Dass eine notwendige Entscheidung ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen würde, hätte Ivonne niemals vermutet, und doch schlägt die Trennung von ihrem Kollegen wie eine Bombe ein. Sie wird überfallen, verhaftet und steckt in ernsten Schwierigkeiten. Der einzige Lichtblick: ihr sexy Online-Date Michael, das zumindest im Bett keine Wünsche offen lässt. Oder vernebelt er nur ihre Sicht durch seine heiße Leidenschaft und ist gar nicht ernsthaft an ihr interessiert?

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ISBN: 978-9963-53-777-8

Seiten: 226

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Kathrin Fuhrmann

Kathrin Fuhrmann
Kathrin Fuhrmann ist im März 1980 im Kreis Recklinghausen geboren und lebt in der Nähe von Dortmund. Dort arbeitet sie als Chemielaborantin und schreibt mit großer Leidenschaft an ihren Geschichten. Neben Erotik und Romantic Thrill fühlt sie sich auch in anderen Genren zu Hause, nutzt dafür aber ein anderes Pseudonym. Historische Liebesromane und Chick Lit aus ihrer Feder findet ihr unter Katherine Collins.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Michael legte sein Portemonnaie auf den schmalen Tisch und beugte sich vor. »Also?«
   Die freizügige Dame ihm gegenüber tat es ihm gleich und ermöglichte ihm einen tiefen Einblick in ihre Korsage. Sie streckte einen Arm aus und legte ihre Finger auf seine Brust. Mit den Nägeln kratzte sie über sein Hemd. »Also, mein Hübscher, was wünscht du dir von mir?«
   »Ich bin für alles offen«, gab er zurück. Er beobachtete sie, wie sie lasziv mit der Zunge über ihre geöffneten Lippen fuhr und ihm einen Blick zuwarf, der ihn anturnen sollte, allerdings fand er schwere, wuchtige Wimpern nicht sonderlich sexy, schon gar nicht in Kombination mit dem Übermaß an Farbe in ihrem Gesicht. Pinke Lippen, rosa- und lilafarben Lidschatten und zwei Balken Rouge auf den Wangen. Trotzdem tat er angetan, lächelte sie an und senkte selbst die Lider, als hätte sie die von ihr erwünschte Wirkung auf ihn.
   »Hm, Wachs in meinen kundigen Händen. Dann lass uns mal loslegen!« Ihre Finger krallten sich in sein Hemd, und sie erhob sich, drückte ihm dabei den Busen fast ins Gesicht.
   »Fehlt nicht noch was?«, hakte er nach. »Ich muss doch wissen, worauf ich mich einlasse. Finanziell.«
   Seine Begleitung kicherte verspielt und zog ihn weiter. »Wir einigen uns schon.«
   »Vorher?« Michael betrat innerlich stöhnend den rötlich ausgeleuchteten Raum mit dem zerwühlten Bett. Es klingelte, und seine aufgedonnerte Partnerin löste ihre Krallen aus seinem Hemd.
   »Ah! Einen Moment, Süßer.« Sie ließ ihn stehen und schloss nicht einmal die Zimmertür, bevor sie die Wohnungstür öffnete. »Ah, Peter, wie schön, dass du mich wieder besuchst, komm doch rein.«
   Ein bulliger Mann schob sich am Schlafzimmer vorbei und warf einen schnellen Blick hinein.
   »Ich brauche noch einen Moment, aber dann werde ich mich ganz dir widmen, versprochen. Nimm dir doch ein Bier aus dem Kühlschrank.«
   Michael sah sich um. Neben dem zerwühlten Bett stand ein Mülleimer, gefüllt mich Papiertüchern und benutzten Kondomen. Auf dem Beistelltisch lag eine halb zerdrückte Tube Gleitcreme, und an den Metallstreben des Bettes hingen diverse Spielzeuge nebst Handschellen. Ein schwerer Duft von Parfüm lag in der Luft, überdeckte aber nicht den schwereren Gestank nach Sex. Eine Kamera stand in der Ecke. Alles in allem kein sehr anheimelnder Ort.
   Sie war zurück und fuhr ihm durch das Haar. »Und? Was entdeckt, was dir gefällt?«, gurrte sie nahe an seinem Ohr und schlug ihm auf den Hintern. »Vielleicht etwas Härteres? Du siehst aus, als könntest du es gebrauchen.« Sie klimperte mit den Wimpern.
   »Kommt drauf an«, räumte Michael ein, obwohl er sich sicherlich nicht zum Lustgewinn verprügeln ließ.
   »Auf?«
   »Den Preis, Rosa.« Dass sie es ihm so schwermachen musste! Er verstand die Frauen nicht. Einerseits boten sie sich offen an, aber machten einen wilden Eiertanz, wenn es zur Sache gehen sollte, und damit meinte er nicht den Sex, sondern die Konditionen festzulegen. Wie Rosa, die nun geziert auflachte und nach einer Gerte griff, um das dünne Ende über seine Wange streichen zu lassen.
   »Ah, du bist ein Schnuckel, weißt du das?« Die Gerte glitt über seine Brust, und ihr Blick folgte gebannt. »Zeig mal, was du hast.« Sie tippte auf den Verschluss seiner Jeans. »Da drin, und dann sag ich dir, was es dich kosten wird.« Sie schob ihm den Stock zwischen die Beine.
   Michael öffnete die Hose. »Also? Ich glaube, ich verzichte heute hier drauf.« Er schob die Gerte aus seinem Schritt.
   »Wie schade. Wie sieht es mit einem kleinen oralen Vorspiel gefolgt von einem kleinen Ritt aus? Oder magst du es aktiv?«
   »Hört sich gut an.«
   Rosa schob ihm die Hand in die Shorts und umfasste sein Glied. »Dann wollen wir mal, hm?« Sie kniete sich hin.
   Michael warf einen irritierten Blick zur immer noch offenen Schlafzimmertür. »Rosa?«
   Sie sah zu ihm auf, ihre Wimpern flatterten wie Kolibriflügel. »Ja, Schätzchen?«
   »Haben wir nicht was vergessen?« Den Preis festzulegen, zum Beispiel. Warum musste er das hier wirklich durchziehen?
   »Keine Sorge, Schätzchen, ich berechne dir keinen Aufpreis für den Natur-Verkehr.« Sie zwinkerte, was ziemlich grotesk aussah, und Michael schloss gequält die Augen. Manchmal war es ein richtiger Scheißjob.

Michael ging durch die Anzeigen. Es war wahnsinnig, wie viele semiprofessionelle Huren es in der Stadt gab, und noch viel unmöglicher war es, dass kaum eine von ihnen ihr Gewerbe anmeldete. Er notierte sich drei weitere Namen, um sie mit den Daten des Einwohnermelde- und des Finanzamtes zu vergleichen. Kaum eine der käuflichen Damen nutzte für das Inserat ihren bürgerlichen Namen, was seinen Job nicht gerade vereinfachte. Seufzend schrieb er fragliche Damen an und bat um ein Treffen, weil er nur so an die Adressen der Frauen kam, um sie abzugleichen. Hinterhältig, aber notwendig, schließlich gab es nur einen Bruchteil offiziell gemeldeter Liebesdienerinnen im Vergleich zu den Unmengen an Annoncen, die er sichtete.
   »Reuter, Besprechung.«
   Michael sparte sich die Zustimmung, wusste er doch, dass sein Vorgesetzter schon nicht mehr in Hörweite war. Stattdessen schnappte er sich seine Mappe und sein Notizbuch und trottete hinterher. Die Einheit sammelte sich im Besprechungsraum. Michael setzte sich neben Chloé Niebacher, die einzige weibliche Kollegin im Team.
   Sie sah sich zu ihm um, lächelte und wandte sich wieder ab. »Vorbereitet?«, fragte sie herausfordernd.
   »Immer. Selbst?« Er klappte seinen Ordner auf und überflog die Liste.
   »Natürlich.« Sie schob ihm ein Zettelchen zu, das er unter seine Mappe schob.
   »Berichte«, forderte Thiemann, ihr Vorgesetzter und ließ seinen stechenden Blick über die kleine Gruppe wandern. »Linde? Niebacher, Reuter, Quellberg? Wer will zuerst?«
   Wie üblich meldete sich niemand, und Thiemann musste die Reihenfolge festlegen. »Linde!« Er musterte den älteren Kollegen eindringlich. »Fünf Kostenübernahmen in einer Woche? Sie schießen den Vogel ab!«
   Quellberg versteckte grade noch sein Grinsen, während Chloé ihren Abscheu nicht verbarg. Ihre Lippen verzogen sich, und sie wandte den Blick ab.
   »Die Damen werden vorsichtig, Chef. Was soll ich tun?« Linde zuckte die Achseln. »War kein Spaß, sag ich euch. Ich hatte die vollleibige Fraktion in dieser Woche!« Er meinte die Plussizehuren, die zwar ihre Anhängerschaft hatten, aber nicht zu den beliebten Liebesdienerinnen Lindes gehörten.
   »Und deswegen kommt Quellberg auf null?«, bellte Thiemann. »Ist das Ihre Ausrede?«
   Quellbergs Miene wurde zu einem Abzug von Chloés, und er schüttelte sich. »Ich war im Faltenjungle, da ist die Versuchung nicht so groß«, gab er zu. »Trotzdem habe ich meine Überprüfungen ohne Koitus hinter mich gebracht.«
   »Das schaffe ich jede Woche«, stellte Chloé scharf fest.
   Dieses Mal musste sich selbst Michael das Grinsen verkneifen. Er sah es genau wie seine männlichen Kollegen: Das war etwas völlig anderes!
   »Was ergaben Ihre Überprüfungen, Linde?«, brachte Thiemann das Gespräch wieder auf Kurs.
   Der Angesprochene räusperte sich. »Ich habe eine vermutliche Zuwiderhandlung der Meldebestimmung.«
   »Eine«, hob Thiemann laut hervor. »Quellberg?«
   »Ja, nur die Eine, aber die scheint es nicht als Gewerbe zu betreiben, sondern als kleines Zubrot.«
   »Reuter?«
   Michael schob seine Mappe vor. »Ich habe fünfzehn Überprüfungen vorgenommen, bei dreien war ich persönlich, um mir ein Bild zu machen. Alle drei haben weder ein Gewerbe angemeldet noch ihren Nebenverdienst in der Steuererklärung angegeben. Ich schlage eine Kreuzermittlung vor, um letzte Zweifel auszuräumen. Bei zwei der Damen, bei der Dritten erübrigt es sich.«
   »Fein, Quellberg, kümmern Sie sich darum. Niebacher, wie sieht es bei Ihnen aus?«
   »Ich habe drei Überprüfungen vorgenommen, alle drei waren dilettantisch und sicherlich keiner zweiten Überprüfung wert.« Sie verdrehte die Augen. »Außerdem habe ich eine Liste von potenziellen Professionellen zusammengestellt, die sich online anbieten.«
   Quellberg murmelte etwas.
   Thiemann nahm die Liste entgegen. »Fünfundzwanzig? Frau Niebacher, ich bin begeistert. Wer hat sonst noch was?«
   Quellberg und Linde rutschten fast unter den Konferenztisch. Thiemanns Blick glitt über die Kollegen und endete bei Michael.
   Er drehte seine Mappe um. »Drei einschlägige Zeitschriften mit hundertfünfzig Inseraten.«
   Thiemann grinste und zog beide Listen zu sich. Er überflog sie, wechselte die Seite und schob sie zurück. »Dann haben wir das auch erledigt. Linde, mir ist aufgefallen, dass wir seit Monaten die Lack- und Lederfraktion vernachlässigen.«
   »Oh, nein.« Linde setzte sich blitzschnell auf. »Ich übernehme gern Frau Niebachers …« Er brach ab, weil Thiemann den Kopf schüttelte.
   »Sie hatten Ihre Chance, und nun will ich ein scharfes Auge auf den alternativen Markt, verstanden?«
   Quellberg konnte seine Belustigung kaum verbergen. Da wartete verdammt viel Arbeit auf Linde. Michael beneidete ihn nicht, er beschäftigte sich lieber mit seinem eigenen Aufgabengebiet.

