Nachdem ihrem Bruder Jonas Drogen untergeschoben wurden, muss Antonia von heute auf morgen das Esperanza, einen angesagten Klub, übernehmen. Plötzlich sieht sie sich Drogendealern und Immobilienhaien gegenüber. Auch Nick und Ben Winter, bekannt als The Icemen, wittern ihre Chance, günstig an das Gebäude zu kommen. Sie haben allerdings nicht damit gerechnet, dass Antonia ihnen den Kopf verdreht. Besonders Nick fühlt sich von Anfang an zu ihr hingezogen. Die Dominanz der beiden Männer bringt Antonia an die Grenzen von Lust und Liebe. Die Brüder beschließen, ihr im Kampf gegen den stadtbekannten Drogenhändler Romanow zur Seite zu stehen. Werden sie es gemeinsam schaffen, das Esperanza zu retten und Jonas’ Unschuld zu beweisen?

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ISBN: 978-9963-53-858-4

Seiten: 284

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Petra Daubitz

Petra Daubitz
Petra Daubitz wurde 1972 in Berlin geboren. Nachdem sie nach ihrer abgeschlossenen Ausbildung in verschiedenen Bundesländern gelebt hat, zog es sie 2007 zurück in ihre alte Heimat. Dort genießt sie den Trubel der Großstadt gemeinsam mit ihrem Mann und ihren drei Kindern, von denen der Große bereits aus dem Haus ist. Bücher waren und sind noch immer ihre größte Leidenschaft. Schon in ihrer Jugend schrieb sie gern Kurzgeschichten. Dieses Hobby geriet leider über die Jahre in Vergessenheit. Anfang 2017 beschloss sie jedoch, sich wieder Zeit für sich selbst zu nehmen und widmete sich erneut dem Schreiben. Wenn sie sich nicht gerade um ihre Familie kümmert oder sich mit Musik in den Ohren in ihren Geschichten verliert, ist sie ehrenamtlich für den Weißen Ring unterwegs.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Antonia

»Verdammt noch mal! Bitte glaub mir, ich bin unschuldig!«
   Ehrlich gesagt wusste ich nicht, was ich glauben sollte.
   Mein Bruder strich mir eine Strähne aus dem Gesicht, die sich aus meinem Pferdeschwanz gelöst hatte, und ich erwiderte niedergeschlagen seinen bittenden Blick. Seine sonst strahlend grünen Augen wirkten so grau wie der triste Raum, dessen Möblierung aus einem quadratischen Tisch und zwei Holzstühlen bestand. Die Gitter des hoch in der Wand eingelassenen Fensters spiegelten sich in seinen Pupillen.
   »Keine Berührungen«, befahl der breitbeinig vor der Tür stehende, unbeeindruckt aussehende Wachmann.
   Jonas zuckte zurück und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. Der Stress war ihm anzusehen, ansonsten hatte er sich in den zwei Jahren, die wir uns seit der Beerdigung unserer Eltern nicht gesehen hatten, kaum verändert.
   »Du wirst also in Untersuchungshaft bleiben? Gibt es keine Möglichkeit einer Kaution oder so etwas?« Ich kannte die Antwort seit seinem verzweifelten Anruf vorgestern.
   Es sah verdammt schlecht für ihn aus. »Ich möchte dir ja glauben, Jonas, aber woher kommen dann die Drogen? Wer hätte Interesse daran, dir etwas unterzuschieben?«
   Er lachte freudlos auf. »Ach, Süße, da gibt es eine Menge Leute in der Unterhaltungsbranche, die so etwas tun würden. Mein Klub läuft verdammt gut. Bisher konnte ich mich erfolgreich gegen Schutzgeldforderungen zur Wehr setzen. Prostituierte, Drogendealer und Kleinkriminelle hatten bisher keine Chance, in meinem Klub ihr Geschäft aufzuziehen. Es hätten also etliche Leute Interesse daran, dass ich für eine Weile von der Bildfläche verschwinde.«
   »Aber was willst du von mir? Ich habe keine Ahnung, wie ich dir helfen kann. Was sagt denn dein Anwalt?«
   »Franz glaubt mir, aber auch er hält die Beweislast für erdrückend. Wir müssen abwarten, ob sie meine Fingerabdrücke auf dem Beutel finden. Falls nicht, wovon ich ausgehe, da ich das Zeug weder gesehen noch angerührt habe, ist das zwar zunächst gut für mich, beweist aber noch nicht meine Unschuld. Wir müssen irgendwie herausfinden, wer mir an den Karren pissen will, und hier kommst du ins Spiel.«
   Intensiv betrachtete Jonas mich, während ich einen Moment brauchte, um zu verstehen, was er gesagt hatte.
   »Was? Wie stellst du dir das vor? Soll ich Detektiv spielen oder mich undercover in die Drogenszene einschleusen?« Ich lachte auf. »Ich studiere auf Lehramt und muss nächsten Monat eine wichtige Arbeit abgeben.«
   »Bitte, du musst mir helfen! Du bist die Einzige, der ich noch vertrauen kann. Übernimm den Laden für mich und führe ihn weiter, bis ich hier wieder raus bin.« Während er sprach, hatte er sich vorgebeugt und meine Hand auf dem Tisch ergriffen.
   Kurz genoss ich die Berührung. Als wir noch Kinder waren, hatte er mich oft an die Hand genommen, wenn ich vor irgendetwas Angst gehabt hatte. Dennoch entzog ich mich ihm, ehe der Wachmann erneut herumbellte. Ich starrte Jonas fassungslos an. »Du verlangst also von mir, dass ich mein Studium für dich und diesen Klub auf Eis lege? Was ist, wenn du verurteilt wirst und die nächsten drei Jahre im Gefängnis verbringen wirst? Soll ich dann die nächsten Jahre Barbesitzerin spielen, anstatt mein Studium zu beenden?«
   »So weit wird es nicht kommen. Ich bin unschuldig, verdammte Scheiße«, knurrte er.
   »Und was, wenn doch? Recht haben und Recht bekommen sind nicht immer das Gleiche! Hast du dir mal überlegt, dass ich unter Umständen ebenfalls ins Visier dieser Verbrecher geraten könnte? Was ist, wenn sie mir auch etwas anhängen? Vielleicht zur Abwechslung einen Mord, damit ich nicht zu schnell wieder zurückkomme?«
   »Glaubst du, ich bin mir dieser Gefahr nicht bewusst? Ich würde dich nicht darum bitten, wenn ich nicht absolut verzweifelt wäre. Es gibt keine andere Lösung, den Klub zu retten. Es geht nicht nur um meine Existenz, sondern auch um die meiner Mitarbeiter. Sie sind wie eine Familie für mich. Ich kann nicht einfach zulassen, dass sie ihre Jobs verlieren!« Nun wurde auch Jonas lauter.
   Der Wachmann räusperte sich.
   »Du redest von Familie? Ausgerechnet du? Was ist mit mir? Ich bin deine Familie! Genaugenommen die Einzige, die du noch hast. Wo warst du seit Mamas und Paps Tod? Ich hätte dich so gebraucht!« Tränen standen mir in den Augen, aber ich versuchte, sie wegzublinzeln.
   Jonas blickte zu Boden. »Ich kann dir nicht sagen, wie leid es mir tut, dass ich nicht für dich da gewesen bin. Aber ich konnte es einfach nicht. Irgendwann werde ich versuchen, dir zu erklären, warum ich den Kontakt abgebrochen habe, aber jetzt brauche ich dich und bitte dich um Hilfe. Ich weiß, es ist viel verlangt, aber du bist meine kleine Schwester, und wie du eben sagtest, habe ich nur noch dich. Bitte, hilf mir!« Als Jonas aufblickte, sahen auch seine Augen verdächtig feucht aus.
   Verdammt, er musste wirklich verzweifelt sein. Ich atmete tief ein. »Gut. Ich werde versuchen, dir zu helfen und den Klub bis zur Verhandlung zu übernehmen.«
   Jonas Kopf flog hoch, und ich sah pure Dankbarkeit in seinen Augen. »Danke Toni! Franz soll alles vorbereiten.« Wieder griff er nach meiner Hand.
   Diesmal ließ ich es zu.
   »Letzte Ermahnung!«
   »Hey, kommen Sie mal runter!«, bellte ich zurück. Das hier war immer noch mein großer Bruder, zu dem ich als Kind aufgeschaut und dem ich bedingungslos vertraut hatte. Auch wenn in meinem Kopf sämtliche Alarmsirenen schrillten, mein Herz sagte, was ich tun musste.
   »Die halbe Stunde ist um«, knarzte der Wachmann. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ging er auf Jonas zu, der bereits aufgestanden war und ihm bereitwillig beide Hände hinhielt. Die Handschellen klickten um Jonas’ Handgelenke, dann führte er ihn kommentarlos ab.
   An der Tür drehte sich Jonas noch einmal um. »Ich hab dich lieb, Schwesterherz.« Ohne meine Antwort abzuwarten, ging er vor dem Wachmann durch die Tür, die sich mit einem unnatürlich lauten Knall schloss.

Als ich zwei Stunden später im Büro von Franz Wiedemann saß, dem Anwalt, der auch schon zu Lebzeiten unserer Eltern die Angelegenheiten unserer Familie geregelt hatte, hatte ich noch immer den Anblick meines Bruders in diesem grauen Raum vor Augen.
   »Antonia, hören Sie mir überhaupt zu?« Fragend sah mich Franz Wiedemann an. Unter dem intensiven Blick dieses älteren Herrn fühlte ich mich wie in der Schule, wenn ich mal nicht aufgepasst hatte.
   »Ja, ja natürlich. Es ist nur gerade etwas viel für mich. Die Situation überfordert mich.«
   Langsam nahm er seine Brille ab und legte sie vor sich auf den Schreibtisch. »Das verstehe ich durchaus, und es ist auch keine unerhebliche Verantwortung, die Ihnen Ihr Bruder überträgt. Allerdings würde er es nicht tun, wenn er es Ihnen nicht zutrauen würde. Sie sind eine starke und kluge junge Frau, Antonia, und Sie werden es mit Sicherheit schaffen, das Esperanza im Sinne Ihres Bruders vorübergehend zu führen. Ich werde inzwischen alles Erdenkliche dafür tun, dass Ihr Bruder freikommt. Wenn Sie nun bitte hier unterschreiben würden …« Er schob die Unterlagen, die mich für unbestimmte Zeit zur Klubbesitzerin machen würden, über den Tisch.
   Mit zitternden Fingern setzte ich meine Unterschrift auf die Linie, die mit einem kleinen Kreuz gekennzeichnet war.
   »Falls Sie Fragen haben, können Sie sich jederzeit an mich wenden.«
   Ich hatte ungefähr tausend Fragen, doch die würde mir der Anwalt kaum beantworten können.

