steißbein singt das hohe C. Hier zu wohnen, ist lebensgefährlich.«
   Rena goss Tee in die Tassen und stellte die Zuckerdose in Dans Reichweite, bevor sie sich auf das Sofa setzte. »Quatsch. Es ist kein Palast, aber ich werde ja auch nicht ewig hier wohnen.« Das hoffte sie zumindest.
   Dan runzelte die Stirn und tat zwei Löffel Zucker in seinen Tee. Während er umrührte, musterte er sie prüfend. Verwirrt fragte sich Rena, was mit ihm los war. Sonst waren die Reaktionen ihres Bruders alles andere als rätselhaft. Und es war auch ungewöhnlich, dass sie sich gedulden musste, bis Dan mit seinem Anliegen herausrückte. Er pustete in seinen Tee, trank einen Schluck, warf ihr einen schnellen Blick zu, nahm einen Keks, biss hinein und kaute sorgfältig. Rena kicherte.
   »Du guckst wie damals, als du deine kleine Schwester bitten musstest, dir bei einem Aufsatz zu helfen, weil du das Buch nicht gelesen hattest. Was ist los?«
   Dan lächelte verlegen und wischte sich ein paar Krümel vom Hemd. »Ertappt. Ich bin tatsächlich hier, um etwas mit dir zu besprechen.«
   Das machte Rena neugierig. Normalerweise kam Dan nur auf einen Plausch vorbei. Und um sich zu überzeugen, dass Rena noch lebte. Als Dan weiter an seinem Keks knabberte, ohne etwas zu sagen, wurde Rena ungeduldig. »Raus damit. Was ist los?«
   Dan zuckte zusammen und schluckte sichtbar. »Äh, ja. Also … die Semesterferien haben doch angefangen.« Er sah sie an, als warte er auf eine Bestätigung. Rena nickte und trank einen Schluck Tee. »Schön. Was hast du geplant?«
   Rena ließ ihre Tasse sinken und runzelte die Stirn. »Ich kann mich nicht zwischen der Kreuzfahrt und einem Urlaub auf den Malediven entscheiden.« Sie schnaubte. »Was glaubst du? Ich korrigiere Semesterarbeiten und bereite mich auf die neuen Kurse vor. Dann wartet die Planung meiner Doktorarbeit auf mich und der miese Job im Supermarkt, damit ich die Miete für diese Absteige hier zahlen kann.« Rena brach ab. Es tat ihr nicht gut, ständig mit ihrem Schicksal zu hadern. Sie hatte gewusst, wie das Leben einer Doktorandin in Englischer Literatur aussah.
   Dan nickte mitfühlend und stellte seine Tasse auf dem Tisch ab. »Das habe ich mir gedacht. Und ich habe eine bessere Lösung.« Er strahlte sie an, aber Rena sah die Unsicherheit in seinen braunen Augen.
   »Was meinst du damit?«
   Dan räusperte sich und rieb mit den Handflächen über seine Hosenbeine. Er war nervös, und Rena war neugierig auf den Grund für diese Unruhe.
   »Ich habe einen Job für dich.«
   Rena zuckte freudig zusammen. Alles war besser, als wieder im Supermarkt zu arbeiten. Nun ja, fast alles. Eifrig beugte sie sich vor. »Was für einen Job? Büro oder putzen?« Rena hatte nichts dagegen, Büros sauber zu machen, wenn die Bezahlung stimmte.
   Dan rutschte so unruhig auf dem Sessel herum, dass die Federn quietschten. Er warf ihr einen schnellen Blick zu, bevor er auf seine Füße starrte. »Weder noch. Man könnte es als Aufsichtsperson bezeichnen.«
   Rena merkte, wie ihr Lächeln verblasste. Das klang nach Kindern oder Tieren. Sie mochte beide, wollte aber nicht den ganzen Tag für wenig Geld auf sie aufpassen. Rena stellte ihre Tasse weg und räusperte sich. »Babysitter werden schlecht bezahlt. Ich denke, dass ich beim Supermarkt besser aufgehoben bin.«
   Zu ihrer Überraschung schüttelte Dan heftig den Kopf und sah sie mit großen Augen an. »Nein, nein, das hast du falsch verstanden. Es geht nicht um ein Kind, sondern um einen Mann.«
   Jetzt verstand Rena nichts mehr, was sie verabscheute. Schon als kleines Mädchen hatte sie immer alles sofort begreifen wollen. Doch Dan sprach für sie in Rätseln. Ungeduldig strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht, die sich aus ihrem geflochtenen Zopf gelöst hatte. »Ein Mann? Der einen Babysitter braucht?«
   Dan lächelte verlegen. »Na ja, nicht direkt einen Babysitter. Einen Aufpasser. Momentan schlägt er ständig über die Stränge und schadet sich selbst und mir damit.«
   Rena stockte der Atem. Sie starrte ihren Bruder an. »Ist es einer deiner Klienten? Ein Schauspieler? Oh, nein, diese Typen sind alle so selbstherrlich und überspannt. Ich dreh durch, wenn ich mit so einem den ganzen Tag zusammen sein muss.« Rena packte allein bei dem Gedanken schon Wut und Frust. Sie stellte sich einen eingebildeten Nebendarsteller vor, der sich für Brad Pitt hielt.
   »Okay, einfach wäre es nicht. Aber die Bezahlung reißt das raus. Fünftausend Dollar pro Monat.«
   Rena musste nach der Tischkante greifen, sonst wäre sie vom Sofa gekippt. So viel Geld. Und das in einem Monat. Sie merkte, dass sie die Luft anhielt, und atmete schnell aus. »Fünftausend? Bist du sicher? Wer zahlt denn so viel dafür, dass ihn jemand beaufsichtigt?«
   Dan lächelte sie wieder strahlend an, aber die Unsicherheit in seinem Blick war immer noch da. »Jayden Taylor.«
   Rena sprang auf. Ihre Tasse fiel um. Der Tee lief über den Tisch. Es interessierte Rena nicht. Sie starrte ihren Bruder an. Dabei glühte ihr Gesicht, obwohl ihr Blut in eisigen Flüssen durch ihre Adern lief und ihr eine Gänsehaut verursachte. Nein. Nein, nein. Das ging auf keinen Fall. Nicht Jayden Taylor. Sie atmete immer schwerer. »Das mache ich nicht«, würgte sie schließlich hervor und ließ sich aufs Sofa fallen, als wäre sie einen Marathon gelaufen.
   Dan beugte sich vor und legte seine Hand auf ihre eisigen Finger. »Warum denn nicht? Die Bezahlung ist nicht zu übertreffen. Und du müsstest nur darauf achten, dass er sich nicht in der Öffentlichkeit besäuft und die Frauen anderer Männer anmacht.«
   Rena schüttelte den Kopf. Ihr Kiefer war so angespannt, dass ihre Zähne knirschten. Dan verstand das nicht. Er kannte sie nur als vernunftorientierte, gebildete Frau, die niemals bei einer Aufführung der Chippendales kreischend ihr Höschen auf die Bühne werfen würde. Er wusste nicht, in was für ein Wesen sie sich jeden Donnerstagabend verwandelte. Dann stellte sie ihr Handy und die Türklingel ab, den Fernseher ein und wartete bei einem Glas Wein und Schokolade mit wild klopfendem Herz darauf, dass String Worlds begann. Die Serie war spannend, keine Frage. Aber darum ging es ihr nicht. Sie lechzte danach, Jayden Taylor als Flint Anderson zu sehen, den düsteren, ambivalenten Helden, der Monster jagte, aber wegen seiner mysteriösen Vergangenheit nichts mit der Polizei zu tun haben wollte. Jedes Mal, wenn er auf dem Bildschirm auftauchte, erwischte sie sich bei einem verzückten Lächeln oder einem sehnsüchtigen Seufzen. Sie war fasziniert von seiner maskulinen Ausstrahlung, den dichten, dunklen Locken und seinem leider viel zu seltenen charmanten Lächeln. Noch nie hatte sie so für einen Mann geschwärmt. Und es beschämte sie, denn sie wusste, dass Jayden Taylor ein arroganter, selbstverliebter Mistkerl war. Dazu brauchte sie nicht die Erzählungen ihres Bruders. Die Fotos in der Klatschpresse reichten.
   Und jetzt sollte sie den Babysitter für einen Mann spielen, dessen Charme auf dem Bildschirm sie erlag, den sie aber nicht leiden konnte? Wie sollte das funktionieren?
   »Ich kann das nicht, Dan. Wie soll ich so einen arroganten Kerl davon abhalten zu tun, was ihm gefällt?«
   Dan nahm sich einen weiteren Keks aus der Dose und lächelte sie an, was sie wohl beruhigen sollte. »Keine Angst. Du sollst dich nicht dazwischenwerfen, wenn er sich beim Barmann das vierte Bier bestellt. Das Ganze funktioniert mit Erpressung.«
   Rena war sprachlos, was ihr nur selten passierte. Was redete Dan da bloß? Sie hatte ständig das Bild von Jayden Taylor als Flint Anderson vor Augen und konnte sich daher schlecht konzentrieren. Nervös rieb sie ihre kalten Hände aneinander. »Erpressung? Was meinst du damit? Ich will nichts Illegales machen.«
   Dan lachte kopfschüttelnd, beugte sich vor und tätschelte ihr Knie. »Wie kommst du denn darauf? So was würde ich dir nie anbieten. Ich habe Jayden erzählt, dass der Produzent von String Worlds ihn aus der Serie wirft, wenn er sich weiterhin wie der letzte Mensch benimmt.«
   Rena sprang auf. Ihr Puls hämmerte. »Jayden fliegt aus der Serie?« Nein, nein. Bitte nicht. Die Donnerstagabende waren der einzige Lichtblick in ihren arbeitsreichen Wochen.
   Dan zog die Brauen hoch und sah sie mit großen Augen an. Das war kein Wunder. So emotional kannte er seine Schwester nicht. »Nein. Ich habe ihm vorgeschwindelt, dass der Produzent das angedroht hat. Irgendwie muss ich ihn davon abhalten, sein Image zu zerstören.«
   Rena ließ den angehaltenen Atem entweichen. Ihr Herzschlag beruhigte sich etwas, und sie ließ sich wieder aufs Sofa sinken. »Und damit erpresst du ihn? Was ist, wenn er das rausbekommt?«
   Dan zuckte die Schultern. »Wird er bestimmt irgendwann. Aber dann wird er mir dankbar sein – hoffentlich.«
   Rena schüttelte den Kopf, zupfte ein paar Kleenex aus einer Packung und wischte endlich den vergossenen Tee auf. »Kann ich mir nicht vorstellen. Niemand mag es, angelogen und erpresst zu werden. Allein schon deshalb mach ich da nicht mit.« Ganz tief in ihrem Inneren flackerte ein Funken Enttäuschung. Sie lehnte es ab, viel Zeit mit ihrem Schwarm zu verbringen. Aber es war besser so, auch vom egoistischen Standpunkt aus. Wenn sie hautnah miterlebte, was für ein oberflächlicher, arroganter Typ Jayden war, konnte sie String Worlds nicht mehr genießen.
