Obwohl sich Josch noch nicht ganz von einem schweren Autounfall erholt hat, arbeitet er hart, um das Softwareunternehmen, das sein Vater aus dem Nichts aufgebaut hat, am Laufen zu halten. Auf einer Party lernt er Mia kennen und weiß sofort, dass er sie in seinem Bett haben will. Doch dann entdeckt er, dass die Firma sabotiert wird. Wer steckt dahinter? Was hat sein Vater damit zu tun, und wird ihm seine eigene Vergangenheit zum Verhängnis? Mia ist nach fast einem Jahr über die Trennung von ihrem Ex hinweg. Da lernt sie Josch kennen und ist sofort von seinem attraktiven Äußeren und seiner selbstsicheren Art fasziniert. Doch dann taucht ihr Exfreund plötzlich auf. Hat sie wirklich schon mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen?

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Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-53-769-3

Seiten: 221

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Petra Daubitz

Petra Daubitz
Petra Daubitz wurde 1972 in Berlin geboren. Nachdem sie nach ihrer abgeschlossenen Ausbildung in verschiedenen Bundesländern gelebt hat, zog es sie 2007 zurück in ihre alte Heimat. Dort genießt sie den Trubel der Großstadt gemeinsam mit ihrem Mann und ihren drei Kindern, von denen der Große bereits aus dem Haus ist. Bücher waren und sind noch immer ihre größte Leidenschaft. Schon in ihrer Jugend schrieb sie gern Kurzgeschichten. Dieses Hobby geriet leider über die Jahre in Vergessenheit. Anfang 2017 beschloss sie jedoch, sich wieder Zeit für sich selbst zu nehmen und widmete sich erneut dem Schreiben. Wenn sie sich nicht gerade um ihre Familie kümmert oder sich mit Musik in den Ohren in ihren Geschichten verliert, ist sie ehrenamtlich für den Weißen Ring unterwegs.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1
Josch

»Warum willst du nicht einfach akzeptieren, dass ich keine Lust auf diese verfickte Party habe?«
   »Weil ich nicht weiter mitansehen werde, wie du dich hinter deiner Arbeit versteckst und dich weiterhin in Selbstmitleid suhlst.« Meine beste Freundin Ella seufzte theatralisch am Telefon.
   Seit einer Woche hing sie mir nun schon mit dieser Party in den Ohren, und so, wie ich sie kannte, würde sie nicht lockerlassen, bis ich zusagen würde. Dabei war mir beim besten Willen nicht nach Feiern zumute.
   Ich saß an meinem Schreibtisch, auf dem sich die Unterlagen nur so stapelten. Es würde Wochen dauern, wieder den Durchblick zu haben. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, es nach dem Unfall und der anschließenden Reha ruhig angehen zu lassen, aber alle Ärzte hatten mir dringend dazu geraten. Dass mein Vater, der das Unternehmen offiziell führte, mit seiner neuen, zwanzig Jahre jüngeren Frau vor zwei Wochen in die Flitterwochen verschwunden war, hatte das Chaos perfekt gemacht. Ich konnte von Glück reden, dass wir in den letzten Wochen nicht pleitegegangen waren. Das verdankten wir vor allem dem Engagement unserer Mitarbeiter. Doch es gab nun mal Vorgänge, die nur mein Vater und ich entscheiden konnten, und wie es aussah, würde das nun vorläufig an mir hängen bleiben.
   Eine kurze Textnachricht von meinem Vater, dass das Leben viel zu kurz sei, um hinter dem Schreibtisch zu sitzen, war alles, was ich von ihm gehört hatte. Ein Foto zeigte ihn mit Nancy, seiner frisch Angetrauten, an einem menschenleeren Strand mit Palmen. Der Bikini des Barbieverschnitts zeigte mehr von ihren künstlichen Titten als er verhüllte und ihr Lächeln, das durch die aufgespritzten Lippen etwas verkrampft aussah, erreichte ihre Augen, die durch Kontaktlinsen ein unnatürliches Grün hatten, nicht. Nichts an dieser Frau war echt. Doch das sollte mich nicht kümmern. Ich hatte ganz andere Probleme, die es zu lösen galt.
   »Sag mal, bist du noch dran?«
   Völlig in Gedanken versunken, hatte ich Ella am Telefon fast vergessen. »Ja, natürlich.«
   »Also entweder du kommst allein zur Party, oder wir holen dich nachher ab. Nicht zu kommen steht nicht zur Diskussion!«
   Ella und ich kannten uns seit knapp zwei Jahren. Ich war auf der Suche nach einer Wohnung in der Nähe der Firma, und sie war Maklerin. Wir verstanden uns auf Anhieb super und unternahmen viel gemeinsam, auch nachdem ich mein Appartement gekauft hatte. Ich musste schmunzeln, als ich an das eine Mal zurückdenken musste, als wir vor etwas über einem Jahr nach einer Party gefrustet bei mir zu Hause gelandet waren, weil wir beide es nicht geschafft hatten, jemanden abzuschleppen, der uns gefiel. Zu viel Alkohol und ein großes einladendes Bett führten dazu, dass wir in der Kiste landeten. So dominant und selbstsicher sie auch im Leben auftrat, im Bett war sie sanft und unterwürfig, was meinen Neigungen sehr entgegenkam. Es war schön, doch am nächsten Morgen schaute mich Ella ernst an und meinte, dass sie mich zu gernhat, als unsere Freundschaft mit dem Versuch einer Beziehung zu zerstören.
   Sie hatte sich angezogen und war gegangen. Nicht, ohne mir an der Tür noch ein schüchternes Lächeln und einen Luftkuss zuzuwerfen.
   Die nächsten Wochen war es noch ein seltsames Gefühl, mich mit ihr zu treffen und so zu tun, als ob nichts gewesen wäre. Doch bald waren wir wieder das, was wir vorher waren: beste Freunde.
   Kurz darauf lernte sie ihren neuen Freund kennen. Marc war mir von Anfang an sympathisch, und ich freute mich für sie.
   »Also?«
   »Also was?« Ich sah förmlich vor mir, wie sie genervt mit den Augen rollte.
   »Kommst du direkt zur Party oder sollen Marc und ich dich abholen?«
   Bei dem Gedanken, mich in dem Kleinwagen der beiden auf die Rückbank zu quetschen, fiel mir die Entscheidung leicht. »Ich komme mit meinem Wagen.« So konnte ich auch notfalls früher abhauen, ohne mir erst ein Taxi rufen zu müssen.
   »Okay. Ich schick dir die Adresse auf dein Handy. Wir sehen uns nachher. Bis dann!«
   Bevor ich noch etwas sagen konnte, hatte sie bereits aufgelegt. O Mann, wenn ich einigermaßen pünktlich da sein wollte, sollte ich jetzt den Rechner runterfahren, nach Hause unter die Dusche und mich umziehen. Ella würde mich köpfen, wenn ich nicht rechtzeitig da sein würde. Das wollte ich lieber nicht riskieren.
   Ich rieb mir über die müden Augen und griff nach meinem Sakko. Das Schließen der Tür hallte im leeren Flur. Ich war wie immer in den letzten zwei Wochen der Letzte, der das Büro verließ.

