Plötzlich stand er vor mir, ein Schrank von einem Mann. Sein Körper – muskulös und geschmeidig zugleich. Unnachgiebigkeit und Dominanz spiegelten sich in seinem Blick wider. In meinem Bauch begann es verlangend zu kribbeln. All meine geheimsten Wünsche wurden mit einmal so real wie nie zuvor.

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ISBN: 978-9963-53-866-9

Seiten: 204

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Sabina Tempel

Sabina Tempel ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, unter dem sie Liebesromane veröffentlicht. Müsste sie sich selbst beschreiben, würde sie Eigenschaften wie chaotisch, herzlich, aber auch impulsiv nennen. Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen, ist ihre Spezialität. Auch dem Herz folgt sie gern, manchmal lieber als dem Verstand. Sie genießt und lebt das Leben. Zum Entspannen kuschelt sie sich gern auf ihre große Ledercouch und liest ein romantisches Buch, das sie von Zeit zu Zeit auch selbst schreibt.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1. Kapitel

»Du würdest mir wirklich diesen Gefallen tun?« Victor blickte erstaunt auf. Nur kurz, dann wischte er weiter die
   dunkelbraune Echtholztheke trocken. Ein Schweißtropfen löste sich von seiner Stirn und rann die Schläfe hinab.
   Maxim betrachtete ihn irritiert. Was war mit seinem Bruder geschehen? Wie sehr er sich doch in den letzten Jahren verändert hatte. Nicht nur optisch, sondern auch in seinem Wesen. Wo war seine Gelassenheit geblieben? Okay, sein Bruder hatte sich im Gegensatz zu ihm schon immer in alles mehr hineingesteigert, dies aber stets hinter seiner Fröhlichkeit verborgen. Doch war Victor einst körperlich in Topform gewesen, wovon nicht mehr viel zu sehen war. Mittlerweile schwitzte er bereits beim Polieren. Auch sonst wirkte er irgendwie verlebt. Dabei war er gerade mal siebenundzwanzig Jahre alt. Blutjung, und doch sah er auf eine seltsame Art uralt aus. Sein Lächeln, das er stets auf dem Gesicht trug, hatte sich förmlich in die Haut eingebrannt und etliche Fältchen hinterlassen. Waren wirklich nur die Arbeit in der Kneipe und der damit verbundene schlechte Lebenswandel dafür verantwortlich?
   Maxim konnte es kaum glauben. Viele Fragen lagen ihm auf der Zunge, doch er stellte sie nicht. Erst vor wenigen Tagen war er zurückgekehrt und hatte gedacht, seinen Urlaub in dem Land, in dem er aufgewachsen wer, genießen zu können. Natürlich versuchte er das auch. Und doch war alles anders. Fremd. Nach fast neun Jahren. Die Menschen verhielten sich nicht so, wie er es in Erinnerung hatte. Die Sonne fühlte sich anders an, und selbst die Luft roch nicht mehr vertraut. So ähnlich hatte er sich schon einmal gefühlt. Damals in den Sommerferien, als er mit seinen Eltern zurück in deren alte Heimat gegangen war. Ihm war gänzlich alles fremd gewesen. Die Landschaft, die Menschen, ihre Art. Sogar die Sprache. Die Wörter hatten einfach nicht über seine Lippen kommen wollen. Ein Fremder in einem Land, in dem Teile seiner eigenen Familie lebten.
   »Die Frau ist wirklich eine Katastrophe. Garstig, zickig. Man hat den Eindruck, es ginge um ihr eigenes Geld.« Victor knallte den Lappen in die Spüle.
   Von wem sprach er? Warum steigerte er sich so hinein? Machte eine einzelne Frau ihm neuerdings Kopfzerbrechen oder gar Angst?
   »In dem Amt arbeiten nur so typische Beamte.«
   Was verstand man unter einem typischen Beamten? Maxim runzelte die Stirn und blickte Victor abwartend an, doch er schien keine Lust auf eine weitere Erklärung zu haben. Maxim war das recht. Entspannt lehnte er sich in dem Korbsessel zurück. Korbmöbel und Holztheke – irgendwie passte im Harlekin nichts so richtig zueinander. Beige Fliesen und ein vergilbter Putz – das Bistro benötigte dringend eine Generalsanierung, um einigermaßen ansprechend auszusehen.
   »Du würdest wirklich die Unterlagen ins Amt bringen?« Hörbar erleichtert atmete Victor auf. »Lass dich bloß nicht dumm anmachen!«
   Das hatte er bestimmt nicht vor. Maxim war es gewohnt, höflich und mit Achtung behandelt zu werden. Warum sollte dies in Deutschland anders sein als in Indien, wo er die letzten Jahre verbracht hatte? Er hatte nicht den Hauch an Bedenken, der Dame die Situation seines Bruders verständlich zu erklären beziehungsweise ihr Unterlagen vorbeizubringen. Sollte es sich wirklich um einen Drachen in Menschengestalt handeln, würde er ihr höflich, aber bestimmend gegenübertreten, um sie verstummen zu lassen. Ruhig und durchsetzungsfähig. Charaktereigenschaften, die ihm bereits in die Wiege gelegt worden waren. Ebenso eine Art von Stolz, der ihm eigen war und sich in seinem Blick, seinen Bewegungen wie auch in seinen Worten widerspiegelte. Die Führungsposition, die er sich in der Firma erarbeitet hatte, hatte diese Eigenschaften nicht geschmälert. Nicht umsonst hatte er seine Firma in Hyderabad so erfolgreich vertreten. Und doch hatte es ihn in den letzten Monaten zurück nach Deutschland gezogen. Seltsamerweise hatte er besonders den Herbst vermisst. Buntes Laub, aber ebenso nasses Novemberwetter, gepaart mit dem Gefühl von Geborgenheit, an das er sich zu erinnern glaubte, obwohl es wahrscheinlich nur in seiner Fantasie existierte. Eigentlich hatte er vorgehabt, in der Villa seiner Eltern zu wohnen, doch die hatte Victor mittlerweile vermietet. Geldsorgen, hatte er ihm erzählt. Geldsorgen, dabei waren ihre Eltern sehr vermögend gewesen. Wo war das ganze Geld geblieben? Im Harlekin, hatte Victor gemeint. Doch konnte das Bistro tatsächlich solche enormen Summen vertilgt haben? Maxim konnte es sich kaum vorstellen. Allerdings musste er einsehen, dass das Lokal wirklich keine guten Umsätze machte und viel zu wenig abwarf. Victor hatte auf die Jugend gesetzt, doch damit nicht gut verdient. Wenig Einnahmen, viel Bier, oft Krawalle. Mittlerweile fragte sich Maxim, ob die Erziehung ihrer Eltern bei seinem Bruder irgendwie ins Gegenteil umgeschlagen war, denn Victor passte perfekt ins Harlekin. Einen Laden, den es zu Lebzeiten ihrer Eltern nicht gegeben hätte. Zumindest nicht mit Victor als Gastronom. Aber Victor war mit dem Kopf durch die Wand gerannt. Manchmal konnte er so ein Hitzkopf sein, dem jegliche Besonnenheit fehlte, ausgestattet mit einem Herz so groß, dass die halbe Welt darin Platz finden würde. Bestes Beispiel für seine Gutmütigkeit war seine Lebensgefährtin Britta, die den ganzen Tag mit Einkaufen und Wellness beschäftigt war, anstatt ihm unter die Arme zu greifen. Maxim hätte ihr längst die Meinung gesagt und sie gezwungen, sich nützlich zu machen. An Victors Stelle hätte er sie schon vor Jahren hinausgeworfen oder ihr wenigstens irgendwann einmal gehörig den Hintern versohlt, damit sie endlich lernte, sich anständig zu benehmen. Britta war auch der Grund, warum er Victors Angebot, vorübergehend bei ihm zu wohnen, abgelehnt hatte. Die Frau ging ihm auf die Nerven. Sie war ihm zu selbstverliebt, gleichzeitig zu überdreht, komplett durcheinander eben. Er kannte sie noch von früher. Schon da hatte er mit ihrer Art nicht umgehen können. Es gab Menschen, mit denen wollte er sich nicht arrangieren, solange er es nicht musste. Und in seiner Freizeit sah er sich nicht dazu gezwungen. Deswegen hatte er es vorgezogen, vorerst in den Räumen oberhalb des Bistros zu wohnen. Eine frühere Lagerhalle, aber es gab zumindest ein Bad. Dort hatte er seine Ruhe. An Luxus war er zwar gewöhnt, aber er benötigte ihn nicht zwingend.