Kapitel 1
Neuausrichtung

Ivonne stieg aus dem Taxi und sah an ihrem Wohnhaus empor. Fast einen Monat lang war sie nicht mehr hier gewesen, sondern ständig auf Achse, und eigentlich sollte sie auch weitere vierundzwanzig Stunden nicht hier sein. Allerdings hatte sie ihren Dienstplan abändern müssen, weil Louis ihren Entschluss nicht respektieren wollte, ihre Affäre zu beenden.
   Der Fahrer stellte ihre Tasche neben ihr ab, und sie lächelte ihm zu.
   »Danke.« Sie nahm ihre Reisetasche auf und stellte sie auf dem kleinen Trolley ab, um beides Richtung Haustür zu schieben. Ihr Telefon bimmelte.
   »Hey!«
   »Ich habe deine Nachricht bekommen. Du bist zu Hause?«, kreischte Annika Kramer, ihre beste Freundin. »Wir müssen unbedingt reden!«
   Ivonne lachte befreit auf. »Ja, bin ich, und ich habe dir unglaublich viel zu erzählen.« So wie immer, schließlich hatten sie für sich festgestellt, dass Telefonate während Ivonnes Flugzeit eher anstrengten als irgendeinen Nutzen hatten, also schickten sie sich zwar kurze Nachrichten, aber der große Rapport stand erst an, wenn sie wieder aufeinandertrafen.
   »Na und ich erst.« Annika kicherte. »Bleibt es bei morgen?« Es hatte sich eingebürgert, dass sie ihr Wiedersehen bereits planten, bevor Ivonne auf ihre wochenlange Tour aufbrach.
   »Natürlich, schließlich haben wir reserviert.« Ivonne schloss die Haustür auf. »Ich freue mich schon. Ich sag dir, die letzten zwei Wochen waren furchtbar. Du hattest recht, Louis ist ein Arsch. Er hat nicht vor, seine Frau zu verlassen, und hatte es wohl auch nie.« Die Haustür fiel hinter ihr zu. Ivonne stellte den Trolley am Fuß der Treppe ab.
   »O Ivi, es tut mir leid für dich«, beteuerte Annika warm. »Ich habe es mir so für dich gewünscht.«
   Ivonne seufzte schwer. »Vielleicht ist es das, vielleicht habe ich es mir zu sehr gewünscht.«
   »Hm«, machte Annika. »Na ja, Louis ist auch ein heißes Teilchen.«
   Ivonne lachte auf. »Nicht mehr. Nicht, wenn man ihn besser kennt.«
   »Ach komm, allein dieser Latinlover-Gedächtnis-Style!« Annika kicherte wild. »In zerknitterter Pilotenuniform und mit seinem spanischen Akzent.« Sie pfiff. »Holla chica, como estas?«
   Ivonne seufzte erneut. Er war ihr tatsächlich lange wie ein Traumtyp vorgekommen.
   »Also ist es aus?«, hakte Annika noch einmal nach. »Keine zweite Chance?«
   Ivonne ließ die Tasche zu Boden gleiten und nahm den Trolley, um ihn zuerst die Stufen raufzutragen. »Aus und vorbei. Ich habe ihm die Wahl gelassen, er hat zwar behauptet, er ließe sich scheiden, aber dann ruft seine Frau an und er verschwindet im Bad? Er hat gelogen.«
   »Oh, Ivi, ich wünschte, ich könnte heute schon zu dir kommen, aber ich habe Nachtschicht.«
   »Schon gut.« Sie hielt im ersten Stock, um die Hand zu wechseln. »Ist fast vier Wochen her, ich bin drüber hinweg.«
   »Puh«, machte Annika gedehnt. »Manchmal bewundere ich dich. Wie klar du das sehen kannst.«
   Ivonne nahm das nächste Stockwerk. »Er hat zwei Wochen lang versucht, mich einzuwickeln. Glaub mir, ich bin bedient. Aus ist aus.« Sie stellte den Trolley vor ihrer Tür ab und setzte sich drauf. »Ich musste meinen Dienstplan ändern lassen. Weißt du, wie peinlich es ist, Streitigkeiten einräumen zu müssen?«
   »Hm. Gab es Ärger?«
   »Ja. Ich bin auf Kurzstrecke degradiert worden.« Karrieretechnisch ein Desaster, aber zumindest gab es mehr Zeit in heimatlichen Gefilden und häufig wechselnde Kollegen. Sie verdrehte die Augen und grinste breit. »Back to the roots.«
   »Ach, komm, immerhin sehen wir uns häufiger.«
   »Ja, und ich kann Stefan treffen. Vielleicht sind die Kollegen einfach nichts für mich und ich fahre besser mit Normalos.« Sie glaubte es nicht wirklich, aber derzeit vertat sie sich auch nichts, wenn sie es mit ihrem Onlineverehrer versuchte.
   »Einen Versuch ist es wert«, räumte Annika ein. »Allerdings habe ich nur Normalos am Start und … na ja …«
   »O nein«, stöhnte Ivonne und stand auf, weil sie sich genügend ausgeruht hatte. »Was hat Kai angestellt?«
   Annika blieb einen langen Moment still, dann seufzte sie. »Morgen. Ich möchte nicht vor meiner Nachtschicht darüber sprechen müssen.«
   »Natürlich.« Ivonne nahm die Stufen ins Erdgeschoss. »Ach, Flocke!«
   »Und du meinst, Stefan ist es? Mr. Right?« Sie krächzte ein wenig, aber Ivonne überging es. Wenn Annika nicht darüber sprechen wollte, war es besser, sie einfach abzulenken.
   »Wer weiß. Er klingt schon wie ein Hauptgewinn«, fuhr sie daher betont fröhlich fort.
   »Wenn nicht alles gelogen ist.«
   Ivonne lachte auf und schulterte ihre Reisetasche. »Ja, wenn er nicht gelogen hat.«
   »Hast du schon ein Bild gesehen?«, fragte Annika nach, während sich Ivonne abschleppte.
   »Ja«, keuchte sie und stoppte, um die Tasche abzusetzen. »Es war ziemlich verschwommen, aber ich wollte nicht nachhaken.« Sie seufzte. »Ich kam mir schon blöd vor, überhaupt zu fragen.«
   »Und?«
   »Viel erkannt habe ich nicht.« Ivonne schleppte sich weiter. »Er hat helles Haar. In seinem Profil steht blond, auch wenn es auf dem Bild schon dunkler aussah.« Endlich kam sie an ihrer Wohnung an und schnaufte. »Er ist optisch schon ein Kontrastprogramm, und auch die Art, wie er schreibt, ist anders. Louis ist so ein …«
   »Hm, hört sich schon gut an«, griff Annika auf. »Triff dich mit ihm. Warum mehr Zeit verschwenden? Du siehst, ob er ehrlich war, und wenn nicht, kannst du dich anderen widmen und nicht noch mehr Zeit mit hohlem Geschwätz vergeuden.«
   Ivonne lachte atemlos auf. »Wie meine Herrin befiehlt.«
   »Hey, ich muss mich jetzt fertigmachen …«
   »Klar!« Sie setzte sich wieder auf ihren Trolley und schnaufte. »Wir sehen uns. und lass dich nicht stressen, ja?« Sie lauschte der Verabschiedung und steckte das Handy in ihren Mantel. Zu Hause. Es gab einiges zu tun. Besonders, wenn sie heute noch auf ein Rendezvous mit Stefan hoffte. Eigentlich war es genau die Ablenkung, die sie brauchte, ihr Tagesplan sah ohnehin nichts weiter vor.

