Seine Lider waren gesenkt, doch aus seinen Augen leuchtete brennender Hunger wie bei einem Raubtier. Lisas Haut prickelte vor Vorfreude. Vom Freund auf die Straße gesetzt, ohne Job, bietet das Leben Lisa seine Schattenseiten in vollem Umfang. Da trifft sie Sergei – einen Macho, wie er im Buche steht. Eigentlich ist er nicht ihr Typ, dennoch übt er einen magischen Reiz auf sie aus. Schon bei ihrer ersten Begegnung spürt Lisa ein unstillbares Verlangen nach dem ungehobelten Mann. Denn: Welchen Mann lernt Frau schon am Boden kniend kennen, den Blick auf kräftige Beine in raue Jeans gehüllt? Lisas Fantasie überschlägt sich. Sie kann sich nicht beherrschen und berührt ihn. Nur ein Hauch, aber der Beginn eines knisternden Abenteuers, das Lisa an die ein oder andere Grenze führt.

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ISBN: 978-9963-53-773-0

Seiten: 175

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Sabina Tempel

Sabina Tempel ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, unter dem sie Liebesromane veröffentlicht. Müsste sie sich selbst beschreiben, würde sie Eigenschaften wie chaotisch, herzlich, aber auch impulsiv nennen. Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen, ist ihre Spezialität. Auch dem Herz folgt sie gern, manchmal lieber als dem Verstand. Sie genießt und lebt das Leben. Zum Entspannen kuschelt sie sich gern auf ihre große Ledercouch und liest ein romantisches Buch, das sie von Zeit zu Zeit auch selbst schreibt.