   Dan beugte sich vor und sah ihr eindringlich in die Augen. »Bist du ganz sicher? Fünftausend Dollar sind viel Geld. Tut mir leid, wenn ich es so direkt sage, aber du kannst es brauchen. Ich hasse es, dass du in dieser Bruchbude wohnst. Dauernd habe ich Angst, dass einer deiner bekloppten Nachbarn dich überfällt. Aber du nimmst ja kein Geld von mir an. Also will ich dir die Möglichkeit geben, selbst ordentlich was zu verdienen.« Dan strich sich durchs Haar und seufzte. »Ich will nicht behaupten, dass Jayden ein Unschuldslamm ist. Dann benötigte er keinen Aufpasser. Aber er ist kein schlechter Kerl, sonst wäre ich nicht mit ihm befreundet. Ich wollte ihn dir längst mal vorstellen, aber du hast dich immer geweigert.«
   Rena lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und wich Dans Blick aus. Er hatte natürlich recht. Wenn sie nur sechs Wochen für Jayden arbeitete, konnte sie von dem Verdienst über die Hälfte ihres verbliebenen College-Kredits begleichen. Die monatlichen Raten würden sich verringern, was ihr sehr helfen würde. Was war im Vergleich damit schon ihre mädchenhafte Schwärmerei für Jayden Taylor?
   Rena seufzte, schloss kurz die Augen, hob die Lider dann wieder und lächelte Dan an. »Okay. Ich mach’s.«

*

Das tiefblaue Wasser seines Pools glitzerte in den Strahlen der Mittagssonne. Jayden hätte sich am liebsten die Sachen heruntergerissen und wäre hineingesprungen. Doch er hatte Dan versprochen, angemessen gekleidet zu sein und sich zu benehmen, wenn er ihm seine zukünftige Anstandsdame vorstellte.
   Jayden verzog das Gesicht. Nicht einmal mehr eine Viertelstunde, dann wären die beiden hier. Dan hatte ihm nichts über die Frau verraten, wie alt sie war, wie sie aussah und was sie dazu trieb, einen solchen Job anzunehmen. Jayden stellte sich eine mollige Hausfrau in den Vierzigern vor, die College-Geld für ihre Kinder verdienen wollte. Sie würde ihm jeden Spaß an seiner Freizeit verderben, denn mit so einem Moralapostel konnte er sich in Klubs und Kneipen nicht blicken lassen. Aber er musste ja nur durchhalten, bis der Dreh für die vierte Staffel von String Worlds begann und er dabei war. Danach würde er Mrs. Sauertopf sofort entlassen.
   Jayden sprang auf und tigerte in seinem riesigen Wohnzimmer auf und ab. Er meinte, das Wasser im Pool vor den geöffneten Terrassentüren riechen zu können. Wenn er das Gespräch mit seiner zukünftigen Aufpasserin kurz hielt, könnte er vor seinem Interview-Termin am Nachmittag noch schwimmen. Er fühlte sich völlig überhitzt.
   Jayden schnappte sich eine seiner unzähligen Sonnenbrillen vom Couchtisch, rannte nach draußen, ging vor dem Pool in die Hocke und versenkte seine Arme im kühlen Wasser. Viel besser. Das Gefühl der warmen Sonnenstrahlen auf seinem Kopf und der erfrischenden Nässe erinnerte ihn daran, wie er es vor einigen Tagen mit einem Model hier im Pool getrieben hatte. Er lächelte lüstern, aber sein erotischer Tagtraum fand ein jähes Ende, als die Türklingel schrillte. Jayden ächzte. Seine Gouvernante war verfrüht eingetroffen.
   Widerwillig stand er auf und schlurfte zum Türöffner. Ohne nachzufragen, wer geklingelt hatte, drückte er auf den Öffner und wartete. Dan kannte sich hier aus, daher sah Jayden nicht ein, ihn am Eingang abzuholen. Außerdem wollte er ihm damit zeigen, was er von seinem Plan hielt.
   Stimmen und Schritte im Flur. Die Frau klang jünger, als er vermutet hatte, als wäre sie in den Zwanzigern. Das konnte aber täuschen. So hörte sich seine Mutter auch an. Etwas schepperte. Dan war schon wieder gegen den Schirmständer gelaufen. Jayden verdrehte die Augen und lehnte sich gegen den Tresen, der Küche und Wohnzimmer trennte. Von dort aus konnte er die Tür zum Flur im Auge behalten – und sah cool aus, wie ihm mehr als eine Frau versichert hatte. Die alte Schachtel sollte nicht glauben, dass sie mit ihm so umspringen konnte wie mit ihren Kindern.
   Dan bog um die Ecke und sah ihn finster an. »Danke für den netten Empfang. Dein Charme haut mich jedes Mal wieder um.«
   Jayden schnaubte und verschränkte die Arme vor der Brust. Dabei merkte er, wie das Wasser auf seiner Haut sein T-Shirt durchnässte. Ohne auf Dans Bemerkung zu reagieren, versuchte er, an ihm vorbeizuspähen, um einen ersten Blick auf seine Begleiterin zu werfen. Aber dafür war Dan offenbar zu groß und zu breit. Sein Freund zuckte resigniert mit den Schultern. »Red nicht so viel, wir wollen auch mal zu Wort kommen.« Dan wartete. Als Jayden immer noch nichts sagte, trat er zwei Schritte zur Seite und zog eine Frau neben sich. »Dein Bocken nützt dir nichts. Deal ist Deal. Das hier ist Rena, deine neue Aufpasserin – und meine kleine Schwester. Du kannst dir also denken, was ich mit dir mache, wenn du dich ihr gegenüber nicht benimmst.«
   Jaydens Blick schnellte zu der Frau neben Dan. Dass sie Geschwister waren, sah man den beiden nicht an. Im Gegensatz zu Dan war Rena klein und zierlich, hatte ein schmales Gesicht und große Augen. Wegen seiner Sonnenbrille konnte er Haar- und Augenfarbe nicht abschließend bestimmen. Sie war ganz niedlich, doch bei Weitem nicht so umwerfend wie die Frauen, die er gewohnt war. Aber mit einer anderen Garderobe konnte er sie vielleicht als sein Mädchen für alles ausgeben und sie in Klubs mitnehmen.
   Er stieß sich vom Tresen ab, ging auf Rena zu und streckte ihr seine Hand hin. Es dauerte eine Sekunde, bevor sie ihre Hand in seine legte und schüchtern lächelte, als er »Freut mich« sagte. Das Lächeln war süß, ihre Lippen waren herrlich voll. Jayden konnte den Blick nicht mehr abwenden und wunderte sich über sich selbst. Da traf er jeden Tag die schönsten Schauspielerinnen, und hier war er und starrte fasziniert das nette Mädchen von nebenan an.
   Plötzlich tauchte Dans breite Hand vor seinem Gesicht auf. »Was soll das? Das ist unhöflich.« Dan riss ihm wieder einmal die Sonnenbrille von der Nase. Jayden wollte ihn deswegen anschnauzen und sich die Brille zurückholen, war aber zu fasziniert von der Farbpalette vor ihm. Die Sonnenstrahlen, die durch die geöffneten Terrassentüren hereinfielen, ließen Renas kupferfarbenes Haar in sämtlichen Schattierungen von Rot und Blond leuchten. Es wirkte, als wäre auf ihrem Kopf ein Feuer ausgebrochen, das sich nicht einmal dadurch bändigen ließ, dass sie ihr Haar zu einem dicken Zopf geflochten hatte. Um die hypnotische Wirkung vollkommen zu machen, bildeten ihre grünbraunen Augen einen krassen Kontrast zu dieser Flammenfarbe. Jayden konnte den Blick nicht von ihr losreißen, bis sich Dan räusperte und ihn anstupste.
   »Wach endlich auf. Rena bekommt ja Angst, wenn du sie wie ein Zombie kurz vorm Zubeißen anstarrst.«
   Widerwillig löste Jayden den Blick von Rena und sah Dan an. Sein Freund hatte die Brauen fast bis zu seinem zurückweichenden Haaransatz hochgezogen, und in seinen Augen funkelte eine Warnung. Das würde noch lustig werden, wenn Dan schon so empfindlich reagierte, wenn Jayden nur einen genaueren Blick auf Rena warf. Jayden verdrehte mit einem Seufzen die Augen und wies auf sein hellgraues Ledersofa. »Setzt euch. Ich bringe den Kaffee.«
   Während die Geschwister es sich bequem machten, ging Jayden in die Küche, um die Getränke und das Gebäck zu holen, das seine Haushälterin bereitgestellt hatte. Dabei beobachtete er Rena aus den Augenwinkeln. Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen, wodurch der Rock ihres langweiligen Kostüms etwas nach oben rutschte. Das, was entblößt wurde, war umso interessanter. Rena hatte sehr schlanke Beine mit ausgeprägten Wadenmuskeln. Sie schien viel Sport zu treiben. Umgehend erschien sie in einem knappen Bikini vor Jaydens innerem Auge. Die Tassen klirrten, weil er das Tablett bei dieser Vision nicht richtig festhielt.
   Dan hob den Kopf und beobachtete ihn stirnrunzelnd. »Bist du noch immer oder schon wieder betrunken?«
   Jayden presste verärgert die Lippen aufeinander. Sein Kiefer spannte sich an. So schlimm, wie Dan ihn darstellte, war er nun wirklich nicht. »Keins von beiden. Ich bin nur nicht gewohnt, den Kellner zu spielen.«
   Rena sprang auf, kam auf ihn zu und nahm ihm das Tablett ab, bevor er sie daran hindern konnte. Ein Hauch von Jasmin und Orangenblüten stieg ihm in die Nase. Er atmete tief ein, aber da war Rena schon wieder auf dem Weg zum Sofa – und mit ihr dieser verführerisch weibliche Duft. Mit geübten Bewegungen schenkte sie den Kaffee ein, verteilte die Tassen und setzte sich wieder. Erst da merkte Jayden, dass er sie wieder angestarrt hatte und Dan missbilligend die Stirn runzelte. Schnell setzte er sich den Geschwistern gegenüber in einen Sessel. Er wollte vermeiden, dass Dan ihm vor Rena eine Standpauke hielt. Außerdem konnte er von diesem Sitzplatz aus am besten Rena beobachten.
   Sie trank einen Schluck Kaffee, wobei sie niedlich die Nase krauszog, und stellte die Tasse zurück auf den Tisch. Dabei hielt sie den Blick auf ihren Bruder gerichtet, der gerade einen Stapel Papiere aus seiner Aktentasche zog. Er räusperte sich. »Hier ist der Vertrag. Die Eckpunkte kennst du. Lies dir alles genau durch. Ich will später kein Theater, weil du angeblich über irgendwas nicht Bescheid wusstest.«
   Ohne hinzusehen, nahm Jayden die Papiere entgegen. Er hielt den Blick auf Rena gerichtet. Warum sah sie ihn nicht ein einziges Mal an, verdammt noch mal? Das kannte er von Frauen nicht. Entweder starrten sie ihn mit eindeutigen Absichten an, oder sie warfen ihm heftig errötend schüchterne Blicke zu. Aber keine behandelte ihn, als hätte er seine Anziehungskraft verloren. Was war mit Rena los? Vielleicht war sie lesbisch. Er würde Dan diskret danach fragen.