*

Michael klingelte wie in der Mail angegeben bei Müller. Er lehnte sich gegen die Tür, die aufschwang. Er zögerte, weil er nicht wusste, welche Wohnung die Richtige war.
   In jeder Etage las er die Namen ab. Im dritten Stock stand eine Tür auf, und es gab keinen Namen an der Klingel. Er klopfte, um nicht aus Versehen in die falsche Wohnung einzufallen.
   Die Tür ging auf, und er stand einer hübschen Blondine gegenüber, einer Überraschung. Ihre Bluse war hellgelb und höher geschlossen, als es nötig wäre, um akkurat angezogen zu sein. Die Ärmel waren gepufft und zeigten Arm. Ein Tuch war um ihren Hals geschlungen und versteckten auch noch der letzte Rest Haut. Ihr kurzer Rock war sexy, aber die Strümpfe unnötig blickdicht. Sie trug Pumps mit zarten Riemen. Von oben bis unten mit Sicherheit nicht die Frau, die er suchte.
   Sie lächelte ihn an. Ein geübtes, sicheres Lächeln. »Hallo, du bist schon da? So früh habe ich nicht mit dir gerechnet.« Ihre Lippen bewegten sich nahezu hypnotisch.
   Michael klappte fast der Mund auf. Escort konnte er sich bei ihr schon vorstellen, auf jeden Fall etwas hochpreisig Exklusives, und damit ganz und gar nicht das, was er unter Hot Ivi verstand.
   »Komm rein.« Sie deutete mit einer eleganten Bewegung ihrer perfekt manikürten Hand den Flur entlang und trat zurück.
   Er musste sichergehen. »Ivi?« Das Hot sparte er sich. Gemeinhin mochten es Gelegenheitsprostituierte nicht, wenn man ihr häusliches Umfeld mit der Nase darauf stieß, was sie so trieben.
   Ihr Lächeln verrutschte. »Ivonne, bitte.«
   Ivonne war nah genug an Ivi, dass er vermutlich doch richtig war. Trotzdem widerstrebte es ihm, einzutreten. Erst nach einem zweiten Wink und einem aufmunternden Lächeln ging er an ihr vorbei.
   »Es ist schön, dass wir uns endlich treffen.«
   Er sah zu ihr zurück und beobachtete, wie sie die Tür verschloss. Ruhig, sicher und absolut im Reinen mit sich und der Welt. Vermutlich war ihre Bitte, sie mit Ivonne anzureden auch nicht darauf zurückzuführen, dass sie nicht entdeckt werden wollte, denn sie machte ganz den Eindruck, darüber erhaben zu sein. Exklusive Besuche, hochpreisig und verschwiegen, und damit weniger auffällig als sein übliches Klientel, dem man die Profession schon im Gesicht ablas. Darauf angesprochen könnte sie es als Herrenbekanntschaften ausgeben, die schließlich keine Ordnungswidrigkeit darstellten, solange sich niemand belästigt fühlte. Kein alltäglicher Fall, und doch wünschte er, schlicht die falsche Wohnung betreten zu haben. Sie würde ihn nicht mehr anlächeln, wenn sie sich wieder begegneten – so sie den Bescheid anfocht, was tatsächlich häufiger vorkam, als man es denken sollte.
   »Kann ich dir etwas anbieten? Es ist schon ziemlich spät für Kaffee, aber ich habe Tee da, Wasser, Diätcola und Wein.« Sie legte leicht den Kopf zur Seite, und ihr Lächeln kehrte zurück auf ihre Lippen. »Das Wohnzimmer ist geradeaus, und die Küche dort.« Sie deutete um die Ecke. »Ich habe soeben meine Teemaschine angestellt, deswegen muss ich ohnehin in die Küche.« Sie ging an ihm vorbei, wobei ein Hauch ihres Parfüms an ihm vorbeiwusch. Eine leichte, blumige Note, die ihm nicht den Atem verschlug, wie er es bei solchen Besuchen nur zu oft erlebte. Ganz im Gegenteil, er ertappte sich dabei, wie er ihr folgte, um noch einen Hauch abzubekommen.
   »Also?« Ihre fein geschwungenen Brauen hoben sich über klaren blauen Augen, die mit einem dezenten Lidstrich und einem hellen Lidschatten betont wurden. »Was darf es sein?«
   »Ein Wasser, bitte. Danke.«
   Ihr Lächeln vertiefte sich für einen Augenblick, dann wandte sie sich ab. Michael folgte ihr langsam. Er musterte ihre Kehrseite. Ihre Bluse war tailliert und formte eine schmale Körpermitte. Ihr Po war knackig und ihre Beine wohlgeformt. Es wäre zumindest kein Desaster, wenn es hier zum Verkehr käme. Michael verkniff sich ein Grinsen und lehnte sich gegen die Türzarge. Ein dummer Gedanke, schließlich waren er und jeder andere Fahnder seiner Einheit angewiesen, den Verkehr möglichst zu vermeiden, und bisher hatte er es auch so gehalten. Trotzdem gestand er sich ein, dass die Versuchung ungewöhnlich groß war.
   Ivonne bediente eine Maschine, heißes Wasser sprudelte in eine Tasse. Sie streckte sich, und Michael bekam ihre Vorderseite präsentiert. Da wäre auch Chloés Geringschätzung zu ertragen, wenn Thiemann die Kosten monierte. Er senkte den Blick auf die schwarzen Fliesen.
   »Selters oder Mineralwasser?«
   Er brauchte einen Moment, um zu verstehen, noch in seinem Versuch vertieft, Professionalität zu wahren. »Mineralwasser.«
   »Also, hast du den Weg gut gefunden?« Sie hantierte an der Maschine und wandte sich zu ihm um. »Magst du vorgehen?«
   Er nahm ihr das Wasser ab, nicht sicher, wohin er gehen sollte.
   »Oder ziehst du die Küche vor?« Sie klang überrascht, drehte sich aber der Sitzecke zu, einem kleinen Tisch mit zwei Stühlen.
   Er zog das Schlafzimmer vor, oder zumindest den offiziellen Verrichtungsort. Nein, er zog es selbstredend vor, die Sache ohne engeren Kontakt über die Bühne zu bringen. Belustigt senkte er den Blick. Er war versucht, mehr noch. Die Vorstellung, ihr näher zu kommen, wieder ihr Parfüm einzuatmen und ihre weiche Haut zu spüren, während er sie küsste, ließ den Raum in seiner Hose enger werden.
   »Nein, nicht unbedingt.« Er räumte die Tür und ließ ihr den Vortritt.
   Sie trat an ihm vorbei, und wieder umwehte ihn ihr Duft. Er schnüffelte und folgte ihr. Er sollte es nicht drauf ankommen lassen, sondern es routiniert angehen.
   Ivonne führte ihn ins Wohnzimmer, einem hellen, schlichten Raum mit einem schicken Sofa und zwei passenden Sesseln. Sie nahm Platz, sank mit einer Eleganz auf das Sofa, die schon fast albern war für eine Hure, ganz gleich, was man für sie hinblättern musste. »Setz dich doch, bitte.« Sie wartete lächelnd, bis er ihr gegenübersaß. »Bist du immer so still?«
   »Nein«, räumte er ein. »Ich bin zugegeben etwas überrascht.« Er deutete auf sie. »Du bist anders, als ich es erwartet habe.«
   »Oh!« Ihr Linke legte sich an ihren Hals. Sie stellte ihre Tasse ab, strich über ihre Schenkel, als hätte sein Hinweis sie wahrhaftig aus der Bahn geworfen. »Inwiefern?«
   »Du bist konservativer, als ich es erwartet habe.« Zumindest um einiges konservativer gekleidet, als er es bei einer Prostituierten erwartete.
   Ihre blauen Augen weiteten sich. »Oh, ich bin gar nicht …« Sie rutschte auf dem Sofa nach vorn an die Kante. »So, konservativ.« Ihr Lächeln wurde konspirativ, und sie senkte die Lider zu einem schwülen Blick. »Eigentlich habe ich es faustdick hinter den Ohren.« Sie lachte auf. »Entschuldige. Ist es die Frisur?« Sie griff sich in die Haare, löste es mit wenigen Handgriffen und lockerte es zu einer wilden Mähne. Jetzt noch die Bluse öffnen, und sein Job wäre unnötig hart auszuführen. Sie nahm auch die Ohrclips ab und legte sie auf den Tisch. »Ich bin noch nicht ganz in Zu-Hause-Stimmung.«
   Was auch immer das bedeuten sollte.
   »Besser?«
   Michael ließ den Blick abfallen, und ihre Hände folgten.
   Sie zog sich das Tuch vom Hals und knöpfte sich die Bluse auf. »Und?«
   »Perfekt«, murmelte Michael und meinte es. Er drückte sich die Daumen, dass sie mit dem Preis nicht herausrückte und er sich gezwungen sah, ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. Gerechtfertigt, und nicht, weil er es forcierte. Er senkte den Blick auf sein Wasserglas.
   »Gut. Ich war ziemlich aufgeregt, da habe ich wohl übertrieben.« Sie nahm ihre Tasse auf und nahm einen Schluck. »Was möchtest du tun?«
   Sie kamen also zum Geschäft. Ein bitteres Grinsen huschte über seine Lippen, aber er verdeckte es gleich wieder, schließlich wollte er es professionell angehen. Es war sein Job, und wenn sie ihren Körper verkaufte, ohne gewerblich gemeldet zu sein, hatte sie eine Strafe verdient. »Was schlägst du vor?«
   Ivonne stellte ihre Tasse wieder ab und strich sich das Haar aus dem Gesicht. »Theater und Oper können wir wohl streichen.«
   Michael schmunzelte. »Ja, ich denke, das streichen wir.« Er stellte sein Glas ab und stand auf. Wenn er hier schon Ermittlungen anstellen musste, wollte er es wenigstens genießen, und Zeit zu schinden bedeutete nur, dass es unnötig teuer wurde. Bei ihr vermutlich astronomisch teuer, und das auch noch, obwohl er mehr als bereit war, die gute Sitte völlig außer Acht zu lassen. Er hielt ihr eine Hand hin und half ihr auf die Füße. »Darf ich dich küssen?«
   Sie schien überrascht und ihre Lippen teilten sich verblüfft. »Ja.« Sie nickte. »Ja.«
   Michael zog sie an sich. Ihr Körper schmiegte sich an seinen, als gehörte er dorthin, und sie hob das Kinn.
   Gleichzeitig senkten sich ihre Lider. Sie erwartete seinen Kuss. Michael schluckte, bevor er den Mund auf ihren presste.
   Sie seufzte leise, und er wusste, dass er in dieser Nacht sehr viel Geld ausgäbe, das nicht ihm gehörte.
   Ihre Finger rutschten über seine Brust und legten sich zart in seinen Nacken. Sie beugte sich seinem Druck, ließ sich stürmisch küssen und blieb auch sonst verflucht zurückhaltend. Kein Griff in seinen Schritt, nicht einmal obszöne Worte oder auch nur das Lockern seiner Kleidung. Eine ungewöhnliche Taktik, es sei denn, sie ließ sich absichtlich Zeit, um den Preis in die Höhe zu treiben.
   Ivonne senkte das Kinn, als er seine Liebkosung stoppte. Ihre Zunge huschte über ihre Lippen. »Du bist ziemlich ungeduldig.«
   »Ja. Und du zu konservativ? Möchtest du, dass ich gehe?« Er wusste nicht, warum er das vorschlug, denn er wollte sicherlich nicht gehen. Er wollte Sex. Nach drei Jahren bei der Fahndung war das schon ein beachtlicher Umstand.
   Sie sah auf. Ihr Haar umrahmte ihr schmales Gesicht.
   »Ich sage dir, was ich möchte: Ich möchte mit dir in dein Schlafzimmer gehen und dort einfachen, unspektakulären Sex haben.«
   Ihre Lippen teilten sich wieder vor Überraschung. Sie machte es noch nicht lange, deswegen war sie so ungewöhnlich, so zögerlich und verdammt overdressed für eine Hure.
   »Einverstanden?«
   Sie biss sich auf die Lippe, schien widersprechen zu wollen, nickte aber wortlos. Sie drehte sich, um ihre Tasse aufzunehmen. Ihre Finger zitterten leicht, als sie an ihrem Tee nippte. Sie stellte die Tasse wieder ab und lächelte ihm zu. Ihre Hände legten sich vor ihrem Bauch ineinander. »Ich bin von deiner Direktheit etwas überfahren, aber ich stimme zu. Ich schlafe mit dir. Wollen wir ins Schlafzimmer gehen?«
   Er folgte ihr, mindestens so angespannt wie sie. Irgendwie war er verdammt scharf darauf, mit ihr ins Bett zu gehen, und gleichzeitig wünschte er sich, sie bräche es ab. Er wusste bereits, was er einleiten müsste, sobald er diese Wohnung verließ, und die Vorstellung, dass in der nächsten Woche Linde oder Quellberg Ivonne in ihr Schlafzimmer folgten, war richtiggehend abturnend.
   Ivonne trat in ihrem Schlafzimmer direkt an ihren Schrank, öffnete ihn und fischte in einem Täschchen nach eckigen Zellophanpäckchen.
   Michael nahm das Interieur in sich auf. Ein großes Bett, eine Schrankwand und eine schicke Kommode. Nichts deutete darauf hin, dass hier mehr als stinknormaler Hausfrauensex stattfand.
   Sie drehte sich zu ihm um und hob die Hand mit den Kondomen. »Darauf bestehe ich.«
   Michael nickte und beobachtete sie, wie sie zum Bett ging und die Päckchen ablegte. Dann zog sie die Tagesdecke hinunter. Schneeweises Bettzeug kam zum Vorschein.
   Sie setzte sich, löste die Schnallen an ihren Schuhen und schlüpfte hinaus. Barfuß kam sie wieder auf ihn zu und begann endlich, ihn zu entkleiden. Ivonne knöpfte sein Hemd auf und schob es über seine Schultern. Sie zupfte an seinem Shirt, um es aus der Hose zu ziehen, und hob das Gesicht an. »Es ginge schneller, wenn du hilfst.«
   Michael übernahm es, sich auszuziehen, und beobachtete Ivonne, wie sie sich selbst aus ihrer Kleidung schälte. Sie trug einen Push-up und einen einfachen, nahtlosen Slip. Sie brauchte dringend Nachhilfe. Zumindest sexy Unterwäsche sollte man von einer Prostituierten erwarten. Und Strümpfe anstelle der umständlichen Strumpfhose. Sie öffnete den BH.
   Michael streckte die Hand nach ihr aus, berührte ihre weiche, heiße Haut. Sie sah zu ihm auf, befeuchtete sich die Lippen und trat näher auf ihn zu. Ihre Finger legten sich auf seine Brust und ihr Mund auf seinen. Sie hauchte ihm einen keuschen Kuss auf die Lippen, öffnete sie, um ihrer Zunge Raum zu geben und zeichnete den Schwung seiner Lippen nach.
   Michael grub seine Finger in ihrem Schopf und übernahm die Führung. Keine Zeit vergeuden, sagte er sich und schob sie zum Bett.