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1. Kapitel

Müde ließ sich Lisa auf das Bett sinken. Es war weich. Viel zu weich für ihr Wohlgefühl. Darin sollte sie schlafen? Die nächsten Tage, Wochen oder Monate?
   Still, befahl sie sich. Sie sollte dankbar sein, und insgeheim war sie es auch. Irgendwie zumindest. Dankbar für einen kleinen Halt in einem Meer von Scherben. Gedankenversunken strich sie über das Bettlaken. Biber – sie mochte diesen Stoff nicht. Ihre Großmutter hatte früher Biberbettwäsche besessen. Im Winter zum Wärmen, weil im Schlafzimmer kein Ofen gestanden hatte. Kalt war es gewesen. Trotz der dicken Federbetten und trotz Biber. Lisa konnte sich noch gut an den Geruch nach Lavendel erinnern, der stets in den Kleidungsstücken ihrer Großmutter gehangen hatte. Lavendel, um die Motten fernzuhalten. Weiter kreisten ihre Gedanken zu dem gelbstichigen Linoleumboden, der auf den alten Holzdielen im Schlafzimmer sowie in der gesamten Wohnung verlegt worden war. Unmodern, doch war es ihre Zeit des Glückes gewesen. Ihre Kindheit – Geborgenheit und Liebe.
   Nie wieder hatte sie diese zwei Gefühle so intensiv genossen. Kein Mann hatte sie ihr je geben können. Ebenso wenig wie glühende Leidenschaft, von der ihre beste Freundin Nadja ständig erzählte. Nadja und ihre stets wechselnden Liebhaber. Manchmal gingen Lisa die Geschichten auf die Nerven. Sicher, Nadja war toll. Optisch beinahe perfekt. Dazu noch selbstbewusst und redegewandt. Neben ihr fühlte sie sich stets wie eine kleine graue Maus. Okay, grau war sie zwar nicht, aber klein und eben lange nicht so schillernd wie ihre Freundin.
   Einst hatte sie gedacht, dass wenigstens Nadja sie verstehen könnte, aber sie hatte sich getäuscht. Manche Leute konnten ihren eigenen Handlungen sehr freizügig gegenüberstehen, aber eine überaus spießige Einstellung besitzen, was das Leben ihrer Mitmenschen betraf.
   Wieder ließ Lisa die Fingerkuppen über das unebene Biberlaken gleiten. Sie war kein Kind mehr, ihre Großmutter längst gestorben. Das kleine Häuschen war abgerissen und durch eine Garagenzeile ersetzt worden. Diese Tatsache traf sie immer noch hart, wenn sie aus dem Fenster ihres momentanen Schlafzimmers blickte.
   Großmutter hatte einst schräg gegenüber gewohnt. In einem süßen Häuschen mit rotem Dach und mit von Efeu bewachsenen Wänden. Saskia, ihre Cousine, hatte mit der Sicht auf das hässliche Bauwerk kein Problem, denn sie war ihr ganzes Leben lang in dem Ort ihrer Kindheit geblieben, hatte somit genügend Zeit gehabt, sich an den Anblick jener unschönen grauen Garagenzeile mit noch graueren Toren zu gewöhnen. Saskias Mutter hatte, so lange sich Lisa zurückerinnern konnte, hier in diesem verschlafenen Örtchen gewohnt. Mittlerweile lebte sie wegen ihrer Demenz allerdings in einem Pflegeheim. Saskia und ihr Verlobter Nils hatten daraufhin das Haus übernommen.
   Lisa grübelte. Klar, hatte sie von all diesen Veränderungen erfahren, sie jedoch nicht wirklich wahrgenommen, bis zu eben jenem Zeitpunkt, als sie an den Ort ihrer Kindheit zurückgekehrt war. Vor wenigen Stunden.
   Trotz Garagenneubaus schien die Zeit in Kirchheim stehen geblieben zu sein und der Ort sich dem Wandel des Fortschritts entzogen zu haben. Selbst die Menschen wirkten, als wären sie in einen seltsamen Kokon gehüllt, den sie selbst erschufen und in dem sie alterten.
   Und dennoch lagen Welten zwischen damals und heute.
   Ihre Gedanken wanderten weiter, suchten Antworten auf Fragen, die sich nie gestellt hatten, landeten schließlich bei ihr selbst.
   Was hatte das Leben mit ihr gemacht? Welche Spuren hatte es hinterlassen? Und was hatte sie eigentlich hier zu suchen?
   Die Antwort auf die letzte Frage war ein eindeutiges Nichts. Rein gar nichts hatte sie hier zu suchen. An dem Ort einer Vergangenheit, die nicht mehr die ihre war.
   Aber ihre Mutter hatte sie gebeten, beziehungsweise ihre Cousine Saskia sie eingeladen. Saskia war ein guter Mensch. Das war sie schon immer gewesen. Nachgiebig, gutmütig und von ganzem Herzen lieb. Nie hätte sie sie auf der Straße sitzen lassen. Saskia war ein Mensch der Tat, jedoch nicht der Fantasie. Leider, denn an ihren Traum glaubte auch sie nicht. Niemand tat es. Nicht einmal ihre eigene Mutter oder Nadja. Nadja schon gar nicht. Lisa seufzte. Dann richtete sie sich auf. Gern wäre sie noch liegen geblieben und hätte über ihre Vergangenheit nachgegrübelt, doch dazu war sie nicht der Typ. Natürlich dachte sie viel nach, aber ihre Entscheidungen fielen gerade in letzter Zeit auch spontan. Aus dem Bauch heraus. So wie vor einem halben Jahr. Sieben Monate, die ihr Leben verändert und ihr gezeigt hatten, dass nichts für die Ewigkeit hielt und scheinbar geliebte Menschen einen fallen lassen konnten, wenn der äußere Rahmen nicht mehr stimmte. Dabei hatte sie sich ein Jahr geben wollen. Vielleicht sogar zwei. Okay, länger wäre aus finanziellen Gründen nicht möglich gewesen. Doch alles war anders gekommen. Nun stand sie da – mit einem Koffer voll Klamotten und ihrem geliebten Laptop.
   »Lisa, kommst du? Wir essen«, erklang Saskias Stimme.
   Noch einmal ließ Lisa ihre Hand über das Bettlaken gleiten. Biber im Frühling, das hätte es selbst bei Großmutter nicht gegeben. Widerwillig musste sie lächeln. Ihre Cousine war schon immer ein bisschen unmodern gewesen. Daran hatte sich bis heute nichts geändert.
   Vielleicht war sie so glücklich? Das mochte sein.
   Wie wohl ihr Verlobter aussah? Lisa konnte sich nicht erinnern, ihm jemals begegnet zu sein. Wahrscheinlich stämmig, dunkelblond und farblos. Schließlich musste er optisch zu Saskia passen. Stopp! Eigentlich war ihre Cousine nicht hässlich, nur eben einer der Menschen, die nie wirklich wahrgenommen wurden und die man sofort wieder vergaß. Traurig. Wer gab solchen Leuten schon die Gelegenheit, ihr goldenes Inneres zu offenbaren? In unserer Gesellschaft kaum jemand.
   Lisa raffte sich endgültig auf. Immerhin wollte sie nicht zu spät zum Essen kommen. Sie war Gast. Ungebeten und unerwartet, aber dennoch Gast. Geschwind lief sie die Stufen vom ausgebauten Keller zum Erdgeschoss empor.
   »Und schaut sie echt so gut aus, wie alle sagen?«, hörte sie eine Männerstimme.
   »Natürlich.« Saskia lachte. »Schließlich ist sie meine Cousine.«
   »Aber ihr Vater ist doch Indianer.«
   »Und?«
   »Was und?«
   Saskia seufzte hörbar auf. »Ich habe dir doch die alten Kinderfotos gezeigt. Hast du darauf ein Indianermädchen entdeckt?«
   »Wie lang wird sie bleiben?«, wechselte er das Thema.
   »So lange sie möchte«, antwortete Saskia bestimmt.
   »Warum ist ihre Mutter eigentlich nach Norwegen ausgewandert?«
   »Weil sie dort glücklich verheiratet ist«, erklärte Lisa und öffnete die weiß lackierte Küchentür.
   Nils starrte ihr entgeistert entgegen. Sein Getratsche war ihm offensichtlich unangenehm.
   »Da bist du ja, Liebes«, empfing Saskia sie herzlich und lächelte gut gelaunt. Dennoch strich sie sich etwas verlegen – wahrscheinlich war ihr Nils Neugierde peinlich – eine blonde lockige Strähne, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte, hinter das Ohr. Dann schritt sie geschäftig hinüber zu dem alten, ebenfalls weiß lackierten Buffet und holte Teller und Besteck heraus. »Deckst du bitte den Tisch im Wohnzimmer?«
   Lisa lächelte.
   Im Wohnzimmer? Es hätte sie auch gewundert, wenn sie an dem Minitisch in der Küche gegessen hätten. Sie schnupperte. Mhm. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, obwohl sie in letzter Zeit nicht allzu viel gegessen hatte. »Was hast du denn Gutes gekocht? Es riecht wie …«
   »Rate!«
   »Curryhuhn.«
   »Stimmt.«
   »Nach dem Rezept deiner Mutter?«
   »Natürlich.«
   Saskias Mutter war ein Phänomen der Kochkunst gewesen. Sie hatte ausländische Rezepte geliebt und sie mit bayerischer Küche gemischt. Eine seltsame Kombination, die Lisa nie wieder gegessen hatte. Als Kind hatte sie dieses Essen geliebt, hatte es sie doch von einem Leben weit in der Ferne träumen lassen. Ihre eigene Mutter hatte sich diesen Traum erfüllt. Doch Lisa war anders. Außerdem mochte sie Deutschland. Besser gesagt war sie normalerweise nicht so leichtsinnig oder spontan wie ihre Mutter.
   Normalerweise, fuhr es ihr durch den Kopf. Denn vor einem halben Jahr hatte sie eine Entscheidung getroffen, die alle mit dem Kopf hatte schütteln lassen. Sogar Mutter.
   »Ich mag dieses Gemische nicht. Gibt’s nur heute«, brummte Nils.
   Erst jetzt blickte Lisa ihn an. Sie hatte ihn nicht bemerkt, denn – was sie nie für möglich gehalten hätte – er verblasste neben der vor Herzlichkeit nur so sprühenden Saskia. Nils war unscheinbar. Vielleicht nicht einmal von seiner Optik her, aber von seinem Wesen. Was wollte ihre Cousine von diesem Mann? Mit einem Mal erkannte Lisa, das auf den ersten Blick farblos wirkende Menschen strahlen konnten und schönere verblassten. Seltsam. Darüber hatte sie sich noch nie Gedanken gemacht.
   Aber warum nicht?
   Die Frage war leicht zu beantworten. Selbst sie vertraute nur ihren Augen und damit ihrer Oberflächlichkeit. Eine Erkenntnis, mit der sie nicht gerechnet hatte.
   »Nur für dich«, fügte Nils hinzu und visierte sie mit einem starren Blick aus blaugrünen Augen.
   »Was?«
   »Das Essen.«
   »Siehst mal«, konterte sie leichthin.
   »Willst du dich nicht vorstellen, wenn du schon hier wohnen möchtest?«
   »Nils!« Saskia funkelte ihn warnend an.
   »Es ist nur ein Gerücht, dass dein Vater Indianer ist, oder?«, fuhr er ungerührt fort.
   Lisa presste die Lippen aufeinander. Sie mochte nicht über ihren leiblichen Vater sprechen. Zumindest nicht mit Fremden.
   »Hast du ihn eigentlich jemals getroffen?«, mischte sich Saskia ein.
   »Wie denn?«
   »Vielleicht hast du ihn gesucht?«
   »Nein. Warum sollte ich? Er hat sich nie um mich gekümmert.«
   »Wenn man schon einen Sioux als Vater hat, will man ihn doch kennenlernen«, gab nun auch Nils wieder seinen Kommentar ab. Er hatte seine Musterung immer noch nicht abgeschlossen, denn er ließ sie weiterhin nicht aus den Augen. »Die Haut und die Augen hast du von ihm, sonst nichts.«
   »Nein, sonst nichts«, wiederholte Lisa und strich sich die langen rotblonden Locken zurück.
   »Deine Augen sind wirklich schwarz wie die Nacht, oder?«
   »Wenn es dunkel ist, schon«, spottete sie, doch Nils senkte seinen durchdringenden Blick nicht.
   Wie sie solch ein respektloses Verhalten hasste. Es verursachte ihr ein beinahe körperliches Gefühl der Abneigung.
   »Ihr Vater ist Navajo, kein Sioux«, erklärte Saskia. Stolz schwang in ihrer Stimme, was Lisa ein Lächeln entlockte.
   »Seltsame Mischung«, ließ sich Nils vernehmen.
   Wie Saskias Essen. Wieder musste sie schmunzeln, schnappte sich die Teller, um endlich den Tisch zu decken und damit dem unangenehmen Gespräch zu entkommen.