Mia

»Hast du schon die Chips auf den Stehtischen verteilt?«
   Meine kleine Schwester machte mich wahnsinnig! Charly huschte zwischen den Tischen, der Tanzfläche und der Bar hin und her und überprüfte, ob alles bereit für die große Party war. Eigentlich hieß sie Charlotte, aber alle nannten sie Charly. Sie wollte unbedingt ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag ganz groß feiern.
   Da ich nur ein paar Tage vor ihr ebenfalls Geburtstag hatte, beschloss ich ihr zuliebe, eine Location zu mieten und gemeinsam mit ihr zu feiern. Wochenlang hatten wir uns Räumlichkeiten angesehen. Es war frustrierend gewesen. Zu klein, zu groß, zu spießig.
   Unsere Eltern hatten uns angeboten, sämtliche Kosten für die Feier zu übernehmen, doch weder Charly noch ich wollten das. Den Umstand, dass unsere Eltern wohlhabend waren, wussten wir durchaus zu schätzen, doch wir verspürten beide den Wunsch nach Selbständigkeit. Daher hatte ich nach dem Abitur eine Lehre zur Immobilienkauffrau begonnen und ein paar Jahre später noch den Fachwirt drangehangen.
   Charly hatte sich für ein Studium der Politikwissenschaft auf Lehramt entschieden. Obwohl sie es nicht nötig hätte, arbeitete sie nebenbei als pädagogische Hilfskraft.
   Unseren Eltern fiel es manchmal schwer, zu akzeptieren, dass wir nicht immer den vermeintlich leichteren Weg gingen und ihr Geld annahmen. Aber sie hatten sich inzwischen damit abgefunden.
   Unser Budget für die Party war also verhältnismäßig gering. Daher hörte ich mich in meinem Freundeskreis und auch in der Firma, für die ich arbeitete, um. Es war letztendlich meine neue Arbeitskollegin Ella, die mich darauf brachte, in den Kleinanzeigen nach einer passenden Location zu suchen. Tatsächlich stießen wir auf diese perfekte Bar am Stadtrand.
   Der Besitzer hieß Mike, war etwa in meinem Alter und sah verboten gut aus. Er bot die Räumlichkeiten auch für private Feiern an. Es gab eine gut bestückte Bar, eine Tanzfläche, eine kleine Bühne, auf der ein DJ sein Pult aufstellen konnte. Im hinteren Bereich befand sich ein extra Raum mit einem Billardtisch, was mich besonders freute, denn ich spielte gern. Früher war ich oft mit Freunden abends Billard spielen gewesen. Das war, bevor ich Chris kennengelernt hatte. Er stand auf gemütliche DVD-Abende zu Hause. Natürlich genoss auch ich diese Zweisamkeit, und so bekam ich auch nicht mit, dass sich meine Freunde immer seltener meldeten. Erst nach unserer Trennung wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich mich völlig isoliert hatte.
   Nur mit meiner Schwester hielt ich engen Kontakt, was Chris nicht gefiel, jedoch tolerierte.
   Ich seufzte bei dem Gedanken an diese Zeit leise auf. Es war jetzt ein knappes Jahr her, dass wir uns getrennt hatten, und es war Zeit, nach vorn zu schauen. Diese Party war die perfekte Gelegenheit.
   Der DJ war schon vor Ort und hantierte mit Kabeln und Steckern. Auch Mike stand bereits hinter der Theke, spülte noch einmal die Gläser und überprüfte den Inhalt der Flaschen. Er war groß, trug die dunkelblonden Haare modisch geschnitten, und unter seinem T-Shirt zeichneten beachtliche Muskeln ab. Während er geschäftig hinter dem Tresen hin und her eilte, beobachtete er immer wieder Charly aus den Augenwinkeln.
   Da schien aber jemand interessiert zu sein. Ich konnte ihm das nicht mal verübeln, denn meine kleine Schwester war ein echter Hingucker. Sie war zierlich, schlank und hatte schulterlanges blondes gelocktes Haar. Unsere Mom sagte immer, sie sehe aus wie ein Engel. Das mochte Charly allerdings nicht, es war wahrscheinlich auch der Grund, warum sie gern rebellierte und dabei oft über die Strenge schlug.
   Ich dagegen war die brave, vorbildliche große Schwester, die alles tat, um nicht großartig aufzufallen. Meine brünetten langen Haare trug ich oft einfach zum Pferdeschwanz gebunden. Meine Figur war eher weiblich, mit leichten Rundungen, jedoch ohne mich zu dick fühlen zu müssen.
   Ich ging zu Charly hinüber. »Wir sollten uns langsam umziehen. Es ist alles vorbereitet.«
   Im hinteren Bereich befanden sich die Toiletten, wo wir uns umziehen und schminken wollten, bevor die Gäste kamen.
   »Haben wir auch wirklich nichts vergessen?«, fragte Charly nervös und blickte sich noch einmal suchend um.
   »Du hast doch alles doppelt und dreifach gecheckt. Es wird die tollste Party des Jahres!« Lächelnd nahm ich sie in die Arme und zog sie mit mir zu den Toiletten.
   Charly hatte sich für ein rotes, enganliegendes Kleid entschieden, das eine Handbreit oberhalb ihres Knies endete. Der Ausschnitt brachte ihre Brüste schön zur Geltung. Sie konnte wirklich tragen, was sie wollte, sie sah einfach toll aus. Ich hingegen fühlte mich mit meiner Kleiderwahl nicht so wohl. Das schwarze schulterfreie Chiffonkleid hatte einen Stehkragen, der sich im Nacken mit Knöpfen schließen ließ. Das ersparte mir die Suche nach einer passenden Halskette. Der fließende Stoff endete knapp oberhalb des Knies und brachte meine Beine schön zur Geltung. Es gefiel mir, dennoch war es ungewohnt. Normalerweise trug ich enge Jeans mit einem Top und Sneaker. Ich wusste jetzt schon, dass mich die schwarzen High Heels heute Abend umbringen würden.
   »Wow! Du siehst toll aus! Jetzt müssen wir nur noch etwas mit deinen Haaren machen.« Charly lächelte mir im Spiegel entgegen. Schon griff sie nach meinem Zopf und löste meine Haare aus dem Band. In weichen Wellen fiel es über meine Schultern. »Du solltest deine Haare viel öfter offen tragen. Aber für heute würde eine Hochsteckfrisur besser aussehen. Sie bringt deine nackten Schultern besser zur Geltung und betont deinen schlanken Hals.«
   Wieder einmal musste ich staunend beobachten, wie meine kleine Schwester mit wenigen Handgriffen und einer hübschen silbernen Spange meine Haare in eine pfiffige Hochsteckfrisur bändigte. Ein paar Strähnen umrahmten mein Gesicht.
   »Und jetzt noch Smokey Eyes!«
   »Nein! Damit fühle ich mich immer so angemalt, irgendwie verkleidet. Ein bisschen Wimperntusche und Lidschatten sind vollkommen ausreichend.«
   Charly zog einen Schmollmund, ließ mich aber mein Make-up so auftragen, wie ich es wollte. Sie selbst schminkte sich perfekte Smokey Eyes. Es passte zu ihr, und sie sah großartig aus. Aber auch ich war mit meinem Erscheinungsbild zufrieden.
   Zusammen verließen wir die Toiletten und gingen zurück zur Bar. Als Mike Charly sah, starrte er sie einen Moment lang unverhohlen an, bevor er sich wieder seinen Gläsern widmete.
   Charly schien dies nicht zu bemerken, oder sie ignorierte es einfach, jedenfalls blickte sie sich noch einmal im Raum um, bevor sie sich zu mir umdrehte. »Ich bin schon so aufgeregt! Das wird so eine coole Party!«
   Auch ich spürte langsam ein leichtes Kribbeln. »Ja, es wird toll werden. Mit allem, was eine gute Party ausmacht: eine Schlange vor dem Klo, mindestens einem, der sich völlig betrinkt, einem Pärchen, das sich trennt und einem, das zusammenkommt.«
   »Wäre wirklich an der Zeit, dass du dich neu verliebst, Schwesterchen.« Verschmitzt grinste sie mich an.
   »Ich brauche noch Zeit. Außerdem muss der Mann, der zu mir passt, erst noch gebacken werden.«
   »Ach was, du musst das positiv angehen. Heute Abend wird der eine oder andere Single-Mann anwesend sein. Irgendeiner wird dir bestimmt gefallen. Und wenn es nur für eine Nacht ist. Du musst mal wieder Spaß haben!«
   »Vielleicht hast du recht. Jetzt lass uns auf einen aufregenden Abend anstoßen!«
   Mike schien kein Mann großer Worte zu sein. Grinsend schob er uns zwei Gläser mit herrlich prickelndem Prosecco über den Tresen. »Auf einen tollen Abend!«
   »Auf die coolste Party des Jahres! Mit allem, was dazugehört!«

Josch

Vorsichtig schloss ich die Tür zu meiner Wohnung auf. Wie ich befürchtet hatte, schoss das graue Fellbündel in dem Versuch auf mich zu, sich durch den Türschlitz in die vermeintliche Freiheit retten zu können.
   »Hiergeblieben, du Wahnsinniger!« Schnell schloss ich die Tür, und der Kater blickte griesgrämig an mir hoch.
   Max war der Kater meiner Mutter. Nach ihrem Tod hatte ich ihn zu mir genommen. Die Ärzte hatten mir davon abgeraten, da die Möglichkeit einer Ansteckung mit Toxoplasmose bestand. Doch ich brachte es nicht übers Herz, ihn in fremde Hände zu geben. Die Nachbarin, die sich zunächst um ihn gekümmert hatte, konnte ihn aufgrund einer Allergie nicht behalten. Nachdem ich aus der Reha zurück war, hatte ich sie gebeten, mir Max in mein Apartment zu bringen. Bei meiner Mutter hatte er die Möglichkeit gehabt, in den großen Garten zu laufen, wann er wollte. In meiner Wohnung blieb ihm nur die Dachterrasse, wenn ich zu Hause war. Er würde sich arrangieren müssen. Ebenso wie ich.
   Bevor ich wieder meinen trübseligen Gedanken nachhängen konnte, ging ich in die offene Küche, um Max seinen Futternapf zu füllen und ihm frisches Wasser zu geben. Mit erhobenen Schwanz und leicht arroganter Miene kam er in die Küche geschlendert, als würde er sagen wollen: »Wird auch langsam Zeit, dass ich etwas zu fressen bekomme!«
   Einen Moment lang beobachtete ich ihn, während er sich schnurrend über sein Futter hermachte. Dann ging ich ins Bad.
   Ich genoss den heißen Strahl, der meine verspannten Muskeln löste. Wurde Zeit, dass ich meine Trainingseinheiten wiederaufnehmen konnte. Die Narbe ziepte nur noch selten, und auch so fühlte ich mich körperlich wieder fit. Gleich am Montag würde ich bei der Kontrolluntersuchung fragen, inwiefern ich mich wieder körperlich betätigen durfte.
   Nach dem Duschen schlang ich mir ein Handtuch um die Hüften und ging ins Schlafzimmer, wo mein Blick in den großen Wandspiegel fiel. Die Narbe war immer noch unschön anzusehen. Wie lange würde es wohl dauern, bis sie verblasst war? Ich erinnerte mich noch gut daran, wie ich mich nach der OP das erste Mal im Spiegel gesehen hatte und erschrocken zurückgewichen war. Der zuständige Arzt hatte mich beruhigt und mir erklärt, dass in ein paar Jahren nur noch eine zarte weiße Linie zu sehen sein würde.
   Ich würde eine Frau demnächst wohl erst mal von meinen inneren Werten überzeugen müssen, bevor ich die Hüllen fallen ließ. Grinsend wandte ich mich vom Spiegel ab und warf einen Blick in meinen Kleiderschrank.
   Was für eine Party war das eigentlich genau? Ich hatte Ella nur mit halbem Ohr zugehört. Wenn ich mich richtig erinnerte, feierte eine Arbeitskollegin von ihr Geburtstag. Den Namen hatte ich schon wieder vergessen. Eine tief sitzende, ausgewaschene Jeans und ein schwarzes Hemd, dazu das schwarze Lederarmband, das musste reichen.
   Max kam ins Schlafzimmer, als würde er mein Outfit beurteilen wollen. Als er sich vor den Schrank setzte, musste er erst einmal herzhaft rülpsen.
   »Na, da ist aber einer richtig satt.« Unwillkürlich musste ich lachen.
   Das erinnerte mich daran, dass ich seit heute Morgen auf dem Weg ins Büro auch noch nichts gegessen hatte.
   Ein Blick in meinen Kühlschrank bestätigte, was ich befürchtet hatte. Gähnende Leere bis auf eine Flasche Wasser und ein Glas Würstchen. Seufzend nahm ich ein Würstchen aus dem Glas und suchte den Senf. Ich musste schmunzeln bei dem Gedanken daran, dass mein Kater gerade eine vollwertige Mahlzeit - Hirschragout mit Gemüse und Soße - bekommen hatte. Ich musste mich nächste Woche dringend um eine neue Sekretärin bemühen, die mich in der Firma entlasten konnte, damit ich wenigstens einmal in der Woche pünktlich Feierabend machen könnte.
   Ein Bild erschien vor meinen Augen. Lisa, wie sie vor einem Dreivierteljahr in mein Büro spaziert kam, um sich um die Stelle als Sekretärin zu bewerben. Nicht zu aufreizend gekleidet, dennoch unterstrichen der Bleistiftrock und die Bluse ihre schmale Figur. Mein Körper reagierte damals sofort auf sie, und nach einem kurzen Blick auf ihre Bewerbungsunterlagen stellte ich sie ein. Sie leistete gute Arbeit. Aber bald lag ihr nicht nur mein berufliches Wohl am Herzen, sondern auch mein privates. Trotz meines festen Vorsatzes, Berufliches und Privates zu trennen, schaffte sie es, mich vom Gegenteil zu überzeugen.
   Wütend fuhr ich mir durch die Haare. Ich hätte das unterbinden sollen, dann wäre es nicht so weit gekommen und meine Mutter würde noch leben.
   Das Piepen meines Handys riss mich aus meinen Gedanken und zeigte mir den Empfang einer Textnachricht an. Ella hatte mir die Adresse geschickt. Außerdem schrieb sie, dass ich kein Geschenk mitbringen müsse, es werde vor Ort Geld gesammelt werden. Sehr gut! Das ersparte mir den Zwischenstopp beim Blumenhändler. Ich sollte mich trotzdem langsam auf den Weg machen.
   Max hatte es sich auf meinem Bett bequem gemacht. Ich warf ihm einen mahnenden Blick zu. »Du benimmst dich, und kein Damenbesuch!«