   »Wie bist du eigentlich auf die Idee mit der Glatze gekommen?«, unterbrach Victor seine Gedanken.
   Maxim grinste. »Ich denke, es steht mir ganz gut.«
   »Die Bartstoppeln könntest du auch noch beseitigen.«
   »Zu nackt«, lachte er. Dann wurde er ernst. »Hast du die Unterlagen geordnet?« Bei seinem Bruder konnte man sich dessen nicht so sicher sein.
   »Ich denke schon.« Victor polierte erneut über die mittlerweile strahlend saubere Theke.
   Maxim ahnte, dass seine Probleme weitaus größer waren, als er zugab. Er sah wirklich geschafft aus. Bleich und zu dünn. Dabei war ihm früher alles leicht gefallen.
   Aber das würde sich nun ändern! Das Amt war der Anfang. Und mit Britta wollte er demnächst auch ein paar ernste Worte wechseln.
   »Du wirst dich auf den Weg machen müssen.«
   Irritiert blickte er auf.
   »Schon vergessen? Good old Germany. Die Öffnungszeit endet bei vielen Behörden um sechzehn Uhr.«
   »Daran muss ich mich erst wieder gewöhnen.«
   »Na, hoffentlich.« Victor lachte. Seine dunklen Augen leuchteten in einem warmen Braunton. Früher schon. Diese strahlende Weichheit. Besonders an Weihnachten.
   Maxim schluckte. Er bemerkte, wie sich eine sentimentale Stimmung in seiner Seele ausbreitete. Das schaffte nur Deutschland. Und die Erinnerung.
   In Zukunft würde er Victor unter die Arme greifen und ihn nie wieder im Stich lassen. Obwohl man bei einem Endzwanzigjährigen wohl kaum vom »Im-Stich-Lassen« reden konnte. Dennoch fühlte sich Maxim schuldig. Und irgendwie war er es wohl auch, sonst hätte er nicht den Job in Indien angenommen. So kurz nach dem Tod ihrer Eltern. Geflohen war er. Selbst wenn dies niemand so sah.
   »Benimm dich! Sei höflich zu der arroganten Tussi«, folgte Victors guter Ratschlag.
   Maxim beschloss, die Begegnung mit der arroganten Tussi erst auf sich zukommen zu lassen. Victor, der ständig von jungen Leuten umgeben war und schon früher gern über die Stränge geschlagen hatte, sah eine normale, adrette Frau vielleicht aus einem falschen Blickwinkel.
   Nur was wollte er dann von Britta?
   Britta war komplett overdressed. In Markenklamotten gehüllt, stets top gestylt. Das absolute optische Gegenteil von Victor eben.
   Britta – ein Thema, das leider sehr umfangreich war. Wie gern würde er seinem Bruder die Augen öffnen, dass diese Frau so eben gar nichts für ihn war und ihn nur ausnutzte.
   »Ich habe nicht vor, mich abfertigen zu lassen«, erklärte er und wusste, wie arrogant sich diese Aussage anhören musste.
   Doch Victor grinste von einem Ohr bis zum anderen. »Als du früher als Türsteher gejobbt hast, hat dich auch niemand aus der Ruhe bringen können.«
   Der Job als Türsteher.
   Maxim schmunzelte. Eine Ewigkeit schien das her. Wie in einem anderen Leben. Und doch hatte er diese Zeit genossen.
   »Das gelingt auch heute kaum jemandem«, versicherte er und griff nach dem Schnellhefter, den Victor ihm entgegenhielt. Optimistisch zwinkerte er seinem Bruder zu und machte sich auf den Weg.

*

Stella ließ die Wasserflasche in ihre Tasche gleiten.
   Gleich Feierabend! Wochenende! Endlich!
   Heute war wieder so ein spezieller Tag gewesen. Nur Chaoten. Selbst der schönste Sonnenschein und der blaueste Himmel konnten nicht darüber hinweghelfen. Teamarbeit war nicht ihr Ding. Publikumsverkehr schon gar nicht. Sie arbeitete viel lieber in Ruhe. Menschen und ihre Geschichten interessierten sie nicht, Ausreden und Lügen konnten ihr gestohlen bleiben. Erst drückten die Leute auf die Tränendrüse, zeigte man kein Mitleid, wurden sie oft unverschämt. Dabei war sie weder Priester noch sonst irgendein Seelsorger.
   Verdammt, sie tat nur ihren Job!
   Und da gab es nun einmal Vorgaben, an die man sich zu halten hatte. Das galt für sie und all die Menschen, die meinten, sie mit ihren Ausflüchten quälen zu müssen.
   Es klopfte.
   Nein, bitte nicht!
   Die Uhr zeigte drei Minuten vor vier. Besaßen die Leute denn keinen Anstand?
   Hoffentlich nur eine kurze Auskunft, betete sie.
   Das Klopfen wurde lauter. Fordernder.
   Sie hasste es, wenn man ihr nicht einmal die Zeit gewährte, Luft zu holen.
   »Herein!«, würgte sie hervor. Weder besonders deutlich noch besonders laut. Vielleicht war ihr zartes Stimmchen auf dem Gang nicht zu hören und der Quälgeist verschwand wieder, weil er dachte, dass das Büro nicht besetzt war.
   Die Klinke bewegte sich nach unten. Mist!
   Eine Minute vor vier.
   Eilig strich sich Stella die Strähne, die sich aus ihrem Dutt gelöst hatte, hinter das Ohr und setzte ein strenges Gesicht auf. Sie wusste, wie ihr graues Kostüm, die schwarze Brille und die straff zurückgenommenen Haare auf andere wirkten. Früher hatte sie sich nicht so förmlich gekleidet, was sich als Fehler herausgestellt hatte, denn ein Kumpeltyp bekam noch mehr Ausreden ab, so, wie sich eine gut aussehende Frau anzügliche Bemerkungen anhören musste. Folglich war sie auf Graue-Maus-Bürooutfit umgestiegen und fühlte sie darin außerordentlich wohl.
   Die Tür öffnete sich.
   Stella erstarrte.
   Ein Schrank von einem Mann betrat ihr Büro. Jeans, Hemd, Sonnenbrille und Glatze.
   Wow!
   Welchem Film war der denn entsprungen? Mafiosi Undercover? Beinahe musste sie grinsen, aber eben nur beinahe. Denn seine Ausstrahlung traf auch sie. Und das ziemlich unvermittelt. Insgeheim fand sie genau solche Typen toll. Aber eben nur im Film. Fürs Auge.
   Die Uhr sprang mit einem hörbaren Klick auf vier.
   »Wir haben eigentlich keinen Publikumsverkehr mehr«, sprach sie ihn so selbstsicher wie möglich an und wies auf die Uhr.
   Jetzt macht er gleich seinen Mund auf und spricht in einem ganz fiesen Dialekt, fuhr es ihr durch den Kopf. Wieder musste sie sich ein Grinsen verkneifen. In dem Moment hätte sie gewonnen.
   Gewonnen?
   Ja, gegen ihre Vorstellungskraft.
   »Bis sechzehn Uhr steht auf dem Schild im Eingangsbereich.« Kein Dialekt, aber auch kein entschuldigendes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
   Lackaffe, schoss es ihr durch den Kopf. Leider passte er immer besser in ihre Filmvorstellung, aber das würde sie sich mit Sicherheit nicht anmerken lassen. Sympathie hatten solche Männer definitiv nicht verdient. Der meinte wohl, er müsste nur einmal kurz mit den Fingern schnippen, und jede Frau würde ihm seine Wünsche von den Augen ablesen.
   Getäuscht, mein Guter!
   »Vielleicht sollten Sie die Sonnenbrille abnehmen, dann können Sie die Uhr besser erkennen.« Nein, sie würde sich von so einem Typen nicht belehren lassen. Niemals. Was bildete der sich überhaupt ein?
   »Das ist nett, dass Sie sich für mein Outfit interessieren«, sagte er mit einer Stimme, die selbst Feuer in klirrendes Eis verwandelt hätte.
   Stella lief ein Frösteln über den Rücken. Die Sonnenbrille behielt er natürlich auf der Nase. Dafür griff seine Hand nach dem Stuhl und zog ihn unter ihrem Schreibtisch hervor.
   Was für lange Finger er hatte.