   »Aufwachen!«
   Jayden zuckte bei Dans Schrei so heftig zusammen, dass er fast seine Kaffeetasse umgeworfen hätte. Er verhinderte es im letzten Moment, aber ein paar Spritzer landeten auf dem Vertrag. Jayden fluchte. »Verdammt, Dan, was soll der Scheiß? Jetzt sieh dir das an.«
   Dan richtete sich auf und funkelte ihn erbost an. »Ich? Ich soll schuld daran sein? Du pennst hier mit offenen Augen und stiehlst unsere Zeit, und wenn ich dich wecke, bin ich der Mistkerl?«
   Jayden setzte zu einer gepfefferten Erwiderung an, als sich Rena mit einigen Kleenex über den Tisch beugte und die Kaffeeflecken auf den Papieren betupfte. Der oberste Knopf ihrer cremefarbenen Bluse stand offen, sodass Jayden einen freien Blick auf ihr Dekolleté hatte. Ihre Brüste waren klein, aber fest und rund. Davon hätte Jayden gern mehr gesehen als nur den Ansatz. Der Zank mit Dan wurde bei diesem Anblick völlig unerheblich.
   Rena setzte sich wieder und sah ihren Bruder lächelnd an. »Können wir jetzt weitermachen? Ich habe nachher noch einen Termin mit einem Studenten.«
   Dan bedachte Jayden mit einem vernichtenden Blick. »Meinethalben gern. Ich bin nicht derjenige, der hier alles aufhält.«
   Diese Selbstgerechtigkeit brachte Jayden in Rage. Sie war eine der wenigen Eigenschaften, die er an Dan nicht mochte. Nie konnte er Fünfe gerade sein lassen, immer musste alles korrekt sein und sofort erledigt werden. Jayden schnappte den Vertrag und wollte umblättern. Das funktionierte aber nicht, weil der Kaffee die Blätter aneinanderkleben ließ. Mit einem Schnauben warf Jayden die Papiere zurück auf den Tisch. »Für so einen Scheiß hab ich keine Zeit. Erzähl mir die wichtigsten Punkte, dann unterschreibe ich das Ding.«
   Dan verdrehte die Augen und griff nach einem Keks. »Ich hoffe, dass du das sonst nicht so machst. Andere hauen dich übers Ohr, wenn du Verträge nicht liest. Gut, dass du mir vertrauen kannst.« Er biss in den Keks und kaute genüsslich. »Also, der Vertrag gilt vorerst für zwei Monate. Das monatliche Gehalt beträgt, wie vereinbart, fünftausend Dollar.«
   Jayden nickte ungeduldig. Das wusste er schon alles. Ihn interessierte, was genau Renas Aufgaben waren – und Rena selbst. Dass sie ihn ignorierte, brachte ihn völlig aus dem Konzept. Sie sah ihren Bruder an, als ob Jayden überhaupt nicht existierte. Er rutschte unruhig auf dem Sessel herum und wäre am liebsten im Wohnzimmer hin- und hergelaufen. Diese Frau trieb ihn jetzt schon in den Wahnsinn. Wie sollte das werden, wenn sie ihn überallhin begleitete? Bei diesem Gedanken kribbelte es in Jaydens Magengrube.
   Dan wischte sich die Hände an einer Serviette ab, trank einen Schluck Kaffee und setzte seine Erläuterungen fort. »Du verpflichtest dich, nicht ohne Rena in Klubs oder zu Veranstaltungen zu gehen, auf denen Alkohol ausgeschenkt wird. Wenn sie dich – diskret natürlich – darauf hinweist, dass du nichts mehr trinken oder eine Frau in Ruhe lassen sollst, hörst du auf sie. Machst du es nicht, informiert Rena mich und unsere Zusammenarbeit ist zu Ende.«
   Jayden hatte Dan nur mit halbem Ohr zugehört. Sein Blick ruhte die ganze Zeit auf Rena. Diese Haarfarbe kam aus keiner Tube, da war er sich sicher. Viele Schauspielerinnen hätten für so ein lebhaftes, natürliches Rotblond getötet. Dazu kam noch diese ungewöhnliche Augenfarbe, die sich Jayden gern genauer angesehen hätte. Doch Rena gönnte ihm nicht einen einzigen Blick. Sie sah ihren Bruder an oder auf ihre Hände, die sie im Schoß verschränkt hielt. Verdammt, was war mit dieser Frau los? Jayden musste ihre Aufmerksamkeit wecken, sonst würde er durchdrehen. Also tat er das, was ihm als Erstes in den Sinn kam. Provozieren.
   »Ich soll mit ihr in angesagte Klubs gehen? So wie sie aussieht? Das schadet meinem Ruf mehr, als wenn ich mich betrinke.«
   Er hatte es geschafft. Renas Kopf ruckte hoch. Sie sah ihn an. Das Grünbraun ihrer Augen war faszinierend. Schreck und Schmerz, die darin schimmerten, leider nicht. Jayden zuckte zusammen. Was hatte er angerichtet? Jetzt würde sie ihn hassen.
   Am Rande bekam Jayden mit, dass Dan seine Kaffeetasse abstellte, sich räusperte und tief Luft holte. »Bist du verrückt oder hast du doch gesoffen?«, polterte er los, dass es von den Wänden widerhallte. »Steig von deinem hohen Ross, bevor du fällst, du Idiot. Rena passt besser in jeden Klub als du, weil sie weiß, wie man sich benimmt. Entschuldige dich bei ihr, sonst sind wir gleich weg, und du siehst uns nie wieder.«
   Jayden starrte seinen Freund an. So einen Ausbruch hatte er bei ihm noch nie erlebt. Dan war so wütend, dass er seine Drohung wahr machen würde. Das durfte Jayden nicht zulassen. Er wandte sich an Rena, die inzwischen wieder den Blick gesenkt hatte. Ihre Wangen waren gerötet, ihre ganze Körperhaltung angespannt. Jayden zwickten Gewissensbisse. Eine Entschuldigung war tatsächlich angebracht. »Tut mir leid, Rena. Ich hab’s nicht so gemeint.«
   Sie nickte, ohne den Blick zu heben. Jaydens Kehle wurde eng. Offenbar konnte sie seine Entschuldigung nicht wirklich annehmen. Warum hatte er diesen Mist bloß gesagt? Es stimmte ja nicht einmal. Aber jetzt war es zu spät.
   Zumindest Dan entspannte sich wieder. Er blätterte in dem kaffeebefleckten Vertrag und erläuterte den nächsten Punkt. Jayden hörte ihm nicht zu. Er beobachtete Rena, die aufgestanden war und durch sein Wohnzimmer schlenderte. Machte sie das, weil sie seine Nähe nicht ertrug? Der Gedanke machte Jayden wahnsinnig, weil sein schlechtes Gewissen ihn piesackte. Er musste das irgendwie wiedergutmachen.
   Ein Stift knallte auf seinen Handrücken, und Jayden zuckte zusammen und sah Dan an, der ihn stirnrunzelnd musterte.
   »Hör mir zu, das ist wichtig. Schließlich unterschreibst du den Vertrag gleich.«
   Jayden nickte geistesabwesend und streckte die Hand aus. »Mach ich. Gib mir den Stift.«
   Dan schüttelte den Kopf und hielt den Füllhalter aus seiner Reichweite. »Nein, erst erkläre ich dir noch ein paar Punkte.«
   Jayden seufzte. Sein Blick wanderte unwillkürlich wieder zur Rena, während Dan seinen langweiligen Vortrag fortsetzte. Sie blickte eine Weile durch die geöffneten Türen der Dachterrasse auf den Pool und schlenderte weiter zu seinem Aquarium. Dort legte sie den Kopf schräg und beobachtete lächelnd, wie die Fische ihre Bahnen zogen. Dann stieg sie auf den niedrigen Sockel neben dem Aquarium, um von oben hineinzusehen. Sie reckte sich, wobei ihr Rock etwas nach oben rutschte. Jayden konnte nicht anders, er starrte fasziniert auf ihre angespannten Wadenmuskeln. Obwohl sie klein und zart war, hatte sie perfekte Beine. Welchen Sport sie wohl betrieb?
   Jayden zuckte zusammen, als Dan ihn anstupste. Seine Stimme klang ungeduldig. »Hör zu, dieser Punkt ist wichtig. Rena kann nicht zur Verantwortung gezogen werden, wenn du nicht auf sie hörst und beispielsweise in einem Klub randalierst. Hast du das verstanden?«
   Widerwillig sah Jayden Dan an. »Ja, ja. Schon kapiert. Kann ich jetzt unterschreiben?«
   Dan stöhnte und schüttelte den Kopf. »Du solltest das ernster nehmen. Pass endlich auf. Zum nächsten Punkt.«
   Jayden wandte den Blick wieder Rena zu – und erstarrte. Die junge Frau hatte die Abdeckung des Aquariums zur Seite geschoben und hielt ihre Hand ins Wasser. Die Fische schwammen bereits auf ihre Finger zu.
   Jayden sprang auf. »Nein!« Dann rannte er zum Aquarium. Die Fische kamen Renas Fingern immer näher. Jaydens Herzschlag raste. Würde er es rechtzeitig schaffen?
    »Rena, Finger weg! Das sind Piranhas«, rief Dan hinter ihm.
   Jayden kam bei Rena an und wollte ihren Arm zurückreißen. Aber sie wich ihm mit einem Lächeln aus. »Warum regt ihr euch so auf? Ich weiß, dass das Piranhas sind. Die tun nichts, solange sie kein Blut riechen. Aber sie lecken Menschen gern das Salz von den Fingern. Seht ihr?«
   Tatsächlich nuckelten jetzt drei der Fische an ihrer Haut, während die anderen sich dahinterdrängten, um auch an die Reihe zu kommen. Jayden ließ seinen Arm sinken und schaute dem Spektakel sprachlos zu. Die Fische drängelten sich um Renas Finger, und sie kicherte so vergnügt wie ein kleines Mädchen. Jayden ließ die angehaltene Luft entweichen. Diese Frau trieb ihn in den Wahnsinn.
   Er räusperte sich. »Ich hatte keine Ahnung, dass die so was machen. Woher wusstest du das? Hast du Biologie studiert?«
   Rena schüttelte den Kopf und zwei lockige Strähnen, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatten, schwangen um ihr Gesicht. »Nein, englische Literatur. Aber ich habe mal eine Dokumentation über Piranhas gesehen. Das hier wollte ich schon immer mal ausprobieren.« Sie kicherte wieder. Entweder kitzelten die Fische sie oder sie fand die Situation so lustig.
   Jayden schmunzelte. Sie klang wie ein fröhliches, kleines Mädchen, nicht so gekünstelt wie die meisten seiner Kolleginnen.
