Um ihrem Ex Marcel zu verdeutlichen, dass es endgültig aus ist, küsst Isa den attraktiven Fremden, der neben ihr an der Bar sitzt. Leon zieht sie sofort in seinen Bann. In den folgenden Tagen erhält sie täglich Blumensträuße und Nachrichten ohne Absender, und ihr wird schnell klar, dass sie beobachtet wird. Wer ist der mysteriöse Stalker? Zunächst verdächtigt sie Marcel, aber als sich Leon als Isas neuer Chef entpuppt, wächst ihr Misstrauen auch ihm gegenüber. Die Nachrichten werden immer intimer und bedrohlicher. Wem kann sie wirklich vertrauen?

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ISBN: 978-9963-53-870-6

Seiten: 267

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Petra Daubitz

Petra Daubitz
Petra Daubitz wurde 1972 in Berlin geboren. Nachdem sie nach ihrer abgeschlossenen Ausbildung in verschiedenen Bundesländern gelebt hat, zog es sie 2007 zurück in ihre alte Heimat. Dort genießt sie den Trubel der Großstadt gemeinsam mit ihrem Mann und ihren drei Kindern, von denen der Große bereits aus dem Haus ist. Bücher waren und sind noch immer ihre größte Leidenschaft. Schon in ihrer Jugend schrieb sie gern Kurzgeschichten. Dieses Hobby geriet leider über die Jahre in Vergessenheit. Anfang 2017 beschloss sie jedoch, sich wieder Zeit für sich selbst zu nehmen und widmete sich erneut dem Schreiben. Wenn sie sich nicht gerade um ihre Familie kümmert oder sich mit Musik in den Ohren in ihren Geschichten verliert, ist sie ehrenamtlich für den Weißen Ring unterwegs.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Isa

»Zwei leckere Cocktails für zwei wunderschöne Frauen. Prost, Mädels«, wünschte uns der Barkeeper des Alpina-Klubs und stellte gerade unsere Cocktails vor uns auf den Tresen, als ich einen riesigen Rosenstrauß entdeckte, der sich einen Weg durch die Menge auf mich zu bahnte.
   Ich stöhnte innerlich auf. Bitte lass es nicht Marcel sein, dachte ich, doch als der riesige Strauß vor mir stand, tauchte sein Gesicht dahinter auf.
   »Erklär ihm noch mal in Ruhe, warum du ihn verlassen hast und warum du ihm keine weitere Chance einräumen wirst«, hatte Anna mir geraten, als ich ihr seine zwanzigste Textnachricht gezeigt hatte. Sie hatten alle den gleichen Inhalt. Er bat um ein klärendes Gespräch und werde meine Entscheidung akzeptieren.
   Nun fragte ich mich zum wiederholten Mal, warum ich auf meine Freundin gehört hatte und mich zu diesem letzten Gespräch mit Marcel hatte überreden lassen. Mir war nicht wohl bei dem Gedanken gewesen, ihn wiederzusehen, aber ich hatte gedacht, dass er es vielleicht tatsächlich nur auf diese Weise verstehen und mich dann endlich in Ruhe lassen würde. So hatte ich ihm geschrieben, dass ich mich am heutigen Samstag um 20 Uhr mit ihm treffen würde. Das Alpina war ein angesagter Klub, und heute waren viele Menschen dort, weil später am Abend eine Band live performte. Genau der richtige Ort, um zu signalisieren, dass dieses Gespräch nichts Romantisches hatte.
   Anna rollte mit den Augen. »Ich lass euch dann mal lieber allein. Gib mir ein Zeichen, wenn du mich brauchst.«
   Ich nickte ihr zu.
   Marcel und ich hatten uns vor zwei Jahren kennengelernt, als ich meinen Job als Rezeptionistin in einem kleinen Hotel angetreten und er sich mir als Kollege vorgestellt hatte. Er sah gut aus, war charmant, und wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Trotz meiner Bedenken bezüglich einer Beziehung am Arbeitsplatz waren wir schnell ein Paar geworden. Am Anfang lief alles sehr harmonisch, er wurde in meinem Freundeskreis herzlich aufgenommen, und ich genoss die zahlreichen Pärchenabende, die Marcel und ich mit meiner besten Freundin Mira und ihrem Freund Patrick verbrachten.
   Vor etwa einem Jahr begann Marcel allerdings, sich zu verändern. Er engte mich immer mehr ein. Ihm missfielen die Abende, die ich ohne ihn mit meinen Freundinnen verbrachte, er wurde wütend, wenn ich später nach Hause kam als vereinbart und strafte mich mit eisigem Schweigen, wenn ich Alkohol getrunken hatte. Das alles führte dazu, dass ich mich gegen ihn auflehnte.
   »Wieso solltest du sie brauchen?«, fragte Marcel irritiert und zog die Augenbrauen zusammen.
   »Hm?«, fragte ich und nahm einen großen Schluck von meinem Cocktail, um nicht antworten zu müssen.
   Anna griff nach ihrem Glas, rutschte von dem Barhocker und ging zielstrebig auf den Kumpel meines attraktiven Sitznachbarn zu, der mir sofort aufgefallen war, als der Platz neben ihm frei geworden war, und den ich heimlich Mister Hollywood getauft hatte.
   An ihrer Stelle schob sich Marcel auf den Barhocker.
   Ich dachte an den letzten Abend mit ihm, als ich zugegebenermaßen leicht angetrunken nach Hause gekommen war. Meine beste Freundin Mira hatte sich verlobt, was wir natürlich ausgiebig feiern mussten.
   Marcel wartete bereits im Wohnzimmer auf mich. »Kannst du mir mal erklären, wo du gewesen bist? Wie kannst du es wagen, mich so lange warten zu lassen?«
   Ich kicherte und hatte Mühe, seine Fragen zu beantworten. »Ich war feiern … mit Mira … wegen der Verlobung, also nicht unserer Verlobung. Wir sind ja nicht verlobt«, lallte ich und musste aus irgendeinem Grund schon wieder kichern.
   Marcel war drohend auf mich zugekommen, und bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte er mir eine kräftige Ohrfeige verpasst. Ich war schlagartig nüchtern. Während er mir noch eine fadenscheinige Entschuldigung hinterherrief, hatte ich mich bereits umgedreht und unsere gemeinsame Wohnung verlassen.
   Ich fand Unterschlupf bei Anna, und mir wurde schnell bewusst, dass ich nicht zu Marcel zurückkehren würde, was zwangsläufig dazu führte, dass ich zurück in die kleine Einliegerwohnung bei meinen Eltern im Haus zog. Die Wochen danach waren die Hölle gewesen. Marcel hatte mich während der Arbeitszeit immer wieder abgefangen und um Entschuldigung gebeten. In meinen Augen hatte er jedoch eine Grenze überschritten und etwas getan, was ich ihm niemals verzeihen konnte.
   Der Druck nahm weiter zu, sodass ich bereits morgens mit Bauchschmerzen aufwachte und mir regelrecht schlecht wurde bei dem Gedanken, zur Arbeit zu gehen. Vor zwei Monaten hatte ich schweren Herzens die Konsequenzen gezogen und gekündigt. Da mir noch drei Wochen Urlaub zustanden, war gestern mein letzter Arbeitstag gewesen. Nächsten Mittwoch hatte ich bereits ein Vorstellungsgespräch in einem Fünfsternehotel.
   Ich nahm einen weiteren Schluck meines Cocktails mit dem verheißungsvollen Namen Zombie.
   Marcels Augenbrauen zogen sich, falls das überhaupt möglich war, noch stärker zusammen. »Der ist ja wohl hoffentlich alkoholfrei«, sagte er und drückte mir den Strauß roter Rosen entgegen. »Der ist für dich. Du magst doch rote Rosen.«
   Nein, ich mochte keine roten Rosen. Ich liebte Lilien, weil sie wunderschöne große Blüten hatten und einen betörenden Duft verströmten.
   Aus Reflex griff ich nach den Blumen und sah mich Hilfe suchend um. Mein Blick traf erneut auf die stahlblauen Augen von Mister Hollywood. Seine Lippen deuteten ein Lächeln an, bevor er den Blickkontakt abbrach und sich wieder seinem Kumpel zuwandte, der sich nach den intensiven Blicken, die Anna und er vorhin getauscht hatten, nun angeregt mit meiner Freundin unterhielt.
   Ich drehte mich mit dem Rosenstrauß zum Barkeeper. Zum Glück reagierte dieser und kam mir zu Hilfe.
   »Soll ich die für dich in eine Vase stellen?«, fragte er und grinste mich an, wahrscheinlich, weil er glaubte, dass dieser Strauß besonders wertvoll für mich war.
   Ich nickte nur und reichte ihm das Grünzeug über den Tresen.
   »Ich bin so froh, dass du zur Vernunft gekommen bist und endlich mit mir reden willst.«
   Ungläubig starrte ich Marcel an, nahm einen weiteren großen Schluck von meinem Cocktail und bemerkte dankbar, dass der Alkohol bereits seine Wirkung entfaltete.
   »Ich wusste, du würdest einsehen, dass wir zusammengehören. Ich bin dir auch nicht böse, dass du mich ein bisschen hast zappeln lassen. Schließlich habe ich einen großen Fehler gemacht.«
   Ach, das war ihm dann doch aufgefallen? Erstaunlich! Um nichts zu diesem Eingeständnis sagen zu müssen, schlürfte ich weiter an meinem Cocktail und stellte mit Erschrecken fest, dass das Glas bereits fast leer war. Ich bestellte direkt noch einen Cocktail. Ich brauchte dringend mehr Alkohol, anders würde ich dieses Gespräch nicht ertragen.
   »Ich verspreche dir, das wird nie wieder vorkommen«, fuhr Marcel unbeirrt fort.
   »Da sind wir uns zum Glück einig«, sagte ich und nahm dankbar den Cocktail entgegen.
   »Ist der etwa mit Alkohol?«, fragte Marcel den Barkeeper.
   »Ja, natürlich. Deine Kleine hat mir zwar ihren Ausweis nicht gezeigt, aber ich schätze, dass sie bereits über achtzehn Jahre alt ist. Was ist dein Problem?«
   »Du versuchst hier gerade, meine Verlobte abzufüllen, das ist mein Problem«, gab Marcel zurück und sah finster zwischen dem armen Barkeeper und mir hin und her, während ich mich heftig an meinem Cocktail verschluckte.
   Nachdem ich den Hustenanfall überlebt hatte, fand ich endlich meine Sprache wieder. »Sag mal, spinnst du? Ich kann so viel Alkohol trinken, wie ich will.« Demonstrativ gab ich dem Barkeeper ein Zeichen, damit er mir einen weiteren Cocktail brachte, obwohl mein Glas noch fast voll war und ich die Wirkung des Alkohols inzwischen mehr als deutlich spürte. »Und was heißt hier Verlobte? Wie kommst du auf so einen Schwachsinn?«
   »Ich verstehe jetzt, warum du so wütend auf mich warst. Du warst eifersüchtig auf Mira, weil sie jetzt verlobt ist. Du hättest nur etwas sagen müssen. Natürlich bin ich bereit, dich zu heiraten.«
   Ich fragte mich, ob der Alkohol schuld daran war, dass ich bereits anfing, zu fantasieren. Das war doch nicht sein Ernst. »Ich habe dich nicht verlassen, weil ich auf Miras Verlobung eifersüchtig war. Ich habe dich verlassen, weil du mir die Luft zum Atmen genommen hast. Du hast mich von morgens bis abends kontrolliert, hast versucht, mich meinen Freundinnen zu entziehen und mir deine Regeln aufgezwungen. Ich konnte keine eigenen Entscheidungen mehr treffen. Das war kein Leben mehr. Die Ohrfeige, die du mir verpasst hast, habe ich wohl gebraucht, um endlich aus diesem Albtraum aufzuwachen.« Ich war mit jedem Satz lauter geworden und zog wahrscheinlich die Aufmerksamkeit aller Umstehenden auf mich. Das war mir allerdings egal. Es sollte ruhig jeder hören, was dieser Arsch mir angetan hatte. Um mich zu beruhigen, trank ich einen weiteren großen Schluck.
   »Bitte gib uns noch eine Chance. Ich liebe dich noch immer.«
   Ich schüttelte genervt den Kopf, was aufgrund des erhöhten Alkoholpegels in meinem Blut, keine gute Idee war.
   »Ich werde es wiedergutmachen und mich ändern. Ich wusste ja nicht, dass es dir in unserer Beziehung nicht gut ging.«
   Mit Schrecken beobachtete ich, wie er vom Barhocker glitt und vor mir auf die Knie ging, während er umständlich eine kleine Schachtel aus der Hosentasche zog. Meine Augen nahmen zwar die Szene wahr, aber mein Kopf bekam die Information nicht verarbeitet.
   »Deshalb frage ich dich hier und jetzt: Isabelle Dubois, möchtest du meine Frau werden?«
   Diese Frage wirkte wie ein Eimer kaltes Wasser auf mich. »Nein, Marcel, ich möchte dich nicht heiraten, weil ich mit einem anderen Mann zusammen bin.« Demonstrativ drehte ich mich zu Mister Hollywood neben mir um, der das ganze Schauspiel offenbar interessiert verfolgt hatte. Seine unglaublich blauen Augen zogen mich in ihren Bann. Ich schlang meine Arme um seinen Hals, schloss die Augen und presste meine Lippen fest auf seine. Sie fühlten sich unerwartet weich an. Gerade als ich mich wieder von ihm lösen wollte, zog er mich fest an sich und forderte mit seiner Zunge Einlass. Ich war von seiner Dominanz so überrascht, dass ich bereitwillig die Lippen öffnete. Unsere Zungen begannen einen leidenschaftlichen Tanz miteinander, was mich leise aufstöhnen ließ. Ich nahm den angenehmen Duft seines Aftershaves wahr und schmeckte eine leichte Whisky-Note. Diese Kombination benebelte mein Gehirn noch mehr, und ich versank in dem leidenschaftlichen Kuss mit diesem völlig fremden Mann.
   »Lassen Sie sofort meine Verlobte los!«