Unentschlossen, was ich als Nächstes tun sollte, stand ich auf der Straße und blickte auf den dicken Schlüsselbund, den mir der Anwalt zusammen mit den Unterlagen überreicht hatte. Es half alles nichts. Ich würde zum Esperanza fahren müssen. Das Erbe meiner Eltern reichte, mein Studium sowie eine kleine Einzimmerwohnung zu finanzieren, aber ich gönnte mir kein Auto. Schließlich sollte das Geld auch noch reichen, um mir später meinen Berufseinstieg zu erleichtern.
   Dreimal musste ich die U-Bahn wechseln, bis ich endlich vor dem Esperanza stand, das in einem aufstrebenden Stadtviertel lag. Vor ein paar Jahren war das hier noch eine dunkle Gegend mit brachliegenden Industriegrundstücken gewesen, aber inzwischen hatten immer mehr Bars, Restaurants und Straßencafés eröffnet. Immer mehr Investoren wurden von dem Viertel angezogen. Vor etwa eineinhalb Jahren war ich schon einmal hier gewesen. Ich wollte unbedingt mit Jonas sprechen, weil ich nicht akzeptieren konnte, dass er den Kontakt einfach abgebrochen hatte. Letztendlich hatte ich mich nicht getraut, den Klub zu betreten. Von meinen Kommilitonen hörte ich immer wieder, wie begeistert sie vom Esperanza waren, doch bis heute hatte ich keinem verraten, dass es meinem Bruder gehörte.
   Nun stand ich also wieder vor diesem riesigen ausgedienten Fabrikgebäude. Es war früher Nachmittag, und es war nicht verwunderlich, dass der Klub geschlossen war. Vorsichtshalber klopfte ich dennoch an die Metalltür, über der in neongrüner Leuchtschrift Esperanza prangte. Niemand öffnete. Was hatte ich auch erwartet? Vorsichtig probierte ich einen Schlüssel nach dem anderen aus.
   Drinnen gab es eine Art Notbeleuchtung, jedenfalls war es nicht ganz so dunkel, wie ich es befürchtet hatte. Rechts von mir erkannte ich einen langen Tresen, dahinter jede Menge leere Kleiderstangen und Bügel. Das war wohl die Garderobe. Geradeaus gab es eine schmale Metalltür. Ich bezweifelte, dass dies der Eingang zu den Tanzflächen war. Links führte eine breite Treppe hinauf.
   Vorsichtig schlich ich nach oben. Auch hier brannte ein schwaches rötliches Licht. Auf der rechten Seite erstreckte sich eine Bar über die volle Länge der gigantischen Halle. Ganz hinten machte ich eine Bühne mit einem DJ-Pult aus. Von meinen Kommilitonen wusste ich, dass hier ab und zu angesagte Bands auftraten. Metallstreben durchzogen die Deckenkonstruktion, an denen alle möglichen Apparaturen wie Scheinwerfer, Lautsprecher und Laserstrahler hingen.
   Irgendwie fand ich es furchtbar gruselig, allein in diesem Raum im Halbdunkel zu stehen. In ein paar Stunden würden sich hier hunderte Menschen zu den dröhnenden Bässen der Musik bewegen.
   Ich kehrte zu der schmalen Metalltür im Erdgeschoss zurück. Wieder probierte ich ein paar Schlüssel, bevor ich den passenden fand. Als ich die Tür öffnete, befand ich mich in einem weiteren, aber wesentlich engeren Treppenhaus, in dem eine Wendeltreppe nach oben führte. Eine weitere Tür am Fuß der Treppe stand offen. Neugierig betrat ich den Raum und suchte nach dem Lichtschalter. Neonlichter flammten auf.
   Aktenregale nahmen die gesamte hintere Wand ein. Unterlagen stapelten sich auf einem riesigen Schreibtisch. Schubladen waren aufgezogen, Papiere lagen auf dem Boden. Es sah aus, als wäre ein Wirbelsturm durch dieses Zimmer gestürmt. Wahrscheinlich war es eher die Polizei gewesen, die auf der Suche nach weiteren Drogen alles durchsucht hatte.
   Weil ich nicht genau wusste, wie ich mich nützlich machen sollte, begann ich einfach, Ordnung in dieses Chaos zu bringen. Ich war so vertieft, dass ich nicht mitbekam, dass jemand den Klub betreten hatte.
   »Okay, Puppe, ich gebe dir fünf Sekunden, um mir zu erklären, was du hier machst!«
   Ich fuhr herum und sah mich einem riesigen Kerl mit kahlem Schädel gegenüber. Seine Oberarme machten Popeye Konkurrenz.
   »Vier!«, zählte der Riese unbeeindruckt runter.
   Ich erwachte aus meiner Schockstarre. »Ich, also ich, ich heiße, also ich bin …«
   »Drei!«
   Was? Langsam übernahm meine Wut die Oberhand.
   »Zwei!«
   »Okay, du kannst rückwärts zählen. Gratuliere! Hätte ich dir überhaupt nicht zugetraut!«
   Verblüfft starrte mich der Riese an. O Gott! Hatte ich das wirklich gesagt?
   Er zog die Augenbrauen zusammen. »Eins!«
   »Eine!« Wieder sah er verblüfft aus. Ich versuchte, ihm seinen Grammatikfehler zu erklären. »Eine. Es heißt eine Sekunde, nicht eins Sekunde, und da wir das Zählen jetzt erfolgreich hinter uns gebracht haben, können wir uns vielleicht wie erwachsene Menschen begrüßen. Ich bin Antonia, Jonas’ Schwester. Du kannst mich aber gern Toni nennen.« Mutig streckte ich ihm eine Hand entgegen.
   Ohne sie zu ergreifen, musterte er mich einen Augenblick. »Die gleichen Augen«, murmelte er.
   »Das ist ein merkwürdiger Name, aber gut. Nett, dich kennenzulernen. Die gleichen Augen.« Noch immer hielt ich ihm die Hand hin. »Oder willst du erst die Papiere sehen?« Ich tippte auf den Umschlag, den ich auf den Schreibtisch gelegt hatte.
   Zu meinem Erstaunen ergriff er meine Hand nun doch, und ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Und auch der gleiche Humor. Entschuldige. Toni, richtig?«
   Ich nickte, zog aber vorsichtshalber dennoch den Vertrag aus dem Kuvert und reichte ihn ihm.
   Er warf einen kurzen Blick darauf und gab mir das Dokument zurück. »Ich heiße Dragan und bin der Türsteher. Du musst entschuldigen, aber Jonas hat nie eine Schwester erwähnt.«
   Diese Aussage versetzte meinem Herzen einen Stich. Jonas hatte mich bis vorgestern tatsächlich aus seinem Leben gestrichen. Aber warum? Ich riss mich zusammen. »Wann kommen denn die anderen? Jonas hat mich gebeten, den Laden zu führen, bis … bis er zurück ist. Vielleicht könntest du mir helfen, mich zurechtzufinden?«
   »Toni, wir wissen, dass Jonas im Gefängnis sitzt. Du brauchst also nicht um den heißen Brei herumzureden. Dass er dir den Klub übertragen hat, zeigt, dass er ganz schön in der Klemme sitzt. Ich werde dich nachher allen vorstellen und dich herumführen. Du wirst sehen, der Laden läuft wie von selbst.«
   »Gut, dann räume ich hier noch fertig auf, bevor die anderen kommen.«

Zwei Stunden später hatte ich es geschafft, Ordnung in das Chaos zu bringen, und ich begann, mich in die Bücher einzulesen. Auch Jonas’ Computer hatte ich bereits eingeschaltet und das Passwort eingegeben, das aus den Anwaltsunterlagen hervorging. Dragan war bis jetzt nicht wieder aufgetaucht. Seit etwa einer Viertelstunde hörte ich das leise Wummern der Bässe.
   Gerade, als ich die Steuererklärung des vergangenen Jahres auf dem Bildschirm anklickte, streckte eine junge Frau den Kopf durch die Tür. Sie trug einen kurzen schwarzen Bob mit lila Strähnen, was ihr ein rockiges Aussehen verlieh.
   »Hey, ich bin Alexa. Du bist also Jonas’ Schwester?«
   »Hallo! Ja, ich heiße Antonia, aber alle nennen mich Toni. Nett, dich kennenzulernen. Was ist deine Aufgabe im Klub?«
   »Ich bin für den gesamten Barbereich verantwortlich«, antwortete sie sichtlich stolz. »Wie geht es Jonas? Warst du bei ihm? Konnten sie ihm irgendetwas nachweisen?«
   Ich schüttelte den Kopf. »Ich war heute Vormittag bei ihm. Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Sie warten noch immer auf die Ergebnisse der Durchsuchung.«
   »Hm. Okay. Ich muss mich jetzt auch langsam an die Arbeit machen. Wir sehen uns.« Sie drehte sich um und verließ das Büro.
   Innerhalb der nächsten Stunde trafen auch alle anderen Mitarbeiter ein. Dragan schickte sie alle nach und nach zu mir ins Büro. Ich kam nicht dazu, mich tiefer in die Geschäftsberichte einzuarbeiten, sondern konzentrierte mich auf die Begrüßung des Personals. Darunter waren zwei weitere Barkeeper, ein DJ, ein junger flippiger Typ, der für die Garderobe zuständig war und aus seiner Homosexualität keinen Hehl machte, ein älterer Herr, der sich als Steuerberater vorstellte und nur vorbeigekommen war, um mich kennenzulernen. Ich war verblüfft, wie schnell sich die Nachricht herumgesprochen hatte. Alle versprachen mir ihre Hilfe und versicherten, dass Jonas einer von den Guten sei und niemals Drogen angerührt habe.
   Mein Magen knurrte, es war bereits fast acht.
   Dragan klopfte an die Tür. »Wenn du willst, führe ich dich jetzt herum. Martin vertritt mich an der Tür.«
   Martin … ach ja, einer der Barkeeper. O Mann, ich würde noch eine Weile brauchen, mir die ganzen Namen zu merken. Und das war nur die heutige Truppe.
   »Gibt es hier eine Kleinigkeit zu essen?« Ich folgte Dragan nach vorn in den Eingangsbereich.
   »Magst du Pizza? Wir haben einen super Lieferservice.« Dragan grinste und zeigte eine Reihe blitzsauberer weißer Zähne.
   Die laute Musik schlug uns entgegen, und bereits jetzt drängelten sich zahlreiche Menschen der Garderobe entgegen, um ausgelassen tanzen und feiern zu gehen.
   Als wir die breite Treppe emporstiegen, konnte ich mich trotz des Hungers nicht vor der besonderen Atmosphäre des Esperanza verschließen. Die Mitarbeiter gingen sichtbar gut gelaunt ihrer Arbeit nach, der DJ heizte der Menge mit angesagter Musik ein, die Beleuchtung, die kleinen Logen rund um die Tanzfläche, das alles verlieh dem Klub ein angenehmes Ambiente.
   Die versprochene Pizza ließ nicht lang auf sich warten, und Dragan leistete mir Gesellschaft, bis sich der Bote verabschiedet hatte. Ich setzte mich in eine reservierte Nische am Ende der Tanzfläche und genoss sowohl den Anblick der Tanzenden als auch die verführerisch duftende Pizza. Bei diesem Lieferservice musste es sich wirklich um einen Geheimtipp handeln.
   Ich erwischte mich dabei, dass mein Blick immer wieder an einer Gruppe von jungen Männern hängen blieb, wobei mich ein beinahe südländisch aussehender Typ besonders faszinierte. Er tanzte ausgelassen mit seinen Freunden, und weil keiner von ihnen in weiblicher Begleitung war, tippte ich auf einen Junggesellenabschied. Ob mein Favorit der Glückliche war, der bald heiraten würde? Der sein Glück bereits gefunden hatte, während ich nicht einmal ansatzweise dem Richtigen begegnet war?
   Ich ging auf Mitte zwanzig zu, und ich sah mich nicht als Kind von Traurigkeit, aber mehr als eine einjährige Beziehung mit einem Studienkollegen und ein, zwei One-Night-Stands konnte ich noch nicht auf meiner Erfolgsskala verbuchen. Das lag nicht an mangelnden Gelegenheiten, sondern eher daran, dass ich mich lieber auf mein Studium konzentrierte als dem Drang nachzugehen, Partys zu feiern und Bekanntschaften zu machen. Dafür war ich nun geradezu im richtigen Milieu gelandet – und erst jetzt wurde mir bewusst, dass mein Starren nicht ohne Folgen geblieben war. Der Dunkelhaarige grinste mich an und bewegte sich auf mich zu.
   Hastig stand ich auf, wandte mich von der Tanzfläche ab und stieß vor Dragans breite Brust.
   »Wo schläfst du eigentlich?«, fragte er unvermittelt.
   »Ich habe eine Wohnung am anderen Ende der Stadt.« Verzweifelt versuchte ich, ein Gähnen zu unterdrücken.
   »Da willst du jetzt noch hin?«
   »Ich nehme mir ein Taxi.«
   »Warum schläfst du nicht bei Jonas? Er hat ein Gästezimmer in seiner Wohnung«, schlug Dragan vor.
   Irritiert sah ich zu ihm auf. Er überragte mich bestimmt um dreißig Zentimeter.
   »Du warst noch nicht in seiner Wohnung?«
   Ich schüttelte den Kopf.
   »Na, dann komm. Ich bring dich hoch.« Damit ging er durch die schmale Metalltür, die zu dem kleinen Treppenhaus führte, von dem auch das Büro abging.
   Neugierig folgte ich Dragan die schier endlos lange Wendeltreppe nach oben.
   »Jonas hat dir doch mit Sicherheit auch den Schlüssel zu seiner Wohnung gegeben, oder? Den habe ich nämlich nicht.«
   Ich zog wieder den riesigen Schlüsselbund aus der Hosentasche, fand schnell den richtigen Schlüssel. Wir traten ein, und ich blieb verblüfft stehen.
   Vor mir erstreckte sich ein riesiges modernes Loft. Gegenüber der Eingangstür befand sich eine bodentiefe Fensterfront, die bei Tag einen fantastischen Ausblick auf das umliegende Gelände bieten musste. Rechts bestimmte eine hochmoderne offene Küche den Raum, die für eine leidenschaftliche Köchin wie mich keine Wünsche offenließ. Links erstreckte sich der Wohnbereich mit einer riesigen gemütlichen Couchecke und einem Kamin. Ein Lamellenvorhang verdeckte die hintere Wand. Neugierig zog ich die Lamellen zurück, und mir stockte der Atem. Es bot sich ein fantastischer Blick auf die Tanzfläche.
   »Die Scheibe ist von außen verspiegelt, sodass niemand von unten reingucken kann. Außerdem ist alles schallisoliert«, erklärte Dragan.
   Erschrocken drehte ich mich um. Ich hatte fast vergessen, dass er mit mir hier oben war.
   Ich folgte ihm in einen angrenzenden Flur, von dem drei Türen abgingen. Hinter der ersten verbarg sich ein überdimensionales Badezimmer, das eher einer Wellnessoase glich – wären da nicht die hässlichen schwarzen Spuren, die von der Spurensicherung bei der Sicherung von Fingerabdrücken an den Fliesen und Sanitärobjekten hinterlassen worden waren. Hinter der nächsten Tür verbarg sich Jonas’ Schlafzimmer. Ich warf nur einen kurzen Blick hinein.
   Dragan hielt mir die dritte Tür auf. »Das ist das Gästezimmer. Ich glaube, Jonas fände es gut, wenn du hier übernachten würdest, anstatt völlig übermüdet in einem Taxi quer durch die Stadt zu fahren.«
   Das Zimmer wirkte gemütlich. Wieder konnte ich ein Gähnen nicht unterdrücken.
   Dragan lachte. »Willkommen im Klubleben, Toni.«
   Keine Viertelstunde später hatte ich das Bett frisch bezogen, mich ausgezogen und kuschelte mich in Top und Slip unter die Decke. Noch während ich über die Vorkommnisse des Tages nachdachte, fielen mir die Augen zu.