   Schließlich zog Rena die Hand aus dem Wasser und schob die Abdeckung an ihren Platz zurück. Sie wollte vom Sockel steigen, aber Jayden stand davor und versperrte ihr den Weg. Jetzt konnte er ihr in die Augen sehen. Der Schmerz war daraus verschwunden und hatte Fröhlichkeit Platz gemacht. Ein Lächeln zuckte um ihre fein geschwungenen Lippen. Jayden konnte nicht widerstehen. Er legte die Hände um ihre Taille und hob sie vom Sockel. Sie wog kaum mehr als ein Kind, und ihr Körper war erstaunlich biegsam. Auch nachdem er sie abgesetzt hatte, löste er daher seinen Griff um ihre Taille nicht.
   Bis sie einen Schritt zurück machte, den Kopf in den Nacken warf und ihn anfunkelte. Das Feuer in ihren Augen hypnotisierte ihn. Aber ihre Worte waren wie ein kalter Guss. »Was soll das? Ich bin kein Kind, das man einfach hochhebt. Stell dir vor, man würde das mit dir machen.«
   Das fiel Jayden schwer, da er groß und muskulös war. Seine Lippen zuckten, woraufhin ihre Augen noch mehr Funken sprühten. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Denkst du, das ist witzig? Ich finde es nämlich respektlos. Wenn wir uns nicht mal bei solchen Kleinigkeiten einig werden, sollten wir das Ganze lassen.«
   Rena wirbelte herum und stapfte durch die Türen der Dachterrasse ins Freie. Vor dem Pool blieb sie mit dem Rücken zu ihm gewandt stehen. Jayden sah Dan an, der neben ihn getreten war. »Was habe ich denn so Schlimmes gemacht?«, fragte er verwirrt.
   Dan seufzte und rieb über die blonden Stoppeln auf seiner Wange. »Eigentlich nichts. Aber Rena ist bei so was sehr empfindlich, weil sie so klein und zierlich ist. Sie will nicht wie ein Kind oder ein Püppchen behandelt werden, sondern wie eine erwachsene Frau, was sie ja auch ist. Sie verabscheut es, wenn man sie hochhebt oder sich direkt vor ihr aufbaut, sodass sie den Kopf in den Nacken legen muss.« Dan ruckelte an der Abdeckung des Aquariums herum, obwohl Rena sie bereits zurückgeschoben hatte. Das Thema schien ihm unangenehm zu sein.
   »Ich rede mit ihr, damit sie den Vertrag unterschreibt.« Dan ging auf die Dachterrasse und legte seiner Schwester eine Hand auf die Schulter. Sie drehte sich zu ihm um, und die beiden sprachen so leise miteinander, dass Jayden nichts verstand. Er trat von einem Bein aufs andere. Hoffentlich konnte Dan das in Ordnung bringen. Inzwischen hatte er sich mit dem Gedanken angefreundet, dass Rena seine Aufpasserin sein würde. Er wollte unbedingt sehen, wie sie sich in einem Promi-Klub verhielt. Das wäre bei ihrem Temperament spannend.

*

Rena erschrak, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte. Aber es war zum Glück nur Dan. Sie bebte immer noch, weil Jayden ihr so nah gekommen war und sie sogar berührt hatte. Sein Benehmen war indiskutabel. Trotzdem übte er eine solche Anziehungskraft auf sie aus, dass sie sich kaum traute, ihn anzusehen, weil sie fürchtete, feuerrot zu werden und ins Stottern zu kommen.
   Sie schluckte hart und bemerkte, dass Dan sie mitfühlend anlächelte. »Jayden platzt oft mit Sachen raus, die er nicht so meint. Er ist impulsiv und hitzig. Verletzen will er aber niemanden. Man muss bei ihm ein dickes Fell haben.«
   Rena wandte den Blick von Dan ab und betrachtete das glitzernde Wasser des Pools. Sie war so erhitzt, dass sie am liebsten vollständig bekleidet hineingesprungen wäre. Wo sollte das enden, wenn sie dauernd mit Jayden unterwegs war? Sie konnte wohl kaum eine Kühltasche mit Kaltkompressen mit sich herumschleppen. Ihr verschwommenes Spiegelbild sah ihr zweifelnd aus dem Pool entgegen. Nein, das würde nicht funktionieren.
   Sie hob den Kopf und sah Dan in die Augen. »Ich habe mich anders entschieden. Diesen Vertrag kann ich nicht unterschreiben. Gegen Jaydens Eigensinn habe ich keine Chance. Wir würden uns gegenseitig wahnsinnig machen.« Natürlich konnte sie Dan nicht sagen, dass sie damit in ihrem Fall sexuellen Wahnsinn meinte.
   Er legte die Hände auf ihre Schultern und drückte sanft. »Du schaffst das. Denk mal dran, was du schon alles geleistet hast. Immer Jahrgangsbeste, in deinem Alter schon Doktorandin und von dem, was du auf der Bühne hinlegst, will ich gar nicht anfangen. Da ist es eine Kleinigkeit für dich, mit Jayden fertigzuwerden.«
   Rena seufzte, weil Dan sie nicht verstand. Wie denn auch? Sie konnte ihrem Bruder nicht erzählen, wie sie für Jayden schwärmte, wie anziehend sie ihn fand. Wenn sie sich nur eine Minute nicht unter Kontrolle hätte, könnte wer weiß was passieren. »Wahrscheinlich hast du recht. Die Frage ist, ob ich es will. Mein Nervenkostüm ist nicht das Beste. Du hast selbst gerade aufgezählt, was ich alles auf der Agenda habe. Und dann soll ich zusätzlich auf einen Playboy aufpassen, der im dauerhaften Party-Modus ist?«
   Dan schloss kurz die Augen, atmete tief durch und ließ die Arme sinken. »Okay, du hast die Wahl. Entweder arbeitest du zwei Monate für Jayden, oder ich gebe dir zehntausend Dollar.« Als Rena den Kopf schüttelte, hob Dan einen mahnenden Finger, und sie hielt mitten in der Bewegung inne. »Wenn du beides ablehnst, rufe ich Mom an und erzähle ihr, wie du lebst. Ratten im Waschkeller, Kriminelle als Nachbarn …«
   Rena stieß einen kleinen Schrei aus und boxte Dan gegen die Schulter. »Das würdest du nicht wagen!« Doch sie sah in seinen Augen, dass er es ernst meinte. Das durfte sie nicht zulassen. Wenn ihre Mutter erfuhr, wie sie lebte, würde sie aus Florida angerauscht kommen und mit der immer gleichen Standpauke über sie herfallen, dass sie besser geheiratet hätte, als ständig über den Büchern zu sitzen. Das wäre die Hölle für Rena. Aber Geld von ihrem Bruder wollte sie auch auf keinen Fall annehmen.
   Sie schielte durch die Türen zu Jayden hinüber, der immer noch vor dem Aquarium stand. Er hatte sich nicht gerührt, machte keine Anstalten, die Geschwister bei ihrer Diskussion zu unterbrechen oder sie zu belauschen. Ein Pluspunkt für ihn. So übel war er vielleicht gar nicht. Für ihn war die Situation auch nicht einfach. Sein Agent hatte ihm die Pistole auf die Brust gesetzt: Entweder eine Aufpasserin, oder er verlor seine Rolle in String Worlds.
   Rena nagte an der Unterlippe. Was sollte sie bloß machen? Würde sie ihre Hormone im Ernstfall unter Kontrolle haben? Wenn ihr das gelang, winkten ihr zehntausend Dollar als Belohnung. Und eine Zeit, die sie nie vergessen würde.
   In diesem Moment hörte sie ein Knurren, und eine schwarze Katze mit zerrupftem Fell humpelte an ihnen vorbei. Sie hinterließ eine Linie aus Blutströpfchen, und Renas Brust zog sich sofort schmerzlich zusammen.
   Doch bevor sie dem Tier zur Hilfe eilen konnte, kam Jayden mit schnellen Schritten heran. »Tugger! Was ist passiert? Hast du dich wieder mit der Katze von nebenan geprügelt? Müssen wir zu Dr. Jennings?« Er runzelte die Stirn, und seine Stimme klang so liebevoll und besorgt, wie Rena sie nie zuvor gehört hatte. Jayden bückte sich und hob den mitleidheischend maunzenden Kater auf. Behutsam untersuchte er das Tier und murmelte dabei beruhigend. Dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. »Nur eine Schramme auf deiner Nase. Hast du nicht schon genug Narben? Willst du damit die Damen beeindrucken?« Jayden hob den Blick zu ihr und Dan. »Ich verarzte Tugger rasch. Bin gleich zurück.«
   Beruhigend auf die Katze einredend verschwand Jayden im hinteren Bereich der Wohnung. Rena sah ihm mit offenem Mund nach. Es war, als hätte sie plötzlich einen anderen Mann vor sich gehabt. Das übertrieben selbstbewusste und coole Verhalten war verschwunden. Stattdessen hatte sie einen fürsorglichen, liebevollen Katzenvater erlebt. Und sie hatte sich dabei erwischt, wie sie sich vorstellte, dass sie es wäre, die so sanft von ihm gestreichelt wurde.
   Ihre Wangen wurden heiß. Wenn sie davon absah, dass sein anziehendes Verhalten sie verunsicherte, hatte er eben bewiesen, dass er nicht nur ein selbstgefälliger Narzisst war. Und das machte Rena neugierig. Vielleicht steckte mehr von seiner Rolle Andrew Flint in ihm, als sie vermutet hatte.
   Rena fasste einen Entschluss. Sie ging ins Wohnzimmer zurück, setzte sich auf die Couch und unterschrieb den kaffeeverschmierten Vertrag. Dan war ihr gefolgt. Als sie lächelnd zu ihm aufsah, bemerkte sie seine Überraschung. Er musterte sie mit gerunzelter Stirn. »Wieso der plötzliche Sinneswandel?«
   Rena zuckte mit den Schultern und lehnte sich betont lässig auf der Couch zurück. Auf keinen Fall durfte sie sich ihren wahren Beweggrund anmerken lassen. Dann würde Dan den Vertrag sofort zerreißen. »Ich will nicht mit Mom über mein Leben diskutieren. Außerdem habe ich es tatsächlich satt, nie genug Geld zu haben.«
   Dan kniff die Augen zusammen und starrte sie misstrauisch an. Rena mobilisierte ihre gesamten, kaum vorhandenen schauspielerischen Fähigkeiten, um eine gelassene Mimik beizubehalten. Sie griff nach einem Keks und biss hinein. Als sie Dan wieder ansah, stand sein Mund offen und seine Augen waren kugelrund. Er ließ sich in den Sessel vor ihr fallen und schluckte sichtbar. »Okay, raus mit der Sprache. Was ist hier wirklich los? Du isst sonst nie Süßes. Seit ich dir das mit Jayden vorgeschlagen habe, benimmst du dich nicht mehr wie die Rena, die ich kenne. Das ist gespenstisch. Irgendwas verheimlichst du vor mir. Ich will es wissen, bevor ich dich mit Jayden losziehen lasse.«
   Rena senkte den Keks und riss die Augen auf. Sie hoffte, dass die gespielte Entrüstung in ihrer Stimme glaubhaft war. »Also echt, erst erpresst du mich, und wenn ich aus Angst vor Mom nachgebe, willst du mir verbieten, meiner Arbeit nachzugehen. Was denn nun?«
   Dan beäugte sie so misstrauisch wie damals, als sie eine nackte Frau auf seine Mathe-Hausaufgaben gezeichnet hatte, und er es gleichzeitig mit dem Lehrer entdeckte. Sie hatte ihre Täterschaft bestritten, weil Dan zuvor ihr Tutu zusammengetackert hatte. Rena hoffte, dass ihre Lippen bei dieser Erinnerung nicht zuckten, denn ihre Mom hatte Dan einen einstündigen Vortrag über Respekt vor Frauen gehalten.