Der Abend mit Saskia und Nils verlief harmonischer, als Lisa es sich beim ersten Zusammentreffen mit Nils vorgestellt hatte. Eigentlich redete er nicht viel. Die Vorurteile, die er besaß, schleppten wohl die meisten Menschen, die hier in Kirchheim wohnten, mit sich herum. Das war früher schon so gewesen. Ansonsten schien die Zeit in dem Ort wirklich stillgestanden zu haben. Von der Garagenzeile, die Großmutters Häuschen ersetzt hatte, einmal abgesehen. Vor etwa dreißig Jahren waren viele Leute zugezogen, doch die damals modernen Häuser wirkten nun alt. So wie ihre Bewohner. Damals hatte es in dem Dorf vor Kindern nur so gewimmelt. Mittlerweile gingen selbst die Jüngsten von ihren bereits auf die zwanzig zu. Ein weiteres Neubaugebiet war nie genehmigt worden. Kirchheim bedeutete für Lisa ein geistiges Zurück in ihre Kindheit. Sie wusste nur noch nicht, ob sie dieses Gefühl mochte oder lieber darauf verzichtet hätte. Selbst die Luft schmeckte hier anders. Sie zerrann süß und gleichzeitig bitter auf der Zunge. Lisa befeuchtete ihre trocknen Lippen. Spröde fühlten sie sich an. Ein Seufzen unterdrückend sah sie zum Fenster des Wohnzimmers hinaus, das immer noch wie zu Tantes Zeiten eingerichtet war. »Wie lange ist Tante Sophie eigentlich schon im Pflegeheim?«
   Saskia trat hinter sie. »Ich hätte sie gern zu Hause gelassen.«
   »War es so schlimm?«
   »Sie hat sich in ein launisches Kind verwandelt, unberechenbar in ihren Handlungen. Stets mussten die Türen verschlossen sein, sonst ist sie einfach losgelaufen. Ohne Plan und ohne Wissen, wo sie sich befand. Irgendwann wusste sie nicht einmal mehr, wer ich war. Nur manchmal denke ich, dass sie mich doch erkennen muss. Dass der Schleier sich noch einmal lüftet. Aber er tut es nicht.«
   »Und wenn du sie besuchst?«
   »Dann hat sie nichts davon. Ich rede mir nur ein, ihr mit meinen Besuchen eine Freude zu bereiten.«
   »Das glaube ich nicht. Sie freut sich, auch wenn sie es nicht weiß.«
   »Du erinnerst dich an sie, wie sie früher war. Natürlich würde sie sich freuen, aber ohne Erinnerung gibt es keine Freude. Ich bin eine Fremde für sie. Sie erkennt abends die Menschen nicht mehr, denen sie früh begegnet ist.«
   »Du meinst, sie trifft jeden Tag nur Fremde?«
   »Ja, so ungefähr. Ich will nicht darüber nachdenken, sonst bricht es mir das Herz.«
   »Ich habe einen Bericht im Fernsehen gesehen, dass Musik helfen kann. Musik aus alten Tagen.«
   Saskia schluchzte leise auf.
   »Das wollte ich nicht. Tut mir leid.« Schüchtern strich Lisa ihrer Cousine über den Arm. Mehr Zärtlichkeit konnte sie ihr nicht entgegenbringen. Berührungen waren nicht so ihr Ding. Manchmal schrie ihr Herz: Tu es endlich! Nimm in den Arm! Lass dich drücken! Aber sie konnte es nicht. Die innere Schwelle war zu groß. Eine Mauer, von der sie keine Ahnung hatte, wer sie erbaut hatte. Sie war schon immer da gewesen. Vielleicht ein Erbe ihres Vaters – sie wusste es nicht.
   »Ich liebe Mama so sehr. Die Krankheit wollte diese Liebe zerstören. Es war ihr aber nicht gelungen.« Saskias Stimme war nur noch ein Wispern.
   Mit einem Mal empfand Lisa eine große Zärtlichkeit für ihre Cousine. Auch in ihrem Leben hatte es nicht nur Sonnenschein gegeben.
   »Wie geht es deiner Mutter?«, wechselte Saskia abrupt das Thema.
   »Christine?«
   »Du nennst sie beim Vornamen?«
   »Schon lange.« Lisa räusperte sich. Nun war auch ihr Hals trocken. »Ihr geht es gut. Sie ist glücklich, Norwegen ihre neue Heimat.«
   »Das tut mir leid.«
   »Warum?«
   »Ich hatte wenigstens eine Mutter.«
   Lisa schluckte schwer. Kirchheim tat ihr nicht gut. Sie wollte über all diese Dinge nicht nachdenken, hatte sie doch momentan echt andere Sorgen.
   Und die waren wichtiger? Natürlich. Kein Job, kein Geld, keinen Freund mehr, und damit keine Wohnung. Felix. Ein Stich mitten ins Herz.
   Nicht an ihn denken, ermahnte sie sich.
   Saskia öffnete das Fenster. Milde Frühlingsluft drang ins Innere. Es roch nach Flieder. Kurz schloss Lisa die Augen. Wie lange hatte sie nicht mehr darüber nachgedacht, wie Flieder roch? Ein Duft, so frisch und lieblich.
   Sonne auf der Haut. Lisa öffnete die Augen. Hinter den Bäumen von Saskias Garten schaute das Haus der Lists hervor. Reich waren sie gewesen – das Architektenehepaar. »Wohnen Gabis Eltern noch hier?«
   »Nein, die sind vor vielen Jahren weggezogen.«
   »Und Gabi?«
   »Lebt in der Schweiz und hat irgendeinen reichen Typen geheiratet.«
   »Steht das Haus leer?«
   »Nein, da wohnen nun irgendwelche Ausländer.«
   »Ausländer? In dem teuren Haus?«
   »Hm. Die haben eine Firma. In dem ehemaligen Architekturbüro befindet sich nun ihr Büro. Oder so was in der Art.« Ein seltsamer Unterton schwang in Saskias Stimme.
   Oder bildete sie sich das nur ein? »Du hörst dich irgendwie komisch an.«
   »Ach, keine Ahnung. Muss irgend so ein Im- und Exportunternehmen sein. Auf jeden Fall haben die einige Lieferwagen.«
   »Dann ist es doch okay.«
   »Okay?«, mischte sich Nils ein. »Das sind zwei komische Typen.«
   »Ja«, bestätigte Saskia. »Sie reden mit niemand. Außer, man spricht sie direkt an.«
   Na, so schlimm war das aber nicht. Nicht jeder musste sich schließlich am Dorfleben beziehungsweise Dorftratsch beteiligen.
   »Darf ich dich etwas fragen?«, begann Saskia plötzlich sehr schüchtern.
   Lisa schwante nichts Gutes, doch sie nickte.
   »Hast du dich schon nach einer neuen Arbeit umgesehen?«
   Tief durchatmen. Es war dumm gelaufen, das gab sie zu. Dümmer hätte es kaum kommen können. Sie hatte ihren Traum leben wollen und sich für seine Erfüllung ein bis zwei Jahre Zeit gegeben. Eigentlich. Doch dann war so gänzlich alles schiefgegangen.
   »Ein Manuskript will ich noch schreiben«, erklärte sie und wusste, wie leer ihre Worte klangen. Leer und hilflos.
   »Aha«, antwortete Saskia leichthin. »Hast du einen Vertrag?«
   Lisa seufzte gequält auf. »Ich darf einreichen. Zweihundert Seiten und eine Zusammenfassung.«
   »Ist das nicht ein bisschen wenig für ein Buch?«
   »Es ist nur der Anfang.«
   »Und wie weit bist du schon?«
   Lisa presste die Lippen aufeinander.
   »Du hast noch nicht angefangen, oder?«
   »Nein.«
   »Deine ersten Bücher laufen gut?«
   »Nein.«
   Stille.
   »Deswegen habe ich auch die Zusatzverträge nicht bekommen.«
   »Und Felix?«
   Lisa legte ihre Hände auf die Fensterbank. Kühl war sie, trotz der untergehenden Frühlingssonne. »Er ist nicht damit klargekommen, dass ich in der Firma gekündigt habe.«
   »Habt ihr euch diesbezüglich nicht abgesprochen?«
   Wieder fuhren Lisas Hände über den glatten Granit. »Nein.«
   »Aber er hat dich doch erst Monate später – also erst jetzt«, Saskia stockte, »hinausgeworfen.«
   »Ja, als er erfahren hat, dass es keine weiteren Verträge geben wird.«
   »Schwein!«, rutschte es Saskia heraus.
   Lisa antwortete nicht. Sie war sich immer noch nicht sicher, was sie von Felix’ Reaktion halten sollte. Das Geschehene klang wie ein schlechter Scherz, denn ihr Herz wollte weder begreifen noch akzeptieren, dass all ihre Zukunftspläne gestorben waren. Kinder hatten sie bekommen wollen. Wie verliebt hatte Felix stets getan. Und sie hatte ihm geglaubt. Dabei hätte sie sich absichern müssen. Schon allein wegen der Wohnung, die ihm gehörte. Aber sie hatte ihm blind vertraut, wäre nie auf die Idee gekommen, dass er ihr so etwas antun könnte. Schließlich hatte sie ihn geliebt.
   Hast du das wirklich?
   Lisa mochte es, mit sich selbst zu diskutieren. So konnte sie sich all die Fragen stellen, denen sie insgeheim gern aus dem Weg ging. Unlogisch, aber ein Charakterzug, den sie bereits als Kind besessen hatte.
   Also: Hatte sie Felix geliebt?
   Antwort: Sie war zumindest der Meinung gewesen.
   Und warum hast du dich dann stets vor Sex gedrückt?
   Vor Sex gedrückt? Nein, das hatte sie nicht.
   Schon mal was von Genuss gehört?
   Lisa seufzte gequält auf. Schließlich konnte man nicht alles haben. »Gibt es die Bankfiliale in Kirchheim noch?«, fragte sie, um endlich ein anderes Thema zu beginnen.
   »Hm.« Ein kleines Lächeln spielte um den Mund ihrer Cousine.
   Unwillkürlich musste Lisa ebenfalls lächeln. Sie würde sich nicht unterkriegen lassen. Sie durfte den Kopf nicht in den Sand stecken. Als Erstes musste sie wissen, was der Kontostand sagte und wie viel Geld der Verlag überwiesen hatte. Schließlich war die Abrechnung per Post zu Felix gekommen.