Nick

»Die Lage ist wirklich gut. Das ist eine einmalige Gelegenheit!« Ben stand vor meinem Schreibtisch und redete seit einer geschlagenen Stunde auf mich ein.
   Einer unserer schärfsten Konkurrenten, Jonas Wagner, war vor einer Woche wegen Drogenbesitzes verhaftet worden. Weder Ben noch ich glaubten an seine Schuld. Wagner hatte in der Branche den Ruf, seinen Laden mit eiserner Hand zu führen und in seinem Klub knallhart gegen Kriminalität welcher Art auch immer vorzugehen. Bisher hatte er dieses Konzept erstaunlich erfolgreich durchgezogen. Es war nicht leicht, sich gegen Schutzgelderpresser und kriminelle Machenschaften zur Wehr zu setzen. Auch Ben und ich mussten immer wieder aufs Neue unsere Position behaupten.
   Unsere zwei Klubs liefen gut, doch das Esperanza war uns ein Dorn im Auge. Auch wir wollten damals das Gelände kaufen und einen Klub dort eröffnen. Ebenso wie Jonas Wagner hatten wir das Potenzial des Stadtviertels erkannt, doch der Zuschlag ging an ihn. Seitdem scheiterten wir immer wieder an den mittlerweile explodierenden Immobilienpreisen, ein weiteres Standbein in diesem Viertel aufzubauen. Jonas Wagner hätte unter normalen Umständen niemals verkauft, aber wenn es sich in der Unterwelt erst mal herumsprach, dass er außer Gefecht gesetzt war, würde es nicht lange dauern, bis sich die Aasgeier auf den Klub stürzten.
   Ben hatte recht. Es war eine verdammt gute Gelegenheit, dennoch zögerte ich. Ich respektierte Jonas Wagner. Er hatte das Esperanza aus dem Nichts aufgebaut. Wenn er jetzt an uns verkaufen würde, hätte er alles verloren, denn natürlich würden wir ihm ein Angebot deutlich unter Wert unterbreiten.
   Mein Bruder stand mit vor der Brust verschränkten Armen vor mir und wartete auf meine Antwort. Er war schon immer der Draufgänger von uns beiden gewesen.
   »Gut. Einverstanden. Lass uns die Sache angehen. Hast du schon etwas über diesen Toni herausgefunden, der jetzt den Club übergangsweise leiten soll?«
   Lässig ließ sich Ben in den Sessel vor meinem Schreibtisch fallen und grinste schief. »Nein, scheint ein unbeschriebenes Blatt in der Szene zu sein. Macht es für uns fast spielerisch einfach.«
   »Dann lass uns heute Abend dem Esperanza einen freundschaftlichen Besuch abstatten«, schlug ich vor und lächelte.
   »So gefällst du mir, Brüderchen! Bei der Gelegenheit könnten wir auch gleich das weibliche Material vor Ort testen.«
   »Auf jeden Fall.« Ich schmunzelte. »Ist bei mir auch schon wieder viel zu lang her.«

Kurz vor Mitternacht standen wir in der schier endlosen Schlange vor dem Esperanza. Der Popeye am Eingang blickte uns finster entgegen, tastete uns von oben bis unten ab, bevor er uns mit einem kurzen Nicken hereinließ.
   Hämmernde Beats schlugen uns entgegen. Eine schlanke Blondine begrüßte uns und gab uns Armbänder mit einem Chip. Während sie erklärte, dass hier alles bargeldlos abgewickelt werde, gaben wir unsere Jacketts an der Garderobe ab. Wir hielten unsere Armbänder unter einen Scanner und begaben uns nach oben zur Tanzfläche.
   Hier war es noch lauter und die Stimmung ausgelassen. Erstaunlich, was Jonas aus dieser alten Fabrikhalle gemacht hatte. Ben ließ seinen professionellen Blick über den Barbereich gleiten. Anerkennung blitzte in seinen Augen auf. Auch mir gefiel der Klub.
   »Wir sollten versuchen, diesen Toni zu finden«, schrie mir Ben ins Ohr.
   Ich nickte, und wir arbeiteten uns durch die tanzende Menge an die Bar durch. Eine hübsche Schwarzhaarige wirbelte hinter dem Tresen hin und her, bevor sie uns nach unserer Bestellung fragte.
   »Zwei Bier«, orderte ich, und keine zehn Sekunden später standen zwei bereits geöffnete Flaschen vor mir. Wieder hielt ich mein Armband unter den Scanner. Das war eine gute Idee. So war der Club zumindest für Taschendiebe uninteressant, denn die meisten, so wie wir auch, ließen ihre Geldbörse an der Garderobe zurück.
   »Wir suchen Toni«, sagte ich schnell an die Schwarzhaarige gewandt, bevor sie sich dem nächsten Gast zuwenden konnte. Gekonnt setzte ich mein charmantestes Lächeln auf.
   Sie musterte uns einen Augenblick skeptisch. Dann entspannten sich ihre Züge. So ging es den meisten Frauen. Sie sahen in Ben und mir nur die hübschen Gesichter und warfen ihre Vorsicht über Board.
   »Ihr findet Toni bestimmt im Büro. Falls nicht, kommt doch einfach wieder zu mir zurück«, antwortete sie und zwinkerte uns zu.
   Okay, sobald das Geschäftliche erledigt war, hätten Ben und ich hier schon mal eine willige Anlaufstelle. Ich musste grinsen. »Danke, darauf kommen wir bestimmt zurück«, versprach ich und reichte eine Flasche an Ben weiter.
   Wir sahen uns noch ein bisschen im Klub um und tanzten auch zu der einen oder anderen guten Nummer. Warum nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden? Als wir an den Toilettenräumen vorbeikamen, fragte ich die etwas ältere Dame, die augenscheinlich für die Hygiene zuständig war, wo ich das Büro finden könne. Auch sie erlag meinem Charme und gab bereitwillig Auskunft. Ben und ich machten uns auf den Weg, die Treppe hinunter und in Richtung der schmalen Metalltür, doch bevor wir öffnen konnten, wurden wir beide am Kragen unserer Hemden gepackt.
   Der stiernackige Popeye stand hinter uns. »Wo wollt ihr beiden Pappnasen denn hin?«, knurrte er.
   »Zu Toni«, erwiderte Ben unbeeindruckt.
   Popeye schnaubte. »Habt ihr einen Termin?«
   »Wir wussten nicht, dass Freunde von Toni einen Termin brauchen.«
   Das war hoch gepokert von Ben, aber Popeye ließ uns los. »Toni ist im Club unterwegs. Ihr könnt hier vorn warten. Aber ich warne euch, ein Schritt durch diese Tür, und ich befördere euch schneller nach draußen, als euch lieb sein dürfte.«
   Wir sahen ihm finster hinterher, als er sich wieder Richtung Eingang bewegte.
   »Und jetzt?«, fragte ich Ben.
   »Jetzt konzentrieren wir uns erst mal auf den anderen Grund unseres Besuchs.«
   Ich folgte seinem Blick zur Treppe, und mir blieb der Mund offen stehen. Eine wunderschöne Rothaarige in engen Lederhosen, einem roten Top mit Spaghettiträgern und schwarzen High Heels kam elegant die Stufen herunter, genau auf uns zu. Ihre langen, leicht gewellten Haare trug sie offen. Je näher sie kam, desto mehr verschlug es mir den Atem. Ihre Wimpern waren dicht und dunkel, und ihre grünen Augen funkelten wie Smaragde.
   »Die Mitleidsnummer, schnell«, zischte Ben mir zu.
   »Nein, auf keinen Fall. Darauf fällt die nicht rein.«
   »Vertrau mir, die Mitleidsnummer zieht immer.« Er hatte es noch nicht ganz ausgesprochen, da warf er sich auch schon vor mir auf die Knie, allerdings so, dass die Rothaarige nicht um uns herumgehen konnte, ohne die nun folgende schauspielerische Höchstleistung meines Bruders übersehen zu können.
   »Das kann sie doch nicht machen! Ich habe sie geliebt!« Er verbarg das Gesicht hinter seinen Händen.
   In den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass Ben nun die volle Aufmerksamkeit des Objekts unserer Begierde hatte. Innerlich schmunzelnd spielte ich nun meine Rolle in diesem Stück.
   »O nein, Ben, reg dich bitte nicht auf! Denk an dein krankes Herz. Sie hat es bestimmt nicht so gemeint.«
   Wie erwartet begann mein Bruder theatralisch nach Luft zu schnappen und fasste sich an sein Herz. Die Rothaarige kam wie vorhergesehen auf uns zu und bückte sich zu Ben hinunter, was mir einen guten Blick in ihr atemberaubendes Dekolleté erlaubte.
   »Was ist passiert? Brauchen Sie Hilfe?«
   Da Ben noch recht überzeugend den sterbenden Schwan mimte, sah sie nun mich Hilfe suchend an. O Mann, wie sie da vor mir hockte und mich von unten mit ihren wunderschönen grünen Augen ansah, stellte ich mir sofort vor, wie sich ihre herrlichen Lippen um meinen Schwanz legten und … Scheiße! Ich musste mich zusammenreißen.
   Ben lugte irritiert zwischen zwei Fingern hindurch, um zu sehen, was mich davon abhielt, die entscheidende Phase unseres kleinen Dramas einzuläuten.
   Ich musste mich räuspern, bevor ich wieder eine besorgte Miene aufsetzte. »Ein Glas Wasser und vielleicht eine ruhige Ecke, wo sich mein Bruder einen Moment von dem Schock erholen kann, wären gut. Aber ich weiß nicht, ob das hier möglich ist?«
   Die Rothaarige sah mich zweifelnd an, während mir Ben hinter ihr einen Vogel zeigte. Eigentlich wäre dies der Moment gewesen, eine Mund-zu-Mund-Beatmung vorzuschlagen. Aber die Vorstellung, dass mein Bruder diese Frau küssen würde, gefiel mir nicht.
   Plötzlich erstarrte Ben und japste wieder nach Luft.
   Die Frau erhob sich und sprach eine Person an, die hinter mir stand. »Dragan, bitte hilf mir, ihn in mein Büro zu bringen. Er hat ein krankes Herz und braucht ein Glas Wasser.«
   Dragan brummte kurz, ging auf Ben zu, der nun tatsächlich Schweißperlen auf der Stirn stehen hatte. Innerlich lachend verzog ich keine Miene und beobachtete, wie Popeye meinen knapp 1,90 m großen Bruder mit einer erschreckenden Leichtigkeit auf die Arme hob und ihn durch die schmale Metalltür trug, zu der er uns noch vor einer Viertelstunde den Zutritt verboten hatte.
   Die Rothaarige folgte Popeye alias Dragan durch ein kleines Treppenhaus in ein Büro. Das gab mir die Gelegenheit, ihren wirklich knackigen Hintern genauer zu betrachten.
   Ben wurde auf einer kleinen Couch links neben der Tür etwas unsanft abgelegt. Hoffentlich verschwand Popeye jetzt wieder.
   »Du hättest mir ruhig sagen können, dass du Freunde erwartest, Toni.«
   Fuck!
   Ben bekam einen Hustenanfall, wobei ich mir nicht sicher war, ob dieser gespielt war oder nicht, denn sein Verstand schien ebenso wie meiner gerade sämtliche Puzzleteile zusammenzufügen. Das Büro, Popeye, Toni. Wir saßen definitiv in der Scheiße.
   Toni zog die Augenbrauen zusammen, und in dem Moment, in dem sie zu sprechen begann, wusste ich, dass der Abend gelaufen war.
   »Wieso Freunde? Ich kenne die beiden überhaupt nicht!«
   In den Augenwinkeln sah ich, dass mein bis eben noch herzkranker Bruder plötzlich wieder genesen war und nun neben mir stand, bereit, an meiner Seite gegen Popeye zu kämpfen. Als ich zu Toni sah, bemerkte ich ein kleines Lächeln, das ihre Lippen umspielte. Unwillkürlich musste auch ich lächeln. Irrte ich mich, oder wurde sie ein klein wenig rot im Gesicht? Ich hatte keine Zeit, genauer hinzusehen, denn in diesem Moment wurden sowohl Ben als auch ich an den Köpfen gepackt und mit gehöriger Kraft gegeneinandergestoßen. Der Angriff kam so überraschend, dass wir uns nicht wehren konnten. Mit Wucht knallte Bens Stirn gegen mein Jochbein. Einen Augenblick sah ich nur Sterne. Dann wurden wir auch schon von Popeye gepackt und im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Klub geworfen. Unsanft rappelten wir uns auf, als unsere Jacketts auf dem Boden hinter uns landeten.
   »Lebenslanges Hausverbot, ihr Pappnasen!«, brummte Popeye noch, bevor er sich seelenruhig neu angekommenen Gästen widmete.
   Ben und ich sahen uns an. Er tastete seine Stirn ab, auf der sich eine mächtige Beule bildete. Mein Auge leuchtete mit Sicherheit bereits in einem hübschen Lila. Trotzdem kroch ein Lachen meine Kehle hoch, das ich bald nicht mehr unterdrücken konnte.
   Auch Ben grinste breit. »Einen Versuch war es wert!«
   »Ja, Bruderherz. Hätte klappen können.«
   Wir lachten schallend los.