   Dan musterte sie immer noch skeptisch. Schließlich seufzte er, zuckte mit den Schultern und resignierte offensichtlich. »Okay. Ich hoffe, dass es wirklich nur an deiner Angst vor Mom liegt. Könnte ich verstehen.« Er grinste und nahm sich einen weiteren Keks. Jetzt sah er wieder wie ein zufriedener, großer Junge aus. Ein Junge, der manchmal seine gute Erziehung vergaß. »Ich will dir wirklich nur helfen«, nuschelte er mit vollem Mund. »Erpressung war mein letztes Mittel. Du und Jayden, ihr seid beide so stur. Man muss euch zu eurem Glück zwingen.«
   Diese Bemerkung dämpfte Renas Laune schlagartig. Sie brauchte niemanden, der ihr ungefragt zu angeblichem Glück verhalf. Dan spielte sich, seit ihre Eltern vor drei Jahren nach Florida gezogen waren, zu oft wie ein Ersatzvater auf. Sie konnte verstehen, dass Jayden gereizt reagierte, wenn er sich bei ihm ähnlich benahm. Plötzlich verspürte sie eine Art Kameraderie mit Jayden, sie und er gegen Dan, der in seine Schranken gewiesen werden musste. Das gefiel ihr.
   In diesem Moment kam Jayden mit Tugger auf dem Arm ins Wohnzimmer zurück. Die Katze schnurrte zufrieden, ihr Schwanz zuckte hin und her. Jetzt sah Rena, dass Tugger einen kleinen weißen Fleck auf der Brust hatte, als hätte er sich mit Ei bekleckert. Sie lächelte. Der Kater war wirklich süß. Sie streckte die Hände nach ihm aus. »Darf ich ihn mal nehmen?«
   Tugger fauchte und schaffte es, auf Jaydens Arm einen Buckel zu machen. Seine grünen Augen sprühten Funken. Erschrocken ließ Rena die Arme sinken. Normalerweise reagierten Tiere positiv auf sie, weil sie spürten, wie sehr Rena sie mochte.
   Jayden zog die Katze enger an sich. »Tugger! Was soll denn das? Rena tut dir nichts. Sei nicht immer so fies zu meinen Gästen.«
   Jayden setzte den Kater ab, der sofort unter das Sofa schoss und aus Leibeskräften fauchte. Sein Besitzer zuckte mit den Schultern und lächelte entschuldigend. »Er mag Fremde nicht. Leider. Es hat schon oft kleinere Blessuren gegeben. Bei meinen Gästen, nicht bei Tugger. Also fasst ihn lieber nicht an.«
   Dan schnaubte. »Diesem Teufelsvieh komme ich nicht nahe. Der kratzt und beißt. Verstanden, Rena? Das ist kein liebes Schmusekätzchen.«
   Rena zuckte mit den Schultern. Das war schade, weil sein Fell so weich aussah. Aber sie legte keinen Wert auf Kratzer oder Bisswunden. Hoffentlich war das kein Hinweis darauf, wie sich Jayden benahm, wenn er schlechte Laune hatte.
   Dan biss inzwischen in den dritten Keks. »Rena hat den Vertrag übrigens unterschrieben, Jayden.«
   Sie sah, wie Jaydens dunkelblaue Augen aufleuchteten und sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete. Fasziniert starrte sie ihn an. So von Herzen hatte sie noch nie jemandem lächeln sehen. Es berührte etwas in ihrem Inneren. Ihr Puls beschleunigte sich. Am liebsten wäre sie zum ihm gegangen und hätte ihn nur wegen dieses Lächelns geküsst.
   In diesem Moment beugte sich Jayden vor, und der Bann war gebrochen. Er griff nach dem Vertrag, blätterte zur letzten Seite und unterzeichnete. Dann hob er den Kopf und lächelte Rena wieder an. Er würde sie in den Wahnsinn treiben. Ganz sicher. Es blitzte in den dunklen Tiefen seiner Augen.
   »Ab sofort bist du mir also ausgeliefert.«

Kapitel 2

Jaydens Worte hallten wieder einmal in Renas Kopf nach: Du bist mir ausgeliefert.
   Es war drei Tage her, dass er sie gesagt hatte, aber die Erinnerung jagte ihr immer noch Schauder den Rücken hinunter, die aus Aufregung und einem Anflug von Angst entstanden. Sie setzte sich mit der vierten Tasse Kaffee des Tages an den Schreibtisch zurück und griff nach der nächsten Semesterarbeit. Dabei mahnte sie sich zur Konzentration. Es war wichtig, dass sie die Arbeiten so schnell wie möglich benotete. Wer weiß, wann sie Jayden begleiten musste und wie viel Zeit sie das kosten würde.
   Bisher hatte er sich nicht bei ihr gemeldet, und von Dan hatte sie auch nichts gehört. Das machte sie kribbelig und lenkte sie von ihren Aufgaben ab. Sie sagte sich immer wieder, dass sie sich freuen sollte, denn sie musste für viel Geld nichts tun. Aber die Wahrheit war, dass sie Jayden wiedersehen, ihn besser kennenlernen wollte. Ihr bisheriger Eindruck von ihm war ambivalent. Seine Attraktivität sprach für ihn, das musste sie zugeben, die daraus resultierende Eitelkeit und Selbstverliebtheit nervten sie allerdings. Auf der anderen Seite liebte er Tiere, war nicht auf den Kopf gefallen und hatte Humor.
   Rena seufzte, setzte ihre Brille auf und las die ersten Sätze der nächsten Semesterarbeit. Sie hatte gerade wieder von vorn angefangen, weil sie wegen fehlender Konzentration nichts verstanden hatte, als das Telefon klingelte. Rena sprang so hastig auf, dass sich ihr Fuß hinter dem Tischbein verhakte und sie beinahe gestürzt wäre. Fluchend stolperte sie zur Couch und schnappte ihr Handy. Ihr »Ja?« klang daher ziemlich genervt.
   Der Anrufer sagte einen Moment nichts, was Renas Puls hochgehen ließ. Wenn das ein Student war, würde sie ihm dieses Mal die Meinung geigen. Sie würde mit keinem von ihnen etwas anfangen, weil er bessere Noten wollte.
   »Hast du schlechte Laune?«
   Jayden. Ihr Herz stockte, machte dann einen Satz und begann zu rasen. Das konnte nicht gesund sein. Rena ließ sich auf die Couch plumpsen, wodurch einige Papiere zu Boden rutschten. Sie schluckte. »Hallo, Jayden. Nein, bei mir ist alles okay.«
   Er lachte gänsehauterzeugend. »Freut mich, denn ich will dich für heute Abend buchen.«
   Rena erstarrte. Ein paar Sekunden lang konnte sie nichts sagen. Dann stieg ihr das Blut heiß zu Kopf. Sie atmete tief durch. »Buchen? Was glaubst du, wer ich bin? Ein Escort-Mädchen?« Rena hätte noch viel mehr auf Lager gehabt, so regte sie sich über seine Unverschämtheit auf. Doch sie hörte ihn rufen und hielt inne.
   »Langsam, langsam. So habe ich es nicht gemeint. Ich habe nur den falschen Ausdruck gewählt, worauf du offenbar sensibel reagierst. Kein Wunder, wenn man sich so intensiv mit Literatur und Sprache beschäftigt. Ich bin da lockerer. Gewöhn dich am besten dran.« Er lachte wieder, und Rena verzieh ihm. Viel zu schnell, wie sie sich selbst ermahnte.
   Sie hörte im Hintergrund Wasser plätschern und stellte sich Jayden in Badehose am Pool vor. Oh, nein, keine gute Idee. Rena biss sich auf die Lippe, um nicht sehnsüchtig zu seufzen.
   Seine Stimme an ihrem Ohr lenkte sie von ihren Fantasien ab. »Also, hast du heute Abend Zeit? Solltest du eigentlich. Ist durch Dan vertraglich geregelt.« Dieses Mal konnte Rena ein empörtes Schnauben nicht unterdrücken. Mit diesem Vertrag hatte er sie nicht gekauft, was er leider zu glauben schien. »Hast du was gesagt?«
   Rena schüttelte den Kopf. Eine Diskussion mit ihm hätte sowieso keinen Zweck. »Nein, nein. Worum geht es heute Abend denn?«
   Noch mehr Geplätscher. In ihrer Wohnung war es drückend warm, und Jayden genoss den Sommer am Pool. Wie unfair. Am schlimmsten war aber, dass sie ihn dabei nur hörte, nicht sah.
   »Ich treffe mich mit ein paar Kollegen im Crazy Horse. Du musst mit, weil es in dem Klub doch tatsächlich Alkohol gibt.« Er machte eine Pause, und es klang einen Moment lang so, als hätte er sein Handy im Pool versenkt. Rena verdrehte die Augen. »Der Schuppen ist gerade total in. Da gehen viele Promis hin. Alles sehr schick. Also verwurstel dein Haar nicht wieder so und zieh was Hippes an.«
   Rena erstarrte. Es war, als hätte sich eine eisige Speerspitze in ihre Magengrube gebohrt. Was sollte sie nicht mit ihrem Haar machen? Wieso hatte er etwas gegen einen französischen Zopf einzuwenden? Und traute er ihr nicht zu, sich angemessen für einen angesagten Klub anzuziehen? Rena konnte sich nicht entscheiden, ob sie wütend oder betroffen sein sollte. Nur eins war ihr klar: Es hätte keinen Zweck, Jayden darauf hinzuweisen, dass er sich wie ein Idiot benahm. Wenn er das wüsste, hätte er solchen Schwachsinn erst gar nicht gesagt.
   Sie räusperte sich. »Natürlich. Offenes Haar und schickes Kleid. Sonst noch was?«
   »Äh … Nein, im Moment fällt mir nichts ein. Ich hole dich gegen neun Uhr ab. Wo wohnst du?«
   Rena nannte ihm ihre Adresse, wobei er ihren Eistruhenton nicht bemerkte. Wie denn auch? Er war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Nachdem er aufgelegt hatte, warf Rena das Handy angewidert von sich. Zum Glück landete es in einer Sofaecke. Jayden war so ein arroganter Kerl. Wahrscheinlich hatte er ihr für immer den Spaß an String Worlds verdorben, was in Renas Augen eine Todsünde war.