2. Kapitel

Gleich am nächsten Morgen lief Lisa guter Dinge los, doch die Kontoauszüge brachten sie in Windeseile auf den Boden sämtlicher Tatsachen zurück.
   Bereits in der Bank, die immer noch genauso unmodern wirkte wie vor zwanzig Jahren, stiegen ihr die Tränen in die Augen. Nicht einmal dreihundert Euro befanden sich noch auf dem Konto. Die Versicherung hatte abgebucht.
   Und die Tantiemen vom Verlag? Lisa glaubte, ihren Augen nicht zu trauen. Sechsundsiebzig Euro für ein Vierteljahr. Die Bücher liefen überhaupt nicht.
   Was sollte sie nun tun?
   Vielleicht endlich mit der neuen Geschichte beginnen und die gewünschten Seiten einreichen?
   Doch Lisa konnte nicht mehr schreiben. Sie fühlte sich leer und ausgepumpt. Auf ihrem Laptop befanden sich acht begonnene Geschichten. Keine einzige hatte sie fertiggestellt. Sie lasen sich hohl, emotionslos, ohne Power. So, wie sie sich fühlte.
   Dann lass dir doch endlich etwas einfallen!
   Nur so einfach war das nicht. Lisas Gedanken schwirrten hin und her, rauf und runter. Und eigentlich war sie komplett durcheinander. Sie starrte auf den beigen, ausgetretenen Holzfußboden. Wie viele Füße mochten hier schon gestanden haben? Wie viele verzweifelte Menschen, die voll Angst die Bank betreten hatten? Deren Existenz gefährdet war?
   Stopp! Das hier war Kirchheim. Nur solide Bürger. Loser wohnten anderswo.
   Woher willst du das wissen?
   Keine Ahnung. Es war lediglich eine Vermutung. Mit aller Gewalt drängte Lisa die aufsteigenden Tränen zurück. Wie sollte es nur weitergehen?
   Langsam lief sie heim.
   Heim? Nein, dieses Wort existierte momentan in ihrem Leben nicht.
   Die Sonne schien. Die Luft war noch frisch. Normalerweise hätte sie den Spaziergang genossen, doch sie war in einen bleiernen Mantel voll Kummer gehüllt.
   Schneller als sie sich versah, war sie bereits beim List-Haus angelangt. Kirchheim war klein. Mit was sollte sie sich nur den ganzen Tag über beschäftigen?
   Schreiben und Saskia im Haushalt helfen?
   Ja, Saskia helfen, bestätigte Lisa. Dann stutzte sie. Was war das? Ein weißer Zettel flatterte über dem ehemaligen Architekturschild.
   Hatten die neuen Besitzer nicht einmal das alte Firmenschild entfernt? Seltsames Unternehmen! Was sollte der lose befestigte Zettel? Lange würde er dem Frühlingslüftchen nicht standhalten.

Aushilfe für Büroarbeiten sämtlicher Art gesucht
Minijob – Bezahlung nach Leistung
Gute Deutschkenntnisse nötig

