Heather kann es nicht fassen. Ihr One-Night-Stand von Samstagnacht entpuppt sich als neuer Arbeitskollege. Zu ihrem Ärger kann sie sich seiner erotischen Wirkung auf sie nicht entziehen. Kopfüber stürzt sie sich in eine leidenschaftliche Affäre. Dabei hat Nick ein Geheimnis und, wie es aussieht, auch eine Frau. Kann Heather ihm vertrauen oder zieht sie besser die Notbremse? Im Büro weht indessen ein kühler Wind. Daten wurden gestohlen und weiterverkauft. Heather hat einen Verdacht und begibt sich dadurch in Lebensgefahr. Riskiert sie zu viel, und kann es für sie noch ein Happy End geben?

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ISBN: 978-9963-53-753-2

Seiten: 222

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Jenna Fields

Jenna Fields
Jenna Fields ist das Pseudonym der Autorin Doris Winter, unter dem sie prickelnde erotische Geschichten schreibt, in denen sich alles um die Liebe dreht. Doris arbeitet im IT-Bereich, geht für ihr Leben gern Radfahren und verlässt praktisch nie das Haus, ohne ein Buch dabei zu haben. Ihr Debütroman ist „Romanze Undercover“, ein romantischer Thriller, mit dem sie die bookshouse-Ausschreibung „Cover sucht Autorin“ gewonnen hat.  

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

»Wahrheit oder Pflicht?«
   Weder noch, wenn sie ehrlich war. Heather blickte auf die Gläser mit Gin, die schon bereitstanden, wenn sie Pflicht wählte. Ihr Kopf fühlte sich jetzt schon schwer vom Alkohol an, dabei hatte der Abend mit ihren Freundinnen erst begonnen. Doch wenn Chloe mit von der Partie war, floss der Alkohol in Strömen, vor allem, wenn es sich um ihre Geburtstagsfeier handelte. Was sollte es, das war immer noch besser als Ellies Wahrheitsfragen. Ellie verstand es, mit Unschuldsmiene die intimsten Fragen wie »Wann hast du den letzten vaginalen Orgasmus gehabt?« oder »Wann hast du das letzte Mal Sex gehabt? Zu zweit« zu stellen. »Noch nie« und »letztes Jahr« wären hierzu die wahren Antworten gewesen. Nein, lieber noch ein Schlückchen Gin.
   »Pflicht«, sagte Heather und griff schon zu der klaren Flüssigkeit.
   »Nicht so schnell«, stoppte Ellie sie. »Du nimmst immer Pflicht. Also werde ich die Spielregeln etwas adaptieren.«
   Alle sahen sie gespannt an.
   »Du kannst im Nachhinein zwischen Wahrheit und Pflicht wählen. Dann gibt es aber eine Frage mit Zusatzfrage oder eine Aufgabe mit Erschwernis.« Sie blickte Heather über den Tisch wie ein kleines Raubtier an, das wusste, dass seine Beute bald in die Falle gehen würde.
   »Na gut. Bin dabei«, sagte Heather.
   »Auf die neuen Spielregeln!« Chloe hob ihr Glas, und die anderen taten es ihr gleich. »Bring unsere Heather schön ins Schwitzen, Ellie!«
   »Keine Angst, das werde ich.« Sie lehnte sich über den Tisch hin zur Mitte und die anderen machten automatisch dasselbe.
   »Siehst du den Typen dort drüben? Den mit dem anthrazitfarbenen Hemd, der immerzu in sein Handy tippt?«, sagte Ellie, im Flüsterton oder was sie nach fünf Gläsern Gin dafür hielt.
   Heather ahnte Schlimmes. Alle vier starrten auf den Mann, der kurz Notiz von ihnen zu nehmen schien und sich dann wieder seinem Handy widmete.
   »Das ist doch der, der Chloe vorhin eine Abfuhr erteilt hat«, sagte Gillian.
   »Niemand hat mir eine Abfuhr erteilt.« Chloe richtete sich auf und zog die Spaghettiträger ihres tief ausgeschnittenen Tops zurecht. »Er hat mir doch gesagt, wie spät es ist.«
   »Abfuhr! Abfuhr« trällerte Ellie, und Gillian grinste.
   »Ihr seid ja betrunken.« Chloe griff nach einem Glas Gin und leerte es in einem Zug.
   Heather ahnte, dass sie gleich dasselbe tun würde, und zwar freiwillig, wenn Ellie endlich ihre Aufgabe verkündet oder ihre Frage gestellt hatte.
   »Also … Heather wird zu dem Typen rübergehen, mit ihm reden und ihm ihre Telefonnummer geben.«
   »Das mache ich sicher nicht«, sagte Heather mit voller Überzeugung. »Ich gebe Fremden nie meine Telefonnummer. Schon gar nicht, wenn sie so misslaunig dreinschauen.«
   »Dann muss ich dir leider eine Frage stellen.« Ellie sah aus, als könnte sie kein Wässerchen trüben. »Wann hast du es dir das letzte Mal selbst besorgt, und an wen hast du dabei gedacht?«
   Na blöd, das war heute Nachmittag gewesen. Heather hatte auf dem Sofa gesessen und sich »Location, Location, Location« angesehen, als sich ein vertrautes Kribbeln in ihrem Unterleib bemerkbar gemacht hatte. Wie von selbst waren ihre Finger in ihr Höschen geglitten und hatten zielsicher den kleinen, versteckten Punkt angesteuert. Dabei hatte sie an ihren Exfreund Roger gedacht und wie sie gemeinsam Sex hatten. Früher, als sie frisch zusammen waren und er sich noch bemüht hatte. Deshalb war sie auch zu spät zu ihrem Treffen im Pub gekommen.
   Heather hatte nicht wirklich Lust von ihrer Session am Nachmittag zu berichten und noch weniger wollte sie zugeben, dass sie dabei an Roger gedacht hatte. Das kam ihr armselig vor. Noch dazu hatten ihre Freundinnen ohnehin keine so tolle Meinung von ihm.
   Sie blickte hinüber zu dem Tisch neben der Bar, wo der Typ saß. Er führte gerade sein Glas zum Mund.
   »Pflicht«, sagte sie, noch bevor sie darüber nachdachte.
   Die drei johlten, und Ellie schob ihre kleine türkisfarbene Brille hoch. »Na dann los, Cowgirl! Gib Mr. Unleidlich deine Handynummer.«
   »Mann, du bist besoffen, Ellie«, sagte Heather und rutschte vom Barhocker.
   Mit dem Wissen, dass alle sechs Augen auf sie gerichtet waren, steuerte sie den Mann an. Sie merkte, dass ihre Schritte nicht so sicher waren wie sonst und auf halbem Weg drehte sie sich zu ihren Freundinnen um. Die deuteten ihr, weiter zu gehen. Heather atmete tief ein, straffte ihre Schultern und stand schließlich vor seinem Tisch. Als er aufblickte, brachte sie kein Wort heraus, sondern starrte ihn nur an.
   »Kann ich helfen?«, fragte er und seine Stimme klang viel sanfter, als sie es erwartet hatte. Auch sein Blick war nicht annähernd so abweisend, als sie es vorher empfunden hatte. Ernst ja, aber nicht abweisend.
   »Hi, ich bin Heather«, sagte sie zögernd und wünschte sich, Ellies Fragen beantwortet zu haben. Das hier konnte nur peinlich werden.
   »Freut mich, Heather. Was kann ich für dich tun?«
   Heather war sich nicht sicher, ob er seine Frage ernst meinte oder scherzte, aber das wusste sie bei Menschen oft nicht. »Gute Frage … Eigentlich … Entschuldigung, meine Kehle ist so trocken.« Ehe sie wusste, was sie tat, griff sie nach seinem Glas und machte einen Schluck. Dann hielt sie inne. Hatte sie das eben wirklich getan? Bier aus seinem Glas getrunken?
   »Entschuldigung, das war ja dein Glas. Ich bin mega nervös, musst du wissen. Normalerweise tue ich das nicht, fremde Männer ansprechen. Und aus fremden Gläsern trinken.«
   »Wirklich?«
   Er musterte sie, wobei seine Mundwinkel leicht nach oben gingen. Heather kam sich mehr als bescheuert vor. Im Nacken spürte sie die Blicke ihrer Freundinnen.
   Sie nickte.
   »Tu mir einen Gefallen und setz sich, Heather. Ich sehe nicht gern zu Menschen auf.«
   Heather setzte sich und er schob ihr sein Glas zu. »Bitte, du wirkst, als bräuchtest du mehr.«
   Sie nahm einen weiteren Schluck.
   »Und jetzt verrate mir, was ich für dich tun kann.«
   Er sagte das in einem Ton, der eine zarte Gänsehaut über ihren Rücken rieseln ließ.
   »Ich glaube, ich blamiere mich gleich furchtbar«, sagte sie und trank wieder von seinem Bier.
   »Das kommt ganz darauf an, was du als Nächstes tust. Bisher ist es noch nicht so schlimm.« Er lächelte und ihr Blick blieb an seinen Grübchen haften.
   »Ich möchte dir gern meine Handynummer geben«, sagte Heather und schob ihm einen kleinen, abgerissenen Zettel hinüber, auf dem sie vorhin rasch ihre Nummer gekritzelt hatte.
   »Interessant«, sagte er. »Erwartest du, dass ich die Nummer einstecke und dich anrufe, oder hat dies alles mit den drei Grazien dort drüben zu tun, die in einem fort zu uns rüberstarren?«
   Heathers Wangen wurden heiß. »Verzeih die Belästigung, ich glaube, ich sollte besser gehen.« Sie stand auf, doch da legte er seine Hand auf ihre und zog sie wieder auf den Stuhl.
   »Du enttäuscht mich. Erst gibst du mir deine Nummer und dann gehst du, ohne mich gefragt zu haben, wie ich heiße? Mag sein, dass das eingebildet klingt, aber so furchtbar sehe ich, denke ich, nicht aus.«
   »Nein, überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Du siehst … wirklich gut aus.«
   Plumper ging es nicht mehr, das stand fest. Aber es entsprach der Wahrheit. Wenn sie ehrlich war, hatte sie selten einen so gut aussehenden Mann getroffen. Oder war das die Wirkung des Alkohols? Nein, er sah definitiv gut aus. Hohe Stirn, dunkelblonde Haare, fein geschwungene Lippen, starkes Kinn. Doch das machte es nicht aus. Es waren seine Augen, die seinem Gesicht diese Ausdrucksstärke verliehen. Leider konnte sie bei dem Licht ihre Farbe nicht erkennen.
   »Danke. Ich mache dir einen Vorschlag. Du bleibst hier sitzen, und ich hole uns etwas zu trinken. In dieser Zeit, das ist das Einzige, was ich von dir verlange, siehst du nicht zu den Mädels hinüber. Ich heiße übrigens Nick.«
   Heather nickte, und Nick stand auf und entfernte sich. Heather blieb sitzen, genau wie er es verlangt hatte, und drehte sich auch nicht um.
   Nick kam mit zwei Gläsern Bier zurück. Ihr fiel auf, dass der kleine Zettel mit ihrer Nummer noch immer auf dem Tisch lag. Sie konnte nicht sagen, woran es lag, aber es störte sie, dass er ihn noch nicht eingesteckt hatte.
   »Also, worum habt ihr gewettet?«, fragte er, nachdem er sich gesetzt und von seinem Bier getrunken hatte.
   »Um nichts. Es war viel mehr ein Spiel.«
   »Ein Spiel?«
   »Pflicht oder Wahrheit.«
   »Alles klar.«
   »Wir feiern heute Chloes Geburtstag«, führte Heather aus, nachdem sie das Gefühl hatte, ihr Verhalten erklären zu müssen. »Das ist die mit dem pinkfarbenen Top.«
   Nick sah kurz zu dem Mädelstisch.
   »Stimmt das, dass du Chloe eine Abfuhr erteilt hast? Ich frage deswegen, weil sie diejenige von uns ist, die, sagen wir mal, bei Männern besonders gut ankommt.« Super, jetzt erzählte sie ihm, wie gut ihre Freundin beim anderen Geschlecht ankam. Sie hatte wirklich zu wenig Dates, wie Gillian regelmäßig behauptete.
   »Es war keine Abfuhr. Ich habe es bloß vorgezogen, allein zu bleiben.«
   »Die meisten finden sie sexy«, sagte Heather.
   »Was sexy ist, liegt im Auge des Betrachters.«
   Heather musste schmunzeln. Das klang fast, als fände er sie attraktiver als die offenherzige Chloe.
   »Manchmal«, setzte er fort, »ist ein kleines Lächeln mehr sexy als ein Top, das verrät, wie du darunter aussiehst.«
   Heather senkte kurz den Blick, hob ihn jedoch gleich wieder und sah ihm in die Augen. Die Art, wie er sie anblickte, ging ihr unter die Haut. Gleichzeitig wurde ihr warm, so warm, dass sich ein zarter Schweißfilm auf ihrer Stirn bildete. »Warm ist es hier«, sagte sie und hob ihre langen, offenen Haare an. »Findest du nicht?«
   Er beugte sich zu ihr, sodass sein Gesicht nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt war.
   »Du bist erregt«, sagte er mit ruhiger Stimme. »Deine Atmung geht etwas schneller, deine Pupillen erweitern sich und es wird mehr Blut durch deinen Körper gepumpt.«
   »Meine Pupillen?«, wiederholte Heather, ohne genau zu wissen, warum.
   Sein Mund war nur Millimeter von ihrem entfernt. »Entweder du musst dich furchtbar konzentrieren, weil du – keine Ahnung – gerade eine lange Zahlenreihe addierst oder Dopamin wird gerade durch deinen Körper geschickt. Berührungen …«, er strich mit den Fingerkuppen über ihren Unterarm, »… fühlen sich intensiver an, dein ganzer Körper ist angespannt und wartet darauf, was als Nächstes passiert.«
   Heather schluckte und fuhr sich mit der Zungenspitze unbewusst über ihre Lippen. Zwischen ihr und Nick passte nur noch ein Blatt, sonst nichts.
   »Ich werde dich küssen, Heather, ich muss wissen, wie du schmeckst«, flüsterte er.
   Im nächsten Moment spürte sie seine Hand in ihrem Nacken und seine Lippen auf ihren. Sie waren weich und sanft und jagten einen angenehmen Schauder ihren Nacken entlang. Bereitwillig öffnete Heather ihren Mund, und ihre Zungen berührten sich. Erst vorsichtig, beinahe höflich, als wollten sie einander vorstellen, dann aber wurden sie forscher und liebkosten den Mund des anderen. Die Bewegung seiner Zunge war weder zu grob noch zu derb und auch nicht zu weich oder zu lasch. Sie war genau richtig. Er schmeckte so gut, so männlich, so sexy und er duftete so köstlich. Eine Welle der Erregung ging durch ihren Unterleib. Sie wünschte sich nichts mehr als seine Hände auf ihrem Körper, seine Zunge auf ihrer Haut.
   »Ich möchte mit dir schlafen«, sagte Nick mit rauer Stimme. »Ich möchte wissen, wie deine Haut schmeckt, wie es sich anfühlt, in dich einzudringen. Und ich würde gern vermeiden, hier und jetzt zu kommen«, fügte er scherzend an und brachte ein bisschen Abstand zwischen sie.
   Heather musste lachen und wunderte sich darüber, dass sich alles so selbstverständlich für sie anfühlte. Nick zu küssen, obwohl sie ihn gerade kennengelernt hatte. Den Wunsch, seinen nackten Körper auf ihrem zu spüren, seinen Penis anzufassen, ihn in sich aufzunehmen … Sie erschrak ein wenig über ihre schamlosen Gedanken. So zu empfinden, bei einem Fremden, den sie eben erst kennengelernt hatte, das war neu für sie. Mehr noch erschreckte sie die Tatsache, dass sie keine Bedenken hatte, sich auf ihn einzulassen. Das entsprach nicht ihrem sonst eher vorsichtigen Naturell. Sex war normalerweise etwas, das sie zuließ, wenn genug Vertrauen da war, wenn sie den anderen kannte und einschätzen konnte. Ihr ganzer Körper bestand nur aus Verlangen, Verlangen nach Nick, und begrub jedes Gefühl der Vorsicht unter sich.