*

Ivonne stieß gegen ihr Bett und wäre wohl rückwärts daraufgeplumpst, wenn er seinen Arm nicht um sie geschlungen hätte. Stefans Liebkosung war sehr zielgerichtet. Es bestand keine Frage, was er wollte. Seine Hände glitten über ihren Körper, schoben sich in ihren Schlüpfer und umfassten fest ihren Po. Er drückte sein erigiertes Glied an ihren Schoß, rieb sich an ihr und stöhnte dunkel auf. Er schob ihren Slip hinab.
   Ivonne nutzte die Lockerung seines Griffs, um auf die Matratze zu sinken. Sie legte sich zurück und ließ ihre Augen über ihn wandern. Auch Stefan war anders, als sie es erwartet hatte. Er war nicht blond, zumindest nicht so hellblond, wie erwartet. Es war eher so ein Straßenköterblond, fast schon ein helles Braun. Und seine Augen waren auch nicht grün.
   Sie sah in diese und konnte definitiv sagen, dass sie nicht grün waren. Selbst das Licht konnte aus dem Grau kein grün machen, da war sie sich ziemlich sicher. Außerdem hatte sie eine zivilisierte Unterhaltung erwartet, ein gemeinsames Dinner, so etwas, bevor es eventuell zur Sache ging. Stefan beugte sich über sie. Er schob ihre Schenkel auseinander und sah in ihren Schoß, bevor er sie küsste. Er drängte sich an sie. »Ein Kondom«, murmelte sie drängend und schob ihn von sich, um ihren Standpunkt zu verdeutlichen. Kein Sex ohne Kondom.
   Er sah zu ihrem Nachttisch und presste die Lippen aufeinander.
   »Darauf bestehe ich.«
   Stefan schob sich von ihr runter und Ivonne nutzte es, um tiefer ins Bett zu rutschen. Er folgte ihr, die Packung öffnend und das Gummi hervorholend. Er rollte es an sich ab. Ivonne sah ihm dabei zu, die Sache noch einmal hinterfragend. Gut, sie hatten sich bereits seit Wochen sehr gut unterhalten – via Internet, aber das hier ging dann doch zu schnell. Sie haderte mit sich. Stefan krabbelte über sie und drängte sie zurück. Er verschloss mit einem leidenschaftlichen Kuss ihren Mund und stöhnte, als er sich in sie trieb. Ivonne legte die Arme um seinen Hals und schob ihre Zweifel zur Seite. Der Kuss im Wohnzimmer hatte sie völlig durcheinandergebracht. Allein daran lag es, dass sie dies hier überhaupt in Betracht zog. Dass sie es tat, obwohl sie es normalerweise eher langsam angehen ließ und sich sicher sein musste, dass gegenseitiges Interesse vorlag. Stefan hatte sie mit seinem Kuss so aufgewühlt, dass sie ihn gewollt hatte. Vom ersten Augenblick an, von der ersten Berührung an und ja, immer noch, obwohl es einfach zu schnell ging. Sie schlang die Beine um ihn und streichelte seinen Rücken. Stefan verspannte sich immer mehr unter ihren Händen. Es klingelte und lenkte Ivonne ab. Sie drehte den Kopf und sah in die Richtung, aus der der Laut erscholl.
   Stefan stoppte schnaufend. »Du willst doch nicht aufmachen?«, knirschte er dunkel.
   Was für eine widersinnige Idee, trotzdem überlegte sie kurz, wer da klingeln könnte. Letztlich kam sie aber niemand besuchen, ohne sich zuvor anzumelden. Schon gar nicht, wenn sie eigentlich gar nicht da sein sollte. »Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht.« Sie lächelte ihn an und zog ihn zu sich herab, um ihn zu küssen.
   Stefan ließ sich augenblicklich ablenken und hatte die Unterbrechung noch im selben Moment vergessen. Er beschleunigte sein Tempo, keuchte an ihren Lippen und irritierte sie damit ziemlich. Sie konnte wirklich nicht behaupten, generell nur die tollen Liebhaber abzubekommen, aber Stefan war schon rüde schnell.
   Er versteifte sich auf ihr und stieß einen Ton aus, der gut ein Grunzen sein konnte. Ivonne starrte an die Decke, als er auf ihr zusammensackte. Also, das lief nicht ganz so, wie erwartet. Endlich rollte er von ihr runter.
   »Macht es dir was aus, wenn ich bei dir dusche?« Er war noch immer außer Atem und drehte sich zu ihr um. Er berührte ihre Hand, die auf ihrem Bauch lag, streichelte über ihren Handrücken. »Dauert nur einen Augenblick.«
   Sie seufzte innerlich. »Ja, natürlich.«
    Er rutschte aus dem Bett und Ivonne folgte, um ihm ein Badetuch bereitzulegen. Sie schlüpfte in den seidigen Morgenmantel, der an ihrer Schranktür hing. Irritiert, schließlich war er schon rüde egoistisch gewesen – oder nicht? Louis hatte sie vielleicht mit seiner Aufmerksamkeit einfach verdorben, den mit ihm war der Sex immer eine angenehme, bindende Sache gewesen. Schön, um es knapp zusammenzufassen, während sie derzeit eher gelinde unzufrieden war. Kuscheln wäre doch das Mindeste nach dem Sex gewesen, wenn man sich schon so wenig Mühe mit der Partnerin gab. Sie haderte, widmete sich aber ihre freundliche Fassade aufrechterhaltend, dem Notwendigen. »Das Bad ist nebenan. Komm mit.« Sie nahm ein Frotteetuch aus dem Hochschrank und legte es auf dem Handwaschbecken ab. »Ich lasse dich dann allein.«
   Er versperrte ihr den Weg und sah sie mit einem merkwürdigen Blick an. »Du bist besonders, weißt du das?« Es klang irgendwie seltsam. Nicht wirklich wie ein Kompliment. Er hob ihr Kinn an. Sein Daumen wischte über ihre Lippen und er schüttelte den Kopf. Er beugte sich vor und küsste sie sanft.
   Nach einem Moment löste er sich von ihr und trat in das Badezimmer, um ihr Platz zu machen. Sie zog die Tür hinter sich zu und blieb mit der Klinke in der Hand stehen. Sie wusste absolut nicht, was sie von ihm halten sollte. Nachdenklich holte sie ihre Tasse aus dem Wohnzimmer und bereitete sich einen weiteren Tee zu. Das Aroma füllte den kleinen Raum und beruhigte ihre wirren Gedanken. Es war in Ordnung, ganz gleich, wie es weiterging. Trotzdem war sie völlig durcheinander. Gut, er war anders, als sie es erwartet hatte, und sprach sie optisch durchaus an. Muskulös, wie er war, drahtig, hochgewachsen und doch mit ansprechend breiten Schultern. Von ihm umarmt zu werden war, als hüllte sie sich in ihre Kuscheldecke und sein Kuss hatte mehr versprochen. Deutlich mehr, als sie dann bekommen hatte. Sie nippte an ihrem Tee, wobei sie blind vor sich herstarrte und ihre Gedanken bei dem schnellen Abenteuer von zuvor verweilten. Vielleicht war sie doch zu konservativ, denn im Nachhinein bereute sie ihre Zustimmung. Was musste er von ihr denken?
   Sie lehnte an der Arbeitsplatte und blies in ihren Tee, als es klingelte. Erst ignorierte sie es, schließlich erwartete sie niemanden, aber der Besucher klingelte nur noch aufdringlicher. Sie stellte also die Tasse zur Seite und ging zur Tür. Zwar besaß die Wohnung eine Gegensprechanlage, aber sie funktionierte nicht. Sie drückte den Summer und öffnete die Tür. Sie hörte schwere Schritte auf den Stufen und wartete ungeduldig, wobei sie den Gürtel ihres Morgenmantels fester zog. Sie hätte sich besser noch etwas übergezogen. Hinter ihr stoppte das Prasseln des Wassers. Es lenkte sie ab, ließ ihre Gedanken wieder um Stefan kreisen, anstatt um das Geheimnis des unerwarteten Besuchers. Es rächte sich. Die Tür schlug gegen sie und ließ sie zurückstolpern. Sie hielt sich gerade noch so an der gegenüberliegenden Wand aufrecht. Ein bulliger Mann warf die Wohnungstür zu und sah an ihr herab. Seine wulstigen Lippen bogen sich.
   »Was soll das?«, haspelte Ivonne erschrocken. »Was wollen Sie?«
   »Zeig Mal, was du hast.« Er griff nach ihr und riss an ihrem Morgenmantel. Sie schrie auf, spitz und schrill. »Komm schon! Stell dich nicht so an.«
   »Lassen Sie mich los«, kreischte Ivonne und versuchte, sich ihm zu entwinden. Seine zu langen Nägel gruben sich in ihren Arm, während er mit der anderen Hand in ihren Mantel schlüpfte, um ihre Brust zu kneten. Wieder schrie sie.
   »Hey!« Stefan schubste den Kerl an. »Lass sie los, Mann!«
   »Verpiss dich«, grollte ihr Peiniger. »Jetzt bin ich dran.«
   Stefan stieß ihn erneut an, fester, denn der Mann schwankte und sie mit ihm. Sie rutschte an der Wand zur Seite und verlor das Gleichgewicht. Schließlich waren ihre Knie mehr als zittrig. Sie verlor die Männer aus dem Blick und schloss auch kurz die Lider. Ihr Magen schlingerte und sie keuchte hart.
   »Verschwinde«, knurrte Stefan. »Aber schnell!«
   »Ich bin zum Ficken hier und werde ficken.« Er griff ihren Arm und zog sie ein Stück hoch. Noch bevor sie sich wehren konnte, war sie wieder frei. Stefan überrumpelte den Typen und drückte ihm das Knie in den Rücken, wobei er dessen Arm umklammerte und ihn unnatürlich hochzog.
   »Ivonne, du solltest die Polizei rufen.«
   Ein guter Tipp. Zittrig schob sie sich sitzend zum Festnetzanschluss und zog die Beine an sich, als sie dem Freizeichen lauschte. »Bitte beeilen Sie sich«, schluchzte sie und gab ihre Adresse durch.