   Keine Bauarbeiterhände.
   Ohne zu fragen setzte er sich und lehnte sich scheinbar entspannt zurück.
   Er mustert mich, bemerkte Stella.
   In ihrem Magen begann es gefährlich zu grummeln, wie immer, wenn sie sauer wurde. Doch da war noch etwas anderes. Etwas Unerklärliches.
   Unruhig rutschte sie auf ihrem Stuhl herum. Die Filmvorstellung zeigte Wirkung. Dieser Mann machte sie nervös. Nicht nur sein Aussehen, sondern seine arrogante, befehlsgewohnte Ausstrahlung. Von so einem Mann nur einmal in die Knie gezwungen zu werden …
   In die Knie gezwungen? Hatte sie noch alle Tassen im Schrank?
   »Ihr Outfit interessiert mich nicht«, begann sie kühl. »Würden Sie mir den Grund Ihres Besuches nennen?«
   »Braun«, stellte er sich vor. »Ihnen fehlen diese Unterlagen.« Mit dem Zeigefinger schob er ihr einen Schnellhefter über den Schreibtisch.
   Ihr Blick folgte seiner Bewegung. Weißer Schnellhefter mit weißem Papier auf weißem Schreibtisch. Stella schluckte. So nah war seine Hand. Zum Glück war der Schreibtisch zwischen ihnen. Dieser Oberkörper. Diese Schultern. Wieder schluckte sie. Dann schaute sie auf den Schnellhefter. Braun – natürlich. Sie erinnerte sich. Der Chaot vom Montag.
   »Da wird sich Herr Braun schon selbst herbemühen müssen«, sagte sie noch eine Spur kühler. Auch sie konnte das mit der Arroganz handhaben. Schließlich hatte sie ausreichend Zeit zum Üben.
   »Das glaube ich kaum«, kam es scheinbar sanft aus seinem Mund, obwohl ein scharfer Unterton die Sanftheit Lügen strafte.
   Stella glaubte, sich verhört zu haben.
   Wie interessant! Er glaubte es nicht?
   Mit Mühe musste sie sich ein schadenfrohes Grinsen verkneifen. Da täuschte er sich aber gewaltig.
   Was für ein Proll!
   »Sind Sie Herrn Brauns Vater?«, erkundigte sie sich, als würde sie dies tatsächlich in Betracht ziehen.
   Sei besser still, sonst wirst du ihn gar nicht los, meldete sich das Stimmchen der klugen Vernunft zu Wort.
   Prompt wanderte Stellas Blick erneut zur Uhr.
   Fünf nach vier.
   Ha, Herr Filmschauspieler hatte den Sinn ihrer Worte begriffen!
   Seine Lippen verengten sich zu einem dünnen Strich. »Wenn es sich um meinen Sohn handeln würde, dürfte ich Ihnen die Unterlagen überreichen?«
   »Nein, auch dann nicht. Höchstens Sie hätten eine Genehmigung Ihres Sohnes dabei und könnten sich ausweisen«, erklärte sie betont langsam, als würde er Probleme mit dem Verstehen ihrer Worte haben. Sie holte tief Luft. »Ich darf Ihnen keine Auskünfte erteilen. Herr Braun muss sich schon selbst herbemühen. Zu unseren Öffnungszeiten.« Stella schob die Brille ein Stückchen nach oben, weil sie stets auf die Mitte ihrer Nase rutschte. Besonders, wenn sie sich aufregte.
   Oder du schwitzt!
   Haha. So ein Proll würde ihr doch keinen Schweiß auf die Haut treiben. Solche Typen entlockten ihr höchstens ein mitleidiges Lächeln. Wenn überhaupt.
   Bist du dir da sicher?
   Natürlich war sie das. Was für eine dumme Frage!
   »Ich benötige eine Genehmigung, um Unterlagen abzugeben?« Irritiert zog er die rechte Augenbraue in die Höhe. Sein Blick richtete sich provozierend langsam auf den Schnellhefter.
   Unterlagen abzugeben? Stella schluckte. Ihr Mund fühlte sich staubtrocken an. Die dumme Brille dagegen rutschte schon wieder.
   Er hatte gar keine Auskünfte haben wollen?
   Er musste lügen. Das konnte nicht sein Ernst sein, oder?
   Hast du vielleicht nicht richtig zugehört?
   Doch Stella war taub auf diesem Ohr. Ihr Magen krampfte sich vor Wut zusammen. Dieser überhebliche Mann hatte sie von ihrem wohlverdienten Feierabend abgehalten, weil er etwas hatte abgeben wollen? Empört schnaubte sie auf. Wie selbstgefällig er in dem Bürostuhl saß. Als würde er ihm gehören, er sich in seinem eigenen Büro aufhalten. Als hätte er hier das Sagen. Völlig entspannt und nur darauf erpicht, arbeitende Menschen zu ärgern.
   »Ich möchte mich aber vergewissern, dass Sie die Papiere auch einordnen und sie nicht in einem Stapel unbearbeiteter Post verschwinden.«
   Stella schnappte hörbar nach Luft. Was erlaubte er sich? »Verschwinden Sie!«, keuchte sie.
   »Wie bitte?« Mit einer lässigen Bewegung nahm er die Sonnenbrille ab. Eisblaue Augen musterten sie.
   Er war blauäugig? Damit hatte sie nicht gerechnet. Ein leicht dunkler Bartschatten in seinem Gesicht deutete auf dunkles Haar hin. Selbst, wenn sein Kopf glatt rasiert war. Blaue Augen.
   Unfreundliche Augen, die zwei Eiskristallen glichen.
   Stella biss sich vor Nervosität auf die Unterlippe.
   Warum hatte sie sich nicht unter Kontrolle gehabt? Wie hatte sie nur so etwas zu einem Kunden sagen können? Wenn er sich über sie beschwerte, würde das Folgen haben. Eine Angestellte, die Leute beschimpfte. Verdammt! Sie hatte sich zu sicher gefühlt, worauf er sie bewusst an die Grenzen ihrer Selbstbeherrschung geführt hatte.
   »Ich meine …«, stotterte sie. »Sie können unbesorgt sein, dass Ihre Papiere nicht in der Post untergehen«, quetschte sie mit hochrotem Kopf hervor.
   Der Hauch eines spöttischen Lächelns umspielte seine Lippen, doch im Gegensatz dazu verengten sich seine Augen gefährlich. Er sah sie an, als wäre sie eine Beute, die er nicht einmal unbedingt haben wollte. Seiner nicht würdig. Ein schmerzhafter Stich fuhr durch ihre Brust. Stella mochte solche Männer nicht, dennoch tat es weh, als hässliches, kleines Entchen betrachtet zu werden.
   Du weißt auch nicht, was du willst. Wer als graue Maus herumläuft, wird nicht für einen Schwan gehalten.
   »Ich möchte, dass Sie die Papiere zu den Unterlagen meines Bruders geben, den Ordner auf Ihren Schreibtisch legen, damit Sie ihn am Montagvormittag bearbeiten können.« Seine Stimme klang schneidend und befehlsgewohnt.
   Normalerweise wäre sie ihm über den Mund gefahren, aber die Gefahr, dass er sich über sie beschweren könnte, war noch nicht vorüber.
   Warum? Es würde Aussage gegen Aussage stehen.
   Ja, das würde es.
   Dennoch erhoben sich Stellas Beine wie von selbst. Sie war relativ klein. Gerademal einen Meter und zweiundsechzig Zentimeter groß. Warum trug sie nie hochhackige Schuhe? Die schwarzen, flachen Ballerinas zu dem grauen Kostüm sahen nicht gut aus. Ihre Beine wirkten wie abgehackt.
   Warum machst du dir gerade jetzt darüber Gedanken? Weil du schön für ihn aussehen möchtest?
   Schwachsinn! Männer interessierten sie nicht. Sie war bekennender Single.
   Mit bewusst forschem Schritt ging sie zum Schrank hinüber. B wie Braun. Natürlich befand sich der Ordner ganz oben im Regal. Stella machte sich lang, stellte sich auf Zehenspitzen, aber erreichte ihn nicht. Der arrogante Schönling thronte natürlich immer noch selbstgefällig an ihrem Schreibtisch und sah ihr mit eisigem Blick zu. Er war groß. Bestimmt einen Meter und neunzig. Ein Leichtes wäre es für ihn, nach dem Ordner zu greifen. Aber natürlich bewegte er sich nicht. Vielleicht, wenn sie ihn gebeten hätte. Aber das würde sie nicht tun. Lieber biss sie sich die Zunge ab. Stellas Wangen glühten, als sie nach der kleinen Trittleiter hangelte, die an der Wand lehnte. Mit lautem Krachen schwang sie auf. Stella konnte gerade noch zugreifen, sonst wäre sie voll Schwung gegen den Schreibtisch geknallt.