Heather schloss die Tür auf. Während der Taxifahrt hatte sie sich den Kopf zermartert, ob ihre Wohnung aufgeräumt war, ob sie das Bett gemacht hatte, ob sie die Tube Enthaarungscreme weggeworfen oder im Badezimmer offen liegen gelassen hatte, ob nicht irgendwo Slips oder Socken auf dem Boden herumlagen, und falls ja, was Nick von ihr denken würde, wenn er das Durcheinander sah.
   Sobald sie jedoch die Tür hinter sich geschlossen hatte und Nick sie in seine Arme zog und küsste, waren diese Gedanken verschwunden. Sie hätte ihn ewig küssen, seine geschickte Zunge in ihrem Mund spüren können, seinen warmen, feuchten Atem an ihren Lippen. Nick zu küssen, fühlte sich großartig an.
   »Möchtest du etwas trinken?«, fragte sie, als sie sich voneinander lösten. »Ich habe Mineralwasser, Whiskey, Tee und irgendwo auch sicher eine Flasche Wein. Bier weiß ich nicht. Cola, Cola müsste ich auch haben.«
   Er legte einen Zeigefinger auf ihre Lippen, und Heather verstummte. Was war sie nervös. Sie redete nur dummes Zeug.
   »Ich möchte dich. Dich und deine ganze Aufmerksamkeit.«
   Heather schluckte. So etwas Schönes hatte noch nie jemand zu ihr gesagt.
   »Ich würde dich gern ausziehen, wenn du damit einverstanden bist«, sprach er weiter.
   Heather nickte und ließ es zu, dass er ihr den Cardigan abstreifte. Sorgsam hängte er ihn an die Garderobe, als hätte er alle Zeit der Welt. Dann trat er hinter sie, strich ihre Haare zur Seite und küsste ihren Nacken. Eine kleine, unscheinbare Berührung, und dennoch stellten sich ihre Härchen auf.
   Seine Lippen wanderten über ihren Hals, liebkosten ihre Haut, während sich seine Hände um ihre nackte Taille unterhalb ihres bauchfreien Shirts legten. Heather stöhnte leise, fast unhörbar auf. Ihr Kopf fühlte sich an wie Watte, ihre Knie wie Pudding.
   Er drehte sie herum, nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie erneut, dieses Mal hungrig und voller Leidenschaft. Durch den Stoff seiner Hose nahm sie deutlich seine Erregung wahr. Während ihre Münder nicht aufhören konnten, einander zu liebkosen und zu erforschen, machte sie sich daran, sein Hemd aufzuknöpfen. Die Haut seiner Brust fühlte sich weich und glatt an, darunter ertastete sie harte Muskeln. Nick hatte den Körper eines Athleten.
   Ihre Hand glitt an ihm hinab, über den gespannten Teil seiner Hose. Ein Stöhnen ging durch seine Brust. Heather lächelte zufrieden. Er war genauso erregt wie sie, konnte es wie sie kaum erwarten, die Kleidung vollständig abzustreifen und die nackte Haut des anderen zu spüren. Das war ein schöner und beruhigender Gedanke, und er verpasste ihrem Selbstbewusstsein einen Schub.
   Nick schob ihr Shirt hinauf und Heather hob die Arme, damit er es ihr über den Kopf ziehen konnte. Darunter trug sie einen hauchzarten, nudefarbenen BH, der nichts verbarg.
   Nick zeichnete mit seinem Finger ihre Vorhöfe nach, bis sich ihre Nippel aufrichteten. Durch den Stoff reizte er sie, drückte sie kurz zusammen und ließ sie wieder los. Erregungsimpulse schossen wie kleine Pfeile durch Heathers Unterleib, und sie fragte sich, wie lange sie noch stehen konnte, bis ihre Knie nachgaben.
   Er schob seine Finger unter die Träger ihres Büstenhalters und ließ sie auf ihrem Rücken hinunterwandern. Schließlich hakte er den Verschluss auf und ließ die durchsichtige Hülle zu Boden gleiten.
   Dann zog er sie wieder an sich und knetete sanft das weiche Fleisch ihrer Brüste. Als er einen Nippel zwischen Daumen und Zeigefinger nahm, ohne störenden Stoff dazwischen, und leicht zudrückte, entfuhr Heathers Kehle ein Stöhnen. Nick wiederholte das Spiel, dieses Mal eine Spur fester, und jagte damit eine Woge der Erregung durch ihren Körper.
   Sie griff nach seinem Hosenbund, öffnete rasch Knopf und Reißverschluss und fasste nach seinem harten Glied. Es fühlte sich heiß und geschwollen an. Mit sanften Auf- und Abbewegungen fuhr sie seinen Schaft entlang, da nahm er plötzlich ihre Hand. Heather hielt inne. Hatte sie etwas falsch gemacht? Ihn zu fest angefasst?
   »Wenn du nicht willst, dass dies hier ein allzu rasches Ende findet, solltest du nicht weitermachen«, flüsterte er heiser.
   Das kam überraschend. Wenn Männer erregt waren, wollten sie Geschlechts- oder Oralverkehr, passiv, verstand sich, aber sie wollten normalerweise nicht, dass man aufhörte. Nick war anders. Er nahm sich Zeit. Kein schneller Quickie wie ein Hotdog auf der Straße, um den Hunger zu stillen.
   Er ließ ihren Rock zu Boden gleiten, beugte sich hinunter und half ihr hinauszusteigen. Als er vor ihr kniete, sein Gesicht direkt vor ihrem Venushügel, hielt sie den Atem an. Sie war so erregt wie schon lange nicht mehr. Eigentlich wie noch nie.
   »Das Schlafzimmer?«, fragte er leise.
   »Gleich rechts, die erste Tür.«
   »Nicht erschrecken.« Er stand auf, hob sie hoch und trug sie hinüber, wo er sie auf das Bett legte.
   Nick streifte seine Schuhe ab, schlüpfte aus der Jeans und ließ sie zu Boden fallen. Dasselbe tat er mit den Boxershorts. Sein erigiertes Glied streckte sich ihr entgegen und war mehr als bereit. Instinktiv befeuchtete Heather ihre Lippen. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie das Verlangen, einen Penis zu küssen, ihn in den Mund zu nehmen. Er war wunderschön. Lang, gerade, rosafarben. Perfekt.
   Nick kam zu ihr auf das Bett und beugte sich über sie. Als sich sein Gesicht knapp über ihrem befand, konnte sie seine Augenfarbe erkennen. Es war ein Blaugrün, das sie an die Tiefen des Ozeans erinnerte. Der Gedanke verflüchtigte sich, als Nick seinen Kopf tiefer zu ihr neigte. Bereitwillig öffnete sie ihre Lippen, wollte schon seine Zunge aufnehmen, da zog er seinen Kopf wieder ein Stück zurück. Heather hob ihren an, um seinen Mund zu erreichen, doch er legte seine Hand sanft aber bestimmt auf ihren Hals und hielt sie zurück.
   »Bitte …«, wisperte sie.
   »Hab Geduld«, sagte er und seine Lippen berührten ihre ganz flüchtig, während er mit dem Handrücken über ihren Hals strich. Seine Hand wanderte über ihr Schlüsselbein zu ihren Brüsten, streifte ihre linke Brustwarze und bewegte sich dann weiter in Richtung Bauchnabel, wo sie kleine Kreise zog, bis sie bei ihrem Slip angelangt war. Seine Finger hinterließen kleine Schockwellen auf ihrer Haut. Mit den Fingerspitzen fuhr er den Rand ihres Slips entlang, ließ sie unter den dünnen Stoff gleiten und strich über ihren glatten Venushügel.
   Heather konnte vor Anspannung kaum klar denken. Sie wollte, dass er ihr den letzten Stoff vom Leib riss, sie anfasste, in sie eindrang. Was Nick hier tat, war Folter.
   »Entspann dich«, sagte er, als hätte er eben ihre Gedanken gelesen, »du bekommst alles, was du dir wünscht.«
   Er schenkte ihr noch einen langen, zärtlichen Kuss, ehe er hinunter zu ihren Beinen rutschte und sie ihres Slips entledigte.
   »Schließ die Augen«, sagte er, und sie tat, was er verlangte. »Du sollst nur fühlen.«
   Heather schluckte. Ihr ganzer Körper war zum Zerreißen gespannt. Sie winkelte ihre Beine ein Stückchen an und spürte gleichzeitig, wie Nick diese öffnete. Vom Knie aufwärts begann er die Innenseite ihres rechten Oberschenkels zu küssen. Überall, wo sein Mund sie berührte, verursachte er ein Kribbeln, das sich beinahe wie kleine, elektrische Schläge anfühlte.
   Sie hielt die Luft an. Nicks Zunge glitt über ihre Spalte, berührte ihren Kitzler. Heather stieß die angehaltene Luft aus. Gleich würde sie innerlich explodieren. Ihre Anspannung schwoll an, sie stand kurz vor dem Höhepunkt. Da hörte er auf. Nur Sekunden, vielleicht waren es auch nur Zehntelsekunden, aber diese Pause war die Hölle. Sie krallte ihre Hände in das Laken, nur, um es sofort loszulassen, als sie wieder die feuchten, massierenden Liebkosungen spürte. Langsam steigerte Nick das Tempo, bis sich alle Muskeln in ihrem Körper anspannten. Jetzt, o Gott … Ihre Erregung entlud sich in einem unglaublichen Orgasmus.
   Heather war völlig außer Atem, ihre Stirn schweißnass. Gleichzeitig fror sie. Sie wollte schon nach der Decke greifen und das federleichte Gefühl genießen, als schwebte sie langsam zu Boden, das sie immer danach hatte, da spürte sie erneut Nicks Zunge. Ganz leicht und vorsichtig leckte er über Schamlippen und Kitzler, reizte sie nicht zu sehr, sondern steigerte behutsam die Intensität. Heather konnte es erst nicht glauben, doch dann entspannte sie sich wieder, fühlte in ihren Körper hinein und genoss die neu ansteigende Erregung. Es brauchte nicht lange, es kam ihr nur wie ein paar Atemzüge vor, bis ein weiterer Höhepunkt sie überwältigte. Sie keuchte, bäumte sich auf und fiel zitternd auf das Kissen zurück.
   Nick kannte kein Erbarmen. Er leckte sie weiter. Wenige Augenblicke später kam sie nochmals und blieb erschöpft liegen.
   Peripher bekam sie mit, dass Nick nach seiner Jeans griff und etwas herauszog. Ein Rascheln drang an ihre Ohren. Sie hatte ihre Augen noch immer geschlossen – vielleicht auch schon wieder, sie wusste es nicht –, da spürte sie, wie Nick ihre Beine anhob. Mit einem kraftvollen Stoß drang er in sie ein. Heather schrie auf vor Lust und riss die Augen auf. Nick war aufrecht über ihr. Sein Anblick, wie er sie mit kraftvollen Stößen nahm, verschlug ihr fast den Atem. Ihr Schoß wölbte sich ihm entgegen, um ihn noch tiefer in sich aufzunehmen. Wärme breitete sich darin aus, die Muskeln in ihrem Bauch zogen sich rhythmisch zusammen, ein paar Mal nur, dann wurde sie von einer orgastischen Flutwelle überrollt. Noch während ihr Unterleib zuckte, wurden Nicks Stöße schneller und härter. Momente später stöhnte er laut auf und kam in ihr.
   Er lehnte sich über sie. »Ich muss dir ein Geständnis machen«, sagte er mit ernster Miene.
   »Ein Geständnis?« In Heathers Kopf schrillten die Alarmglocken. Bitte, dachte sie, lass ihn nicht sagen, dass er verheiratet ist. Oder dass er eine Freundin hat. Der Abend war doch so wundervoll, so absolut fantastisch.
   »Ich bin am Verhungern.« Er grinste.
   Heather fiel ein Stein vom Herzen. »Mann, Nick, erschreck mich nicht so. Ich dachte schon, es sei etwas Ernsthaftes.«
   »Verhungern ist ernsthaft.«
   Sie musste schmunzeln. »Wenn ich ehrlich bin, habe ich auch Hunger.« Sie blickte auf die Uhr. »Kein Wunder, es ist vier Uhr früh. Haben wir wirklich über drei Stunden Sex gehabt?«
   Nick lächelte nur.
   Wäre sie nicht selbst dabei gewesen, sie könnte es kaum glauben. Noch nie hatte sie am Stück mehrere Stunden Sex gehabt. Das längste waren vielleicht dreißig Minuten gewesen und das war großzügig geschätzt.
   »Hast du immer so lange Sex?«, fragte sie und bereute es noch, während sie es aussprach. Solche Fragen sparte man sich besser. Vor allem dann, wenn man nichts über seine Verflossenen hören wollte. Die Vorstellung, dass er mit anderen Frauen dasselbe tat wie mit ihr, irritierte sie. Außerdem war es ein so schöner Gedanke, dass es an ihr lag. Wahrscheinlich zu schön, um wahr zu sein.
   Er legte ihr den Finger auf den Mund, wie schon ein paar Stunden zuvor. »Keine Geschichten über andere. Das ist unser Abend.«
   Irgendwie sagte er immer das Richtige. Wie konnte es sein, dass dieser Mann nicht vergeben war? Er war doch so etwas wie ein Solosechser.
   »Du hast recht«, sagte sie. »Wollen wir uns etwas bestellen? Am Kühlschrank hängt die Nummer von einem Lieferservice, der rund um die Uhr Essen liefert. Was hältst du von Chinesisch? Oder Pizza?«
   »Hast du Mehl, Milch, Eier und Konfitüre zu Hause?«
   »Keine Ahnung. Wieso?«
   »Ist eine Überraschung. Lass uns nachsehen.«