*

Ivonne umklammerte ihre Beine. Ihr Gesicht versteckte sie dabei in ihren Knien. Michael warnte ihren Angreifer, Ruhe zu bewahren und schob dessen Arm noch ein Stück höher, bis er endlich seinen Widerstand aufgab.
   »Ivonne?«, sprach er sie sanft an. »Gleich wird die Polizei hier sein und du bist im Grunde nackt.« Das schreckte sie auf und sie hob den Kopf. Ihre Augen waren riesengroß. »Unterwäsche? Nachthemd?« Er sollte sie nicht auffordern, sich anzuziehen. Zwar war der Sachverhalt nicht so bestellt, dass eine Beweissicherung erhoben werden würde, dennoch verfälschte es die Situation. Aber er wollte auch nicht, dass sie fast nackt von den Kollegen verhört wurde. Sie rappelte sich auf und schob sich an der Wand entlang ins Schlafzimmer. Er selbst hatte wohl keine Wahl und würde der Polizei im Adamskostüm entgegentreten müssen. Es klingelte, und er rief nach ihr. Er konnte den Summer nicht betätigen, solange er auf dem Typen hockte.
   »Ivonne.« Sie erschien in der Tür. »Du musst öffnen.« Sie stieg vorsichtig über die ausgestreckten Beine und hielt sich dann wieder nahe an der Wand. Selbst noch, als sie sich wieder von ihnen entfernte. Es klopfte an der angelehnten Tür. »Polizei.«
   Michael wartete, bis man ihn dazu aufforderte, die Arretierung zu lockern, bevor er sich aufrichtete. Er schlang das Badetuch wieder um sich, das sich bei dem Gerangel gelockert hatte. Die Beamten wollten wissen, was sich zugetragen hätte und sahen von einem zum anderen. Bezeichnenderweise war es der zudringliche Freier, der zuerst das Wort ergriff. »Ich habe eine Verabredung, und der Wichser griff mich an.«
   Michael verkniff die Lippen. Er hörte Ivonne schniefen. Sie schüttelte den Kopf, als sie gefragt wurde, ob sie den Freier kannte.
   »Wir sind für neun Uhr verabredet«, wiederholte der Typ, als sie auch ein möglicherweise vereinbartes Treffen verneinte. Sie schüttelte den Kopf.
   »Hören Sie«, spie der Freier. »Ich habe heute erst mit Hot Ivi gesprochen und den Termin klar gemacht. Ich habe ziemlich deutlich gemacht, was ich will und werde hier von dem Lackaffen verprügelt, weil ich die abgesprochene Leistung einfordere?«
   Michael betrachtete Ivonne nachdenklich. Sie hatte dieses Szenario zuvor abgesprochen? Dafür wirkte sie verdammt aufrichtig verstört.
   »Leistung?«, griff der Beamte auf, der sich um den verhinderten Freier kümmerte. »Sie haben eine Leistung vereinbart?« Er warf Ivonne einen abschätzenden Blick zu. »Welcher Art?«
   »Sex«, knurrte der Typ. »Schnellen, harten Sex gegen cash. Was denn sonst?«
   Ivonne klappte der Mund auf und die Augen purzelten fast aus ihrem Schädel. Abstreiten konnte sie es in ihrem Schock nicht. Sie schwankte, und der zweite Beamte griff nach ihrem Arm, um sie zu stützen.
   »Vielleicht sollten Sie sich setzen«, schlug der gutmütig vor und schob sie in die Küche.
   Michael folgte. Er wusste, was der Freier zu sagen hatte, schließlich hatte er selbst einen Termin mit Ivi vereinbart. Was sie zu sagen hatte, wusste er nicht und ob aufrichtig oder nicht, es interessierte ihn bereits schon rein beruflich.
   »Kann ich Ihnen irgendetwas geben? Ein Schluck Wasser vielleicht?«, bot der Polizist an.
   »Meinen Tee«, wisperte Ivonne mit schwacher Stimme.
   Porzellan klirrte, dann fragte der Beamte nach ihren Personalien. »Name, Geburtstag und Ort sowie ihr gegenwärtiger Wohnort.«
   »Ivonne Westphal. 13.09.90 in Kamen und dies hier ist meine Adresse.« Die Daten gaben ihrer Stimme etwas Sicherheit zurück. »Ich kenne diesen Mann nicht und bin nicht mit ihm verabredet.« Sie glitt ins Schrille ab und der Polizist riet ihr, etwas zu trinken. Michael lehnte sich gegen die Wand und lauschte. Der verhinderte Freier gab ebenfalls seine Personalien an und blieb bei seiner Behauptung, wegen einer Annonce überhaupt erst mit Ivi in Kontakt gekommen zu sein.
   »Ich bin Flugbegleiterin und bin heute erst nach Hause gekommen. Mein Dienstplan hängt hier.«
   »Aha«, brummte der Beamte. »Der zweite Herr ist ein Bekannter?
   Ivonne blieb bekennend lange still. »Ja. Stefan und ich stehen seit einigen Wochen online in Kontakt über eine Singlebörse.«
   Michael presste die Lippen aufeinander. Eine durchschaubare Lüge, die er schlecht bestätigen konnte. Er lehnte den Kopf an und richtete den Blick auf die Decke. Der andere Polizist belehrte den Freier, dass man ihm einen Platzverbot aussprach und was dies zu bedeuten hatte. Er käme glimpflich davon. Michael verbiss sich einen Fluch.
   »Kommen wir zu Ihnen.«
   Michael hatte keine Wahl. »Ich hole meinen Ausweis und ziehe mir was über, wenn es recht ist.« Als er zurückkam, hauchte Ivonne entsetzt: »Das ist absurd.«
   »Sie bestreiten also, Prostituierte zu sein?«
   »Ja!«
   Michael stockte. Ihre Augen legten sich auf ihn. »Stefan, das ist wirklich absoluter Unsinn.«
   Er wurde um seinen Ausweis gebeten und erntete hochgezogene Augenbrauen, als er ihn überreichte.
   »Michael Reuter.«
   Ivonne klappte erneut der Mund auf. Ihre Irritation war schon verdammt überzeugend. Er raste durch die Fakten. Professionell war sie nicht. Ihr Aufzug, ihr Verhalten, die ganze Art war viel zu persönlich, als dass sie eine gewerbliche Prostitution betrieb.
   »Darf ich Sie fragen, warum Sie hier sind?«
   Michael verengte die Augen. Es klingelte und der Beamte, der zuvor den Freier befragt hatte, wandte sich zum Flur.
   »Erwarten Sie noch jemanden?«
   Ivonne schüttelte sprachlos den Kopf. Sie schlang die Arme um sich, ihre Stirn lag in Falten und sie presste die Lippen aufeinander.
   »Wollen Sie öffnen?«, schlug der Polizist vor und Michael übernahm es schnell. Wie befürchtet erklomm ein Typ die Stufen und sah ihn verblüfft an.
   »Ich möchte zu Ivi.«
   Für einen nicht Professionelle hatte sie sich ein ganz schön enges Fenster gesteckt. »Hier sind Sie falsch.«
   »Aber …« Der Typ klappte den Mund zu und sah an ihm vorbei. »Nein, ich bin mir sicher …«
   »Sie sind hier falsch«, wiederholte Michael fest und schloss die Tür. In der Küche versicherte Ivonne, dass sie keine Männer empfing, um gegen Geld Sex mit ihnen zu haben. Sie war richtiggehend bleich. Michael bekam seinen Ausweis zurück und wurde erneut gefragt, warum er sich in der Wohnung befand.
   »Um Ivonne persönlich kennenzulernen.«
   Sein Gegenüber nahm ihm das nicht ab. »Sie haben keinen Sex mit Frau Westphal?«
   »Doch.«
   »Gegen Bezahlung?«
   Michael grinste zufrieden. »Nein, es wurde keine Bezahlung vereinbart.« Und das war nicht einmal gelogen.

Kapitel 2
Lüge um Lüge

Ivonne schloss die Tür hinter den Polizisten und lehnte sich schwer dagegen. Das war ein Albtraum. Sie zitterte am ganzen Leib und konnte noch immer nicht fassen, was da im Raum stand. Sie drehte sich unwillig um.
   »Ich bin keine Hure«, krächzte sie. Stefan oder Michael, wenn sie das richtig mitbekommen hatte, stand breitbeinig vor der Küche. Die Daumen in die Schlaufen seiner Hose gesteckt, betrachtete er sie nachdenklich. »Du verschwindest besser, wenn du mir nicht glauben willst, und löschst mein Profil.«
   »Zwei Männer innerhalb einer Stunde behaupteten etwas anderes.«
   Ivonne konnte seinem Blick nicht standhalten, weil sich brennende Tränen in ihren Augen sammelten. »Ja, aber ich werde besser wissen als Unbekannte, was ich bin und was nicht.« Sie atmete tief ein und zog die Wohnungstür auf. »Du solltest gehen.«
   Es dauerte einen langen Moment, bevor er seine Haltung aufgab und endlich auf sie zu trat. Er hob ihr Kinn und musterte sie. »Ich will nicht gehen, Ivonne.«
   Sie hob die Lider, sich bewusst, dass ihre Augen vor ungeweinten Tränen glänzten. »Michael? Dein bürgerlicher Name ist Michael und nicht Stefan?«
   Er schob die Tür zu, ohne den Blick von ihr zu nehmen. »Ja.«
   »Du hast gelogen.«
   Er sah sie lange an, bevor er es zugab. »Ja. Ich habe gelogen.«
   »Warum?« Sie konnte verstehen, warum man bei seinem Alter log, oder bei dem Grad seiner Fitness, aber einen falschen Namen zu verwenden – neben seinem Nickname – war idiotisch.
   »Es war eine dumme Entscheidung, Ivonne. Ich habe nicht drüber nachgedacht und dann …« Er zuckte die Achseln. »Es war dumm.«
   Sie sah zur Seite. »Ich mag nicht belogen werden.«
   »Es war dumm«, wiederholte er schlicht.
   »Bist du in einer Partnerschaft?« Wenn sie ihn wieder bei einer Lüge erwischte … Sie streckte die Schultern und presste die Lippen aufeinander.
   »Nein. Single bisher«, antwortete er spät, aber fest.
   »Du bist sicher, dass du nicht verheiratet bist oder verlobt? Da gibt es niemand, der sich als deine Partnerin bezeichnen würde?« Sie ballte die Hände. Vielleicht sollte sie ihn so oder so vor die Tür setzen. Es klingelte, und sie zuckte zusammen, wich zurück und starrte die Tür an. Sie glaubte irgendwie nicht, dass die Polizisten etwas vergessen hatten.
   Michael wohl auch nicht, denn er knirschte mit den Zähnen. »Bleib im Hintergrund.« Er drückte den Summer und schob die Tür auf.
   Eine Fistelstimme fragte nach Hot Ivi.
   »Gibt es hier nicht.«
   »Ich bin Stammkunde, und ich werde wohl wissen …«
   Ivonne schwindelte es gehörig. Was zum Teufel ging hier vor sich?
   »Umgezogen«, unterbrach Michael hart. »Ich wohne jetzt hier. Verschwinden Sie.« Er knallte die Tür zu. »Dafür, dass du keine Prostituierte bist, hast du verdammt viel Kundschaft.«
   Tränen sprengten ihre Augen und flossen über ihre Wangen.
   Er schüttelte den Kopf. »Was zum Teufel soll ich denken, Ivonne?«
   »Ich bin Flugbegleiterin«, krächzte sie. »Ich sollte eigentlich noch in der Maschine sein, auf dem Rückweg von Tokio. Mein Dienstplan …« Ihre Stimme brach, und sie schluchzte.
   »In Ordnung, Ivonne, ich glaube dir. Die Stewardess passt zu dir. Die Hure nicht.« Michael streichelte ihre Schulter. »Ich glaube dir.«
   Schniefend warf sie sich an seine Brust. Der Abend war schlicht eine Katastrophe, und das Einzige, was ihr Zuversicht gab, waren diese drei Worte.