Mia

Ich stand an der Bar und beobachtete die tanzende Menge. Die Party war inzwischen voll im Gange, und alle schienen ihren Spaß zu haben. Besonders Charly, die bisher kaum einen Tanz ausgelassen hatte und sich nun verschwitzt einen Weg zur mir bahnte.
   »Ich brauche dringend etwas zu trinken«, sagte sie mit einem strahlenden Lächeln zu Mike, der ihr grinsend ein Glas Wasser über den Tresen schob. Sie trank gierig und wandte sich an mich. »Hast du den süßen Typen gesehen, mit dem ich eben getanzt habe? Er ist ein Kommilitone von mir. Ich finde ihn echt heiß.«
   »Ja, das ist er. Ich bin allerdings nicht die Einzige, die euch gesehen hat«, erwiderte ich und schmunzelte.
   Charly runzelte die Stirn und sah mich fragend an.
   Ich nickte in Mikes Richtung, der gerade am anderen Ende der Bar leere Gläser einsammelte.
   Als Charly zu ihm aufblickte, trafen sich ihre Blicke, und die Luft schien zwischen den beiden zu knistern. In Mikes Gesicht zeichnete sich eindeutig Begierde ab. Schnell wandte sich Charly wieder zu mir um. Ihre Wangen waren errötet. »Ich gebe zu, er ist auch heiß. Aber ich möchte lieber tanzen, als die ganze Zeit am Ende des Tresens zu sitzen und sein Muskelspiel zu beobachten.« Mit diesen Worten drehte sie sich um und verschwand in der tanzenden Menge.
   »Mia! Endlich haben wir dich gefunden. Hier ist ja ganz schön was los!« Ella stand plötzlich vor mir.
   Ich hätte sie fast nicht erkannt. Sie trug ein lilafarbenes Minikleid und sah umwerfend aus. Im Büro trugen wir eher legere Kleidung. Hinter ihr stand ein gutaussehender großer Typ mit blonden Haaren, die er im Nacken etwas länger trug. Eindeutig der Surfertyp.
   »Ich bin übrigens Marc«, stellte er sich vor und reichte mir die Hand.
   »Hab schon viel von dir gehört. Ich bin Mia. Was möchtet ihr trinken?«
   »Ich nehme gern ein Bier, und für meine Süße lieber etwas Süßes«, antwortete Marc und zog Ella in seine Arme.
   Ein Blinder konnte sehen, dass die beiden unsterblich ineinander verliebt waren.
   »Ein Glas Prosecco oder lieber eine Cola?«, fragte ich meine Arbeitskollegin.
   »Erst mal ein Glas Prosecco, bitte. Nach dem Tanzen steige ich auf Cola um.«
   Ich gab die Bestellung an Mike weiter, und kurz darauf stießen wir an. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Mike mit zusammengezogenen Augenbrauen meine Schwester und ihren Kommilitonen beobachtete. Dann gab er dem DJ ein kurzes Handzeichen, und dieser legte prompt ein schnelleres Lied auf. Mikes Plan schien aufzugehen, denn nun trennte sich Charly von dem Typen und begann, allein und wild im Rhythmus zu tanzen.
   Kaum waren die ersten Töne von You’re gonna go far, Kid von The Offspring erklungen, kreischte Ella neben mir los. »Ich liebe dieses Lied! Komm, lass uns tanzen!« Übermütig griff sie nach meiner Hand und zog mich hinter sich her.
   Tanzend und johlend gesellten wir uns zu Charly.
   Beim Tanzen vergaß ich oft die Welt um mich herum. Als sich Ella und die anderen irgendwann einen Weg zurück zur Bar bahnten, entschied ich mich, kurz hinauszugehen und frische Luft zu schnappen.
   Als die Tür zum Club hinter mir zufiel, atmete ich tief ein. Wir hatten Anfang April, und die Nächte waren noch kühl, doch ich genoss es. Noch bevor ich den Wagen sah, hörte ich ihn. Ein tiefes Brummen, das auf einen großen Motor schließen ließ, wurde immer lauter, bis ein schicker anthrazitfarbener Sportwagen um die Ecke fuhr. Die Scheinwerfer blendeten mich. Der Wagen parkte direkt vor dem Club auf einem Behindertenparkplatz. Wie immer ärgerte ich mich über so ein rücksichtsloses Verhalten. So ein Auto fahren und dann zu faul sein, drei Meter zu laufen.
   Aus dem Wagen stieg wie erwartet kein gebrechlicher, alter Mann mit Krücken, sondern ein echt heißer Typ. Er war groß, bestimmt über einsneunzig, breite Schultern, schmale Hüften. Mit einem etwas schiefen Grinsen kam er auf mich zu. In der Dunkelheit konnte ich seine Augenfarbe nicht gleich erkennen, doch sie waren dunkel. Wie seine verstrubbelten Haare, die aussahen, als würde er öfter mit den Händen hindurchfahren. Seine ganze Erscheinung strahlte Selbstbewusstsein aus.
   Je näher er kam, desto mehr erkannte ich, dass er einer der attraktivsten Männer war, die mir je begegnet waren. »Ist das nicht ein bisschen kalt hier draußen in diesem Kleidchen, oder hat man dich rausgeschmissen?« Seine tiefe Stimme löste ein Kribbeln in meinem Körper aus.
   »Ist das nicht ein bisschen asozial, auf einem Behindertenparkplatz zu stehen, wenn man sich augenscheinlich bester Gesundheit erfreut?«
   Ein Schatten huschte über sein Gesicht, verschwand aber so schnell, dass ich mir nicht sicher war, ob er wirklich da gewesen war.
   »Warte einen Moment!« Er drehte sich um und lief zu seinem Wagen zurück, schwang sich hinter das Steuer und fuhr den PS-Boliden um die Ecke. Kurze Zeit später kam er zu Fuß auf mich zu. »So, vielleicht fangen wir einfach noch mal von vorn an. Hey, ich bin Josch, und ich wollte zur Party von … ähm …verdammt! Ich habe den Namen vergessen. Erzähl das bloß nicht der Gastgeberin. Aber wenn ich dich hier so sehe, dann bin ich auf jeden Fall richtig.« Schmunzelnd zwinkerte er mir zu.
   Ich war völlig überrumpelt. Ich wusste nicht, ob ich empört sein sollte, weil er nicht mal wusste, auf wessen Party er wollte, oder ob ich mich geschmeichelt fühlen sollte, weil ihm mein Erscheinungsbild offenbar gefiel. Oder dachte er, ich wäre so eine typische kleine Partymaus und meinte deshalb, dass er hier richtig wäre?
   »Hallo? Jemand zu Hause?« Er schnippte mit den Fingern vor meinen Augen. »Wollen wir nicht reingehen? Du holst dir sonst noch den Tod hier draußen.« Er legte eine Hand auf meinen Rücken und führte mich zur Tür, die er gentlemanlike öffnete.
   Dort, wo seine Hand meinen Rücken berührte, schien meine Haut zu brennen. Er beugte sich zu mir herunter. »Kannst du mir vielleicht unauffällig die Gastgeberin vorstellen, damit ich ihr gratulieren kann?«, raunte er mir ins Ohr.
   Eine Gänsehaut zog sich über meinen Nacken. Warum hatte er so eine Wirkung auf mich? Weil ich mir nicht sicher war, ob meine Stimme mir gehorchen würde, nickte ich nur und suchte Charly in der Menge.
   Sie stand immer noch mit Ella und Marc an der Bar. Ihr Kommilitone war nicht zu sehen. Langsam bahnten wir uns einen Weg zu ihr, wobei Josch seine Hand nicht von meinem Rücken nahm.