   Egal! Nur ruhig, sprach sie sich Mut zu.
   Sie mahnte sich zur Ruhe?
   Was war nur los mit ihr?
   Vorsichtig – bei ihrem heutigen Glück klappte sonst noch die Trittleiter zusammen – stieg sie die zwei Stufen empor. Bauer, Blessing, Bonner las sie. Mist! Der Braun-Ordner fehlte. Zaghaft warf sie einen Blick über die Schulter. Und erstarrte. Eisblaue Augen waren auf ihre Oberschenkel gerichtet. Automatisch griff sie nach ihrem Rock und zog ihn nach unten. Zu weit war er empor gerutscht und hatte – ihre Gesichtsfarbe legte noch einmal ordentlich zu – ihre halterlosen Strümpfe enthüllt. Das hätte nicht geschehen dürfen! Die Strümpfe waren der einzige Luxus, den sie sich im Büro erlaubte. Sie zu tragen, gab ihr ein überlegenes Gefühl, weil niemand davon wusste. Der prollige Schauspielerverschnitt hatte sie gesehen – sie wusste es. Zu deutlich zeigten es seine Blickrichtung und der überraschte Ausdruck, der sich auf seinem Gesicht ausbreitete.
   Damit hat er nicht gerechnet.
   Möglichst gelassen stieg Stella die Leiter hinunter. »Der Ordner befindet sich im Nebenzimmer«, quetschte sie hervor.
   Da blickte er auf. Seine Augenlider befanden sich immer noch auf Halbmast. Den Blick darunter konnte sie nicht deuten. Eis mit einer Spur …
   Hunger? Sie musste sich täuschen.
   »Sie wollen ihn sicherlich holen, oder?«
   Ein kalter Schauder rieselte Stella den Rücken hinab.
   Nein, mag ich nicht, wollte sie aufbegehren. Stattdessen hörte sie sich »Natürlich« antworten.
   Was war nur mit ihrer Zunge geschehen? Entwickelte sie ein Eigenleben? Aber nicht nur ihre Zunge wollte ihr nicht gehorchen, selbst ihr Körper spielte Oberverräter. Warum sonst staksten ihre Beine Richtung Tür?
   Ganz nah musste sie an ihm vorbei.
   An einem der bestaussehendsten Männer, die dieses Büro jemals betreten haben.
   Geschafft! Mit wackligen Schritten ging Stella den Gang entlang. Ein paar Minuten Aufschub. Doch gleich würde sie in ihr Zimmer zurückmüssen.
   »Hast du den Braun-Ordner?«, fragte sie Sylvia, die dem Kopierer stapelweise Papier entlockte.
   »Liegt auf meinem Schreibtisch.« Sylvia warf ihr einen forschenden Blick zu. »Geht es dir nicht gut?«
   »Warum?«, stotterte Stella.
   »Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.«
   »Nein, nur einen nervigen Kunden.«
   »Das kennen wir ja.«
   Da lag der Ordner. Mitten auf dem Schreibtisch.
   »Den Braun müssen wir genauer unter die Lupe nehmen«, rief Sylvia ihr zu.
   Stella nickte nur. Die Schritte zurück zu ihrem Zimmer fielen ihr schwer. Zu gern wäre sie im Boden versunken. Konnte er denn nicht einfach gegangen sein? Doch als sie ihr Büro erreichte, saß er immer noch relaxed vor ihrem Schreibtisch und blätterte in den Unterlagen seines Bruders, als wäre es das Normalste auf der Welt.
   Mist! Sie hätte ihn nicht allein im Büro lassen dürfen. Ein No go! Machte sie heute nur Fehler?
   »Was tun Sie da? Das geht Sie nichts an!«, fuhr Stella ihn an.
   Sichtbar belustigt blickte er auf. »Ich habe diese Papiere vorbeigebracht«, erinnerte er sie.
   »Aber nun befinden sie sich in Amtsbesitz und damit außerhalb Ihres Zugriffes«, rechtfertigte sie sich.
   »Darf ich Ihnen den Ordner abnehmen?«, fragte er mit einmal verdächtig fürsorglich.
   Nein, wollte sie stottern, doch schon stand er auf. Exakt in dem Moment, als sie sich an seinem Stuhl vorbeiquetschen wollte. Er war riesig. Stella konnte gerade mal auf seine Brust blicken. Eine kräftige Brust, verhüllt von einem offwhiten Hemd. Seine Oberarme waren muskulös. Sehr sogar. Die Unterarme sehnig. Stella schluckte. Ihr Mund fühlte sich staubtrocken an. Versehentlich berührte sie ihn, was einen Stromstoß durch ihren Körper jagte und sie über ihre eigenen Füße stolpern ließ. Den Ordner hielt sie dabei allerdings fest an ihre Brust gepresst.
   »Lassen Sie das!«, fuhr sie ihn an, als wenn er sie angefasst und nicht seine Hilfe angeboten hätte.
   Prompt rutschte seine rechte Augenbraue erneut ein Stückchen in die Höhe. Sein schläfriger Blick traf sie aus Augen, die wieder zwei Eiskristallen glichen.
   Lauf weiter! Bleib bloß nicht stehen! Und hör endlich auf, ihn anzustarren!
   Natürlich. Stella eilte um den Schreibtisch und ließ sich erleichtert auf ihren Stuhl sinken. Der Schreibtisch war überhaupt ihre Rettung. Eine Grenze, die unübersehbar zwischen ihnen ragte.
   Doch was tat er?
   Er setzte sich nicht wieder hin, sondern trat ebenfalls um den Schreibtisch herum. Stella schnappte entsetzt nach Luft. Ihr war heiß und kalt zugleich. Ganz dicht stand er neben ihrem Stuhl. Ein Geruch von Frische stieg ihr in die Nase.
   Hm. Lecker, aber zu nah. Viel zu nah.
   Lässig beugte er sich über sie, platzierte die Papiere genau zwischen ihren Armen. Stella hielt den Atem an, wartete, dass er sich entfernen und den gebührenden Abstand, den man zu einer fremden Person einhielt, wiederherstellen würde. Doch nichts dergleichen geschah.
   Vergiss das Atmen nicht!
   Hastig holte sie Luft und hoffte, dass er ihre Panik nicht bemerkte.
   Träum weiter!
   »Ich mag es nicht, von Ihnen gemaßregelt zu werden«, hauchte er in einem eisigen Schwall in ihr Ohr, das trotz der Kälte zu glühen begann. »So ein Verhalten zieht in der Regel Konsequenzen nach sich.«
   Konsequenzen? Was für Konsequenzen denn? Sprach er von einer Beschwerde? Oder von etwas ganz anderem?
   Stella umklammerte den Ordner. Ihre Hände waren feucht.
   Nicht nur deine Hände!
   Dieser Mann brachte sie wortwörtlich um den Verstand. Noch nie war sie mit einer dermaßen sicht- und spürbaren Überlegenheit konfrontiert worden.
   Dominanz kann man es auch nennen.
   »Einsortieren und den Ordner zur Bearbeitung liegen lassen!«, befahl er.
   Boah! Allein die Stimme jagte ihr einen Schauder nach dem anderen über den Rücken.
   Nur die Stimme?
   Nein, leider nicht. Stella wurde immer seltsamer zumute. Dieser Mann verkörperte etwas, von dem sie gern träumte, obwohl sie es sich verbot, denn insgeheim stand sie nicht auf Softies. Zumindest nicht in ihren kühnsten Wunschvorstellungen. Dennoch konnte sie in der Realität nicht mit Machos umgehen. Es reizte sie förmlich, ihnen die Meinung zu sagen und sie in ihre Schranken zu weisen, was bei diesem Mann allerdings nicht funktionierte. Sie empfand Respekt. Und Respekt machte sie an. Nur leider war es für diese Erkenntnis der denkbar ungünstigste Augenblick.
   »Ich warte.« Seine Stimme klang warm und samtig, was im krassen Gegensatz zu den Befehlen stand, die er aussprach.
   Du machst dich lächerlich, wenn du ihm gehorchst.