   Nach und nach sickerten Jaydens Worte in ihren Gedankenfluss: schicker Klub, Promis, hippe Klamotten. Renas Atem beschleunigte sich schlagartig. Mein Gott, was, wenn da Leute wie George Clooney oder Ben Affleck auftauchten? Sie sprang auf und raste ins Schlafzimmer zu ihrem Kleiderschrank, riss die Türen auf. Hektisch schob sie die Kleiderbügel hin und her, verwarf ein Outfit nach dem anderen. Um Himmels willen, hatte sie denn nur verwaschene, aus der Mode gekommene Sachen? So konnte sie sich nicht in solch einem Klub blicken lassen. Panik drohte sie zu übermannen.
   Rena mahnte sich zur Ruhe. Was für Optionen hatte sie? Einkaufen? Aber was trug man in so einem Klub? Und was kostete das? Bisher hatte sie von Dan erst ein paar hundert Dollar bekommen, mit denen sie notfalls Barkeeper bestechen sollte. Aber ihr monatliches Honorar bekam sie rückwirkend. Rena nagte an der Unterlippe. Dann rannte sie ins Wohnzimmer und schnappte ihr Handy. Eileen war ihre letzte Rettung. Ihre Schwägerin musste ihr helfen.
   Zum Glück ging Eileen sofort dran, sonst hätte sie Dan alles erklären müssen. »Du musst mir helfen. Ganz schnell«, keuchte Rena atemlos.
   Sie hörte, wie Eileen scharf die Luft einsog. »Rena? Was ist passiert? Geht es dir gut? Warum …«
   »Alles okay, mir geht’s gut. Ich bin nur in Panik. Heute Abend muss ich mit Jayden in einen Promiklub und habe keine Ahnung, was ich anziehen soll. Hilf mir!«
   Eileens erheitertes Lachen perlte aus dem Hörer. »Erschreck mich doch nicht so. Ich gehe davon aus, dass dein Schrank nichts hergibt?«
   Rena schnaufte und ließ sich tiefer in die Sofapolster sinken. »Richtig. Und Geld zum Einkaufen habe ich auch noch nicht. Was soll ich bloß machen?« Der jammernde Unterton ihrer Stimme gefiel Rena nicht. Sie atmete tief durch.
   Rena hörte Eileens unterdrücktes Lachen. »Ganz ruhig. Ich finde eine Lösung. Tatsächlich habe ich schon eine Idee. Bin in etwa einer Stunde bei dir.«
   Es knackte im Hörer, und Eileen war weg. Mit einem Aufstöhnen legte Rena das Telefon beiseite. Was nun? Zum Arbeiten war sie zu nervös. Also unter die Dusche.
   Als es eine Stunde später klingelte, mühte sich Rena gerade verzweifelt, ihre unbändigen Naturlocken unter Kontrolle zu bringen. Wenn sie ihr Haar nicht flocht, stand es in wilden Kringeln von ihrem Kopf ab. Sie verbrauchte flaschenweise Haarspray, bis es normal aussah. Aber dieser arrogante Jayden wollte ja nicht, dass sie es flocht.
   Rena schlug so hart auf den Türöffner, dass ihre Handkante es ihr übel nahm. Schimpfend drückte sie die Wohnungstür auf und stapfte dann ins Bad zurück, um ihren Haaren Manieren beizubringen. Sie hatte gerade festgestellt, dass die Locken auf ihrer rechten Seite schon wieder machten, was sie wollten, als Eileens fröhliches Hallo durch die Wohnung hallte. Ihre Schwägerin schob den Kopf ins Bad, warf einen Blick auf Rena und sagte: »Gut, dass ich das Glätteisen mitgebracht habe. Komm mit ins Wohnzimmer.«
   Vor Erleichterung seufzend gab Rena ihre Bemühungen auf und folgte Eileen, die im Wohnzimmer eine überdimensionale Tüte auspackte. Dabei plauderte sie munter. »Ich habe ein Kleid von Susan geliehen. Sie hat deine Größe. Sieht heiß aus, finde ich.«
   Eileen hielt ein winziges Stück leuchtendroter Seide hoch, das niemals ein ganzes Kleid sein konnte. Bevor Rena danach greifen konnte, legte Eileen es auf die Couch und hielt goldene Pumps mit halsbrecherischen Absätzen hoch. »Die passen dazu. Hier ist eine Clutch in derselben Farbe. Dazu ein bisschen Goldschmuck von mir.« Eileen sah sie mit einem strahlenden Lächeln an. »Na, wie habe ich das gemacht?«
   Rena schluckte hart. In ihrer Kehle saß ein orangengroßer Kloß, und ihr Magen tanzte Samba. Sie wollte nicht mit Jayden in diesen Klub gehen. Panik erfasste sie. Das war schlimmer als das Lampenfieber, wenn sie bei einer Ballettaufführung auf die Bühne musste. Sie schüttelte den Kopf und ging rückwärts, bis sie gegen den Schrank stieß. »Ich kann das nicht, Eileen. Ruf Dan an. Bitte«, presste sie unter größter Mühe hervor.
   Eileens graue Augen weiteten sich. Sie ließ alles fallen, was sie in den Händen hatte und kam mit schnellen Schritten zu Rena. Dann drückte sie Rena fest an sich, hielt sie eine Weile so und küsste sie auf die Wange, bevor sie sie wieder losließ. »Süße, was ist denn los? Du siehst aus, als hättest du Todesangst.«
   Rena nickte so heftig, dass ihre Locken vergaßen, dass sie sie mit Haarspray behandelt hatte. »Genauso fühle ich mich. Ich kann nicht in diesen Klub. Da sind lauter Promis. Es ist Monate her, dass ich auf einer normalen Party war. Und jetzt gleich so was …«
   Eileen führte sie zum Sofa, wo sie sich setzten. Dann strich sie ihr die explodierten Locken zurück. »Ich will dir nicht zu nahetreten, aber ist das wirklich der Grund?«
   Rena hob den Kopf und starrte ihre Schwägerin an. In deren Blick mischte sich Gewissheit mit Erheiterung. Aber Eileen konnte nichts von ihrer Schwärmerei für Jayden wissen. Die wenigen Fotos und Fanartikel, die sie hatte, hielt sie im Schlafzimmer in Schubladen versteckt.
   Das Schweigen zwischen ihnen dehnte sich, bis Eileen schließlich seufzte. »Es ist mir peinlich und ich möchte mich dafür entschuldigen. Als Dan und ich neulich hier waren, futterte er einen Keks nach dem anderen. Er soll aber nicht noch mehr zunehmen. Dann ging er ins Bad und du gleichzeitig ans Telefon. Das nutzte ich, um die Keksdose in dein Schlafzimmer zu bringen. Neben deinem Kopfkissen lag dieses Einsteckalbum …«
   O nein. Von einer Sekunde zur anderen brannten Renas Wangen, als hätte sie drei Stunden in der Sonne gelegen. Sie kam sich vor wie ein Teenager, der seine Hormone nicht unter Kontrolle hatte. Das Album, in das sie Zeitungsausschnitte von Jayden steckte, hätte nie jemand sehen sollen. Es war ihr peinlich, dass sie Bilder von ihm sammelte. Auf der anderen Seite brachte sie es nicht über sich, das Album zu entsorgen. Sie senkte den Blick und zupfte an ihrer Shorts herum. Was musste Eileen jetzt von ihr denken?
   Ihre Schwägerin stupste sie sanft an. »Ich hatte in deinem Schlafzimmer nichts zu suchen. Es tut mir leid. Aber dir muss das nicht peinlich sein. Ich verstecke bis heute meine Bildersammlung von George Clooney vor Dan.«
   Rena riss den Kopf hoch und sah Eileen prüfend in die Augen. Aber ihre Schwägerin sagte tatsächlich die Wahrheit, sie wollte Rena nicht nur trösten. Also war sie nicht die einzige Frau, die wie eine Jugendliche für einen Promi schwärmte. Rena merkte, wie ihre Wangen wieder Normaltemperatur erreichten und sich ein zögerndes Lächeln auf ihre Lippen stahl. Schließlich grinste sie Eileen breit an. »Na ja, George ist auch ganz nett, aber mit Jayden kann er nicht mithalten.«
   Eileens Augen verwandelten sich in graue Golfbälle. So groß und rund konnten wirklich nur die Augen ihrer Schwägerin werden. Es war ein Phänomen. »Himmel, Rena, George ist ein Gott. Neben ihm gibt es keine anderen. Du hast eine Sünde begangen.«
   Rena ließ sich kichernd auf der Couch zurückfallen. Jetzt war sie wieder völlig entspannt. Es störte sie nicht mehr, dass Eileen ihr Geheimnis kannte. Vielleicht hatte das sogar Vorteile. Sie konnte endlich ab und zu mit jemandem über ihre Schwärmerei reden, ohne Gefahr zu laufen, ausgelacht zu werden.
   Eileen stupste sie an. Ihre Augen hatten wieder Normalgröße angenommen. »Wann kommt dein Jayden dich abholen?«
   Rena fuhr mit so viel Schwung hoch, dass sie von der Couch rutschte und unsanft auf dem Boden landete. Sofort rappelte sie sich auf die Füße, um Eileen ihren Todesblick zukommen zu lassen. Leider zuckte sie nicht einmal zusammen. Rena hoffte, dass ihr entrüsteter Tonfall mehr Wirkung zeigte. »Er ist nicht mein Jayden! Sag so was nicht, sonst rutscht es dir mal raus, wenn Dan oder Jayden es hören. Das wäre eine Katastrophe.«
   Eileen zuckte mit den Schultern und griff nach dem Kleid. »Okay, reg dich nicht auf. Hier, anprobieren. Wenn’s nicht passt, müssen wir uns was anderes überlegen.«
   Ein paar Minuten später stellte sich heraus, dass Rena und Eileen unterschiedliche Meinungen darüber hatten, ob ein Kleid passte. Die Seide schmiegte sich eng an Renas Körper und reichte bis knapp zur Mitte ihrer Oberschenkel. Auch beim Ausschnitt war an Stoff gespart worden. Rena erschrak, als sie in den Spiegel sah.
   »So kann ich nicht gehen. Ich sehe ja aus wie ein Escort-Mädchen.« Genau das musste sie unter allen Umständen vermeiden, denn sie erinnerte sich noch zu gut daran, dass Jayden davon gesprochen hatte, sie zu buchen.
   Eileen schüttelte energisch den Kopf. »Blödsinn. Das Kleid passt perfekt. Bei deiner Figur könntest du dir etwas noch Knapperes leisten. Du brauchst nicht mal einen Büstenhalter, du Glückliche. Behalt es an. Wenn du mehr bedeckst, siehst du im Klub aus wie eine Amish im Puff. Glaub mir.«
   Rena zuckte zusammen. War das wirklich so? Dann müssten die anderen Frauen dort ja halb nackt herumlaufen. Vielleicht war das für Hollywoods Promis normal. Mit einem Seufzen gab sie auf. Dann würde sie den Seidenfetzen, der angeblich ein Kleid war, eben anbehalten.