Nick war wie ein Überraschungsei. Außen lecker und innen wartete etwas, das es Wert war, entdeckt zu werden. Sie konnte sich nicht an ihm sattsehen, wie er nur mit offenem Hemd bekleidet in ihrer Küche stand. Er sah so sexy aus, wie er mit geschmeidigen, eleganten Bewegungen Eier aufschlug, Mehl abwog und Milch in die Schüssel leerte. Als er den Mixer anwarf, spritzte nicht alles an die Wand, wie es ihr gern passierte, sondern blieb in der Schüssel. Auf dem Küchentisch entdeckte Heather zwei Kondompäckchen. Sie wunderte sich ein bisschen darüber, dass Nick sie in die Küche mitgenommen hatte, dachte aber nicht weiter darüber nach. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, ihm beim Kochen zuzusehen. Er war, ohne Übertreibung, eine wahre Augenweide.
   »Der Koch ist Trinkgeld nicht abgeneigt, Naturalien in Form von Küssen werden akzeptiert«, sagte er, worauf Heather, die neben ihm auf der Arbeitsfläche saß, ihn umarmte und ihm einen langen, intensiven Kuss gab.
   »Gutes Timing«, sagte Nick. »Der Teig muss ein wenig ruhen. Währenddessen …«, er küsste ihre Mundwinkel, »… habe ich mit dir etwas vor.«
   Er schob ihre Beine auseinander und ließ seine Hand zwischen ihre Schenkel gleiten. Heather hörte kurz zu atmen auf, als er seine Finger in sie einführte. Sie rutschte mit ihrem Becken nach vorn, damit er tiefer in sie vordringen konnte. Es war unglaublich, wie stark ihr Körper auf Nick reagierte. Es genügte, dass er sie mit diesem intensiven Blick ansah, und sie wurde feucht. Als drückte er einen Knopf, und sie war bereit.
   Sie spürte seine Finger, wie sie sich geschickt in ihr bewegten und Druck ausübten. Dann zog er seine Hand aus ihr heraus. Heather fürchtete schon, dass er sie wieder zappeln ließ. Nichts dergleichen. Sein Finger glitt zu ihrem Kitzler, verteilte dort die gewonnene Feuchtigkeit und begann, ihn sanft zu massieren. Ein süßes Ziehen floss durch ihren Körper. Heather ließ den Kopf in den Nacken fallen und schloss die Augen. Sie wusste, er sah ihr zu, betrachtete sie, wie sich ihre Lust steigerte, aber es störte sie nicht. Im Gegenteil, es erregte sie noch mehr. Nicks Finger tauchte wieder in sie ein und verteilte erneut die Flüssigkeit auf ihrer Perle. Das lustvolle Ziehen wurde intensiver. Heather bog sich ihm entgegen, um mehr zu bekommen, doch sie bekam fast nichts mehr. Nick hatte Tempo und Druck zurückgenommen. Leicht wie eine Feder glitt sein Finger über ihre Perle und trieb sie damit fast in den Wahnsinn. Heather wimmerte beinahe. Sie war so weit, sie wollte kommen.
   Endlich steigerte er wieder die Intensität. Jeder Muskel in ihr spannte sich an. Heather hörte auf zu atmen, bis die Spannung sich entlud, die Explosion sich wellenförmig ausbreitete.
   »Halt dich an mir fest«, hörte sie ihn wie aus weiter Ferne sagen. Er umfasste ihre Pobacken, hob sie hoch und setzte sie auf dem Küchentisch ab. Der ächzte ein wenig, diese Behandlung war er nicht gewohnt. Heather fühlte das glatt polierte Holz unter ihrer nackten Haut, aber auch die Risse und Kerben.
   Nick griff nach einem Kondompäckchen, riss es auf und rollte sich den Schutz gekonnt über.
   Ein Beben ging durch ihren Körper, als sein harter Penis kraftvoll in sie eindrang. Heather schrie und stöhnte. Es war ihr egal, ob sie laut war und ein Nachbar sie hören konnte. Sie wollte die Lust mit jeder Faser ihres Körpers erleben. Seine Stöße waren fordernd und kräftig. Der Höhepunkt kündigte sich nicht an, er überrollte sie geradezu. Heather merkte es erst, als die Feuerwerkskörper in ihrem Unterleib explodierten. Unkontrolliert warf sie ihren Kopf zur Seite, bis sie schließlich erschöpft liegen blieb. Erst, als sie die Augen öffnete, registrierte sie, dass er sich nicht länger in ihr bewegte.
   »Sind wir …«
   »Ja, wir sind gleichzeitig gekommen«, sagte er. »Den Tisch wischen wir besser ab, bevor wir essen.«