*

Michael hielt sie im Arm. In Gedanken drehte und wendete er das Problem. Etwas war oberfaul an dieser Geschichte, und er hoffte, dass es nicht Ivonne war, denn er glaubte ihr tatsächlich. Aber es gab unbestreitbar Punkte, die sie unter Verdacht stellten. Hot Ivi. Es war ihre Wohnung, und nicht nur er war hierhergekommen, um sich sexueller Dienste zu versichern. Es klingelte in erschreckender Regelmäßigkeit – immer noch.
   Ivonne drehte sich. »Ich kann nicht schlafen«, gestand sie leise. »Erzähl mir doch etwas Langweiliges.«
   Michael verzog die Lippen. »Was langweilt dich?«
   »Fußball«, gestand sie, und es kam wie aus der Pistole geschossen. »Angeln.« Sie erschauderte in seiner Umarmung. »Mein Vater ist begeisterter Angler und unterhält uns alljährlich mit seinen Geschichten.«
   Michael lachte leise. »Tut mir leid, ich habe von beidem keine Ahnung.«
   »Gut, dann erzähl mir was Interessantes«, murmelte sie und kuschelte sich an seine Brust. »Ich muss gestehen, ich habe nicht ganz verstanden, wie deine Forschung genau abläuft. Du baust Flugzeugmodelle und hängst sie in den Luftstrom. Fein, so weit kann ich folgen …«
   Michael stöhnte innerlich. Was tat Stefan beruflich? Konnte er nicht Bauarbeiter sein? Bäcker oder irgendetwas, was keine großen Mysterien bot?
   »Auch die Simulation am Computer kann ich sehr gut nachvollziehen, aber dann wird es knifflig.«
   »Ivonne, es ist mitten in der Nacht.« Er hoffte, sie würde den Hinweis verstehen.
   »Ich kann meine Sicherheitseinweisung in fünf Sprachen im Schlaf runterbeten«, stellte sie fest. »Aber schön. Was bringt dein schlaftrunkenes Hirn zustande?«
   »Fünf Sprachen. Flüssig oder nur die Anweisung?« Bei welcher Partnerbörse war sie wohl angemeldet?
   Sie legte ihr Kinn auf seiner Brust ab. »Das habe ich dir geschrieben. Wir haben uns erst letzte Woche darüber unterhalten.«
   Das konnte eine knifflige Sache werden. Vielleicht war es sinnvoller, das Pferd richtig herum aufzuzäumen? Allerdings gestände sie ihm wohl nicht, dass sie tatsächlich unangemeldete Prostitution betrieb, wenn sie wüsste, dass er nach Steuerbetrügern fahndete. Er rieb über ihren Rücken. »Hm. Vielleicht ist mein Gedächtnis nicht das Beste.«
   Sie seufzte leise. »Ich kann genug, um zu überleben, aber Mandarin ist kein Spaß. Ich zöge es vor, in Amerika verschütt zu gehen und nicht in China.«
   »Mandarin«, flüsterte er beeindruckt. »Englisch. Spanisch. Französisch … was noch?«
   »Polnisch.«
   »Ein wahres Sprachgenie.«
   »Dafür bin ich katastrophal unterbelichtet, wenn Zahlen ins Spiel kommen«, murmelte sie. »Aerodynamik. Physik! Böhmische Dörfer für mich.«
   Michael verkniff sich ein Seufzen. Zumindest käme sie ihm nicht auf die Schliche, wäre er genötigt, ihr irgendetwas über Aerodynamik zu erzählen. »So hat wohl jeder seine Talente.« In einem kleinen Teil seines Hirns drehte er die Information hin und her. Schlecht mit Zahlen? Ein Grund, warum sie sich dringlich etwas hinzuverdienen musste?
   »Dabei fasziniert es mich so.« Ihre Hand rutschte über seinen Bauch. Ihr Busen drückte sich in seine Seite, und ihr Knie lehnte an seinem. Oben kühle Seide, unten ihre heiße Haut. Das fand er wesentlich interessanter als jegliches physikalische Problem. »Weißt du, wie dankbar dir jedes Flugpersonal wäre, wenn du einen Weg fändest, Luftlöcher und Luftdruckschwankungen automatisch ausgleichen zu lassen?« Sie drückte sich von seiner Brust weg und stemmte sich auf, um zu ihm aufzusehen.
   Ihre Hand lag auf seiner Brust, direkt über seinem klopfenden Herzen. Sie verlangte ein wenig zu viel von ihm. Etwas Unmögliches, genau genommen. Er brauchte ein Ablenkungsmanöver, und es gab nur eines, was ihm spontan einfiel. Er wob seine Finger in ihr Haar und zog sie wieder an sich heran, verschloss ihren Mund mit seinem, drückte ihr einen heißen Kuss auf und spürte, wie es ihn augenblicklich ablenkte. Sein Hirn stellte sich auf Leerlauf und übergab die Kontrolle einem weitaus tiefer gelegenen Körperteil.
   Langsam zog er sie mit sich zum Bett. Während sie sich angezogen hinlegte, schlüpfte er aus Schuhen, Hemd und Jeans und legte sich neben sie.
   Michael ließ die Hände wandern und zog Ivonne auf sich. Sie setzte sich auf, und er verwünschte seine Shorts. Warum hatte er sie angelassen?
   »Stef… Michael, warte.« Ihre Finger lagen voneinander abgespreizt auf seiner Brust. »Schwör mir, dass da niemand ist.«
   Wieder einmal kam ihm Chloé in den Sinn. Sie schliefen miteinander, und streng genommen musste man es eine Beziehung nennen, auch wenn sie nirgends offiziell als Paar auftauchten. »Da ist niemand, Ivonne.«
   Sie seufzte und beugte sich zu ihm herab. Ihre Lippen legten sich weich auf seinen Mund und hauchten ihm einen verdammt anregenden Kuss auf. Er stöhnte, während sein Schwanz zuckte. Er wollte sich einfach in ihr vergessen, gern auf der Stelle.
   Ivonne küsste ihn zart und rutschte auf seinem Schoß herum.
   Michael lüftete ihr T-Shirt und zog es ihr über den Kopf. Er rollte sich mit ihr auf die Seite und half ihr aus der Jeans.
   Sie trug keinen BH, und als er sie wieder auf sich zog, strichen ihre Nippel über seine Brust und machten aus seinen kleine, harte Knubbel. Er keuchte an ihrem Mund. Sie brachte seine Schwellkörper noch zum Platzen, wenn sie weiter so auf ihm herumrutschte. Er hielt ihre Hüften fest und zog sie fest an sich.
   Sie streckte sich nach ihrem Nachtschränkchen.
   »Können wir nicht ohne?« Für eine Prostituierte käme es sicher nicht infrage, aber für eine normale Frau, die sich mit ihrem Onlinedate vergnügte, schon, oder nicht? Er sollte sein Hirn wieder ankurbeln, bevor er aussprach, was in ihm herumgeisterte.
   Sie schüttelte den Kopf und machte sich noch länger, um nach einem Kondompäckchen greifen zu können. Sie riss es auf. »Nein. Wenn du mit mir schlafen willst …« Sie zog das Gummi aus der Hülle und hielt es ihm vor das Gesicht. »Dann mit Kondom.« Sie rutschte tiefer, auf seine Schenkel und zog seine Shorts hinab, um ihm das Verhüterli überzustreifen.
   Michael beschloss, dass er tatsächlich lieber mit ihr schlief als diskutierte. Zumal es auch für Onlinedates eine vernünftige Entscheidung war und nichts ausschloss.
   Sie nahm ihn auf. Ihr Körper schloss sich heiß und eng um ihn. Dafür würde er zahlen. Er blinzelte in die Dunkelheit. Bisher hatte er nie ganz verstehen können, warum man sich eine Frau kaufte, anstatt sich eine Partnerin zu suchen. Natürlich war es in Extremfällen nachvollziehbar. Männer, die einfach unattraktiv waren, oder deren Vorstellung einer Partnerin meilenweit von ihren Möglichkeiten entfernt lag.
   Um mit Ivonne zu schlafen, gäbe er auch Geld aus, wenn es nicht anders ginge.
   Sie ließ ihr Becken kreisen, vollführte einen verdammt explosiven Tanz auf seinem Schwanz. Fast konnte er vergessen, dass es dabei nicht um ihn ging. Dass er eben nicht bei einer Hure war, die ihn verwöhnen sollte, sondern bei einer Frau, die zum gegenseitigen Lustgewinn mit ihm schlief.
   Er blinzelte erneut und ließ die Hände an ihrem Körper hinaufwandern. Ihr Busen schwang bei jeder Bewegung, und er fing ihn ein. Er verschwand in seinen Händen, aber das war völlig in Ordnung. »Ivonne, ich will dich küssen.«
   Sie beugte sich vor, ohne ihre Bewegung auf ihm zu unterbrechen. Es war ein holpriger Kuss, bis Michael ihre Hüften umklammerte und sie fest an sich presste. Trotzdem kam die Unterbrechung zu spät. Er kam und stöhnte an ihrem Mund. Sie sollte sich dafür bezahlen lassen, sie war meisterlich, und sicherlich hatte er keine halbe Stunde gebraucht. Bei fünfzig bis hundert Euro pro Akt kam man bei einer Achtstundenschicht auf ein nettes Sümmchen. Und das auch noch steuerfrei …
   Sie versuchte, sich von ihm zu lösen, aber er hielt ihre Hüften immer noch umklammert.
   »Michael«, murmelte sie. »Du musst dich waschen.«
   Er musste sie loslassen, um ihr keine Hämatome zuzufügen.
   Sie rutschte neben ihm auf die Matratze und drehte sich auf den Rücken. Sie war außer Atem, aber sicherlich nicht, weil sie sexuell ähnlich erregt wäre wie er. Die Anstrengung war mit Sicherheit der Grund dafür. Eine Schande.
   Er befeuchtete sich die Lippen. »Ich bin nicht generell ein schlechter Liebhaber.«
   Sie wandte den Kopf. »Bitte?«
   »Du hattest wieder nichts davon.«
   »Oh«, machte sie kaum vernehmbar. »Schon gut.« Sie drehte sich, wandte ihm den Rücken zu und zog die Bettdecke über sich. »Vergiss bitte nicht, das Kondom abzustreifen und dich zu waschen.«
   Sie sollte deutlich mehr verlangen, schoss ihm durch den Kopf. Vergnügen zum Beispiel. »Ivonne?«
   »Ich bin völlig fertig, Michael. Hundemüde.«
   Er atmete tief ein. Zumindest sollte sie nun schlafen können, sein Gewissen beruhigen tat es nicht.