Leon

Die Stimme dieses Idioten holte mich in die Realität zurück. Ich beendete den Kuss und löste mich von der wunderschönen fremden Frau, die mich kurz irritiert anblinzelte. Sie hatte den Kuss leidenschaftlich erwidert und sich mir auf eine angenehme, natürliche Art hingegeben. Ihr Stöhnen war echt und nicht gespielt gewesen, was mich fast augenblicklich hatte hart werden lassen. Jetzt nahm ich allerdings das wütende Gesicht dieses Spinners wahr, der nicht verstehen wollte, dass er bei ihr keine Chance mehr hatte. Ich erhob mich von dem Barhocker, schob die Fremde schützend hinter mich und trat einen Schritt auf ihren Ex zu. Mit Genugtuung stellte ich fest, dass ich ein gutes Stück größer war als er und er zu mir aufsehen musste. »Hast du nicht verstanden, was Isa gesagt hat? Sie ist jetzt mit mir zusammen, und da sie deinen Antrag nicht angenommen hat, ist sie auch nicht deine Verlobte. Du kannst froh sein, dass sie wegen der Ohrfeige keine Anzeige gegen dich erstattet. Isa hat eindeutig etwas Besseres als dich verdient.«
   Der Typ kochte vor Wut, und ich bereitete mich innerlich bereits auf seinen Angriff vor, doch er starrte mich nur noch einen Augenblick an, drehte sich um und verschwand ohne ein weiteres Wort in der Menge.
   Neben mir atmete die junge Frau merklich auf. Als ich mich zu ihr umdrehte, betrachtete sie mich mit einem dankbaren Lächeln auf ihren wunderschön geschwungenen Lippen, die mich geradezu einluden, sie noch einmal zu küssen. Vielleicht war es doch gut gewesen, auf meinen besten Freund Philipp zu hören und heute hierherzukommen. Normalerweise verbrachten wir unsere freien Abende in anderen Klubs, in denen es zu gewissen Interessensgemeinschaften kam. Die Frauen, die dort verkehrten, waren den Umgang mit dominanten Männern gewöhnt und wussten, was sie erwartete. Keine Gefühle, keine Hoffnung auf eine Beziehung, einfach nur Sex mit Menschen, die die gleichen sexuellen Vorlieben teilten. Es war erfrischend, nach langer Zeit wieder so ein unschuldiges Wesen in den Armen zu halten. Genau genommen war es zwei Jahre her.
   »Isa, was ist passiert? Wo ist Marcel?« Ihre Freundin stand plötzlich neben uns und riss mich aus meinen Gedanken.
   Philipp hatte sie zum Tanzen aufgefordert, nachdem es zwischen den beiden bereits an der Bar ordentlich geknistert hatte. Jetzt stand er hinter Isas Freundin, die Anna hieß, wenn ich das richtig mitbekommen hatte. Ich hatte mich mehr auf Isa konzentriert und die Konversation zwischen Phil und Anna nur am Rande wahrgenommen.
   »Alles okay«, antwortete Isa und sah mich aus großen hellbraunen Augen an. Ihr Mund verzog sich wieder zu diesem unbeschreiblich süßen Lächeln.
   »Mister Hollywood hat mir geholfen«, erklärte sie augenzwinkernd.
   Mister Hollywood? Schmunzelnd nahm ich dieses Kompliment zur Kenntnis.
   »Entschuldige, ich habe mich noch nicht vorgestellt. Ich bin Leon«, sagte ich und reichte ihr die Hand.
   »Ich heiße Isa, aber das weißt du ja schon«, antwortete sie und ergriff erstaunlich fest meine Hand.
   Ja, das wusste ich bereits. Außerdem wusste ich auch, wie sie sich anfühlte, wenn ich sie küsste und sie sich leidenschaftlich an mich drückte. Irritiert stellte ich fest, dass ich allein bei dem Gedanken an unseren Kuss erneut hart wurde.
   »Alter, du kannst ihre Hand wieder loslassen«, riss mich Phil aus meinen Gedanken.
   Ich bemerkte, dass ich tatsächlich noch immer ihre Hand hielt und ließ sie los.
   Während Isa den beiden aufgeregt erzählte, was vorgefallen war, beobachtete ich sie schweigend. Sie war bildschön. Ihre seidenschwarzen Haare umrahmten ihr zartes Gesicht und fielen ihr in weichen Wellen über die Schultern. Während sie den Ratschlägen ihrer Freundin lauschte, nippte sie an ihrem Cocktail und schenkte mir hin und wieder einen heißen Blick, der meinen Schwanz erwartungsvoll zucken ließ. Da ich der Unterhaltung kaum gefolgt war, war ich irritiert, als sich Phil und Anna wieder auf die Tanzfläche verzogen.
   Isa stellte ihr leeres Cocktailglas auf den Tresen und trat unsicher von einem Fuß auf den anderen. Der DJ spielte Future Sex Love Sound von Justin Timberlake an, und in ihre Augen trat ein belustigtes Funkeln.
   »Möchtest du auch tanzen?«, fragte ich sie daher.
   »Sehr gern«, sagte sie, und ich führte sie zur Tanzfläche.
   Sie begann, sich lasziv im Rhythmus der Musik zu bewegen. Auch ich ließ meine Hüften kreisen, was sie mit einem erstaunten, aber anerkennenden Blick zur Kenntnis nahm. Als sie mir den Rücken zudrehte, umarmte ich sie von hinten und zog sie fest gegen meine Brust. Unsere Hüften bewegten sich in perfektem Einklang zur Musik, bis ich sie herumdrehte, eine Hand auf ihren wohlgeformten Hintern legte und mit der anderen in ihr weiches Haar im Nacken griff. Ein kurzer Blick in ihre mandelförmigen Augen genügte mir als Bestätigung, dass sie mich ebenso küssen wollte wie ich sie. Ich presste meine Lippen auf ihre, und nur einen Wimpernschlag später spielten unsere Zungen leidenschaftlich miteinander. Mein Schwanz pochte fast schmerzhaft, und die Beule in meiner Hose konnte ihr unmöglich entgehen, denn zwischen uns passte kein Blatt mehr. Irgendwann löste sie sich atemlos von mir, und ihr unterwürfiger Augenaufschlag ließ mich beinahe kommen. Mal sehen, wie mutig die Kleine war.
   »Komm mit«, sagte ich dicht an ihrem Ohr, damit sie mich trotz der lauten Musik verstand.
   Neugierig sah sie mich an, legte dann jedoch ihre Hand in meine und ließ sich von mir an den Rand der Tanzfläche neben der Bühne ziehen. Dort hing ein schwerer schwarzer Vorhang, den ich kurzerhand zur Seite schob und hinter uns wieder zufallen ließ. Dahinter befand sich ein Sicherungskasten, gegen den ich Isa rückwärts drückte. Bevor sie über die Situation nachdenken konnte, küsste ich sie stürmisch und ließ meinen Daumen über ihre steifen Nippel kreisen, die ich deutlich durch den dünnen Stoff ihres Sommerkleides spürte. Wieder ließ Isa ein Stöhnen hören, nach dem ich hätte süchtig werden können. Ich schob meine Hand unter ihr Kleid und wanderte an der Innenseite ihres Oberschenkels bis zu ihrer Mitte, deren Feuchtigkeit ich bereits durch den Slip fühlte. Isa unterbrach erschrocken den Kuss, als ich den Slip mit einem festen Ruck zerriss.
   »Spinnst du?«, fragte sie empört, doch bevor sie weiter ihren Unmut kundtun konnte, verschloss ich ihren Mund mit meinem, stopfte das zerrissene Höschen in die hintere Tasche meiner Jeans und tauchte mit zwei Fingern in sie hinein, was ihr erneut dieses süße Stöhnen entlockte.
   Ich ließ gleichzeitig meinen Daumen über ihre geschwollene Klit kreisen, und nur Augenblicke später überrollte sie der Orgasmus und ließ ihren Körper, der von einem leichten Schweißfilm überzogen war, unkontrolliert zittern. Noch bevor die Wellen des Orgasmus verebbten, hatte ich meinen steinharten Schwanz aus der Hose befreit und mir ein Kondom übergestreift. Ich hob Isa hoch, während ich sie weiterhin mit meinem Körpergewicht gegen den Sicherungskasten drückte, und sie schlang reflexartig ihre herrlich langen Beine um mich. Ich krallte die Hände in ihren süßen Hintern, was ihr mit Sicherheit ein paar blaue Flecken bescheren würde, positionierte mich an ihrem Eingang und ließ sie langsam auf meinen Schwanz gleiten, bis ich sie völlig ausfüllte, was uns diesmal beide aufstöhnen ließ. Sie war verdammt eng, und es kostete mich fast unmenschliche Kraft, nicht augenblicklich in ihr zu kommen. Stattdessen nahm ich einen schnellen Rhythmus auf und trieb sie mit kräftigen Stößen auf den nächsten Orgasmus zu. Kurz bevor sie so weit war, schob ich eine Hand zwischen uns und massierte ihre Klit. Ich spürte, wie ihr Körper unter dieser Berührung explodierte und sich ihre inneren Muskeln fest um meinen Schwanz krampften, was auch mich sofort fast schmerzhaft kommen ließ. Wir atmeten beide noch immer heftig, als ich mich aus ihr zurückzog und sie wieder auf die Beine stellte.
   »Du bist mutiger, als ich dachte«, sagte ich und bedachte sie mit einem intensiven Blick, den sie ohne mit der Wimper zu zucken erwiderte.
   »Das liegt am Alkohol. Normalerweise mache ich so etwas nicht. Versteh mich nicht falsch, es war wirklich gut, aber ich werde jetzt gehen«, erklärte sie, drückte sich an mir vorbei, schob den Vorhang zur Seite und verschwand in der tanzenden Menge.
   Ich sah ihr verblüfft nach. So einen unterkühlten Abgang hatte ich nicht erwartet. Ich spürte seltsamerweise Bedauern über ihre Abfuhr, denn Isa war die erste Frau seit langer Zeit, die meine Neugier geweckt hatte. Verdammt! Vielleicht hätte ich die Sache zur Abwechslung mal etwas zurückhaltender angehen sollen.
   Den restlichen Abend verbrachte ich als fünftes Rad am Wagen mit Phil und Isas Freundin Anna, zwischen denen es heftig knisterte. Phil hatte sich allerdings besser im Griff als ich, war charmant und höflich und verschreckte Anna nicht mit seiner Dominanz, die er normalerweise ausstrahlte.

Am nächsten Morgen wachte ich früh aus einem unruhigen Schlaf auf. Ich traf eine für mich ungewöhnliche Entscheidung: Ich wollte Isa wiedersehen. Nach einer ausgiebigen Dusche und zwei Tassen Kaffee stand mein Plan fest. Ich rief Philipp an.
   »Hast du mal auf die Uhr geguckt?«, begrüßte er mich mürrisch.
   »Liegst du neben Anna oder bist du tatsächlich allein nach Hause gegangen?«, fragte ich geradeheraus.
   »Natürlich bin ich bei Anna. Sie konnte meinem Charme einfach nicht widerstehen. Au!«
   Ich musste lachen, denn im Hintergrund hörte ich Anna schimpfen, und ich konnte mir gut vorstellen, dass sie ihm gerade ein Kissen an den Kopf geworfen hatte.
   »Bitte frag sie, wo Isa wohnt und welche Blumen sie mag.«
   Dass sie keine roten Rosen mochte, hatte sie gestern Abend deutlich gezeigt. Ich hörte, wie Phil etwas sagte, und Anna kichernd etwas erwiderte.
   »Sie mag Lilien«, meldete sich Phil zurück. Er gab mir noch die Adresse und drohte mir einen qualvollen Tod an, falls ich ihn noch einmal so früh anrufen würde.
   Lachend legte ich auf. Anschließend rief ich bei dem Blumenhändler an, über den wir auch die Aufträge der Firma regelmäßig abwickelten. Ich gab den Text für die Karte durch, den der äußerst gelangweilt wirkende Blumenverkäufer notierte. Als ich ihm zum Schluss meine Telefonnummer diktieren wollte, brummte er mürrisch, dass ihm die ja im Display angezeigt wurde und verabschiedete sich. Ich ärgerte mich über ein derartiges Verhalten in einem Dienstleistungsbetrieb und beschloss, mich am Montag zu erkundigen, ob Aufträge im Namen unseres Unternehmens ebenso unfreundlich entgegengenommen wurden.
   Ich war gespannt, ob oder wann sich Isa bei mir melden würde. Geduld war zwar nicht gerade eine meiner Stärken, aber ich hatte mir fest vorgenommen, ihr die Zeit zu geben, die sie brauchte.