Josch

Wow! Die Frau war der Hammer! Ihr Kleid umschmeichelte bei jedem Schritt ihre schier unendlich langen Beine. Die fast obszön hohen High Heels trugen ihr Übriges zu diesem fantastischen Anblick bei. Sie war nicht übermäßig stark geschminkt, was sie natürlich wirken ließ. Früher war es mir egal gewesen, wie viel Make-up die Frauen trugen. Ich blieb nur bei wenigen bis zum nächsten Morgen, um dann der ungeschminkten Wahrheit ins Gesicht zu sehen.
   Bei diesem Exemplar brauchte ich mich definitiv nicht davor zu fürchten. Sie wäre mit Sicherheit auch ungeschminkt eine Schönheit. Wie sich ihre dunkelbraunen Haare wohl anfühlen würden, wenn ich sie um die Hand wickeln und ihren Kopf daran leicht nach hinten ziehen würde, damit ich sie besser küssen könnte? Ich musste zugeben, diese Frau gefiel mir außerordentlich gut. Es war seit der OP das erste Mal, dass ich mir vorstellte, einer Frau näher zu kommen.
   Während ich ihr durch die Menge folgte, ließ ich meine Hand auf ihrem Rücken. Ich hatte die feine Gänsehaut bemerkt, die ich ihr beschert hatte, als ich ihr ins Ohr geraunt hatte. Vielleicht hatte Ella ja doch recht und es war gut, dass ich mal wieder unter Leute kam und ein bisschen Spaß hatte. Und diese Frau würde Spaß bringen. Da war ich mir nach ihrer bissigen Bemerkung bezüglich meiner Parkplatzwahl ziemlich sicher. Mein Jagdtrieb war geweckt.
   An der Bar erkannte ich Ella und Marc, die sich mit einer zierlichen Blondine in einem heißen roten Kleid unterhielten und lachten. Genau auf diese Gruppe steuerte die Frau zu. Dabei fiel mir auf, dass sie mir bis jetzt nicht mal ihren Namen verraten hatte.
   »Josch! Da bist ja endlich! Warum hast du so lange gebraucht? Ach ja, Mia, ich hatte ganz vergessen, dass ich Josch auch zur Party eingeladen hatte. Tut mir leid, ich hätte dich fragen sollen, ob wir noch jemanden mitbringen dürfen, aber ich fand, er muss unbedingt mal wieder unter Menschen. Doch wie ich sehe, habt ihr euch ja schon kennengelernt.« Ella redete wie immer ohne Punkt und Komma, und so brauchte ich einen Moment, bis mir die Bedeutung ihrer Worte bewusst wurde.
   Na, großartig!
   Die erste Frau, die mir seit Längerem gefiel, und ich stand bis zum Hals im Fettnapf. Etwas zerknirscht grinste ich sie an. »Entschuldige bitte, das ist nun wirklich etwas blöd gelaufen. Ella hat mich seit einer Woche bereits bedrängt, dass ich unbedingt zu dieser Party kommen muss. Dabei hatte ich überhaupt keine Lust auf Party und Feiern und …« Ihre Miene verfinsterte sich, und mir wurde bewusst, dass das, was ich gerade gesagt hatte, auch nicht wirklich nett war. »Fuck!«
   »Sag mal, du hast aber auch nicht gerade in der ersten Reihe gestanden, als der Liebe Gott Höflichkeit und gutes Benehmen verteilt hat, oder? Wenn du eh keinen Bock auf Party hast, kannst du ja deine motorisierte Schwanzverlängerung nehmen und wieder abhauen.« Sie machte auf dem Absatz kehrt und verschwand in der Menge.
   Verblüfft starrte ich ihr hinterher. So eine Abfuhr hatte ich mir schon lange nicht mehr eingefangen.
   »Was war das denn?«, fragte die zierliche Blonde. »Ich bin übrigens Charly, die kleine Schwester dieser Furie, und da ich ebenfalls die Gastgeberin bin, kannst du gern bleiben. Was möchtest du trinken? Bier, Sekt, Cola mit Schuss …«
   »Ein Wasser, bitte!«
   Fragend hob sie eine Augenbraue.
   »Ich muss noch fahren«, fügte ich schnell hinzu. Was nur die halbe Wahrheit war, denn seit der Operation war Alkohol tabu. Aber ich wollte hier nicht meine Lebensgeschichte auspacken.
   Ella sah mich kurz besorgt an, sie wusste, warum ich keinen Alkohol trinken durfte und erinnerte sich in diesem Augenblick garantiert an die Zeit, als ich im Krankenhaus lag. Sie hatte mir erzählt, dass sie während der gesamten Operation im Wartebereich der Intensivstation gesessen hatte, bis ihr die Ärztin versichert hatte, dass alles gut verlaufen war. Sie war auch die erste, die an meinem Krankenbett gestanden hatte, als ich aus dem Koma erwachte.
   Ich vertrieb die trüben Gedanken und warf Ella ein aufmunterndes Lächeln zu, was sie erleichtert erwiderte, während Charly meine Bestellung an den Barkeeper weitergab.
   »Schön, dass du doch gekommen bist. Ich hatte wirklich Angst, du würdest dich drücken«, sagte Ella.
   Marc klopfte mir auf die Schulter. »Danke, Mann, Ella hätte mich garantiert die ganze nächste Woche damit genervt, wie wir dich aus deinem Büro rausbekommen können.«
   »Das konnte ich dir natürlich nicht antun, mein Freund.« Neugierig sah ich mich im Raum um.
   Viele tanzten ausgelassen auf der Tanzfläche. Ich hatte lange nicht mehr getanzt, obwohl ich es liebte. Die Musik war genau nach meinem Geschmack.
   »Hey Josch! Lange nicht gesehen!« Grinsend schob mir der Barkeeper mein Glas Wasser über den Tresen.
   Völlig verblüfft erkannte ich meinen ehemaligen Kommilitonen Mike wieder. Wir hatten uns bestimmt zwei Jahre nicht mehr gesehen. Mike und ich hatten zusammen Abi gemacht und begannen beide zeitgleich zu studieren. An den Wochenenden zogen wir zusammen um die Häuser und rissen auch gemeinsam die eine oder andere Frau auf, doch während ich mich voll auf mein BWL-Studium konzentrieren konnte, weil meine Eltern genug Vermögen hatten, um es zu finanzieren, musste Mike neben seinem IT-Studium hart arbeiten. Er schlug sich unter anderem mit Jobs als Barkeeper durch. Allerdings litt sein Studium unter den durchgemachten Nächten, denn Mike ließ immer mehr Vorlesungen sausen. Wir sahen uns immer seltener auf dem Campus, und als ich mein Studium beendet hatte und in die Firma meines Vaters einstieg, verloren wir uns aus den Augen.
   »Wie lange ist das jetzt her?«, fragte er mich.
   »Gut zwei Jahre.«
   »Bist du immer noch in der Firma deines Vaters?«
   »Ja. Und du? Hast du dein IT-Studium abgeschlossen?«
   »Leider nein. Aber das ist eine lange Geschichte.« Kurz huschte ein Schatten über sein Gesicht.
   »Gib mir doch einfach deine neue Handynummer, und ich rufe dich in den nächsten Tagen an.«
   »Verdammt gute Idee. Ich hab dich vermisst, Mann!« Grinsend nannte er mir die Nummer, und ich speicherte sie in meinem Handy ab.
   Als ich wieder aufsah, beobachtete Mike Charly, die sich lasziv zum Rhythmus der Musik bewegte.
   »Hey, den Blick kenne ich noch von früher«, bemerkte ich und grinste.
   »Ich glaube, ich werde mich nachher auch mal unter das tanzende Volk mischen.«
   »Mach das! Ich werde jetzt erst mal versuchen, meinen Fauxpas von eben wiedergutzumachen.«
   Fragend hob Mike eine Augenbraue.
   »Ist auch eine längere Geschichte«, sagte ich und bahnte mir einen Weg durch die Tanzenden, wobei mein Blick immer wieder vergeblich Mia suchte.
   Als ich den Rand der Tanzfläche gegenüber der Bar erreichte, bemerkte ich einen kleineren Raum dahinter. Um einen Billardtisch standen einige Kerle herum. Fast alle hielten eine Flasche Bier in der Hand und feuerten grölend Mia an, die am Kopf des Tisches stand, vorgebeugt, mit dem Queue in der Hand, und lachend eine Kugel im nächstgelegenen Loch versenkte. Mir stockte der Atem bei diesem Anblick. Ihre Wangen waren gerötet, ihr Kleid durch ihre Haltung hochgerutscht, und durch die High Heels schienen ihre Beine unendlich lang zu sein. Ich stellte mir vor, wie sich ihre Schenkel um meine Hüften anfühlen würden, während ich sie gegen eine Wand drücken und mich tief in ihr versenken würde …
   Wo kamen diese Gedanken denn jetzt her? Ich starrte sie unverhohlen an, als sie meinen Blick zu spüren schien und zu mir aufsah. Sofort verschwand das fröhliche Lachen aus ihrem Gesicht und machte einem überlegenen Gesichtsausdruck Platz. Ohne mich aus den Augen zu lassen, setzte sie das Queue wieder an und beförderte auch die schwarze Acht in ihr dafür vorgesehenes Loch. Dafür erntete sie auch prompt Applaus der Umstehenden. Respekt! Sie spielte offenbar nicht zum ersten Mal.
   Aufmunternd lächelnd reichte sie ihrem etwas zerknirscht aussehenden Gegner die Hand und blickte mich danach herausfordernd an. Es war offensichtlich, dass sie sich hier auf sicherem Terrain bewegte, und dieses Selbstbewusstsein turnte mich an.
   Sie blickte mir in die Augen. »Wie sieht’s aus? Traust du dich, gegen mich anzutreten? Äh … wie war noch mal dein Name? Ich muss ihn vergessen haben.« Mit einem Schmunzeln auf den Lippen kam sie auf mich zu und streckte mir das andere Queue entgegen.
   Wie frech war das denn? Als sie vor mir stand, machte ich einen weiteren Schritt auf sie zu und beugte mich vor. »Dann will ich mal dafür sorgen, dass du meinen Namen so schnell nicht mehr vergisst«, raunte ich ihr ins Ohr. »Ich bin gespannt, wie er sich aus deinem Mund anhört, wenn du unter mir liegst und ihn schreist, während du kommst.« Damit nahm ich ihr das Queue aus der Hand und ging um den Tisch herum.

Mia

Wie unverschämt war das denn? Ging’s noch? Ich spürte, wie mir Röte ins Gesicht stieg. Fassungslos starrte ich ihn an. Während er lässig sein Queue mit einem Stück Kreide bearbeitete, erntete er von den umstehenden Männern Mitleidsbekundungen. Dennoch blieben sie alle, um sich das Spektakel nicht entgehen zu lassen. Das holte mich in die Realität zurück, und ich beschloss, keine Gnade walten zulassen. Ich würde dieses Spiel gewinnen und ihn dann einfach stehen lassen.
   Die Kugeln lagen fertig im Dreieck. Es konnte losgehen.
   »Ladys first!« Gönnerhaft drückte er mir die weiße Kugel in die Hand.
   Unsere Finger berührten sich, und es fühlte sich wie ein leichter elektrischer Schlag an. Ich blickte ihm fest in die belustigt funkelnden Augen.
   Ich konzentrierte mich, machte den ersten Stoß, und tatsächlich verschwand eine Halbe Kugel in einem der Löcher. Die nächsten beiden waren auch kein Problem, und bei der dritten Kugel, die ihr Ziel traf, ging ein Raunen durch die umstehenden Männer. Ich umrundete den Tisch, um eine gute Position für die nächste Kugel zu finden, die ich ins Auge gefasst hatte. Dabei musste ich mich an ihm vorbeischieben, denn er dachte offensichtlich nicht daran, mir Platz zu machen.
   »Erregt dich das Spiel oder bin ich es, der deine Nippel so steif werden lässt?«, raunte er mir von hinten leise ins Ohr, als ich nah bei ihm war.
   Was? Verunsichert sah ich nach unten. Durch den fließenden Stoff waren meine Brustwarzen nicht zu sehen. Dennoch spürte ich, dass sie tatsächlich hart waren, was definitiv nicht am Spiel lag. Hinter mir hörte ich ihn leise lachen.
   Nervös und verunsichert visierte ich die nächste Kugel an und verbockte den Stoß.
   Völlig entspannt umrundete Josch den Tisch und fixierte die Kugeln. Mit seinem ersten Stoß versenkte er zwei Kugeln auf einmal. Einige der umstehenden Männer lachten und prosteten sich gegenseitig zu.
   Ich runzelte die Stirn und musste mit ansehen, wie auch die nächsten zwei Kugeln ihren Weg in die Löcher fanden. Ich kam nicht umhin, das Spiel seiner Muskeln zu beobachten, die sich unter dem Hemd abzeichneten. Auch sein knackiger Hintern war einen zweiten Blick wert.
   »Gefällt dir, was du siehst?« Verschmitzt grinsend sah er kurz zu mir auf, bevor er die fünfte Kugel versenkte.
   Was ging denn hier ab? Ich musste etwas unternehmen, sonst würde er dieses Spiel womöglich noch gewinnen. Na gut! Er wollte spielen? Das konnte er haben! »Puh, ist dir auch so warm? Ich muss unbedingt etwas trinken.« Mit diesen Worten ging ich um den Tisch herum zu meinem Glas Cola. Auf dem Weg dorthin musste ich an ihm vorbei. Zwischen Tisch und ihm blieb ich so dicht vor ihm stehen, dass meine Brüste seinen Körper berührten. Mit einem unschuldigen Augenaufschlag sah ich ihn an. Trotz meiner High Heels musste ich den Kopf anheben, um ihm in die Augen zu sehen. Sie hatten die Farbe von flüssiger Schokolade und verdunkelten sich merklich. Er fixierte mich. Ha! Genau das hatte ich mir erhofft. »Also ich an deiner Stelle würde mich für die rote Drei entscheiden.« Um ihm genau zu demonstrieren, welche Kugel ich meinte, drehte ich mich um und beugte mich ein Stück nach vorn, sodass mein Hintern sich an ihm rieb.
   Als ich ihn hinter mir scharf einatmen hörte, wusste ich, dass ich mein Ziel erreicht hatte. Ich richtete mich wieder auf und ging zu meinem Glas Cola.
   Josch setzte das Queue an und … verbockte den Stoß.
   Ha! Der Punkt ging eindeutig an mich. »Oh, das tut mir jetzt aber leid … äh, wie war doch gleich dein Name?«
   »Josch«, knurrte er, während er mich mit zusammengekniffenen Augen fixierte.
   Als würde ich nichts bemerken, nahm ich mein Queue und versenkte die nächsten zwei Kugeln.
   »Lass uns das Spiel interessanter machen«, schlug er plötzlich vor, sodass ihn alle hören konnten.
   Noch interessanter? Fragend hob ich eine Augenbraue, was ihn lächeln ließ.
   »Gewinnst du, helfe ich euch heute Abend beim Aufräumen. Gewinne ich, schaue ich euch beim Aufräumen zu und fahre dich danach mit meiner … wie nanntest du es doch gleich … motorisierten Schwanzverlängerung nach Hause.«
   Allgemeines Gelächter ertönte unter den Männern. Alle Augen richteten sich auf mich. Ich überlegte kurz und betrachtete die Kugeln auf dem Tisch. Die nächste war nicht das Problem. Doch die letzte lag extrem ungünstig. Seine Kugeln lagen beide in der gleichen Hälfte des Tisches. Was konnte ich schon verlieren? Ich wusste, ich bin gut, wenn ich mich konzentrierte. Und eine helfende Hand beim Aufräumen konnten Charly und ich gut gebrauchen. Sollte ich wider Erwarten verlieren, würde ich kostenlos nach Hause gefahren werden und müsste mir nicht erst ein Taxi rufen. Der Gedanke allerdings, mit ihm zusammen in einem Auto eng beieinander zu sitzen, machte mich extrem nervös.
   »Bist du noch da, Mia?« Fragend schaute Josch mich an. Es klang schön, wie er meinen Namen betonte.
   Jetzt reiß dich zusammen, Mia! »Gut. Einverstanden!« Damit setzte ich das Queue an und versenkte die letzten beiden Kugeln. Jetzt blieb nur noch die schwarze Acht. Sie lag extrem ungünstig. Bei dem Versuch, sie zumindest in die richtige Ecke zu befördern, stieß ich mit der weißen Kugel aus Versehen gegen eine der verbleibenden Kugeln von Josch, sodass ich hilflos mit ansehen musste, wie diese in einem Loch verschwand. »Fuck!«, rutschte es mir raus.
   »Na, na, was ist das denn für eine Ausdrucksweise?« Breit grinsend kam er näher. Der Raum schien irgendwie zu schrumpfen. »Wenn du unbedingt in meinem Wagen durch die Gegend gefahren werden möchtest, hättest du mich auch ganz lieb bitten können. Absichtlich verlieren wäre eine Beleidigung für mich.« Er drehte sich dem Tisch zu und versenkte seine letzte Kugel.
   Nun blieb auch für ihn nur noch die schwarze Acht. Bei den nächsten Stößen schenkten wir uns beide nichts. Er war wirklich gut. Gerade lag die Kugel perfekt für ihn.
   In dem Moment, als er zustoßen wollte, kam Ella in den Raum, und mit einem »Ach, hier bist du!« schlug sie ihm schwungvoll auf den Hintern.
   Der Stoß ging voll daneben.
   Als sich Josch aufrichtete und sich zu Ella umdrehte, war der Blick, den er ihr zuwarf, unbezahlbar. Ich musste dermaßen lachen, dass mir Tränen in die Augen stiegen.
   »Na, schönen Dank auch, Ella! Wer dich zur Freundin hat, braucht keine Feinde mehr. Du schuldest mir was«, brummte Josch.
   Ella lachte nur fröhlich. Ich hingegen sah meine Chance, dieses Spiel zu gewinnen, konzentrierte mich, stieß zu und versenkte die schwarze Kugel im richtigen Loch.
   Ich hatte gewonnen! Die umstehenden Männer applaudierten und verließen bis auf wenige den Raum.
   Josch kam auf mich zu. Ganz dicht vor mir blieb er stehen, sodass ich den feinen Duft seines Aftershaves wahrnehmen konnte. Er hob sein Glas und stieß mit mir an. »Auf deinen Sieg, Mia!«
   »Auf meinen Sieg!« Ich trank einen Schluck, lächelte ihn an, drehte mich um und verließ den Raum.