Lisa schmunzelte. Bezahlung nach Leistung?
   Nils hatte von zwei komischen Typen gesprochen. Da musste sie ihm allem Anschein nach zustimmen.
   »Interesse?«, erklang eine tiefe Stimme hinter ihr.
   Lisa zuckte zusammen.
   Nicht umdrehen, ermahnte sie sich. Ungehobelten Menschen sollte die Genugtuung, einen ertappt zu haben, nicht gegeben werden.
   »Vielleicht«, antwortete sie leichthin, eisern bemüht, sich nicht umzudrehen.
   »Wie steht es um Ihre PC-Kenntnisse?«
   Boah, was für eine Stimme! Tief und samtig mit einem leicht harten Akzent. Lisa rieselte es kalt den Rücken hinunter.
   »Meine was?«, erkundigte sie sich irritiert. Sie hatte nicht wirklich zugehört.
   »PC-Kenntnisse. Word, Excel.«
   Sie spürte seinen Atem an ihrem Ohrläppchen. Er musste sehr, sehr dicht hinter ihr stehen.
   Was sollte das? Besaß er kein Benehmen?
   So unangenehm scheinst du es gar nicht zu finden.
   Doch! Das fand sie! Sie mochte es nicht, wenn fremde Menschen ihr zu nahe kamen.
   Bekannte auch nicht.
   Schwachsinn! Sie stand lediglich nicht auf plumpe Anmache.
   Hat er dich denn angemacht?
   Irgendwie ja und irgendwie nein. Definitiv besaß er nicht den Anstand, einen angemessenen Abstand einzuhalten.
   Ausländer, erinnerte sich Lisa. Vielleicht kam dieser Mann aus einem Land, wo es andere Sitten gab, was den Umgang mit Frauen betraf. Für so jemanden wollte sie eigentlich nicht arbeiten. Das war ihr echt zu anstrengend. Auch die Aussage Bezahlung nach Leistung passte perfekt in dieses Schema.
   »Mit Windows kennt sich heutzutage wohl jeder aus«, hörte sie sich sagen.
   »Ihre Deutschkenntnisse?«
   Sind wohl besser als Ihre, lag es ihr bereits auf der Zunge, doch sie verkniff sich den garstigen Kommentar. Immerhin wollte sie sich nicht auf dieselbe Stufe wie dieser Typ begeben. Im Gegensatz zu ihm war sie stets höflich und wusste, sich zu benehmen.
   Vielleicht liegt es wirklich an seinen schlechten Deutschkenntnissen, dass er nicht weiß, wie man sich korrekt ausdrückt.
   Ganz bestimmt! Deswegen war er ihr auch so nahe gekommen. Dieses Verhalten hatte lediglich etwas mit Unhöflichkeit und Selbstüberschätzung zu tun.
   »Ich spreche auch von der Anwendung korrekter Interpunktion.«
   Wow, er wusste, was Interpunktion war! Beeindruckend!
   »Werde ich wohl gerade noch hinbekommen«, presste sie heraus. Eigentlich hätte sie sich überhaupt nicht auf ein weiteres Gespräch einlassen sollen.
   »Ja?«, erklang es spöttisch.
   »Ja«, antwortete sie bestimmt und wollte eben herumfahren, um sich den unverschämten Knilch anzusehen, als ein milder Luftzug endgültig den Zettel erfasste und zu Boden wehen ließ. Instinktiv – anders war es nicht zu erklären – bückte sich Lisa. Ihre gute Erziehung, die Macht der Gewohnheit, ansonsten wäre sie nie vor so einem Macho in die Knie gesunken. Als ihre Hände nach dem Papier griffen, wurde ihr genau das schlagartig bewusst. Sie hätte sich ohrfeigen können. Da schrieb sie Bücher von taffen Frauen.
   Und was tat sie? Sie benahm sie wie – sie suchte nach dem passenden Wort, fand es aber nicht.
   Na, wo blieb denn ein dummer Kommentar von dem Typen? Hatte es ihm die Sprache verschlagen?
   Steh erst auf und überleg dann weiter!
   Doch wieder handelte sie instinktiv und ließ ihren Blick von unten nach oben wandern. Ganz langsam bei seinen Nikes beginnend. Weiße Nikes – sie mochte keine weißen Sneakers bei Männern. Aber okay, konnte ihr egal sein. Sollte er doch anziehen, was er wollte. Schließlich musste sie seinen Anblick oder den seiner Schuhe normalerweise nicht ertragen. Und ja, sie ärgerte sich über sich selbst beziehungsweise über die Lage, in die sie sich gebracht hatte. Erst stand sie Rede und Antwort und nun kroch sie auch noch auf dem Boden herum.
   Steh endlich auf!
   Ja, das sollte sie. Doch ihr Blick wanderte von den Schuhen weiter aufwärts.
   Dir ist wirklich nicht zu helfen!
   Nein, das war es nicht.
   Ausgewaschene Jeans.
   Muskulöse Beine in ausgewaschenen Jeans, berichtigte Lisa ihre Gedanken. Ein wenig zu lang visierte sie den rauen Stoff, der eng über den Oberschenkeln saß.
   Die Beine hatten was.
   Was denn?
   Etwas Appetitliches. Ihre Zunge entwickelte ein Eigenleben und fuhr über ihre trockenen Lippen. Hoffentlich hatte er die kleine Geste nicht bemerkt. Ach, und wenn schon – ihr konnte auch das egal sein.
   Schön müsste es sein, ihre Wange an diese harten Beine zu schmiegen, den rauen Stoff an ihrer Haut zu fühlen. Nun war auch ihr Mund strohtrocken, was ihre Fantasie allerdings nicht davon abhielt, weiterhin ausdrucksstarke Bilder zu liefern. Lisa schluckte. An der Innennaht würden ihre Lippen emporgleiten. Langsam, genießend. In seinem Schritt würde sie seine Härte erwarten. Mit Sicherheit war sie groß und unnachgiebig.
   Lisas Unterleib zog es kribbelnd zusammen.
   Ja, das wäre es jetzt!
   Hier vorm Haus mitten im Ort.
   Sie hatte einen Knall! Ganz eindeutig! So etwas war ihr noch nie in ihrem ganzen Leben passiert.
   Zwischen ihren Schenkeln pochte es verlangend. Irgendetwas musste in Saskias Kaffee gewesen sein. Zwischen ihren Schenkeln pochte sonst nie irgendetwas. Verdammt – was sollte das jetzt? Hatte sie nicht schon genug Sorgen? Musste sie sich auch noch wie eine läufige Hündin benehmen?
   Er weiß es doch nicht!
   Ja, zum Glück konnte er keine Gedanken lesen! Mit aller Gewalt riss sie ihren Blick von seiner Mitte los.
   Ein brauner Gürtel. Würde sie ihn öffnen?