Isa

Mein Schädel brummte höllisch, als ich am nächsten Morgen auf meiner Couch aufwachte. Ich brauchte einen Moment, bevor die Erinnerung an den Abend zuvor zurückkehrte. Der Heiratsantrag von Marcel, mein spontaner Kuss mit Mister Hollywood. Wie lautete sein richtiger Name? Verdammt! Ich hatte es vergessen. An den Sex mit ihm konnte ich mich allerdings noch gut erinnern. Das war der Wahnsinn gewesen, obwohl ich immer ein Gegner von One-Night-Stands gewesen bin, weil ich der Meinung war, dass Sex ohne Gefühle nicht gut sein konnte. Der letzte Abend hatte mich eines Besseren belehrt. Ich hatte immer geglaubt, es würde an mir liegen, dass ich beim Sex nicht zum Höhepunkt kam, doch Mister Hollywood hatte mir bewiesen, dass ich sehr wohl dazu imstande war.
   Nach einer heißen Dusche, bei der ich mehrere blaue Flecke auf meinem Po entdeckte, einer Tasse Kaffee in Kombination mit einer Kopfschmerztablette, ging es mir kurze Zeit später besser. Mir wollte noch immer nicht der richtige Name von Mister Hollywood einfallen. Ich war wohl zu sehr von seinem fantastischen Aussehen abgelenkt gewesen, als er mir seinen Namen verraten hatte. Vielleicht war es auch einfach nur ein Cocktail zu viel gewesen.
   Ich schob die Gedanken an die gestrigen Geschehnisse beiseite und stellte mich innerlich auf den heutigen Sonntag ein. Meine Mutter hatte mich gebeten, ihr im Garten zur Hand zu gehen. Es war kein schönes Gefühl gewesen, wieder bei meinen Eltern einzuziehen. Sie hatten zwar nichts dagegen, dass ich wieder hier wohnte, jedoch die Bedingung gestellt, dass ich ihnen hier und da ein bisschen helfen sollte. Da ich unbedingt so schnell wie möglich die räumliche Trennung von Marcel wollte, stimmte ich zu.
   Als ich eine Stunde später Seite an Seite mit meiner Mutter Unkraut zupfte, war mir bereits klar, dass sie die Gelegenheit nutzen würde, um neugierige Fragen zu stellen.
   »Hat sich Marcel eigentlich noch mal bei dir gemeldet?«, fragte sie prompt.
   Ich seufzte und streichelte Chouchou, die Katze meiner Eltern, die es sich natürlich genau dort gemütlich gemacht hatte, wo ich gerade Unkraut zupfen wollte. Vielleicht hatte sie instinktiv gespürt, dass ich keine Lust dazu hatte.
   »Isabelle? Was ist denn jetzt mit Marcel?«, hakte meine Mutter nach.
   Es hatte keinen Sinn, meiner Mutter den Antrag zu verschweigen. Sie würde so lange nachfragen, bis ich es ihr irgendwann sowieso erzählen würde.
   »Ich habe mich gestern Abend mit ihm getroffen, weil ich ihm noch einmal deutlich sagen wollte, dass es für uns keine gemeinsame Zukunft gibt. Er hat überhaupt nicht zugehört und mir stattdessen einen peinlichen Heiratsantrag gemacht«, sagte ich so gleichgültig wie möglich, damit meine Mutter der Sache nicht zu viel Bedeutung beimaß.
   »Marcel hat dir tatsächlich einen Antrag gemacht? Bist du sicher, dass es die richtige Entscheidung war, ihn abzulehnen? Ihr wart doch so glücklich zusammen. Vielleicht hatte er einfach Stress an dem Abend. Er hat doch versprochen, dass es ein Ausrutscher war.«
   Ich verdrehte genervt die Augen. Meine Eltern stammten aus einer anderen Generation, daher bemühte ich mich, ihnen ihre Einstellung nicht übel zu nehmen. »Mama, er hat mich geschlagen. Marcel hat damit eindeutig eine Grenze überschritten, und glücklich war ich schon lange nicht mehr, und das weißt du.« Ich hatte mich schließlich oft genug bei ihr ausgeheult.
   Meine Mutter seufzte. »Ja, Kind, ich weiß, aber er war so ein netter Mann.«
   »Frau Dubois?«, rief ein Mann, der am Zaun stand und uns im Garten entdeckt hatte.
   »Ja«, antworteten meine Mutter und ich unisono.
   Der Mann sah auf einen Zettel. »Frau Isabelle Dubois?«
   »Ja, das bin ich«, sagte ich und ging zu ihm. Erst jetzt entdeckte ich den riesigen Strauß wunderschöner Lilien, den er in der Hand hielt.
   »Holla, schöne Frau. Jetzt kann ich verstehen, warum man auf einen Sonntag einen Boten bestellt. Du wärst mir die Kohle auch wert gewesen«, sagte der Bote und betrachtete mich mit einem gierigen Blick, der mir einen unangenehmen Schauder über den Rücken jagte. Der Typ hatte einen kahl geschorenen Schädel, in Nase und Augenbraue Piercings und trug ein T-Shirt mit einem riesigen Stinkefinger darauf. »Du musst hier unterschreiben«, sagte er und hielt mir ein elektronisches Gerät unter die Nase. »Bis zum nächsten Mal«, verabschiedete sich dieser unangenehme Typ, während ich inständig hoffte, dass es kein nächstes Mal geben würde. Ich nahm die Blumen entgegen und steckte meine Nase in den wunderschönen Strauß, in dem ich eine Karte entdeckte.
   Ich hoffe, die Blumen vertreiben die Kopfschmerzen nach dem gestrigen Abend.
   Kein Absender. Ich drehte irritiert die Karte um, doch auch dort gab es keinen Hinweis auf den Absender der Blumen. Marcel hatte mir gestern Abend rote Rosen geschenkt. Er wusste offenbar nicht, dass ich Lilien mochte. Mister Hollywood konnte allerdings auch nicht wissen, dass dies meine Lieblingsblumen waren. Vielleicht hatte er nur gut geraten? Er machte mir gestern Abend allerdings nicht den Eindruck, als wäre er von der romantischen Sorte. Bei dem Gedanken an ihn spürte ich ein merkwürdiges Kribbeln in der Magengegend. Wie sollte er aber an meine Adresse gekommen sein?
   »Was steht auf der Karte?«, fragte meine Mutter, die unbemerkt näher gekommen war.
   »Er hofft, dass meine Kopfschmerzen nicht allzu schlimm sind«, sagte ich.
   »Wer ist er? Von wem ist denn der Strauß?«
   »Wenn ich das nur wüsste«, antwortete ich und brachte die Blumen in meine Wohnung.
   Ich beschloss, Anna anzurufen.
   »Hallo Isa«, meldete sie sich direkt nach dem zweiten Klingeln. »Stell dir vor, Philipp ist letzte Nacht noch mit zu mir gekommen. Es war der Wahnsinn. Du kannst dir nicht vorstellen, was wir alles gemacht haben. Das hatte echt nichts mit Blümchensex zu tun. Ich wusste gar nicht, dass man so oft hintereinander kommen kann«, erzählte sie munter drauflos.
   »Ähm, ja, das freut mich für euch. Kannst du dich noch erinnern, wie Mister Hollywoods richtiger Name ist? Ich habe irgendwie einen Blackout, was das angeht.«
   »Wer zum Teufel ist Mister Hollywood?«, fragte sie irritiert. »Meinst du Philipps Freund, mit dem du gestern Abend so sexy getanzt hast?«
   »Ja, genau den meine ich.«
   Anna kicherte. »Er heißt Leon.«
   Leon! Ja, jetzt fiel es mir wieder ein.
   »Du hast ihm nicht zufällig meine Adresse verraten?«
   »Sorry, Süße, aber er rief heute früh bei Phil an, damit er mich nach deiner Adresse fragen konnte.«
   »Warum um alles in der Welt gibst du einfach so meine Adresse raus, Anna?«
   »Ist denn etwas passiert?«
   Ich seufzte. Reagierte ich vielleicht wirklich über? Die Nummer mit Leon hatte mich im Nachhinein doch ziemlich schockiert. So etwas Verrücktes hatte ich noch nie zuvor getan. Ich hatte mit einem wildfremden Mann Sex gehabt, während sich hunderte Menschen um uns herum befanden. Mir machte am meisten Angst, dass es mir unglaublich gut gefallen hatte. Ich war aber einem Mann wie Leon nicht gewachsen, daher wollte ich das Ganze als einmalige Erfahrung abhaken, doch die Vorstellung, ihm ein weiteres Mal zu begegnen, jagte mir einen angenehmen Schauder über den Rücken.
   »Bist du noch dran, Isa?« Annas Stimme riss mich aus meinen Gedanken.
   »Ja, ich bin noch dran. Ich habe vorhin einen Strauß Lilien bekommen. Auf der Karte stand kein Absender. Er könnte auch von Marcel sein.«
   »Süße, werd nicht paranoid. Die Blumen sind von Leon. Ich habe ihm auch verraten, dass Lilien deine Lieblingsblumen sind«, sagte sie und kicherte.
   »Und warum schreibt er dann nicht seinen Namen darunter? Es stand auch keine Telefonnummer drauf. Wie soll ich mich denn bei ihm für die Blumen bedanken?«
   »Möchtest du ihn denn wiedersehen?«
   »Ich weiß es nicht, Anna«, gab ich zu.
   »Finde es heraus, und wenn du es möchtest, frage ich Phil nach Leons Telefonnummer«, schlug Anna vor.
   »Okay, das ist eine gute Idee. Danke, Anna.«
   Wir verabschiedeten uns, und ich wusste bereits jetzt, dass sich meine Gedanken in nächster Zeit nur noch um diese eine Frage drehen würden: Wollte ich Leon wiedersehen?

Am nächsten Tag stand der gleiche Bote vor der Tür und brachte mir einen weiteren Strauß mit Lilien. »Du scheinst ja echt beeindruckend zu sein. Wenn du keinen Bock auf den einen oder anderen Typen hast, kann ich dich ja mal mit meiner Karre abholen, und ich zeig dir mal, wie man richtig einen draufmacht.«
   Kommentarlos nahm ich die Blumen entgegen und ging wieder hinein. Der Typ war echt nicht ganz klar im Kopf.
   Auch am darauffolgenden Tag tauchte er am Gartentor mit einem Strauß Lilien auf. »Wenn ich jetzt einfach mal sagen würde, die Blumen sind von mir, hast du dann am Samstag für mich Zeit?«, fragte er und starrte mir unverhohlen in den Ausschnitt.
   Langsam nervte der Typ mich wirklich. »Sorry, aber du bist nicht mein Typ«, sagte ich, griff nach den Lilien und drehte mich um.
   »Weiber, euch kann man nichts recht machen«, rief er mir noch hinterher.
   Ich ignorierte seine Bemerkung und kehrte in meine kleine Wohnung zurück, die mittlerweile wie ein riesiger Blumenstrauß roch. Ich hatte mir bei meiner Mutter Vasen ausleihen müssen, weil ich nur eine besaß. Die Karten enthielten Nachrichten, die sowohl von Leon als auch von Marcel hätten stammen können, denn noch war ich nicht überzeugt, dass Marcel wirklich die Hoffnung aufgegeben hatte. Es war irgendwie gruselig.
   Am Mittwoch stand der Bote ein weiteres Mal vor der Tür. »Du musst ja echt eine Granate im Bett sein«, mutmaßte der Typ.
   Ich würdigte ihn keines Blickes, quittierte den Empfang und nahm die Blumen an mich. Wieder steckte ein Kärtchen darin.
   Viel Glück beim Vorstellungsgespräch.
   Das war nun wirklich unheimlich, denn beide Männer konnten von diesem Termin eigentlich nichts wissen. Als ich mich auf den Weg zum Grand Hotel Grüntener Hof machte, sah ich mich immer wieder um. Wurde ich beobachtet? Ich schob den Gedanken resolut beiseite und konzentrierte mich auf das bevorstehende Vorstellungsgespräch.
   Selbstbewusst durchschritt ich die beeindruckende Lobby des Hotels und meldete mich an der Rezeption.
   »Guten Tag, mein Name ist Isabelle Dubois. Ich habe einen Termin bei Frau Gruber.«
   »Einen Moment bitte, ich melde Sie an. Bitte nehmen Sie doch einen Augenblick dort vorn Platz«, erklärte die junge Frau hinter dem imposanten Empfangstresen.
   Ich folgte ihrer Aufforderung und ließ mich in die weichen Polster einer eleganten Sitzgarnitur fallen. Kurz darauf kam die junge Frau, auf deren Namensschild S. Schneider stand, zu mir und führte mich zu den Fahrstühlen. Als sich die Türen öffneten, trat sie mit ein und steckte einen Schlüssel in die Bedientafel.
   »Im oberen Stockwerk befinden sich nur die Büros der Geschäftsleitung und die Privaträume von Herrn Gruber«, erklärte sie, als sie meinen interessierten Blick auffing.
   Ich nickte nur und dachte darüber nach, dass man hier nicht von Nähe der Geschäftsführung zu den Mitarbeitern sprechen konnte. Wie das wohl das Arbeitsklima beeinflussen würde? Es wäre jedoch unklug, bereits vor dem Vorstellungsgespräch die Angestellten danach auszufragen. Daher schwieg ich, während der Fahrstuhl nach oben fuhr.
   Im Spiegel überprüfte ich noch einmal sicherheitshalber mein Outfit. Das cremefarbene Kostüm stand mir ausgezeichnet. Der Rock war nicht zu kurz, die Bluse nicht zu konservativ, und ich fühlte mich wohl. Wir erreichten die oberste Etage. Die Fahrstuhltüren öffneten sich mit einem leisen Pling und gaben den Blick auf einen edlen Empfangsbereich frei, an dem ein gut aussehender Typ stand und uns entgegenlächelte.
   »Hallo Sarah, wen bringst du uns denn da?«, fragte er, woraufhin die junge Frau neben mir deutlich errötete.
   »Frau Dubois. Sie hat einen Termin bei Frau Gruber«, sagte sie und konnte die Augen nicht von dem Typen hinter dem Tresen abwenden.
   Dieser warf einen Blick in seine Unterlagen und lächelte mir freundlich zu. »Da haben wir Sie ja, Frau Dubois. Frau Gruber hat gleich Zeit für Sie.«
   Ich wollte mich gerade bedanken, da öffnete sich eine Tür links von mir und eine wunderschöne, hochgewachsene, schlanke Frau erschien im Türrahmen.
   »Frau Dubois? Kommen Sie doch rein«, begrüßte sie mich freundlich.
   Ich wusste nicht genau, was ich erwartet hatte, aber bestimmt niemanden, der nur ein paar Jahre älter war als ich. Irgendwie hatte ich mir bei dem Namen Gruber und dem Hintergrundwissen, dass es sich bei dem Hotel um ein Familienunternehmen handelte, wohl eher eine Dame jenseits der Fünfzig vorgestellt. Ich versuchte, mir meine Verblüffung nicht anmerken zu lassen und folgte ihr.
   Eine Stunde später verließ ich zuversichtlich das Büro. Das Gespräch war meines Erachtens gut gelaufen. Auf die heikle Frage, warum ich in dem kleinen Hotel nicht mehr weiterarbeiten wollte, hatte ich geantwortet, dass ich mich beruflich weiterentwickeln wollte und es dort keine Aufstiegsmöglichkeiten für mich gab. Frau Gruber hatte genickt und sich Notizen gemacht. Sie versprach mir, bis Ende der Woche eine Entscheidung zu treffen und sich bei mir zu melden.
   Ich fuhr mit dem Fahrstuhl nach unten und verließ das Hotel mit einem wirklich guten Gefühl, bis ich den Lieferwagen des Blumenhändlers vor dem Gebäude entdeckte. Ich sah mich um, konnte ihn aber nirgends sehen. Vielleicht war es nur Zufall, und er lieferte ebenfalls Blumen für das Hotel.
   Eine Stunde, nachdem ich wieder zu Hause angekommen war, klingelte es an meiner Tür, und der Bote stand schmierig grinsend davor, in der Hand wieder ein Strauß Lilien.
   »Verfolgst du mich?«, fragte ich misstrauisch.
   »Stehst du drauf?«, fragte er zurück.
   »Nein. Wer ist der Auftraggeber dieser Blumen?«
   »So eine bist du also. Weißt noch nicht mal, wem du es so gut besorgt hast, dass er dir Blumen schickt. Ich verspreche dir, von mir würdest du auch ein bisschen Grünzeug bekommen, wenn du mit mir in die Kiste springst«, sagte der Typ und leckte sich gierig über die Lippen. Er war wirklich widerlich.
   »Ich habe dich was gefragt.«
   »Sorry, aber schon mal was von Datenschutz gehört? Wenn du mir allerdings etwas mehr entgegenkommen würdest, dann …«
   »Träum weiter«, presste ich wütend hervor und ging, ohne mich noch einmal umzudrehen, zurück ins Haus. Dort zog ich genervt die Karte aus dem Strauß.
   Ich hoffe, dein Termin war erfolgreich.
   Ich fand das langsam nicht mehr lustig, denn ich fühlte mich inzwischen definitiv beobachtet. Lange würde ich mir das jedenfalls nicht mehr tatenlos mitansehen.