Josch

Wow! Erst einmal durchatmen! Die Frau hatte Klasse! Es gab nur wenige Menschen, die mir beim Billard das Wasser reichen konnten, aber Mia war wirklich gut. Es hatte mich beeindruckt, wie sie konzentriert die Kugeln eine nach der anderen versenkte. Der Versuch, sie abzulenken, war allerdings letztendlich nach hinten losgegangen. Mir gefiel es, dass sie Kampfgeist zeigte. Würde sie sich im Bett ebenso gegen ihre Unterwerfung wehren?
   Mann, reiß dich zusammen!
   Ich spürte, wie ich allein bei dem Gedanken an Mia in meinem Bett hart wurde.
   Ella und Marc standen in der Ecke und unterhielten sich. Hier war die Musik nicht ganz so laut, sodass man sich nicht die ganze Zeit anschreien musste.
   Als Marc mich bemerkte, schmunzelte er. »Sag bloß, du hast sie gewinnen lassen? So schlimm war dein Fauxpas von vorhin nun auch nicht.«
   »Von wegen gewinnen lassen«, brummte ich. »Sie hat die Situation ausgenutzt und mich eiskalt geschlagen.«
   Ella lachte auf und ließ sich von Marc in seine Arme ziehen. »Und was machst du jetzt?«
   »Jetzt geh ich tanzen, und nachher räume ich auf.« Ich bahnte mir einen Weg zu Mike. Als ich an der Bar ankam, grinste er mich breit an.
   »Du hast dich beim Billard schlagen lassen? Dein Ernst?« Er konnte sich das Lachen kaum verkneifen.
   »Hat sich ja schnell herumgesprochen«, brummte ich.
   Als Mike nicht reagierte, folgte ich seinem finsteren Blick über die tanzende Menge. Definitiv beobachtete er Mias Schwester Charly, wie sie mit einem jungen Typen eng umschlungen tanzte. »Kann es sein, dass du ein Auge auf diese Charly geworfen hast?«
   »Was?« Irritiert sah Mike mich an.
   »Du hast mich schon verstanden.« Ich lachte.
   »Ja, sie gefällt mir. Aber solange ich hier hinter der Theke festsitze, habe ich kaum eine Chance, an sie heranzukommen. Dieser junge Schnösel kann kaum die Finger bei sich behalten.«
   »Wird Zeit, die alten Zeiten wieder aufleben zu lassen. Du brauchst dringend einen Wingman, Kumpel.« Ich wandte mich um und kämpfte mich zwischen den Tanzenden Richtung Charly und diesem Typen durch. Als ich die beiden endlich erreichte, schrie ich ihm ins Ohr, dass eine junge Frau im Billardzimmer nach ihm gefragt habe und er dringend mal dorthin gehen solle.
   Er sah mich zwar irritiert an, machte sich dann aber doch auf den Weg.
   Charly zog fragend eine Augenbraue hoch, tanzte aber weiter. Teil eins meines Plans hatte funktioniert. Auch ich begann, mich zur Musik zu bewegen und merkte, wie gut es mir tat. Während ich tanzte, entspannte ich mich und überlegte, wie ich Charly dazu bringen konnte, zu Mike zu gehen, denn von hier aus nahm sie ihn gar nicht wahr.
   Plötzlich sah ich in zwei türkisfarbene Augen. Mia schrie ihrer Schwester etwas ins Ohr. Ich konnte zwar aufgrund der lauten Musik nicht alles hören, aber sie sollte wohl kurz etwas mit Mike besprechen.
   Charly nickte und machte sich auf den Weg Richtung Bar. Da hatten Mia und ich wohl dieselbe Idee gehabt.
   Als sie sich zu mir drehte, erklangen die ersten Töne von Imany – Don’t be so shy, und ich fing automatisch an, mich zum mitreißenden Beat des Songs zu bewegen. Sie schmunzelte und begann ebenso wie ich zu tanzen. Ich sah ihr fest in die Augen und ließ meine Hüften im Rhythmus kreisen. Sie hob die Arme über ihren Kopf, um sie an ihrem Körper hinuntergleiten zu lassen, während sie sich geschmeidig im Takt der Musik bewegte. Ich begann, mich um sie herum zu bewegen. Dem ein oder anderen gefiel wohl unsere Show, und so ließen sie uns mehr Platz für unsere spontane Darbietung. Sie weiterhin umkreisend, ließ ich sie nicht aus den Augen. Als ich hinter ihr war, zog ich sie an den Hüften dicht an meinen Körper, sodass ich ihr angenehmes Parfüm wahrnehmen konnte. Sie schmiegte sich an mich und ging mit einer schlängelnden Bewegung vor mir in die Knie, um sich elegant wieder nach oben gleiten zu lassen. Gott, diese Frau brachte mich um!
   Ich griff nach ihrer Hand über ihrem Kopf und drehte sie zu mir herum. Sie fühlte sich perfekt in meinen Armen an. Zwischen uns passte kein Blatt mehr, und während wir unsere Becken erotisch miteinander kreisen ließen, konnte ich meine Erektion kaum noch vor ihr verbergen. Dann warf sie mir einen herausfordernden Blick zu und ging wieder mit wiegenden Hüften vor mir in die Knie, während sie ihre Hände aufreizend über meine Oberschenkel gleiten ließ. Ich zog scharf die Luft ein. Die Beule, die sich in meiner Jeans mittlerweile gebildet hatte, konnte ihr nicht entgangen sein.
   Überlegen lächelnd kam sie wieder nach oben und begann, mich im Rhythmus der Musik zu umkreisen, während ich weiter mit erotischen Bewegungen zur Musik tanzte und sie mit meinem Blick verfolgte. Die sexuelle Spannung zwischen uns war fast greifbar. Gerade, als sie wieder vor mir angekommen war, ging der Song in einen anderen über, den ich nicht kannte, und der Zauber war vorbei.
   Mia schien ebenso wie ich wie aus einer leichten Trance zu erwachen und drehte sich zu Ella und Marc um, die in diesem Moment zu uns stießen. Lachend sprach ihr Ella etwas ins Ohr und die beiden zogen kichernd davon.
   »Fuck! Ella muss dringend an ihrem Timing arbeiten.«
   »Also, ich finde ihr Timing eigentlich immer perfekt«, ließ Marc verlauten, während er seiner davongehenden Freundin auf den Hintern starrte.
   Kopfschüttelnd klopfte ich ihm auf die Schulter. »Wollen wir was trinken? Könnte jetzt eine Abkühlung gebrauchen.«
   Marc nickte, und so machten wir uns auf den Weg zur Bar. Das Tanzen hatte mich mehr Kraft gekostet, als ich mir eingestehen wollte. So viel zu der Idee, das tägliche Training wieder aufnehmen zu wollen …
   Mike schob mir ein Glas Wasser über den Tresen und betrachtete mich skeptisch. »Früher hast du die ganze Nacht durchgetanzt. Was ist los, Alter? So eine heiße Braut kannst du dir doch nicht entgehen lassen.«
   »Ist eine längere Geschichte. Was hältst du davon, wenn ich dich mal für eine Weile hinter dem Tresen vertrete und du mit Charly, die dich übrigens die ganze Zeit über beobachtet, auf die Tanzfläche verschwindest?«
   Mike warf einen kurzen Blick über die Schulter, woraufhin Charly errötete und schnell in eine andere Richtung sah. Grinsend warf er mir ein Handtuch zu. »Das ist eine verdammt gute Idee! Danke, Mann, ich schulde dir was!« Mit einer erstaunlichen Leichtigkeit sprang er über den Tresen und zog sofort Charlys Aufmerksamkeit auf sich.
   Während ich mich hinter die Theke begab, beobachtete ich in den Augenwinkeln, wie Mike Charly etwas ins Ohr flüsterte und sie an der Hand hinter sich Richtung Tanzfläche herzog.
   Den restlichen Abend verbrachte ich hinter der Theke, was mir erstaunlichen Spaß machte. Mike und Charly tanzten ununterbrochen miteinander. Ihren Kommilitonen hatte sie scheinbar schon vergessen.
   Mia und ich verloren uns immer wieder aus den Augen. Gegen drei Uhr lichtete sich die Tanzfläche merklich, und eine Stunde später verabschiedeten sich auch die letzten Gäste, zu denen auch Marc und Ella gehörten.
   »Kommst du mit oder bleibst du noch?«, fragte Ella.
   »Spielschulden sind Ehrenschulden. Ich bleibe noch und helfe wie versprochen beim Aufräumen.«
   »Übernimm dich nicht!« Ella sah mich besorgt an. Offenbar war ihr nicht entgangen, dass ich nach unserer kleinen Showeinlage vorhin nicht mehr getanzt hatte.
   »Ich bin schon ein großer Junge und kann gut allein auf mich aufpassen.«
   Ella lachte, umarmte mich und gab mir zum Abschied einen Kuss auf die Wange. Auch Marc und ich verabschiedeten uns. Ich brachte sie noch nach draußen und schloss die Tür hinter ihnen. Als ich mich umdrehte, musste ich schmunzeln. Mitten auf der Tanzfläche sah ich die schwarzen High Heels von Mia liegen. Ich ging hin und hob sie auf.
   Charly kam aus dem Billardzimmer. »Na, sucht der Prinz die passende Prinzessin zu diesen Schuhen?«
   Auch ich musste lächeln.
   »Sie ist hinten bei den Toilettenräumen und zieht sich um. War vorhin übrigens eine heiße Tanzeinlage von euch.«
   In diesem Moment kam Mia um die Ecke. Sie trug eine enge Jeans, ein rotes T-Shirt mit V-Ausschnitt und Sneakers. Ich fand, sie sah noch immer umwerfend aus.
   »Du bist ja noch hier.« Das klang halb fragend, halb verwundert.
   »Na klar. Ich habe versprochen, aufzuräumen, also tue ich das auch. Hier, die habe ich gefunden. Sollten sie dir passen, wirst du mit der Kutsche des Prinzen nach Hause gefahren.« Grinsend hielt ich ihr ihre Schuhe hin.
   Auf ihrem Gesicht erschien ein schüchternes Lächeln. »Danke.«
   Ich zuckte kurz mit den Schultern und begann, Dinge aufzuheben, die auf den Boden gefallen waren. Als ich mich zum wiederholten Mal nach etwas bückte, ziepte meine Narbe heftig, und ich musste mich an einem Hocker festhalten, der neben mir stand.
   Mia war das nicht entgangen, und sie kam direkt zu mir. »Ist alles okay? Ist dir schwindelig? Hast du vielleicht zu viel getrunken?«
   »Das kann nicht sein! Er hat den ganzen Abend nur Wasser getrunken«, sagte Mike, der gerade die Theke abwischte.
   Fragend hob Mia eine Augenbraue.
   Ich zuckte mit den Schultern. »Na ja, der Kutscher sollte immer nüchtern bleiben.«
   Mia lächelte. Es gefiel mir, dass ich sie zum Lächeln bringen konnte.
   Mike kam zu uns und klopfte mir auf die Schulter. »Wenn du unbedingt deine Spielschulden begleichen willst, dann komm einfach morgen Nachmittag her und hilf uns beim Wischen. Die Mädels haben mir netterweise angeboten, ebenfalls zu helfen.«
   Kurz wollte ich ablehnen, doch dann willigte ich ein. Die Aussicht, Mia in ein paar Stunden schon wiederzusehen, ließ mich lächeln. »Okay. Sorry, aber mein Tag war heute vielleicht doch ein bisschen lang.«
   »Kein Ding! Wir sehen uns nachher«, erwiderte Mia.
   Als ich mich umdrehte, bekam ich noch mit, dass sie ihrer Schwester einen zweifelnden Blick zuwarf. Verdammt! Jetzt dachte sie, ich wäre so ein luschiger Bürosesselpupser, der nach einem bisschen Party schon schlappmacht.
   Etwas geknickt ging ich zu meinem Wagen, ließ mich hinter das Steuer gleiten und genoss für einen Moment den Geruch des Leders. Ich musste schmunzeln. Zugegeben, ich mochte meine motorisierte Schwanzverlängerung.