   Wahrscheinlich tat sie das, aber sie konnte sich nicht dagegen sträuben. Mit zitternden Händen öffnete sie den Ordner, fasste nach den Papieren, lochte sie und heftete sie ein.
   »Braves Mädchen.« Da war kein Spott, nicht einmal ein Schmunzeln in dieser Stimme, die nun so weich klang, dass sich Stella in diese hätte hineinlegen können. Angestrengt starrte sie auf den Ordner. Nur nicht hochsehen! Nur nicht seinem Blick begegnen.
   Ich wusste gar nicht, dass du auf Glatze stehst.
   Ich auch nicht, fuhr es Stella durch den Kopf.

*

Maxim starrte auf den strengen Dutt. Honigblondes ungefärbtes Haar, registrierte er. Auch ihre Haut wies einen leichten Goldton auf. Selbst unterhalb ihres Rockes. Beinahe wäre er vorhin vom Stuhl gekippt, als er die halterlosen Strümpfe bemerkt hatte. In dem Moment war ihm bewusst geworden, dass er gewonnen hatte und sie Wachs in seinen Händen sein würde. Welche graue Maus trug schon Strapse? Nur eine, die von Berührung träumte, sich danach sehnte. In der ein Feuer brannte, mit dem sie selbst nicht umgehen konnte, weil ihr jegliche Möglichkeit fehlte, es zu dämpfen.
   Ein Reiz, der ihn sofort ansprach und ihn dazu brachte, genauer hinzusehen. Was lag hinter ihrer schalen Fassade? Natürlich benötigte er eine ziemliche Portion Fantasie, doch das sollte nicht das Problem sein. Ihr Körper war zwar klein, aber schlank und gleichzeitig wohlgeformt. Die Brüste drückten sich keck gegen den seidenen Stoff ihrer Bluse, was selbst der Blazer nicht verdecken konnte. Offene Haare und Kontaktlinsen statt Brille würden sie wahrscheinlich in eine hübsche junge Frau verwandeln. Warum sie sich nur dermaßen entstellte? Dazu noch ihre unmögliche Art. Er konnte sich Victor bildlich vorstellen, wie er sie mit offenem Mund angestarrt hatte. An Victors Gesichtsausdruck waren stets all seine Gefühle ablesbar. Auch der Gedanke »Dumme Gans!« hatte mit Sicherheit offen in seinen Zügen gestanden. Doch mit vollkommen ehrlichen Menschen, die nicht oder nur schlecht schauspielern konnten, konnte sie scheinbar nicht umgehen. Sie legte keinen Wert auf Gutmütigkeit. Das war schade, denn Victor gab wirklich jedem Menschen eine Chance. Nicht nur jedem Menschen, sondern jedem Lebewesen, denn sein Herz war so groß, dass die halbe Welt darin hätte Platz finden können. Warum interessierten solche positiven Charakterzüge diese Frau nicht? Setzte sie Gutmütigkeit mit Schwäche gleich? Tat sie deswegen so stark und unnahbar? Um ihre eigene Schwäche zu verbergen? Ihren Wunsch nach Schwäche? Maxim fühlte seine Stärke wachsen. Ungefragt nahm sie einen Teil von ihm ein und breitete sich stetig aus.
   Ihre Hände zitterten, als sie den Ordner aufschlug. Er spürte ihre Nervosität förmlich. Umso mehr sie sie zu verbergen versuchte, umso deutlich wurde sie sichtbar. In diesem Moment reizte sie ihn. Trotz ihrer äußerlichen Makel, die sie absichtlich zur Schau stellte. Wie eine Mauer, die sie hoch baute und dabei der Meinung war, dass die Höhe eine fehlende Breite wettmachte. Dabei würde ein kleiner Stups genügen, um die Mauer einfallen oder zumindest bröckeln zu lassen.
   Sie lochte die Blätter, doch trafen die kleinen Löcher die Klammern des Ordners nicht. Maxim wusste, dass sie sich ärgerte, so miserabel schauspielern zu können. Dennoch hatte sie ihn herausgefordert. Wahrscheinlich unüberlegt. Denn manchmal liebte er es, seine Macht auszuspielen. Diese Frau lud ihn förmlich zu einem Spiel sein, wie er es mochte. Nachgiebigkeit und Unnachgiebigkeit in einer Person. Was für ein Reiz!
   Störte ihn ihr Outfit wirklich? Oder machte ihn gerade das an?
   Fordernd drückte sein Schwanz gegen den harten Jeansstoff. Noch nie hatte er dermaßen Lust verspürt, eine graue Maus zu vögeln. Aber genau das war, was er wollte. Ihren kleinen, zarten Körper zu Wachs in seinen Händen werden lassen.
   Er ermahnte sich, ruhig zu atmen.
   Was war nur los mit ihm? Er musste sich dringend eine Frau suchen. Ein Abenteuer für eine Nacht. Seine Hormone spielten vollkommen verrückt, was ihm so gar nicht ähnlich sah. Natürlich brauchte er Sex. Ohne Sex war sein Leben nicht lebenswert. Aber doch nicht in einem Amt. Mit einer Zicke oder dummen Gans, wie Victor sie genannt hatte. Sein Bruder würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und seinen Geisteszustand infrage stellen, wenn er davon wüsste. Doch nicht einmal der Gedanke daran entlockte Maxim ein Schmunzeln.
   »Braves Mädchen!«, lobte er, als sie Victors Unterlagen endlich fein säuberlich eingeheftet hatte. Immer noch war er über sie gebeugt, weidete sich an den widersprüchlichen Gefühlen, die sie sichtbar durchströmten.
   »Besitzen Sie gar keinen Anstand?«
   Was? Hatte er sich eben verhört? Hatte die kleine graue Maus wahrhaftig gewagt, ihm so eine Frage zu stellen? Ja, sie hatte. Anscheinend hatte sie sich binnen weniger Sekunden entschieden, zum Gegenangriff überzugehen. Ruckartig hob sie den Kopf und blitzte ihn an. Blaue Augen. So wie seine. Nur wärmer. Viel wärmer. Ohne jegliche Dominanz. Trotzig, fuhr es ihm durch den Kopf. Beinahe musste er schmunzeln. Natürlich verkniff er es sich, denn sie sollte nicht sehen, dass ihre Reaktion ihn erheitert hatte. So zog er lediglich erneut eine Augenbraue in die Höhe und musterte sie kalt.
   »Anscheinend nicht«, fügte sie hinzu. Fest presste sie die Lippen aufeinander, ihre Hände griffen nach der Tischplatte, ihre Arme winkelten sich an.
   Das würde sie nicht wagen!
   Zischend entwich ihm Luft. Die Stuhllehne hatte ihn unsanft im Magen erwischt. So ein Miststück!
   »Entschuldigen Sie mich bitte!« Sie schenkte ihm ein gekünsteltes Lächeln, das wohl zuckersüß aussehen sollte. »Ich habe nun Feierabend.« Geschwind schnappte sie sich die Tasche, die neben dem Schreibtisch stand. »Ich werde dem Pförtner Bescheid geben, dass Sie sich nicht an die vorgeschriebenen Öffnungszeiten gehalten haben und nun nicht gehen möchten.«
   Fassungslos starrte er sie an. Ein »Das traust du dich nicht« lag ihm auf den Lippen, aber er sprach es nicht aus. Nie würde er ihr diese Genugtuung geben, sie unkorrekt angeredet zu haben. Niemals.
   »Ansonsten werde ich natürlich keine Ausnahme machen. Die Unterlagen Ihres Bruders werden bearbeitet, wenn sie an der Reihe sind. Dass er sämtliche Termine nicht eingehalten hat, ist nicht mein, sondern sein Problem.« Sie straffte die Schultern und hob den Kopf mit dem seltsamen Dutt, aus dem sich unerlaubterweise eine Haarsträhne gelöst hatte. »Sie können von Glück sagen, dass Ihr Verhalten niemand mitbekommen hat. Ansonsten hätten Sie wohl eine Anzeige wegen Nötigung zu befürchten.« Sie schenkte ihm einen weiteren bösen Blick, der ihr sicherlich nicht leichtgefallen war, denn Maxim bemerkte sehr wohl die Nervosität, die hinter ihrer aufgesetzten Fassade brodelte.