Der Stalker

Die Blumen haben ihr gefallen. Sie sieht wunderschön aus, wenn sie sich freut. Ich habe extra den gleichen Blumenhändler gewählt, der ihr bereits am Sonntag die Blumen gebracht hat, denn ich wollte sichergehen, dass die Blumen jeden Tag gleich schön sind und ihr gleich viel Freude bereiten. Ich kann es kaum erwarten, ihre weiche Haut an meinem Körper zu spüren, doch noch muss ich mich gedulden. Sie gehört mir, sie ist nur noch etwas verwirrt.

Leon

Auf meinem Schreibtisch stapelten sich die Unterlagen, doch ich konnte mich nicht konzentrieren. Das war ungewöhnlich, denn normalerweise half mir die Arbeit, einen klaren Kopf zu bekommen. Diesmal war das offenbar nicht der Fall. Eine gewisse Isabelle Dubois schob sich immer wieder vor mein inneres Auge. Ich konnte noch immer ihre weiche Haut fühlen. Ihr leises Stöhnen hatte sich in mein Gedächtnis gebrannt. Verdammt! Schon wieder dachte ich an diese Frau. Ein Klopfen riss mich aus meinen Gedanken. »Herein«, brummte ich mürrisch.
   »Puh, deine Laune war auch schon mal besser, Bruderherz«, sagte meine Schwester, die gut gelaunt mein Büro betrat und sich in einen der Besucherstühle fallen ließ. Sie streifte die High Heels von den Füßen und atmete auf. Es war Freitagnachmittag, Zeit für den Feierabend. »Bevor ich es vergesse, ich habe eine neue Rezeptionistin eingestellt. Sie machte einen sehr guten Eindruck und kann bereits Montag anfangen«, erklärte sie.
   »Schön«, brummte ich desinteressiert. »Muss ich den Arbeitsvertrag noch unterzeichnen?«
   »Nein, brauchst du nicht. Das habe ich bereits alles erledigt.«
   Meine drei Jahre ältere Schwester Lena und ich leiteten gemeinsam das Hotel unserer Familie, seit sich unsere Eltern vor einem halben Jahr aus dem Betrieb zurückgezogen hatten.
   Lena legte den Kopf schief und betrachtete mich intensiv. »Was ist los, Leon? Du wirkst seit letztem Wochenende irgendwie verändert.«
   Ich überlegte, ob ich ihr von meiner Begegnung mit Isa erzählen sollte. Lena war meine engste Vertraute. Sie hatte immer ein offenes Ohr für mich und war die Einzige, die ich in der schlimmsten Zeit meines Lebens noch an mich rangelassen hatte. Umgekehrt hatte ich ihr nach ihrer Trennung von diesem Idioten, der sie mitten in der Schwangerschaft sitzengelassen hatte, beigestanden und sie unterstützt.
   »Ich habe am Samstag eine Frau kennengelernt«, erklärte ich ruhig.
   »Wirklich? Das ist ja großartig! Wie heißt sie? Wann lerne ich sie kennen?«
   Meine Schwester war völlig aus dem Häuschen, was mir ein leises Lachen entlockte. Ihre Reaktion war verständlich, denn ich hatte ihr gegenüber seit zwei Jahren keine Frau mehr erwähnt. Dass ich durchaus regelmäßig Sex hatte, ahnte sie, doch sie wusste auch, dass dieser bedeutungslos für mich war. Trotzdem musste ich Lenas Euphorie bremsen.
   »Sie heißt Isa, und ich werde sie nicht wiedersehen.«
   »Warum nicht?«
   »Es war ein klassischer One-Night-Stand. Wir hatten beide zu viel getrunken. Sie wollte ihren aufdringlichen Ex loswerden, und ich habe ihr geholfen. Nachdem wir hinter einem Vorhang im Alpina Sex hatten, hat sie sich höflich verabschiedet und ist gegangen.«
   »Ist sie eine von der Sorte Frau, mit der du dich sonst vergnügst?«
   Nett, wie meine Schwester meine Neigung umschrieb. Automatisch musste ich lächeln. »Nein, sie gehört absolut nicht zu dieser Sorte Frau. Ich glaube, das macht sie für mich so spannend.«
   »Sie hat dir vertraut und war mutig genug, die Nummer mit dir durchzuziehen. Respekt. Julia hättest du niemals dazu gebracht.« Lena schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund. Diese Bemerkung über Julia war ihr wohl herausgerutscht, bevor sie nachgedacht hatte. »Entschuldige, ich meinte das nicht so«, sagte sie leise.
   Ich räusperte mich. »Schon gut, Lena, letztendlich hast du ja recht. Ich habe ihr zuliebe meine Neigung unterdrückt, doch ich habe sie deswegen nicht weniger geliebt.«
   »Das weiß ich doch, Leon«, sagte sie.
   Bei der Erwähnung meiner verstorbenen Frau spürte ich wieder den inneren Schmerz, der aber nicht mehr die Intensität von vor zwei Jahren hatte.
   »Warum möchtest du sie nicht wiedersehen?«, griff meine Schwester das Thema Isa wieder auf.
   »Sie möchte offenbar mich nicht wiedersehen«, sagte ich und spürte, dass mir diese Erkenntnis einen Stich versetzte.
   »Warum glaubst du das? Weiß sie überhaupt, wie sie dich erreichen kann?«
   »Ich habe ihr Blumen mit einer Nachricht geschickt, auf der meine Telefonnummer stand. Sie hat sich aber bis heute nicht gemeldet, also gehe ich davon aus, dass ich sie wohl nicht so beeindruckt habe wie sie mich«, gestand ich etwas zerknirscht.
   »Dass ich das noch erleben darf. Mein kleiner Bruder hat Selbstzweifel. Die Frau, die das geschafft hat, muss ich unbedingt kennenlernen«, sagte sie und lachte, als ich ihr wenig erwachsen die Zunge rausstreckte. Das hatte ich schon als kleines Kind getan, wenn mir Lena gegenüber die Argumente ausgingen.
   »Ich hätte da eine super Ablenkung für dich«, wechselte sie plötzlich das Thema und sah mich aus ihren blauen Augen, die meinen so ähnlich waren, so bittend an, dass ich bereits wusste, was sie von mir wollte, bevor sie es aussprach. »Könntest du Tim am Wochenende nehmen?«
   Ich grinste und nickte, denn ich liebte meinen Neffen abgöttisch. Der Vierjährige hielt meine Schwester ganz schön auf Trab. Es war nicht leicht für sie, als alleinerziehende Mutter den Job und das Kind unter einen Hut zu bringen. Ich sprang gern ein, um sie zu entlasten. Thomas, der Vater von Tim, hatte Lena während der Schwangerschaft sitzen gelassen und sich irgendwo nach Russland verzogen. Inzwischen war Tim alt genug, um richtig coole Sachen zu machen, und ich freute mich schon auf das Wochenende mit ihm.
   »Super, danke! Du bist mein Held«, sagte Lena. Jetzt war sie es, die über das ganze Gesicht grinste.
   »Hast du ein Date, Schwesterherz?«
   »Vielleicht. Ich habe da jemanden im Internet kennengelernt, mit dem mich fünfundneunzig Matchpoints verbinden, und dieses Wochenende wollen wir uns das erste Mal treffen«, erzählte sie aufgeregt.
   »Sei bitte vorsichtig, du weißt, dass sich viele Spinner auf diesen Datingplattformen tummeln«, gab ich zu bedenken und musste automatisch an den Ex von Isa denken, der sie erst geschlagen hatte und dann heiraten wollte.
   »Ich bin schon ein großes Mädchen, kleiner Bruder«, sagte sie und stand auf. »Dann bringe ich dir Tim morgen früh vorbei. Bis morgen!«

Den Samstag verbrachte ich mit Tim in einem Freizeitpark. Wir fuhren mit allen Achterbahnen, die für seine Größe geeignet waren, was ihn jedes Mal über das ganze Gesicht strahlen ließ. Am Abend fiel er todmüde in sein Bett. Ich hatte ihm in meinem Appartement, das sich im obersten Stockwerk des Hotels befand, ein Kinderzimmer eingerichtet, damit er sich auch bei mir wie zu Hause fühlte.
   Sonntag früh war es bereits sehr warm, sodass wir auf der Dachterrasse frühstücken konnten.
   »Gehen wir heute noch mal in den Freizeitpark?«, fragte Tim und biss herzhaft in ein Brötchen, das ich ihm dick mit Marmelade bestrichen hatte.
   »Nein, dafür wird es heute zu heiß. Ich dachte, wir fahren nachher an den Badesee, gehen schwimmen und gönnen uns das eine oder andere Eis, bevor ich dich heute Abend wieder nach Hause bringe.«
   »O ja! Juhu, dann kann ich dir zeigen, wie gut ich jetzt schwimmen kann.«
   Ich musste lächeln. Seit zwei Wochen war er im Schwimmkurs, um sein Seepferdchen zu machen.
   »Du musst aber trotzdem noch Schwimmflügel tragen«, sagte ich mit strenger Stimme.
   In seinem kleinen Gesicht bildete sich eine Falte in der Stirn, die mir auch ohne Worte signalisierte, dass er die Schwimmflügel für überflüssig hielt.