Kapitel 2
Mia

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, fühlte ich mich alles andere als ausgeschlafen. Nachdem Josch gegangen war, hatten Mike, Charly und ich noch die Tische und Stühle zusammengeschoben, sodass wir nachher nur noch durchwischen mussten.
   Josch …
   Bei dem Gedanken an ihn kribbelte es angenehm in meinem Bauch. Ich lächelte, als ich daran denken musste, wie unangenehm es ihm gewesen war, dass er meinen Namen nicht gewusst hatte.
   O mein Gott!
   Mir schoss das Blut ins Gesicht, als ich mich erinnerte, wie ich ihn beim Billard und später beim Tanzen angemacht hatte. Eigentlich war ich eher zurückhaltend. Aber irgendetwas an ihm hatte mich provoziert. Außerdem war ich davon ausgegangen, dass ich ihn wahrscheinlich eh nicht mehr wiedersehen würde. Und nun würde er mir in ein paar Stunden schon wieder gegenüberstehen. Wenn er überhaupt kam. Er schien völlig erschöpft gewesen zu sein. Bei seiner körperlichen Konstitution hätte ich nicht gedacht, dass ihn ein Arbeitstag und eine anschließende Party so fertigmachen würden.
   Ein Blick auf die Uhr verriet, dass es bereits kurz nach zehn war. Nach einer heißen Dusche und einer Tasse dampfend heißem Kaffee fühlte ich mich schon viel besser.
   Gegen 14 Uhr war ich mit Charly in der Bar verabredet. Also hatte ich noch genug Zeit, ein bisschen aufzuräumen und anschließend auf der Couch zu entspannen und Musik zu hören.