Toni

Was waren das für zwei verrückte Typen gewesen? Noch immer stahl sich ein Lächeln auf meine Lippen, als ich an das Schauspiel der beiden dachte. Ich lag im Bett im Gästezimmer von Jonas’ Wohnung.
   Letzte Woche hatte ich einsehen müssen, dass es deutlich entspannter war, vorübergehend hier einzuziehen. Das Hin- und Herfahren zu meiner Wohnung kostete mich nur Nerven und Geld. So hatte ich zugestimmt, als meine beste Freundin Anna mich letzten Donnerstag anrief und fragte, ob ich für ihren Cousin aus Argentinien, der übernächste Woche für sechs Wochen nach Deutschland käme, einen Schlafplatz wisse. Ich bot meine Wohnung zur Untermiete an, und wie Anna mir nur eine Stunde später mitteilte, war Carlos begeistert. Ich hatte ein paar Sachen gepackt und mich hier häuslich eingerichtet. Irgendwie war es noch immer ein merkwürdiges Gefühl, hier ein und aus zu gehen, als ob alles mir gehören würde. Andererseits gab es nicht viele persönliche Dinge von Jonas in dieser Wohnung. Er schien hier nicht viel Zeit zu verbringen.
   Meine Gedanken kehrten wieder zum heutigen Abend und somit zu den beiden Typen zurück. Sie waren mir am Fuß der Treppe sofort aufgefallen. Beide waren recht groß, bestimmt um die 1,90 m, verdammt gut gebaut, schmale Hüften, breite Schultern. Der »Herzkranke« trug dunkle Jeans und ein weißes Hemd, während der andere in der tief sitzenden ausgewaschenen Jeans und dem dunkelblauen Hemd einfach nur unfassbar sexy wirkte. Schon als ich mich zu dem vermeintlich nach Luft schnappenden Bruder hinunterbeugte, war mir ganz heiß geworden, denn er war wirklich attraktiv. Seine Augen waren von einem hellen Blau, und seine modern frisierten Haare dunkelbraun. Als ich mich allerdings zu dem anderen umgedreht hatte, setzte mein Herz einen vollen Schlag aus. Er blickte mich so durchdringend mit seinen dunkelblauen Augen an, dass ich das Gefühl bekam, ich würde nackt vor ihm hocken. Nachdem ihre kleine Scharade aufgeflogen war, Dragan sie sich vorgenommen und aus meinem Büro befördert hatte, musste ich erst mal durchatmen. So viel Testosteron auf einmal war ich nicht gewöhnt. Meine Kommilitonen waren kleine Jungs dagegen. Mit dem Gedanken, wie der Abend wohl verlaufen wäre, wenn Dragan nicht dazugekommen wäre, schlief ich ein.

An dem Spruch, dass am nächsten Tag die Welt schon wieder ganz anders aussähe, war definitiv etwas dran. Während ich gestern Abend noch meinen weiblichen Hormonen erlegen war, schaltete sich heute mein Verstand wieder ein.
   Warum hatten die beiden behauptet, Freunde von mir zu sein, wo sie mich doch überhaupt nicht kannten? Was wollten sie von mir? Oder hatten sie gehofft, sich auf diese Weise Zutritt zum Büro verschaffen zu können? Wer waren die beiden überhaupt? Ich kannte nicht mal ihre Namen. Eine kleine Stimme in meinem Hinterkopf stichelte, dass ich die Namen nur wissen wollte, um die beiden wiederzusehen. Und wenn es die Typen waren, die Jonas die Drogen untergeschoben hatten?
   Morgen war mein nächster Besuchstermin. Vielleicht kannte er die beiden ja. Dragan kannte sie allerdings nicht. In meinem Magen machte sich ein mulmiges Gefühl breit. Ich musste unbedingt abschalten und den Kopf frei bekommen. Das funktionierte am besten an der frischen Luft. An dem Schlüsselbund, das mir Franz Wiedemann übergeben hatte, befand sich auch ein Autoschlüssel. Bisher hatte ich mir noch keine Gedanken darüber gemacht, aber mit einem Auto wäre ich in einer knappen Stunde in den Bergen und könnte endlich mal wieder Skifahren. Es war zwar bereits Ende März, und in den Tälern streckten schon ein paar Krokusse die Köpfe aus dem Boden, aber in den Höhenlagen lag definitiv noch genug Schnee. Früher war ich oft mit meinen Eltern und Jonas zum Skifahren in den Bergen gewesen. Meine Skiausrüstung war noch in meiner Wohnung. Also würde ich vorab kurz anhalten und meine Sachen holen. Ein Gedanke ließ mich innehalten. Ich hatte keine Ahnung, was für ein Auto Jonas fuhr. In einen Smart würden meine Skier schlecht passen. Außerdem musste ich Jonas’ Auto erst mal finden. Aber der Entschluss war gefasst.
   Ich schnappte mir das Schlüsselbund, das mir inzwischen schon so vertraut war, und machte mich auf den Weg. Als ich vor die Tür trat, sog ich tief die herrliche Luft ein. Sonnenstrahlen wärmten mein Gesicht, und ich wusste, dass es genau der richtige Tag für mein Vorhaben war. Ich betrachtete den Autoschlüssel genauer. Er sah modern aus, eindeutig mit Fernbedienung. Also hatte mein Bruder seinen sechzehn Jahre alten Golf doch irgendwann verkauft. Bei genauerem Betrachten erkannte ich auf dem Emblem das Wort Porsche. Oha! Das klang grundsätzlich nach Spaß. Allerdings könnte es mit der Skiausrüstung tatsächlich eng werden. Jetzt hieß es erst mal, das Schmuckstück zu finden.
   Auf dem Gelände vor dem Klub parkten nur wenige Wagen, und keiner davon war ein Porsche. Ich ging um das Gebäude herum und suchte nach einer Garage. Auf der Rückseite wurde ich fündig. Jedenfalls sah ich zwei große, verschlossene Metalltore. Ich suchte nach dem passenden Schlüssel und öffnete einen der beiden schweren Flügel. Beim Anblick des Wagens machte sich ein Grinsen auf meinem Gesicht breit. Ein schwarzer Porsche Cayenne S mit einer Vorrichtung für Skier auf dem Dach stand vor mir. Das Transportproblem hatte sich erledigt. Schnell öffnete ich auch die andere Seite der Garage, dann stieg ich in den Wagen. What a feeling! Woah! Nachdem ich den Sitz und die Spiegel eingestellt hatte, was nicht ganz leicht war, weil alles elektrisch funktionierte, startete ich den Motor. Ein sattes Blubbern ließ mich vor Freude fast vom Sitz hüpfen. Gut, dass ich schon angeschnallt war.
   Vorsichtig fuhr ich rückwärts aus der Garage und lenkte den Wagen Richtung Straße. Eine Dreiviertelstunde später hielt ich vor meiner Wohnung. Nachdem ich kurz nach dem Rechten geschaut, die Post durchgesehen und meine Skiausrüstung geschnappt hatte, verstaute ich alles im Wagen. Die Skier auf das Dach zu bekommen, war allerdings ein Problem, da ich mit meinen knapp 1,70 m eindeutig zu klein war. Aber mit einem bisschen Geschick hatte ich es irgendwann geschafft.
   Nach einer weiteren Stunde Fahrt war ich mitten im Skigebiet angekommen. Meine Haut kribbelte vor Vorfreude. Ich zog die Skiklamotten über und kämpfte mich in meine Skischuhe. Dann wollte ich die Skier vom Dach holen. Verdammt! Mit den blöden Skischuhen war das noch um einiges schwieriger als mit den Turnschuhen, die ich vorher angehabt hatte.
   »Können wir vielleicht behilflich sein?«
   »Danke, es geht schon«, antwortete ich kühl, ohne mich umzudrehen.
   »Das sieht man!«
   Bevor ich etwas erwidern konnte, hoben mich zwei Arme an den Hüften nach oben, sodass ich auf Augenhöhe mit meinen Skiern war.
   Erschrocken kreischte ich auf. »Lassen Sie mich sofort runter! Ich …« Mir stockte der Atem, denn als ich nach unten sah, um zu sehen, wer mich da so frech gepackt hielt, erkannte ich den Herzkranken von gestern Abend wieder.
   Eine ordentliche blaue Beule hatte er geschickt versucht, hinter ein paar Haarsträhnen zu verstecken. Ein kurzer Blick nach rechts bestätigte meine Vermutung, dass es sich bei dem anderen um seinen Bruder handelte. Falls sie überhaupt Brüder waren. Sein Auge zierte jedenfalls ein beachtliches Veilchen, das in allen Nuancen von Lila leuchtete. Während er die Skier für mich vom Dachträger befreite, ließ mich der andere Rüpel endlich runter, nicht ohne mich weiterhin an sich zu pressen. Ich nahm den angenehmen Geruch seines Aftershaves wahr und musste den Kopf in den Nacken legen, um ihm in die Augen zu sehen. »An deiner Stelle wäre ich vorsichtiger. Nicht, dass dein krankes Herz noch den Geist aufgibt«, gab ich mit vor Sarkasmus triefender Stimme von mir.
   Ich erntete lediglich ein charmantes Grinsen, was allerdings meine Knie weich werden ließ. In diesem Moment drückte mir der andere meine Skier in die Hand und zog meine Aufmerksamkeit auf sich. »Hübsches Veilchen. Die Farbe steht dir.«
   Er strich sich durch die Haare und lächelte mich an. Ich machte mich von dem Herzkranken los, schloss das Auto ab und stakste Richtung Sessellift. Kurz vor dem Kassenhäuschen schnallte ich die Skier an, als die beiden auf ihren Snowboards angerutscht kamen und sich an mir vorbeischoben, um vor mir dran zu sein. Ich biss mir auf die Zunge und verkniff mir einen Kommentar. Hinter dem Kassenhäuschen gab es drei nebeneinanderstehende Drehkreuze, da es sich um einen Dreiersessellift handelte. Die beiden Rüpel standen direkt vor mir nebeneinander. Ich stand mittig dahinter. Keine zehn Pferde würden mich dazu bringen, mit den beiden in einen Lift zu steigen. Kurz bevor sich die Drehkreuze öffneten, machte der Herzkranke allerdings einen Schritt nach links, sodass ich nun direkt vor dem freien Drehkreuz stand. Dann öffneten sich die Schranken und Rüpel Nummer zwei zog mich mit durch. Bevor ich reagieren konnte, stand ich zwischen den beiden, als uns der Lift in die Kniekehlen drückte und wir uns in die Sitze fallen ließen. Ganz großes Kino, Toni!
   »Da wir jetzt einige Zeit zusammen verbringen werden, wäre es vielleicht langsam an der Zeit, sich vorzustellen«, ließ der Herzkranke verlauten.
   Ich schnaubte verächtlich. Schließlich hatte ich nicht darum gebeten, mit den beiden hier zu sitzen.
   »Ich heiße Ben Winter. Und der Typ neben dir ist mein Bruder Nick.«
   Ich schaute kurz Nick an, der seinen Handschuh auszog und mir seine Hand reichte.
   »Schön, dich kennenzulernen, Toni.«
   »Für euch zwei Antonia. Toni nennen mich nur meine Freunde. Dazu zähle ich euch beiden Rüpel nicht«, antwortete ich, seine Hand ignorierend.
   »Autsch!«, gab Ben, der Herzkranke, von sich, während sich Nick zu mir beugte, sodass ich seinen warmen Atem an meinem Hals spürte.
   »Was nicht ist, kann ja noch werden.« Seine Stimme verursachte mir eine Gänsehaut.
   Ich beschloss, Nicks Spruch unkommentiert zu lassen und ließ meinen Blick über die Piste schweifen. Wir waren inzwischen fast oben angekommen. Als sich der Sicherheitsbügel hob, stießen wir uns zeitgleich ab und fuhren ein paar Meter Richtung Piste. Ich hielt an, um meine Skibrille aufzusetzen. In den Augenwinkeln sah ich, dass die Jungs ihre Snowboards festschnallten und sich ebenfalls fertig machten. Ich konnte nicht verhindern, dass ich sie bewundernd betrachtete. Beide waren stylisch gekleidet, und mir entgingen die Blicke der anderen Frauen nicht.
   »Kannst du nur quatschen und gut aussehen, oder hast du auch was drauf?«, fragte Ben herausfordernd.
   Als Antwort zeigte ich ihm meinen Mittelfinger und stieß mich ab. Ich hörte die beiden noch lachen, als mir bereits der Wind um die Ohren sauste. Gott, wie hatte ich das vermisst!
   Ich wedelte entspannt das erste Stück der Piste hinunter. Auf einem kleinen ebenen Stück hielt ich an, um mich zu orientieren. Ben und Nick kamen mit eleganten Kurven den Hang herab. Beide trugen wie ich einen Helm. Safety first! Ihre Schädel hatten gestern schon genug abbekommen. Bei diesem Gedanken musste ich grinsen. Nur einen Augenblick später wurde ich in eine Schneewolke gehüllt, weil die beiden direkt vor mir abrupt bremsten.
   »Nicht schlecht für ein Mädchen«, ließ Ben verlauten, während Nick mich wieder anlächelte.
   »Was hältst du davon, wenn wir über den Gleitweg da vorn die Piste wechseln, dann mit der Gondelbahn bis zum Gipfel fahren und von da aus die Abfahrt über die Hütte nehmen?«, schlug Nick vor.
   Das klang wirklich gut. Also nickte ich. »Wer als Erster an der Seilbahn ist …« Bevor die beiden reagieren konnten, fuhr ich bereits los und setzte meine Skibrille wieder auf. Ich wusste, dass die beiden mit den Snowboards auf dem Gleitweg nicht so schnell vorankamen wie ich mit den Skiern. So war es nicht weiter verwunderlich, dass ich als Erste an der Station ankam, doch während ich am Kassenhaus nach meinem Portemonnaie suchte, waren sie auch schon angekommen. Nicht schlecht. Es war nicht viel los, und so stiegen wir zu dritt in die kleine Gondel, die eigentlich für vier Personen vorgesehen war.
   Ben setzte sich natürlich sofort neben mich.
   Wir zogen unsere Helme aus, weil es darunter wirklich warm war.
   Ben fuhr sich durch die Haare, die dadurch aussahen, als wäre er gerade aus dem Bett gestiegen. Einfach nur sexy.
   »Du hast überhaupt nicht gesagt, was der Sieger dieses kleinen unfairen Rennens bekommt«, raunte er mir ins Ohr. »Ich finde, du hast dir eindeutig einen Kuss vom Zweitplatzierten verdient.«
   Bevor ich realisieren konnte, was er da gesagt hatte, hatte er mein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger genommen und seine Lippen auf meine gedrückt.
   Ich war völlig überrumpelt, doch es fühlte sich unglaublich gut an. Er intensivierte den Kuss, und ich schaltete meinen Verstand aus und gewährte seiner Zunge Einlass. Zunächst vorsichtig neckend umkreiste er meine Zunge, bevor der Kuss stürmischer wurde. Doch plötzlich löste sich Ben von mir. Ich riss die Augen auf und starrte direkt in die dunkelblauen Augen von Nick, der uns gegenübersaß und das Ganze schmunzelnd beobachtet hatte. Oje, wie peinlich war das denn? Vor lauter Scham wusste ich nicht, wohin ich schauen sollte. Ben schien jedenfalls nichts von meinem Gemütszustand mitzubekommen, denn er begann davon zu erzählen, wie er und Nick mal während eines plötzlichen Schneesturms drei Stunden in einer Seilbahn festgesessen hatten.
   Diese Fahrt schien jedenfalls kein Ende zu nehmen, doch irgendwann kamen wir zum Glück oben an und stiegen aus. Nachdem wir uns fertig gemacht hatten, beschlossen wir, die schwarze Piste bis zur Hütte zu nehmen. Eigentlich war das nicht wirklich ein Problem für mich, allerdings hatte ich noch immer weiche Knie.
   Ben fuhr voraus, und ich folgte ihm. Nick blieb mit etwas Abstand hinter mir. Während der Fahrt entspannte ich mich. Ich konnte das Dach der Hütte bereits hinter dem nächsten Hügel ausmachen, als es passierte. Ich hatte einen kleinen Hubbel übersehen und verlor die Kontrolle. Zum Glück lösten sich die Skier automatisch von den Schuhen, sodass ich relativ ungefährlich, aber unsanft, ein Stück auf dem Hintern die Piste hinunterrutschte. Als ich endlich zum Stillstand kam, sah ich Nick auf mich zurasen. Direkt neben mir ließ er sich fallen und beugte sich zu mir.
   »Bist du okay, Toni? Hast du dir wehgetan?«
   »Alles okay. Ich bin ja nicht aus Zucker.« Ich grinste ihn an.
   Bevor ich wusste, wie mir geschah, nahm Nick mein Gesicht in beide behandschuhte Hände und küsste mich fest und fordernd. Ich konnte nicht anders, als seinen Kuss zu erwidern. Ein Kribbeln durchfuhr meinen Körper, doch dann setzte der Verstand ein und ich wich erschrocken zurück.
   »Vielleicht bist du nicht aus Zucker, aber du schmeckst so süß, als ob du es wärst«, murmelte er und sah mir in die Augen.
   Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen, bevor ich mich zusammenriss, meinen Blick von seinem löste und die Piste nach meinen Skiern absuchte. Zum Glück lagen sie nicht weit entfernt im Tiefschnee.
   Zusammen fuhren Nick und ich bis zur Hütte, wo Ben bereits auf uns wartete.
   »Wo bleibt ihr denn? Habt ihr zwischendurch eine kleine Nummer da oben geschoben?«, sagte er und lachte, doch sein Lachen erstarb, als er den Schnee auf meinem Anzug sah. »Bist du gestürzt? Oder hat mein Bruder dich flachgelegt?« Bei der letzten Frage verzog er die Lippen zu einem schiefen Grinsen.
   Während ich meine Skier in den dafür vorgesehenen Ständer stellte, blickte ich über die Schulter zu Ben. »Letzteres war der Fall. Mitten auf der Piste. Und es war verdammt gut!« Damit drehte ich mich um und stapfte zur Hütte, in der es herrlich warm war und nach Kaffee duftete.