Knapp zwei Stunden später kamen wir endlich am Badesee an. Wir fanden ein nettes Plätzchen im Schatten eines alten Baumes, breiteten die Decke aus und zogen unsere Klamotten aus, unter denen wir bereits unsere Badehosen trugen. Obwohl Tim mir noch einmal erklärte, dass nur Babys Schwimmflügel trugen, blies ich die Teile auf und zog sie ihm an.
   »Wer Erster im Wasser ist!«, rief Tim und rannte los.
   Ich lachte, ließ ihm einen kleinen Vorsprung und sprintete hinterher. Wir blieben ziemlich lange im Wasser, bis Tims Lippen blau waren und er zitterte.
   Inzwischen hatten sich auch andere am Ufer niedergelassen. Unter anderem mussten Tim und ich an einer Gruppe junger Frauen vorbei, die anerkennend pfiffen und kicherten. Schmunzelnd kehrte ich mit Tim zu unserer Decke zurück, ohne die Frauen weiter zu beachten.
   »Onkel Leon, warum haben die Frauen gepfiffen, als wir an ihnen vorbeigegangen sind?«, fragte Tim, während ich ihn in ein Handtuch wickelte. Was um alles in der Welt sollte ich ihm darauf nur antworten?
   »Manchmal pfeifen Menschen, wenn sie etwas sehen, was ihnen gut gefällt«, versuchte ich ihm ausweichend zu erklären.
   »Oder wenn sie sexen wollen«, gab Tim zurück und zog sich seine Schwimmflügel aus.
   Ich musste lauthals lachen. Wo hatte er das denn her? Ich musste wohl mal ein ernstes Wort mit meiner Schwester sprechen.
   »Die Frau da hinten sieht dich die ganze Zeit an. Die will bestimmt mit dir sexen«, erklärte er und zeigte ungeniert mit seinem Finger auf eine junge Frau, die zu der Gruppe gehörte, an der wir vorbeigegangen waren.
   Ich folgte seinem Blick, und mein Herz setzte einen vollen Schlag aus. Isa? Was machte sie denn hier? Unsere Blicke trafen sich, und auch sie schien mich nun wiederzuerkennen, denn ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, bevor sich eine leichte Falte in ihrer Stirn bildete.
   »Tim, kannst du bitte einen Augenblick hier sitzen bleiben? Nimm dir einen Apfel aus der Tasche. Ich kenne diese Frau und möchte sie nur kurz begrüßen«, sagte ich und ging zu der fröhlichen Truppe.
   Nun erkannte ich auch Anna wieder. Isa erhob sich, und ich betete, dass ich bei diesem Anblick keine Erektion bekommen würde. Das wäre in Anbetracht der Tatsache, dass ich nur Badeshorts trug, mehr als peinlich. Sie sah einfach umwerfend aus. Ihre Brüste wurden von einem knappen Bikinioberteil bedeckt, zu dem sie ein passendes Höschen trug. Ihr Körper war genauso perfekt, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Sofort legten sich Bilder vor mein inneres Auge, wie ich sie gegen den verdammten Sicherungskasten gevögelt hatte.
   »Hallo Isa, schön dich wiederzusehen«, sagte ich und beobachtete, wie sich ihre Atmung beschleunigte. Dennoch lag in ihrem Blick etwas Abwartendes oder Zweifelndes. War es ihr vielleicht unangenehm, dass ich sie vor ihren Freundinnen ansprach? Darüber hatte ich vorher nicht nachgedacht.
   »Hallo Leon, was machst du hier?«
   Was war das denn für eine merkwürdige Frage?
   »Offenbar hatten wir die gleiche Idee. Ich dachte, es wäre schön, diesen heißen Tag am Badesee zu verbringen«, erklärte ich unnötigerweise und fragte mich gleichzeitig, warum ich mich vor ihr rechtfertigte.
   »Dann wünsche ich euch noch viel Spaß«, sagte sie, drehte sich um und ging wieder zu ihren Freundinnen auf die Decke.
   Verdammt! Wieso war sie so abweisend? Sie hatte mich eiskalt abblitzen lassen. Ich kehrte grübelnd zu unserer Decke zurück. Tim erinnerte mich daran, dass ich ihm ein Eis versprochen hatte, und wir gingen zu der kleinen Eisdiele an der Straße. So sehr ich mich auch bemühte, meine Laune erreichte einen Tiefstand. Ich schlug Tim vor, von hier zu verschwinden, weil es zu voll geworden war und stattdessen mit ihm Fußball spielen zu gehen. Er willigte zum Glück ein, und wir packten unsere Sachen zusammen.

Isa

Er hat einen Sohn!
   Als ich heute mit meinen Freundinnen auf der Decke am See gelegen hatte und Mira mich auf den tollen Typen aufmerksam machte, der gerade an uns vorbeiging, hatte ich schlucken müssen. Ich hatte zu spät aufgeschaut und nur noch seine überaus attraktive Rückseite bewundern können. Das Tattoo an seinem rechten Oberarm hatte ich nicht genau erkennen können, es gab ihm aber einen verwegenen Touch. Anna fragte, ob das nicht Mister Hollywood sei, und als sein Sohn auf mich zeigte und sich Leon zu mir drehte, erkannte ich ihn sofort. Mein dummer Körper hatte instinktiv auf ihn reagiert.
   Ich spürte wieder dieses Kribbeln in der Magengegend. Meine Gedanken überschlugen sich jedoch. Warum war er hier? War er mir gefolgt? Hatte er mich beobachtet? Wo war die Mutter des Kindes? War er noch mit ihr zusammen?
   Fragen, die mich auch jetzt noch beschäftigten, während ich eigentlich schlafen sollte, weil ich morgen früh meine neue Stelle antreten musste. Frau Gruber hatte mich am Freitag angerufen und mir mitgeteilt, dass ich den Job bekommen hatte. Ich wälzte mich noch einige Zeit hin und her, bevor mich endlich der Schlaf übermannte.

Montagmorgen meldete ich mich pünktlich an der Rezeption des Hotels und wurde von Sarah eingewiesen, die ich bereits an dem Tag meines Vorstellungsgespräches kennengelernt hatte. Die anderen Kollegen und Kolleginnen waren ebenfalls sehr nett, und der Vormittag verging wie im Flug. Ich wollte gerade meine Mittagspause antreten, als ich erstarrte. Der Bote, den ich nur allzu gut kannte, sah sich suchend in der Lobby um, bevor er mit einem großen Strauß Lilien direkt auf mich zukam.
   »Das ist jetzt aber echt ein Ding. Ich habe mich schon gewundert, als ich diesmal die Adresse gelesen habe. Arbeitest du hier?«, fragte er neugierig und schien nicht zu bemerken, wie unangenehm mir die Situation war.
   »Ich will diese Scheißblumen nicht«, zischte ich.
   »Zick doch nicht so rum, und nimm sie einfach«, sagte er und hielt mir das Gerät, auf dem ich den Empfang quittieren musste, unter die Nase.
   Ich unterschrieb widerwillig.
   »Wann hast du Feierabend? Ich könnte dich in meinem Baby ein bisschen herumfahren«, schlug er vor und starrte mir auf die Brüste.
   »Verschwinde einfach«, presste ich hervor, drehte ihm den Rücken zu und nahm die Karte aus dem Strauß.
   Ich hoffe, du hast einen angenehmen ersten Arbeitstag.
   »Sind die von deinem Freund?«, fragte Sarah und hielt mir eine Vase entgegen. »Die sind wunderschön.«
   »Ja, das sind sie«, sagte ich geistesabwesend. Ich wurde beobachtet, so viel stand fest. Derjenige, der mir die Blumen schickte, wusste offenbar zu jeder Zeit, wo ich mich befand und was ich gerade tat. Reflexartig drehte ich mich im Kreis und blickte mich hektisch in der eleganten Lobby des Hotels um, auf der Suche nach irgendeinem Gesicht, das mir vielleicht bekannt vorkam.
   »Ist er hier?«, fragte Sarah, die meinen suchenden Blick falsch interpretierte.
   »Die Blumen sind nicht von meinem Freund. Ich bin zur Zeit Single«, sagte ich, warf noch einmal einen Blick in die Lobby und stopfte den Strauß demonstrativ in den Mülleimer neben der eleganten Sitzecke. Wer auch immer mich verfolgte, hatte die Botschaft hoffentlich verstanden.
   Sarah riss erstaunt die Augen auf, stellte jedoch keine weiteren Fragen. Wir gingen gemeinsam in das kleine Bistro in der Fußgängerzone und hatten Glück, zwei freie Plätze unter einem Sonnenschirm zu finden. Es war noch immer sehr heiß, und ich konnte es kaum erwarten, heute Abend die High Heels endlich ausziehen zu können. Zum Glück bestand die Uniform für die Rezeptionistinnen aus einem Rock, der kurz über dem Knie endete und einer weißen kurzärmeligen Bluse. Für die Männer waren lange Hosen auch im Sommer Pflicht.
   Sarah und ich bestellten Salat und Getränke, und ich ergriff die Möglichkeit, sie nach meinem neuen Arbeitsplatz auszufragen.
   »Wie ist denn eigentlich so das Arbeitsklima? Ich finde bisher alle Mitarbeiter sehr nett und freundlich«, schnitt ich das Thema an.
   »Unter den Mitarbeitern gibt es nur ab und zu kleinere Meinungsverschiedenheiten, wenn es um den Dienstplan geht. Im Allgemeinen verstehen wir uns aber alle sehr gut.«
   »Und wie ist es mit der Geschäftsleitung? Ich war ehrlich gesagt überrascht, dass Frau Gruber so jung ist. Im Internet hatte ich nur die Information bekommen, dass es sich um ein Familienunternehmen handelt.«
   »Frau Gruber und ihr Bruder haben vor einem halben Jahr die Geschäftsführung übernommen, nachdem sich ihre Eltern komplett zurückgezogen haben. Frau Gruber ist sehr freundlich, hat immer ein offenes Ohr für Probleme und eigentlich immer gute Laune. Ihr Bruder ist das komplette Gegenteil. Er ist stets ernst, findet den kleinsten Fehler, verlangt absolute Perfektion. Gerüchten zufolge ist er erst seit dem Tod seiner Frau so geworden. Eigentlich ist es wirklich schade um ihn«, erklärte Sarah und blickte versonnen in die Ferne.
   »Wie meinst du das?«, hakte ich nach.
   Sarah schüttelte kurz den Kopf, als würde sie die Gedanken, die sie eben noch hatte, abschütteln wollen. Ein zarter Rotton hatte sich auf ihre Wangen gelegt.
   »Er ist wirklich unfassbar sexy, und diese düstere Ausstrahlung, die von ihm ausgeht, macht ihn noch interessanter.«
   »Aber?«
   »Er ist unnahbar, völlig kühl und distanziert. Die meiste Zeit ist er in seinem Büro oder in seinem Appartement im obersten Stockwerk. Im Hotel sieht man ihn eher selten, und wenn er sich mal dort blicken lässt, gilt Alarmstufe Rot.«
   Ich musste lachen, weil Sarah das mit so einer ernsten Miene vortrug, als würde sie vom Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika sprechen.
   »Lach nicht! Das ist mein Ernst. Du wirst es noch erleben. Ist Herr Gruber im Hotel unterwegs, spricht sich das wie ein Lauffeuer herum.«
   Ich musste zugeben, dass ich gespannt auf Herrn Gruber war.
   Unsere restliche Pause verbrachten wir damit, über alltägliche Dinge zu sprechen, bis es Zeit war, wieder an die Arbeit zu gehen.
   Sarah und ich waren gerade dabei, ein älteres Ehepaar einzuchecken, als das interne Telefon klingelte.
   »Rezeption, Isabelle Dubois am Apparat«, meldete ich mich.
   »Hallo Isabelle, hier ist David. Wir haben uns letzte Woche kennengelernt, als du hier oben zum Vorstellungsgespräch gewesen bist.«
   »Hallo. Ja, ich erinnere mich. Wie kann ich dir helfen?«
   »Ich wollte euch nur vorwarnen, der Löwe ist auf dem Weg zu euch.«
   »Der Löwe?«, fragte ich irritiert und bemerkte in den Augenwinkeln, dass ich plötzlich die geballte Aufmerksamkeit meiner Kollegen hatte.
   »Ach ja, du kennst den Spitznamen von Herrn Gruber noch nicht. Bitte gib den anderen auch Bescheid. Er ist heute schon den ganzen Tag extrem schlecht gelaunt. Viel Glück.«
   »Ähm, ja, danke«, sagte ich, legte auf und sah in die angespannten Gesichter meiner Kollegen.
   »Herr Gruber ist auf dem Weg hierher und ist, laut Davids Aussage, schlecht gelaunt«, erklärte ich.
   Eine gewisse Hektik machte sich plötzlich bemerkbar. Alle Mitarbeiter der Rezeption überprüften kurz ihr Outfit, bevor sie sich besonders freundlich um ankommende Gäste kümmerten und darum bemüht waren, einer Aufgabe nachzugehen. Ich stellte mich neben Sarah und versuchte, ihr aufmerksam zuzuhören, während ich nervös an den Knöpfen meiner Bluse herumspielte. In dem Moment, in dem sich die Fahrstuhltüren mit einem leisen Pling öffneten, löste sich der verdammte Knopf meiner Bluse und fiel zu Boden. Ich bückte mich schnell und suchte hektisch danach. Zum Glück fand ich ihn, richtete mich wieder auf und starrte in wunderschöne stahlblaue Augen. Mir stockte der Atem, und einen Augenblick hatte ich die Befürchtung, ich würde in Ohnmacht fallen. Leon war Herr Gruber? Meine Gedanken überschlugen sich, während sich die blauen Augen zu schmalen Schlitzen verengten. Es war die einzige Regung in seinem Gesicht, die bewies, dass er mich erkannt hatte.
   »Da Sie heute Ihren ersten Arbeitstag haben, Frau … Dubois«, sagte er mit eiskalter Stimme, nachdem er einen demonstrativen Blick auf mein Namensschild geworfen hatte, »muss ich Sie darauf aufmerksam machen, dass wir ein seriöses Hotel mit höchsten Ansprüchen sind. Dieser Ausschnitt ist alles andere als professionell.« Sein Blick glitt zu meinen Brüsten, was mir wieder dieses Kribbeln in der Magengegend bescherte. »Sehr schade, dass Sie niemand von den Mitarbeitern darauf hingewiesen hat.«
   Empört schnappte ich nach Luft, doch bevor ich mich rechtfertigen konnte, machte er auf dem Absatz kehrt und schritt durch die Lobby. Ich wollte gerade aufatmen, als er plötzlich neben dem Mülleimer stehen blieb und den Blumenstrauß darin entdeckte. Abrupt drehte er sich um und kam wieder auf uns zu. Warum musste er nur so atemberaubend gut aussehen? Im Alpina hatte er eine ausgewaschene Jeans und ein schwarzes Hemd getragen, während er heute in einen maßgeschneiderten dunkelblauen Anzug gekleidet war, der ihn noch dominanter wirken ließ. Diesmal ignorierte er mich, als er sich vor den Tresen stellte, und wandte sich an Sarah.
   »Sie, Frau Schneider, sind lange genug in unserem Haus tätig, um zu wissen, dass es kein akzeptabler Zustand ist, wenn die Mülleimer nicht regelmäßig geleert werden. Entsorgen Sie den Strauß gefälligst im Container.«
   Ich sah, wie Sarah neben mir unter seinen scharfen Worten zusammenzuckte. Es war nicht meine Art, andere für meine Fehler büßen zu lassen, daher nahm ich all meinen Mut zusammen.
   »Ich habe den Blumenstrauß in den Mülleimer gesteckt. Es tut mir leid, Herr Gruber, ich werde mich gleich darum kümmern.«
   Leons Blick bohrte sich in meinen, was mich sofort daran erinnerte, wie er mich angesehen hatte, als er mich mit seinen Fingern zum Höhepunkt gebracht hatte. O Gott, wo kamen denn diese Gedanken auf einmal her?
   »Sie führen sich ja gut ein, Frau Dubois«, sagte er, wobei ich meinte, ein belustigtes Funkeln in seinen Augen wahrzunehmen.
   Diesmal hielt er nicht mehr an, als er die Lobby durchquerte.
   Als sich die schweren Eingangstüren hinter Leon schlossen, kamen sämtliche Mitarbeiter zu mir, um mir entweder ihren Respekt darüber auszusprechen, dass ich mich vor Sarah gestellt hatte, oder ihr Mitleid, weil es mich gleich am ersten Tag so schlimm erwischt hatte.
   In meinem Kopf spielten allerdings ganz andere Dinge eine Rolle. Ich hatte das Gefühl, im falschen Film zu sein, denn schon wieder hatte ich mich mit einem Kollegen eingelassen – schlimmer, dieses Mal gleich mit dem Besitzer.
   Das konntest du doch nicht wissen, flüsterte eine kleine Stimme in meinem Kopf. Ich hoffte nur, dass dieser Fehler mich nicht wieder den Job kosten würde.
   Plötzlich schoss mir ein weiterer Gedanke durch den Kopf, der mir kurz die Luft zum Atmen nahm. War Frau Gruber, die mich eingestellt hatte, seine Frau und womöglich die Mutter seines Sohnes? Nein. Sarah hatte von Bruder und Schwester gesprochen, aber dennoch. Vielleicht hatte Leon sie auch dazu überredet, mich einzustellen, damit er mich in seiner Nähe hatte, falls ihm mal wieder nach einer schnellen Nummer war? O Gott, wie hatte ich nur in so eine unmögliche Situation geraten können?