Wenige Minuten später saß sie wieder auf der Arbeitsfläche und beobachte Nick, während er kochte. Er prüfte die Konsistenz des Teiges und fügte noch etwas Milch hinzu. Dann öffnete er den Kühlschrank.
   »Hast du keine Butter?«, fragte er.
   »Butter? Nein, glaube nicht. Öl könnte ich haben. Wenn es nicht schon abgelaufen ist.«
   »Kochen ist wohl nicht deine Leidenschaft.«
   »Nein, aber ich esse gern.« Sie hopste von der Arbeitsplatte und konnte gerade noch verhindern, mit einem Fuß in Tigers Trinkschale zu landen. Vorsichtig, weil sie wusste, dass der Griff locker war, öffnete sie einen Schrank. »Hier, bitte, Öl. Erst zwei Wochen abgelaufen, also so gut wie neu.«
   Nick schüttelte den Kopf und leerte etwas Öl in eine Pfanne.
   »Was machst du hier eigentlich? Pancakes?«, wollte sie wissen.
   »Keine Pancakes. Palatschinken.«
   Was immer das war, es duftete vielversprechend. Sie sah ihm zu, wie er runde Teigteller wendete, indem er sie mit der Pfanne in die Luft warf und wieder auffing.
   »Bist du Koch?«
   Er schüttelte den Kopf. »Meine Großmutter stammt aus Wien und ist eine leidenschaftliche Köchin. Wie man Palatschinken macht, wusste ich schon als Fünfjähriger.«
   Der Gedanke, wie sich ein fünfjähriger Nick an Palatschinken versucht, gefiel ihr. »Du warst sicher ein süßes Kind«, sagte Heather und stellte sich einen blonden Jungen mit wundervollen Augen vor, der versuchte, Palatschinken mit einer Pfanne aufzufangen.
   »Ich war der Liebling aller Tanten. Meine Granny hätte Einritt verlangen können. Wo ist die Marmelade?«
   Heather nahm zwei Gläser aus dem Eiskasten, studierte das Etikett und reichte sie ihm dann. »Originalverschlossen und nicht abgelaufen«, sagte sie stolz.
   Er lächelte und begann die einzelnen Palatschinken mit Konfitüre zu bestreichen und dann zusammenzurollen.

»Palatschinken sind ein Traum«, sagte Heather, nachdem sie die vierte aufgegessen hatte und sich eine fünfte auf den Teller lud. »Ich könnte die essen, bis ich platze.«
   »Als Kind habe ich das mehr oder weniger getan. Ich habe so viele in mich hineingestopft, bis mir schlecht wurde. Meine Granny hat gelacht und gemeint, ich werde nie wieder welche essen wollen, aber da hat sie sich geirrt.«
   »Bist du bei deiner Großmutter aufgewachsen?«, erkundigte Heather sich.
   »Mehr oder weniger. Meine Eltern waren oder besser sind im diplomatischen Dienst.«
   »Du meinst, sie arbeiten an Botschaften?«
   »Ja. So haben sie sich auch kennengelernt. Meine Mutter war Attaché, als sie meinem Vater an der Botschaft in Paris begegnet ist. Er war damals schon Gesandter, und es war klar, dass er irgendwann als Botschafter arbeiten und die meiste Zeit im Ausland verbringen würde.«
   »Wieso haben sie dich nicht mitgenommen?«, fragte Heather und schenkte ihnen Wasser ein.
   »Meine Mutter wollte nicht, dass ich dauernd die Schule wechseln muss und aus der gewohnten Umgebung herausgerissen werde. Während des Schuljahres habe ich bei meinen Großeltern gelebt und die Ferien habe ich mit meinen Eltern verbracht.«
   »Ich bin auch bei meiner Granny aufgewachsen«, sagte Heather, »und ich liebe sie heiß. Sie ist der liebste Mensch auf der ganzen Welt.«
   »Erzähl«, forderte er sie auf.
   »Meine Mum ist bei meiner Geburt gestorben, ich habe sie nie kennengelernt.«
   »Das klingt sehr traurig.«
   »Ist es nicht, zumindest nicht für mich. Meine Granny hat mich aufgezogen. Zusammen mit meinem Grandpa, aber der ist gestorben, als ich noch zur Schule ging. Auch wenn das alles dramatisch klingt, hatte ich eine absolut glückliche Kindheit.«
   »Was ist mit deinem Vater?«
   »Nie kennengelernt. Meine Mutter hat nichts über ihn während der Schwangerschaft verraten. Ich bin ihr wohl passiert.«
   »Und jetzt gibt es niemanden mehr, den ihr fragen könntet.«
   »Genau. Wie kommt es eigentlich, dass deine Granny aus Österreich stammt?«, fragte sie, während sie sich nach unten beugte und das Holzplättchen wieder unter das Tischbein ihres ab sofortigen Lieblingsmöbels schob, damit es nicht wackelte.
   »Meine Granny war als Au-pair in London und hat sich hier in meinen Großvater verliebt. Ein echter Klassiker.«
   Zu gern hätte sie Nick nach seinem Privatleben gefragt, aber sie traute sich nicht so recht. Einerseits wollte sie ihn nicht ausquetschen, andererseits hatte sie Hemmungen. Es war schon seltsam, sie konnte mit ihm die intimsten Dinge tun, aber vor Fragen zu seinem Privatleben schreckte sie zurück.
   »Kaffee?«, bot sie ihm an, als sie das Essen beendet hatten.
   »Ich weiß etwas Besseres«, sagte er und streifte ihr den Bademantel von den Schultern. »Ich nehme an, du hast keine Einwände.«