Nick

Antonia verschwand in der Hütte und ließ Ben und mich verblüfft stehen.
   »Was zum Teufel habt ihr da oben getrieben?«, fragte mein kleiner Bruder.
   Ich wollte ihn noch ein bisschen schmoren lassen, daher folgte ich Toni. »Na, hast du doch gehört, Bruderherz«, rief ich über die Schulter.
   In der Hütte entdeckte ich Toni an einem Tisch in einer gemütlichen Ecke. Ich setzte mich zu ihr, und auch Ben gesellte sich dazu. Wir bestellten etwas Warmes zu trinken und eine Suppe.
   Während wir auf unsere Bestellung warteten, verschwanden die einzigen anderen Gäste. Die Saison war längst vorbei, es waren nur noch wenige Leute unterwegs.
   Während wir die herrlich heiße Suppe aßen, sprachen wir über alles Mögliche. Toni erzählte ein paar Anekdoten von ihren Skitouren, die sie mit Jonas unternommen hatte. Ben und ich konnten die eine oder andere lustige Geschichte beitragen, und so bemerkten wir nicht, wie schnell die Zeit verging. Als wir eine weitere Runde Getränke bestellen wollten, kam der Wirt auf uns zu.
   »Habt ihr mal aus dem Fenster geschaut? Da hat sich ganz schön was zusammengebraut. Wenn ihr heute noch vom Berg runter wollt, solltet ihr euch beeilen. Die Seilbahn hat eben gemeldet, dass sie vor fünf Minuten die letzte Fahrt gemacht hat. Bei dem Wind wundert’s mich nicht.«
   Hier hinten in der Ecke hatten wir den Wetterumschwung nicht mitbekommen. Als wir zum Fenster gingen, tobte draußen bereits ein ordentlicher Sturm, und es dämmerte.
   »Fuck!«, sprach Ben aus, was ich dachte. »Da können wir heute unmöglich noch runterfahren. Das käme einem Selbstmord nahe.«
   Ich nickte und sah zu Toni. Auch sie schien die Situation als zu gefährlich für eine Abfahrt einzuschätzen. »Bei dem Sturm sieht man die Hand vor Augen nicht. Wenn wenigstens noch die Seilbahn fahren würde. Was machen wir jetzt?«
   Aus dem Hintergrund meldete sich der Wirt zu Wort. »Ich habe ein Gästezimmer oben. Ist eigentlich für meine Tante, wenn sie zu Besuch kommt. Wenn ihr wollt, könnt ihr hier übernachten. Ist aber nur ein Doppelbett.«
   Schmunzelnd beobachtete ich, wie Toni sämtliche Farbe aus dem Gesicht wich.
   Ben hingegen schien die Idee gut zu gefallen. »Prima! Wir nehmen das Zimmer.«
   Offenbar wollte Antonia protestieren, doch in Anbetracht der Lage entschied sie sich wohl dagegen.
   Der Wirt verließ den Gastraum durch eine Tür hinter der Theke und führte uns eine schmale Holztreppe nach oben. Links führte ein Flur zu anderen Räumen, während er uns rechter Hand eine Tür öffnete. »Das Bad ist die nächste Tür rechts. Bettwäsche und Handtücher findet ihr im Schrank. Frühstück gibt’s erst ab zehn Uhr.«
   Wir betraten das kleine Zimmer und mussten alle drei grinsen. Wie waren wir nur in diese Situation geraten? Ben war völlig entspannt und freute sich über den kleinen Röhrenfernseher, der auf einer Kommode gegenüber vom Bett stand. Er machte sich gleich mit Feuereifer daran, einen Sender zu finden. Da es sich allerdings um Satellitenfernsehen handelte, gab er schnell auf, denn der Bildschirm spiegelte in etwa das Schneegestöber von draußen wider.
   Toni öffnete die Kommode auf der Suche nach Bettwäsche und juchzte auf. »Hey! Wir können uns doch einen gemütlichen Fernsehabend machen. Ich habe einen DVD-Player gefunden.«
   Ben war begeistert. »Hast du denn auch DVDs gefunden?«
   Toni verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf.
   Ich ließ die beiden weiter das Zimmer inspizieren und beschloss, das Bett probezuliegen. Die Matratze war furchtbar weich, aber für eine Nacht würde es gehen. Neugierig öffnete ich die Schublade vom Nachttisch. Sie klemmte, woraufhin ich mit Kraft versuchte, sie herauszuziehen. Plötzlich gab sie nach, und etwas war in die Schublade geplumpst. Eine DVD! Und was für eine! Als ich den Titel las, konnte ich mir ein breites Grinsen nicht verkneifen.
   »Leute? Ich habe eine DVD gefunden. Ich glaube, das wird doch noch ein gelungener Abend.«
   Antonia und Ben drehten sich zu mir um. Während auch Ben süffisant zu grinsen begann, verzog Antonia keine Miene.
   »Fifty Shades of Grey? Dein Ernst? Das Buch war deutlich besser als der Film«, gab sie trocken zum Besten und nahm die Bettwäsche aus dem Kleiderschrank.
   Ben und ich sahen uns verblüfft an. Mein Bruder fand als Erster die Sprache wieder. »Du hast den Film gesehen? Und das Buch gelesen?«
   »Ja, natürlich. Haltet ihr mich für eine verklemmte Jungfrau? Um das Buch kommt man als moderne Frau heute doch kaum noch herum.«
   »Und?« Ben zog eine Augenbraue in die Höhe.
   »Was und?«, gab Toni zurück, während sie begann, die Betten zu beziehen. Ich stand auf, um ihr zu helfen.
   »Hat es dir gefallen?«
   »Na ja, es ist literarisch gesehen nicht …«
   »Jetzt hör doch mal mit diesem Lehrerquatsch auf«, unterbrach Ben sie. »Ich meine, ob dir gefallen hat, was Christian mit Anastasia gemacht hat?«
   Neugierig sah ich zu Toni.
   Ihre Wangen färbten sich verdächtig rot. »Das eine oder andere hat mir gefallen, ja«, murmelte sie und strich überflüssigerweise noch einmal über das frisch bezogene Bett.
   Ben bewegte sich langsam auf sie zu, und ich wusste, er war im Jagdmodus. Wortlos beobachtete ich das Schauspiel.
   »Und was genau hat dir gut gefallen, Toni?«, raunte er ihr ins Ohr.
   Auch ich trat dichter an sie heran. »Das würde mich jetzt auch interessieren.« Ich beugte mich zu ihr und knabberte an ihrem rechten Ohrläppchen. Deutlich spürte ich, wie sich ihr Puls beschleunigte, doch dann stieß sie uns von sich.
   »Ich wüsste nicht, was euch das angeht.« Damit verschwand sie aus dem Zimmer.
   »Die Kleine ist viel zu verkrampft und denkt noch zu viel. Ich werde mal was besorgen, was sie lockerer werden lässt.« Grinsend verließ auch Ben den Raum.
   Während die beiden weg waren, rief ich in unseren Klubs an und teilte mit, dass Ben und ich heute Abend nicht mehr zu sprechen seien.
   Als mein Bruder mit einer Flasche Rum in der einen und drei Gläsern in der anderen Hand zurückkam, lag ich bereits in T-Shirt und Boxershorts auf dem Bett.
   Ben stellte die Flasche und die Gläser auf den Nachttisch auf der anderen Seite und entledigte sich seiner Jeans, als Antonia in einem schwarzen Tanktop und schwarzem Spitzen-Panty ins Zimmer trat. Wow! Was für ein Anblick! Ich hatte schon im Esperanza eine Ahnung von ihrer Figur gehabt, aber dieser Anblick ließ mich fast sabbern. Auch Ben fixierte sie wie ein Raubtier, das seine Beute direkt vor Augen hat. Ohne ein Wort zu sagen, kletterte sie über mich, setzte sich in die Besucherritze des Bettes und lehnte sich entspannt gegen das Kopfteil.
   »Und, hat schon einer von euch die DVD eingelegt?«
   Ben und ich warfen uns irritierte Blicke zu. Ich sprang auf und legte die DVD in den Player, während mein Bruder jedem von uns ein Glas Rum einschenkte. Dann reichte er uns die Gläser und hielt seines hoch.
   »Auf einen gemütlichen DVD-Abend! Prost!«
   »Prost!«
   »Prost!«
   Wir stießen an, während die ersten Bilder über den Bildschirm flackerten.
   Eine Dreiviertelstunde später war die Flasche Rum fast leer, und Antonia zerfetzte jede zweite Szene des Films in der Luft, weil es im Buch angeblich völlig anders war. Ben und ich ließen sie fachsimpeln und lehnten uns schmunzelnd zurück. Nüchtern waren wir beide auch nicht mehr, aber bei Toni schien der Alkohol stärker zu wirken, obwohl sie nach der fünften Runde ausgestiegen war. Irgendwann gab sie es auf, uns von den Vorteilen des Buches vorzuschwärmen und entspannte sich, während das Drama auf dem Bildschirm seinen Lauf nahm.
   Als Christian Grey Anastasias Hintern kurz vor dem Ende des Films mit dem Paddel bearbeitete, zuckte Toni zwischen uns bei jedem Schlag zusammen. Ben nahm das zum willkommenen Anlass, ihre Hand zu nehmen und sich zu ihr umzudrehen.
   Ich tat es ihm gleich. »Wir werden nichts tun, was du nicht willst«, raunte ich ihr ins Ohr.
   Ihre Brust hob und senkte sich schneller, und durch das dünne Top erkannte ich deutlich ihre steifen Nippel. Dieser Anblick ließ mich fast augenblicklich hart werden. Langsam drehte sie ihren Kopf in meine Richtung. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen und küsste sie leidenschaftlich, was sie leise in meinem Mund aufstöhnen ließ.
   Ich spürte, dass Ben seine Hand unter ihr Top wandern ließ und tat es ihm nach. Wir kneteten gleichzeitig ihre herrlichen Brüste, was sie heftig aufstöhnen ließ. Bereitwillig ließ sie sich von mir das Top ausziehen. Was für ein Anblick! Bens Hand wanderte langsam an ihren Oberschenkelinnenseiten entlang bis zu ihrer Mitte. Toni hob ihm verlangend ihr Becken entgegen, während Ben mit einem Finger in sie eintauchte.
   »Gott, sie ist schon so bereit«, knurrte Ben, zog sich sein T-Shirt aus und griff nach einem Kondom, das er in weiser Voraussicht auf dem Nachttisch deponiert hatte.
   Ich hingegen widmete mich erst ihrem linken Nippel, indem ich daran saugte und mit den Zähnen knabberte, bevor ich ihrer rechten Brustwarze die gleiche Aufmerksamkeit zukommen ließ. Als Ben sich in Position brachte, ließ ich von ihren Brüsten ab und sah ihr fest in die Augen.
   Während Ben in sie eindrang, hielt sie meinen Blick fest, als würde ich ihr Halt geben. Langsam schob ich meine Finger zwischen die beiden und begann, ihre Klit zu massieren, ohne sie aus den Augen zu lassen. Ihr Atem ging stoßweise, ihre Oberschenkel zitterten.
   »Sie ist gleich so weit«, murmelte ich.
   »Gott, sie ist so eng. Ich befürchte, lange halte ich das nicht mehr aus«, knurrte Ben.