Leon

Warum, zum Teufel, hatte sie sich ausgerechnet bei uns beworben? Ich zog mein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer meiner Schwester, während ich auf meinen Wagen wartete, der gerade von unserem Parkservice vorgefahren wurde.
   »Leon, was gibt’s?«, meldete sie sich fröhlich wie immer.
   »Wann hat sich Isabelle Dubois bei uns beworben, und warum hast du ausgerechnet sie eingestellt?«, knurrte ich in den Hörer.
   »Warum willst du das wissen?«
   Warum wollte ich das wissen? Weil ich sichergehen wollte, dass sie nicht erst den Job hier haben wollte, nachdem ich mit ihr Sex gehabt hatte.
   »Sag mir einfach, wann ihre Bewerbung eingegangen ist«, wich ich Lenas Frage aus.
   Ich hörte, wie sie in den Papieren blätterte. »Vor gut einem Monat hat sie eine Initiativbewerbung geschrieben. Ich habe sie letzte Woche zum Bewerbungsgespräch eingeladen, weil Herr Rudolf im Urlaub schwer gestürzt ist und die nächsten drei Monate nicht arbeiten kann. Es ist sogar möglich, dass er arbeitsunfähig bleiben wird. Willst du noch mehr wissen, oder reicht dir das erst mal?« Ich bemerkte den neugierigen Unterton in ihrer Stimme, beschloss aber, sie noch nicht über Isa und mich aufzuklären, denn erst mal wollte ich mir selbst darüber klar werden, was das für uns bedeutete.
   »Das reicht mir fürs Erste. Danke, Lena«, sagte ich und legte auf. Ich verspürte eine gewisse Erleichterung, dass sich Isa beworben hatte, bevor wir uns kennengelernt hatten.
   Ich schwang mich hinter das Steuer meines Wagens, trat das Gaspedal durch, ließ die Reifen quietschen und fädelte mich in den Verkehr ein. Seit mich Isa gestern am Badesee abserviert hatte, war meine Laune nicht besser geworden. Als ich sie eben an der Rezeption entdeckte, war ich mehr als überrascht. Ich hatte Mühe gehabt, ihr in die Augen und nicht in ihr atemberaubendes Dekolleté zu sehen, das durch das Fehlen des obersten Knopfes besonders schön zur Geltung kam. Es hatte mir imponiert, dass sie sich schützend vor ihre Kollegin gestellt hatte. Sie war verdammt mutig, was mir außerordentlich gut gefiel.
   Eine knappe Stunde später erreichte ich die Talstation einer kleinen Seilbahn und parkte meinen Wagen. Philipp stand bereits am Eingang der Seilbahn und wartete auf mich. Ich griff meinen Rucksack und den Helm vom Rücksitz, stieg aus und holte den Nylonsack aus dem Kofferraum, der meinen Gleitschirm beinhaltete, warf ihn mir über die Schulter und ging auf Philipp zu.
   »Wo bleibst du denn? Ich warte hier schon eine halbe Ewigkeit«, begrüßte mich Phil und grinste breit, denn eine halbe Ewigkeit waren für ihn weniger als zehn Minuten.
   »Du mich auch«, brummte ich und ließ den Helm sowie den Packsack mit dem Gleitschirm vor seine Füße fallen. »Ich muss mich noch umziehen.« Ich ließ Phil stehen und ging in den kleinen Gasthof, der an die Talstation angeschlossen war.
   »Hallo Leon«, begrüßte mich die Bedienung, sobald sie mich entdeckt hatte und setzte ein strahlendes Lächeln auf.
   »Hallo Marie«, grüßte ich unbeeindruckt zurück. »Ich zieh mich nur kurz um.«
   »Süßer, von mir aus brauchst du dich nur auszuziehen«, sagte sie und zwinkerte mir zu.
   »Du gibst die Hoffnung wohl nie auf?«, erwiderte ich und musste nun doch schmunzeln, denn ich wusste, dass Marie ihren Mann abgöttisch liebte und ihn nie betrügen würde.
   In der engen Toilettenkabine zog ich den Anzug aus und schlüpfte in den blauen Fliegeroverall. Den Rucksack sowie den Anzug deponierte ich bei Marie hinter der Theke, zwinkerte ihr kurz zu, was dazu führte, dass sie sich theatralisch an ihr Herz fasste, und ging zurück zu Philipp. Wir nahmen die Säcke mit den Gleitschirmen und gingen direkt zum Drehkreuz, da wir Jahreskarten besaßen. Um diese Uhrzeit fuhren kaum noch Touristen nach oben, sodass wir direkt in die nächste freie Gondel steigen konnten.
   »Stress im Hotel?«, fragte Phil, als sich die Türen unserer kleinen Gondel schlossen.
   »Nein, nicht wirklich«, antwortete ich.
   »Irgendetwas beschäftigt dich, und du weißt, dass du da oben besser einen freien Kopf haben solltest«, sagte Phil, und ich spürte seinen forschenden Blick, während ich starr aus dem Fenster sah.
   »Ich bin ja kein Anfänger«, knurrte ich.
   »Mann, Leon, das habe ich auch nicht gemeint. Wie war dein Wochenende mit Tim?«, versuchte er, das Thema zu wechseln.
   »Schön. Wir waren im Freizeitpark und am Sonntag am Badesee, bis …«
   »Bis?«
   »Bis wir Isa getroffen haben«, beendete ich den Satz. Phil hätte sowieso keine Ruhe gegeben, bevor er nicht herausgefunden hätte, was mich beschäftigte.
   »Isa? Du meinst die Kleine, mit der du im Alpina so heiß getanzt hast?«
   »Wir haben im Alpina nicht nur heiß getanzt«, brummte ich.
   Phil riss erstaunt die Augen auf.
   »Ja, Mann, ich habe sie hinter dem Vorhang gegen diesen verdammten Sicherungskasten gevögelt.«
   Phil lachte laut los, beruhigte sich aber schnell, als er meine Miene sah. »Hat es ihr nicht gefallen?«
   »Ich weiß es nicht. Sie hat behauptet, dass es gut war und ist dann gegangen. Am Sonntag habe ich sie am Badesee getroffen. Sie war eiskalt und hat mich abblitzen lassen. Dabei hatte ich ihr sogar Blumen geschickt!«, erzählte ich und merkte, wie verzweifelt das klingen musste.
   »Alter, kann es sein, dass es dich erwischt hat?«, fragte Phil, und um seine Mundwinkel zuckte es verdächtig.
   »Blödsinn. Ich war nur etwas überrascht von ihrer Reaktion. Das Beste weißt du noch gar nicht.«
   »Das wäre?«, fragte Phil mit einem belustigten Unterton. Offenbar schien ihn meine Situation zu amüsieren.
   »Lena hat sie letzte Woche als Rezeptionistin eingestellt«, ließ ich die Bombe platzen.
   »Dein Ernst? Scheiße, das wird kompliziert«, sagte Phil. »Was hast du jetzt vor?«
   »Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Die Situation ist für uns beide nicht leicht. Sollten die Mitarbeiter erfahren, dass wir etwas miteinander haben, dann stehen wir dumm da.«
   »Du musst mit ihr reden, da führt kein Weg vorbei«, sagte Phil und bereitete sich auf den Ausstieg vor, denn wir waren inzwischen an der Bergstation angekommen.
   »Was ist eigentlich mit dir und dieser Freundin von Isa?«, fragte ich, um von mir abzulenken.
   »Ach, das war nur ein One-Night-Stand«, erklärte er lässig, während wir ausstiegen.
   Wir liefen das Stück bis zu der Wiese, von wo aus die Paraglider starteten.
   »Verdammt, noch immer keine Wolke am Himmel. Ich hatte gehofft, es zieht sich zum Nachmittag noch etwas zu«, sagte Phil und besah sich den wolkenlosen Himmel.
   Ich wusste, was er meinte. Entgegen der allgemeinen Annahme, dass ein wolkenloser Himmel die beste Voraussetzung für einen ruhigen Flug war, wussten wir es besser. Wolken garantierten oft eine bessere Thermik, doch Phil und ich waren schon oft bei diesem Wetter geflogen und kannten die Windverhältnisse an diesem Berg sehr gut. Wir breiteten unsere Schirme aus, schnallten das Gurtzeug an, setzten die Helme auf und machten uns startklar. Oft musste man viel Geduld haben, bis die Thermik für den Start perfekt war, doch heute hatten wir Glück. Phil startete als Erster, und ich folgte ihm kurz danach. Ich liebte den Moment, wenn die Füße den Boden nicht mehr berührten und sich diese Leichtigkeit einstellte. Es überkam mich nicht nur ein Gefühl der Freiheit, sondern auch eine merkwürdige innere Ruhe. Ich nutzte die Thermik am Berg, um etwas an Höhe zu gewinnen, zog gemächlich meine Kreise und spürte, wie alle Anspannung von mir abfiel. Ein Blick auf mein Vario bestätigte mir allerdings, dass mein Flug heute nicht sehr lang dauern würde, und ich konzentrierte mich darauf, den Schirm in die richtige Richtung zu lenken, damit ich auf der für die Paraglider vorgesehenen Wiese landete und nicht auf dem Dach eines nahe gelegenen Bauernhauses. Ein paar Minuten später setzte ich auf, lief noch ein paar schnelle Schritte im Gras und blieb stehen. Ich nahm den Helm ab, befreite mich von dem Gurtzeug und begann, den Gleitschirm zusammenzulegen, um ihn in dem Packsack zu verstauen. Phil war bereits fertig und kam zu mir.
   »Wenn wir uns beeilen, könnten wir gleich noch mal hoch, bevor sie schließen«, schlug er vor.
   »Nein, sorry, für heute reicht es. Ich muss zurück ins Büro und den Besuch eines wichtigen Gastes vorbereiten.«
   »Du solltest auch nicht vergessen, mit Isa zu sprechen.«
   »Das mache ich gleich morgen früh. Ihre Schicht endet in zehn Minuten, und ich gehe nicht davon aus, dass sie an ihrem ersten Arbeitstag Überstunden schieben wird. So hat sie auch Zeit, eine Nacht darüber zu schlafen, denn ich hatte das Gefühl, dass es auch für sie ein kleiner Schock war.« Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, denn es hatte mir zu gut gefallen, wie sie mich unterwürfig mit »Herr Gruber« angesprochen hatte.
   Während sich Phil verabschiedete und zu seinem Wagen ging, holte ich schnell meinen Rucksack sowie den Anzug und drückte Marie im Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange.
   Auf dem Weg zu meinem Wagen entschied ich, das Hotel diesmal nicht durch die Lobby zu betreten, sondern den Aufzug aus der Tiefgarage zu nutzen. Ich hatte die Mitarbeiter für heute schon genug erschreckt.