»Danke für die Einladung zum Brunch«, sagte Ellie und griff nach der Speisekarte. »Wow, die Auswahl ist ja so groß, wie das Lokal bunt ist. Ist übrigens nett hier.«
   »Gern geschehen. Ich habe ehrlich gesagt ein schlechtes Gewissen, weil ich euch gestern einfach so versetzt habe«, gestand Heather. »Ich dachte, bei einem netten Brunch nehmt ihr meine Entschuldigung leichter an.«
   »Mach dir keinen Kopf«, entgegnete Chloe. »Wenn ich für etwas Verständnis habe, dann für ein heißes Date. Dafür habe ich auch schon so manche Mädelsrunde in den Wind geschossen.«
   »Wissen wir«, erwiderte Ellie mit leicht säuerlichen Unterton. »Die letzten drei davor.«
   »War es ein schöner Abend?«, erkundigte sich Gillian.
   »Genau, wie war es denn?« Ellie sah Heather neugierig an. »Habt ihr …?«
   »Ja, schieß los«, forderte Chloe sie auf. »Wir wollen alles wissen.«
   »Alles«, bekräftigte Ellie.
   »Es war …« Heather suchte nach dem passenden Adjektiv. »Umwerfend.«
   »Du strahlst ja immer noch wie ein Glühwürmchen«, bemerkte Chloe. »Dieser Nick muss der absolute Burner sein.«
   »Ich habe so etwas noch nie erlebt.« Heather merkte selbst, wie sie über das ganze Gesicht strahlte. »Er ist der unglaublichste Mann, den ich je getroffen habe. Sexy, zuvorkommend, intelligent … Ein guter Koch ist er übrigens auch.«
   »Er ist Koch?«, fragte Gillian.
   »Wen interessiert das«, sagte Chloe. »Wir möchten nicht wissen, wie gut er einen Kochlöffel schwingt, sondern wie er dich zum Schwingen gebracht hat. Jetzt erzähl schon.«
   »Also gut.« Heather beugte sich in Richtung Tischmitte, worauf sich alle zur Mitte lehnten. Wenn sie ehrlich war, brannte sie darauf, von Nick zu erzählen. Sie konnte ohnehin an nichts anderes denken. Heute Morgen hätte sie Tiger beinahe Cornflakes statt sein Trockenfutter in die Schüssel geleert, so sehr war sie mit ihren Gedanken der letzten Nacht nachgehangen. »Er ist der beste Liebhaber, den ihr euch vorstellen könnt. Er ist der Wahnsinn. Ich hatte sieben oder acht Höhepunkte.«
   Alle drei starrten sie an.
   »Sieben?«, wiederholte Ellie ungläubig.
   »Sieben oder acht«, korrigierte Chloe sie.
   »Ich kann es selbst kaum glauben. So was ist mir noch nie passiert.«
   »Vielleicht hättest du dir doch mehr Mühe geben sollen«, zog Ellie Chloe auf, die ihrem Gesichtsausdruck nach ziemlich beeindruckt war.
   »Sehr witzig.« Chloe wandte sich wieder an Heather. »Und wie? Ich meine so …« Sie deutete mit der Hand Geschlechtsverkehr an. »Oder eher so …« Jetzt krümmte sie ihre Finger und machte die »Komm her«-Bewegung.
   »Oder so.« Ellie machte mit Zeige- und Mittelfinger ein »V« und legte ihre Finger an den Mund.
   Heather grinste. »Hört ihr wohl auf damit! Ich möchte noch öfter hierherkommen.« Sie richtete sich auf. »Also das …« Sie machte ein »V« auf der Tischplatte, »hat er mehrmals gemacht. Das …« Sie ahmte so dezent wie möglich Chloes Geste für Geschlechtsverkehr nach. »… haben wir natürlich auch gemacht. Und Zweiteres war auch dabei.«
   »Und du bist wirklich sieben Mal gekommen?« Ellie konnte es noch immer nicht glauben.
   »Sieben oder acht Mal«, korrigierte Chloe sie wieder.
   »Ich weiß auch nicht, wie das möglich ist«, sagte Heather. »Es liegt an ihm. Er ist einfach … unglaublich. Er weiß genau, was sich gut anfühlt und was er tun muss, damit …« Sie sprach den Satz nicht zu Ende. »Er hat mich sogar ins Schlafzimmer getragen, als wir nach Hause gekommen sind.«
   »Das ist aber eine romantische und schöne Geste«, meinte Gillian. »Wann seht ihr euch denn wieder?«
   »Haben die Ladys gewählt?« Der Kellner stand plötzlich neben ihnen.
   »Drei Mal das …« Chloe machte ein »V«, zu Heathers Erleichterung nur in der Luft, und Ellie drückte rasch Chloes Hand hinunter. Heather und Gillian grinsten.
   »Entschuldigung, sie hat gestern zu viel Alkohol gehabt«, sagte Ellie zum Kellner und schob sich die Brille hoch.
   »Kein Problem. Also Mädels, womit darf ich euch verwöhnen?«
   Ellie steckte sich das letzte Stück Pancake in den Mund, während die anderen noch mit ihren nicht gerade klein geratenen Portionen beschäftigt waren.
   »Das Essen ist der Hammer«, sagte Chloe und schaufelte Black Pudding und Bohnen auf die Gabel. »Echt lecker.«
   »Ja, und die Portionen sind riesig.« Ellie legte ihre Serviette auf den Teller. »Ich glaube, ich platze.«
   »Mir gefällt das ganze Lokal. Ich mag, dass die Tische nicht so eng stehen, damit man nicht jedes Wort vom Nachbarn hört«, sagte Gillian. »Hier könnten wir öfter zum Brunchen herkommen.«
   »Und uns mit neuesten Highlights aus Heathers Schlafzimmer bespaßen lassen. Apropos Heathers Schlafzimmer, wann habt ihr denn vor, diese Mega-Nacht fortzusetzen?«, fragte Chloe.
   »Darüber haben wir nicht gesprochen«, antworte Heather wahrheitsgemäß.
   »Worüber habt ihr euch denn unterhalten?«, wollte Ellie wissen.
   Heather zuckte mit den Schultern. »Über alles Mögliche. Über seine Granny, zum Beispiel. Und ein wenig über seine Eltern.«
   »Klingt doch nett. Er wird dich sicher anrufen«, meinte Gillian. »Für ihn wird diese Nacht ja nicht minder schön gewesen sein.«
   »Also den Zettel mit Heathers Nummer hat er auf dem Tisch liegen gelassen. Chloe hat ihn an sich genommen, damit sich niemand dumme Scherze erlaubt«, sagte Ellie. »Du warst gerade auf der Toilette«, fügte sie noch in Richtung Gillian an.
   Ellie und Gillian sagten noch etwas, aber Heather hörte nicht richtig zu. Nick hatte ihre Nummer liegen gelassen? Sicher nur aus Versehen, weil er abgelenkt war. Das war die einzige vernünftige Erklärung. Der Abend war so wunderschön gewesen, dass sie sich nicht den Kopf darüber zerbrochen hatte, ob Nick sie anrufen, sie einander wiedersehen würden. Es war selbstverständlich für sie gewesen.
   »Dann rufst du ihn halt an«, schlug Gillian vor. »Spricht doch nichts dagegen.«
   Die Erkenntnis traf Heather wie ein Schlag. Sie legte das Besteck auf den Teller.
   »Alles in Ordnung, Heather?« Chloe sah sie besorgt an.
   »Ich kann ihn nicht anrufen«, sagte Heather leise. »Ich habe seine Nummer nicht.«
   Ellie stieß ein mitfühlendes »Oh« aus. Gillian legte ihre Hand auf Heathers Unterarm.
   »Hat er dir seinen Nachnamen genannt?«, Chloe klang ungewohnt ernst, »oder gesagt, wo er wohnt?«
   Heather schüttelte den Kopf. Sollte der gestrige Abend tatsächlich ein One-Night-Stand gewesen sein? Hatte Nick nie vorgehabt, sie wiederzusehen? Sie hatten sich doch ausgesprochen gut verstanden. Schon im Pub hatte sich abgezeichnet, dass sie auf derselben Wellenlänge schwammen. Gekocht hatte er auch für sie. Das alles passte nicht zusammen.
   »Tut mir leid, Süße«, sagte Ellie.
   »Ach komm, nächste Woche triffst du den nächsten heißen Typ. Er ist ja nicht der einzige Mann, der weiß, wie man eine Frau zum Höhepunkt bringt«. Chloe gab sich Mühe, überzeugend zu klingen. Heather lächelte schwach. Ihre Freundinnen waren so süß. Alle drei. Hoffentlich lagen sie mit ihrer Annahme falsch. Sie tat sich schwer damit, sich vorzustellen, dass Nick nur an einen One-Night-Stand interessiert gewesen sein sollte, nie vorgehabt hatte, sie je zu kontaktieren. Wenn sie sich nicht komplett täuschte, hatte er ihre Gesellschaft nicht weniger genossen als sie seine.
   Konnte es tatsächlich sein, dass die Nacht ihres Lebens für ihn nichts Besonderes war? Dass diese Art Sex, diese Intimität für ihn normal war? Dabei hatte sie noch angenommen, sein Verlangen, sein Hunger lägen an ihr. Jetzt war sie nicht nur enttäuscht, sie kam sich auch noch dumm und naiv vor. Sie hatte nur noch den Wunsch nach Hause zu gehen und Tiger an sich zu drücken.

Kapitel 2

»Sorry, hab’s nicht eher geschafft.« Heather ließ sich auf den Sessel fallen und meldete sich an ihrem Computer an. »Alles ruhig oder gibt es Probleme?«
   »Gegen sechs Uhr früh ist der Mailserver in die Knie gegangen, läuft aber jetzt wieder. Sonst alles ruhig. Siehst aus, als bräuchtest du einen Kaffee. Hier, nimm meinen, hab ihn eben geholt.« Craig reichte ihr seinen Becher über die Trennwand ihrer beider Schreibtische.
   »Danke, den kann ich brauchen.« Heather machte einen Schluck, bevor sie sich ihr Headset aufsetzte und ihr Telefon aktivierte. »Ready, der erste schlechte gelaunte User kann mich anrufen.«
   Während sie telefonierte, öffnete sie ihr Mailfile und überflog die Nachrichten. Da war es, die Mail mit dem Betreff Stellenausschreibung für Datenbankadministrator von der Personalabteilung, auf die sie schon seit Tagen gewartet hatte.
   Wir informieren Sie, dass die ausgeschriebene Stelle Datenbankadministrator mit James Conway besetzt wurde. Vielen Dank für Ihre Bewerbung, las sie und atmete frustriert aus. Schade, sie hatte so gehofft, dass sie dieses Mal mehr Glück haben würde. Schon seit einem Jahr versuchte sie, einen Job im nachgelagerten Support zu ergattern. Für die Stellenausschreibung in der Programmierung hatte sie sich damals nicht bewerben können, da die EDV-Hotline unterbesetzt gewesen war. Ihr Boss hatte niemanden entbehren können. Die ausgeschriebene Position »Windows-Serveradministrator« war der Kostenschere zum Opfer gefallen. Die Stelle wurde eingespart, der Job von den bestehenden Administratoren übernommen. Aber für die Datenbankadministration standen ihre Chancen gut. Ihr Boss hatte ihr grünes Licht für einen internen Wechsel gegeben, und ihr Gespräch mit dem Abteilungsleiter war auch positiv verlaufen. Zumindest war das ihr Gefühl gewesen, aber wie sie seit dem Wochenende wusste, konnte sie sich darauf nicht verlassen.
   Wer ist James Conway?, schrieb sie Craig, der gerade ein Telefonat führte, über das interne Message-Tool an.
   Kenn ich nicht, schrieb er zurück. Kaum hatte er aufgelegt, lehnte er sich über die Trennwand. »Wer soll das sein?«
   »Die Nachbesetzung für den Datenbankadministrator«, antwortete Heather. »Sieht aus, als hätten sie einen Externen genommen.«
   Das war seltsam, denn »London Credit« hatte sich seit Anfang letzten Jahres Kostenersparnis auf die Fahnen geschrieben. Ausgeschiedene Mitarbeiter wurden nicht nachbesetzt und neue nicht aufgenommen. Umso mehr wunderte es Heather, dass die Geschäftsführung einer externen Besetzung zugestimmt hatte.
   »Arme Heather, wie es aussieht, musst du es noch länger mit mir aushalten«, scherzte Craig und nahm das nächste Gespräch entgegen.
   Das war das kleinste Problem, Craig war echt in Ordnung, einen angenehmeren Kollegen konnte sie sich nicht vorstellen. Leider sah es wirklich so aus, als würde sie noch eine ganze Weile an der Hotline sitzen und Benutzern mit ihren EDV-Problemen helfen. Dabei war es nicht so, dass ihr der Job keinen Spaß machte. Vielmehr wollte sie sich auf ein Fachgebiet spezialisieren. An der Anwenderhotline konnte sie das nicht. Hier galt es, ein möglichst breites Spektrum abzudecken. Darüber hinaus war die Hotline nicht besonders gut bezahlt. Solange sie hier arbeitete, musste sie weiterhin ihren Nebenjob machen, ob es ihr gefiel oder nicht. Sie seufzte in sich hinein und nahm das nächste Telefonat entgegen. Wenigstens hatte sie einen Job und konnte ihre Miete bezahlen.
   An diesem Montagvormittag war die Hölle los. Es läutete nonstop. Heather war so beschäftigt, dass sie sogar das Trinken vergaß, von einer Kaffeepause ganz zu schweigen. Als Mr. Chandler, der IT-Leiter, das Großraumbüro der EDV-Hotline betrat, sah sie nur kurz auf, da sie gerade in ein schwieriges Telefonat verwickelt war. Der Anrufer schaffte es nicht, ein gültiges Kennwort zu vergeben, und sperrte sich permanent selbst. Seinen Frust über die neuen Kennwortregeln ließ er an Heather aus.
   Endlich hatte er es doch geschafft. Heather beendete erleichtert das Gespräch und schaltete ihr Telefon auf »Pause«. Das hatten auch etliche ihrer Kollegen gemacht, denn die halbe Besetzung war aufgestanden, um zu hören, was der IT-Leiter zu sagen hatte, während die andere Hälfte mit Anrufern beschäftigt war. Mr. Chandler hatte jemanden im Schlepptau. Wer es war, konnte Heather von ihrem Platz aus nicht sehen, da ihn eine Säule verdeckte. Heather führte den Kaffeebecher an den Mund, und verzog das Gesicht. Kalter Kaffee schmeckte wirklich ekelhaft.
   »… freut mich, Ihnen einen neuen Kollegen, Mr. James Conway vorzustellen. Er wird uns ab sofort als Datenbankadministrator im Bereich Unix unterstützen.«
   James Conway trat vor und sagte etwas, aber Heather hörte es gar nicht richtig. Sie war wie erstarrt. Neben Mr. Chandler stand Nick.