Eine Stunde später hatte Eileen dafür gesorgt, dass ihre Finger- und Fußnägel lackiert waren, ein dezentes Make-up ihre Augen leuchten ließ und die goldene Clutch mit allem Überlebenswichtigen gefüllt war. Das Schwierigste hatte sie sich bis zum Schluss aufgehoben: Renas Haar. Leise fluchend bearbeitete sie die eigenwilligen Locken mit dem Glätteisen, vernebelte das ganze Zimmer mit Haarspray und schob ziepende Klammern an alle möglichen Stellen.
   Rena hatte keine Ahnung, ob das Ergebnis irgendwie präsentabel sein würde. Sie nieste immer wieder, weil ihr Wolken von Haarspray in die Nase zogen. Schließlich reichte es Eileen.
   »Hör auf zu niesen. Du ruinierst dein Make-up, und deine Augen werden ganz rot.«
   Rena schniefte und warf ihrer Schwägerin einen mörderischen Blick zu. »Ich kann nichts dafür. Das sind die giftigen Dämpfe.«
   Im Spiegel sah sie, wie Eileen die Augen verdrehte und dann wieder mit dem Glätteisen auf ihre Haare losging wie David auf Goliath. Ob sie auch gewinnen würde? Rena hustete unterdrückt, warf einen Blick auf die Uhr – und erstarrte. »In einer halben Stunde ist Jayden da! Beeil dich.«
   Eileen ignorierte sie und konzentrierte sich ausschließlich auf ihre Locken, die sich gar nicht mehr so sehr kringelten. Geistesabwesend murmelte sie: »Nur die Ruhe. Der kommt ohnehin nicht pünktlich.«
   Rena verkrampfte die Hände ineinander und rutschte auf dem Stuhl hin und her. »Woher willst du das wissen?«
    »Er ist nicht nur ein Mann, sondern auch ein Promi. Der kommt aus Prinzip zu spät«, nuschelte Eileen durch die Haarklammern zwischen ihren Lippen.
   Rena hoffte, dass Eileen recht hatte. Es machte sie nervös genug, gleich Jayden zu treffen und mit ihm in einen Klub zu gehen, in dem sich weitere Promis befanden. Der Gedanke, nicht fertig zu sein, wenn er klingelte, trieb ihr den Schweiß aus allen Poren.
   Plötzlich trat Eileen zurück, zog den Stecker des Glätteisens aus der Dose und lächelte strahlend. »Fertig. Was sagst du?«
   Rena sprang auf, ging zum Ganzkörperspiegel, den Eileen aus dem Schlafzimmer ins Wohnzimmer geschleppt hatte und inspizierte ihr Erscheinungsbild. So hatte ihr Haar noch nie ausgesehen. Es fiel in sanften Wellen um ihr Gesicht und bis auf ihre Schultern. Wenn sie den Kopf bewegte, strich es weich über ihre nackte Haut.
   Durch das Make-up wirkten ihre Augen größer und leuchtender als sonst. Die Farbe wetteiferte mit ihrem Haar und dem knallroten Kleid. Der Schmuck und die goldenen Schuhe setzten weitere Farbakzente.
   Rena erkannte sich selbst nicht wieder – und war vollkommen verunsichert. Sie wäre nicht zu übersehen, selbst nicht in einem Klub voller Promis und gewagt gekleideter Starlets. Allein die ganzen Farben wirkten wie eine Signalflagge, mit der sie auf sich hinwies. Ihr Puls beschleunigte sich, und ihr Atem wurde immer schneller. Dann überwältigte sie ein solcher Schwindel, dass sie sich setzen musste.
   Eileen war sofort neben ihr und nahm ihre Hand. »Was ist denn, Rena? Du bist plötzlich ganz blass. Geht es dir nicht gut?«
   Sie schloss die Augen, atmete ein paar Mal tief durch und klammerte sich dabei an Eileens Hand. »Ich kann das nicht. Es geht einfach nicht. Ich falle vor Nervosität um. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und dann? Jayden wird nicht begeistert sein, wenn er mich vom Boden des Klubs aufsammeln muss.«
   Eileen ging neben ihrem Stuhl in die Hocke. Dann drückte sie ihre Finger noch fester. »Sieh mich an.« Widerwillig hob Rena die Lider und schaute auf ihre Schwägerin hinunter. Der Blick aus den grauen Augen war ernst geworden.
   »Und jetzt hör mir mal gut zu. Ich will dir nicht vorschreiben, was du tun sollst und was nicht. Aber meine Meinung sage ich dir, und ich hoffe, dass du darüber nachdenken wirst.« Eileen atmete tief durch und ließ die Luft langsam wieder entweichen. »Ich bewundere dich für das, was du in deinem Leben schon alles erreicht hast. Dein Bildungsweg, wie viel du dafür jobben musstest, deine Auftritte als Balletttänzerin. Erstaunlich, was du alles in einer einzigen Woche schaffst.«
   Rena musterte ihre Schwägerin, die einen Moment schwieg und den Blick senkte, verblüfft. Was war in Eileen gefahren? Kamen ausgerechnet jetzt philosophische Ratschläge? Dafür war Rena viel zu nervös. Schließlich würde Jayden gleich da sein. Ihr Herz übte bei diesem Gedanken Hochsprung. Aber Eileen war noch nicht fertig, und sie war es ihrer Schwägerin schuldig, ihr zuzuhören.
   Eileens Blick war nun wieder auf sie gerichtet, immer noch so ernst, dass es Rena langsam mulmig zumute wurde. »Vor der Leistung muss jeder den Hut ziehen. Aber das Leben besteht nicht nur aus Arbeit, Rena. Das scheinst du völlig aus dem Blick verloren zu haben. Wann warst du das letzte Mal auf einer Party? Wann war dein letztes Date? Hast du Freunde? Wie lange liegt deine letzte Beziehung zurück?«
   Rena spürte, wie ihr bei Eileens Worten die Tränen in die Augen traten. Sie hatte recht, und das war schrecklich. Was tat sich selbst eigentlich an? Doch sie konnte seit Jahren nicht anders. Immer wenn sie sich amüsieren gehen wollte, schien ihr Schreibtisch sie magisch anzuziehen. Ständig wartete Arbeit auf sie, die nicht aufgeschoben werden konnte.
   Eileen stand auf, legte einen Arm um ihre Schultern und drückte ihre Wange an Renas. »Süße, ich will dich nicht traurig machen. Im Gegenteil, ich möchte so sehr, dass du glücklicher wirst und nicht mehr so einsam bist. Sonst wachst du eines Tages auf, bist fünfzig und stellst fest, dass das Leben ohne dich stattgefunden hat.«
   Rena fuhr zusammen und musste sich auf die Lippe beißen, um nicht in Tränen auszubrechen. Warum tat Eileen ihr das an? Vor allem gerade jetzt?
   »Ich weiß, dass das kein geeigneter Zeitpunkt ist, um dieses Thema anzusprechen. Aber erstens liegt es mir schon lange auf der Seele, und zweitens muss ich verhindern, dass du dich wieder in deinem Elfenbeinturm einmauerst. Geh mit Jayden in diesen Klub. Wenn du es schrecklich findest, sprichst du danach mit Dan. Danach. Es ist wichtig, dass du das Neue, Aufregende zumindest in dein Leben lässt. Wenn es dir wirklich nicht gefällt, machst du es nicht wieder. Einverstanden?«
   Rena schloss die Augen, atmete ein paar Mal tief ein und aus, entspannte ihre verkrampften Hände und hob die Lider wieder. Sie sah Eileen an, ohne dass ihr die Tränen kamen. »Einverstanden. Aber wenn ich mich blamiere, werde ich dir wochenlang die Schuld dafür geben. Mindestens. Du wirst mich hassen.«
   In diesem Moment schrillte die Türklingel. Rena sprang mit einem solchen Satz auf, dass sie mit Eileen kollidierte und ihre Köpfe schmerzhaft zusammenstießen. Beide stöhnten auf. Dann blinzelte Eileen sie vorwurfsvoll an. »Es ist nicht mal neun. Wieso ist dein Jayden schon da?«
   Rena schnappte die Clutch und eilte zur Wohnungstür. »Das sollst du doch nicht sagen.«

*

Jayden sah über den Rand seiner Sonnenbrille an dem Haus hoch. Dan ließ zu, dass seine Schwester in einer solchen Bruchbude hauste? Und dazu noch im Vorort Compton? Die Gegend war so gefährlich, dass er seinen Porsche keine Sekunde aus den Augen lassen wollte und deswegen nur unten geklingelt hatte.
   Jetzt wartete er gespannt darauf, ob Rena pünktlich auftauchen oder ihn auf dem Handy anrufen würde, weil sie noch nicht fertig war. So kannte er es von allen Frauen, mit denen er ausgegangen war. Bisher war noch keine pünktlich gewesen, was Jayden hasste. Er selbst verspätete sich nur, wenn es einen Notfall gab, der meistens von Tugger hervorgerufen wurde. Ansonsten empfand er es als respektlos, zu spät zu kommen.
   Stirnrunzelnd fixierte er drei etwa zwölfjährige Jungen, die sich seinem Porsche näherten und dabei aufgeregt auf Spanisch redeten. Brachten die es fertig, den Wagen zu beschädigen, während der Besitzer direkt danebenstand? Zuzutrauen war es vielen Leuten in dieser Gegend. Die Kriminalitätsrate war hier so hoch wie nirgendwo sonst in Los Angeles.
   Die Jungs bedachten ihn mit spöttischen Blicken, einen Stinkefinger bekam er auch zu sehen, aber dann zogen sie weiter. Jayden schnaubte und wandte sich wieder dem heruntergekommenen Wohnhaus zu, vor dem er geparkt hatte. In diesem Moment öffnete sich die Tür mit einem Quietschen und eine zierliche Frau in einem leuchtendroten Minikleid trat heraus. Sofort glitt Jaydens Blick zu ihren Beinen. Diese grandiosen Waden kannte er doch. Er riss den Kopf wieder hoch.
   Rena kam mit einem etwas unsicheren Lächeln auf ihn zu. Erst einige Sekunden später merkte Jayden, dass er den Atem angehalten hatte, und holte schnell Luft. Sie sah im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend aus. Ihr zierlicher Körper hatte nur sanfte Rundungen, aber die waren fest und perfekt proportioniert. Und ihre Bewegungen erinnerten ihn an eine Gepardin.
   Sein Blick saugte sich förmlich an der glänzend roten Seide fest, die sich eng an ihren Leib schmiegte. Mein Gott, es war fast, als wäre sie nackt. Und sein Körper reagierte darauf. Schnell schob Jayden seine Sonnenbrille wieder nach oben und legte einen Fußknöchel über den anderen. Als Rena bei ihm ankam, nickte er ihr kurz zu, weil er seiner Stimme nicht traute, und öffnete die Beifahrertür des Porsche. Rena stieg ein, wobei sich Jayden einbildete, einen Blick auf ihr Höschen erhascht zu haben. Sofort wurde seine Erektion noch härter.