   Nein, ganz langsam würde seine Hand das Leder zurückziehen und die Schnalle lösen. Sie würde ihn dabei nicht aus den Augen lassen, am Boden kniend, wartend. Wieder würde sich ihre Wange an seinen Oberschenkel schmiegen. Der offene Gürtel würde über ihr Gesicht gleiten. Leder – gierig sog sie den geliebten Geruch ein.
   Das Pochen wurde stärker. Ihr Slip fühlte sich feucht an.
   Ein weißes T-Shirt. Am Bauch locker, aber über der Brust angenehm eng.
   Er kann deine Gedanken lesen! Sieh in sein Gesicht!
   Weiter glitt Lisas Blick. Ein breiteres, jedoch kein markantes Kinn. Die Lippen nicht allzu voll, dennoch schön geschwungen. Hohe Wangenknochen. Solche hätte ihr eigentlich ihr Vater vererben müssen, was er allerdings nicht getan hatte. Und dann der Blick. Lisa schluckte schwer. Die Lider leicht schläfrig über umso wacheren eisblauen Augen, die sie unvermittelt musterten. Die es gut fanden, wie sie am Boden kniete. Die ihrer unzüchtigen Gedanken wussten und es genossen. Stolz lag in ihnen. Unübersehbar. Stolz und Unnachgiebigkeit.
   Das Pochen wurde stärker.
   Was würde er sagen oder wie würde er sich verhalten, wenn ihre Wange seinen Oberschenkel berühren würde? Ganz kurz nur. Er war so nah. Nur wenige Zentimeter entfernt.
   Aber er war blond, registrierte sie. Dunkelblond, hellbraun – irgendetwas dazwischen. Sie mochte eigentlich nur dunkle Haare an Männern. Bis jetzt zumindest.
   Und nun?
   Sollte sie wirklich aufstehen?
   Er sagte keinen Ton, doch sein Blick wirkte abwartend und gleichzeitig hungrig.
   Also doch! Er mochte es, sie kniend zu sehen.
   Mit aller Gewalt riss sich Lisa zusammen. Fest hielt sie den Zettel in ihrer Hand. Sie würde beim Aufstehen nicht zurückweichen. Er aber auch nicht – das war ihr bewusst.
   Nur nicht stolpern oder schwanken. Oder doch? Ein ganz klein wenig?
   Sie wusste nicht, welcher Teufel sie ritt, aber sie schwankte ganz leicht nach vorn. Ihre Wange berührte seinen Oberschenkel. Für den Bruchteil einer Sekunde. Er fühlte sich genauso wie in ihrer Vorstellung an. Mühsam verkniff sie sich ein Stöhnen. Keine helfende Hand streckte sich ihr entgegen. Sie hatte auch nicht damit gerechnet, hatte es überhaupt nicht gewollt. Langsam drückte sie die Knie durch. Schwankte wieder leicht. Wie durch Zufall streifte ihre linke Brustwarze nun ebenfalls seinen Oberschenkel. Kein Wunder, sie war hart und sehnte sich nach Berührung. Sichtbar für jeden durch den dünnen Stoff ihres Shirts.
   Endlich stand sie. Ihm gegenüber. Immer noch sehr nah. Sein Blick nagelte sie fest, verließ nur kurz ihre Augen, um zu ihren Brüsten hinabzugleiten.
   »Ich bin gut …«, hörte sie sich sagen. »… in deutscher Rechtschreibung.«
   Abschätzend, aber immer noch hungrig – sehr hungrig –, musterte er sie. »Das wird sich herausstellen.«
   »Vielleicht will ich die Stelle überhaupt nicht.« Langsam gewann sie wieder Oberwasser, obwohl ihr feuchter Slip sie deutlich an ihre Empfindungen erinnerte. Wenigstens wurde das lästige Pochen schwächer. Dafür zog es ihren Bauch weiterhin kribbelnd zusammen.
   Dieser Blick.
   Ein Mann, ein richtiger Mann, war das Einzige, was ihr einfiel. Gab es so wenig richtige Männer in Deutschland?
   Nein, widersprach sie sofort. Aber warum war ihr diese Aussage noch nie zuvor in den Sinn gekommen?
   »Nein?« Er musterte sie weiterhin unverblümt.
   »Was bedeutet Bezahlung nach Leistung?«
   »Genau das, wie es geschrieben steht. Bezahlung für Leistung.«
   Schwang da etwa eine Zweideutigkeit in seinen Worten mit? Natürlich tat sie es. »Wie soll ich mir das vorstellen?«
   »In der Anlernphase gibt es fünf Euro die Stunde.« Nicht der Hauch eines Lächelns spielte um seine Lippen.
   Fünf Euro die Stunde – es war sein Ernst. Sie hatte sich nicht verhört, und er hatte nicht gescherzt.
   »Das ist Ausbeutung«, begann sie. »Und gar nicht erlaubt.«
   »Sie brauchen den Job nicht anzunehmen.«
   »Würde ich ihn denn bekommen?«
   »Wenn die Einarbeitung erfolgreich ist, können wir darüber reden.«
   »Kein Vorstellungsgespräch?«
   »Führen wir im Moment.«
   »Und wenn ich Ihren Wünschen entsprechend«, erneut fing das dumme Pochen an, »arbeite?«
   »Dann bekommen Sie 8,84 Euro die Stunde.«
   »Boah, jetzt bin ich aber beeindruckt«, rutschte es ihr heraus.
   Immer noch kein Lächeln. »Morgen Vormittag um acht Uhr.«
   »Was?«, stotterte sie verblüfft.
   »Wenn du zu spät kommst, kannst du gleich wieder gehen.« Katastrophal ernster Gesichtsausdruck.
   Konnte dieser Mann überhaupt lächeln? Da gab er eine Unhöflichkeit nach der anderen von sich, und lächelte nicht einmal entschuldigend. Und überhaupt? Seit wann waren sie per Du?
   »Du wirst für meinen Bruder Michail arbeiten. Wir duzen unsere Angestellten. Ich heiße Sergei.«
   Sergei, was für ein weicher Klang für einen so strengen Mann.
   Für seinen Bruder sollte sie arbeiten? Sie wollte aber für Sergei arbeiten. Ihn sehen. Und ein bisschen träumen.
   Jetzt spinnst du aber schon, oder?
   »Was gehört überhaupt zu meinen Aufgaben?«
   »Die können recht vielfältig sein.« Sein Blick verirrte sich wahrhaftig wieder zu ihren Brüsten.
   Mist, die Nippel standen immer noch wie eine Eins. Jetzt kroch ihr auch noch das Blut in die Wangen.
   Loch im Boden tu dich bitte auf, betete sie.
   »Und was gehört zum Aufgabenschwerpunkt?«
   »Texte und Briefe in perfektem Deutsch.«
   »Okay.«
   »Wie heißt du?«
   »Lisa.«
   »Bis morgen, Lisa.«