   »Und nein. Sie müssen mir nicht danken. Ich bin es gewohnt, über ungehobeltes Verhalten hinwegzusehen.« Die Unsicherheit in ihren Augen verwandelte sich in ein schadenfrohes Funkeln. Mit betont festen Schritten ging sie aus dem Büro. Es musste sie ein großes Maß an Beherrschung kosten, sich weder zu schnell noch zu langsam zu bewegen. Aber es gelang ihr. Maxim kam nicht umhin, ihr Verhalten zu bewundern.
   Noch nie war ihm so etwas passiert! Noch nie hatte sich eine Frau so etwas getraut!
   Er war völlig überrumpelt und sprachlos.

2. Kapitel

Stella war aufgeregt. Sie hatte sich telefonisch im Bistro »Harlekin« beworben. Als Allround-Talent sozusagen. Dieser Victor
   hatte eine Angestellte gesucht, die nicht nur bedienen wollte, sondern auch zum Putzen und Spülen bereit war. Normalerweise hätte sie sich nie auf so einen Job eingelassen, aber die meisten Nebenjobs waren für sie schwer machbar. Zum Pizzafahrer taugte sie nicht, mit Prospekten austragen war nicht genug verdient, und Zeitungen verteilen vor der Arbeit – das schaffte sie nicht. Folglich blieben ihr wenige Möglichkeiten. Im Bistro bedienen stellte sie sich zumindest leichter vor als Bierkrüge zu schleppen.
   Und nein – sie hatte sich mit niemanden über die Pros und Contras eines Zweitjobs unterhalten. Schon allein aus dem Grund, weil ihr der nötige Gesprächspartner fehlte. Irgendwann hatte sie sich zurückgezogen. Für Freunde war ihr die letzten Jahre kaum Zeit geblieben. Selbst verreist war sie nie, dabei hatte sie einst die Welt kennenlernen wollen. Aber ohne Zeit und ohne Geld war dieser Wunsch nicht erfüllbar. Manche Kollegen tuschelten über sie. Wegen ihrer Art, sich zu kleiden und weil sie keinen Freund hatte. Aber: Für was brauchte sie einen Mann? Träume und Realität stimmten selten überein. Nach Wünschen anderer wollte sie sich nicht mehr richten. Das hatte sie einst getan. Dabei war Leonhard selbst ihr zu spießig gewesen, wenn auch der Traumschwiegerenkel ihrer Großmutter. Mam hatte die Hände über den Kopf zusammengeschlagen, als sie ihr Leonhard vorgestellt hatte. Mam, die Lebenslustigkeit in Person, die nie verstanden hatte, warum sie sich stets an Großmutters Stil orientiert hatte. Dabei war das so einfach. Jeder hätte es verstanden, nur Mam eben nicht. Wahrscheinlich, weil für sie immer die Sonne geschienen hatte. Egal, ob mit Geld oder ohne. Und dann hatte ein einziger Tag, ein kurzer Moment ihr Leben für immer verändert.
   Stella blinzelte. Die Zeit der Tränen gehörte der Vergangenheit an, dabei dachte sie, dies längst begriffen zu haben. Im Gegensatz zu ihrer Mutter wusste sie, wie wichtig Geld war. Jeden Cent sparte sie. Dennoch reichte ihr Gehalt nur knapp. Das Pflegeheim war teuer. Deswegen auch der Nebenjob, denn irgendwann würde sie sich selbst gern wieder etwas leisten können. Eine Reise war ihr größter Traum. Noch nie hatte sie das Meer gesehen. Sie stellte es sich atemberaubend vor. Zwar hatte Großmutter sie als Kind regelmäßig mit in die Berge genommen, wofür sie echt dankbar war, aber das Meer war eben ein Traum, den sie sich irgendwann erfüllen wollte. Doch dafür musste sie kämpfen. Sprich: über ihren eigenen Schatten springen. So hatte sie allen Mut zusammengenommen und sich auf die Stelle als Bedienung beworben. Heute Abend würde sie in dem Bistro zur Probe arbeiten. Am Telefon hatte sie ein wenig geschwindelt, was ihre Erfahrungen als Bedienung betraf. So schwer konnte das doch hoffentlich nicht sein, ein paar Gläser hin und her zu tragen. Außerdem war sie mit sämtlichen Zusatzaufgaben einverstanden. Auf die Frage nach der Art ihres Studiums war sie nicht eingegangen. Schließlich rissen sich nicht nur Studenten und Senioren um Nebenjobs. Auch ihre Anstellung im öffentlichen Dienst hatte sie vorsichtshalber verschwiegen. Viele Menschen hatten Vorurteile gegen staatliche Angestellte. Dabei hatten die Leute gar keine Ahnung, mit was für Chaoten sie sich teilweise herumschlagen musste. Wenn sie nur an den protzigen Schauspielerverschnitt von heute Nachmittag dachte … In ihrem Bauch begann es zu kribbeln. Ja, natürlich hatte er gut ausgesehen. Aber: Solche Typen hatten nicht einmal einen Blick für sie übrig. Da sollte ihr dummer Bauch besser lernen, seine Gefühle im Zaum zu halten.
   Vielleicht solltest du dich einmal zwischen strenger Lady vom Amt und schüchternem Mädchen entscheiden?
   Schwachsinn! Beide waren grau und unscheinbar. Deswegen ergänzten sich die zwei Rollen auch perfekt.
   In was für einem Bistro hast du dich eigentlich beworben?
   Keine Ahnung. Gab es Unterschiede? Sie wusste es nicht. Ihr Leben bestand nun einmal nicht aus Partys.
   Was hat das damit zu tun?
   Auch darauf wusste sie keine Antwort. Natürlich hätte sie sich im Vorfeld erkundigen müssen, doch sie hatte es nicht getan. Zu überrascht war sie, dass sie über ihren eigenen Schatten gesprungen war. So viel Mut hatte sie sich überhaupt nicht zugetraut.
   Deine Mutter hätte sich gewünscht, dass du dein Leben liebst, es lebst und nicht, dass du dich vergräbst.
   Das wusste sie. Wahrscheinlich war auch dieses Wissen dafür verantwortlich, dass sie manchmal Initiativen ergriff, um sich einst doch den ein oder anderen Traum erfüllen zu können.
   Doch nun zum ersten Problem dieses Abends: Was sollte sie anziehen? Sie konnte unmöglich in einem ihrer Kostüme oder gar in einem Hosenanzug in dem Lokal erscheinen.
   Stella seufzte. Ein weiterer Grund, warum sie sich hätte schlau machen müssen. Nobelkneipe oder Säuferschuppen. Sie wusste es nicht. Ein kurzer Blick in ihren Schrank. Ein Blick, den sie nicht hätte werfen müssen. Sie wusste um den Inhalt ihrer Regale. Sommerkleider würden sich nicht hineingezaubert haben.
   Okay, überlegte sie. Die Businesskleidung, in der sie sich so sicher fühlte, fiel weg. Leider auch Strümpfe und Strapse, deren Tragen sie antörnte.
   Wie wär es mit dem schwarzen Rock? Da sehen auch Strümpfe gut dazu aus.
   Doch sie wollte weder zu overdressed noch zu sexy wirken. Außerdem sanken momentan die nächtlichen Temperaturen kaum unter zwanzig Grad. Da wollte ihr der schwarze Rock nicht so richtig gefallen. Im Büro war das etwas anderes. Die Klimaanlage blendete jegliches Summerfeeling aus. Die Ordnerberge taten ihr Übriges. Folglich fiel ihre Wahl auf eine Jeans. Dabei hatte sie bloß zwei, die sie so gut wie nie anzog.
   Warum eigentlich nicht? Wann war sie zum Oberspießer mutiert?
   Genau wusste sie es nicht mehr.
   Doch, eigentlich schon, widersprach sie sich selbst. Als kleines Mädchen war sie mit dicker Brille herumgelaufen, als Teenager mit Zahnspange. Ihre Haare hatten Schnittlauchstängeln alle Ehre gemacht, dafür hatte sie wohlgerundete Hüften ihr eigen nennen können. In der Schule hatte sie folglich zu den Losern gezählt, und irgendwie hatte sie nie mehr richtig Boden unter den Füßen bekommen. Leonhard hatte ihr mit seinem ultrakonservativen Modegeschmack und seiner spießigen Grundeinstellung den Rest gegeben. Sie hatte sich förmlich daran gewöhnt, eine graue Frau zu sein.
   Das wirst du nun ändern!