   Die ganze Zeit sah ich Toni fest in die Augen, bis ich spürte, dass sie ganz kurz davor war. Ich erhöhte den Druck auf ihre bereits geschwollene Klit und beugte mich vor. »Kämpf nicht dagegen an. Lass dich fallen. Komm für mich, Süße!«
   Ohne den Blick von mir zu lösen, kam sie mit einem langen Stöhnen, und ich versank in ihren wunderschönen grünen Augen. Nur einen Augenblick später kam auch Ben stöhnend zum Höhepunkt. Er zog sich aus ihr zurück, entsorgte das Kondom und legte sich neben sie.
   Wohlig rekelte sie sich und versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken.
   »Schlaf ruhig, meine Süße«, beruhigte ich sie.
   »Jungs, das war der Hammer!«, nuschelte sie, und ich musste schmunzeln.
   Ben und ich streichelten sie noch ein paar Minuten, bevor sie mit einem Lächeln auf den Lippen erschöpft einschlief. Auch Ben fielen nach kurzer Zeit die Augen zu. Ich hingegen lag noch lange wach, nicht zuletzt wegen meines steinharten Schwanzes. Aber irgendwie hatte es sich nicht richtig angefühlt. Es war bei Weitem nicht der erste Dreier, den Ben und ich gehabt hatten. Bisher hatte ich keine Skrupel gehabt, ebenso auf meine Kosten zu kommen wie Ben, doch bei Antonia war es anders gewesen. Ich hatte Angst gehabt, sie zu überfordern. Aber da war noch etwas anderes. Je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir der eigentliche Grund. Ich wollte sie für mich allein! Vielleicht würde sich morgen früh die Gelegenheit bieten. Mit diesem Gedanken schlief auch ich irgendwann ein.

Toni

Als ich am nächsten Morgen erwachte, war ich erst mal orientierungslos. Mein Schädel brummte, und ich hatte noch immer nicht das Gefühl, nüchtern zu sein. Als ich die Augen aufschlug, versuchte ich das Bild, das sich mir bot, mit meinem Gedächtnis in Übereinstimmung zu bringen. O Gott! Was hatte ich getan? Hatte ich wirklich mit zwei Männern gleichzeitig Sex gehabt? Eine kleine Stimme in meinem Hinterkopf meldete sich besserwisserisch zu Wort. Genau genommen hatte ich nur mit Ben gevögelt. Nick hatte mich nur beobachtet und mich mit seinen Fingern zum Höhepunkt gebracht.
   War ich völlig verrückt geworden? Welche anständige Frau tat so etwas, bitte? Abgesehen davon, dass ich sämtliche Vorsicht über Bord geworfen hatte. Schließlich wusste ich immer noch nicht genau, wer die beiden waren.
   Wieder die kleine Stimme aus dem Off: Doch, du kennst ihre Namen. Ben und Nick Winter. Trotzdem.
   Links neben mir lag Ben, wie Gott ihn erschaffen hatte. Ich gönnte mir einen längeren Blick auf seinen unglaublich attraktiven Körper, wandte den Kopf zur anderen Seite und sah Nick. Seine unfassbar dunkelblauen Augen waren geschlossen, seine Gesichtsmimik entspannt. Im Gegensatz zu seinem Bruder trug er noch T-Shirt und Boxershorts. Dennoch zeichneten sich auch bei ihm gut definierte Muskeln ab. Und die Beule, die sich deutlich unter den Shorts abzeichnete, ließ erahnen, dass er ähnlich gut bestückt war wie Ben.
   O Gott, Toni, woran denkst du schon wieder?
   In diesem Moment wurde mir bewusst, dass Nick gestern Abend nicht gekommen war. Und ich war einfach eingeschlafen. Konnte es noch peinlicher werden? Wahrscheinlich schon, wenn ich nicht so schnell wie möglich von hier verschwand.
   Als ich versuchte, mich so geräuschlos wie möglich aus dem Bett zu erheben, schoss ein übler Schmerz durch meinen Kopf, und ich konnte nur mit Mühe ein Stöhnen unterdrücken. Wenig elegant kletterte ich über Nick aus dem Bett, was mir deutlich sicherer erschien, griff mein Top und meinen Slip, die achtlos auf dem Boden lagen und schlich aus dem Zimmer. Zum Glück hatte ich meine Klamotten gestern im Badezimmer gelassen. Schnell zog ich mich an und ging so leise wie möglich die knarzende Treppe nach unten. Zum Glück war niemand da, sodass ich mich unbeobachtet nach draußen stehlen konnte.
   Der Himmel war wolkenlos, ich schnallte die Skier an und fuhr, als wäre der Teufel hinter mir her, ins Tal. Auf der Fahrt zum Klub versuchte ich die Bilder zu verdrängen, die immer wieder vor meinem geistigen Auge auftauchten. Aber diese dunkelblauen Augen hatten sich in mein Gehirn gebrannt. Dieser Augenblick, als wir uns angesehen hatten, während Nick mich heftig kommen ließ, war intimer als der eigentliche Akt mit Ben gewesen. Was nicht heißen sollte, dass der Sex mit Ben nicht gut gewesen wäre.
   Meine Gedanken liefen auch weiterhin Amok, als ich den Wagen in die Garage fuhr und mich kurz darauf im Gästezimmer wiederfand, was inzwischen zu einem zweiten Zuhause für mich geworden war.
   Ein Blick auf die Uhr ließ mich aufstöhnen. Mir blieb gerade noch genug Zeit, um zu duschen und mich umzuziehen, damit ich nicht zu spät zu meinem Besuchstermin bei Jonas kommen würde. Selbst mit Jonas’ Wagen würde es eng werden.
   Knapp zwei Stunden später und nach einer schier endlos dauernden Parkplatzsuche, saß ich zum zweiten Mal in diesem tristen grauen Raum. Ich sah aus dem vergitterten Fenster und wartete darauf, dass man meinen großen Bruder brachte.
   Als sich die Tür öffnete, traten ein Wachmann, den ich noch nicht kannte, sowie Jonas in den Raum. Meinem Bruder wurden die Handschellen abgenommen, und der Wachmann positionierte sich vor der Tür, ebenso wie sein Kollege es getan hatte, während Jonas auf mich zukam und mich in die Arme nahm. Ich drückte ihn fest an mich und genoss seinen vertrauten Geruch. Irgendwann lösten wir uns voneinander und setzten uns.
   »Und, wie läuft es? Gibt es Probleme im Klub?«, fragte er ungeduldig.
   »Ich weiß überhaupt nicht, wo ich anfangen soll. Also, erst mal zur Beruhigung: Das Esperanza ist jeden Abend sehr gut besucht. Dragan ist mir eine große Hilfe. Er hat mir alles gezeigt und sich sehr bemüht, all meine Fragen zu beantworten.«
   Jonas seufzte. »Ja, auf Dragan kann man sich verlassen. Leider ist er nicht unbedingt der Hellste, sonst hätte ich dich aus allem heraushalten können. Trotzdem ist er einer von den Guten, auch wenn er auf den ersten Blick nicht so aussieht.«
   »Auch Alexa hat mir hier und da geholfen, was den Barbereich und die entsprechenden Bestellungen anging.«
   »Hm, hätte ich fast nicht erwartet«, murmelte Jonas.
   »Wieso nicht? Sie macht auf mich einen sehr netten Eindruck.«
   »Na ja, da gab es eine Woche vor meiner Festnahme so einen kleinen Zwischenfall.«
   »Was denn?«
   Jonas rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum. Offenbar war es ihm unangenehm, darüber zu sprechen. »Sie hat schon immer sehr offen mit mir geflirtet. An diesem Abend fing sie mich ab, bevor ich in meine Wohnung gehen wollte. Sie … sie war sehr direkt in ihrer Anmache, wenn du verstehst, was ich meine.«
   Ich verzog das Gesicht. Sich den eigenen Bruder beim Sex vorzustellen, war irgendwie eklig.
   »Ich bin halt auch nur ein Mann«, fuhr er fort. »Es kam zu einem Quicky im Büro. Ich sagte ihr, dass das ein Ausrutscher war und dass ich nichts mit einer Angestellten anfangen würde. Sie verließ stinkwütend mein Büro und vermied ab da so gut wie jeden Kontakt mit mir.«
   »Hm, zu mir war sie freundlich und hilfsbereit. Außerdem erkundigt sie sich regelmäßig nach dir. Könnte es sein, dass sie sich in dich verliebt hat?«
   Jonas legte den Kopf schief und schien darüber nachzudenken. Seine Miene war undurchdringlich. »Möglich. Sollte dem so sein, werde ich ihr kündigen, sobald ich hier wieder raus bin.«
   »Was? Das kannst du doch nicht einfach so machen? Sie liebt ihren Job. Das habe ich schon am ersten Tag gemerkt. Und für ihre Gefühle kann sie doch nichts«, fuhr ich ihn an.
   »So läuft das halt, wenn man sich nicht an die Regeln hält«, machte Jonas mit ausdrucksloser Miene und einer Kälte in seiner Stimme klar, die keinen Widerspruch zuließ. »Ich kann mir in dieser Branche keine Schwäche leisten, weder nach außen noch gegenüber meinen Angestellten. Ende der Diskussion!«
   Ich biss mir auf die Zunge, um mir die eine oder andere bissige Bemerkung zu verkneifen. So gefühlskalt kannte ich Jonas nicht, und diese Seite von ihm machte mir Angst und führte mir gleichzeitig vor Augen, wie knallhart es in dieser Branche zuging. Um das Thema zu wechseln, stellte ich ihm eine Frage, die mich schon die ganze Zeit beschäftigte, obwohl ich mich vor der Antwort fürchtete. »Kennst du eigentlich Ben oder Nick Winter?«
   Jegliche Farbe wich aus seinem Gesicht, er verspannte sich. »The Icemen? Woher zum Teufel kennst du sie?«, fragte er mit kratziger Stimme.
   »The Icemen?«, fragte ich einfältig nach. Ich musste Zeit gewinnen.
   »Jeder in der Branche kennt sie und nennt sie so. Es ist nicht nur die Assoziation zu ihrem Nachnamen, die ihnen diesen Spitznamen eingebracht hat. Die beiden gelten als eiskalt und zum Teil auch skrupellos, wenn sie etwas wirklich wollen. Ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass sie über Leichen gehen würden, aber sie bewegen sich beim Erreichen ihrer Ziele immer am Rand der Legalität und ohne moralische Grenzen. Also, Toni, woher kennst du die beiden?«
   Sein stechender Blick durchbohrte mich förmlich, und ich sah mich plötzlich dem knallharten Geschäftsmann Jonas Wagner gegenüber. Verdammt! Was sollte ich ihm antworten? Dass die beiden mich angemacht hatten und ich mich, nachdem ich beide geküsst hatte, auf eine heiße Nacht mit ihnen eingelassen hatte?
   »Toni!« Jonas war aufgestanden und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
   Ich zuckte zusammen. »Ich … also, sie … sie«, stotterte ich.
   »Woher, verdammt nochmal, kennst du The Icemen?« Seine Stimme war nur noch ein Knurren.