*

Ivonne rutschte vorsichtig aus dem Bett. Sie wollte Michael nicht wecken, es war noch ziemlich früh. Sie sammelte ihre Unterwäsche, Hose und Bluse zusammen und schlich aus dem Zimmer. Die Tür zog sie behutsam ins Schloss. Nach der Dusche cremte sie sich ein, zog sich an, schminkte sich und bürstete sich die Haare. Zum Föhnen ging sie ins Wohnzimmer, um Michael nicht aufzuwecken. Dann bereitete sie sich eine Tasse schwarzen Tee. Sie musste einkaufen, ihr Kühlschrank war so gut wie leer. Gedankenverloren nippte Sie an ihrem Tee, als es schellte.
   Ihr erster Gedanke war kein schöner: Schon wieder ein Mann, der Sex kaufen wollte. Sie erstarrte und verschüttete fast ihr Getränk. Lautes Klopfen riss sie aus ihrer Schockstarre.
   Schnell rutschte sie vom Stuhl und lief zur Tür. Ein Blick durch den Spion verschaffte Erleichterung. Ihre Nachbarin stand im Hausflur und betrachtete ihre rot lackierten Nägel.
   Ivonne öffnete. »Babs, hallo.«
   »Ivi«, rief sie und schob Ivonne zur Seite. »Herrje, was war denn hier los?«
   Ivonne gefror das Blut in den Adern. Sie räusperte sich und krächzte trotzdem, als sie alles abstreiten wollte. »Nichts. Was meinst du?«
   »Die Polizei, du Trine!« Babs stöckelte auf ihren hochhackigen Sandalen durch den Flur und setzte sich unaufgefordert auf den zweiten Stuhl. »Ivi, du musst dir endlich eine Kaffeemaschine zulegen«, mahnte sie erneut, wie eigentlich bei jedem ihrer unangekündigten Besuche. »Jetzt erzähl, was war denn los?«
   »Möchtest du eine Tasse Tee?«, bot Ivonne an. Zum einen wusste sie, dass sie Babs ohnehin nicht schnell loswurde, zum anderen brauchte sie einen zusätzlichen Moment, um sich zu fragen, ob sie überhaupt mit der Wahrheit herausrücken wollte.
   »Ach geh! Tee! Davon bekomme ich Furzeritis.« Sie klopfte auf den Tisch. »Setz dich. Die Polizei! Was war los, dass du früher zu Hause bist?«
   Ivonne sank auf ihren Stuhl und legte beide Hände um ihre noch immer angenehm warme Tasse. »Ich wurde angegriffen«, murmelte sie. »Es klingelte, ich machte die Tür auf und …« Sie zog die Schultern hoch und schloss die Augen.
   »Ach, herrje«, rief Babs und streckte eine Hand nach Ivonnes Arm aus. »Wie fürchterlich.« Sie tätschelte ihren Arm. »Dein Freund, ja? Ich sags immer wieder: Männer sind brutale …«
   »Guten Morgen.«
   Ivonne hopste erschrocken auf ihrem Platz. Michael stand in der Küchentür und kratzte sich den Bauch. Babs drehte sich auf ihrem Stuhl und sah an ihm hinab. Zum Glück hielt sie den Mund.
   »Michael.« Ivonne sprang auf. »Guten Morgen. Entschuldige, ich wollte dich nicht wecken.«
   Er zuckte die Achseln. »Hättest du mal. Warum hast du keine Uhr im Schlafzimmer?« Er musterte Babs, wobei sich seine Brauen zusammenzogen.
   »Das ist meine Nachbarin Babs.«
   Babs streckte eine Hand aus, um seine zu schütteln. »Ich wollte nicht stören«, behauptete sie, obwohl sie damit generell keine Probleme hatte.
   »Gut.« Michael verschränkte die Arme vor der Brust und schien auf etwas zu warten.
   Ivonne verdrehte die Augen. Babs und subtile Hinweise passte einfach nicht zusammen.
   »Babs, wenn es dir recht ist, unterhalten wir uns ein andermal. Ich habe jetzt leider keine Zeit mehr.«
   »Oh.« Das war deutlich genug, trotzdem erhob sich Babs nur sichtlich widerwillig. »Nun, dann will ich die Turteltäubchen mal nicht weiter stören.« Sie ging mit wiegenden Hüften auf Michael zu und sah aus gesenkten Lider zu ihm auf. »Michael«, gurrte sie tief und lächelte einladend.
   »Es war nett, Sie kennenzulernen.« Er streckte die Hand aus.
   Ivonne folgte ihr zur Tür, wo sich Babs zu ihr beugte. »Was für ein heißes Teilchen. Ist er so gut, wie es sein Body vermuten lässt?«, flüsterte sie ihr halblaut zu.
   Ivonne fehlten die Worte. Babs zwinkerte und zog selbst die Tür hinter sich zu.
   »Nachbarin? Ich hoffe, wir waren nicht zu laut?« Michael drehte sie zu sich um. Er hob ihr Kinn und grinste auf sie nieder. »Du musst dich echt mehr im Zaum halten.« Er klang genauso belustigt wie er dreinsah.
   »Ich verspreche, mir zukünftig auf die Zunge zu beißen.«
   Er lachte auf, legte die Hände an ihr Gesicht und beugte sich vor, um sie zu küssen. Es war eine sachte Liebkosung, mit kaum mehr Druck als bei einem Hauch. Ihre Lippen begannen zu prickeln, und Ivonne sank ihm entgegen. Küssen konnte er, keine Frage.
   Michael presste sie gegen die Wand. »Was magst du?«, flüsterte er und drückte ihr weitere Küsse auf die Lippen. »Was kann ich tun?« Seine Hände umschlossen ihre Pobacken und packten fest zu. »Damit du laut bist?«
   »Ich bin nicht laut.« Nie.
   »Ich will dich laut«, murmelte er und hob ihr Kinn, um sie anzusehen. »Und wild.«
   Ivonne fehlte die Sprache. Sie war nun mal nicht sonderlich heißblütig und echt überfragt, wie man einen Orgasmus fakte.
   Michael küsste sie und rieb sich an ihr. »Lass uns …«, raunte er.
   Sie unterbrach ihn schnell. »Das geht jetzt leider nicht, Michael.« Sie schob ihn nervös von sich. »Ich muss meinen Dienstplan abholen.«
   Er stöhnte, stemmte sich an der Wand hinter ihr ab und senkte den Kopf. »Jetzt?«
   Nein, eigentlich war es nicht drängend, denn sie sollte nach vier Wochen fast ununterbrochenem Rumgereise einige Zeit freihaben. »Ja.«
   »Sofort?«, brummte er und beugte sich wieder vor, um ihr die Antwort von den Lippen zu küssen.
   Ivonne schob ihn von sich. »Ja.« Sie brachte ein zittriges Lächeln zustande.
   »Schön.« Er klang nicht begeistert. »Sehen wir uns später?«
   Sie schüttelte schnell den Kopf. »Ich bin heute Abend verabredet.«
   »Ach?«
   »Mit meiner Freundin. Es steht schon seit Wochen fest.« Und sie hatte nicht vor, ihr abzusagen. Sie befeuchtete sich die Lippen. »Es ist mir sehr wichtig.«
   »Also schön.« Er hob ihr Kinn wieder an. »Ich sollte auch mal auf der Arbeit vorbeisehen.« Sein Mund bog sich. »Wann sehen wir uns?«
   »Ähm.« Eine schwierige Frage. »Ich schreibe dir.« Dann hatte sie ein wenig Zeit zum Recherchieren, auch wenn sie es eigentlich als peinlich ansah, so zu tun, als wäre Sex bombastisch, wenn er eben eher nett war. Warum also überhaupt Zeit damit verschwenden, herauszufinden, wie man gekonnt einen Orgasmus fakte?
   »Schreiben?«
   »Bei Elitelove.«
   »Nein.« Er umfasste ihre Oberarme, und sie sah erschrocken zu ihm auf.
   »Bitte?«
   Er nahm sich zurück, senkte die Lider und runzelte die Stirn. »Wir sollten der Singlebörse den Rücken kehren.« Er hob den Blick. »Meinst du nicht? Zumindest, bis wir ausschließen können, dass aus uns was wird.« Er heischte um ihre Zustimmung, die sie ihm zögerlich gab.
   Es gab ohnehin sonst niemanden, mit dem sie sich mehr als sporadisch unterhalten hätte. »Gib mir deine Nummer.«

*

»Ach, kommst du auch mal?«, höhnte Chloé und minderte den giftigen Unterton mit einem Lächeln.
   Michael rutschte an seinen Schreibtisch und stellte seine Tasche darunter ab. »War im Einsatz«, murmelte er und fischte nach seinem Telefon.
   »So?« Chloé sah sich um.
   Linde und Quellberg starrten unmotiviert auf ihre Monitore und schienen ihrem Umfeld keine große Beachtung zu schenken.
   Trotzdem rollte sie mit ihrem Stuhl zu ihm rüber und beugte sich vertraulich vor. »Ich hatte gehofft, von dir zu hören.«
   »Ging nicht«, gab er angespannt zurück.
   »Ach?« Wieder sah sie sich um. »Wo warst du?« Sie spähte auf seine Akten. »Hat es was ergeben? Ich wusste, dass diese Internetannoncen eine Fundgrube sind.« Sie zog die erste Akte vom Stapel. »Also? Dicker Fisch?«
   Michael zögerte unergründlicherweise. Er konnte es noch immer nicht genau sagen, nicht einmal eine Tendenz. Vielleicht sah Chloé klarer? Immerhin war sie eine fähige Fahnderin und überdies eine Frau. Sie ließe sich nicht von Blutstau in Geschlechtsorganen ablenken und von großen, feuchten Augen. Die Erinnerung machte ihn nervös und ließ ihn vorpreschen. »Ich war bei Hot Ivi.« Er nahm ihr die Akte ab und schlug sie auf. Obenauf lag ein Ausdruck der Annonce. Ein nackter Bauch mit Piercing und offenen Hot Pants.
   Chloé verzog die Miene. »Hot Ivi.« Sie sah ihm in die Augen. »Und? Ist sie so hot, wie sie behauptet?«
   Michael zögerte erneut. Chloé war stets abwertend und von oben herab, vielleicht fehlte ihr doch die Objektivität? Darüber hinaus fände sie es sicher nicht toll, räumte er ein, weiter gegangen zu sein als nötig, und er wollte sich nicht den ganzen Tag mit ihrem Hohn und ihrer Verachtung herumschlagen.
   Sie hob eine Braue, weil er ihr die Antwort schuldig blieb. »Also, was lief?«
   Oder fehlte ihm die Objektivität? Er senkte die Lider und richtete seinen Blick auf die Mappe. Hatte er sich einwickeln lassen? Die Adresse war jene, die er von der Hure bekommen hatte, und er hatte wie angegeben auch bei Müller geschellt.
   Chloé berührte ihn. »Du wirst eine Kostenübernahme beantragen, richtig? Deswegen bist du nicht gekommen.« Sie zog die Hand zurück. »Das dachte ich mir schon.« Sie bekam den Kniff nicht aus der Miene, aber sie reagierte zumindest besser als erwartet. »Also erzähl schon. Was hast du vorgefunden?«
   Michael räusperte sich. Eine zweite Meinung, sagte er sich, mehr nicht. Es war keine Rechtfertigung nötig, sie verstand den Job, auch wenn sie die Ausführung nicht billigte.
   »Ivonne.« Ihr Anblick tauchte vor ihm auf, und er versuchte, es zu beschreiben.
   Chloé runzelte die Stirn und drehte die Annonce in der Hand. »Gab es Hinweise auf Ivis Exklusivität?«
   Michael schüttelte den Kopf. »Da ist mehr.« Er ratterte das Geschehene runter. »Und ich glaube ihr.«
   Chloé schnaubte. »Dann bist du ein Dummkopf.« Sie verdrehte die Augen und schob das Blatt Papier über den Tisch. »Sie spielt mit dir.«
   Michael nahm die Seite auf und schob sie in den Ordner. »Sie ist glaubhaft«, widersprach er leise. »Ich werde ihre Angaben natürlich trotzdem überprüfen.«
   »Solltest du.« Sie legte den Kopf schräg, musterte ihn aus ihren hübschen dunklen Augen und legte ein leichtes Lächeln auf ihre sonst starren Lippen. Sie beugte sich vor. »Holen wir es nach?«, flüsterte sie.
   Michael nickte abwesend. »Klar.«
   »Hey.« Sie berührte seine Hand. »Glaub mir, sie spielt dir etwas vor.«
   »Ja, vermutlich«, murmelte er und entsperrte sein Handy. Eine ungelesene Nachricht war eingegangen, und er öffnete das Messengerprogramm.
   Sie sind nun mit Ivonne Westphal verbunden.
   Er starrte die Worte an. Es war wie eine Erinnerung.