Ein lautes Klingeln riss mich aus dem Schlaf. Kurz war ich etwas orientierungslos. Verflixt! Ich war auf dem Sofa eingeschlafen. Schnell schaute ich auf mein Handy. Ich hatte noch etwa eine dreiviertel Stunde Zeit, bis ich mich mit Charly treffen wollte. Da schrillte schon wieder die Türklingel.
   »Jaja, ich komme ja schon!« Wahrscheinlich war es Charly, um mich abzuholen, weil sie schon damit gerechnet hatte, dass ich verschlafen würde. Pünktlichkeit war noch nie eine meiner Stärken gewesen. »Eine alte Frau ist doch kein ICE!« Ich riss die Tür auf. »Josch!« Erschrocken wich ich einen Schritt zurück.
   »Wie schön! Du hast dir also endlich meinen Namen gemerkt, Mia.« Breit grinsend schlenderte er in mein Wohnzimmer, als ob er hier zu Hause wäre.
   Immer noch sprachlos, schloss ich die Tür und drehte mich zu ihm um. »Komm ruhig rein, und lass dich nicht aufhalten«, zickte ich ihn an.
   Unbeeindruckt ging er weiter Richtung Balkon.
   »Was machst du hier? Woher hast du meine Adresse?« Und warum siehst du nach so einer Nacht so verdammt attraktiv und ausgeschlafen aus?
   »Also erstens bin ich hier, um dich abzuholen, und zweitens war mir Ella nach ihrer Aktion im Billardzimmer etwas schuldig.« Während er sprach, sah er sich weiter in meinem Wohnzimmer mit angrenzender offener Küche um.
   Wie gut, dass ich aufgeräumt hatte. Er legte eine Papiertüte, die ich bis eben nicht bemerkt hatte, auf den Tresen, der den Küchenbereich vom Wohnzimmer trennte. Bei dem Geruch nach frischen Brötchen und Croissants lief mir das Wasser im Mund zusammen. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich noch nichts gegessen hatte. »Sind da etwa frische Brötchen drin?«, fragte ich, ehe ich mich zurückhalten konnte. Schon ging ich hin und öffnete die Tüte. »Mhm, das duftet verführerisch.«
   »Hm, ich finde, du duftest verführerisch.«
   Ich hatte nicht bemerkt, dass er sich hinter mich gestellt hatte.
   Schnell schnappte ich mir ein Croissant, biss hinein und drehte mich zu ihm um. Ich schloss die Augen und stöhnte genüsslich. Ich liebte Croissants!
   »Wow! Das war jetzt doch einfacher als ich dachte, dich zum Stöhnen zu bringen.« Er lachte, und seine Stimme verstärkte das Kribbeln in meinem Bauch.
   Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss und schob mich an ihm vorbei, um mich hinter den Tresen in die Küche zu retten.
   »Gestern Abend warst du nicht so schüchtern.«
   Verdammt! Ich hatte das Gefühl, dass sich nun das gesamte Blut aus meinem Körper in meinem Gesicht gesammelt hatte. Schnell drehte ich mich von ihm weg und nahm zwei Teller aus den Hängeschränken. Ich stellte sie mit Butter, Marmelade, Honig, ein bisschen Käse und Aufschnitt auf den Tresen.
   Josch hatte auf einem der Barhocker Platz genommen und beobachtete mich.
   Nachdem der Tisch gedeckt war, nahm ich mir ein Brötchen, schnitt es auf und hielt ihm beide Hälften hin. »Oben oder unten?«
   Joschs Grinsen war mehr als anzüglich. »Normalerweise lieber oben, aber bei Brötchen lieber unten.« Er griff sich die untere Brötchenhälfte und begann, sie mit Butter zu bestreichen.
   »Da ergänzen wir uns ja großartig, denn ich steh mehr auf unten. Nur bei Brötchen mag ich oben mehr«, konterte ich frech, während ich versuchte, mein klopfendes Herz zu beruhigen.
   Er hielt für einen Moment inne, und seine Augen verdunkelten sich und nahmen die Farbe von geschmolzener Zartbitterschokolade an. Als wir beide gleichzeitig nach der Marmelade griffen, berührten sich unsere Finger einen Augenblick. Es fühlte sich wie ein leichter Stromschlag an, und mein Herz schlug noch schneller.
   Herrje! Vielleicht hatte Charly ja recht, und ich war einfach untervögelt und reagierte deshalb schon bei der kleinsten Berührung oder einer zweideutigen Bemerkung völlig über.
   Als wir fertig waren, räumte ich alles zurück, während Josch unsere Teller abspülte. Fast wie bei einem alten Ehepaar. Bei dem Gedankengang musste ich lachen.
   Josch drehte sich zu mir um. »Was ist denn so lustig? Darf ich mitlachen?«
   Das konnte ich ihm unmöglich erzählen, also zuckte ich nur mit den Schultern. »Wir müssen langsam los. Ich bin in zwanzig Minuten mit Charly verabredet.«
   »Keine Angst! Mit meiner motorisierten Schwanzverlängerung schaffen wir es in fünfzehn.« Er ging grinsend zur Wohnungstür und hielt sie mir auf.
   Sein Wagen parkte vor der Haustür. Bei Licht betrachtet war es wirklich ein schickes Geschoss. Es juckte mich in den Fingern, ihn zu fragen, ob ich es auch mal fahren dürfe.
   »Also gestern Abend hast du mich mit genau dem gleichen bewundernden Blick angesehen. Ich könnte fast eifersüchtig werden«, raunte er mir zu.
   Schon wieder wurde ich rot. Würde das jetzt mein neuer Gesichtsteint in seiner Nähe werden? Schmunzelnd hielt er mir die Beifahrertür auf.
   Innen roch es angenehm nach neuem Leder und nach Josch. Ein feiner Hauch seines Aftershaves lag in der Luft. Der Sitz war ergonomisch so geformt, als würde er mich umarmen.
   Josch ging ums Auto herum und zupfte einen Zettel unter seinem Scheibenwischer hervor. Kurz überflog er ihn, dann steckte er ihn in die Tasche seiner Jeans. Fluchend stieg er ein. »Wozu soll bitte schön dieses verfickte Anwohnerparken eigentlich gut sein? Hier gibt es doch genug Parkplätze. Nur, damit die Leute direkt vor ihrer Haustür parken können und nicht drei Meter weiter laufen müssen?« Wütend startete er den Motor.
   »Nur zur Info: Es gibt hier genug Parkplätze, seit das Anwohnerparken eingeführt wurde. Vorher musste man manchmal bis zu zwei Querstraßen weiter weg parken. Und das mit der Faulheit der Leute sagt ja genau der Richtige.« Auffordernd sah ich ihn an und zog eine Augenbraue in die Höhe.
   Sein Gesicht verzog sich zu einem Lächeln und zog meine Aufmerksamkeit auf seine Lippen. Wie sie sich wohl anfühlten, wenn er mich küssen würde?
   Äh, Moment mal. Stopp! Ganz falscher Gedanke, Mia!
   Schnell sah ich wieder nach vorn, jedoch wurde ich das Gefühl nicht los, dass er meinen Blick bemerkt hatte.
   Sicher und entspannt manövrierte Josch den Wagen durch den Verkehr, der am Sonntag ruhiger war als unter der Woche. »Möchtest du Musik hören?«
   »Gern. Was hast du denn so?«
   »Hast du deine Musik auf deinem Handy? Dann kannst du deine Playlist über das Autoradio abspielen.«
   Ich zog mein Handy aus der Tasche und koppelte es mit seinem Radio. Einen Augenblick später erklang der harte Sound von No more sorrow von Linkin Park aus den Lautsprechern.
   Verblüfft sah Josch zu mir rüber. »Krasser Musikgeschmack für eine Frau.«
   »Ja, ich mag es gern ein bisschen härter«, antwortete ich spontan, bevor mir bewusst wurde, was ich da gesagt hatte und mein Gesicht mal wieder einer überreifen Tomate Konkurrenz machte.
   Stärker als nötig bremste Josch vor einer roten Ampel ab und grinste mich an.
   O Gott! Warum musste er so gut aussehen? Verzweifelt versuchte ich, mich aus dieser peinlichen Situation zu retten. »Also … äh … ich meine … also …«, stotterte ich hilflos, während er sich weiter zu mir beugte und sein Gesicht nur noch wenige Zentimeter von meinem entfernt war.
   Ein Hupen ertönte hinter uns. Die Ampel war auf Grün umgesprungen, und Josch schaltete fluchend in den ersten Gang. Dann trat wieder ein Lächeln in sein Gesicht. »Ich mag es auch gern etwas härter. Das hätten wir also schon mal gemeinsam.«
   Meine Wangen fühlten sich an, als würden sie in Flammen stehen. Verdammt! Für mich war klar, dass ich über Musik gesprochen hatte, aber ob Josch mit dieser Aussage seinen Musikgeschmack oder aber sexuelle Vorlieben meinte, konnte ich nicht erkennen. Während ich noch überlegte, was ich mit seiner Bemerkung anfangen sollte, bogen wir in die Straße ein, in der sich die Bar befand.
   Josch steuerte natürlich wieder direkt auf den Behindertenparkplatz vor der Tür zu. Als er den Wagen geparkt hatte, sah er kurz zu mir rüber.
   Ich zog fragend eine Augenbraue nach oben.
   Schnaubend protestierte er. »Wie viele Behinderte wollen uns denn beim Wischen helfen?«
   »Könnte es sein, dass du zu faul bist, drei Meter weiter zu laufen?«
   Seufzend ließ er den Motor wieder an und parkte ein paar Meter weiter. »Zufrieden?«
   »War doch gar nicht so schwer.« Grinsend stieg ich aus, und wir liefen zum Eingang.
   Drinnen warteten bereits Charly und Mike auf uns. Mit dem Rücken zu uns waren sie fleißig mit Mob und Wischeimer beschäftigt.
   »Hey Schwesterherz! Du bist wie immer zu spät! Wir haben schon mal angefangen«, rief Charly, ohne sich umzudrehen.
   »Das ist diesmal nicht meine Schuld. Die motorisierte Schwanzverlängerung war doch langsamer als erwartet.«
   Josch warf mir einen bösen Blick von der Seite zu, während Mike ihm lachend auf die Schulter klopfte.
   »Oh! Du hast Verstärkung mitgebracht. Hey Josch«, begrüßte Charly ihn nun ebenfalls.
   »Eimer und Wischmopps findet ihr hinten bei den Toiletten. Zu viert ist das hier schnell geschafft«, erklärte Mike und widmete sich wieder dem Boden.
   Josch und ich schnappten uns das Putzzeug, und innerhalb einer halben Stunde waren wir mit allem fertig. Zufrieden schaute ich mich um.
   Mike hatte inzwischen das Leergut vor die Tür gebracht. »Na, das sieht doch prima aus. Charly, könntest du mir bitte noch helfen, das Leergut in mein Auto zu bringen?« Er bedachte sie mit einem eindringlichen Blick, der keine Ausrede zuließ.
   »Ja klar, gern. Ihr zwei könnt ja inzwischen das Putzzeug wegräumen.« Mit diesen Worten folgte sie Mike.
   Josch kam langsam auf mich zu. Plötzlich wurde mir seine Anwesenheit mehr als bewusst. »Und was machen wir zwei Hübschen hier, solange wir auf die beiden warten?«, raunte er mir ins Ohr.
   Eine feine Gänsehaut zog sich meinen Nacken entlang. »Sind die Toilettenräume überhaupt schon sauber?«, fragte ich, um dieser intimen Situation zu entkommen. Nervös fuhr ich mir mit der Zunge über die Unterlippe.
   Josch starrte auf meinen Mund. »Mach das noch mal.«
   »Die Toilettenräume putzen?«
   »Was?« Irritiert sah er mir in die Augen und schien wieder zu sich zu kommen. »Ach, vergiss es einfach. Ich war mit meinen Gedanken ganz woanders.«
   Wir brachten das Putzzeug in eine kleine Kammer im hinteren Teil der Bar. Dann gingen wir nach draußen, um zu sehen, ob wir Mike und Charly noch helfen konnten. Als ich die Tür öffnete und die Straße nach den beiden absuchte, entdeckte ich sie wild knutschend an einen kleinen Transporter gelehnt.
   Josch grinste. »Ich habe das Gefühl, die beiden können auf unsere Hilfe gerade ganz gut verzichten. Was hältst du davon, wenn wir etwas Essen gehen? Ich kenne da einen Italiener bei mir um die Ecke, der macht die beste Pizza der Welt.« Er strahlte mich an wie ein kleiner Junge, der gerade sein Weihnachtsgeschenk geöffnet hatte.
   »Aber wir haben doch gerade erst gefrühstückt«, gab ich zu bedenken.
   »Das Frühstück diente dazu, die verlorenen Kraftreserven der letzten Nacht aufzufüllen. Jetzt brauchen wir noch eine Mahlzeit, die uns genügend Energie für den Tag liefert.«
   Ich verkniff mir ein Schmunzeln und beäugte ihn stattdessen skeptisch.
   »Bitte, Mia!« Er zog einen Schmollmund.
   Automatisch musste ich nun doch grinsen. »Also gut, dann lass uns fahren.«
   Josch strahlte über das ganze Gesicht. Wir stiegen in sein Auto, und er fädelte den Wagen wieder sicher durch den Verkehr. Mein Handy hatte sich automatisch wieder mit seinem Radio verbunden, und so hörten wir auf dem Weg zur Pizzeria den Rest vom Album Minutes to Midnight.
   »Wo hast du eigentlich so gut Billard spielen gelernt?«, fragte ich, als wir an einer roten Ampel hielten.
   Josch schmunzelte. »Na, so gut scheine ich es ja nicht draufzuhaben. Immerhin hast du mich geschlagen.«
   »Das war pures Glück. Wäre Ella nicht dazugekommen, hättest du gewonnen.«
   »Ja, vielleicht. Mike und ich sind früher oft zusammen um die Häuser gezogen. Wir merkten schnell, dass es spielend einfach war, beim Billard Körperkontakt zu Frauen herzustellen. Du weißt schon … ihnen zu zeigen, wie man das Queue richtig hält, wie man sich positioniert, um die Kugel im richtigen Winkel zu treffen.« Er sah kurz zu mir rüber und zwinkerte mir zu.
   Warum klang aus seinem Mund bloß alles nach Sex?
   »Jedenfalls konnten wir die Aufmerksamkeit der Ladys nur auf uns ziehen, indem wir besser als die anderen Kerle spielten. So übten Mike und ich immer nachmittags, um das Erlernte abends anzuwenden.« Breit grinsend sah er mich wieder an.
   Ich musste lachen, weil ich mir die beiden als halbstarke Jugendliche gut vorstellen konnte. »Hat es funktioniert?«, fragte ich ihn schelmisch.
   »Damals ja.«
   »Und heute?«
   »Weiß ich noch nicht, aber bis jetzt sieht es ganz gut aus.« Wieder warf er mir einen Blick aus seinen wunderschönen braunen Augen zu. »Und was ist mit dir? Warum kannst du so gut spielen?«
   »Ich habe als Jugendliche Billard spielen gelernt, um nicht von Kerlen wie dir und Mike so plump angemacht zu werden«, gab ich zwinkernd zurück.
   »Autsch!«, kommentierte er meine Antwort und fasste sich theatralisch an sein Herz.
   Automatisch musste ich lachen, und er stimmte mit ein. Kurz darauf bogen wir in eine Nebenstraße ein und hielten vor einer Pizzeria. Um draußen zu sitzen war es leider noch zu kalt, und so gingen wir rein und suchten uns einen netten Tisch am Fenster.
   Die Kellnerin, die nach ihrem Aussehen wirklich eine italienische Mama hätte sein können, fragte nach unserer Bestellung.
   »Also, ich nehme vorab die Bruschettas, dann eine Pizza Rucola et Parma und eine Cola, bitte. Ach ja, und könnten Sie mir bitte noch die Dessertkarte bringen?«
   »Für mich bitte eine Pizza Mista und ein alkoholfreies Bier.«
   Die Kellnerin notierte unsere Wünsche und kam kurz darauf mit unseren Getränken wieder.
   Josch sah mich verblüfft an. »Erst wolltest du gar nichts essen und jetzt bestellst du die halbe Speisekarte?«
   »Ich gebe zu, ich habe eine Schwäche für die italienische Küche, und als mir eben dieser herrliche Duft nach frischen Kräutern und frisch gebackenem Brot in die Nase gestiegen ist, habe ich plötzlich Hunger bekommen.«
   »Du wirst es nicht bereuen. Francesca macht die beste …«
   Doch ich hörte ihm nicht mehr zu. Mein Blick wanderte zum Eingang, wo soeben ein Mann die Pizzeria betreten hatte. Ich kannte diesen Mann nur zu gut und hatte mir gewünscht, ihn nie wieder sehen zu müssen.