3. Kapitel

»Bei den zwei Vögeln willst du arbeiten?«, rief Nils. Seine Stimme klang irritiert. Er reduzierte sogar die Lautstärke des Fernsehers, obwohl ihn die
   Reportage eben noch brennend interessiert hatte.
   »Warum?« Lisa verstand nicht. »Was ist mit ihnen?«
   »Ich habe dir doch gestern gesagt, dass es komische Typen sind«, mischte sich Saskia ein, die sich zu ihr an den hölzernen Esstisch setzte.
   »Weil sie nicht von hier sind?«
   »Nein, sie …« Saskia stotterte. »Es heißt, sie …«
   »Was denn?«, hakte Lisa verunsichert nach.
   »Sie feiern Partys.«
   Partys? Na, und? Jedem das seine.
   »Nicht irgendwelche Partys«, gab nun auch Nils seinen Senf dazu.
   Hä? Lisa verstand immer noch nicht.
   »Es heißt, sie feiern wilde Orgien«, flüsterte Saskia.
   Orgien? Das Wort musste Lisa erst einmal sacken lassen. Orgien. Wieder kribbelte es erwartungsvoll in ihrem Bauch. Sergei – der Name zerrann bereits in Gedanken lustvoll auf ihrer Zunge. »Wer sagt das?«
   »Die Leute.«
   »Woher wollen die das wissen? Sind sie dabei gewesen?«
   »Nein, aber …«
   »Aber?«
   »Ein Mädchen aus dem Dorf war mal sehr verliebt in den Dunklen der beiden Brüder.«
   Der Dunkle? Nicht Sergei. Wahrscheinlich dieser Michail, für den sie in Zukunft arbeiten sollte. »Und?«
   »Er …« Saskia warf Nils einen fragenden Blick zu, doch der hatte sich bereits wieder dem Fernsehprogramm gewidmet und schien ihrem Gespräch nicht länger zu lauschen. »… soll seltsame Sexpraktiken ausüben.«
   Jetzt wurde es wirklich interessant! Obwohl Lisa nicht leugnen konnte, dass ein Alarmglöckchen in ihrem Kopf zu klingeln begann.
   »Ist das Mädchen noch mit ihm zusammen?«
   »Nein.« Wieder stockte Saskia. »Er hat ihr sehr wehgetan.«
   »Wie?«
   Musste man ihrer Cousine denn jedes einzelne Wort aus der Nase ziehen?
   »Sie war überfordert mit dem, was er von ihr wollte.«
   »Was wollte er denn von ihr?«
   »Unterwerfung.«
   Ach, du liebe Schande! Davon hielt sie ja gar nichts. Nie würde sie sich einem Mann unterwerfen. Und Schmerzen benötigte sie auch nicht. Die litt ihre Seele schon genug.
   »Bist du geschockt?«
   »Ja«, gab sie zu. Schnell nippte sie an ihrem Wasserglas, um den fahlen Geschmack, der sich in ihrem Mund ausgebreitet hatte, zu vertreiben.
   »Es kann sehr schön sein, aber man muss es mögen«, wisperte Saskia in ihr Ohr.
   Was? Hatte sie sich eben verhört?
   Lisa blickte Saskia an, blickte Nils an, dann wieder Saskia. Nein! Falscher Film! Ein weiterer Schluck Wasser folgte.
   »Keine Angst. Ich steh auch nicht auf Peitsche oder so.«
   Lisa hustete. Beinahe hätte sie sich verschluckt, so sehr klappte ihr sprichwörtlich die Kinnlade bis zum Boden. Ihre doch so normale Cousine besaß Vorlieben, die sie ihr nie im Leben zugetraut hätte. Zum Glück befand sich das Gästezimmer im Keller. Da musste sie sich wenigstens kein Stöhnen oder gar Wimmern anhören. Sie fand die Vorstellung überhaupt nicht erotisch.
   Ein Auf was stehst du dann?, verkniff sich Lisa, denn sie wollte die Antwort nicht wissen.
   »Gut schaut er aus, der Dunkle der Brüder. Aber er ist nicht ungefährlich.«
   »Warum?«
   »Die Wünsche anderer interessieren ihn nicht.«
   »Und sein Bruder?«
   »Über ihn weiß ich nichts.«
   Lisa atmete auf. Schließlich war die Möglichkeit gering, dass Sergei dieselben sexuellen Vorlieben besaß. Mit den Genen hatten sexuelle Fantasien glücklicherweise nichts zu tun. Das hoffte sie zumindest. Dennoch klingelte das Alarmglöckchen erneut.
   Lass das mit dem Job, schien es zu sagen. Aber Lisa war Zeit ihres Lebens vernünftig gewesen. Beinahe dreißig Jahre lang. Erst vor genau sieben Monaten hatte sie begonnen, auf ihre Träume zu hören.
   Hat es dir was gebracht?
   Lisa überlegte, dabei musste sie es überhaupt nicht. Ihre Träume hatten sich nicht erfüllt, sondern sich in ein Meer aus Scherben verwandelt. Folglich konnte es kaum ratsam sein, seine Wünsche zu leben.
   Falsch! Du hättest nie erfahren, wie Felix wirklich ist.
   Okay, das stimmte. Sie hätte Felix weiterhin für einen lieben, fürsorglichen Menschen gehalten, den sie nicht enttäuschen durfte. Ein bisschen langweilig zwar, aber der ideale Familienvater. Doch lieb und fürsorglich gehörte der Vergangenheit an. Jetzt war er es, der über ihre Beziehung nachdenken musste. Allein in der gemeinsamen Wohnung, die ihm gehörte. Auch war er es gewesen, der sie gebeten hatte, zu gehen. Ohne Frist, sich eine Bleibe zu suchen. Wenn ihre Mutter nicht an Saskia gedacht hätte, hätte es eng ausgesehen. Bei ihrer Freundin Nadja hätte sie zwar ein paar Tage unterkommen können, aber der Vermieter hätte einen längeren Aufenthalt nicht zugelassen.
   Warum bist du nicht zu deiner Mutter nach Norwegen gegangen?
   Weil sie es nicht wollte. Christine lebte ihr Leben mit ihrem neuen Mann. Und da hatte Lisa nichts zu suchen, das wusste sie. Auf Besuch ja. Aber in einer Problemsituation uneingeladen aufzutauchen, war unvorstellbar und damit unmöglich. »Oh, mein Baby wird berühmt«, hatte Christine begeistert ausgerufen, als Lisa ihr von der Kündigung in ihrer alten Firma erzählte. Und dann? Als es mit der Berühmtheit eben nicht geklappt hatte? Lisa seufzte leise auf. Eigentlich passte ihre Mutter perfekt zu Felix. Auf beide war kein Verlass. Vielleicht hatte Saskia gestern nicht so unrecht gehabt, und sie hätte wirklich nach ihrem leiblichen Vater forschen sollen. Halbnavajo war er. In der Reservation bei seiner Mutter aufgewachsen. Er war in Deutschland stationiert gewesen, als Christine ihm über den Weg gelaufen war. Sie waren nicht lange zusammen gewesen, und von Verhütung hatten sie wohl nicht allzu viel gehalten.
   Weiß er eigentlich von dir?
   Lisa überlegte. Sie wusste es nicht. Für Christine war es nicht einfach gewesen, obwohl Großmutter ihr stets geholfen hatte. Ohne ihre Hilfe wäre wahrscheinlich viel den Bach hinuntergegangen. Auch Lisas Kindheit. Und die hatte zumindest aus ganz viel Sonnenschein bestanden.
   Was ist jetzt mit deinem Vater?
   Lisa hatte Christine selten nach ihm gefragt, denn ihre Mutter hatte das unangenehme Thema gemieden oder war ihren Fragen ausgewichen.
   Hast du ihn schon einmal in Facebook gesucht?
   Das hatte sie nicht. Ihr Vater hatte sie schlicht und ergreifend nicht interessiert. Immerhin hatte er sich nie um sie gekümmert. Wenigstens schreiben hätte er ihr in all den Jahren können.
   Vielleicht weiß er wirklich nichts von dir.
   Diese Möglichkeit hatte sie nie in Betracht gezogen. Vielleicht hätte er sich gekümmert. Vielleicht hätte sie ihn sogar »Dad« nennen dürfen. Vielleicht hatte sie in den USA Familie. Geschwister, eine Großmutter. Warum hatte sie nur so Angst davor, ihn zu kontaktieren? Weil sie keine Abfuhr erleiden wollte? Das war es wohl. Und weil sie bis vor ein paar Tagen gedacht hatte, dass sie wenigstens auf ihre Mutter zählen konnte. Und natürlich auf Felix.
   »Sei zumindest vorsichtig, falls du den Job annimmst«, riss Saskia sie aus ihren Gedanken.
   »Natürlich.«
   »Willst du es dir nicht noch einmal überlegen?«
   Lisa schüttelte den Kopf. »Ich brauche das Geld.«
   Saskia nickte. »Du fällst uns nicht zur Last, falls du dir deswegen Sorgen machst.«
   »Danke!« Lisa drückte ihre Cousine kurz an sich. »Aber ich bin nur so lange hier, bis Felix in Ruhe über unsere Beziehung nachgedacht hat.«
   »Er ist ein Arsch!«
   Was für ein unliebliches Wort aus dem Mund ihrer Cousine, und doch hätte Lisa sie dafür am liebsten noch einmal gedrückt.
   »Du solltest dir vielleicht wieder einen richtigen Job suchen.«
   »Und die Bücher?«
   »Das Schreiben funktioniert auch nebenbei. Du brauchst deine Unabhängigkeit. Was bedeutet schon ein erfüllter Traum in einem lebenden Albtraum?«
   Lisa schluckte. Die Worte verletzten sie, aber sie wusste auch um die Wahrheit, die in ihnen lag. »Ich werde darüber nachdenken.«
   »Das freut mich!« Saskia erhob sich und beseitigte die letzten Krümel des gemeinsamen Abendessens, das wie seit Jahrzehnten an dem alten Tisch im Wohnzimmer eingenommen wurde.
   Ja, überlegte Lisa. Ich werde mir wirklich ernsthaft Gedanken machen müssen.