Isa

»Mira, er ist mein Chef«, versuchte ich verzweifelt, meiner besten Freundin zu erklären, die noch immer nicht zu begreifen schien, in was für einer beschissenen Lage ich mich befand. Ich hatte sie gleich nach Feierabend angerufen, weil ich dringend jemanden zum Reden brauchte. Meine Wahl fiel auf Mira, denn ich wusste nicht genau, was da zwischen Anna und diesem Philipp lief. Inzwischen bereute ich fast meine Entscheidung, denn Miras Vorschläge waren wenig hilfreich.
   »Ich weiß überhaupt nicht, was du hast. Ihr könntet es heimlich in seinem Büro oder im Fahrstuhl treiben oder euch während der Mittagspause …«
   »Mira!«, unterbrach ich sie. »Ich habe ihn nicht abblitzen lassen, um es jetzt hemmungslos bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit ihm zu treiben. Er ist einfach eine Nummer zu groß für mich.«
   Prompt hörte ich Mira kichern. »Ach Süße, andere Frauen würden sich nicht über die Größe beschweren.«
   Ich verdrehte die Augen, was Mira am Telefon zum Glück nicht sehen konnte. Seit sie verlobt war, nahmen ihre Gedanken nur die eine Richtung.
   »Da ist ja auch noch die Sache mit den Blumen. Es würde erklären, woher er von dem Vorstellungsgespräch und meinem ersten Arbeitstag wusste. Dafür hätte er mich nicht einmal beobachten müssen, sondern brauchte nur in seinen Unterlagen nachzuschauen.«
   »Du hast doch aber vorhin gesagt, dass er einen überraschten Eindruck gemacht hat, als er dich erkannt hat«, gab Mira zu Bedenken.
   »Ja, du hast ja recht. Ich weiß auch nicht, was ich von der Sache halten soll. Wenn er nur nicht so unglaublich attraktiv wäre …«, sagte ich und seufzte. Vor meinem inneren Auge erschienen Bilder von Leon im maßgeschneiderten Anzug, wie er mich mit seinen wunderschönen blauen Augen so intensiv ansah, dass mein Herz einen vollen Schlag aussetzte.
   »Du hast dir doch nichts vorzuwerfen. Warte ab, wie er sich in den kommenden Tagen dir gegenüber verhält. Du kannst dann immer noch kündigen.«
   »Ja, du hast recht, Mira. Ich werde mich jetzt hinlegen und erst mal die Nacht darüber schlafen. Vielen Dank, dass du dir mein hysterisches Gejammer angehört hast.«
   »Dafür bin ich doch da. In knapp zwei Wochen findet bereits die Hochzeit statt, und ich befürchte, dass du dann diejenige sein wirst, die sich mein hysterisches Gejammer anhören muss.«
   »Du wirst schon keine kalten Füße bekommen. Patrick und du seid das perfekte Paar, und es wird der schönste Tag in deinem Leben.«
   »Danke, Isa. Schlaf gut.«

Am nächsten Morgen wachte ich viel zu früh auf, doch an Weiterschlafen war nicht zu denken. Ich genoss ausgiebig eine heiße Dusche, trank zwei Tassen Kaffee statt einer und überprüfte gefühlte hundert Mal den korrekten Sitz meiner Uniform. Wieder trug ich einen schwarzen Rock, doch heute hatte ich eine neue weiße Bluse gewählt und sie bis oben zugeknöpft. Ich hatte mir zur Sicherheit sogar Nadel und Faden eingepackt, falls mir noch einmal so ein Malheur passieren sollte wie gestern.
   Kurz vor acht Uhr betrat ich die Lobby des Hotels und begrüßte Sarah, die ebenfalls gerade ihre Schicht angetreten hatte.
   »Guten Morgen«, begrüßte sie mich freundlich. »Hast du schlecht geschlafen?«
   »Ja, mich hat die Sache mit Herrn Gruber doch mehr beschäftigt, als ich dachte«, gab ich zu. Dass Leon in meinem Träumen halb nackt war und mich mit seinen Fingern zum Höhepunkt gebracht hatte, sodass ich mit einem feuchten Höschen aufgewacht war, behielt ich lieber für mich.
   »Ach was, mach dir keine Sorgen. Du hattest gestern so etwas wie deine Feuertaufe. Schlimmer kann es nicht werden«, sagte sie und ging die Liste der Gäste durch, die wir heute erwarteten.
   Plötzlich klingelte das interne Telefon, und mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. »Rezeption, Isabelle Dubois am Apparat«, meldete ich mich.
   »Guten Morgen Isabelle, hier ist David. Da habe ich schon die Richtige am Telefon«, sagte er gut gelaunt, während mir das Herz in die Hose rutschte. »Der Löwe will dich sehen.«
   »Jetzt sofort?« Meine Stimme klang sogar in meinen Ohren schrill, was Sarah sofort aufhorchen ließ.
   »Ja, jetzt sofort. Er ist heute aber deutlich besser drauf als gestern.«
   »Gut, ich komme hoch. Bis gleich.«
   Sarah blickte mich besorgt an. »Ist alles okay? Du bist ganz blass.«
   »Ich soll sofort zum Löwen kommen«, erklärte ich, und Sarah riss die Augen auf.
   »Vielleicht will er nur etwas wegen deiner Sozialversicherung besprechen«, versuchte sie, mich aufzumuntern.
   »Ja, vielleicht«, murmelte ich und griff nach dem Schlüssel für die Chefetage, den mir Sarah mit einem mitleidigen Blick in die Hand drückte.
   Ich ging zu den Fahrstühlen, steckte den Schlüssel in das Board, wie es mir gezeigt worden war, und bemühte mich um eine ruhige Atmung, während der Aufzug in die Höhe schoss. Als sich kurze Zeit später die Türen im obersten Stockwerk öffneten, war ich ein nervliches Wrack.
   »Hallo Isa, da bist du ja schon. Herr Gruber erwartet dich, du kannst direkt zu ihm«, sagte David und wies auf eine große Tür neben dem Büro, wo ich das Vorstellungsgespräch gehabt hatte.
   »Danke«, krächzte ich und verfluchte innerlich meine schlotternden Knie, die das Laufen auf den High Heels noch schwieriger machten. Ich kam mir vor wie Anastasia, als sie zum ersten Mal das Büro von Christian Grey betrat.
   Reiß dich zusammen, rief ich mich innerlich zur Ordnung und straffte die Schultern. Ich klopfte an und trat ein, ohne auf eine Aufforderung zu warten. Er sollte nur nicht glauben, dass ich unsicher war.
   Leon saß hinter einem riesigen, antiken Jugendstil-Schreibtisch und betrachtete mich aufmerksam, als ich das Büro betrat.
   »Guten Morgen. Setz dich«, sagte er und zeigte auf einen gemütlich aussehenden Besuchersessel vor dem Schreibtisch.
   Ich folgte seiner Aufforderung und setzte mich schweigend ihm gegenüber.
   »Ehrlich gesagt, weiß ich nicht genau, was ich sagen soll. Diese ganze Situation ist neu für mich«, begann er und fuhr sich offenbar nervös durch die Haare, was sofort Erinnerungen weckte, wie sie sich unter meinen Händen angefühlt hatten.
   O nein, wo kamen denn diese Gedanken jetzt her?
   Leon stand abrupt auf und kam um den Schreibtisch herum. Wie ein Reh im Scheinwerferlicht beobachtete ich ihn, wie er sich dicht vor mir rückwärts gegen den Schreibtisch lehnte und sich mit beiden Händen an der Kante festhielt. Sein Blick brannte sich in meinen und löste das mittlerweile bekannte Kribbeln in der Magengegend aus.
   »Isa, wir müssen eine Lösung finden«, begann er, doch ich ließ ihn nicht weiterreden.
   »Ich werde nicht kündigen«, sagte ich mit fester Stimme. »Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen. Der Knopf meiner Bluse hat sich gestern gelöst, kurz bevor du die Lobby betreten hast, und den Strauß habe ich demonstrativ in den Mülleimer in der Lobby geworfen, damit du siehst, dass es mich nervt und du endlich damit aufhörst.« Ich war immer lauter geworden und sah ihn wütend an. Es tat erstaunlich gut, ihm endlich zu sagen, was mich die ganze Nacht schon gequält hatte.
   Leon sah tatsächlich verblüfft aus. Er hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass ich ihn so offensiv zur Rede stellen würde. Ha!
   »Langsam, Isa, ich komme da nicht ganz mit«, sagte er, doch ich unterbrach ihn abermals.
   »Ich helfe deinem Gedächtnis gern auf die Sprünge. Hast du schon vergessen, dass du mir jeden verdammten Tag seit unserer Begegnung im Alpina einen Strauß Lilien geschickt hast? Hast du mich beschatten lassen? Die Begegnung am Badesee war ganz offensichtlich auch kein Zufall.«
   »Okay, ich glaube, ich muss hier einiges klarstellen.«
   »Da bin ich aber gespannt«, sagte ich bissig und verschränkte die Arme vor der Brust.
   »Ich gebe zu, dass ich am Sonntag Philipp angerufen habe und ihn gebeten habe, Anna nach deiner Adresse und deinen Lieblingsblumen zu fragen. Dieser Strauß wurde dir noch am Sonntag zugestellt, zumindest konnte ich das online verfolgen. Von den anderen Blumen weiß ich nichts, Isa. Da meine Telefonnummer auf der Karte stand und du dich nicht gemeldet hast, bin ich davon ausgegangen, dass du kein Interesse daran hattest, mich noch einmal wiederzusehen. Die Begegnung am Badesee war tatsächlich zufällig, wobei du mir deutlich zu verstehen gegeben hast, dass du mit mir nichts weiter zu tun haben möchtest.«
   Ich suchte in seinem Blick nach einem Hinweis, dass er log, doch ich fand keinen. Sprach er wirklich die Wahrheit? Falls ja, blieb noch die Sache mit seinem Sohn und seiner Frau.
   »Selbst wenn du die Wahrheit sagst, wie hast du dir das vorgestellt? Dass wir uns hier im Büro oder im Fahrstuhl heimlich treffen und ich dir permanent zur Verfügung stehe, während deine Frau nebenan im Büro sitzt? Ich soll für deinen Sohn auch bestimmt keine zweite Mama werden. Also wie hast du dir das verdammt noch mal vorgestellt?«, fragte ich wütend und zitterte am ganzen Körper.
   Ein Schatten huschte über sein Gesicht. »Ich habe keine Frau. Meine Frau ist vor zwei Jahren gestorben«, sagte er gefährlich leise, und seine blauen Augen verengten sich zu Schlitzen.
   Diese Information musste ich erst mal verarbeiten.
   Leon atmete hörbar aus, fuhr sich wieder durch die Haare und versuchte offenbar, seine Fassung wiederzugewinnen. Hatte ich bei der Erwähnung seiner verstorbenen Frau einen wunden Punkt getroffen? Isa, du bist so eine blöde Kuh, schimpfte ich innerlich mit mir. Natürlich traf es ihn, wenn ich seine tote Frau erwähnte und ihm vorwarf, sie mit mir zu betrügen.
   »Es … es tut mir leid, Leon. Ich habe das nicht gewusst. Ich wollte nicht …«
   »Schon gut, Isa. Ich verstehe, warum du davon ausgegangen bist, dass Lena meine Frau ist«, sagte er leise.
   »Lena?«, fragte ich verständnislos.
   »Frau Gruber, die Frau, die dich eingestellt hat, wovon ich übrigens bis gestern nichts wusste. Sie ist meine Schwester, und Tim ist ihr Sohn.«
   In meinem Kopf schwirrten tausend Gedanken durcheinander, und einen Moment lang war mir schwindlig.
   »Frau Gruber ist deine Schwester, und der Junge ist dein Neffe?«, wiederholte ich wenig intelligent.
   »Du hast es erfasst, Isa«, sagte er, und um seine Mundwinkel zuckte es, während ein belustigtes Funkeln in seine Augen trat.
   »Bitte entschuldige, das habe ich nicht gewusst.«
   »Macht es für dich denn einen Unterschied?«, fragte er und betrachtete mich neugierig.
   »Ehrlich gesagt, macht es keinen Unterschied, denn ich werde nicht noch einmal den Fehler begehen und eine Beziehung am Arbeitsplatz führen.«
   »War dieser Vogel, der dir den Antrag gemacht hat, dein Arbeitskollege?«
   Ich rieb meine Hände aneinander und verschränkte sie nervös im Schoß.
   »Ja«, erklärte ich leise.
   »Verstehe«, sagte er nur, stieß sich vom Schreibtisch ab und setzte sich wieder auf seinen Sessel dahinter. »Wenn das so ist, sind wir uns ja einig. Niemand wird etwas von unserer kleinen Nummer im Alpina erfahren. Dafür erwarte ich allerdings von dir, dass du dich professionell verhältst und keine Extrabehandlung erwartest«, sagte er ernst.
   Sein Vorschlag versetzte mir einen leichten Stich, obwohl es doch genau das war, was ich mir wünschte. Oder etwa nicht?
   »Selbstverständlich. Wenn es sonst nichts mehr zu besprechen gibt, würde ich gern an meinen Arbeitsplatz zurückkehren.«
   »Nein, das war es. Ich bringe dir nachher noch ein paar Unterlagen, die du unterschreiben musst.«
   »Das musst du nicht, Leon. Ich kann mir die Sachen auch hier oben abholen«, schlug ich vor, denn wenn Leon an der Rezeption auftauchte, bedeutete das zusätzlichen Stress für die Kollegen.
   Leon schüttelte den Kopf. »Nein, ich muss sowieso noch zu euch kommen und euch einweisen. Nächste Woche reist ein wichtiger Gast an, bei dem es einiges zu beachten gibt. Du kannst die anderen also schon mal vorwarnen, dass der Löwe heute Nachmittag sein Reich betreten wird«, sagte er, und ein Lächeln machte sich auf seinem attraktiven Gesicht breit, das mir die Knie weich werden ließ.
   »Werde ich ausrichten, Herr Gruber«, sagte ich und verließ lächelnd sein Büro.