Erst Stunden später war Zeit für eine Kaffeepause. Wie jeden Nachmittag traf sie sich mit ein paar Kollegen zum Plausch in der Kaffeeküche. Diese Abwechslung hatte sie bitter nötig. Noch immer konnte sie nicht fassen, dass Nick ihr neuer Arbeitskollege war. Das wurde nur noch getoppt von der Tatsache, dass er ihr einen falschen Namen genannt hatte. Wodurch die Theorie bestätigt wurde, dass er nur auf einen One-Night-Stand aus gewesen war. Was war sie bloß für eine dumme Nuss!
   »… Wie hast du davon erfahren? Haben sie dir ihre Standardabsagemail geschickt?«
   »Bitte?« Heather hatte keine Ahnung, wovon Kevin sprach. Sie war mit ihren Gedanken bei Samstagnacht.
   »Aufwachen, Heather!«, sagte Mike.
   »Sorry, war abwesend. Worum geht es?«
   »Du hast dich doch auch für die Stelle beworben, die Conway bekommen hat. Wollte nur wissen, wann und wie du davon erfahren hast, dass du es nicht geworden bist.«
   »Standardmail von der Personalabteilung. Am Vormittag.«
   »Die haben sicher schon länger gewusst, dass der Job extern vergeben wird«, meinte Kevin.
   »Sicher«, sagte Mike. »Das sieht ihnen ähnlich, die Absage in letzter Minute zu schreiben.«
   »Ich finde die Vorgehensweise nicht in Ordnung«, meldete sich Bill zu Wort. »Erst schreiben sie die Stelle intern aus, laden ihre Mitarbeiter zu Gesprächen ein und machen ihnen Hoffnungen, und dann vergeben sie sie an einen externen, der weder von der Firmen- noch von unserer IT-Struktur Ahnung hat.«
   Das alles war Heather in den letzten Stunden auch durch den Kopf gegangen. Das und die Sache mit Nick.
   »Fair Play ist anders«, sagte Kevin, und alle stimmten ihm zu.
   »Habt ihr schon die Mail der IT-Security gelesen?«, fragte Bill in die Runde.
   »Wenn es von der IT-Security kommt, habe ich es automatisch in den Papierkorb verschoben.« Mike grinste.
   »Wir sind wieder einmal aufgefordert, unsere Bildschirme zu sperren, wenn wir den Arbeitsplatz verlassen«, sagte Bill.
   »In letzter Zeit verschicken sie öfters Mails dieser Art. Schon irgendwie seltsam.«
   »Angeblich, aber das wisst ihr nicht von mir«, sagte Kevin, »wurden Kreditkarten gehackt.«
   »Intern oder extern?«, fragte Mike.
   »Keine Ahnung, ist auch bloß ein Gerücht. Aber vielleicht glauben sie, der Hacker ist ein Mitarbeiter.«
   »Dann hätte ich mir den fetten Porsche doch nicht kaufen sollen«, scherzte Mike.
   Heather, die nur mit einem Ohr zugehört hatte, kam eine Idee. »Was ist eigentlich über diesen James Conway bekannt? Weiß man, wie und warum er den Job bekommen hat?«
   »Du und deine Gedankensprünge, Heather.« Mike nahm einen Schluck Kaffee. »Ich war mit ihm heute Mittagessen. Er gehört ja zu meiner Gruppe. Conway hat Informatik studiert und mehrere Jahre im Ausland gearbeitet. Er wurde direkt von London Credit abgeworben, wohnt in Fulham und verheiratet ist er, glaube ich, auch.«
   »Er ist was?« Nick war verheiratet? Ernsthaft?
   »Er wohnt im Fulham und ist verheiratet«, wiederholte Mike. »Was daran ist so ungewöhnlich?«
   »Nichts«, sagte Heather abgeklärt, »daran ist nichts ungewöhnlich. Es regt mich bloß so auf, dass sie mich übergangen haben.«
   Das war geschwindelt, aber mit der Wahrheit konnte sie nicht aufwarten. Nick hieß also James Conway und war verheiratet. Wenn sie nicht bald darüber mit Gillian sprechen konnte, explodierte sie.

Für siebzehn Uhr hatte sie sich mit Gillian zum Laufen verabredet. Treffpunkt war wie immer die Undergroundstation Hammersmith, von wo aus sie gemeinsam bis zum Südufer der Themse spazierten und dann Richtung Westen losliefen. Normalerweise freute sich Heather auf diese Joggingrunde. Nicht nur, weil sie mit ihrer besten Freundin gemeinsam Sport treiben konnte, sondern weil die Strecke ausgesprochen nett war. Häuser waren vor allem auf der anderen Seite des Flusses zu sehen. Dort, wo sie liefen, war es streckenweise wie am Land. Links wuchsen üppig Bäume und Sträucher, und rechts von ihnen floss die Themse. Heute jedoch hatte sie dafür kein offenes Auge. Sie kochte innerlich vor Wut auf Nick und auf sich selbst. Seit wann nur verfügte sie über eine so schlechte Menschenkenntnis?
   Auch Gillian konnte es kaum glauben. »Ist ein bisschen wie ein schlechter Film«, sagte sie. »Wie groß ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass der One-Night-Stand von Samstag der neue Arbeitskollege ist?«
   »Der neue verheiratete Arbeitskollege«, fügte Heather an, während sie dem kleinen Rowdy mit seinem Tretroller gerade noch ausweichen konnte.
   »Das hätte ich echt nie gedacht … Ach, Heather, lauf doch nicht so schnell, ich bekomme schon keine Luft mehr … Ich meine, ihr habt so vertraut gewirkt im Pub«, setzte sie fort, nachdem Heather das Tempo gedrosselt hatte. »Ich hätte nie gedacht, dass er verheiratet ist.«
   »Damit sind wir schon zwei.«
   »Was willst du denn jetzt machen?«, fragte Gillian, als sie unter der Barnes Bridge hindurchliefen. Ober ihnen ratterte ein Zug über die Gleise und machte dabei solchen Lärm, dass Heather ihre Freundin beinahe nicht verstanden hätte.
   »Keine Ahnung. Ihm aus dem Weg gehen.«
   »Hm …«
   »Was?« Heather merkte, dass sie etwas gereizt klang. Die gute Gillian konnte nun wirklich nichts dafür »Ich meinte, was bedeutet dein ‚Hm‘?«
   »Vielleicht sprichst du ihn darauf an. Vielleicht ist es aber auch keine gute Idee. Ich weiß nicht.«
   »Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Doch was sollte das schon bringen? Er hat mich angelogen, damit er sichergehen kann, mich nie wiederzusehen. Wenn ich ihn darauf anspreche, glaubt er womöglich, ich laufe ihm nach.« Das fehlte ihr noch, dass dieser Lügner annahm, sie wäre scharf auf ihn.
   »Möglicherweise weichst du ihm wirklich besser aus. Was tust du eigentlich, wenn ihr euch beim Mittagessen begegnet? Du gehst doch meistens mit Mike und seinen Kollegen essen.«
   Stimmt, das hatte sie noch nicht bedacht. Heute hatte sie das Mittagessen ausfallen lassen. Genau genommen hatte sie es vor lauter Arbeit vergessen. Aber was würde sie morgen tun und all die anderen Tage? »Ich habe absolut keine Ahnung«, sagte Heather. »Was würdest du tun?«
   »Mich unsichtbar machen.«
   Heather musste schmunzeln, obwohl ihr eigentlich nicht nach Schmunzeln war. »Die nächsten Tage und Wochen werden kein Zuckerschlecken sein in der Firma«, sagte sie, und Gillian nickte.
   Der Weg den Fluss entlang wurde zunehmend sumpfiger. Schlammspritzer verpassten Heathers türkisen Laufschuhen einen echten Camouflage-Look. Normalerweise hätte Heather sich daran gestört, aber heute war ihr alles egal.
   »Wollen wir nicht umdrehen?«, fragte Gillian ein wenig später und wurde langsamer. »Zurück müssen wir ja auch laufen.«
   Heather war einverstanden. Der Rückweg schien immer länger zu dauern.
   Sie liefen an ein paar Ruderern vorbei, die in ihren Booten trainierten. »Los, los, los«, brüllte ein Typ in einem Motorboot ins Megafon, was Gillian veranlasste, wieder an Tempo zuzulegen.
   »Sag, wollen wir uns nachher einen Smoothie bei Pret A Manger gönnen?«, schlug sie vor, als sich das Ende der Runde abzeichnete. »Den hast du dir heute wirklich verdient.«
   »Geht leider nicht, muss arbeiten.« Und darauf hatte Heather so gar keine Lust.

»Meine nasse Zunge, sie gleitet über deinen harten, festen Schaft. Mein Gott, ist er hart … Ganz langsam lecke ich hinauf, zu deiner Eichel. Spürst du, meine weichen Lippen, wie sie an deiner Eichel saugen? Meine Zungenspitze, die deine Eichel reizt … Mhm, das fühlt sich so gut an. Jetzt nehme ich ihn tief in den Mund, o ja, so ist es gut, nicht wahr? Ganz tief in meine warme, feuchte Kehle. Er ist fast zu groß für mich … Mein Mund will dich so sehr … Ja, das ist es, fick meinen Mund, gib’s mir. Ich spüre wie du mein Gesicht umfasst und mich hart fickst … ja, gib’s mir, genau so … Dein Saft, er rinnt meine Kehle hinab … Ich schlucke ihn … O ja …«
   Heather sah auf die Uhr. Noch ein Erotiktalk, dann hatte sie Feierabend. Dann würde sie sich ein Bad einlassen, vielleicht mit Orangenblüte oder Lavendel, und ganz viel Schaum, so viel, dass er fast aus der Wanne herausquoll.
   Tiger saß zu ihren Füßen und rieb sich an ihren Beinen. Dann stupste er gegen ihren Fuß, also wollte er sagen: Komm schon, kuschle mich, ich bin’s, Tiger.
   »Ja … das ist gut, meine Muschi steht drauf, wenn du so hart zustößt … ja, gib’s mir, stoß in meine warme, feuchte Spalte …«
   Tiger sprang auf ihren Schoß, und Heather fiel beinahe das Telefon aus der Hand.
   »O ja, bitte, mach’s mir, ich brauche deinen harten, geilen Schwanz, wie er mich von hinten fickt …«
   Mit seinem Köpfchen stieß Tiger sanft an ihr Kinn, dann ließ er sich zur Seite fallen und schmiegte sich wie ein Baby in Heathers linken Arm. Zum Glück war der Talk schon praktisch vorbei, denn Tigers Schnurren wurde immer lauter, dass Heather befürchtete, der Kunde könnte es hören. Endlich, geschafft. Sie hauchte ein »Bis zum nächsten Mal« ins Telefon und legte auf.
   »Ach Tiger, hätte ich den Job bekommen, könnte ich mir diese Talks bald ersparen.« Tiger schnurrte, als wollte er ihr zustimmen, und streckte alle viere von sich. »Bäuchlein kraulen? So vielleicht?« Heather kraulte sein weiches, flauschiges Bauchfell. Tiger sah aus, als würde er lächeln. Sein ganzer Körper vibrierte vom tiefen Schnurren. Als Heather den Kater absetzte, gab dieser einen Protestlaut von sich und folgte ihr ins Bad.
   »O nein, heute nicht. Heute bleibst du draußen.«
   Tiger setzte sich hin und blickte sie mit großen, runden Augen an. Heather konnte nicht anders, als ihn ins Bad zu lassen. »Na gut, aber nächstes Mal bleibst du draußen.«
   Tiger sprang auf den Wannenrand und beobachtete, wie das Wasser in die Wanne lief, als wäre es das Faszinierendste auf der Welt. Heather lächelte über ihren Kater. Wie hätte Tiger wohl Nick gefunden, wenn er Samstagnacht zu Hause und nicht auf Streifzug durch die Hinterhöfe gewesen wäre? Hätte er um Nicks Beine gestrichen, wie er es bei ihr tat? Erst mit seinem Kopf um die Knöchel, dann mit dem Körper und schließlich mit dem Schwanz, als wollte er einen umarmen? Oder hätte er Nick zu verstehen gegeben, dass er nichts davon hielt, einen zweiten Mann im Haus zu haben, und hätte ihm die kalte Schulter gezeigt?
   Schluss, sagte Heather sich, es gibt keinen Nick. Nick hieß James und war verheiratet. Während sie hier in der Wanne lag, war er längst zu Hause bei seiner Frau und tat weiß Gott was mit ihr. Schluss, aus, ab sofort keine Fantasien mehr um Nick. Ein für alle Mal.