Ich holte tief Luft. »Sie waren am Samstagabend im Esperanza und haben versucht, sich auf ziemlich plumpe Art Zutritt zum Büro zu verschaffen.«
   »Wie genau sind sie vorgegangen?«
   Ich antwortete nicht gleich.
   »Toni, muss ich dir wirklich jedes Wort aus der Nase ziehen? Was genau haben sie getan?«
   »Sie haben versucht, mich anzumachen.« So, jetzt war es raus. Na ja, zumindest der harmlose Teil.
   »Scheiße! Das ist nicht gut! Das ist gar nicht gut!«
   »Ihr Spiel ist schnell aufgeflogen, und Dragan hat sie vor die Tür gesetzt und ihnen Hausverbot erteilt«, versuchte ich, die Situation zu entschärfen.
   Jonas lachte kurz freudlos auf. »Hausverbot. Das interessiert The Icemen einen Scheiß, Toni! Es war ein verdammt harter Kampf, mich beim Erwerb des Klubgeländes mit legalen Mitteln gegen die beiden durchzusetzen. Es war mein verdammtes Glück, dass ich die Erbin der Fabrik zuerst gefickt hatte und ich ihr scheinbar in guter Erinnerung geblieben war. Wog jedenfalls schwerer als die versuchte Bestechung der beiden. Wenn sie jetzt versuchen, sich an dich ranzumachen, dann hat es in der Branche die Runde gemacht, dass das Esperanza praktisch zum Ausverkauf steht. Und du als meine zusätzliche Schwachstelle kommst solchen Typen wie den Icemen gerade gelegen. So können sie das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Ich hatte gehofft, es würde länger dauern, bevor es so eng wird. Fuck!«
   Jetzt war ich es, der sämtliche Farbe aus dem Gesicht wich. Wie blöd war ich gewesen? Und ich hatte gedacht, wir wären in dieser Hütte gelandet, weil der Zufall es so wollte! Ich war so was von naiv! Sie hatten das irgendwie eingefädelt, und ich war bereitwillig in die Falle getappt. Zur Krönung hatte ich es auch noch mit ihnen getrieben. Verzweifelt verbarg ich mein Gesicht hinter den Händen.
   »Hey«, versuchte Jonas mich mit sanfter Stimme zu beruhigen. »Du bist ja zum Glück nicht auf sie reingefallen. Ich weiß, dass sie normalerweise leichtes Spiel bei den Frauen haben. Nicht auszudenken, wenn sie dich in ihr Bett bekommen hätten.«
   Ich riss die Augen auf und verschluckte mich im gleichen Moment an meiner eigenen Spucke.
   »Pass auf, Toni. Ich hatte gehofft, dass es nicht so weit kommen würde, aber ab jetzt müsst ihr höllisch aufpassen«, erklärte mir Jonas, nachdem ich den Hustenanfall leider überlebt hatte. »Sie werden sich alle wie die Aasgeier auf das Esperanza stürzen. Ihr müsst ab jetzt noch mehr Kontrollen durchführen und zur Not hart durchgreifen. Nicht nur The Icemen werden versuchen, sich den Klub unter den Nagel zu reißen. Die sind im Moment noch unser kleinstes Problem, weil sie die Immobilie tatsächlich käuflich erwerben wollen, wenn auch zu einem sittenwidrig niedrigen Preis, wie ich vermute. Aber die kriminelle Szene will das Esperanza als Umschlagplatz für ihre illegalen Geschäfte. Diese Typen schrecken vor nichts zurück. Das sind keine Geschäftsleute, sondern Verbrecher.
   Gib eine Pressemitteilung raus: Der Club wird interimsweise von dir geführt. In meinem Sinne! Das muss unbedingt erwähnt werden. Es muss ganz deutlich daraus hervorgehen, dass das Esperanza nicht zum Verkauf steht. Das dürfte zumindest die meisten Immobilienhaie erst mal fernhalten. Die Sicherheitsmaßnahmen werden verschärft, und wir werden mehr Personal einstellen. Außerdem sollte noch erwähnt werden, dass ich unschuldig bin und gute Chancen auf baldige Entlassung habe.«
   Ich starrte Jonas an, als hätte er mir gerade eröffnet, dass er in Wirklichkeit ein Alien war. Wo war mein liebevoller, harmoniebedürftiger großer Bruder hin? Vor mir saß ein Mensch, der mir irgendwie fremd und vertraut zugleich war.
   »Hast du mir zugehört, Toni? Hast du verstanden, was du zu tun hast? Ich weiß, es ist viel verlangt, aber ich bin mir sicher, dass du das schaffen wirst. Wer weiß, vielleicht bin ich ja doch schneller draußen, als wir dachten.«
   Jetzt horchte ich doch auf und sah ihn fragend an.
   »Sie haben keine Fingerabdrücke von mir auf dem Beutel gefunden. Das beweist zwar noch nicht meine Unschuld, aber jetzt müssen sie mir nachweisen, dass ich das Zeug irgendwo besorgt habe, und das können sie nicht.« Ein hoffnungsvolles Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht.
   »Das sind wirklich gute Neuigkeiten, Jonas! Ich hoffe so sehr, dass du hier bald rauskommst.«
   Die Stimme des Wachmanns ließ uns zusammenzucken. »Die Zeit ist vorbei, Herr Wagner.«
   Wie schon beim letzten Mal klickten die Handschellen, und Jonas wurde abgeführt.
   »Jonas?«, rief ich, bevor er jedoch durch die Tür verschwand.
   Er drehte sich zu mir um und sah mich fragend an.
   »Ich hab dich lieb, Bruderherz!«, sagte ich und blinzelte die aufkommenden Tränen tapfer weg.
   Jonas lächelte. »Ich dich auch, Toni.«

Nick

»Hast du es schon gelesen?« Ben kam gerade von seinem täglichen Lauftraining wieder, während ich in unserem Fitnessraum wie ein Besessener auf den Sandsack eindrosch. Er warf mir eine aktuelle Ausgabe der Lokalzeitung entgegen. »Seite drei, ziemlich großer Artikel.«
   Während ich mir mit einem Handtuch den Schweiß aus dem Gesicht wischte, schnappte ich mir die Zeitung und schlug Seite drei auf. Tonis wunderschönes Gesicht lächelte mir selbstsicher entgegen, und mein Herz setzte einen Takt aus. Sie war genauso schön, wie ich sie in Erinnerung hatte. Eine knappe Woche war der Abend in der Hütte inzwischen her. Genau genommen fünf Tage und ein paar Stunden, in denen mir Antonia nicht mehr aus dem Kopf ging. Ich riss mich zusammen und konzentrierte mich auf den Text. Als ich die letzte Zeile des Artikels gelesen hatte, bewunderte ich Toni einerseits für ihren Mut, sich der Situation so offen zu stellen, andererseits riskierte sie damit, zur Zielscheibe zu werden. War dieser Jonas denn völlig verantwortungslos, seiner Schwester so eine Last aufzubürden und sie auch noch dieser Gefahr auszusetzen? Er kannte diese Branche schließlich gut genug, um die Situation einschätzen zu können. Wütend über sein Vorgehen warf ich die Zeitung in die nächste Ecke.
   Ben verstand das allerdings falsch, denn er seufzte. »Alter, noch ist ja nichts verloren. Die Kleine haben wir locker um den Finger gewickelt. Das war sogar einfacher, als ich dachte«, erklärte er und schmunzelte, offenbar bei der Erinnerung an den Abend mit Antonia, vor sich hin.
   Innerlich kochte ich. Ja, es war kein Zufall gewesen, dass wir Toni beim Skifahren getroffen hatten. Wir hatten nach unserem misslungenen Auftritt im Club noch in derselben Nacht beschlossen, sie beobachten zu lassen. Der Plan lautete, sie ins Bett zu bekommen und somit emotional an uns zu binden, sodass es ein Leichtes sein sollte, sie vom Verkauf des Klubs zu überzeugen. Plan B sah vor, ihr anzubieten, das Studium zu finanzieren. Als wir sie beim Skifahren trafen, wollten wir eigentlich nur einen angenehmen Tag mit ihr verbringen und das Ganze bei einem guten Essen in einem Restaurant ausklingen lassen. Der plötzliche Wetterumschwung spielte uns allerdings in die Hände. Wieder blitzten Bilder vor meinem inneren Auge auf. Wie sie sich ihrer Lust hingab, wie sie meinen Blick hielt, als sie kam. Ihre grünen Augen, die Wärme und Vertrauen ausstrahlten. Genau das hatten Ben und ich missbraucht. Da half es auch nicht, mein schlechtes Gewissen dadurch zu beruhigen, dass ich nicht mit ihr geschlafen hatte.
   »Hey Nick! Komm mal runter! Der Sandsack kann auch nichts dafür.«
   Ich hatte überhaupt nicht mitbekommen, dass ich wieder wie ein Besessener auf den Boxsack eingeschlagen hatte. Ben stand vor mir und hielt den Sack mit aller Kraft fest. Völlig erschöpft versuchte ich, zu Atem zu kommen, wandte mich wortlos ab und machte mich auf den Weg zu den Duschen.