*

Ivonne wartete auf den Summer, dann drückte sie die Tür auf.
   Annika trat bereits in den Flur und verschloss ihre Wohnung. Sie nahm Ivonne in den Arm und drückte sie. »Ivi«, murmelte sie. »Du siehst toll aus.«
   »Und du erst.« Sie schob Annika von sich und nahm ihren Anblick auf, als das Licht im Flur erlosch. »Du raubst mir das Augenlicht.«
   Annika lachte auf und knipste das Licht wieder an. »Und schenke dir Erleuchtung!«
   »Was hast du vor?« Annika war deutlich nicht für ein schlichtes Abendessen gekleidet. »Ich bin overdressed.«
   »Warum musst du auch immer rumlaufen, als wärst du eine Bankiersgattin?« Ivonne seufzte. »Wenn wir erst zu Hause vorbeiwollen, sollten wir uns sputen.«
   Annika winkte ab. »Ich nehme dich, wie du bist.« Sie hängte sich bei ihr ein und schob sie aus dem Haus. »Erzähl mir alles!«
   Sie seufzte erneut, dieses Mal deutlich angespannter. »Das wird eine lange Geschichte«, warnte sie. »Willst du nicht lieber mit dir anfangen? Was hat Kai angestellt?« Sie zog Annika enger an sich.
   »Nein. Lenk mich ab. Erzähl mir, dass deine Typen noch viel schlimmer sind als meine.«
   Sie erreichten Ivonnes Auto und stiegen ein.
   »Louis. Was hast du gemacht? Eine Riesenszene?«
   »Klar, ich habe ihn nackt durch das Hotel gejagt.« Ivonne kicherte.
   Annika fiel mit ein. »Das hätte ich gern gesehen.«
   »Ich auch.« Ivonne warf ihr einen Blick zu. »Zu gern. Stattdessen bin ich gegangen.«
   »Mit oder ohne Diskussion?«, hakte Annika nach und drehte sich in ihrem Beifahrersitz, um sie besser betrachten zu können. »Wie ich dich kenne, ohne.«
   Ivonne zuckte die Achseln. »Er verschwand im Bad nach einem: Uno momento, Cara. Das bedurfte wohl keiner Diskussion.«
   »Wie heißt seine Frau?«
   »Ist das von Bedeutung?«, schnaubte sie und blieb an der Ampel stehen. »Es ist doch gleich, mit wem er telefoniert hat. Ich sollte es nicht mitbekommen, also verheimlicht er etwas. Ich wollte, dass er sich zu mir bekennt.« Sie fuhr wieder an und schüttelte den Kopf. »Ist doch auch egal. Es ist vorbei.«
   »Ich bewundere dich wirklich.«
   »Musst du nicht, eigentlich ich es traurig. Ich war eher verärgert als betrübt. Ich hielt es nicht in meinem Zimmer aus und bin raus.« Sie bog ab und suchte nach einem Parkplatz. »Obwohl wir am nächsten Tag einen weiteren Zwölfstundenflug hatten, war ich die ganze Nacht spazieren. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken.«
   »Und was dachtest du?«
   Ivonne parkte und zog die Handbremse an. »Dass ich ein Idiot bin.« Sie zog den Schlüssel ab. »Warum mache ich mein Selbstwertgefühl davon abhängig, dass mich ein Typ begehrt? Warum ist es so verdammt wichtig, dass ich mir so einen Mist viel zu lang gefallen lasse?«
   »Du hast wirklich viel nachgedacht.« Annika streichelte ihre Schulter. »Und die Antwort ist einfach: Jede von uns will einfach nur geliebt werden.«
   Ivonne presste die Lippen zusammen und nickte. »Ja. Stattdessen …«
   Annika seufzte. »Ich weiß, was du meinst. Komm, lass uns einen wundervollen Abend haben!«
   Ivonne stimmte zu und stieg aus. Ihre Freundin hängte sich wieder an ihren Arm, und sie schlenderten durch die Stadt.
   »Wie ist Elitelove so?«, erkundigte sich Annika nach einigen Augenblicken. »Ich bin zur Zeit nur bei find love angemeldet, und die Typen da …« Sie schüttelte sich. »Habe ich satt!«
   Ivonne kicherte. Sie hatten jede eine lange Vergangenheit mit Datingseiten. »Hi, lass uns ficken?«
   Annika schnaubte. »Ist das zu fassen?«, fragte sie und klang absolut entgeistert. »Kann man nicht wenigstens ein nettes Gespräch erwarten? Ein echtes Date? Sollte man sich nicht erst kennenlernen, bevor man Forderungen stellt?« Ihre Miene passte zu ihrer Stimme, und sie schüttelte den Kopf. »Und nach so einer abartigen Anmache denken die wirklich, man käme in Versuchung, sie tatsächlich zu treffen.«
   »Und mit ihnen zu schlafen«, griff Ivonne auf. »Aber denk auch an die Anzeigen, neben denen unsere erscheinen. Die fordern doch dazu auf.«
   »Ja.« Annika schnaubte und hielt Uhr die Tür zu ihrem Stammlokal auf.
   Ihr Gespräch geriet ins Stocken, als sie ihre Reservierung bestätigen ließen und zu ihrem Tisch geleitet wurden.
   »Also, was trinken wir heute?« Üblicherweise fuhren sie gemeinsam her, nahmen ein Taxi zurück und holten den Wagen am nächsten Tag ab.
   »Wein zum Essen«, schlug Ivonne wie immer vor.
   »Warum schauen wir überhaupt noch in die Karte?« Annika lachte. »Die Grillplatte?«
   Ivonne deutete an, ihr die Zunge rausstrecken zu wollen. »Ach nein. Vielleicht einen Salat?«
   »Dabei brauchst du doch für niemanden mehr die Linie zu halten.«
   Ivonne schlug nach ihr. »Du auch nicht«, gab sie zurück. »Außerdem wäre da schon jemand …«
   »Ah!« Annika klappte der Mund auf. »So? Jetzt bin ich geplättet.«
   »Michael.« Ivonne klappte die Karte zu und legte sie zur Seite. Als sie den Blick hob, las sie ihrer Freundin die Neugierde von der Nase ab.
   Sie gaben die Bestellung auf, und Annika beugte sich vor. »Raus damit«, verlangte sie. »Wer ist Michael?«
   Ivonne hielt die Spannung einen Moment länger, dann ließ sie die Bombe platzen: »Stefan.«
   Annika blinzelte angespannt und brauchte eine lange Minute, um die Information zu verarbeiten. »Stefan? Der Typ von Elitelove? Er heißt jetzt Michael? Was soll ich davon halten?«
   »Ja, das frage ich mich auch. Er hat sich entschuldigt.«
   »Wirklich? Na, so etwas.« Annika legte das Kinn in der Handfläche ab und musterte Ivonne. »Elite, hm.« Sie verengte die Augen. »Vielleicht sollte ich es auch Mal dort versuchen. Ein Typ, der sich sogar entschuldigen kann, ist doch ein Schritt in die richtige Richtung.«
   »Ja, das war nicht übel. Aber gleich die Wahrheit sagen, toppt das noch.«
   Annika winkte ab. »Da verlangst du einfach zu viel.«
   Ivonne kicherte. »Ach?«
   »Ist er, wie er sich beschrieben hat?« Sie zwinkerte keck. »Waschbrett oder Waschbär?«
   »Du wirst lachen, aber er liegt näher an der Beschreibung als erwartet.«
   Annika machte eine auffordernde Handbewegung.
   »Groß, gut gebaut …«
   »Oh, du Schlampe hast mit ihm geschlafen!«
   Ivonne zuckte die Achseln. »Er hat ganz lieb gefragt.«
   »Oh, ja dann …« Annika schnaubte. »Dich darf man nicht aus den Augen lassen.«
   »Es war doch dein Tipp, ich solle mich mit ihm treffen. Ich habe nur gehorcht.« Wieder hob sie die Achseln. »Jetzt habe ich nur ein kleines Problem.« Sie runzelte die Stirn. »Eigentlich habe ich mehrere Probleme – neben dem Geld.«
   »Finanzielle Probleme? Das ist ja echt mal was Neues! Dabei dachte ich immer, du wärst schottisch angehaucht.« Sie zwinkerte ihr zu.
   »Geizig? Ich? Hör mal! Und es sind auch keine Probleme. Es ist eher eine Verzögerung meiner Pläne.« Sie sparte sich das Seufzen, schließlich war Annikas finanzielle Situation wesentlich angespannter als ihre. »Ich werde keine Überstunden mehr haben und auch nicht in die Sonderzulagen rutschen.«
   »Luxusproblemchen«, stellte Annika fest. »Kannst du dir dann dein Chaneltäschchen nicht mehr leisten?«
   Die Servicekraft kam mit dem Essen und unterbrach sie erneut.
   »Lassen wir das«, schlug Ivonne vor. »Du hast recht, es ist unbedeutend.«
   »Und die anderen Probleme?« Annika nahm einen Schluck von ihrem Wein und ließ das Glas kreisen.
   Ivonne sah sich um. Ihr Tisch lag in einer abgeschiedenen Ecke, trotzdem beugte sie sich vor, um mit der Sprache herauszurücken. »Ich bin ihm nicht laut genug.«
   Annika spuckte fast den Wein wieder aus und versteckte sich schnell hinter ihrer Serviette. »Bitte?«
   Wieder sah sich Ivonne um. »Er ist nicht gerade ein Bombenlover, und ich reagiere wohl nicht wild genug.« Sie verdrehte die Augen. »Männer!«
   »Männer«, bestätigte Annika und schüttelte den Kopf. »Sie machen ihr Problem zu unserem. Hast du ihm gesagt, dass er sich eben mehr Mühe geben muss?«
   Ivonne senkte die Gabel.
   »Hast du nicht. Ach, Ivonne! Was hast du vor? Zukünftig so zu tun, als wäre er besser, als er ist?«
   Ihre Miene verriet sie wohl, denn Annika nannte sie einen Dummkopf.
   »Mal abgesehen davon, dass kein Mann es wert ist, dass man sich seinetwegen verstellt, bedenke mal: Wie soll er lernen, dich zu befriedigen, wenn er glaubt, er machte alles richtig?«
   Das war natürlich ein schlagendes Argument.

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