Kapitel 3

»Heather?«
   Heather sperrte eben ihre Wohnungstür zu und fuhr herum. Es war Nick. Er stand tatsächlich vor der blitzblau lackierten Haustür ihrer Souterrain-Wohnung. »Was willst du?«, fragte sie und reckte ihr Kinn.
   »Ich muss mit dir sprechen.«
   »Dann bist du nicht verheiratet und heißt auch nicht James Conway?«
   »Lass uns drinnen reden.«
   Heather sah auf die Uhr. Sie war früh dran, weil sie noch in einen Coffeeshop gehen wollte. Café Latte und ein Blueberry-Muffin machten den Tag gleich besser.
   »Ich werde deine Zeit nicht lange in Anspruch nehmen«, sagte er.
   Sie nahm einen tiefen Atemzug. Dann drehte sie sich um und sperrte die Wohnungstür auf. »Also, sprich«, sagte sie, kaum dass sie die Wohnung betreten hatten, und stemmte die Hände in die Hüften. Nick machte einen Schritt auf sie zu. Sein feiner, maskuliner Duft stieg ihr in die Nase. Sofort fielen ihr seine Berührungen auf ihrer nackten Haut ein. Diese Berührungen, die sie fast in den Wahnsinn trieben.
   »Ich will dich, Heather. Mehr als du dir vorstellen kannst.«
   Heather war wie betäubt. Sie sehnte sich nach nichts mehr als seinen Lippen auf ihren, sie wollte fühlen, wie er jeden Zentimeter ihrer Haut küsste. Andererseits …
   Es gab kein andererseits.
   Nick zog sie in seine Arme, seine Lippen umschlossen ihre, seine Zunge drängte sich zwischen ihren Lippen und Zähnen hindurch. Das war kein sanfter, zärtlicher Kuss, er war fordernd, beinahe schon besitzergreifend.
   Seine Hände wanderten zielstrebig unter ihren Rock und schoben sich in ihren Slip. Sofort spannte sich ihr Körper an, atmete sie schneller. Sein Finger fuhr mit leichtem Druck ihre Öffnung entlang, arbeitete sich hinauf zu ihrer Perle. Ein vorsichtiges Massieren, ganz sanft und federleicht. Es genügte, durch Heathers Körper ging ein Zittern. Sie wollte ihn, sie wollte ihn so sehr.
   Widerstandslos ließ sich ihre Spalte teilen und seine Finger glitten in sie hinein. Ihre Küsse wurden immer leidenschaftlicher und intensiver, ihre Münder fielen regelrecht übereinander her.
   »Ich muss dich haben, Heather«, sagte er atemlos und drängte sie gegen die Wand des Flurs, »auf der Stelle.«
   Er knöpfte seine Jeans auf und sein Penis streckte sich ihr entgegen. Er schien vor Gier zu glühen. Ehe sie nach ihm greifen konnte, zog Nick ihr den Slip aus, nahm ihr rechtes Bein und schlang es um seine Hüften. Sein Gesicht war dicht vor ihrem, sie konnte seinen heißen Atem auf ihrer Wange spüren. Sie schloss ihre Augen und öffnete ihre Lippen, bereit seine Zunge wieder aufzunehmen.
   »Sieh mich an«, sagte er.
   Sie tat, was er verlangte, da drang er tief in sie ein.
   »Heather, dein Telefon!«
   Es war Craig. Rasch drückte Heather auf die Gesprächsannahme und meldete sich.
   Du meine Güte, dieser Tagtraum hatte sich so wirklich angefühlt und sie alles rings um sich vergessen lassen. Nach und nach war sie darin versunken, bis Realität und Traum ineinander verschmolzen und die Fantasie sie mit sich forttrug. Dabei wollte sie nicht mehr an diesen Lügner denken, sie hatte es sich ausdrücklich verboten. Das musste sie in den Griff bekommen, sie wusste nur noch nicht genau, wie.
   Da Heather wusste, dass Nick, oder James, oder wie immer er tatsächlich hieß, mit Mike und seinen Kollegen essen ging, erfand sie eine Ausrede, um nicht mitzukommen. Stattdessen verlegte sie ihre Mittagspause nach hinten und betrat als eine der letzten den großen, hellen Speisesaal. Auf ihrem Tablett befanden sich ein Glas Wasser, bunte Gemüse-Quiche und eine kleine Nachspeise in Form eines Zitronenkuchens. Sie suchte sich einen Tisch beim Fenster, um das Spiel des Windes in den Baumkronen beobachten zu können. Das war ein Vorteil des späten Essengehens, man konnte sich den Platz aussuchen, die meisten Tische waren frei. Appetit hatte sie eigentlich keinen, aber die Mittagspause ausfallen lassen, das wollte sie auch nicht.
   Lustlos stocherte sie in ihrem Gemüse, das sogar für eine Betriebsküche dezent gewürzt war. So allein zu speisen, ohne die unterhaltsame Gesellschaft ihrer Kollegen, freute sie nicht wirklich, aber es erschien ihr als das kleinere Übel.
   Warum musste sich Nick auch ausgerechnet London Credit als Arbeitgeber aussuchen? Es gab Hunderte, Tausende andere Firmen.
   »Darf ich?«
   Heather blickte von ihrem Teller auf. Einen Moment lang war sie wie erstarrt. Vor ihr stand Nick. »Hier gibt es genug freie Tische«, antwortete sie, als sie ihre Stimme wiedergefunden hatte.
   »Aber dieser hier hat die schönste Aussicht«, sagte er und nahm ihr gegenüber Platz. Heather verspürte den Drang aufzustehen, genau genommen, die Flucht zu ergreifen, entschied sich aber dagegen. Das war die Gelegenheit, diesem Lügner die Meinung zu sagen. »Was willst du von mir?«, fragte sie.
   »Ich denke, das ist nicht der richtige Ort, um das zu besprechen.« Er begann seelenruhig zu essen.
   Heather glaubte, falsch zu hören. War er tatsächlich dreist genug, um mit ihr zu flirten? Sie schloss kurz die Augen. »Wie kommst du auf die Idee, dass ich diesen Irrtum wiederhole?«
   »Welchen Irrtum?« Er machte ein paar Schlucke von seinem Mineralwasser.
   »Den Irrtum von Samstag«, sagte sie ärgerlich.
   »Wie kommst du darauf, dass ich das möchte?«
   Sie öffnete schon den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn jedoch gleich wieder. War das vorhin etwa keine Anspielung gewesen? Hatte sie sich das eingebildet?
   »Aber wo du es erwähnst …« Er sah ihr in die Augen. »Ich würde sehr gern unsere Beziehung fortsetzen.«
   »Wir haben keine Beziehung«, erklärte sie wütend. »Was daran liegt, dass du erstens verheiratet bist und mich zweitens angelogen hast. Was glaubst du eigentlich?«
   »Ich glaube gar nichts«, sagte er ruhig. »Ich möchte bloß Zeit mir dir verbringen.«
   »Warum? Um den Kitzel eines Seitensprungs zu erleben und dann zu deiner Frau nach Hause zu gehen?«
   »Weil ich dich mag«, sagte er kurz.
   Heather sank gegen die Rückenlehne. Sie fühlte sich wie ein Luftballon, den man angestochen hatte und dessen Luft entwichen war. »Was ist mit deiner Frau? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie damit einverstanden wäre. Oder ist sie Kummer gewohnt?«
   »Ich hatte den Eindruck, dass du unsere Nacht sehr genossen hast«, sagte er, ohne auf ihre Bemerkung einzugehen. »Was mich betrifft, für mich war dies eine der schönsten und intensivsten Nächte, die ich je erlebt habe. Ich denke, sogar die schönste.«
   »Ich …« Sie wusste nicht, was sie erwidern sollte. Die ganze Zeit hatte sie angenommen, dass ihr Abenteuer für ihn nichts Außergewöhnliches war. Und nun sagte er geradeheraus, dass er diese Nacht nicht weniger aufregend gefunden hatte als sie. Dass sie etwas Besonderes war. »Warum hast du einen falschen Namen benutzt?«, fragte sie. »Es ist demütigend, wenn man durch Zufall erfährt, dass man angelogen wurde.«
   »Das verstehe ich.« Er legte das Besteck zur Seite. »Ich würde gern, aber leider kann ich dir dafür keine Erklärung geben. Nicht zu diesem Zeitpunkt.«
   »Das ist schade«, sagte Heather und stand auf. »Das ist wirklich schade.«