Eine Stunde später saß ich frisch geduscht und wie immer im Anzug hinter meinem Schreibtisch. Das Büro lag im ersten Stock eines schönen sanierten Altbaus, in dessen ausgebautem Keller sich unser erster Klub, das »The Gasp«, befand. Sowohl Ben als auch ich hatten unsere Wohnungen in diesem Gebäude. Das Dachgeschoss hatten wir zu einem großzügigen Fitnessbereich mit angrenzendem Wellnessbereich ausbauen lassen, den nicht nur Ben und ich nutzten, sondern auch der Belegschaft des Klubs zur Verfügung stand. Gerade, als ich dabei war, die Dienstpläne zu prüfen, kam Ben in mein Büro geschlendert. Er hatte ein Grinsen im Gesicht, das ich nur allzu gut kannte, und was nichts Gutes bedeutete.
   »Mir ist unter der Dusche eine Idee gekommen.« Er ließ sich lässig in den Sessel vor meinem Schreibtisch fallen und genoss die Spannung, die er mit seiner kleinen Ankündigung aufgebaut hatte.
   Fragend zog ich eine Augenbraue nach oben.
   »Pass auf, in dem Artikel steht doch, dass dieser Jonas unschuldig ist und daher bald entlassen wird. Was wäre, wenn wir dafür sorgen würden, dass er doch noch ein bisschen länger im Knast bleibt? Jedenfalls so lange, bis wir der Kleinen den Kopf so verdreht haben, dass sie verkauft.«
   In meinen Gedanken traf meine rechte Faust gerade mitten ins Gesicht meines selbstzufrieden grinsenden Bruders. Woher diese Aggression ihm gegenüber plötzlich stammte, konnte ich nicht sagen. Normalerweise hätte ich keinerlei Probleme mit seinem Vorschlag gehabt. Es wäre nicht das erste Mal, dass wir auf diese Weise ein lukratives Geschäft abschließen würden. Doch der Gedanke, Antonia zu hintergehen, ihr Leid zuzufügen, war einfach unerträglich. Wann war ich eigentlich zu so einem Weichei mutiert?
   »Sag mal, Nick, hörst du mir überhaupt noch zu?«
   Irritiert sah ich Ben an. Offenbar hatte er bereits seinen glorreichen Plan erläutert, wovon ich allerdings nichts mitbekommen hatte. »Sorry, was hast du gesagt?«, antwortete ich ihm daher, um eine undurchdringliche Miene bemüht.
   Ben rümpfte die Nase. »Also gut, dann halt noch einmal: Wir suchen einen Dealer von dem Zeug, das irgendjemand diesem Jonas untergeschoben hat, und bewegen ihn zu einer Falschaussage. Genial, oder?«
   Einen Moment war ich sprachlos. Natürlich war die Idee gut. Es würde uns Zeit verschaffen. Doch zum wiederholten Male an diesem Tag schob sich Tonis Gesicht vor mein inneres Auge. Wie würde sie wohl reagieren, wenn herauskäme, dass ihr großer Bruder angeblich tatsächlich das Zeug gekauft hatte? Es würde ihr Urvertrauen zu ihm zerstören. Womöglich würde sie an der ganzen Sache zerbrechen. Das konnte ich unmöglich zulassen. »Lass gut sein, Ben. Wir haben es versucht, die Kleine hat sich nicht mehr bei uns gemeldet. Offenbar waren wir nicht beeindruckend genug. Wenn Jonas Wagner wirklich demnächst entlassen wird, dann war es das sowieso. Er wird das Esperanza niemals verkaufen.«
   Ben zog ein Gesicht, als hätte ich ihm gerade erklärt, dass Aliens in unserem Klub tanzen würden. »Ist das dein Ernst? Was geht denn bei dir ab, Alter? Nicht beeindruckend genug? Du kannst ja nicht mitreden, weil du nicht bis zum Anschlag in ihr gesteckt hast, als sie gekommen ist, aber ich kann dir sagen …«
   Irgendetwas explodierte in mir, und ich schlug mit der Faust auf den Tisch. »Es reicht, Ben! Du schießt völlig über’s Ziel hinaus. Ich habe gesagt, wir ziehen uns zurück, und genau das werden wir tun! Und jetzt sieh zu, dass du mir die Dienstpläne vom Breathless mailst, damit ich sie nachher noch absegnen kann. Außerdem hat sich das Gesundheitsamt mal wieder kurzfristig angemeldet. Wäre schön, wenn du das heute Nachmittag übernehmen könntest.«
   »Ich weiß echt nicht, was mit dir los ist, Nick, aber du solltest dringend mal wieder einen wegstecken.«
   Als Ben mein Büro verlassen hatte, nicht ohne die Tür laut ins Schloss fallen zu lassen, atmete ich tief ein und aus. Vielleicht hatte er recht, und ich sollte mir mal wieder eine Frau in meinem Bett gönnen. Sofort flogen meine Gedanken zu Toni. Warum sollte ich es nicht versuchen? Immerhin war sie mir ja irgendwie noch etwas schuldig. Über diesen Gedanken schmunzelnd und mit deutlich besserer Laune, ertrug ich diesen ansonsten öden Arbeitstag.

Es war Freitag Abend, und ich war mir sicher, Toni im Esperanza antreffen zu können. Da ich Hausverbot hatte, würde es nicht ganz einfach werden, an Popeye vorbeizukommen. Aber auch ein Kerl wie er musste irgendwann aufs Klo, und ich hoffte, dass mich seine Vertretung reinlassen würde. Ich stellte mich brav in die Schlange der Wartenden, bis nur noch drei Leute vor mir waren und drehte mich so, dass Popeye mich nicht erkennen konnte. Für die anderen Wartenden gab ich vor, mit meinem Handy beschäftigt zu sein und nicht zu bemerken, dass sie sich an mir vorbeidrängelten. Eine knappe Stunde musste ich warten, bis Popeye endlich von einem deutlich schmaleren Typen abgelöst wurde. Ich steckte das Handy ein und war kurz darauf an der Reihe.
   Der Typ musterte mich von oben bis unten und ließ mich rein.
   Strike! Das hatte zumindest geklappt.
   Jetzt musste ich nur noch Toni finden, ohne Popeye über den Weg zu laufen. Ich ließ meinen Blick an der Garderobe vorbei Richtung Büro wandern. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass sie letzte Woche um diese Zeit ihre Runde gemacht hatte. Also entschied ich mich, oben im Klub nach ihr zu suchen.
   Die Tanzfläche war brechend voll. Hier würde ich sie nie finden. Ich bahnte mir einen Weg zur Bar. Die Kleine mit den kurzen schwarzen Haaren und den lila Strähnen hatte wieder Dienst und erkannte mich prompt wieder, denn auf ihrem Gesicht zeichnete sich ein wissendes Lächeln ab.
   »Na, Süßer? Hast du Toni letzte Woche gefunden?«
   Ich setzte mein charmantestes Lächeln auf. »Ja, hab ich, sonst wäre ich mit Sicherheit zu dir zurückgekehrt.«
   Sie zwinkerte mir fröhlich zu und stellte mir ungefragt eine Flasche Bier auf den Tresen. Nicht schlecht, die Kleine!
   »Danke! Verrätst du mir vielleicht trotzdem, wo ich Toni gerade finden kann?«
   Sie machte eine gespielt beleidigte Miene, dann lachte sie. »Sieh mal hinten beim DJ nach, neben der Bühne. Sie wollte irgendetwas wegen der Elektrik überprüfen.«
   Ich bedankte mich bei ihr mit einem Luftkuss, der sie erröten ließ. Süß, die Kleine, aber nicht das heutige Objekt meiner Begierde.
   Je näher ich Richtung Bühne kam, desto dichter wurde das Gedränge. Endlich angekommen, orientierte ich mich links und entdeckte einen durch einen schweren schwarzen Vorhang abgetrennten Bereich. Kurz sah ich mich um, ob mich jemand beobachtete, dann zog ich den Vorhang zur Seite und schlüpfte dahinter.
   Im Backstagebereich befand sich, ähnlich wie in unseren Klubs, die komplette Technik. Ich entdeckte Toni zwischen zwei großen Lautsprechern am Ende des Raumes. Sie betrachtete den Schaltkasten an der Wand so konzentriert, dass sie nicht merkte, wie ich mich ihr näherte.
   Als ich hinter ihr stand, atmete ich ihren mir inzwischen schon vertrauten Geruch ein, bevor ich die Hand ausstreckte und auf die rausgesprungene Sicherung zeigte. »Die Sicherung für den Strom im Büro ist rausgesprungen. Du musst nur den Schalter nach oben legen.«
   Toni fuhr erschrocken zu mir herum und starrte mich aus ihren smaragdgrünen Augen an. Bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte sie mir eine schallende Ohrfeige verpasst. Ausgerechnet auf die Seite, auf der mein Veilchen inzwischen zum Glück nur noch gelblich schimmerte. Als sie versuchte, sich an mir vorbeizudrängen, griff ich nach ihrem Arm und drückte sie an die Wand hinter ihr. »Was zum Teufel sollte das?«, knurrte ich angepisst.
   »Das hast du dir mehr als verdient«, gab sie trotzig zurück.
   Mut hatte sie, das musste ich ihr lassen.
   »Ach ja?«, fragte ich und grinste höhnisch. »Ich dachte eigentlich, ich hätte mir etwas anderes verdient.«
   Ohne ihre Erwiderung abzuwarten, drückte ich mich gegen ihren zierlichen Körper und presste meine Lippen auf ihre. Einen Moment spürte ich ihren Widerstand, doch dann löste sich ihre Körperspannung, und sie ließ mich mit der Zunge in ihren Mund gleiten. Als sie begann, meinen fordernden Kuss stürmisch zu erwidern, spürte ich, dass ich hart wurde. Und das allein von einem Kuss.
   Während wir uns leidenschaftlich küssten, rieb ich genüsslich meinen Körper an ihrem, was sie leise aufstöhnen ließ. Am liebsten hätte ich sie hier an Ort und Stelle gegen die Wand gevögelt. Allein die Vorstellung ließ mich fast kommen, doch plötzlich wurde ich am Kragen gepackt und nach hinten gerissen.
   In Tonis Blick trat Entsetzen, dann Scham und anschließend Wut. Letzteres galt allerdings eindeutig meiner Person. Warum war sie denn jetzt wütend auf mich?
   »Bring ihn raus, Dragan«, sagte sie in einem Ton, der die Wüste Sahara hätte zufrieren lassen, bevor ich noch darüber nachdenken konnte. »Ich will ihn hier nie wiedersehen.«
   Was bitte, ging in dieser Frau vor?
   Popeye packte mich fester und schob mich weiter durch den Backstagebereich, bis wir an eine Tür kamen. Er stieß sie auf und warf mich raus. Ich landete unsanft auf dem oberen Teil einer Metalltreppe. Als ich mich umdrehte, traf mich seine Faust mitten aufs Auge. Scheiße, tat das weh!
   »Rühr sie nie wieder an, Iceman!«, knurrte er. Dann ging er zurück in den Klub und ließ die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss fallen.
   Zum zweiten Mal innerhalb einer Woche war ich mit einem blauen Auge aus diesem Klub geworfen worden. Das war rekordverdächtig. Außerdem musste ich mir unbedingt eine Ausrede für Ben einfallen lassen. Ich hatte nämlich nicht vor, ihm von meinem heutigen Ausflug ins Esperanza zu berichten. Ich stieg die Metalltreppe hinunter und wandte mich nach rechts. Als ich um die Hausecke bog, nahm ich ein Stück weiter vorn eine schwarz gekleidete Gestalt wahr. Es sah aus, als würde sie aus einem Fenster klettern. Sobald sie Boden unter den Füßen hatte, rannte die Person davon.
   Schnell ging ich zu dem Fenster, aus dem die Gestalt geklettert war und warf einen Blick hinein. Verdammt! Offenbar hatte die Person etwas in Tonis Büro gesucht. Als der Lichtschalter drinnen betätigt wurde, duckte ich mich und machte mich so schnell wie möglich aus dem Staub.
   Eins stand fest: Toni hatte ein ernst zu nehmendes Problem. Und das waren nicht nur Ben und ich.

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