Josch

Mia sah aus, als hätte sie einen Geist gesehen. Ihrer steifen Körperhaltung und ihrer Mimik nach zu urteilen, schien es keine angenehme Begegnung zu sein.
   Augenblicklich verspannte auch ich mich, denn es war offensichtlich, dass Mia mit diesem Mann etwas verband. Ich beobachtete beunruhigt, wie sie ihre Hände in ihrem Schoß knetete und sich ihre Lippen zu einem schmalen Strich verzogen, während der Typ ihr einen kurzen Blick zuwarf, zum Tresen ging, zwei Pizzen bestellte, sich umdrehte und auf unseren Tisch zukam.
   Mia waren die Fluchtgedanken auf die Stirn geschrieben.
   »Hey Mia! Schön, dich zu sehen. Du siehst wie immer umwerfend aus.« Ein schleimiges Lächeln erschien auf seinen Lippen. Dass er sich für unwiderstehlich hielt, war nicht zu übersehen.
   »Chris.« Mias Stimme klang fest und abweisend, obwohl ich hätte schwören können, dass sie sich nicht halb so selbstbewusst fühlte, wie sie sich gab.
   Dieser Chris warf mir einen kurzen Blick zu, bevor er offenbar entschied, mich zu ignorieren. »Es tut mir leid, wie das mit uns gelaufen ist«, sagte er leise. »Ich würde mich gern mal mit dir in den nächsten Tagen in Ruhe unter vier Augen unterhalten.« Er warf mir einen eindeutigen Blick zu, der mir zu verstehen geben sollte, dass ich bei diesem Gespräch unerwünscht war.
   »Ich weiß nicht, was das bringen sollte«, presste Mia hervor.
   Ich sah ihr an, wie schwierig diese Situation für sie war.
   »Bitte, Mia, du musst mich verstehen! Ich …«
   »Mia muss gar nichts verstehen!« Ich war aufgestanden und sah ihm in die Augen. Er war genauso groß wie ich und von kräftiger Statur.
   In seinen Augen erkannte ich unverhohlenen Hass, der mich kurz irritierte. »Und warum mischst du dich hier ein?«
   »Weil ich das Gefühl habe, dass es Mia in deiner Gegenwart nicht gut geht«, presste ich hervor. »Ich glaube, es wäre besser, du würdest deine Pizzen nehmen und verschwinden.«
   »Was bildest du blöder Wichser dir eigentlich ein?« Er wandte sich an Mia. »Ist er dein neuer Stecher? Wusste gar nicht, dass du auf Yuppie-Arschlöcher stehst. Hast dich ja schnell über mich hinweggetröstet.« Er sah mich wieder an. »Und du siehst tatsächlich so aus, als ob du auf langweiligen Blümchensex stehen würdest. Mehr hat sie nämlich im Bett nicht drauf!«
   Was zu viel war, war zu viel! Ich packte den Kerl am Kragen und starrte ihm in die Augen. Hasserfüllt erwiderte er meinen Blick, machte jedoch keine Anstalten, sich gegen mich zu wehren. Gut so! Dabei schlug mir sein Atem entgegen, und ich nahm eine leichte Alkoholfahne wahr. Während ich ihn mit meinem gesamten Körpergewicht rückwärts schob, zwickte meine Narbe zwar, aber das war mir scheißegal.
   »Josch! Nicht!«
   Was? Irritiert drehte ich mich halb zu Mia um, die inzwischen auch aufgestanden war.
   »Er ist es nicht wert.«
   Ich ließ den Mistkerl los, und während er sich die Kleidung richtete, sah er Mia an. »Schlampe!«, zischte er und wandte ab.
   »Chris?«
   Er drehte sich um und fing sich eine schallende Ohrfeige von Mia ein.
   Der Abdruck ihrer Hand war deutlich auf seiner Wange zu sehen, und er fasste sich ungläubig an die Stelle, wo Mia ihn getroffen hatte. Sie hatte erstaunlich fest zugeschlagen, das hätte ich ihr überhaupt nicht zugetraut. Ich war beeindruckt, doch als ich zu ihr sah, erkannte ich, dass sie kurz vor einem Zusammenbruch stand.
   »Komm, lass uns gehen«, flüsterte ich ihr zu, warf einen Schein für die Getränke auf den Tisch, und dann verließen wir die Pizzeria.
   Ich hielt Mia die Tür zu meinem Wagen auf. Kraftlos ließ sie sich in den Sitz gleiten. Schnell umrundete ich den Wagen und stieg ein.
   »Bitte fahr einfach los«, flüsterte sie. »Ich will nur noch hier weg.«
   Ich nickte nur kurz und startete den Motor. Ohne darüber nachgedacht zu haben, fuhr ich zu mir nach Hause.
   Mia kämpfte neben mir mit den Tränen. Als wir in die Tiefgarage fuhren, wischte sie sich mit dem Handrücken über die Augen, und ihre Lippen versuchten, sich zu einem Lächeln zu verziehen. »Danke!«, murmelte sie.
   »Nicht dafür.« Für einen Moment versank ich in einem türkisfarbenen Meer. Dann stieg Mia aus.

Mia

Was für ein Albtraum!
   Obwohl ich froh war, dass Josch an meiner Seite gewesen war, war mir dieses Zusammentreffen mit Chris unendlich peinlich. Er war so anders aufgetreten als ich ihn kannte. Als wir noch ein Paar waren, war er höflich, zuvorkommend, immer darauf bedacht gewesen, nicht unangenehm aufzufallen. Letztendlich waren das Eigenschaften, die wir beide gemeinsam hatten und die unser Zusammenleben harmonisch sein ließen. Oder auch langweilig, wie Charly es mal beschrieben hatte. Seine rüde Ausdrucksweise und was er über meine Qualitäten im Bett gesagt hatte, tat immer noch weh. Am liebsten wäre ich im Boden versunken. Aber dass ich meine Selbstbeherrschung verloren hatte, und ihm eine Ohrfeige verpasst hatte, beschämte mich fast noch mehr. Danach war irgendwie alle Kraft von mir gewichen, und ich war Josch unendlich dankbar dafür, dass er mich fortgebracht hatte. Gerade fuhren wir mit einem Fahrstuhl aus einer Tiefgarage, wo er sein Auto geparkt hatte, nach oben. Wie es aussah, ging es ins oberste Stockwerk.
   Wohnte Josch hier? Ich war viel zu fertig, um ihn danach zu fragen.
   Er sah mich besorgt an. Als sich die Fahrstuhltüren öffneten, legte er eine Hand in meinen Rücken und führte mich den kleinen Flur entlang, von dem nur zwei Türen abgingen. Josch schloss die Wohnungstür am Ende des Flurs auf. Als er sie öffnete, schoss ein graues Fellknäuel aus der Wohnung und rannte in den Hausflur. Zum Glück hatten sich die Fahrstuhltüren inzwischen wieder geschlossen, und so gab es für das wuschelige Tier keine Fluchtmöglichkeit.
   »Verdammt, Max! Wie oft muss ich dir noch sagen, dass Flucht keine Option ist?«
   Hoch erhobenen Schwanzes lief der Kater durch den Flur. Sein Gesichtsausdruck zeigte deutlich, wie stolz er war, es immerhin bis hierhin geschafft zu haben. Diese Situation kam so überraschend und war so komisch, dass ich loslachen musste.
   Josch grinste schief, griff sich den Kater und hielt mir die Wohnungstür weit auf, sodass ich eintreten konnte. »So, da wären wir. Meinen Mitbewohner kennst du ja nun schon.« Er schloss die Tür und ließ den Kater auf den Boden.
   »Bist du nicht zu alt für eine WG?«, fragte ich und lächelte ihn verschmitzt an. Es ging mir plötzlich wieder viel besser.
   »So alt bin ich ja nun auch wieder nicht«, antwortete Josch und zuckte mit den Schultern. Hatte ich da etwa einen wunden Punkt getroffen? »Wie alt bist du denn?«, fragte ich und lächelte ihn unschuldig an.
   »Im Juli werde ich dreißig«, brummte er.
   »Tja, Max, ich befürchte, du wirst dir dann einen neuen Mitbewohner suchen müssen. Der da wird dann einfach zu alt sein«, gab ich lachend zu bedenken und kraulte den Kater hinter den Ohren, was er mit einem tiefen Schnurren kommentierte.
   »Ich kann auch schnurren, wenn man mich an der richtigen Stelle anfasst«, raunte Josch mir ins Ohr.
   Wieder hatte ich nicht mitbekommen, dass er direkt hinter mir stand, und wieder war mir das Blut ins Gesicht geschossen. In diesem Moment drehte sich Max auf den Rücken und streckte genießerisch alle viere von sich. Ich musste lachen. »Machst du das dann auch?«
   »Nein, definitiv nicht. Ich bin nämlich nicht so der unterwürfige Typ. Ich steh eher drauf, dass sich die Frau unter mir rekelt«, fügte er mit einer etwas dunkleren Stimme hinzu.
   Mein Herz überschlug sich fast, so schnell pochte es in meiner Brust.
   Entspannt trat Josch einen Schritt zurück. »Wie sieht’s aus? Wollen wir Pizza bestellen?«
   Wow! Na, das war mal ein Themenwechsel. »Ja, gern«, antwortete ich, froh, dieser intimen Unterhaltung entkommen zu sein.
   Tatsächlich bemerkte ich erst jetzt, dass ich wirklich hungrig war. Während ich mich weiter in seiner Wohnung umsah, hörte ich, wie Josch unser Essen bestellte. Ich musste schmunzeln, als ich mitbekam, dass er exakt unsere Bestellung, die wir in der Pizzeria aufgegeben hatten, weitergab. Zusätzlich orderte er noch zweimal Tiramisu. Ich freute mich jetzt schon auf das Essen.
   Joschs Wohnung lag in einem modernen Gebäudekomplex und war sicher nicht ganz preiswert gewesen. Da ich in einer Immobilienfirma arbeitete, kannte ich mich auf dem Markt gut aus. Auch sein Wagen entsprang eher dem Oberklassensegment. An Geld schien es ihm nicht zu mangeln. Ich musste bei dem Gedanken lächeln, dass meinen Eltern dieser Umstand sehr gut gefallen würde, da sie dann einigermaßen ausschließen konnten, dass er nur hinter dem Vermögen meiner Familie her war. Seine Wohnung war schlicht, aber elegant eingerichtet. Es dominierten die Farben schwarz und weiß. Es wirkte jedoch nicht ungemütlich, denn auf dem Sofa lagen Kissen und Decken, die sich gut in das Gesamtbild einfügten, ebenso wie der große Teppich, auf dem der Couchtisch stand. Die Wand gegenüber dem Sofa dominierte ein riesiger Flachbildschirm. Auf dem Lowboard darunter entdeckte ich eine Spielekonsole. Ich hatte die Gleiche bei mir zu Hause zu stehen. Chris und ich hatten damals viele Stunden mit Spielen verbracht, aber in den letzten Wochen vor unserer Trennung hatte es nicht einmal mehr dafür gereicht. Schnell schob ich die düsteren Gedanken beiseite und öffnete die Terrassentür.
   Als ich auf die Dachterrasse hinaustrat, kam Josch zu mir. Ich lehnte mich an das Geländer und genoss den Ausblick, den man von hier oben hatte. Plötzlich stand er dicht hinter mir und stützte sich rechts und links von meinen Händen am Geländer ab.
   »Schöne Aussicht«, sagte ich, um meine Nervosität zu überspielen.
   »Mhm. Finde ich auch«, raunte er mir ins Ohr, und wieder empfand ich dieses Kribbeln im Nacken.
   So blieben wir eine Weile stehen, bis mir kalt wurde und ich Gänsehaut bekam.
   »Ich wäre ja gern für diese Gänsehaut verantwortlich, aber ich befürchte, dir ist kalt. Lass uns reingehen.« Drinnen legte er Holz in den modernen Kamin in der einen Ecke des Wohnzimmers und zündete ihn an.
   Schnell fühlte ich die Wärme, die von dem Feuer ausging.
   »Setz dich doch. Möchtest du fernsehen? Wir könnten irgendeine Serie schauen.«
   »Willst du nicht wissen, was da vorhin in der Pizzeria passiert ist?«, fragte ich unsicher.
   »Nein. Wenn du so weit bist, darüber zu reden, dann höre ich dir gern zu. Bis dahin zählt für mich nur, dass es dir wieder gut geht. Also? Serie?«
   »Bones. Die Knochenjägerin«, entschied ich spontan.
   Josch nickte und schaltete den Fernseher an.
   Kurz darauf klingelte auch schon der Pizzabote.
   Wir breiteten unser gesamtes Essen auf dem Couchtisch aus. Ich beobachtete, dass sich Josch in der Küche ein Glas Wasser eingoss, aus einer Box mehrere Tabletten nahm und sie nacheinander mit dem Wasser hinunterschluckte. Ich traute mich nicht, ihn danach zu fragen. Aber eins stand fest: Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Lächelnd kam er wieder zu mir ins Wohnzimmer, und wir machten uns gierig über das leckere Essen her.
   Anschließend kuschelten wir uns auf die Couch und versuchten, den Mörder vorab zu erraten. Die Aufregung durch das Aufeinandertreffen mit Chris, das gute Essen, die angenehme Wärme des Kamins … das alles führte dazu, dass mir irgendwann die Augen zufielen.

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