   Ja, wenigstens heute Abend. Zielsicher griff sie nach der helleren Jeans. Für Modebewusste wirkte sie wahrscheinlich immer noch bieder, für sie dagegen war die Hose beinahe ein Wagnis.
   Aber mit Strapsen rumlaufen …
   Stella schmunzelte. Momentan waren Risse in Hosen in. Allerdings zierte nicht das kleinste Löchlein ihre Jeans. Auch saß sie eher weit an den Beinen anstatt knackig eng. Sie musste dringend shoppen gehen, sollte ihr der Job zusagen.
   Egal. Im Moment zumindest.
   Stella entschied sich zudem für einen weißen BH, ein weißes Shirt und ihre geliebten Ballerinas. Doch ein Blick in den Spiegel sagte ihr, dass sie ihr Outfit irgendwie aufpeppen musste. Kurzerhand krempelte sie die Jeans zu einer dreiviertel langen Hose hoch. Dann löste sie die Spangen, damit ihr das blonde Haar locker über die Schultern fallen konnte.
   Viel besser! Ungewohnt, locker und unheimlich jung sah sie aus. Doch irgendetwas fehlte.
   Die Kontaktlinsen, erinnerte sie sich. Ohne Brille, komplett umgestylt würde sie kaum noch jemand erkennen.
   Vielleicht besser so.
   Warum?
   Du hast schon manchen Leuten vor den Kopf gestoßen. Nicht, dass du so jemanden bedienen musst.
   Hatte sie wirklich Gefühle verletzt?
   Nicht nur Gefühle.
   Okay, vielleicht hatte die Vernunft wieder einmal recht. Wäre nichts Neues. Manchmal passte sie ihr Verhalten wohl zu sehr ihrem äußerlichen Erscheinungsbild an. Eine Portion Unverständnis kam noch hinzu. Schließlich wurde auch ihr nichts geschenkt. Das Leben hielt wenig Erfreuliches bereit. Dennoch biss sie sich durch.
   Hat aber nichts mit mangelnder Freundlichkeit zu tun, oder?
   Stella atmete tief durch. Sie würde ganz schön umdenken müssen. Von kratzbürstig zu super nett. Ob das funktionieren konnte?
   Puh!
   Sie musste grinsen und machte sich auf den Weg. Aufgeregt war sie allemal.

Das Harlekin überraschte Stella in jeglicher Hinsicht. Es lag am Stadtrand und nicht – wie sie vermutet hatte – in der Fußgängerzone. Ein Traum für all diejenigen, die auf ihr Auto nicht verzichten wollten. Bei dem Bistro handelte es sich anscheinend um einen früheren Lebensmittelmarkt. Zumindest sahen die große Scheibe sowie die Glastür danach aus. Vor dem Lokal standen Bierbänke, auf denen bereits einige leicht angetrunkene Jugendliche herumlümmelten.
   Na, super! Und das bereits um neunzehn Uhr!
   In dem Moment ahnte Stella, dass der Job kein Zuckerschlecken werden würde und sie sich definitiv nicht dafür eignete. Sollte sie besser gleich wieder gehen? Es machte keinen Sinn, sich vorzustellen. Sie passte hierher wie ein Elefant an den Nordpol.
   »Warum hast du dir die Pläne heute Nachmittag nicht angesehen?«, hörte sie eine verärgerte männliche Stimme.
   »Dadurch verlier ich meine Stammgäste«, entgegnete ein anderes männliches Wesen.
   »Durchs Ansehen?«, schnaubte Stimme eins. »Stammgäste? Du nennst die paar Trunkenbolde Stammgäste?«
   »Ich gebe ihnen ein Zuhause.«
   »Da sollten sie besser hingehen, anstatt hier herumzulungern.« Ein Seufzen ertönte. »Langsam ahne ich, warum das Bistro nicht läuft.«
   »Du kannst keinen Nobelschuppen aus dem Laden machen. Das funktioniert nicht.«
   »Und warum nicht?«
   »Weil sich die High Society der Stadt sicherlich nicht in einen ehemaligen Supermarkt setzt.«
   »Du hast dir weder die Pläne noch das Konzept angesehen, oder?«
   »Nein.«
   »Dann sag mir einen einzigen Grund, warum ich dir helfen sollte?«
   »Weil du mein Bruder bist.«
   Heute hatte sie es aber mit Brüdern …
   Stella räusperte sich, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie würde wenigstens absagen. Rein aus Höflichkeit. Da kam schon ein Mann auf sie zugestürmt.
   »Ah, schön, dass du da bist! Ich bin Victor. Spülst du die Gläser? Dunkles, Helles und Pils kannst du aus dem Zapfhahn lassen. Weizen ist im Kühlschrank. Ebenso Extrabiersorten. Wir sind brauereifrei.« Victor strahlte sie an. »Mach einfach! So gewöhnst du dich am besten ein. Ich muss mit meinem Bruder etwas besprechen. Wir sind in den Privaträumen im hinteren Teil des Bistros.« Geschäftig fuchtelte der Mann mit einer Papierrolle vor ihrer Nase herum. Stella starrte ihn mit offenem Mund an. Was war das nur für eine quirlige Person? Ein Gesicht – jung und alt zugleich. Ein wenig verlebt. Zu viel Sorgen oder Arbeit. Aber Augen, die neugierig in das Leben blitzten. Irgendwie passte er perfekt zu den Jugendlichen, die sich auf den Bierbänken versammelt hatten. Stella konnte sich gut vorstellen, dass er das Wort Stammgäste tatsächlich so gemeint hatte.
   So bekommt er sein Geschäft nie zum Laufen, fuhr es ihr durch den Kopf. Da musste sie seinem Bruder zustimmen. Wahrscheinlich stand dieser Mann in ein paar Monaten in ihrem Büro und erzählte ihr eine tieftraurige Geschichte.
   Mit einmal tat er ihr leid. Er wirkte schrecklich chaotisch, aber herzlich. Sie gönnte ihm, dass sein Bruder ihn vor dem Ruin retten konnte.
   »Sie können mich doch nicht allein …«
   Aber Victor war bereits in den hinteren Räumen des Lokals verschwunden.
   »Hey du«, laberte sie jemand von hinten an. »Bist du die neue Bedienung?« Er rülpste. »Ich will ein Erdinger.«
   Ein Erdinger?
   Okay, Erdinger war ihr ein Begriff. Schnell trat sie hinter die Theke. Welches Glas? Egal. Sie griff nach den Standardgläsern, in die man Bier eben füllte.
   »Was machst du denn? Weißt du nicht, wie ein Weizenglas aussieht?«
   Stella schüttelte den Kopf. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus. Der Typ sah wie ein Kleinkrimineller aus. Große Tattoos prangten an seinen Armen.
   Wo war sie hier nur hingeraten? Doch er blickte sie lediglich aus ungläubigen Augen an, um sein Gesicht dann mit einem schiefen Lächeln zu versehen. »Du hast noch nie bedient, oder?«
   Wieder schüttelte sie den Kopf. Schwindeln machte wenig Sinn. »Die langen, schlanken Gläser, die oben im Regal stehen, sind Weizengläser, in die bauchigen kommt Pils, die restlichen sind für das dunkle und das helle Bier bestimmt.«
   Stella nickte und füllte das Weizen in das beschriebene Glas. Es schäumte schrecklich.
   »Gib her! Und sieh zu!« Der Typ grinste mittlerweile übers ganze Gesicht. »So macht man das.«
   Stella würgte ein »Danke!« hervor. Das konnte ja heiter werden!
   Doch so schlimm, wie sie es sich vorgestellt hatte, verlief der Abend nicht. Der Typ, der sich als Paddy vorstellte, hatte ein Auge auf sie und half ihr bei Bedarf. Immer mehr optische Halbkriminelle besuchten das Bistro. Seltsamerweise waren sie ganz nett. Im Gegensatz zu den Jugendlichen, die sich teilweise ganz schön daneben benahmen. Nicht aus Boshaftigkeit, vielmehr aus Übermut. Halbstark eben. Bekam man das erst einmal in seinen Kopf, konnte man auch damit leben. Stella konnte beinahe verstehen, dass Victor seine Stammkundschaft nicht verlieren wollte, jedoch schien sein Bruder komplett andere Ideen mit dem Lokal zu verfolgen.
   Es schepperte. Alarmiert eilte Stella hinter der Theke hervor.
   »Sorry!«, rief eine Frau. »Mir ist das Glas runtergefallen.«
   Und jetzt? Sollte sie ihr Schaufel, Besen und einen Lappen in die Hand drücken?