Mit einem tiefen Seufzer ließ sich Lisa auf das weiche Bett fallen. Ihr Blick strich von der fliederfarbenen Tapete mit den rosa Blüten hinab auf den lila Teppichboden. Diese Farben in einem ursprünglichen Kellerraum mit erhöhtem Fenster machten wenig gute Laune, dienten allemal zur Beruhigung, um das Einschlafen zu fördern. Wieder seufzte Lisa. Tief in ihrem Inneren fühlte sie sich ausgebrannt. Umso mehr sie über die letzten Tage oder auch Wochen nachdachte, desto leerer fühlte sie sich. Morgen würde sie nun einen Minijob annehmen. So etwas hatte sie noch nie gemacht.
   Nach dem Abitur hatte sie in der Firma eine Ausbildung begonnen. Nach erfolgreich abgeschlossener Lehre war sie übernommen worden und geblieben. Bis vor sieben Monate. Eigentlich hatte sie einst Lehramt studieren wollen, aber Christine war dagegen gewesen. Und so ganz ohne finanzielle Absicherung hatte Lisa nicht den Mut besessen, das Studium in Angriff zu nehmen. Also hatte sie nachgegeben und war brav ins Berufsleben gegangen. Der Minijob passte eigentlich so überhaupt nicht in ihr Traumbild, aber insgeheim hatte sie nicht nur wegen des Geldes zugesagt. Wäre Sergei nicht just in dem Moment aufgetaucht, als sie die Anzeige gelesen hatte, wäre sie nie auf die Idee gekommen, das ehemalige Architekturbüro zu betreten und sich vorzustellen. Wenn sie ehrlich war, hätte sie sich nicht getraut, doch Sergei hatte ihr die Entscheidung abgenommen. Er hatte seinen magischen Bann über sie geworfen und ihr Gehirn dabei ausgeschaltet. Besser ausgedrückt: Er hatte einen Schalter umgelegt, von dessen Gegenwart sie nicht einmal gewusst hatte.
   Eine wahre Flut an Emotionen war über sie hinweggeschwappt, ein absolutes, unvorstellbares Neuland an Gefühlen. Von einer Sekunde zur anderen hatte sie sich wie eine begehrenswerte Frau gefühlt. Allein dadurch, dass sie Lust empfunden hatte. Lust auf einen Mann.
   Ja, auf einen Mann. Im wahrsten Sinn des Wortes.
   Allein dieser Blick.
   Nur der Blick?
   Lisa musste schmunzeln. Die Erinnerung daran, wie sie vor ihm gekniet hatte, ließ ihren Bauch schon wieder kribbelnd zusammenziehen. Sergei.
   Eigentlich ist er ein Rüpel.
   Ja, das war er. Weder freundlich noch höflich, aber ungeheuer – Lisa überlegte – anziehend. Morgen würde sie ihn wiedersehen.
   O Gott, morgen schon! Sollte sie einfach das Büro betreten? Was würde sie dort erwarten? Was sollte sie anziehen?
   Letzteres war eine berechtigte Frage. Sie wollte gut aussehen. Wenn sie sich in Sergei nicht täuschte, würde er auf Business-Kleidung keinen Wert legen.
   Obwohl …, sie überlegte. Eigentlich schätzte sie ihn schon so ein, als würde er bei Frauen auf ein ansprechendes Outfit achten, da war sie sich ziemlich sicher. Schlabberlook würde ihr keinen einzigen seiner faszinierenden Blicke einbringen.
   Am ersten Tag also keine Sneakers, entschied sie. Hoffentlich hatte sie etwas Passendes eingepackt. Der Großteil ihrer Kleidung befand sich noch in Felix Wohnung. Noch – wie sonderbar das klang. Und doch war es ein gutes Wort. Selbst, wenn sie zurückwollte, und unter der entscheidenden Voraussetzung, dass auch er ihr Heimkommen wünschen sollte, würde sie ihm nie mehr vertrauen können. Und lieben schon gar nicht. Es war vorbei. In ihrem Herzen und ihrer Seele. Selbst der Schmerz wurde langsam von Unverständnis abgelöst. Wut empfand sie noch keine.
   Ein weiteres Noch, fuhr es ihr durch den Kopf. Sie war noch viel zu geschockt. Noch, noch, noch …
   Energisch holte sie tief Luft, erhob sich vom Bett, das wirklich viel zu weich war, und ging zu ihrem Koffer, den sie achtlos in die Ecke gestellt hatte. Mit einem Ruck öffnete sie den Reißverschluss und klappte den Deckel zurück. Ein buntes Klamotten-Chaos erwartete sie.
   Ganz ruhig, sprach sie sich selbst Mut zu und verschränkte die Beine bequem zum Schneidersitz.
   Was hatte sie in der Aufregung mitgenommen?
   Ihr alter zerfledderter Stoffhund blickte ihr mit einem Auge entgegen. Lisa schluckte. Als Kind hatte er sie immer getröstet. Er war ein Geschenk von Großmutter zu ihrem dritten Geburtstag gewesen. Natürlich hatte sie ihn eingepackt. Was noch? Drei Jeans, jede Menge Shirts, Unterwäsche, Socken, aber kein Rock, kein Top. Nichts, was sie irgendwie ein bisschen sexy hätte aussehen lassen. Weiter arbeitete sie sich durch Kleiderberge. Dann atmete sie auf. Wenigstens ein Paar Pumps hatte sie mitgenommen. Zwar nur magere fünf Zentimeter hoch, aber besser als Sneakers. Außerdem musste sie nicht als Femme Fatale auftreten. Sie begann lediglich einen Job, für den es nicht einmal viel Geld geben würde. Gut angezogen wollte sie sein, aber nicht overdressed. Also: Alles perfekt.
   Sollte sie auch auf die Wahl ihrer Dessous achten?
   Lisa spitzte die Lippen. Ihre Erinnerung trug sie zurück zu Sergeis hungrigem Blick.
   Sie sollte auch in Unterwäsche gut aussehen. Sicher war sicher. Zum Glück hatte sie nicht nur an ihre obligatorischen Mikrofaser-, sondern auch an Spitzen-BHs gedacht. Passende Slips fanden sich ebenso. Auch die String-Variante. Lisa angelte nach einem BH in reinweiß. Weiß sah auf ihrer leicht kupfernen Haut immer gut aus.
   Oder doch schwarz? Zögernd zog sie den dünnen Stoff, der nur aus einem Hauch Spitze bestand, aus dem Koffer.
   Was war das? Lisa musste grinsen. Warum nur hatte sie dieses Teil eingepackt? Eine Eingebung des Schicksals?
   Nadja hatte ihr den Body einst geschenkt. Für heiße Stunden, hatte auf der beiliegenden Karte gestanden. Stunden, die es nie gegeben hatte, denn sie hatte das sexy Teilchen nie getragen. Neugierig ließ sie die zarte Spitze durch ihre Finger gleiten. Gut musste es sich anfühlen, sie auf der Haut zu spüren. Lisas Bauch meldete sich augenblicklich kribbelnd zu Wort. Zieh es an, schien er zu sagen. Schau, wie es dir steht!
   Sie stand auf. Zur Sicherheit drehte sie den Schlüssel im Türschloss. Nicht, dass Nils aus irgendeinem unerfindlichen Grund ins Zimmer kommen wollte. Aber auch Saskia sollte sie nicht halb nackt sehen. Dann schlüpfte sie aus der Jeans, streifte sich das Shirt über den Kopf, öffnete den BH und zog den Slip aus. Ein prüfender Blick in den Spiegel, der an dem beigen Schrank befestigt war. Sie war nicht sehr groß. Ein Erbstück ihrer Mutter, aber ihre Schenkel waren wohlgeformt – nicht zu dick, aber auch nicht zu dünn. Ein flacher Bauch und runde, feste Brüste mit zwei zart braunen Knospen blickten ihr entgegen. Ihr Gesicht wies eindeutig europäische Züge auf. Auch das rotblonde dichte lockige Haar, das ihr bis in den Rücken fiel, war eindeutig nordischer Herkunft. Nur ihre Augen strahlten in einem dunklen Braun.
   Strahlten?
   Momentan blickten sie ihr eher müde entgegen. Ihr ganzes Gesicht hatte seinen Glanz verloren.
   Trotzdem war sie immer noch eine attraktive Frau, stellte sie beruhigt fest. Ob Sergei sich das auch gedacht hatte? Da war sie sich beinahe sicher.
   Sergei – wie von selbst glitten ihre Hände zu ihren Brüsten, umfassten ihre Knospen, die unter ihrer Berührung augenblicklich hart wurden. Dann ließ sie ihre Hände über den Bauch zu ihrer haarlosen Mitte gleiten. Ihr G-Punkt lechzte förmlich nach einer kleinen Streicheleinheit, doch Lisa beherrschte sich und setzte die Reise ihrer Hände weiter über die samtweiche Haut ihrer Schenkel fort. Sie wünschte sich, Sergei würde sie berühren, seine Hände über ihren Körper wandern lassen, um schließlich ihre Mitte zu liebkosen und seine Finger tief in ihren Körper eindringen zu lassen. Lisa schluckte. Ihr Mund war strohtrocken.
   Der Body, erinnerte sie sich. Hoffentlich passte er. Zielstrebig angelte sie nach dem Hauch von Spitze und stutzte. Der Body war langärmelig. Vorsichtig zog sie ihn über ihre Oberschenkel. Ein String. Und jetzt? Fasziniert betrachtete sie den Hauch Stoff. Die Ärmel waren nur an der Seite befestigt. Der Body selbst wurde nach oben hin schmaler und endete schließlich in einem dehnbaren Stoffreif, der sich eng um ihren Hals schmiegte. Ehrfurchtsvoll schlüpfte sie zum Abschluss in die Ärmel. Wow! Es verschlug ihr die Sprache. Die Schultern blieben frei, ebenso die Taille. Das Halsband und die langen Ärmel gaben dem Dessous etwas Verruchtes, ohne es billig wirken zu lassen. Äußerst verführerisch, gepaart mit einem Hauch von Eleganz. Lisa war fassungslos. Aus dem Spiegel blickte ihr eine Göttin der Sünde entgegen.
   Ob sie Sergei so gefallen würde?
   Zwischen ihren Schenkeln begann es sehnsuchtsvoll zu pochen. Wie von selbst glitt ihre Hand zwischen ihre Beine. Mitten in der Bewegung hielt sie inne. Der Body war im Schritt geöffnet.
   Oh …, fuhr es ihr durch den Kopf, wie praktisch. Man konnte den Body beim Sex anbehalten. Wie verführerisch! Nicht nur nackte Haut, sondern weiche Haut in noch weichere, verführerische Spitze gehüllt. Die Vorstellung erregte sie.
   Vorsichtig tastete sich ihr Finger weiter vor, fand ihren G-Punkt.
   Nein! Sie würde keine Träume träumen, von denen sie nicht wusste, ob sie jemals Realität werden würden. Noch schlimmer war es allerdings, wenn die Vorstellung besser als die Realität sein würde.
   Sie würde auf Sergei warten, weil sie ahnte, dass er wusste, dass sie wartete. Außerdem: Vielleicht gefiel er ihr morgen überhaupt nicht mehr. Vielleicht waren ihre heutigen Gefühle nur ihren Sehnsüchten entsprungen. Vielleicht …
   Sie würde sehen und es erleben.

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