   Mit einem unterdrückten Fluch schlug er die Tür zu, ging um den Wagen herum und stieg auf der Fahrerseite ein. Dabei hoffte er inständig, dass Rena keinen genaueren Blick auf seine Hose warf. Sie schien das zu sein, was man als anständiges Mädchen bezeichnete und reagierte bestimmt nicht wie ein Starlet auf diesen Anblick.
   Jayden startete den Wagen und fuhr, so schnell es die Straßenverhältnisse erlaubten, aus Compton hinaus. Erst, als sie den Vorort hinter sich gelassen hatten, warf er Rena wieder einen Blick zu. Sie wirkte verkrampft und umklammerte die Handtasche auf ihrem Schoß. Ihr kupferfarbenes Haar fiel ihr heute in Wellen ums Gesicht und bis auf die schmalen Schultern. Jayden musste den Blick gewaltsam wieder von ihr losreißen.
   Er räusperte sich. »Wohnst du schon lange in Compton?«
   Aus den Augenwinkeln sah er, dass Rena ihm einen Blick zuwarf und dann schnell wieder nach vorn sah. Sie zuckte mit den Schultern. »Etwa drei Jahre. Seit sich meine Wohngemeinschaft aufgelöst hat.«
   Jayden schnaufte. Er war davon ausgegangen, dass die Wohnung eine Art Notlösung war. Aber dann würde sie wohl kaum schon seit Jahren dort leben. »Hast du keine Angst? Das ist eine gefährliche Gegend. Ich hätte da nicht mal mein Auto eine Sekunde alleingelassen, geschweige denn eine hübsche, junge Frau.«
   Dieses Mal sah Rena ihn länger an und lächelte sogar. Gut, sie war also nicht sauer und schien sich sogar ein wenig zu entspannen.
   »Ich bin dran gewöhnt und weiß, wie ich mich verhalten muss, damit nichts passiert. Mit einem Wagen, der um die fünfzigtausend Dollar gekostet hat, würde ich mich allerdings nicht nach Compton wagen. Ich bin verblüfft, dass du ihn noch hast.«
   Jayden hielt vor einer Ampel, was ihm Gelegenheit gab, Rena genauer zu mustern. Er konzentrierte sich dabei auf ihr Gesicht, weil er die Reaktion seines Körpers auf ihre Figur fürchtete. Ihre Miene war neutral. Kein Erröten, keine bewundernden Blicke, die ihm oder wenigstens seinem Porsche galten. Warum reagierte sie nicht so wie andere Frauen? Das verwirrte und frustrierte Jayden. Spontan kam ihm nur eine Möglichkeit in den Sinn, sie aus der Reserve zu locken.
   »Ich musste ihn gegen eine Gang verteidigen, bevor du kamst. Aber das ist er wert, findest du nicht?« Er verschwieg, dass die Gang aus Zwölfjährigen bestanden hatte, die ihn nicht behelligt hatten.
   Die Ampel sprang auf Grün. »Na ja, ich komme mir vor wie in einer riesigen rollenden Apfelsine. Wieso hast du ihn ausgerechnet in Orange gekauft?«
   Jayden fuhr an und fand vor Schreck den zweiten Gang nicht auf Anhieb. Er war vor Entrüstung ein paar Sekunden sprachlos. »In Silber und Schwarz hat diese Autos jeder! Irgendwie muss ich mich doch abheben. Und dieses knallige Orange ist cool. Du hast ja keine Ahnung.«
   Hatte er ein unterdrücktes Kichern vom Beifahrersitz gehört? Er riss den Kopf nach rechts. Doch Rena ließ sich außer einem kleinen Räuspern nichts anmerken. Jayden sah wieder nach vorn. Sie wohnte in einer Bruchbude in Compton und war von einem nagelneuen Porsche kein bisschen beeindruckt? Das ärgerte ihn, nötigte ihm gleichzeitig aber auch Respekt ab. Von seinen üblichen Begleiterinnen war er ganz Anderes gewohnt.
   Renas Stimme, in der ein Lachen mitschwang, riss ihn aus seinen Gedanken. »Wenn das Ding mit Orangenlimonade fährt, ist es jedenfalls sparsam und umweltschonend.«
   Und dann erlitt dieser süße kleine Kobold einen Lachanfall, der seinesgleichen suchte. Jayden bemühte sich, wütend auf sie zu sein. Sie hatte sich über sein prächtiges neues Statussymbol lustig gemacht. So etwas brachte jeden Mann in Rage. Aber er konnte nicht. Stattdessen entwickelten seine Mundwinkel einen verdächtigten Drang nach oben, und in seiner Kehle wollte ein Lachen aufsteigen. Nein, auf keinen Fall. Diese Genugtuung würde er ihr nicht gönnen.
   Stattdessen knurrte er möglichst grollend und warf ihr einen düsteren Blick zu. Sie unterdrückte ihr Lachen, doch es schien ihr schwerzufallen. Darum musste eine kleine Retourkutsche sein.
   »Dein Kleid ist okay. Zumindest wirst du im Crazy Horse nicht negativ auffallen.«
   Aus den Augenwinkeln sah er, dass sie mit den Schultern zuckte und sich gelassen eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich. »Diese Seidenserviette ist nur geborgt. So was würde ich mir nie kaufen.«
   Seidenserviette? Oh, das knappe Kleid. Jayden grinste und warf einen Blick auf ihre Beine und die kleinen Füße in den goldfarbenen Sandaletten. Tatsächlich würde sie locker mit den Frauen im Klub mithalten können.
   »Ein Jammer. Deine Freundin hat offenbar einen besseren Geschmack als du.«
   Jetzt hatte er ins Schwarze getroffen. Renas Miene verfinsterte sich, und sie schob schmollend die volle Unterlippe vor. »Als Dozentin kann ich vor meinen Studenten nicht so rumlaufen. Die sterben sonst an einer Überdosis Hormone.«
   Jetzt lachte Jayden. Er konnte sich nur zu gut vorstellen, wie die pickligen Bubis sabbernd auf ihre Beine starrten und ihnen dabei nichts gleichgültiger war als englische Literatur. Jayden bog um eine Ecke und reihte sich in die Schlange von Fahrzeugen ein, die vor dem Crazy Horse darauf warteten, dass der Parkservice sie ihren Besitzern abnahm.
   Rena lugte aus dem Seitenfenster, wohl um einen ersten Blick auf den Klub zu erhaschen. Plötzlich wandte sie sich zu ihm um und lächelte schelmisch. »Da vorn steht noch ein orangefarbener Porsche. So viel zu der Einmaligkeit deines Statussymbols.«
   Jayden schnaubte. »Du kannst es nicht lassen, was? Du nervst schlimmer als dein Bruder.«
   Langsam rückten sie in der Reihe vor und Jayden war froh, endlich aus dem Porsche steigen zu können. Plötzlich sah er ihn mit anderen Augen und überlegte, ob er ihn wieder abschaffen sollte. Die Worte ‚rollende Apfelsine‘, die so gar nicht zu seinem coolen Image passen wollten, gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf.
   Rena trat neben ihn und sah mit weit aufgerissenen Augen zu der Leuchtreklame des Klubs hoch. Dann schüttelte sie den Kopf und blinzelte. Sie wirkte wie in Schockstarre. »Mein Gott, so was Hässliches habe ich noch nie gesehen.«
   Jayden grinste und blickte ebenfalls zu dem Wahrzeichen des Klubs hoch. Ein riesiger Pferdekopf mit schielenden Augen und aufgerissenem Maul mit quittengelben Zähnen starrte auf die Besucher herunter. Das verrückte Pferd, das Crazy Horse. »So soll es ja sein. Sie haben es geschafft, eines der schönsten Tiere so zu verunstalten, dass es unter einem Grottenmolch rangiert.«
   Rena nickte geschockt und ließ sich von Jayden zum Eingang führen, ohne den Blick von dem Pferd losreißen zu können. Er schüttelte belustigt den Kopf und fragte sich, ob er ihr verraten sollte, was es mit diesem Gaul auf sich hatte. Einerseits hatte sie es wegen ihrer Bemerkungen über seinen Porsche nicht verdient. Andererseits würde er zahlen müssen, wenn sie in die Falle tappte.
   Jayden beugte sich zu ihrem Ohr hinunter, wobei ihm wieder der Duft nach Orangenblüten und Jasmin betörend in die Nase stieg. Er atmete tief ein. »Mit diesem Pferd hat es eine besondere Bewandtnis«, flüsterte er. »Es ist nämlich ziemlich gefährlich, weil …«
   Rena stolperte nach vorn, und Jayden streckte reflexartig die Arme aus. So fing er sie auf, bevor sie stürzen konnte. Er hielt sie fest und sah gleichzeitig über seine Schulter. Hinter ihm kicherte und schwankte eine Gruppe angetrunkener Leute, bei deren Anblick Jayden bezweifelte, dass sie volljährig waren. Einer der Männer hatte Rena angerempelt und dabei fast umgeworfen.
   Wut wallte heiß in Jaydens Magengrube auf und verbreitete sich rasend schnell in seinem ganzen Körper. Er ließ Rena los, packte den jungen Übeltäter bei den Schultern und schüttelte ihn. »Was soll das? Entschuldige dich bei der Dame. Sofort!«
   Der junge Mann starrte ihn mit leerem Blick an und sagte nichts. Dafür fingen seine Begleiter an zu pöbeln, einer riss sogar an Jaydens Hemdärmel.
   Eine kleine Hand zog an seinem Arm, gerade, als er ihm zeigen wollte, was er davon hielt. »Lass es. Das sind die doch nicht wert«, sagte Rena mahnend.
   Noch während sie sprach, tauchten drei Sicherheitskräfte neben ihnen auf und bugsierten die angetrunkene Gruppe möglichst diskret weg. Jayden schnaufte. An wem sollte er seine Wut auslassen?
   Er sah zu Rena hinunter. War sie verärgert, weil sie sein Verhalten zu machohaft fand? Dann würde er einen Streit mit ihr vom Zaun brechen. Aber sie lächelte ihn an. »Danke, dass du mich vor einem Sturz bewahrt hast. Das wäre schmerzhaft und peinlich geworden. Aber solche Leute sind es wirklich nicht wert, dass du dir die Finger an ihnen schmutzig machst.«
   Jayden atmete tief durch und erwiderte ihr Lächeln. Sie hatte recht. Doch in der nächsten Sekunde runzelte er die Stirn. Hatte sie sich vielleicht nur so verhalten, weil das ihr Job war? Hatte sie damit lediglich verhindern wollen, dass er sich negative Publicity einhandelte, weil er sich mit Jugendlichen raufte?
   Die Leute hinter ihm drängelten. Also legte Jayden eine Hand unter Renas Ellbogen und führte sie in den Klub, aus dem ihnen laute Hip-Hop-Musik entgegendröhnte.

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