   »Du musst die Scherben wegkehren«, raunte ihr Paddy zu.
   Sie? Na, super!
   »Mach schnell! Da hinten kommt Victor!«
   Eilig fasste Stella nach Besen und Schaufel.
   »Geht das nicht ein wenig schneller?«, stänkerte die Frau.
   Asoziale Tussi, schoss es Stella durch den Kopf. Doch sie sagte nichts, sondern kniete sich hin, um den Schaden zu beseitigen.
   »Einen anderen Ton unserer Bedienung gegenüber, bitte!«, erklang eine schneidende Stimme.
   Stella atmete auf.
   »Das ist nur Tina. Schon okay«, rief Victor.
   »Das ist nicht okay. Selbst Tina kann sich nicht alles erlauben«, knurrte der Mann, bei dem es sich allem Anschein nach um Victors Bruder handelte.
   »Chill mal!« Wie es aussah, hatte ein bitterböser Blick diese Tina getroffen. »Sorry! Wird nicht wieder vorkommen«, entschuldigte sie sich.
   »Alles okay?«
   Stella erstarrte mitten in der Bewegung. Die Stimme war ihr gleich bekannt vorgekommen. Eine Stimme wie Samt auf der Haut. Nein, sie musste sich täuschen. Solche Zufälle gab es nicht. Nur im Film. Und in ihrem Fall wäre es kein besonders guter. Vorsichtig schielte sie nach oben.
   Chucks, Jeans, ein weißes Hemd.
   Wow! Was für eine Figur! Die Beine muskulös, die Hüften schmal, Richtung Brust wurde sein Körper breiter, zur Schulter hin noch einmal.
   Mhm. Stellas Bauch zog sich kribbelnd zusammen. Ihr gefiel es außerordentlich gut, diesen Mann über sich zu sehen. Dann fiel ihr Blick auf sein Gesicht.
   Scheiße! Doch ein Film …
   Nein, schlimmer. Kein Film.
   Stellas Hand krallte sich fest um die Schaufel. Sie wartete auf eine Reaktion seinerseits. Würde er sie eigenhändig aus dem Bistro werfen? Doch nichts dergleichen geschah. Stoßartig atmete sie aus. Er hatte sie nicht erkannt.
   »Ja, alles in Ordnung«, würgte sie hervor. Ihr wurde schwindlig. Vorsichtshalber griff sie nach dem Stuhl, um nicht beim Aufstehen umzukippen.
   »Das sieht aber nicht so aus.«
   Schlanke Finger griffen nach ihr, hoben sie hoch, als wäre sie leicht wie eine Feder.
   »Ui!«, quiekte sie. Dann stieg ihr sein Duft in die Nase. Wie von selbst schlang sich ihr rechter Arm um seinen Hals. Sogar an seinem Rücken spielten Muskeln. Deutlich zeichneten sie sich durch das Hemd ab. Boah! Sie liebe starke Männer. Allein die Vorstellung: er groß und stark, sie klein und zierlich. Am liebsten wäre sie ihm wieder zu Füßen gesunken. In ihren heimlichen Träumen zumindest. Aber momentan trug er sie auf Händen …
   Aber wohin?
   In die Privaträume, beantwortete sie sich die Frage selbst. Oh, sie traute dem stillen Frieden nicht. Vielleicht hatte er sie doch erkannt und wollte sie nun heimlich beseitigen. Ein Hinterausgang, aus dem er sie auf die Straße werfen konnte. Doch wieder geschah nichts dergleichen. Mit dem Fuß gab er der Tür einen Stups, sodass sie hinter ihnen ins Schloss fiel. Dann ließ er sie sacht auf ein Sofa aus rotem Webstoff gleiten.
   Wo war sie nun gelandet? Es war ganz schön düster. Spärlich beleuchtet eben. Das kam ihr zugute. Sollte er sie tatsächlich noch nicht erkannt haben, hatte sie vielleicht Glück, und er würde es auch nun nicht tun.
   Ihre Hand fuhr über den rauen Webstoff. Gut fühlte er sich an. So real. Nicht wie in einem schlechten Film.
   Zaghaft schielte sie nach oben.
   Da stand er. Neben ihr. Über ihr. Seine Beine waren greifbar nah.
   Oh! Damit hatte sie heute Nachmittag nicht gerechnet. Sonst hätte sie ihren Abgang nicht so theatralisch in Szene gesetzt. Richtig dick aufgetragen hatte sie. Und nun das! Nun lag sie unter ihm. Auf einer Couch.
   Als wäre es das Natürlichste der Welt, setzte er sich zu ihr. Automatisch presste sie sich eng an die Lehne, doch den somit erreichten minimalen Sicherheitsabstand füllte er sofort wieder auf. »Was ist passiert?«, erkundigte er sich fürsorglich.
   »Ich weiß es nicht«, stotterte sie. Immer noch wartete sie auf ein Zeichen des Erkennens in seinem Gesicht, aber anscheinend war ihr die Verwandlung hervorragend geglückt. »Ich muss ins Lokal zurück. Ich arbeite heute nur zur Probe.« Schauspielerin hätte sie werden sollen. Wie klein und hilflos sie doch klingen konnte.
   »Wenn du wieder umkippst?« Besorgt betrachtete er ihr Gesicht.
   Sie versank förmlich in den blauen Augen, die sie im Moment nicht an klirrendes Eis, sondern eher an tiefe Seen erinnerten.
   Solange du mir nicht zu nahe kommst, kann nichts passieren, dachte sie, sprach es aber natürlich nicht aus.
   Ganz versunken war sie in seinen Anblick. So genau hatte sie sein Gesicht heute nicht betrachtet. Wie markant es doch war! Herb und männlich. Die Glatze stand ihm perfekt. Der Hauch von Bart ebenso. Sein Blick ließ ihren nicht los. Mit einmal lag seine Hand auf ihrem Bauch. Was hatte sie dort zu suchen? Stellas Atem ging stoßweise. Wenn sie doch nur den schwarzen Rock angezogen hätte. Und ihr geliebten Strümpfe. Gerade noch verkniff sie sich ein sehnsuchtsvolles Stöhnen. Die Hand auf ihrem Bauch fühlte sich gut an. Schwer und warm. Sie mochte es, Schwere auf sich zu fühlen. Es erregte sie, aus welchem unerfindlichen Grund auch immer. Ja, ein Rock wäre gut. Seine Hand würde auf ihrem Bauch verbleiben, die andere würde hinab zu ihren Beinen gleiten, ihren Weg unter das Stück Stoff finden, sich nach oben vorarbeiten. Langsam, mit leichtem Druck. Dann eine Berührung. Eine süße Qual. Er würde ihre Sehnsucht erkennen. Sie konnte seine Worte förmlich hören: »Um deine Brüste kümmere ich mich ein anderes Mal. Jetzt will ich dich einfach nur ficken.« Sie lag da, schwach, und war ihm schutzlos ausgeliefert. Mit einem Ruck würde er sie umdrehen. Ihr nackter Arsch würde sich ihm keck entgegenrecken. Er würde sie positionieren, damit er sich tief in ihr versenken konnte. »Und jetzt werden wir Klartext reden.«
   Mist! Selbst in ihren Gedanken übernahm er die Regie.
   Jetzt werden wir Klartext reden?
   Mit lautem Knall würde seine Hand auf ihrem gerundeten Hintern landen.
   Ah.
   »Das ist für deine Lüge.« Der nächste Schlag würde die andere Backe treffen. »Und das für deine Erinnerung.« Sie spürte förmlich ihren Hintern wie Feuer brennen. Die Schmerzen waren so real. Doch er musste sie erziehen. Weil sie es so wollte. Sich danach sehnte. Das Brennen brauchte. Mehr Schläge? Nein, er würde nicht länger warten, sondern seine unnachgiebige Härte endlich ihn ihr versenken.
   »Was ist dann?« Sein Blick schimmerte silbern und nagelte ihren fest.
   Was ist dann? Was sollte denn dann sein? Verdammt! Ihre verfluchte Fantasie!
   »Was ist, wenn du wieder umkippst?«, half er ihr auf die Sprünge.
   »Nichts«, stotterte sie vollkommen verwirrt. Seine Hand lag immer noch auf ihrem Bauch. Beinahe fühlte es sich an, als wenn ihr Druck sich verstärkt hätte. Mhm …

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