Leon

Isa schloss die Tür hinter sich, und ich lehnte mich hinter meinem Schreibtisch zurück. Eigentlich war es doch gut gelaufen. Wir wollten beide das Gleiche. Oder etwa nicht? Es hatte offenbar viele Missverständnisse gegeben. Kein Wunder, dass sie mich am Badesee abblitzen lassen hatte. Sie war davon ausgegangen, dass Tim mein Sohn war und vermutete natürlich auch eine Frau dazu. Hatte sie tatsächlich geglaubt, ich hätte sie eingestellt, damit sie mir hier zur Verfügung stand? Ich musste schmunzeln und spürte, dass mein Schwanz vor Freude zuckte, bei dem Gedanken daran, wie ich Isa auf diesem Schreibtisch …
   Schluss jetzt. Dazu würde es nicht kommen. Sie wollte keine Beziehung am Arbeitsplatz, was auch meine Devise war. Das bedeutete allerdings auch, dass sie ab sofort tabu für mich war. Dieser Gedanke gefiel mir überhaupt nicht.
   Es klopfte an der Tür und Lena trat ein. »Guten Morgen, Bruderherz. So früh schon hier?«, fragte sie und ließ sich in den Besuchersessel fallen, in dem kurz zuvor Isa gesessen hatte.
   »Guten Morgen«, murmelte ich und suchte die Unterlagen heraus, die ich gestern Abend noch zusammengestellt hatte.
   »War das eben nicht Frau Dubois, die aus deinem Büro gekommen ist?«
   »Ja«, antwortete ich einsilbig.
   »Erst dieser merkwürdige Anruf gestern Nachmittag und heute lässt du sie in dein Büro kommen. Gibt es da etwas, das ich wissen müsste?«, fragte Lena und legte den Kopf schief.
   »Nein«, sagte ich und fand endlich die gesuchten Unterlagen. »Hier, wirf doch bitte noch mal einen Blick darauf.«
   Lena nahm den Ordner entgegen und seufzte. »Warum sucht sich dieser Typ nicht ein anderes Hotel aus?«
   »Weil wir die einzigen sind, die ihm seine Wünsche erfüllen, und sie nur mit fünfzig Prozent Aufschlag in Rechnung stellen«, beantwortete ich ihre Frage. Herr Nikolas buchte bereits seit drei Jahren die komplette erste Etage sowie die beiden Konferenzräume unseres Hotels für vier Tage im Juli. Ich war ihm letztes Jahr durch Zufall während seines Check-ins begegnet, und wir hatten kurz ein paar Worte gewechselt. Er war ein Respekt einflößender Mann Ende dreißig, der völlig abgeschottet vom Rest der Hotelgäste seinen Geschäften nachgehen wollte. Solange er mit seinen Geschäftspartnern den Konferenzraum nutzte, durfte sich niemand auch nur im Flur davor aufhalten, nicht einmal Lena oder ich. Das galt für die gesamte Etage, die er mit seinen Geschäftspartnern bewohnte. Niemand durfte sie in dieser Zeit betreten, auch nicht der Zimmerservice. Herr Nikolas verlangte absolute Abgeschiedenheit und Diskretion. Die Mitarbeiter hatten ihm den Spitznamen Der Geist gegeben, da ihn die meisten von ihnen wenn überhaupt nur beim Check-in oder Check-out zu Gesicht bekamen, was für unser Hotel, das für guten Service rund um die Uhr bekannt war, sehr ungewöhnlich war. Es stellte tatsächlich jedes Mal eine kleine Herausforderung dar, dem Geist die gewünschte Abgeschiedenheit zu gewähren. Das Personal musste gründlich eingewiesen werden, andere Hotelgäste durften sich nicht einmal zufällig in seiner Nähe aufhalten. Das stellte vor allem während der Frühstückszeiten ein Problem dar, das es jedes Jahr aufs Neue zu lösen galt. Herr Nikolas bezahlte jedoch immer direkt bei Abreise und rundete mehr als großzügig auf.
   »Die Wunschliste für die Getränke, die im Konferenzraum bereitgestellt werden sollen, ist noch umfangreicher als letztes Jahr«, stellte Lena fest und runzelte plötzlich die Stirn. »Frühstück erst ab zwölf Uhr? Spinnt der? Das bedeutet zig Überstunden für die Küche.«
   »Ja, das ist mir bewusst. Letztes Jahr gab es wohl Probleme, weil die Konferenz bis spät in die Nacht ging und es am nächsten Morgen kein Frühstück mehr gab. Ich habe das aber bereits in der Kalkulation berücksichtigt.«
   »Trotzdem mag ich den Geist nicht. Er ist irgendwie seltsam.«
   »Auch nicht seltsamer als andere Gäste.«
   »Ich werde gleich die Mitarbeiter informieren, die nächste Woche arbeiten«, sagte Lena und stand auf.
   »Nein, das brauchst du nicht. Ich mache das heute Nachmittag«, sagte ich schnell und wusste sofort, dass Lena mein Verhalten seltsam vorkommen musste. Es bildete sich prompt eine Falte auf ihrer Stirn.
   »Seit wann reißt du dich darum, mit unseren Mitarbeitern zu sprechen?«, fragte sie und konnte ihre Verwunderung nicht ganz verbergen.
   »Ich wollte dich nicht damit belasten, weil ich weiß, wie unangenehm dir dieser Gast ist, und ich möchte nicht, dass sich deine negative Einstellung auf die Mitarbeiter überträgt.«
   Das war natürlich völliger Quatsch, und das wusste Lena so gut wie ich, aber eine bessere Begründung war mir nicht eingefallen.
   »Leonhard Amadeus Friedrich Gruber! Ich kann damit leben, dass du mir nicht immer alles erzählst, aber meine Professionalität stellst du nicht infrage. Ist das klar?«
   Oha! Sie hatte meinen vollen Namen genannt, was bedeutete, dass sie wirklich wütend war.
   Beschwichtigend hob ich die Hände. »Okay, es tut mir leid. Ich habe das nicht so gemeint.«
   Lena stemmte die Arme in die Seiten, und ihre Augen blitzten vor Zorn. »Ich werde jetzt lieber gehen, bevor sich meine negative Einstellung dir gegenüber noch verschlimmert.« Sie drehte sich um und rauschte aus meinem Büro.
   Zwei Gespräche, zwei Frauen, zwei Ergebnisse, die meiner ursprünglichen Erwartung entsprachen, und doch war ich mit beiden Gesprächsverläufen nicht glücklich.

Der Tag wurde nicht besser, denn meine Mutter rief mittags an, um mich an Vaters Geburtstagsfeier in drei Wochen zu erinnern. Ich hasste diese alljährliche Schickimicki-Veranstaltung. Zu viele Möchtegerns, zu viel Champagner und vor allem zu viele heiratswillige Frauen.
   »Reicht es nicht, wenn ich vormittags vorbeikomme, Papa gratuliere und ihm das Geschenk übergebe?«, fragte ich, obwohl ich die Antwort bereits kannte.
   »Nein, Leonhard, das reicht nicht. Du weißt, wie wichtig Papa es ist, dass wir Lena und dich offiziell als Geschäftsführer des Hotels der Gesellschaft vorstellen können. Deine Schwester hat übrigens eben angerufen und angekündigt, dass sie in Begleitung erscheinen wird.«
   Was? Warum hatte sie mir nichts davon erzählt? Verdammt, das setzte mich unter Druck, denn ich hatte ursprünglich geplant, ohne offizielle Begleitung zu erscheinen und mir den Abend mit Lena damit zu vertreiben, über die Anwesenden zu lästern.
   »Wirst du ebenfalls in Begleitung kommen?«
   Ich überlegte kurz, Phil zu fragen, ob er mich begleiten würde und musste leise lachen. Mit einem Outing als Homosexueller würde ich mir mit Sicherheit sämtliche Frauen vom Hals halten.
   »Ich weiß es noch nicht, Mama. Sei mir nicht böse, aber ich muss hier weitermachen.«
   Wir verabschiedeten uns und legten auf.
   Ich wählte Lenas Nummer. »Kannst du mir mal sagen, mit wem du zu Papas Geburtstag erscheinen willst?«, fragte ich leicht angesäuert.
   Lena lachte. »Ich bin davon ausgegangen, es wäre dir unangenehm, mit deiner großen Schwester den Abend zu verbringen und dachte, es würde dich entlasten, wenn ich in Begleitung käme. Es wäre doch schade, wenn sich deine negative Einstellung zu diesem Event auf mich übertragen würde.« Ich hörte Lena noch schadenfroh lachen, bevor sie einfach auflegte.
   Ungläubig starrte ich einen Moment den Hörer an. Das war also ihre Rache für meinen Fauxpas von vorhin gewesen. Wer so eine Schwester hatte, brauchte keine Feinde mehr.

Gegen 15 Uhr machte ich mich auf den Weg zum Fahrstuhl, um die Mitarbeiter der Rezeption für morgen einzuweisen und Isa ihre Papiere zu bringen, die sie noch unterschreiben musste. Als sich die Aufzugtüren schlossen, sah ich gerade noch, dass David zum Hörer griff und konnte mir ein leises Lachen nicht verkneifen. Das interne Warnsystem funktionierte hervorragend.
   Ich stieg im Erdgeschoss aus und beobachtete amüsiert, wie sämtliche Mitarbeiter ganz besonders bemüht waren, beschäftigt auszusehen. Dabei war mir durchaus bewusst, dass sie zu jeder Zeit wirklich gute Arbeit leisteten und ein Grund dafür waren, dass unser Hotel so einen guten Ruf genoss.
   Ich bemerkte, dass Isa nicht anwesend war. Vielleicht machte sie gerade Pause. Ich betrat den hinteren Teil der Rezeption und wartete einen Moment, bis sich die Gäste, die gerade eingecheckt hatten, außer Hörweite befanden.
   »Meine Damen, meine Herren, ich möchte Sie kurz darauf hinweisen, dass nächste Woche ein besonderer Gast anreisen wird. Herr Nikolas wird mit seinen Geschäftspartnern am Dienstag gegen 16 Uhr anreisen.«
   Ein Raunen ging durch die Mitarbeiter. Die meisten von ihnen wussten, was jetzt kommt.
   »Herr Nikolas hat spezielle Wünsche, und ich erwarte von Ihnen, dass Sie diese kommentarlos akzeptieren und ausnahmslos ermöglichen werden. Sollte es Probleme mit anderen Gästen geben, möchte ich umgehend darüber informiert werden. Die erste Etage wird wie letztes Jahr komplett isoliert werden, ebenso wie der große Konferenzraum. Die Problematik, die sich im Speisesaal ergibt, werde ich gleich mit dem Küchenpersonal besprechen. Ich habe Ihnen sämtliche Instruktionen und Verhaltensweisen auf einem Memo zusammengestellt, das ich jedem Mitarbeiter zukommen lasse. Haben Sie noch Fragen?«
   Alle schüttelten die Köpfe und schwiegen.
   »Gut, dann gehen Sie bitte wieder an die Arbeit«, sagte ich und drückte jedem das Memo in die Hand.
   »Wo ist Frau Dubois?«, fragte ich Frau Schneider, die als Letzte das Blatt entgegennahm.
   Sie riss die Augen auf und starrte mich einen Augenblick an, als ob sie Angst hätte, dass sie gleich vom Löwen gefressen werden würde. Eigentlich fand ich meine Wirkung auf meine Mitarbeiter ganz lustig, aber manchmal nervte es auch. So wie gerade jetzt.
   »Ich … also sie … es ging ihr nicht gut«, stotterte sie. »Ich habe gesagt, sie soll sich einen Moment im Aufenthaltsraum ausruhen.«
   »Danke, Frau Schneider. Ich werde mal nach ihr sehen.«
   Ich ließ sie stehen und ging durch den kleinen Flur, der zu einem gemütlich eingerichteten Aufenthaltsraum führte, den die Mitarbeiter nutzten, um ihre Pause dort zu verbringen. Als ich eintrat, hörte ich ein leises Schluchzen aus dem angrenzenden Raum. Dort befanden sich die Schränke, in denen die Angestellten ihre persönlichen Dinge deponierten und Umkleidekabinen, in denen sie sich gegebenenfalls auch umziehen konnten.
   Isa lehnte mit dem Rücken gegen einen der Schränke und hielt sich die Hände vor das Gesicht, während sie immer wieder schluchzte. Ich war mit zwei großen Schritten bei ihr und nahm ihre Hände in meine.

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