Der Versuch, Nick aus dem Weg zu gehen, erwies sich als ein Ding der Unmöglichkeit. Er begleitete Mike häufig in die Kaffeeküche oder zum Mittagessen und Heather konnte sich aussuchen, ob sie ihre Pausen lieber allein verbringen wollte oder in Gesellschaft ihrer Kollegen. Also achtete sie darauf, dass sie weder den Platz neben ihm noch ihm gegenüber einnahm, was sie aber nicht davon abhielt, ihn verstohlen zu beobachten. Mehr als einmal ließ sie den Löffel gedankenverloren Runde um Runde in ihrer Kaffeetasse drehen, weil ihr Blick an Nicks grünblauen Augen oder an seinem Lächeln hängen geblieben war, oder sie den Klang seiner Stimme lauschte. Wenn er seinen Blick hob und sie ansah, fühlte sie sich ertappt und sah rasch weg. Wie ein unreifer Teenager, ärgerte sie sich über ihr Verhalten und nahm sich fest vor, beim nächsten Mal anders zu reagieren, erwachsen und selbstbewusst.
   Fehlte er bei einer Kaffeerunde, war sie ein wenig enttäuscht, fühlte sich aber gleichzeitig freier und unbefangener. Ohne Nicks Anwesenheit fiel es ihr leichter, sich entspannt mit ihren Kollegen zu unterhalten. Heather hoffte inständig, dass ihre Unsicherheit in Nicks Gegenwart niemandem auffiel.
   »Hast du ein Problem mit James?«, fragte Bill prompt, als sie an einem Vormittag ohne Nick in der Kaffeeküche zusammenstanden.
   »Mit wem?« Noch während sie fragte, wurde ihr klar, dass er Nick meinte. »Oh, nein, überhaupt nicht. Wie kommst du darauf?«
   »Wir vermissen den Klang deiner wohlklingenden Stimme, wenn er dabei ist«, sagte Mike, und es bestand kein Zweifel, dass er sie aufzog.
   »Bist du noch sauer, weil er den Job bekommen hat?«, wollte Bill wissen.
   »Nein, nicht auf ihn. Sauer bin ich auf die IT-Leitung.«
   »Verständlich.« Kevin hatte sich verspätet zu ihnen dazugesellt und den letzten Teil der Unterhaltung mitbekommen. »Als ich damals ungefragt ins Netzteam wechseln musste, habe ich zwei Tage lang aus Protest im Internet gesurft.«
   »Was ist der Unterschied zu jetzt?« Mike lachte, und Kevin stieß ihm kumpelhaft in die Seite. »Wenn ich in der Früh keine gültige IP-Adresse bekomme, weiß ich, dass Kevin entweder Zeitung liest oder im Internet nach Neuigkeiten von Alexis Texas sucht.«
   »Wer ist Alexis Texas?« Der Name sagte ihr nichts. Alle grinsten, und Heather kam sich dämlich vor. Das passierte ihr öfters in der Männerrunde.
   »Du bist so herrlich unschuldig.« Mike drückte ihr freundschaftlich die Schulter. »Google den Namen besser nicht im Büro, sonst landest du auf den gesperrten Seiten.«
   »Wieso Kevin nicht?«
   »Kevin ist mit jemandem vom Internetteam befreundet«, erklärte Bill. »Auf Kevins Rechner läuft alles, was verboten ist.«
   »Alles klar«, Heather sah auf die Uhr. Sie hatte die Pause schon längst überzogen »Ich muss dann. Bis später, Jungs.«

Security Awareness – Leitfaden für korrektes Verhalten am Arbeitsplatz, las Heather in der Vorschau und öffnete die Mail. Sehr geehrte Heather Jones, das neue Security Awareness-Programm soll Ihnen helfen, Office Security zu verstehen und mögliche Gefahren zu erkennen und zu vermeiden. Bitte führen Sie das Training anbei durch und beantworten anschließend die Fragen. Bei korrekter Beantwortung aller gestellten Aufgaben gilt dieses Trainingsmodul als positiv beendet und Sie erhalten demnächst das Folgemodul. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an den Securitykeeper …

Hast du auch ein Awareness-Programm mit Verhaltenstraining erhalten?, schrieb sie Craig an, da keine anderen Namen im Empfängerfeld aufschienen.
   Yep, schrieb Craig zurück, gerade eben.
   Wann sollen wir denn das machen?, schrieb sie. Während wir mit Usern telefonieren?
   Nach deiner Schicht. Craig beugte sich über ihre Trennwand. »Kann mir nicht vorstellen, dass wir uns dafür vom Telefon abmelden dürfen.«
   »Ganz toll.« Heather ließ sich in den Sessel zurückfallen. »Wie lange dauert dieses Training denn?«
   »Sag ich dir, wenn ich damit fertig bin. Ich werde es nach meiner Schicht gleich heute machen, dann habe ich es hinter mir. Schoki für die Nerven?« Craig zückte eine Tafel Schokolade, und Heather brach sich ein Stückchen davon ab.
   »Danke.« Sie steckte die Schokolade in den Mund und ließ sie langsam auf der Zunge zergehen. »Erst die Mail wegen des Sperrens der Bildschirme und nun auch noch diese Security Awareness. Irgendwie seltsam.«
   »Mach dir keinen Kopf. Bei meiner Schwester in der Bank ziehen sie das auch durch. Irgendein schlauer Mensch ist auf diese Idee gekommen, und nun machen es alle nach.«
   Heather nickte, obgleich sie die Harmlosigkeit beider Mails anzweifelte. Wenn sich eine Firma die Mühe machte, ein eigenes Security-Programm mit Videos und Testmodulen zu erstellen, steckte ihrer Meinung nach mehr als nur eine unternehmerische Modeerscheinung dahinter. London Credit hatte Sicherheitsbedenken, was ihre Mitarbeiter betraf.

Tiger saß auf der Steinmauer und schien bereits auf Heather zu warten. Er drückte sein Köpfchen in ihre Hand und startete sein Begrüßungsritual, indem er sich um ihre Beine schmiegte – erst mit dem Kopf, dann mit den Flanken und schließlich mit dem Schwanz. Dann folgte er ihr die Treppe hinunter in die Wohnung, um weitere Streicheleinheiten und sein Futter zu bekommen. Sobald Heather seiner Meinung nach ihren Job getan hatte, zog es ihn durch die Katzenklappe wieder nach draußen, um mit seinen Katzenkumpels abzuhängen.
   Heather war nicht unglücklich über Tigers Entscheidung, denn sie hatte bereits im Büro Pläne für den Abend geschmiedet. Sie öffnete die Flasche Rotwein, die sie am Heimweg gekauft hatte, nahm ein langstieliges, bauchiges Weinglas und schenkte sich großzügig ein. Ähnlich einem Blumenstrauß stieg ihr das fruchtig feine Bouquet nach und nach in die Nase. Der erste Schluck schmeckte noch etwas zu intensiv, aber schon der zweite lief wie flüssiger Samt ihre Kehle hinab. Heather griff erneut in ihre Einkaufstüte und nahm die Zartbitterschokolade heraus. Schon die glänzend schwarze Verpackung mit der goldenen Schrift verhieß vollkommenen Genuss. Behutsam öffnete sie die Packung und befreite das Innere von der dünnen Aluminiumfolie. Sofort stieg ihr der weiche kakao-vanillige Duft in die Nase. Die Oberfläche glänzte seidenmatt. Ein scharfes Knacken begleitete das Abbrechen. Heather steckte sich das Stückchen Schokolade in dem Mund und fuhr mit der Zunge über die leicht raue Kante der Bruchstelle. Cremiger Schmelz und herrliches, puristisches Schokoladenaroma breitete sich in ihrem Gaumen aus. Sie ließ den Schmelz völlig auf ihrer Zunge zergehen, ehe sie zum Merlot griff. Seine Fruchtigkeit verband sich mit der herben Süße, als wären sie füreinander geschaffen. Mit Wein und Schokolade ging sie ins Schlafzimmer. Sie zog die Jalousien hinunter, stellte Kerzen auf das Fensterbrett sowie auf das Nachtkästchen und legte James Morrison auf. Gerade so laut, dass die Musik angenehm untermalte, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.
   Mit dem Glas in der Hand stellte sie sich vor den Spiegel. Ihre Lippen waren schwach vom Wein gerötet, ihre sonst hellen Augen wirkten dunkel und leicht verhangen. Sie nahm einen Schluck, dann stellte sie das Glas ab und strich mit ihren Nägeln über die Brustwarzen. Sie reagierten sofort, stellten sich auf und drückten sich durch den Stoff ihrer Bluse. Das süße Gefühl der Erregung schoss durch ihren Körper und erfasste ihren Unterleib. Sie schlüpfte aus Bluse und BH und betrachtete sich im Spiegel. Ihre Brüste waren weder groß noch klein, sie waren rund und sahen fast identisch aus, bis auf die Vorhöfe. Der rechte war eine Spur größer als der linke. Die Nippel aber glichen einander wie eineiige Zwillinge, beide waren zart und hellrosa. Wie Nick es getan hatte, nahm sie einen zwischen Zeigefinger und Daumen und drückte leicht zu. Gänsehaut lief über ihren Rücken und ließ sie kurz erschaudern. Sie gönnte sich wieder Wein und Schokolade und entledigte sich der restlichen Kleidung. Langsam ließ sie ihre Hand von ihren Brüsten über ihren Bauch hinunter zu ihrem Venushügel wandern. Es war nur eine zarte Berührung, aber durch Heathers Körper fuhr ein aufgeregtes Prickeln, eine Art Vorfreude auf das, was noch kommen würde. Behutsam, beinahe vorsichtig, zog sie ihr Geschlecht auseinander und betrachtete sich. Wow, dachte sie, früher hätte ich das niemals getan. Früher hätte ich rasch die Finger ihre Arbeit tun lassen. Früher, bevor Nick in ihr Leben geschneit war. Ebenso behutsam ließ sie einen Zeigefinger entlang der Spalte hinaufgleiten, bis er den kleinen versteckten Punkt erreichte. Eine angenehme Wärme breitete sich in ihrem Becken aus und verlangte nach mehr. Sie legte sich auf das Bett und öffnete das Fläschchen Öl auf ihrem Nachtkästchen. Dann schob sie sich ein Kissen unter ihren Po, winkelte die Beine an und träufelte es auf ihre Vulva. Die kleinen, kühlen Tropfen lösten ein angenehmes Prickeln und Kribbeln aus. Spielerisch verteilte sie das Öl mit den Fingern und zeichnete Linien auf ihre Schamlippen. Beim Berühren ihrer empfindsamsten Stelle wurde ihr Körper von einem wohligen Zittern erfasst. Vorsichtig klopfte sie mit einer Fingerspitze auf ihre Perle, worauf ein wundervolles Gefühl durch ihren gesamten Unterleib strömte. Ihre Gedanken wanderten zu Nick. Sie dachte an seine Berührungen und wie sie sich angefühlt hatten. An seinen Mund, der ihre brennende Haut mit Küssen bedeckt und liebkost hatte. Sie konnte seine Hände auf ihrem Körper förmlich spüren, seine Zunge auf ihrem Kitzler. Mit kreisenden Bewegungen begann sie ihn zu massieren, erst sanft und mit wenig Druck, doch bald steigerte sie Geschwindigkeit und Intensität. Wieder sah sie Nick, wie er über sie gebeugt tief in sie eindrang. Sie gab dem schmerzhaften Verlangen nach und führte drei Finger in sich ein. Sie bewegte sie rhythmisch, während sie mit der anderen Hand weiter den kleinen Punkt massierte, der spürbar anschwoll. Die Erregung breitete sich aus wie Feuer, bis sie zu dem Punkt kam, wo sie sich nicht mehr zurückhalten konnte. In ihren Gedanken war Nick aufrecht über ihr und nahm sie hart und fest. Sie warf ihren Kopf zur Seite, bis das Zucken in ihrem Unterleib nachließ und sie sanft und federleicht zu Boden segelte. Bevor sich ihr Körper entspannte, streichelte sie wieder über ihre Klitoris, massierte und stimulierte sie, bis das Feuer erneut entfachte, die Flammen sich ausbreiteten und in einem bebenden Höhepunkt gipfelten. Noch immer hatte sie nicht genug, noch immer wollte sie mehr. Beinahe mechanisch bewegten ihre Finger sich weiter, bis sich ein erneuter Orgasmus ankündigte und sie schließlich schweißnass und atemlos liegen blieb.

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